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M. Lehmann-Pape
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Erster Weltkrieg: Kulturwissenschaftliches Handbuch
Erster Weltkrieg: Kulturwissenschaftliches Handbuch
von Niels Werber
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 69,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fundierte Betrachtungen aus kulturwissenschaftlicher Perspektive, 5. Mai 2014
Der erste Weltkrieg war nicht nur eine sich langsam anbahnende Katastrophe, sondern auch ein Ausdruck der Sicht der Zeit, der Atmosphäre der Menschen, der Perspektiven auf das „große Ganze“ Europas.

Nicht nur eine Verschiebung der Machtstrukturen in seinem Ergebnis, sondern auch ein nationales Trauma in Deutschland, ein Wissen „danach“ um die unbarmherzige, moderne „Maschinen-Kriegsführung“, ein Vertrauensverlust und ein Abbruch von Traditionen, sondern in all dem auch eine Änderung der Kultur, der Auflösung bis dato festgefügter Regeln und Grenzen. Die aber nicht „vom Himmel fielen“, sondern in der Entwicklung in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg in Teilen zu verorten sind.

Mithin sind die kulturwissenschaftlichen Bedeutungen der Entwicklung zum ersten Weltkrieg hin, die Änderungen innerer Perspektiven und Gewissheiten in seinem Verlauf und die sich ganz anders (und schwelend) darstellende Welt danach mannigfaltig und mit vielen kulturellen Fäden versehen.

Als „zentrales Ereignis für den Erfahrungszusammenhang der deutschen Gesellschaft“ ist der Erste Weltkrieg daher ohne Frage ein wichtiges und wesentliches Untersuchungsobjekt der Kulturwissenschaften. Dem dieses Buch in großer Breite, sehr fundiert, in nachvollziehbarer Struktur und notwendiger Tiefe nachkommt.

Bis dahin, den ersten Weltkrieg auch als kollektive Katharsis zu betrachten und in seiner Bedeutung für die Literatur auszuwerten. Gerade in dieser Hinsicht waren die Jahre zuvor europäisch vom Gedanken der Einigung getragen (Zweig, Rolland) und erlebten nun einen massiven kulturellen Abbruch und damit eine starke Veränderung der literarischen Inhalte.

Auch, dass „nach dem Krieg vor dem Krieg“ bedeutete und dies zunächst und vor allem in Form eines „Ideenkrieges“ (nicht nur in Deutschland) sichtbar wurde, wird in diesem Handbuch thematisiert und unter der passenden Überschrift „Sinnstiftungen des Sinnlosen“ differenziert betrachtet.

Ein kulturell „unruhiges Zeitalter“, das im Krieg einmündete, das konkrete Medienformen erst durch das „Umfeld des Krieges“ entwickelte und stark entfaltete und geistesgeschichtliche Spuren durch das gesamte Jahrhundert hindurch hinterließ, all diese, teils auch kleinteilig verfolgte, Themen finden sich ausführlich in den einzelnen Teilen des Buches wieder.

So finden die verschiedenen Autoren klare und nachvollziehbare Antworten auf die spezielle Fragestellung dieses Handbuches, dem“ Ersten Weltkrieg im Blick auf den „kulturellen Ermöglichungszusammenhang““ nachzugehen.

Wie stellten sich die kommunikativen und symbolisch-kulturellen Rahmungen im Vorfeld und durch den Krieg hindurch dar? Welche Entwicklungen sind in dieser Hinsicht abzulesen? Welche Resonanz hallt in diesem Krieg nach von sozialen, ökonomischen und technologischen Entwicklungen zu Anfang des 20. Jahrhunderts und welche Resonanzen sind durch den Ersten Weltkrieg in seiner Folge stark geprägt worden? Neben den offenkundigen Veränderungen in den Systemen, Revolutionen und Reparationen?

So steht am Ende der vielen Perspektiven dieses Handbuches und der Vielfalt der Betrachtungen in den Hauptteilen „Das unruhige Zeitalter“, „Der Krieg“ und „Nachkrieg“ ein hoher Informationsgewinn für den Leser in Bezug auf die Bedeutung des Ersten Weltkrieges (in Kulturwissenschaft und Kulturtheorie im Buch untersuchte) für die kulturelle Dynamik in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts im Raum, der die (teilweise auch anstrengende) Lektüre eindeutig lohnt.

Ein Ereignis, dass in seiner fast unmittelbar danach folgenden Deutung erstmalig in der Kulturgeschichte mit einem Begriff (Ur-Katastrophe) versehen wurde, welcher bis dato nur für Zerstörungsgewalten von Naturkatastrophen genutzt wurde. Wie also eine unvermeidliche, dem Zugriff des Menschen entzogene Katastrophe zog dieser Krieg seine Bahn, legte „den Samen“ für den zweiten Weltkrieg und hat nachhaltig das poltische und kulturelle Weltbild der Moderne verändert und geprägt. Was in diesem Handbuch vielfach mitklingt und je nach eigenen Schwerpunkten des Interesses hin nachzulesen ist.

Das Handbuch stellt einen wichtigen, in dieser kulturwissenschaftlich konzentrierten Form wichtige Sichtweisen und Untersuchungen vor, derer es Bedarf, um die Bedeutung des ersten Weltkriegs umfassend (neben den vielen historischen Einlassungen an anderen Orten) zu verstehen.


Um uns die Toten: Meine Begegnungen mit dem Sterben
Um uns die Toten: Meine Begegnungen mit dem Sterben
von Bartholomäus Grill
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Begegnungen mit Sterben und Tod, 5. Mai 2014
Der Tod, das Sterben, rücken in den letzten Jahren mehr und mehr wieder in den Blick, in das Bewusstsein. Nachdem über Jahrzehnte hinweg dieses Geschehen immer mehr „am Rand“ angelangt war. In einer Gesellschaft, die auf Jugendlichkeit, Dynamik, Schlank sein ausgerichtet war (und ist). Da hatte der Verfall zumindest keinen Platz „in der Mitte des Lebens“.

Vielfach und vielfältig nun allerdings ist der Tod wieder „im Gespräch“, wie an den ebenso vielfältigen Veröffentlichungen der letzten Jahre (zu Recht) abzulesen ist.

Bartholomäus Grill hat da einen durchaus eigenen, besonderen, man könnte sagen, „kompetenten“ Zugang zum Thema. Als Journalist, als wortgewandter Autor ebenso, wie einfach als Mensch. Schon 2006 hat seine Reportage über den Tod seines Bruders hierfür ein Zeichen gesetzt. Einer, der bewusst hinschaut und das, was er sieht, auch und gerade über das Geschehen von Sterben und Tod, zurückhaltend und dennoch intensiv in Worte zu fassen versteht.

„Der Tod hat tausend Gesichter und ich habe in viele geschaut“.
Dieser Satz des Klappentextes kündet von der persönlichen Nähe Grills zum Thema und gibt zugleich dem Buch seine Inhaltsbeschreibung.

In 14 Kapiteln wendet sich Grill im Buch ganz verschiedenen Todesfällen und ganz verschiedenen Aspekten des Todes zu.
Eine Auswahl an Themen, die eine große Bandbreite zum Vorschein bringen. Von ganz persönlichen Momenten., die den Leser nicht unberührt lassen werden (wie der Tod des Vaters, der Tod der Mutter („Der Tod ist ein Mörder“) über Todesereignissen, an denen sich ganze Traditionen und rituell geprägte Weisen der Umgangs mit dem Tod ablesen lassen („Die Todeskultur auf dem Bergbauernhof“), bis hin zum „ganz großen“ Sterben, erschütternde Berichte vom „Völkermord in Ruanda“ und Erlebnisse als Kriegsberichterstatter mit dem Tode quasi „Auge in Auge“.

Dass der Tod auch als Fest gefeiert werden kann, wie eng Tod und Leben verknüpft sind (und wie das zum Ausdruck kommt), davon erzählt Grill in seinen „Streifzügen im afrikanischen Ahnenreich“ genauso interessant und persönlich, wie er die Ereignisse ums einen Bruder noch einmal prägnant zu Gehör bringt („Endstation Zürich“). Mit einem dann eigenen Kapitel über den daran laut gewordenen Diskurs über die Sterbehilfe.

Dies alles in einer sehr treffenden, ruhigen und bildkräftigen Sprache. Wer je die eigenen Eltern im Sterben miterlebt hat, der wird sich umgehend an Krankenhauszimmer, wachsbleiche Gesichter, sparsame Bewegungen erinnern, wie Grill selbst sie erlebt hat und im Buch noch einmal und wieder wachruft.

„Die Verbindung zur Bodenstation ist abgerissen. Das Raumschiff saust durchs All, wird kleiner und kleiner, verschwebt in der Finsternis“. Während die Kinder schichtweise am Krankenbett wachen, begleiten und das Sterben in Gemeinschaft, vor allem mit der Mutter selbst, erleben. Die letzen Sekunden, intensiv beschrieben mit Bildern, die lange beim Leser nachhallen werden.

„Das mütterliche Kraftwerk erkaltet“.

Eine Intensität, die sicher nicht bei allen Beschreibungen im Buch vorliegt und auch nicht an allen Orten nötig ist, manche Themen gar behindern würde, die aber den emotionalen Faden durch die Seiten hindurch gibt und beibehält und durchweg aus persönlicher Erfahrung sprechen.

„Der Tod wohnt mitten unter uns. Er ist unser Untermieter. Lebenslang“.

Ein sehr verschieden zugehendes, sehr breit sich dem Thema widmenden, ein hervorragendes und emotional berührendes Buch.


Jäger: Thriller (Ein Marina-Esposito-Thriller, Band 4)
Jäger: Thriller (Ein Marina-Esposito-Thriller, Band 4)
von Tania Carver
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Viele Perspektiven, 5. Mai 2014
Am Ende zu viele kleinere und größere Handlungsstränge winden sich um den eigentlichen roten Faden dieses Thrillers. Zu viele Personen, die jeweils „ihr Eigenes“ zu tragen haben (vom Alkohol zu innerdienstlichem Begehren zu außerordentlich „anderen“ sexuellen Vorlieben oder zu „Leichenhaut“) treffen in dieser Geschichte aufeinander und lassen dabei das Tempo immer wieder absinken, lassen kurz ihre innere Befindlichkeit aufblinken (ohne dass dieser in so manchen Fällen dann vertiefend nachgegangen wird), bis dahin, dass Marina Esposito ihre eigene Kindheits- und Familiengeschichte noch einmal zu aktualisieren hat.

So braucht es allein schon eine Weile, bis der Leser all die Ermittler und ihre Position zum „Fall“ einordnen kann. Wenn dann auch noch eine Mutter am Krankenbett des verunfallten Sohnes (sicher nur in kurzer Sequenz, dennoch ohne großen Bezug zum Rest des Buches) mal all das sagen möchte, was bisher ungesagt geblieben war, dann ist das an manchen Stellen des Thrillers einfach zu viel an „Ballast“.

Ein Familiendrama in der Vergangenheit, ein blutiger Mord im Haus, ein Schuldiger, der rasch ausgemacht war. Einer, mit dem Marina Esposito damals, als junge Psychologin Kontakt hatte, einer, von dessen Schuld sie nie so recht überzeugt war.

Ein Fall, der sie nun in der Gegenwart einholt. Das Ferienhaus brennt. Ein Toter in ihrer Familie, ihr Mann schwer verbrannt und im Koma, ihre kleine Tochter verschwunden und ein ominöser Anruf, der ihr eine schwierige Aufgabe übermittelt, sollte sie ihre Tochter noch einmal wiedersehen wollen.

Und auf der anderen Seite skrupellose Kräfte, die genau diese Tätigkeit Marinas um jeden Preis unterbinden wollen. Mit Grund, denn da sind ganze Lebensentwürfe auf Verbrechen aufgebaut und es gibt Menschen, die darüber Bescheid wissen.

So beginnt die Jagd zur Rettung des Kindes auf vielen Ebenen, mit so manchen Ermittlungssträngen und einer Mutter, die auf eigene Faust dann ihren Weg geht und sich späterhin einen Verbündeten sucht, den sie eigentlich nie wieder sehen würde.

Ebenso gejagt und bedroht von einem Wesen mit leichenfahler Haut, das Worte wie „Gnade“ oder „Mitgefühl“ aus dem eigenen Leben schon lange gestrichen hat.

Manch spannende Wendung wartet da in aller Vielfalt der Personen, die durchaus anregend gestaltet wird, eine Überraschung zum Schluss führt all die vielen Einzelteile des alten Falles und der neuen Ermittlungen zusammen, so dass ein logisches Ganzes im Rückblick schon entsteht. Was nicht unbedingt zum Äußersten fesselt und im „Showdown“ auch ein wenig hektisch und in der sprachlichen Beschreibung nicht umfassend mitreißend (ebenfalls an zu vielen Orten zugleich) vorliegt, das aber dennoch im Gesamten für eine solide Unterhaltung sorgt.

Alles in allem ein intelligent konstruierter Fall, der in zu vielen Einzelteile sich aufteilt und den Leser manches Mal zu wenig emotional einbindet, um vollends zu überzeugen.


Handbuch Medienwissenschaft
Handbuch Medienwissenschaft
von Jens Schröter
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 49,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fundierter Über- und Einblick in die kulturwissenschaftlich orientierte Medienwissenschaft, 5. Mai 2014
Die Gesellschaft beschreibt sich selbst als „Informations-, Wissens-, oder Mediengesellschaft“.
Die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen in den Medien, ausdifferenzierten Studiengängen im Medienbereich und Arbeit in den Medien zeigen auf: Die Medien und damit die Medienwissenschaften nehmen einen immer größeren, sehr zentralen, Platz in der Gesellschaft ein.

Auf diesem Hintergrund setzt sich Jens Schröter als Herausgeber mit dem aktuellen Stand im Blick auf die Medienwissenschaften auseinander und führt sehr sorgsam, ausführlich und fundiert durch die „großen Bereiche“ mit ihren vielen „Unterthemen“.

Eine historische Darlegung der Entwicklung der Medienwissenschaften zeigt zunächst auf und begründet die konkrete Herangehensweise und Struktur dieses Handbuchs (im ersten Hauptteil, auch der Ort der Begriffsbestimmungen).

.Eine Gliederung „entlang einer Liste von dynamischen Kontroversen“ entsteht, die sich mit der „theoretischen Modellierung“ (Medientheorien) auseinandersetzt, sich dann den Kontroversen um die „Gegenstände“ zuwendet (Einzelmedien), um am Ende mit den Kontroversen um die „Abgrenzung“ nicht zu enden, sondern vielfach neue Perspektiven aufzuwerfen (bei denen die sehr ausführlichen und konkret zu den einzelnen Kapiteln dargelegten Literaturangaben eine wertvolle und informationsreiche Hilfe darstellen).

Perspektiven, die in diesem Handbuch vor allem auf dem Hintergrund seiner inneren Vernetzung der verschiedenen „Medien der Medien“ in Theorie und Praxis entspringen und gerade im letzten Hauptteil unter Zusammenführung von Ergebnissen aus den drei ersten Hauptteilen aufzeigt, wie verkettet und vernetzt die Medienwissenschaften im kulturwissenschaftlichen Bereich vorliegen und sich wiederfinden.

Schnittstellen und „Befindlichkeiten in anderen Fachbereichen“, die bereits im dritten Hauptteil, der Zuwendung zu „Einzelmedien“, immer wieder in den Blick geraten und im letzten Hauptteil ihre vielfachen „Spuren“ in anderen Fachbereichen zeigen.
Denn an vielen Orten stellen sich beobachtbar, analog zu den Medienwissenschaften, Fragen nach den Medien und der Medialität.
Von der Theologie über die Philosophie zur Kunst- und Sprachwissenschaft, von der Kommunikationsforschung über die Politikwissenschaft zur Designwissenschaft und an vielen Orten mehr.

Hier stellt das Handbuch dar, wie verschieden die Berührungsfelder waren und sind. Anregungen aus der Medienwissenschaft werden aufgenommen oder auch aktive Kooperationen finden statt bis dahin, dass aus solchen Berührungen ganz neue Felder der Kooperation und der Forschung sich ergeben (Digital Humanitas oder Cultural Studies).

Bis dahin, dass sich aus manchen „getrennten“ Fachgebieten ganz eigene, neue Studienzweige und Forschungsbereiche ergeben.
Sei es „Mediensoziologie“, „Medienrecht“, „Medienökonomie“ oder „Medienpsychologie“.

Sowohl also der dritte Hauptteil zu den „Einzelmedien“ als auch der vierte Hauptteil zu den „Schnittstellen“ bilden sehr differenziert die „Medienpraxis“ in der kulturellen Entwicklung ab, zeigen die Verflechtung der modernen Medienwissenschaft in fast alle Bereiche des öffentlichen Lebens auf (und durch welche Medien dies jeweils von statten geht).

Eine sehr fundierte Darstellung, die ebenso fundiert und überzeugend im zweiten Hauptteil der Medientheorien zu Grunde gelegt wird (mit allen Kontroversen, Abgrenzungen, Entwicklungssprüngen und homogener Entfaltung der Medienwissenschaft in sich und mit vielfachen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens).

Nicht einfach in der Sprache, teils komplexe Zusammenhänge auch auf einem gewissen Abstraktionsniveau darstellend, bietet dieses Handbuch einen hervorragenden Blick auf den aktuellen Stand der Medienwissenschaft mit ihren vielfältigen Ausdifferenzierungen und Vernetzungen in andere Fachgebiete hinein. Ein Standardwerk zur Medienwissenschaft ganz gewiss.


Wespennest: Ein Jack-Reacher-Roman
Wespennest: Ein Jack-Reacher-Roman
von Lee Child
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Noch härter, 2. Mai 2014
„„Ich weiß“, sagte Reacher. „Ich kehre euch den Rücken zu. Ihr könntet mich von hinten angreifen.“ „Nun ja……“. „Aber ihr werdet es nicht tun“. „Wieso sollten wir es nicht tun?““.

Das werden die beiden Männer im Fond des Wagens, in den Reacher gerade vorne eingestiegen ist, ebenso umgehend erfahren, wie der Leser.
Klar, direkt, endgültig werden es alle Beteiligten erfahren.

Wie Reacher selbst mit seiner Art der wenigen Worte und der dafür eindeutigen Handlungen aufzeigt, so bildet sich darin auch der Stil des gesamten Buches ab (wie in jedem Jack Reacher Thriller).

Auch die Zutaten ähneln sich natürlich sehr.

Ein gottverlassener Ort, zwar nicht außerhalb der Welt, doch sehr abgelegen. Die nächste Polizei findet sich 60 Meilen entfernt (und von denen kommt nie einer vorbei). Eine „Männerrunde“ von drei älteren, gestandenen Brüder und einem Sohn (und Neffen) hat die harte Hand auf der gesamten kleinen Gemeinschaft von Farmern. Und noch anderes wird sich an diesen Händen finden lassen.

Reacher strandet, wie so oft, eher zufällig an diesem Ort. Befindet sich nach kurzer Zeit mitten drin im Konflikt, wird einfach nicht in der Ruhe gelassen, die er eigentlich für sich selber sucht. Ebenso, wie seine ausgeprägte Antipathie gegen Unrecht und Drangsal einfach nicht abgestellt werden kann.

Vor 25 Jahren, zudem, verschwand am Ort ein kleines Mädchen. Ein Geschehen, dass bis in die Gegenwart hinein Wunden offen gelassen hat und nie geklärt wurde.

So geht Reacher den Dingen nach. Auf seine Art. Einer, der austeilen und einstecken kann, der austeilen wird (nicht zu knapp) und der einstecken werden muss (ebenfalls nicht zu knapp), der am Ende aber, wie immer, mehr ausgeteilt als eingesteckt haben wird.

In dieser klaren Geschichte, die breite Kreise zieht, die bis aus Las Vegas heraus harte Männer in dieses Nest in Nebraska bringen wird.

Alles wie gehabt und alles, ebenso wie gehabt, spannend, klar, unterhaltsam und stringent aufgebaut, das Erfolgsmodell der Reacher Romane eben.

Mit zwei, man kann sagen, Erweiterungen, die doch Fragen offen lassen.

Zum einen hat Lee Child selten so drastisch und kühl Gewalt geschildert. Nicht nur als „fairer Kampf“ (der mit Reacher eh kaum möglich ist, da in alle Welt ständig unterschätzt), sondern mit einer fast Lust an kühler Darstellung brechender Knochen, zerstörter Knie, deformierter Nasen und gebrochener Hände, die sehr drastisch im Buch beschrieben werden.

Zudem mittlerweile oft auch „einen Schritt darüber hinaus“. Über einen Kampf, über ein sich Wehren Reachers, über ein Ablassen, wenn der Kampf vorbei ist. Ja, der ein oder andere bekommt seine Chance von Reacher, aber gerade, was den Schluss des Buches angeht, finden hier einfach eine Treibjagt und kühle Morde statt, die bei näherem Überlegen den „einsamen Kämpfer für das Gute“, Reacher, zu einem berechnenden Mörder machen (ohne unbedingte Not). Ankläger, Richter und Henker in einem. Eine Tendenz zur umfassenden Selbstjustiz, die latent immer bereits vorhanden war, in diesem Buch aber zu weit geht.

Wie immer geradlinige und beste Unterhaltung mit dennoch einem hier deutlich schalen Nachgeschmack.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 20, 2014 5:38 PM MEST


Großer Bruder: Roman
Großer Bruder: Roman
von Lionel Shriver
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Überzeugend und ausgereift, 2. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Großer Bruder: Roman (Gebundene Ausgabe)
In bester Weise bindet Lionel Shriver zentrale Themen in diesem Entwicklungs- und Familienroman, die in der Summe einen dichten Roman ergeben.

Wie steht der Mensch zu seinem Äußeren, wie sehr definiert er sich darüber, über ein „schlank sein“? Das ist das vordergründige Thema der Geschichte und wird sich später in den Motiven der Person des Ehemanns, Fletcher, näher auflösen.

Edison, Pandoras Bruder ist unfassbar in die Breite gegangen, Fletcher, Pandoras Mann, ein Fitness und Ernährungsideologe allerschärfster Sorte.
Und Pandora steht mitten dazwischen. Vom Gewicht her und von dem einerseits locker lassen können (was ihr Mann nicht kann) und dem andererseits ihre Zeit durch Arbeit gerne und gut füllen (was Edison nicht kann). Vor allem dazwischen, weil sie Edison nach einem „Stranden im Leben“ bei sich zu Hause aufnimmt.

Pandora entscheidet sich, ihrem Bruder zu helfen, auch auf Kosten ihrer Ehe, und geht mit diesem eine radikale Diät an. Mit Gefahren. Äußeren und Inneren

Eine Reflektion einerseits also über das Essen, den Körper, das Fett, die Lionel Shriver in die Tiefe führt. Hier liest der Leser zwischen den Zeilen eine fundamentale Gesellschaftskritik heraus, ein Finger, der sich auf eine Wunde des modernen Lebens legt.

„Nicht das Essen selbst war so großartig ---- es gab einfach nichts anderes Großartiges. Essen war im besten Fall so einigermaßen okay, rangierte damit aber noch um Längen vor allem anderen, was weniger okay war“. Hauptsache irgendwas, was die Zeit füllt.

Aber dabei bleibt Shriver nicht stehen. Denn nicht ohne Grund verdient Pandora ihr Geld damit, eine Art „Spiegel“ für andere herzustellen.
Puppen, die markante Sätze wiederholen und somit ein „Konzentrat an Persönlichkeit“ hörbar machen. Was Shriver auf der Ebene der Romanform im Blick auf ihre Protagonisten durchweg in hoher Qualität vollzieht. Was im Buch auch auf Pandora selbst zukommt.

Unter anderem, als sie selbst eine Puppe von sich geschenkt bekommt.

Denn hinter all dem oberflächlichen Streit über Körperfülle und charakterliche Haltung dahinter sind andere, viel tiefere und grundsätzliche Strömungen erkennbar im Raum.

Der Gesundheitsfanatiker Fletcher, der nichts anderes ist als eine „Macht“, die ihre Dominanz über Kontrolle ausübt. Was dem Leser mehr und mehr Beklemmung verursacht.

Beklemmung über ein Grundübel menschlichen Seins.
Diesen Drang, sich nach oben zu stellen, sich wichtig zu nehmen und andere nur zum Publikum degradieren zu wollen. Mit hoher Ignoranz und mangelnder Reflexion darüber, dass das, was man als „Richtig“ denkt noch lange nicht die Wahrheit sein muss.

Warum aber spielt Pandora dieses Spiel so mit, warum ist es ihr höchstes Ziel als erfolgreiche Unternehmerin, selbst „unsichtbar“ zu bleiben?

Eine Frage, die sich ihr auch im Blick auf ihren verehrten Bruder (und Großmaul) Edison stellen wird, der einfach den breitest möglichen Raum im Leben anderer einnimmt, der aus Schutz, Frust und Langeweile in sich hinein schaufelt und zur Empathie kaum fähig erscheint.

So wird sich Pandora in diesem Roman entwickeln und entfalten müssen, sich wehren lernen müssen gegen die „engste Familie“, die sie benutzt als Funktion, als Reflexionsfläche, die über sich bestimmen lässt. Erkennen, dass es nicht um eine Entscheidung zwischen Ehemann und Bruder, nicht um das „unverbrüchliche Band des Blutes“ gehen wird, sondern um die Entscheidung für oder gegen sich selbst angesichts ständig an ihr zerrender anderer.

Ein Spiegel des Lebens in diesem Roman, den Shriver flüssig und mit sehr differenziert und nahe kommenden Figuren ausgestaltet.

Ein Weg, auf dem jede der Personen als Archetyp moderner menschlicher Grundhaltungen völlig von sich überzeugt einen Lebensraum beansprucht, der dann aber, auf den zweiten Blick, nicht durch Persönlichkeit gefüllt werden kann.

Denn genauso krank wie die „Fitnessideologie“ ist die „Fresssucht“, genauso egozentrisch wie der Vater damals sind Ehemann und Bruder heute. Vor allem aber krank ist die Hybris, sich mit „dem eigenen Ding“ einfach auf andere „draufzusetzen“. Die dann brechen, genauso, wie der filigrane Stuhl Fletchers im Buch.

Oder werden andere Linien sich zeigen, Einsichten hervorkommen, Änderungen stattfinden?

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre mit einem ernüchternden und ganz anderem als gedachtem Ende.


Konzentriert Euch!: Eine Anleitung zum modernen Leben
Konzentriert Euch!: Eine Anleitung zum modernen Leben
von Daniel Goleman
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Sich langfristig ausrichten, 2. Mai 2014
Mit einem Imperativ als Titel und einer gewissen Überheblichkeit im Untertitel (anderen eine Anleitung zum modernen Leben zu geben), schießt David Goleman in seinem plakativen Anspruch dann doch deutlich über das Ziel hinaus.

Zum einen, was den Eindruck angeht, er könne der Welt nun aber eine ganz andere, neue Form des Lebens ermöglichen und zum anderen, was tatsächlich nach der Lektüre an Inhalten bestehen bleibt.

Dennoch, durchaus interessante Erkenntnisse der Neurowissenschaften sind es, die Goleman ins Feld führt und die, recht verstanden, durchaus hilfreich sein können, den eigenen Fokus zu finden und zu erhalten auf jene Momente, Dinge und Aufgaben, die je aktuell wichtig im Raume stehen.

Dabei ist die „Langfristbefriedigung“ eines seiner Kernanliegen in der Erkenntnis darüber, dass Menschen häufig zu unfokussiert nur auf das achten, was gerade vor Augen liegt, was „über den Tag“ vielleicht bringt, später aber zu Problemen führen wird.

„Wir achten auf die Gegenwart, auf das, was jetzt für unseren Erfolg notwendig ist, aber das ist schlecht für die langfristigen Ziele. Die Konzentration auf die Zukunft wird zu einem Luxus, der warten muss, bis wir uns um die momentanen Bedürfnisse gekümmert haben“.

Letztendlich geht es also darum (nicht nur für Manager, die Goleman in diesem Buch als konkrete Zielgruppe benennt und vor Augen hat), die eigenen Visionen zu erkennen, eine „Leitvision“ zu finden und „das Gesichtsfeld um den Zukunftshorizont“ zu erweitern.

Es bedarf also der „feinkörnigen Fokussierung“, die sich selbst, das Ziel und das aktuelle „System“ in den Blick bekommt, in diesem Blick behält und die Gegenwart dann auf die (auch ferne) Zukunft hin ausrichtet.

Dieses „Konzentration“ wird durch rasche, zeitgleiche und vielfache Aufgaben „gestört“, die auf den Manager den Entscheidungsträger (eigentlich auf jeden) in der modernen Welt „einprasseln“.

Goleman im Buch ausgeführte Methode besteht nun nicht darin, alle „Störungen“ auszublenden, um sich auf eine wichtige Aufgabe konzentrieren zu können, sondern biete dem Leser zu verschiedenen Situationen und Aufgabentypen dann passende, eben auch verschiedene, Konzentrationsmöglichkeiten (Aufmerksamkeitsmodi). Je also in der konkreten Situationen die für die Situation wesentlichen Dinge „fokussieren“ steht an, um „das große Bild“ vor Augen zu halten.

Sich selbst wahrnehmen an der einen Stelle, empathisch agieren in anderen Momenten, Muster erkennen und Systemblindheit überwinden, spielerisch auch das hin- und herschalten zwischen den Aufmerksamkeitsmodi erlernen, das legt Goleman in diesem Buch vor Augen.

Allerdings in doch teils sehr zerfaserter Form.

Von „Konzentration“ zu „Modus“ zu „großem Bild“ zu „Verantwortung für Langristvisionen“ hin- und her gleitend, thematisch vom „Fokussieren“ über „Aufmerksamkeitsübungen“ hin zur ökologischen Verantwortung der „Führung“ für das Überleben des Plane und wieder zurück, zudem, , im Kern, nicht eigentlich wirklich Neues an Methode oder Einsicht zu bieten, das führt hier und da zu einem eher verwirrten als „fokussierten“ Leser.

Am Ende verbleibt die Erkenntnis, dass das Gehirn automatisch auf kurzfristige Befriedigung hin agiert, durch gezielte „Aufmerksamkeiten“ aber das „Wirre“ an Situationen überwunden werden kann, um einen roten Faden für die eigene Führung und Anleitung anderer zu erhalten.

Ein nicht uninteressantes Buch mit einigen Impulsen gegen die eigene „Wahllosigkeit der Aufmerksamkeit“, andererseits aber zu zerfasernd und zu wenig griffig als „Anleitung zum modernen Leben“.


Maalouf, Die Verunsicherten
Maalouf, Die Verunsicherten
von Amin Maalouf
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Melancholische Stimmung, 30. April 2014
Adam ist Historiker.
Wenn er von „seiner Epoche“ spricht, dann wird umgehend eine Phase Roms in ihm lebendig, weniger bis gar nicht aber die Gegenwart, die eigene „kleine Weltgeschichte“.

Als Student ist er gegangen, aus der Heimat, der Levante. Im Trubel des beginnenden Krieges, der Ideologien, die von ihm und seinem Freundeskreis eigentlich klare Haltungen, Antworten erwartet hätten.
Welche die damaligen Freunde in verschiedener Form gaben. Vom bewaffneten Kampf bis zum „auf jeden Fall ausharren“ bis zur Emigration. Jener Weg, den unter anderem Adam wählte und der ihn für lange Zeit tief entzweite mit seinem engsten Freund, Murad.

Adam kommt zu spät.
Murad ist verstorben.
Die Beerdigung interessiert Adam nicht sonderlich.

Aber da ist so etwas, ein Klima, das Licht der Levante, die altvertrauten Geräusche. Vor allem aber ein inneres Wissen um Verluste. Darum, zwar den eigenen Weg gegangen zu sein, aber doch Wichtiges vielleicht nicht gelebt, nicht erledigt zu haben. Eher „reaktiv“ gelebt zu haben als „aktiv“ gegangen zu sein.

In der Provinz kommt er in einem Hotel unter, dass eine damalige Freundin aus dem Kreis betreibt. Eine, mit der damals fast, aber nur fast einmal bis zu einem Kuss vorgedrungen wäre.

Seine alte Mappe mit Briefen der Freunde, seine eigenen Erinnerungen, all das fließt zusammen und Adam beginnt, die Geschichte zu schreiben. Und zugleich zu notieren, was in der Gegenwart an Begegnungen wartet.

Erlebnisse damals und Begegnungen heute, an denen Maalouf in seinem ruhigen, tiefen, reflektierten Stil vielfach Grundtypen auftreten lässt.

So wie Adam mit Nidal spricht, Islamist, Bruder eines damals gefallenen Freundes. Ein Dialog mit hintersinnigen und feinfühlig gezeichneten Emotionen, der intensiv die Irritation zwischen Morgen- und Abendland, Islam und westlicher Lebensweise auf den Punkt bringt.

„Die Besiegten sind stets versucht, sich als unschuldige Opfer darzustellen…… aber sie sind alles andere als unschuldig. Sie sind schuldig, besiegt worden zu sein“.

Aber auch die Gegenwart, die innere Distanz zum wiederauflebenden traditionellen Islam findet Ausdruck im Buch, die zwei Herzen, die in Maaloufs eigener Brust sicher auch persönlich schlagen.

„Meinst Du, es sei angenehm, all diese von Kopf bis Fuß verhüllten Frauen ansehen zu müssen , diese riesigen Fotos von Männern mit Turban, dieser Wald von Bärten“.

Einerseits, und andererseits stellt Maalouf ebenso differenziert das innere Erleben, die Sicht des Islamisten im Buch dar. Unter vielen anderen Einsichten in das Leben und die vermeintlich so sicheren „Fronten“ zwischen „richtig und falsch“, die Menschen gerne ziehen.

Und lässt all dies einmünden in eine tiefe Betrachtung des Seins, der vorbeihuschenden Zeit, der verlorenen Möglichkeiten zur Gemeinschaft, der Verluste von Freunden durch den Tod.

Aber nicht alles ist nur Verlust und vergangen.
Auch eine Liebesgeschichte findet statt, die alte Versäumnisse aufholen. Begegnungen, Entwicklungen, Wichtigkeiten, die Adam Seite für Seite niederschreibt.

Eine tiefe Lektüre über das Leben, das Älter werden, die Reue über Versäumtes und die Melancholie angesichts des Vergehens des Lebens, aber auch der Harmonie einer ganzen Landschaft, der Levante, die dem Leser hier sehr nahe gebracht wird.

Vor allem aber ein ständiges Grundgefühl, eben sich nicht oder nicht mehr sicher sein zu können über den eigenen Weg, über Freund und Feind, über richtig und falsch und zu erkennen, dass dies das Leben ist.

Mit allerdings immer gleichem Tonfall, immer gleicher Ruhe, damit auch mit hier und da fehlenden Spannungsbögen, Wendungen, Ereignisse. Eine sprachlich hervorragende Reflektion des Lebens „zwischen Orient und Okzident“, zwischen vorrückendem Alter und lebendiger Vergangenheit, zwischen Ärger und Trauer und Ausblick, die ein wenig Geduld aber braucht bei der Lektüre.


Die Vermessung der Liebe: Vertrauen und Betrug in Paarbeziehungen
Die Vermessung der Liebe: Vertrauen und Betrug in Paarbeziehungen
von John Gottman
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Formeln für die Liebe, 30. April 2014
Online-Paaragenturen werben zu Hauf damit. Wohl seitdem es Menschen gibt, ist es ein motivierendes Moment, die Liebe, das „Glück als Paar“, berechenbar zu machen und damit kontrollierbar zu gestalten. Was scheinbar auf weiter Strecke weder solchen Agenturen noch vielfachen Paartherapeuten unbedingt gelingt.

Aus seinem „Love Lab“ heraus, einem Ort der „Beobachtung (per Video) von Paaren über gewisse, eingeschränkte Zeiträume hinweg, macht sich nur John Gottman auf, eine „Formel für das Glück“ dem Leser zu erläutern. Eine im Kern verhaltenspsychologischer, auf Biorhythmen und „messbaren“ Ausschlägen“ aufgebaute Laborbetrachtung (mit konkreten Aufgaben auch an die Paare, die ausgewertet wurden), aus der Gottman seine Schlüsse zieht.

Wobei das wichtigste der Prinzipien keine weitere Verwunderung beim Leser auslösen wird:
„Eine tiefe, freundschaftliche Verbundenheit“ ist die Grundlage, für eine dauerhaft gelingende Beziehung. Zumindest bei jenen Lesers keine Verwunderung auslöst, die sich vom Bild des „Prinzen auf dem Schimmel“ oder der „holden Prinzessin“ als Beziehungspartner deutlich gelöst haben. Märchen sind eben Märchen.

Bei diesem Kern kann der Leser letztendlich auch verbleiben.

Natürlich gibt es viel an Erkenntnissen drum herum im Buch zu finden, natürlich formuliert Gottmann auch vieles andere an Elementen einer dauerhaften und zugewandten Beziehung.

Aber im Blick auf jene Paare, die man kennt und gar auf die eigene Beziehung, die man vielleicht führt, im Blick auch auf getrennte Paare und vielleicht eigen erlebte Trennungen ist diese einfach klingende Frage doch jene, an der sich „das alles“ entscheidet.

Ist man „Freund“ mit seinem Partner, Partnerin, bzw. war man das, wo Partnerschaften nicht mehr bestehen.

Und die Grundlage von Freundschaft (aller Art) ist „Vertrauen“.

Da muss man, und sei es auch nur im Stillen, Gottman durchaus ein stückweit Recht geben, wenn er „Untreue“ als „den Grund“ des Scheiterns von Beziehungen ausmacht“.
„Untreue“ (in vielfacher Form bei Gottman gemeint, übrigens, nicht nur die sexuelle Untreue) zieht so gut wie ohne Ausnahme eine Verletzung und eine Krise nach sich. Und damit die Grundlage für die „freundschaftliche Bindung“ erheblich im Ungleichgewicht. Das Untreue als Zeichen von Unzufriedenheit aber auch zu werten ist und daraus sich eine konstruktive Arbeit an der eigenen Beziehung ableiten kann, das kommt in diesem „metrischen System“ dann doch ein wenig zu kurz.

Durchweg aber ist es anregend zu lesen, wie Gottman ein „locker lassen“ formuliert und propagiert, ein „Herunterkochen“ vieler „Paar-Aufregungen“, wie nicht die leidenschaftlich wegschwemmenden Gefühle, sondern die entspannte, vertraute Freundschaft in den Mittelpunkt rückt. Wie nicht „sexuelle Hochleistung“ den Alltag verschönert, sondern die Bereitschaft zu einem „Nein, heute nicht“, auf Dauer zu messbar mehr an sexueller Aktivität führt.

Alles in allem bietet Gottman hier einige Impulse, die durchaus für erhellendes Erstaunen sorgen.

Vielleicht ist die Vorstellung der Romantik von einer „immerwährenden Glut, die sich im anderen verzahnt und verzehrt“ einfach auch Unsinn für den Alltag und dennoch mit ein zu beherrschendes Bild in vielen Köpfen. Ruhe statt aufdringlicher „Pseudo-Leidenschaft“, „eigene Klärung der inneren Befindlichkeit und Sicherheit“ statt „Eifersuchtsdramen gegen den anderen“.

Das lässt sich übrigens aus diesem Buch gut herausziehen: Die Mär vom „klärenden Streit“ ist tatsächlich nur ein Märchen. Streiten hilft Beziehungen nie zu einer „besseren Lösung“, sondern führt einzig und allein zum Verharren beider in ihren „jeweiligen Ecken“.

Was nicht zur Resignation führen sollte, eher zur Verantwortung für „eigene Lösungen“, ohne immer das Verhalten des anderen anpassen zu wollen oder dessen Reaktionen zu benötigen, die eigenen Probleme zu lösen.

So einiges an „Entspannung“ und „Zurecht-Rückung“ von Vorstellungen von Beziehungen und was Paar zufrieden macht (und zufrieden erhält) erschließt sich aus der Lektüre des Buches. Da ist es fast nebensächlich, dass die „Metrik“, die „mathematischen Berechnungen und Formeln“ Gottmans doch arg „im Labor konstruiert“ wirken.


Flut und Boden: Roman einer Familie
Flut und Boden: Roman einer Familie
von Per Leo
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,95

4.0 von 5 Sternen Sehr ruhig und dicht erzählt, 30. April 2014
Der eigne Großvater war eigentlich ein Fremder. Auch wenn klar war, dass er vorher ein intensives Leben gelebt hatte. Danach fühlte Per, als er den Großvater bewusst kennenlernte, eher Distanz.

Aber nicht zur Großmutter. Das Symbol für „ein dazugehören wollen, einfach so“, ein Anker im Sturm des Lebens, eine Anlaufstelle, ein zu Hause.

Als die Großmutter stirbt, das alte Haus langsam sich entseelt, irgendwann aus dem Leben verschwindet und Per selber nicht wirklich einen Fuß auf den „Boden des Lebens“ bekommt, nur „irgendwie Historiker“ als Beruf sich vorstellen könnte (vielleicht einfach aus der Begegnung mit einem konkreten Professors heraus, der ihn sehr beeindruckt hat), beginnt, er, Jahre später, die Geschichte des Großvaters, des „Nazi-Opas“, der „Obersturmbannführers“, des „Major der Waffen-SS) Schicht für Schicht näher zu ergründen.

Mit deutlicher Distanz, zunächst. Mit Unverständnis, keine Frage. Und doch mit einem langsam sich öffnendem Zugang zu diesem Friedrich Leo. Ein Zugang, der noch erleichtert wird durch einend er Brüder seines Großvaters, den älteren Martin, der wie ein Gegenentwurf, wie ein „ganz anderes Leben“ in dergleichen Familien, zu gleichen Vorzeichen der Zeit aufwächst.

Unterschiedliche Entwicklungen, aber auch innere Ähnlichkeiten, verschiedene Stellungen in der Familie, aber doch das gleiche Umfeld, verschiedene äußere Wege (der eine hinein und hoch hinaus im Militär, der andere intellektuell, fragend, forschend) aber doch ein nicht unvergleichbarer innerer Antrieb, je mehr sich der Historiker von heute in die Persönlichkeiten der jungen Männer damals hineinversetzt, desto klarer treten die Personen und Motive, die Familie und das Umfeld, die Atmosphäre der Zeit und die persönlichen Wege auch dem Leser vor Augen.

Eine Erzählung auch, die dem Leser die geistige, aber auch räumliche Enge der vergangenen Zeit vor Augen führt. Diese Konzentration auf „die Familie“, auf den Respekt vor dem Vater, auf die Rituale im Jahresrhythmus, die Per in der Gegenwart noch erlebt hat, die ihm auf eine unnennbare Weise das Gefühl von guter Vertrautheit vermittelten (beim ersten Lied war es noch peinlich, ab dem dritten Lied auf Familienfesten dann fast wohlig).

Eine Familie, die in den Hauptpersonen des Buches sich symbolhaft zu Grundhaltungen verdichten. Grundhaltungen, die wiederum im Zusammenspiel des „Hortes Familie“ und in ihrer stringenten Ausprägung die „Inhalte“ dann „flexibel“ gestalten. Und so dann aus der eigenen „Verwurzelung“ ein „richtig und falsch“ kreieren können, dass im „Geist der Zeit“ sich dann eben in „Herrenmenschen und Untermenschen“ manifestiert. Ebenso aber auch als Fan eines Vereins mit entsprechenden „Hymnen“ Ausdruck finden kann.

Welche „deutschen“ Geisteshaltungen diese Zeiten geprägt haben (und bis heute wirken als „Typen“), das bindet Leo an konkrete Personen, familiäre Interaktionen und daraus entstehende emotionale „Hintergründe“, die wiederum die konkreten Personen in ihren je eigenen inneren Lebensweg senden.

Sehr hintergründig, sehr intelligent verbindet Leo all diese inneren und äußeren Fäden, die abgehackte Ausdrucksweise des Großvaters mit dem breiten Gedankenfluss dessen Bruders, das Dunkle mit dem Hellen.

Kurzweilig jedoch, das sei gesagt, ist dieser Roman nicht. In ausgefeilter Sprache und oft mit doppeltem Boden und notwendiger symbolhafter Interpretation ist dies eher ein konzentriert zu erarbeitendes (und nachzufühlendes) Buch als ein „Roman für nebenbei“.

Eine sehr zu empfehlende, sprachlich geschliffene Lektüre, die aber nicht einfach zu lesen ist und hohe Ansprüche stellt.


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