Profil für M. Lehmann-Pape > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von M. Lehmann-Pape
Hilfreiche Bewertungen: 13321

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
M. Lehmann-Pape
(REAL NAME)   

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11-20
pixel
Missgeschicke der Evolution: Warum Sie diese Tiere trotzdem lieben sollten
Missgeschicke der Evolution: Warum Sie diese Tiere trotzdem lieben sollten
Preis: EUR 15,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Was es nicht alles gibt……, 18. November 2014
Von den liebevollen, bunten, handgezeichneten Illustrationen her wirkt dieses Buch eher wie ein Kinderbuch, eine Heranführung an das Tierreich in seiner besonderen Form. Ein Eindruck, der sich dabei aber schnell legt (wobei das Buch für ältere Kinder durchaus auch empfehlenswert ist).

In klarer, einfacher und verständlicher Sprache gibt Signorile einen breiten Einblick in ungewöhnliche Lebensformen, in den Aufbau und die Biologie sehr exotischer und, zumindest in Teilen, gnadenlos hässlicher Tiere.

Nicht nur „Vampyrotheuthis infernalis“ aus der „Dämmerzone“ der Ozeane (zwischen 500 und 1000 Meter Tiefe) ist hier ein Vertreter einer abschreckenden Physis par excellence.

Auch wenn der „Vampirtintenfischähnliche“ nun wirklich kein Blut saugt, dem Aussehen nach geht man ihm besser aus dem Weg. Ein Wesen im Übrigen, dessen evolutionäre Linie unklar ist (und wohl bleiben wird). Ein Wesen mit ganz besonderen Anpassungen, die es für ein Leben im Aquarium z.B. völlig ungeeignet sein lassen.

Neben solch sehr exotischen, in der Breite eher unbekannten Lebewesen wendet sich Signorile natürlich auch verbreiteten und dennoch nicht sonderlich beliebten oder ästhetisch schönen Gestalten aus dem Tierreich zu. Parasiten wie die Zecke finden so ihren Weg in das Buch. Interessant aber zu hören ist, dass Zecken nur drei „Mahlzeiten“ im Leben benötigen, von denen lediglich eine aus Säugetierblut bestehen muss.

Oder auch die „Beutelratte“, bei der Signorile unterhaltsam und dennoch sachlich fundiert darüber informiert, dass dieses Wesen keinerlei lebende Verwandte besitzt, sich dennoch bereits vor 130 bis 140 Millionen Jahren entwickelt hat.

„Die Evolution ist kein Festschmaus“ und macht es nötig, aber auch möglich, sich unter bestimmen Voraussetzungen an extreme Bedingungen im Lauf der Entwicklung anzupassen. Extreme Bedingungen, die andersartige, extreme Fähigkeiten benötigen.

Und so geht Signorile durch ihre Betrachtungsfelder hindurch und sorgt dabei in vielen Darlegungen und Beschreibungen für ein anregendes Erstaunen.

Wasser, Parasiten, Spinnen. Die „schönen und verdammten Säugetiere am Rande des Aussterbens“ bis hin zu ganz außergewöhnlichen evolutionären Anpassungen wie bei der „photosynthetischen Schnecke“ oder „Bärtieren“ (die Signorile „außerirdische Teddys“ nennt“ oder den „Grottenolm“, der eine erkennbare Ähnlichkeit mit „Gollum“ aus dem Herren der Ringe aufweist.

Mit besonderem Augenmerk, zum Ende des Buches hin, auf die „Giftmischer der Natur“, darunter gar ein „Giftvogel“.

Wobei Signorile es nicht versäumt, neben ihrer genauen Beschreibung des Wesens, der Evolution und der besonderen Lebensumstände, auch die (nicht nur ästhetische) Reaktion auf dieses Lebewesen mit in den Blick zu nehmen (der „Bambi-Effekt“, den diese Lebewesen weitgehend nicht auf sich vereinigen können). Eine Betrachtungsweise, welche dem Leser die allgemeine (und natürlich die eigene) Art der Wahrnehmung der Umwelt klar vor Augen führt und zur Reflexion einlädt, dass eben nicht immer nur das subjektiv Schöne eine wichtige Funktion in sich trägt, die es zu respektieren gilt.

„Die Kriterien (für Sympathie oder Antipathie bestimmen Lebewesen gegenüber) sind dabei eher irrational“.

Ein interessanter, exotischer und sachgerechter Einblick an die „Ränder der Evolution“ und dabei eine große Hilfe beim Begreifen oft nicht alltäglicher Lebensformen.


Die Lebenden und Toten von Winsford: Roman
Die Lebenden und Toten von Winsford: Roman
Preis: EUR 15,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Mit langsamer Sogkraft, 18. November 2014
"Ich habe generell nur eine vage Auffassung von Richtungen. Auch das hat sich so ergeben und wie alles in einem halben Jahr aussehen wird, ist eine Frage von fast schon lachhafter Unberechenbarkeit".

Langsam und bedächtig erzählt Hakan Nessser, mit einem detaillierten Blick für die Landschaft der Heide und die Menschen, auf die jene Frau in diesem einsam gelegenen Ort in der englischen Provinz trifft. die Frau, die sich "Maria Anderson" nennt, die in diesem Winsford noch einmal abseits vom Dorf ein Haus für den Winter gemietet hat.
Allein mit ihrem Hund.

Zeit lässt sich Nesser zu Beginn des Buches vor allem dafür, den Leser mit der Denkweise jener Maria bekannt zu machen, die in ihrer Heimat Schweden durchaus eine gewisse Prominenz genießt und langsam die verschiedenen anderen Personen einzuführen.

"Ihr seid Elite", drücken es Freunde aus. Der bekannte Mann, die bekannte Frau. Und doch bildet diese wohlsituierte Lebenssituation keinen sicheren Grund für das gemeinsame Leben.

Beide, nach über drei Jahrzehnten Ehe und zwei gemeinsamen Kindern (wobei für Maria die Kinder eher wie "Hotelgäste" wirkten, die das Haus nach einigen Jahren des Gaststatus einfach verlassen hatten, trotz all ihrer Bemühungen, innere Verbindungen zu festigen und zu halten), stehen vor einem Problem.
Das Martin, ihr Mann, verursacht hat. Auch wenn er seine Unschuld beteuert.

Nun, Maria, wie erwähnt, plant Richtungen zwar nicht wirklich, ist aber durchaus in der Lage, zu handeln. Und muss dann später sehen, wie sie mit den Ergebnissen dann zurecht kommt. So macht sie das. Eigentlich immer schon.

Wie aber kommt die Frau aus Schweden in die englische Provinz? Wo ist ihr Mann?

"... und dachte, dass die Ereignisse der letzten Monate endlich ihren definitiven Abschluss gefunden hatten. Genau genommen der letzten Jahre. Noch genauer: meines Lebens, wie es bisher ausgesehen hatte".

Doch so einfach löst sich das alles nicht, was als Problem im Raum stand und was sie auf ihre rigorose Art dachte, ganz spontan gelöst zu haben.

Denn nachdem dem Leser im ersten Teil des Buches Stück für Stück klar geworden ist, wie Maria an diesen Ort kam und warum es dieser Ort geworden war, ereignen sich mehr und mehr bedrängende Dinge. Seltsame Vorfälle. Spuren von Anwesenheiten vor ihrem abseits gelegenen Ferienhaus. Ihr Hund Castor verschwindet einfach. Und taucht wieder auf.

Ist es ihre jüngere Vergangenheit, die sie im Lodge einholt oder ist es einer oder eine der neuen Bekannten, der Bewohner des Dorfes, die ihr Böses wollen?

Ebenso bedächtig, wie Nesser seine Personen, die Landschaft, das Dorf, die Atmosphäre, die Vergangenheit im ersten Teil des Buches gründlich und greifbar vorgestellt hat, lässt er nun langsam die Ereignisse Fahrt aufnehmen. Manches Mal zu langsam, einige Längen bietet dieser Roman durchaus ins einer durchgehend sehr ruhigen Stimmung, trotz der sprachlichen Geschliffenheit, die Nesser zu eigen ist.

Dank der bildkräftigen Sprache und der in sich stimmigen Geschichte entsteht zum Ende hin allerdings ein stärker werdender Sog der Spannung über die ominösen Vorfälle und die Neugier auf das, was hinter all dem stecken könnte.

Dies vollzieht Nesser allerdings nicht in Thriller oder Kriminalform, sondern in einem Lebensgeschichte-Roman mit psychologischem Tiefgang und den vielfachen Verweisen auf die inneren Verbindungen, die unter den Personen und in jener "Maria" lange Zeit zunächst verdeckt entstehen.


Als alles begann: Roman
Als alles begann: Roman
von D. W. Wilson
  Broschiert
Preis: EUR 16,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kantiges Drama, 17. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Als alles begann: Roman (Broschiert)
Dramen altbiblischen Ausmaßes sind es, die D.W.Wilson mit seinen wortkargen, kantigen, teils von der Landschaft und dem Leben in Westkanada geformten Protagonisten Seite für Seite mit sprachlicher Wucht unerbittlich entfaltet.

Freundschaft und Verrat, Liebe und Hass, zueinander finden und Verlassen und Verlassen werden. In einer teils bleiernen, schweren Atmosphäre mit ebenso klar wie stark wirkenden Personen, die auf der anderen Seite verschwommene und hilflose Momente erleben, deren Stoltz gebrochen werden wird oder die an ihrem Stoltz verbittern werden.

In schicksalhaften Verbindungen und Verwicklungen, von denen der Leser nach einer Weile ahnt, dass sie nicht im Guten werden enden können. Verbindungen und Wendungen, die Wilson aus wechselnden Perspektiven und Zeiten heraus teils unvermittelt erzählt.

Es sind keine Helden, keine „Felsen des Lebens“, die Wilson dabei Schicht für Schicht entfaltet, es ist in Teilen gerade ein fast unerträgliches Maß an „Mittelmaß“, welches die Begegnung mit dem ein oder andren der Protagonisten für den Leser zu einem schmerzlichen Prozess gestaltet.

Mysterium, Rätsel, Sohn, Vater, Verlobter, Gatte, Liebender, Feigling, Anfang, Mitte und Ende, Beschreibungen, die nicht nur auf die Person im Hintergrund der Suche und Reise im Buch zutreffen, sondern deren Anteile in fast jeder der handelnden Personen zu finden sind.

„Elend zeugt Elend“ sagt Alan einmal lapidar am Rande. Und wie sich Elend im Elend fortsetzt und neues hervorbringt, das zeigt Wilson schonungslos im Ergehen seiner Charaktere auf.

Jener Alan, den seine Mutter schon verlassen hatte, als er noch gar nicht ganz da war. Dessen Vater wohl vom Hof gejagt wurde (oder doch freiwillige ging“ von „Gramps“, dem Großvater Alans, bei dem Alan aufgewachsen ist, der ihn geprägt hat wie sonst niemand.

Der gerade einen Herzinfarkt erlitten und knapp überstanden hat. Und der nun, nach 30 Jahren, seinen Sohn Jack treffen möchte, Alans Vater.

Und Alan macht sich auf den Weg. In seine Vergangenheit, sucht nach Spuren seines Vaters.

Erste Hinweise erhält er von Archer, der „Notfalladresse“ seines Großvaters, Freund aus früheren Tagen, Deserteur der amerikanischen Armee, der Ende der 60er Jahre mit seiner Tochter Zuflucht in Kanada suchte, dem Alans Vater Jack bei der ersten Begegnung anschoss.

Wunden, die natürlich von diesen harten Männern selber genäht werden, wobei dem Leser umgehend die trotzigen Gesichter mit dem gerade ausgespuckten Korken des harten Alkohols vor Augen entstehen.

Und so wir diese kleine Gruppe ihren schicksalsträchtigen Weg auf sich nehmen. Wortkarg, mit Dialogen, die kaum mehr als Satzfetzen oft sind, in denen dennoch Wilson ganz Welten von Bedeutungen hineinzulegen versteht.

Gramps und Nora und Jack, so etwas wie eine Familie, auch wenn Nora und Gramps nicht verheiratet sind. Archer, der so freundlich und klar wirkt und doch Abgründe in sich trägt. Abgründe, die seine Tochter Linnea nur allzu gut kennt. Linnea, die mit Jack in gut wirkender Weise zusammenkommen wird, bis „Crips“, ein anderer Amerikaner, am Ort auftaucht. Wobei in der düsteren, schweren Atmosphäre, die Wilson sehr dicht von Beginn an als Rahmen der Geschichte setzt schnell klar wird, dass Happy Ends für die ganz eigenen Personen kaum zu erwarten sein werden. Egal, welche Entscheidungen sie auch treffen.

„Ein Ding, einmal auf einem bestimmten Weg, bleibt auf diesem Weg, es sei denn, äußerliche Kräfte wirken darauf ein…. Menschen halten im Allgemeinen Kurs auf ihre Bestimmung“.

Wobei jene Menschen im Buch gleichzeitig Opfer und Täter sind, Dinge tun und versäumen, damit einerseits die äußeren Richtungen vermeintlich ändern und doch andererseits immer nur auf der Basis ihres inneren Kurses handeln.

Ein faszinierender Roman, in dem Wilson das Harte, Schwere und Formende auslotet im Blick auf Personen, die allesamt eher Gescheiterte an ihrem, denn strahlende Akteure ihres Lebens sind.


Immer noch New York
Immer noch New York
von Lily Brett
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Fortsetzungen aus dem persönlichen Leben inmitten New Yorks, 17. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Immer noch New York (Gebundene Ausgabe)
Nahtlos fast schließt sich "Immer noch New York" an "New York" an, den damals bunten und vielfachen Eindruck eines Lebens in New York.

Wobei Lily Brett, damals wie heute, ja nicht als Fremdenführerin agiert, sondern in ihrer sehr flüssigen und hervorragenden Sprache dem Leser das Leben in der Stadt aus den vielfachen Facetten ihrer persönlichen Erlebnisse, mitten aus ihrem Leben heraus, näherbringt.

In der Form eher in vielen, kleinen Kurzgeschichten und mit durchaus trockenem Humor erzählt Brett von den großen und kleinen "Alltäglichkeiten".

"In New York kochen die wenigsten Leute regelmäßig. Das liegt unter anderem daran, dass die Küchen in den Wohnungen hier sehr, sehr klein sind........Ich koche leidenschaftlich gern".

Und wie nun beides zusammengeht und welches Gewese man um einen kleinen Sack Kichererbsen machen kann (natürlich nicht "irgendwelche" Kichererbsen, da hat New York schon mehr zu bieten) und was aus zehn Pfund getrockneten Erbsen so alles an Masse werden kann (sehr zur Überraschung Bretts) ist eine der kleinen Portraits vom teils verrückten Alltag der Autorin.

Ebenso, wie sie einen Blick auf die Veränderung der Kaffeegewohnheiten der New Yorker durch die Ausbreitung australischer Cafés nicht auslässt oder den Leser mit auf die innere und äußere Reise nimmt, wenn Lily Brett plant, einen Strudel zu backen.

So reiht sich Geschichte an Geschichte, deren verbindender Kern zunächst einmal gar nicht unbedingt die Stadt selbst zu sein scheint oder das, was das Leben dort einzigartig gestaltet, sondern vor allem die Person der Autorin selbst nebst einiger Rückblicke in die Familiengeschichte.

Was genau ein nachts zusammenbrechendes Bücherregal mitsamt der den Absturz heil überlebenden Kostbarkeiten mit New York zu tun hat, erschließt sich in dieser Episode nun wirklich nicht, das Regal hätte an jedem Ort der Welt umfallen können.

Wohl aber fließen immer wieder, auch bei diesem Regal, kleine Hinweise auf innere Haltungen ein, die ein stückweit das Fatalistische des "New Yorkers" einerseits (Ich geriet nicht in Panik) und das leicht neurotisch-nervöse des Lebens dort andererseits (Panik behalte ich mir für geringfügige Anlässe vor) wie nebenbei mit einfangen.

So verbleibt im Gesamten eine Melange aus kleinen, persönlichen Anekdoten, mit leichter Hand sprachlich schön erzählt (aber im Kern der Aussagen oft wenig bedeutsam, außer man möchte mehr über den Alltag der Autorin erfahren), gepaart mit Einblicken tatsächlich aus dem Inneren des Erlebens in der Stadt, mit der besonderen Note einer Atmosphäre ("Ich mag es, Lebenszeichen von den Nachbarn zu hören. Ich finde es oft tröstlich) und den speziellen Besonderheiten an vielen Ecken der Stadt.

"Da wir hier in New York sind, gab es Cupcakes ohne Mehl, glutenfreie Cupcakes und milchfreie Cupcakes".

Was nicht unbedingt von tiefster Bedeutung ist, teilweise eher zusammenhanglos daherkommt, aber dennoch sich ganz flüssig im Buch liest als kleine Lektüre nebenbei.


Die neun Leben des Herrn F.: Autobiographie
Die neun Leben des Herrn F.: Autobiographie
von Herbert Feuerstein
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein abwechslungsreiches Leben., 17. November 2014
Das da einer als junger Mann der Liebe wegen und ohne feste Sicherheiten oder große Aussichten nach Amerika auswandert, sich in New York niederlässt, eine stundenlange Zugfahrt auf sich nimmt, um geliehenes Geld bei einem Freund wieder einzutreiben um selbst in New York nicht zu verhungern und dann bei der Rückkehr die Lebensgefährtin aber sehr hungrig wieder antrifft, das ist nur eines der prägnanten Erlebnisse dieses Lebens, das Herbert Feuerstein Revue passieren lässt.

Und man sollte als Leser nicht den Fehler der Journalistenschar zu bestimmten Zeiten begehen, Feuerstein selbst beständig auf seine Rolle als "Sidekick" bei "Schmidteinander" zur reduzieren.

Wie schon vorher zu ahnen gewesen wäre, diese Zeit nimmt nicht sonderlich viel, Raum im Buch ein (aber durchaus genügend, um die Entwicklung hin zum Fernsehen klar zu schildern), arbeitet nichts tiefschürfend auf (erweist aber durchaus Harald Schmidt Respekt als Person und für die Rolle, die er in Feuersteins Leben spielte).

Es gibt aber ansonsten genügend beeindruckende Stationen und Projekte Feuersteins in seiner Karriere, die er mit seinem bekannten und mit hohem Wiedererkennungsgrad versehenen depressiv-melancholischem Unterton versehen im Buch ausbreitet.

Das Jahrzehnt des vielfachen Erprobens in New York. Die Zeit aus Herausgeber und Verleger. Der große Erfolg von "MAD". Das immer mitlaufende Interesse an der klassischen Musik (das er im Übrigen mit Schmidt teilt und das immer wieder auch öffentlich verarbeitet wurde und wird). Die Rollenprojekte später dann "Solo" auf der Bühne und im Fernsehen mit seiner andersartigen "Reise. und Entdeckungs-Serie".

Einer, der seit seinem ersten Jahr in Deutschland 1970 bis zum Zeitpunkt der Verfassung des Buches 1.982.483 Euro versteuert hat (wie Feuerstein freimütig am Ende mitteilt).

Einer, der ebenso freimütig sein Leben als eine Verkettung von "Reaktionen auf Impulse" versteht und weniger als eine "geplante und aktiv gesteuerte" Aktion (was nicht ganz stimmt, Schmidt hatte er damals im Auto sehr gezielt und kreativ zu einer Zusammenarbeit bewegt).

"Ich ließ mein Leben vom Zufall gestalten, statt meine Neugier selbst zu steuern".

Über 2000 Auftritte in Theater und Fernsehen allein seit 1990 zeugen davon, dass seine Reaktionen auf Angebote zumindest nicht in die falsch Richtung führten.

In Sprache und Stil mit hohem Wiedererkennungswert gibt Herbert Feuerstein in seinem Buch einen umfangreichen Einblick in seine Leben, die äußeren Stationen, die innere "Grundverfassung" und die doch nicht seltenen Neuorientierungen, die er zu konkreten Zeitpunkten dann auch entschlossen umgesetzt hat.

Was natürlich vor allem für jene Leser von Interesse sein dürfte, die Feuersteins Karriere mit Interesse mit verfolgt und miterlebt haben.


Digitale Diktatur: Totalüberwachung Datenmissbrauch Cyberkrieg
Digitale Diktatur: Totalüberwachung Datenmissbrauch Cyberkrieg
von Thomas Ammann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unsichtbare Kräfte, die nach eigenen Gesetzen völlige Kontrolle anstreben, 17. November 2014
Es ist in der Regel nicht spürbar, wenn die eigenen, privaten Daten ungewollt auch bei anderen als den gemeinten Adressaten landen.

Emails, SMS, Fotografien, Passworte, sensible Daten des privaten Lebens wie Bankdaten oder andere Dokumente.

Doch in der digitalen Welt scheint erwiesenermaßen zu gelten, dass einerseits freiwillig und oft gerne über social media auch intimere Informationen der eigenen Person „geteilt werden“. Und das fast schon als „natürliches Lebensgefühl“, wie Aust und Ammann konstatieren, vor allem bei jungen Menschen.

Und andererseits da, wo dieser Wille nicht erkennbar ist, Daten (in Deutschland zumindest widerrechtlich) „abgegriffen“ werden. Mit dem Ziel eines allumfassenden Wissens über den Einzelnen und der daraus immer mehr möglich werdenden Kontrolle.

Ein „Abgreifen“ dass nicht von digital süchtigen Hackern oder offiziell kriminellen Banden täglich versucht wird, sondern das bei höchsten staatlichen Stellen und Firmen mit hoher Reputation zum Alltag gehören, zielgerichtet vorangetrieben werden. So, wie eben jeder einzelne Amerikaner wissen müsste, dass er „beobachtet“ wird.

Zu Wirtschaftszwecken wie bei den großen Internetkonzernen, zu Informationszwecken wie bei der Wirtschaftsspionage, zur „Sicherheit“ gegen Terroristen bei staatlichen Diensten und vieles mehr.

Daten ohne Ende, aus denen fähige Köpfe Analysen erstellen, Vorhersagen tätigen, vom Kaufverhalten der User bis hin zu deren „Gefahrenpotentiales“ beständig mithilfe ausgeklügelter Programme am sammeln, sortieren und einschätzen sind.

Das ist die Lage, die Aust und Ammann konstatieren und mit mannigfaltigen Argumenten und Beispielen unterlegen.

„Spätestens, seit zu Beginn des Jahres 2014 bekannt wurde, dass die NSA weltweit täglich Milliarden von Handydaten speichert und bis zu 200 Millionen SMS auffängt, ist klar, dass die Überwachung jeden einzelnen angeht“.
Durch einen sich vernetzenden, einander mit Informationen versorgenden industriell-technischen Apparat, der dem Leser bei näherem Hinsehen und tieferem Verständnis (zu dem dieses Buch dient), das Fürchten lehrt.

Auch wenn die Autoren differenziert die Vielfalt der „Misserfolge“ betrachten, all das, was eben trotz der immensen Datenmengen nicht vorhergesehen, nicht verhindert wurde, zum einen bleibt die Grauzone all dessen was unter Umständen aufgrund der vorliegenden Daten unterbunden wurde (und nicht bekannt wurde), vor allem aber bleibt das Wissen, das auch gerade auch private „Lebensäußerungen“ schon lange den Bereich des Privaten verlassen haben, so man sie digital nutzt.
Dazu reicht im Übrigen bereits die Nutzung einer Cloud, ein digitales Instrument, dass gegenwärtig „groß im Kommen“ ist und breitflächig von Usern benutzt wird. Aber wohl eben nicht nur von den konkreten Usern.

Die Konsequenzen aus der Analyse liegen für Aust und Ammann auf der Hand: Die Ausweitung der persönlichen Rechte des Einzelnen breit, fundiert und dringlich auf die „digitale Zone“.
So dass zumindest abgesichert Klagewege möglich werden und dem unbändigen Abgreifen von Informationen auf allen Ebenen eine erste „Warnung“ gegeben wird. Bis dato zumindest interessieren die persönlichen Rechte auf professioneller „Sammelebene“ eher wenig, wie die Ereignisse um die Abhörung auch der Bundeskanzlerin zeigen.

Ein fundiertes, ruhiges und sehr informatives Buch, in welchem Aust und Ammann die Motive, Hintergründe und die Handlungen des umfassenden Sammelns digitaler Daten und deren Gefahren eindrücklich darlegen.


Total beschränkt: Wie uns der Staat mit immer neuen Vorschriften das Denken abgewöhnt - Ein SPIEGEL-Buch
Total beschränkt: Wie uns der Staat mit immer neuen Vorschriften das Denken abgewöhnt - Ein SPIEGEL-Buch
von Alexander Neubacher
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wider den „mündigen Bürger“, 14. November 2014
Der „mündige Bürger“ ist offiziell und theoretisch zumindest jenes Wesen, welches die Politik immer wieder als Zentrum ihres Denkens und notwendige Entwicklungsstufe für den Erhalt der Demokratie beschwört und zu fördern behauptet.

Andererseits, nicht erst durch die Lektüre dieses Buches, aber durchaus bestätigt durch die Gedanken und Fakten, die Neubacherer präsentiert, scheint die faktische Realität eher einem strengen Elternhaus oder einem rigide geführten Internat zu entsprechen.

Von allen Seiten her nämlich erlebt der „mündige Bürger“ politische und gesetzliche Einschränkungen, bei denen das alte Schild „Betreten verboten“ fast als Ausbund einer liberalen Gesellschaft wirkt und bei denen weniger an „Leitplanken“ gedacht wird (als möglichst weite Rahmungen für ein gesellschaftliches Leben) sondern an Gitterstäbe, die den Bewegungsfreiraum des einzelnen doch spürbar beginnen, einzuschränken.

Dabei glaubt nicht nur der Nationalstaat, besser zu wissen, was gut für seine Bürger ist und was eben nicht, sondern auch das europäische Parlament und die dazugehörige Kommission regelt munter drauf los.

Aktuell in Fragen energiesparender Staubsauger, zuvor in Bezug auf Energiesparlampen, was je nur die Spitze eines riesigen Eisberges an Verordnungen und Rahmungen für das individuelle Leben darstellt.

Zwar gab es beim berühmt-berüchtigten „Veggie-Day“ der Grünen vor der letzten Bundestagswahl dann doch eine klare Positionierung des „mündigen Bürgers“ mit entsprechenden Prozentabzügen bei der Wahl für die Partei, andererseits ist ein solches „Veggie-Day-Denken“ nicht als Verirrung zu sehen, sondern im Kern Ausdruck des Denkens und Handelns „des Staates“, mithin der verantwortlichen Politiker und politischen Kräfte.

Vielfach sind dabei die Geschichten und Felder, auf die Neubacherer den Blick lenkt. Vom ausrangieren ausgestopfter Tiere an Schulen (Arsen-Gefahr) oder das „Sport-Buggy-Verbot“ in Berlin wegen „Stolpergefahr“, wie auch das Verbot von E-Zigaretten jener Sorte, die keine Form des Rauches entwickeln. Seitenweise finden sich dem rationalen Verstand kaum zugängliche Einschränkungen und Verordnungen im Buch, die vor allem eines aufweisen:

Das dahinter stehende Menschenbild geht von einer Unfähigkeit des „normalen Bürgers“ aus, sich in diesem Leben weitgehend in eigener Verantwortung und selbständig zurecht zu finden.

„Sicherheitsstaat“, „Enthaltsamkeitsstaat“, „Sittlichkeitsstaat“, „Kontrollstaat“, „sanfter Paternalismus“, das sind die großen Stichwörter, unter denen Neubacher seine Sicht auf die moderne Gesellschaft überzeugend mit Fakten unterlegt und Seite für Seite die Augen über ein vorher kaum geahntes Ausmaß des Versuches der Gängelung staatlicherseits öffnet.

„Im 18. Jahrhundert war es üblich, Kindern ein Gängelband anzulegen……. Im Jahr 19814 forderte….Immanuel Kant den Aufbruch des Menschen aus dessen selbstverschuldeter Unmündigkeit“.

Angesichts der Realität der Gegenwart, im Rückblick auf die Aufbruch Stimmung aus der Enge der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts heraus kann man Neubacher weitgehend nur zustimmen, wenn er konstatiert:

„Das Pendel schlägt jetzt, 230 Jahre später, zurück“.

Wobei Neubacher den Leser in bester Weise weder nur mit der (übrigens auch unterhaltsam zu lesenden) Analyse zurücklässt, noch am Ende den Fehler begeht, ein „Alternativprogramm“ nun dem Leser seinerseits als der Weisheit letzter Schluss aufzudrängen. Sehr konstruktiv und zur eigenen Reflexion stark anregend liest sich, was Neubacher unter dem „guten Staat“ versteht, wie „weniger Beschränkungen“ auch „weniger Beschränkte“ hervorbringen werden und wie das „Ich“ wieder in die freie und verantwortliche Entscheidung über die meisten Dinge des individuellen Lebens einzutreten hat. Und sei es um den Preis, sich „beim Staat“ durch Widerstand unbeliebt zu machen.

Eine sehr empfehlenswerte, teils aufrüttelnde Lektüre, die in der Analyse vielfaches Kopfschütteln über surreale Verbote mit sich bringt und im Ausblick deutliche Motivation zur eigenen Freiheit der Entscheidung hinterlässt.


Mona: Thriller
Mona: Thriller
von Dan T. Sehlberg
  Taschenbuch
Preis: EUR 16,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Verschmelzung von virtueller und realer Welt, 14. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Mona: Thriller (Taschenbuch)
Das konnte Professor Söderquist nicht ahnen.

Das just an dem Tag, an dem er selbst, sein Finanzier und seine Frau die neue Schnittstelle zwischen Computer und Gehirn am eigenen Leib erproben, eine islamische Terroristengruppe einen genialen, hoch effektiven und so gut wie unzerstörbaren Virus in das Netzwerk einer israelischen Bank einschleusen.

Als Söderquists Frau direkt durch ihr Gehirn gesteuert im Internet surft und dabei auch die Seiten ihres Arbeitgebers, eben jener Bank, aufruft, infiziert sie sich mit "Mona", dem Virus.

Benannt nach der Tochter des Programmierers.
Das geliebte Kind, dass beim Spielen im Libanon eine als Spielzeug getarnte Streubombe mit nach Hause brachte. Was den Tod der Anwesenden, auch ihrer Mutter, endete.

Samir, der IT Experte und Programmierer, der Witwer und verwaiste Vater kennt nur noch eins: Rache. Und eine Terrorgruppe bietet ihm die Chance und das Geld für seine Rache.

Während das Virus beginnt, die Bank, die Finanzwelt, das öffentliche Leben stetig und unaufhaltsam zu befallen, macht sich Söderquist auf die Suche nach dem Programmierer. In der Hoffnung, dort auch den Anti-Virus zu finden.

Und steht dabei nicht allein.
Der israelische Geheimdienst und das FBI sind ebenso intensiv auf der Suche.
Wer genau dabei nun Freund und Feind ist, wer Verräter oder Idealist, all das verwischt zunächst zunehmend (bis es sich später klärt)
Eigeninteressen werden über die gemeinschaftliche Bedrohung gestellt und Söderquist findet sich letztendlich alleine Auge in Auge dem vermeintlichen Feind gegenüber.

Doch die Dinge sind nicht so, wie man meint. Weder auf der einen, noch auf der anderen Seite. Sei es der Verräter in der Nähe des israelischen Premierministers, sei es der Hintergrund des Todes der Familie Samirs, sei es Samir selbst.

Insgesamt ein interessantes Thema, welches Sehlberg durchaus überzeugend und fachkundig in dieses Debüt einarbeitet.

Ein wenig stört dabei gerade zu Beginn, dass er seine Hauptfigur zu stark als massiv "klammersüchtigen" Ehemann (auf fast basalem Niveau) anlegt, die Krise in der Ehe des Professors zwar betont, andererseits aber kaum ausführt, sondern im Gegenteil Hanna und ihn bei fast jeder sich bietenden Gelegenheit übereinander herfallen lässt.

Später allerdings bietet Söderquist ein doch interessantes und differenziertes Bild eines "Anti-Helden", der gerade ob seiner eher schwachen Art mehr in die Dinge hineinrutscht, als diese kontrolliert. Der ob seiner Hartnäckigkeit aber nicht bereit ist, aufzustecken.

Dies, gepaart mit dem interessanten und offen gehaltenen Ende (während die konkrete Suche Söderquists und der beteiligten Dienste einigermaßen erfolgreich verläuft) und dem stetigen Tempo des Thrillers sorgen für gute Unterhaltung, Auch wenn das ein oder andere Detail nicht ganz so realistisch wirkt (ein Reporter hebelt das FBI und die schwedische Regierung aus, der Rest der Welt scheint nicht mit Hochdruck am Problem des Virus zu arbeiten u.a.).

Insgesamt ein gelungenes Debüt, das auf eine Fortsetzung gespannt sein lässt.


Vom Aufstieg und anderen Niederlagen: Gespräche mit Zeitgenossen
Vom Aufstieg und anderen Niederlagen: Gespräche mit Zeitgenossen
von Giovanni di Lorenzo
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,99

9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Interessante, intensive Gespräche aus Jahrzehnten der Interviews, 14. November 2014
Nicht nur führt di Lorenzo seine Gespräche im Kontext seiner Talkshow "Drei nach Neun".
Auch wenn sich dort Menschen "die Klinke in die Hand" gaben und geben, die etwas Besonderes erlebt, mitzuteilen, geleistet haben oder in den Augen der Öffentlichkeit einfach von aktuell hohem Interesse sind.

Noch intensiver (allein durch das Format vorgeben) entfalten sich di Lorenzos Interviews im Print Bereich oder im direkten, medialen Kontakt mit nur einer Person (statt einer ganzen Runde, wie in der Talk-Show).

Eine Intensität, die sich in den hier aus drei Jahrzehnten gesammelten ausführlichen Interviews spürbar entfaltet.

Neben den "Aufstiegen" seiner Gesprächspartner, welche di Lorenzo durchaus "mit ins Gespräch nimmt", besitzt der Journalist nämlich durchaus die Gabe, immer wieder ein stückweit vom Kern der Persönlichkeit des Gegenübers aufblitzen zu lassen, heraus zu fragen. Und den Kern einer Person sieht man sicherlich am deutlichsten in den Krisen des Lebens. Den Niederlagen. Dem Umgang mit Fehltritten oder Schlägen des Schicksals.

Wie bei Monica Lierhaus, jener jungen, attraktiven "Senkrechtstarterin" des Fernsehens, die durch eine Krankheit auf eine fast basale Ebene zurückgeworfen wurde und sich Schritt für Schritt ihr gesamtes Leben und ihre biologischen Funktionen wieder erarbeiten musste. Zum Teil im Übrigen nicht ohne Kritik seitens des Publikums und manch Verantwortlicher in den Sendern.

Einer der intensivsten Gesprächsmomente im Übrigen im Buch, wenn Lierhaus erzählt, wie es ist, wenn man mit aller Kraft wieder auf die Beine gekommen ist und dann noch öffentliche Kritik plötzlich zu ertragen hat. Etwas, was sie vorher nicht kannte und nun doppelt trifft.

Daneben der händeringende Theodor von Guttenberg, souverän in seiner äußeren Maske. Ein Interview, das hohe Wellen schlug auch für di Lorenzo selbst und das er im Buch nicht unterschlägt. Ein Interview , in dessen Verlauf fast schmerhaft Satz für Satz deutlicher wird, wie hier einer seine gesuchte und gewollte gesellschaftliche Rehabilitation verspielt.

Aber auch Boris Becker aus dem Jahre 2002 hat sein Image bereits durch eine Reihe privater Affären angekratzt, das Interview selbst fand mitten in der laufenden Steueraffäre des ehemaligen Tennisspielers statt. Sicher ein eloquenter, gut vorbereiteter Gesprächspartner, der bestmöglich sein "Image" zu vertreten verstand und versteht. Und doch blitzt hier und da das Innere mit auf. Eher indirekt, aber erkennbar:

"Diese unmenschliche Erwartungshaltung kann niemand erfüllen". Und demgegenüber die Betonung Beckers der Vorteile des Alterns (und damit Herauswachsens).
"Man ist häufiger so, wie man wirklich ist, man nimmt weniger Rücksicht".
Und sei es um den Preis in späteren Jahren, als Karikatur seiner selbst wahrgenommen zu werden.

Klare Interviews, klare Fragen, nicht bedrängend und doch dem Kern des anderen hinter her spürend, di Lorenzo gibt mit seiner Art und seiner professionellen Vorbereitung und Durchführung von Gesprächen und Interviews auch in diesem Buch immer wieder die Chance, hinter die vorgefertigten Aussagen des anderen und seiner geplanten Selbstdarstellung zu blicken. Von (echt, aber nicht peinlich wirkenden Tränen beim aktuellen Bundespräsidenten bis hin zur nur vermeintlich glatten Fassade eines Theodor zu Guttenberg).

Von der Künstlerin über den Schauspieler zum Verleger bis hin zur "verwundbaren Radikalen" Petra Kelly, deren Dünnhäutigkeit erlebbar wird ist es eine Freude, den Gesprächen im Buch als "Nachgang" zu folgen.

Mit professioneller Distanz, ohne in Form eines "sich Aufdrängens" oder in Form eines "Draufschlagens" zu nahe zu rücken gelingt di Lorenzo in diesem Blick über drei Jahrzehnte von Interviews eine spürbare Authentizität auf je beiden Seiten der Gespräche.

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.


Leben und Tod eines Dandys: Die Konstruktion eines Mythos
Leben und Tod eines Dandys: Die Konstruktion eines Mythos
von Michel Onfray
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,80

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Biographische Bewertung eines „Standes“, 14. November 2014
„Der Dandy bewegte sich an zwei entgegengesetzten Polen zugleich: zum einen kämpfte er einen brutalen…..Krieg….. Zum anderen zeigte er großes Talent für alles Zerbrechliche, Sanfte…“ (soweit es ihn interessiert für seine eigenen Zwecke).

So formuliert es Onfray auf der Grundlage eines Buches von von Clauswitz, „Vom Kriege“, in dem von Clausewitz den „Dandy“ im Krieg näher beleuchtet als einen Einzelkämpfer, der nur für sich alleine kämpft mit seinen Interessen als einzigen Kriegsgründen.

Auch wenn hier nur die Facette des „Dandy im Krieg“ angeführt wird, eine grundsätzliche Wertung findet sich natürlich in dieser Kennzeichnung als reiner und kühler „Egoist“.

Eigenschaften, welche die Figur, der Onfray in diesem schmalen Werk nachgeht, durchaus extrem in sich vereinigt. Rein auf sich bezogen, so erschien George Bryan Brummel, Urgestalt, Inbegriff und „erster Dandy“ überhaupt seiner Umwelt.

Ein Snob, arrogant, überheblich, verletzend, kein anderes Urteil über Geschmack und Leben akzeptierend als sein eigenes und dies mit seinem gesamten Lebensstil ausdrückend.
Sich selbst zu „vergötzen“, dazu gehört auch der entsprechende „Putz“, die ausgewählte Kleidung. Gerade aber ausgesuchte Manieren eben nicht, denn diese wären ja als Kompromiss, als Anbiederung zu verstehen.

In diesen „Manieren“ allerdings unterscheidet sich Brummel doch wesentlich von seinen „Nachfolgern“. Individualität statt Egoismus, beste Manieren in Stil, Kleidung und ästhetischem Geschmack statt Rohheit des Volkes, so stellt sich der Dandy in späteren Zeiten den Augen der Öffentlichkeit dar.

Onfray wählt nun diese spannungsreiche Person Brummel (dessen Leben auch späterhin in Extremen verlief), um sich einigermaßen grundsätzlich der Struktur der nihilistischen Persönlichkeit zu nähern und selbstverständlich, auch wenn Onfray das kaum direkt anspricht oder ausspricht, hält der damit der Gegenwart einen Spiegel seiner Bewertung vor.

Eine, folgt man dem Buch, überaus negative Bewertung, denn kaum ein positives Element lässt Onfray an Brummel und damit auch keines an der nachfolgenden „Bewegung“.

Ein schöngeredeter Mythos einer innerlich hässlichen Person, das bleibt, folgt man Onfray in seiner Offenlegung des Inneren dieses ersten Dandys.
Dem auch der Untergang Brummels fast logisch sich anschließt, den Onfray breit schildert. Schein und Sein versucht er somit, gegenüber zu stellen und die „wahre Natur“ des „Angebers“ zeigt sich letztlich in seinem schmählichen Scheitern im und am Leben.

All dies basiert auf dem ersten (deutlich positiverem) Portrait Brummels von Jules Barbey, dem Onfray im weiteren Verlauf des Buches ebenfalls „Dandy- Allüren“ und mangeldne Distanz zu Brummel attestiert und entsprechend zu einer ähnlichen Bewertung des Autors gelangt, wie er sie für Brummel selbst vornimmt.

So liest der Leser einen „Verriss“ des Dandytums an sich auf der einen Seite, aber auch, zum Ende des Buches hin, fast versöhnliche Anklänge an ein, könnte man sagen, „recht verstandenes Dandytum“ im Sinne Onfrays. Das bei Brummel und den direkten Nachfolgern nun nicht zu erleben war, das aber in den behaupteten Kernidealen doch Möglichkeiten in sich bergen könnte. Könnte man zumindest in Nebensätzen herauslesen.

Alles in allem eine sehr parteiische Darstellung Brummels, die wie ein „Verriss eines Lebens“ daherkommt, eine darüber hinausgehende Absage an den Nihilismus und die Egozentrik der „Dandy-Bewegung“, ein Spiegel des gegenwärtigen „ständigen Drehens um sich selbst“, aber auch mit kleinen Verweisen auf Haltungen eines „Dandys“ versehen, die konstruktive Möglichkeiten bieten könnten.

Das alle sin sehr lebendiger, klarer, direkter Sprache, mit Hybris geschrieben, trotz des knappen Raumes im Buch hier und da auch langatmig, dennoch aber durchaus informativ. Was das Dandytum an sich angeht, was daran in die Gegenwart wirkt und was, vielleicht, eine konstruktive Kraft sein könnte.


Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11-20