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M. Lehmann-Pape
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Der Feind in meinem Topf?: Schluss mit den Legenden vom bösen Essen
Der Feind in meinem Topf?: Schluss mit den Legenden vom bösen Essen
von Susanne Schäfer
  Broschiert
Preis: EUR 16,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gegen Essens-Dogmatik, 19. Februar 2015
„Gesund essen“ erhebt sich in den letzten Jahren mehr und mehr zu einer fast doktrinären Diskussion. Vegetarier, Veganer, Steinzeiternährung, Low Carb, Gluten, das sind nur einige Stichworte, die zu „Massenbewegungen“ führen und zu ähnlich verhärteten Diskussionen manches Mal führen, wie zu Zeiten die Frage “Bio oder nicht?“.

Vor allem, was „alles nicht (mehr) geht“ rückt dabei in den Mittelpunkt der Auseinandersetzungen und führt dabei nicht unbedingt zu mehr Klarheit, was denn nun für den Körper gesund ist und was nicht, sondern vor allem zu einer sich steigernden Verunsicherung im Blick auf die Vielfalt der Lebensmittel und der (scheinbaren) Fehlerhaftigkeit traditioneller Ernährungsgewohnheiten.

„Wer heute zum Essen einlädt, führt vor dem Einkaufen am besten umfassende Gespräche“.

So bringt es Susanne Schäfer zunächst in der Einleitung auf den Punkt. Die „echten und gefühlten Intoleranzen“ führen zu sehr individuellen Ausprägungen bei dem, was der einzelne zu Essen gedenkt und, vor allem, was auf gar keinen Fall mehr den Weg in den Mund finden darf.

Laktose, Fruktose, Gluten, Histamin, das sind scheinbar vielfach gegenwärtig die Qualitätskriterien für die Nahrungsaufnahme, Geschmack kommt erst in nachgeordneten Linien zum Zuge und ein Satz wie „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt“ grenzt fast an versuchten Totschlag.

Da ist es gut, dass Susanne Schäfer sich in ihrem Buch in sehr flüssiger und verständlicher Sprache sehr ruhig dem Thema nähert und dabei ohne Polemik oder Dogmatik die Fakten sprechen lässt.

Denn „munter wird bei den Selbstdiagnosen Halb- und Unwissen durcheinandergewürfelt und weiterverbreitet“.

Dabei ignoriert Schäfer natürlich nicht medizinische Problematiken (die nicht wenige Menschen bei der Nahrung zu berücksichtigen haben), entzaubert aber Seite für Seite demgegenüber die (fast modische) Vielfalt von Behauptungen, die auf das Gros der „Esser“ einfach nicht zutreffen.

„Unverträglichkeiten haben sich als Mode verselbstständigt“, das ist das Problem in der Breite, ohne echte Unverträglichkeiten dabei unter den Tisch fallen zu lassen.

Wie nebenbei zeigt Schäfer dabei die Strukturen von „Moden“ auf, die sie „ergoogeltes Wissen“ nennt und in ihren Darlegungen zu „echten und gefühlten Unverträglichkeiten“ benennt.

„Generell lässt sich sagen, dass wir mit unseren Einschätzungen der Risiken, die von Lebensmitteln ausgehen, oft danebenliegen“.

Dennoch aber konstatiert auch Schäfer eine „Entfremdung von der Nahrung“ und damit einhergehend ein unsicheres Gefühl bei Fertig-Produkten. Eine Unsicherheit, die schnell zu Unwissen führt und daher ebenso schnell zu Aufregung.

Streift aber auch die „Leere“ des modernen westlichen Menschen, in der die Ernährung zur „Religion“ reifen kann, wie so manches andere auch. Es scheint zum Menschen zu gehören, Glaubenssysteme zu erbauen und diesen nachzueifern, nur die Inhalte ändern sich im Lauf der Zeiten. Dazu gehört ebenso das „Geschäft mit der Angst“, dass in Ratgebern und „Fachleuten“ eben auch ein genuines Merkmal religiöser Dogmatik war und ist.

Das im Gros es in der Gegenwart nicht schwer ist, sich gut zu ernähren, dass einige wenige Grundregeln reichen, sich von zu viel erwiesen Schädlichem fernzuhalten, das ist die Quintessenz dieses anregenden Buches, die fast im Plauderton beim Leser angelangt.

Bleibt zu hoffen, dass die Lektüre sich verbreitet und zu mehr Gelassenheit beim Essen führt. Mitsamt der Freude, vielfache Auswahl vorzufinden und keine Hungersnot befürchten zu müssen.

Eine anregende und erhellende Lektüre, die differenziert, wo es nötig ist und ad absurdum stellt, wo es in „Heilslehren“ fast sich hinein entwickelt, die Sache mit dem Essen.


Jeder Tag gehört dem Dieb
Jeder Tag gehört dem Dieb
von Teju Cole
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,90

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fremde Welten, 19. Februar 2015
„Die halbe Stadt wird mit Dieselgeneratoren betrieben, und Nigeria ist einer der führenden Rohölproduzenten weltweit. Die Unterversorgung ist völlig unerklärlich“.

Wie auch so manches andere von dem, was der Mann in seiner ursprünglichen Heimat erlebt.

„Bei Dunkelheit schweifen die Gedanken weiter ab als am Tag“ und nicht selten streift er bei Dunkelheit durch Lagos, die pulsierende, gefährliche, rückstündige, weitsichtige, von Menschen und deren Geschichten durchzogene Stadt.

Will er ganz zurückkehren? New York hinter sich lassen, sich dieser Welt zwischen Moderne („Wir haben gute Banken“) und Rückständigkeit („Wir haben schlechte Krankenhäuser“) wieder ganz stellen? Lebendig auf jeden Fall ist das, was ihm begegnet. Voller Energie, voller innerer Erlebniswelten sind die Menschen und deren Geschichten du Gedanken, neben einer dennoch öffentlichen Lethargie, in der wenig wirklich gut oder effizient funktioniert in Stadt und Land.

„Die kleine Straße mit ihrer offenen Kanalisation und den durchgerosteten Dächern besitzt eine Würde….die Anwohner dienen schlicht dem Leben“.

Mit solche klaren und einfachen Sätzen durchzogen bietet Teju Cole einen ungeschminkten Blick auf Vordergrund und Hintergrund der Gegenwart in Nigeria. Auf die offenkundigen Schwächen des technischen Standes des Landes und der öffentlichen Verwaltung, die weitgehend nur aus Korruption zu bestehen scheint (was von der ersten Seite an klar wird) und daneben auf die Individuen, die Kraft des Lebens in oft misslichen Umständen. Menschen, die ihren Tag bestehen und überstehen wollen und Sehnsüchte in sich tragen, die im Buch stets im Hintergrund und nicht selten ausgespro9chen vordergründig mitschwingen.

Und dennoch, Seite für Seite mehr ersteht vor dem Leser das Bild eines Landes und von Menschen, deren Kräfte zu verpuffen scheinen. Gewalt, Mangel, das Verrotten des Landes und seiner an sich bereits kaum mehr vorhandenen Infrastruktur, dieses „Jeder ist sich selbst (allein) der Nächste“ und versucht, seinen kleinen Dollar auf jede erdenkliche Art (vor allem mit der Drohung von Gewalt) zu ergattern.

Eine mangelnde Würde, ein nicht vorhandener sozialer Zusammenhalt „im Großen“, den Cole nüchtern und klar konstatiert. Dessen Kontraste er in der Person seiner Hauptfigur scharf gegeneinander abgrenzt.

Der Mann, der in New York lebt, im Grunde „klare zivilisierte Verhältnisse“ kennt und schätzt und der nun täglich sich an der „inneren Heimat“ bricht.

In klarer Sprache, mit einem faszinierenden Blick für das kleine Detail und die Erstellung einer dichten Atmosphäre führt Cole in diesem schmalen Roman den Leser mühelos in eine „archaische Gegenwart“, die den Blick öffnet und die Probleme der „dritten Welt“ (nicht nur Nigerias) präzise und emotional treffend offen legt. Und das nicht ohne die Kraft und mögliche Schönheit durch einzelne Menschen zu unterschlagen.


Arne Dahl - Vol. 2 [4 DVDs]
Arne Dahl - Vol. 2 [4 DVDs]
DVD ~ Malin Arvidsson
Preis: EUR 22,99

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Vor allem in der ungeschnittenen Fassung zu empfehlen, 19. Februar 2015
Rezension bezieht sich auf: Arne Dahl - Vol. 2 [4 DVDs] (DVD)
Zwei Folgen der Verfilmung der „A-Team Thriller“ Dahls sind auf dieser vier DVD's vereinigt.
Ältere Thriller zwar, aber wie bei Dahl üblich sind die zugrunde gelegten gesellschaftlichen Themen langfristige Themen, die gerade in der Gegenwart hoch aktuell daher kommen.

Sei es die Asylantenfrage in „Rosenrot“, sei es der Menschenhandel mit jungen Frauen und die Kriegsverbrecherfrage der NS Zeit, beidee Themen sind auch heute noch „up to date“.

Beide Verfilmungen kommen in zwei Fassungen daher. Zum einen je die 90 minütige Fernsehfassung und zum anderen die (deutlich längeren) ungeschnittenen Fassungen.
Diese vor allem Sind dem Zuschauer ans Herz zu legen.

Dahl arbeitet vielfach mit Dialogen, mit feinen psychologischen Nuancen und legt in seinen Thrillern (neben den eigentlichen Fällen), hohen Wert auf die stetige Entwicklung seiner Ermittler unter den Forderungen des persönlichen und beruflichen Erlebens.

Naturgemäß konzentriert sich die jeweilige Fernsehfassung durch ihre Kürze eher auf den jeweiligen Fall. Die Breite des Teams, die Perspektivwechsel, die Dahl in seinen Büchern weidlich nutzt, die innerer Spannung, die erst durch diese intensive Beschäftigung mit den Charakteren aufkommt wird in den kürzeren Fassungen eher nur angedeutet. Da nun Dahl zwar auch „Action kann“, diese aber sehr dosiert einsetzt, treten gerade bei den Kurzfassungen eher Längen und „zu wenig, was passiert“ auf, als bei den beiden organisch einheitlicher wirkenden Langfassungen.

Wer einfach nur einen ruhigen, guten und intelligenten Krimi mit überraschenden Wendungen (aber auch einer sehr ruhigen Erzählweise) erleben möchte, der ist sicherlich auch mit den beiden 90minütern gut bedient (wenn auch nicht umwerfend begeistert).

Wer Dahl als Autoren schätzt und sich an die Schauspieler dann auch gewöhnt hat (die in manchen Bereichen in der Besetzung nicht auf Anhieb dem Bild entsprechen, das aus den Büchern gewonnen wird und zudem in Teilen sehr altmodisch und „unflott“ gekleidet daherkommen), der wird in erst den beiden Langfassungen der Fälle mit ihren Perspektivwechseln und der ausführlichen privaten Seite der Ermittler „seinen“ Dahl sehr4 gut umgesetzt wiedererkennen.

So ist es ein wichtiger Vorteil dieser DVD Kompilation, die Verfilmungen in beiden Fassungen in guter Qualität zu beinhalten.

Ruhig, stetig, mit weniger Action, dafür intelligente Zusammenhänge herstellend, bietet auch die Filmfassung der Thriller beste Unterhaltung für den Zuschauer, der die ruhige und hartnäckige Ermittlung von vielen Seiten her zu schätzen weiß.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 21, 2015 10:39 PM CET


Fuckin Sushi: Roman
Fuckin Sushi: Roman
von Marc Degens
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Freundschaft und Zeitzeichen, 19. Februar 2015
Rezension bezieht sich auf: Fuckin Sushi: Roman (Gebundene Ausgabe)
Wie es ist, in der Gegenwart 17 Jahre alt zu sein, aus dem Ruhrgebiet in die „Bundesstadt“ Bonn umziehen zu müssen und sich unter all den individuell merkwürdigen Leuten an der neuen Schule und im Umfeld zurechtfinden zu müssen, das ist das eine, von dem Marc Degens flüssig und griffig erzählt („Das Nachtleben in Bonn findet an Bahnsteig eins des Hauptbahnhofes Stadt. Da, wo die Züge nach Köln losfahren“).

Wie die Hormone ihr Recht. Wie dies heutzutage zunächst über irgendwelchen romantischen Allüren steht (nein, jene, die der Leser meint als „Auserwählte“ für die Hauptperson „Niels“ früh ausmachen zu können, wird es nicht sein).

Freundschaft, Leidenschaft, schüchtern sein, die „Erwachsenenwelt“ kennenlernen in ihrem ständigen Versuch, auch mit „46 noch cool zu sein“ und das Ganze mehr und mehr am besten mit leichter innerer Betäubung (ist ja sonst kaum auszuhalten).

Und dann, im letzten Teil des Buches, der Umschwung. Ohne Vorankündigung, unverhofft.

Aber nach der ersten Irritation wird deutlich, dass es genauso passt, im Roman. Dass Degens hier eben jene Brüche, jenes abrupte der jugendlichen Lebenszeit verarbeitet, die keine Gründe, kein „gutes Gespräch“ oder ähnliches als Erklärung für emotionale Schwankungen und geballte Egozentrik benötigt.

Eine inneres, emotionales Drama, das die Ungerechtigkeit der Emotionen abrupt vor Augen führt und alles, was so plötzlich entstanden war ebenso schnell wieder wegnimmt.

Zuvor aber geht Niels mit seinem neuen Freund Rene musizieren.

Lang müssen die Lieder sein, laut, schnell, Texte als Aneinanderreihung von Fernsehsendungen, die „Promi Shopping Queen“ wird der Hit im Internet.

Erfolgreiche Konzerte in der Subkultur.

Die Band unterwegs und doch ist bereits zu Anfang der Karriere Reibung zu spüren.

Nähe und Distanz, Freundschaft und Konkurrenz. Eingebettet in das jugendliche Erleben, hineinwachsen in eine Welt, die wenig wirklich Attraktives bereit zu halten scheint. Und den Rausch auf der Bühne, den Degens bildkräftig auf den Punkt bringt.

Und so wird der Schlachtruf der Band, „Weltfrieden und Abrentnern, Aber sofort“, den Degens seinen jugendlichen Protagonisten in den Mund legt weit mehr, als nur eine Art Post-Punk-Haltung ausdrücken.

Sondern Ausdruck eines tatsächlich spürbaren Lebensgefühls im Land, das nicht nur junge Menschen einholt, sondern auch in späteren Jahrgängen latent vorhanden ist.

Nicht mehr Karriere, Platz an der Sonne, Fakten, Fakten, Fakten sind das, was das Lebensgefühl sucht, sondern Zeit. Eigene Zeit.

Wie ein Rentner eben, nur ohne Rollator.

Zeit zu erproben, zu suchen, den Kater am nächsten Morgen zu pflegen und nicht in einem ständigen „Contest“ gegen die anderen und die Welt sich wiederzufinden (in jener Szene beim Wettbewerb in Köln mit den auf den Punkt gebrachten „Konkurrenten“ zeigt Degens fast schon bösartig dieses „individuell sein wollen“ und doch nur „Mainstream“ leben können samt der dekadenten „Kulturszene“ treffend auf).

Das Finden von Freunden, die Bedeutung, die es hat, wenn man sich in etwas ganz hineingeben kann, der Schmerz, wenn einem das weggenommen wird und, zum Schluss, die Chance, sich selbst zu finden und auszudrücken, all dies steckt in diesem Roman.

Die konkrete Zeit, die zeitlose Suche nach Orientierung als junger Mensch, die Empfindlichkeit des Herzens und die leicht entflammbare Hoffnung auf „anders als die anderen“.

Eine empfehlenswerte Lektüre, bei Weitem nicht nur für jugendliche Leser.


Die Melodie der Geister: Ein Fall für Michel de Palma
Die Melodie der Geister: Ein Fall für Michel de Palma
von Xavier-Marie Bonnot
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Totem und Tabu, 19. Februar 2015
Ein toter, alter Gelehrter in seinem Haus mit einem Loch in der Stirn, wobei es bei der Mordwaffe eine faustdicke Überraschung geben wird.

Primitive Kunst in Form von Masken und kunstvoll hergerichteten Schädeln von Feinden.

Dr. Delorme, der Tote, war als jüngerer Mann mit einem Vertrauten auf Reisen. Weit weg von der Zivilisation in Neuguinea, bei den Papua mit ihren harten und kriegerischen Bräuchen.

Hat der ermordete Mann dort etwas aufgerührt, was nun, Jahrzehnte später seinen Tribut fordert? Oder ist er „nur“ ins Fadenkreuz moderner Krimineller geraten, die über den Hafen in Marseille diese teure Kunst in alle Welt verschieben?

Was aber hat es mit diesem Flötenklang auf sich, der bedrängend und bedrohlich durch das Haus erklingt, als der Kommissar Michel de Palm, der „Baron“ als erster am Tatort sich einfindet und alleine erste Spuren sichert.

Die „Melodie der Geister“ und das Wissen um alte Flüche, beschworene Kräfte, um „Totem“ und „Tabus“ wird de Palma den gesamten weiteren Fortgang des Falles hin immer wieder begleiten, bis er, ganz am Ende, dem Täter gegenüberstehen wird.

Neben einem durchaus verwickelten Fall und immer wieder Eindrücken der pulsierenden, leicht heruntergekommenen Stadt Marseille mit ihren vielen gefährlichen Ecken (der Mord an Dr. Delorme wird bei weitem nicht der letzte Mord im Buch bleiben) führt Bonnot den Leser immer wieder erzählerisch und sachkundig ein in die Welt der Papua. Eine Welt, die in der Gegenwart nicht mehr besteht, die durch intensive Missionierung fast vollständig zerstört wurde und doch aus alten Zeiten noch in die Gegenwart hinein wirkt.

Immer wieder lässt Bonnot seinen Kommissar im alten Logbuch der Expedition lesen und rückt so die ersten Kontakte zu dieser „Ur-Welt“ und diesem „Ur-Volk“ mit in den Mittelpunkt des Interesses.

Hier und da wirkt dies ein wenig zu sehr den Ablauf der Ermittlungen unterbrechend, das ein oder andere Puzzlestück der Auflösung des Falles kommt dabei zu abrupt, manchmal zu zufällig daher, wie auch die Liebesgeschichte des Kommissars doch zu unverbunden und wie nebenbei mit abgehandelt wird.

Dennoch ein spannendes Leseerlebnis und ein interessanter Einblick in die Welt der „primitiven Kunst“ und ihres Ursprungs, in dem Bonnot seine Figuren vielschichtig und fassbar anlegt. Und zugleich die Widerlegung der alten Theorie Freuds der Gleichsetzung von Urvolk und Unbewusstem dem Leser ebenso nahe bringt.


Von der Nützlichkeit des Unnützen: Warum Philosophie und Literatur lebenswichtig sind
Von der Nützlichkeit des Unnützen: Warum Philosophie und Literatur lebenswichtig sind
von Nuccio Ordine
  Broschiert
Preis: EUR 12,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nützlich!, 19. Februar 2015
„….was es mit der Nützlichkeit jenes Wissens auf sich hat, dessen wesentlicher Wert vollkommen losgelöst ist von jeder Zweckbestimmtheit“, das ist die Leitfrage Ordines, der er in diesem handlichen und dennoch fundierten Werk nachgeht.

Wissen, das nicht zu unmittelbarem Gewinn angelegt ist, dass nicht Effizienz und Faktenkompetenz steigert, dass somit in den Augen der kühlen wirtschaftlichen Überlegungen völlig „unnütz“ sich darstellt. „fern jeglicher praktischer oder wirtschaftlicher Verpflichtung“.

Und dennoch, natürlich, eine Funktion erfüllen kann (und erfüllt). Nämlich eine grundlegende Rolle für die „geistige, zivilisatorische und kulturelle Entwicklung der Menschheit“ zu übernehmen.

Somit ist all das als nützlich zu betrachten in den Augen Ordines, was dem Menschen hilft, ein besserer Mensch zu werden.

Ein Ansinnen in einer Zeit und Epoche, die, wie Ordine richtig feststellt, die “Verwertbarkeit von allem“ in den Mittelpunkt stellt und damit auch jenes Wissens, dass in einer „Wissensvermittlung per se“ seinen Wert finden sollte, noch versucht, in zählbare und bewertbare Einheiten zu fassen. Wie ansonsten die Versuchung groß zu sein scheint, alles, was nicht unmittelbaren zählbaren nutzen erbringt, „zu streichen“.

So geklagt Ordine durchaus zu Recht das Primat der „Bilanzen“ gegenüber den „weichen Faktoren“ einer sozialen Gemeinschaft, die aber erst den Menschen wirklich zum Menschen werden lassen und Kultur und damit Werte hervorbringen.

Breit nun bricht Ordine eine Lanze gegen das mehr und mehr absolut vorherrschende „ökonomische Nützlichkeitsdenken“ und verweist überzeugend auf das, was Grundlage des kulturellen menschlichen Seins ist. Soziale Gemeinschaft unter kulturellem Horizont. In diesem verortet Ordine die „Inspiration jedes menschlichen Handelns“, das konstruktive Folgen für „die Menschheit“ nach sich zieht.

„Die Politiker der Antike sprachen ohne Unterlass von Sitten und Tugend, die unseren sprechen nur vom Handel und vom Geld“, bemerkte schon Rousseau.

Und doch gilt, was Ordine eher assoziativ denn als geordnete Struktur Seite für Seite betrachtet und reflektiert dem Leser vor Augen führt. Literatur, die Universität im humanistischen Verständnis, die Liebe der Klassiker zur Wahrheit, all das hat im Lauf der Geistesgeschichte immer wieder die Grundlage für die weitere Entwicklung der Gesellschaften gelegt. Nicht im Sinne technischer Erfindungen, sondern im Sinne freier Geister, „Freigeister“, die Neues gedacht, ausgetretene Pfade verlassen und neue Ufer und Visionen entfaltet haben.

Dieses „kritische Denken an sich“ ist es, um das Ordine in weiten Bögen im Buch kreist, erkennbar auch in seiner kritischen Betrachtung der Gegenwart an den Hochschulen des Landes, in dem die Universität als Unternehmen gedacht und Studenten als Kunden gesehen werden. Ein Klima, in dem „Freigeister“ nicht sonderlich gefördert werden und das sich anmaßt, genau zu wissen und vorgeben zu können, was „allgemein nützlich und wichtig“ ist. Und damit wiederum nur einen Mainstream zementiert, den es für weitere Fortschritte wie seit jeher in der Geschichte eigentlich dich immer wieder zu überwinden und zu transzendieren gilt.

„Nicht durch Kürzung des Kulturetats, sondern durch seine Verdopplung lässt sich die Krise meistern“, würde Hugo sagen.

Ordine bietet eine Vielzahl von Überlegungen, Reflexionen, Wissensgebieten und Grundhaltungen aus und in der Kultur. Wozu alte Sprachen gut sind, das das „planmäßige Verschwinden der Klassiker“ Verlust und nicht Effizienz bedeutet und das es letztlich unklug ist, ohne die „Tollheit der Poesie“ (und der Literatur und Philosophie, der Kunst) zu leben, für all das und noch viel mehr bricht Ordine in sehr origineller Form eine Lanze.

Eine keinesfalls „unnütze“ Lektüre, die zwar Konzentration und Abstraktionsvermögen hier und da erfordert, aber vielfache Anregungen für die „weichen Fakten“ des menschlichen Seins zu geben vermag.


Versichert, verraten, verkauft: Wie Versicherungen mit unserem Geld umgehen
Versichert, verraten, verkauft: Wie Versicherungen mit unserem Geld umgehen
von Leo Müller
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Augenöffner, 19. Februar 2015
Sich zu versichern ist eine weit verbreitete und sinnvoll erscheinende Vorsichtsmaßnahme, was die Bewahrung von Sachwerten angeht, aber auch, was eine geplante Vermögensbildung oder Vermögensbewahrung betrifft

Die Verweigerung von Leistungen ist nun nicht das Kernthema dieses Buches von Leo Müller, durchaus aber schwingen auch solche Erfahrungen hier und da im Hintergrund mit, wenn Müller akribisch recherchiert Schritt für Schritt das finanzielle Verhalten (und die Verhältnisse) der Versicherungsbranche entblättert.

Denn schon seine anfänglichen Beobachtungen sind ja allgemein offenkundige Fakten.

Die großen Gebäude, die vielen Angestellten, das Ambiente der Hauptverwaltungen, Versicherungen, gerade große Versicherungen, treten nach außen bereits entsprechend gewichtig auf (samt ausführlicher Werbemittel und Werbeetats). Und ebenso klar ist, dass dies alles bezahlt wird vom Kunden, denn vom Himmel fällt das Geld für die Versicherungen ja nicht.

Wobei man Müller durchaus eine gewisse Einseitigkeit konstatieren muss, denn anders als Beispielsweise beim AWD (oder anderen „Strukturvertrieben“, die Müller intensiv anprangert) ist das Motiv, konkrete Versicherungen abzuschließen ja weniger persönliche Gier, sondern das Bedürfnis nach Absicherung von Werten oder gegen unvorhergesehene Ereignisse.

Kein Produkt, das in dieser Hinsicht dauerhaft auf Täuschung beruhen würde, könnte im Blick auf dieses Bedürfnisse über Jahrzehnte hinweg Kunden in so großer Zahl binden, wenn nicht auch eine Leistung in der Regel abrufbar wäre. Aber „Übervorteilung“, das lässt sich schon besser über lange Zeiträume händeln, vor allem, wenn eine Transparenz nicht gegeben ist und massiv gescheut wird.

Das ist der eigentliche Kern, den Müller betrachtet. Ob nicht für die „Leistung“ ein deutlich zu hoher (aber klug im Verschwommenen bleibender) Preis vom Kunden entrichtet werden muss.

Ob man das nun als „Betrugssystem mit gewaltigen Dimensionen“ gleich allgemein bewerten sollte (auch wenn Müller für diesen Begriff Argumente anführt) kann dahingestellt bleiben und vom Leser je nach persönlicher Beurteilung entschieden werden. Das aber Müller Schritt für Schritt hinter die Kulissen schaut und gerade den Umgang der Branche mit dem Geld der Kunden schonungslos offen legt, das ist durchaus in den Fakten interessant zu lesen.

Denn wenn die Ergo Versicherung „Lustreisen“ ihrer Belegschaft in großem Maßstab zur „Erholung“ anbot, dann zumindest ist klar, wie viel „übrig bleibt“ (zu viel) vom Geld der Kunden.

Nach weidlicher Aufarbeitung vor allem der „Finanzprodukte“ und deren massiver Schattenseiten bietet Müller als konstruktive Lösung zwar einen „alten Hut“, der aber nichts von seiner Bedeutung verloren hat:

Ohne Transparenz wird sich nichts ändern.

Eine Transparenz, die schon beim Provisionssystem für den Verkäufer nicht erkennbar ist, vor weniger bei vielen der gemakelten Produkte. So konnte sich der AWD jahrelang als „unabhängig“ bezeichnen, ohne offen zu legen, dass bestimmte Produkte eben ein vielfaches an Provision erbrachten und daher primär „vertickt“ wurden.

Was nicht nur bei dubiosen Fondsbeteiligungen im Übrigen gilt, sondern auch bei ganz klassischen Lebensversicherungen tiefes Misstrauen auf den Plan rufen sollte.

Die Checkliste für den Kunden am Ende des Buches bietet in dieser Hinsicht knappe, präzise und wichtige Fragen ab, die jeder sich stellen sollte, der mit Versicherungen und Finanzberatern zwecks Vermögensbildung- und Vermögenswahrung in Kontakt tritt.

Ein erhellendes Buch, das dem Leser die Augen öffnet.


Asphaltengel: Roman
Asphaltengel: Roman
von Johanna Holmström
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sich durchkämpfen, 19. Februar 2015
Rezension bezieht sich auf: Asphaltengel: Roman (Broschiert)
Es ist an sich schon nicht die beste Gegend, in der Leila in der finnischen Stadt sich durchkämpfen muss. Und es hat schon seinen Grund, dass sie aktuell versucht, immer zu sehen, wer da als Busfahrer eingesetzt ist, wenn sie sich auf den Weg zur Schule macht.

Denn ihr Vater, schwarz, Maghrebiner, ist Busfahrer. Dem Leila nicht unbedingt begegnen möchte.

„Pape ist fast genauso oft bei uns eingezogen, wie er ausgezogen ist…diesmal ist er länger weg als sonst“.

Weg von dem häufigen Streit mit seiner Frau, Leilas Mutter. Die eines Tages eine intensive religiöse Bekehrung erlebt hat und den Islam nun wörtlich und ernst nimmt. Bis dahin, dass alle Bilder (samt Fernseher) aus den Zimmern verschwunden sind, „weil Mohammed es so will“. Der Ehemann und Vater möchte das nun nicht so, steht relativ hilflos vor seiner Frau und findet keinen rechten Weg, dagegen anzukommen.

So bleiben die verstohlenen, kurzen Blick mit seiner Tochter im Bus.

Wobei Leila ganz eigene Sorgen hat. In diesem Haus mit vielfachen Nationalitäten, gegenüber der Reihenhaussiedlung mit den „ordentlichen“ Finnen. Mit der falschen Hautfarbe versehen und täglich im Viertel und an der Schule sich behaupten müssen.

Ihre verehrte Schwester, Samira, hat all dieses bereits verlassen, diese Enge. Hat in einem Club gearbeitet, versucht, sich dem „freien Leben“ hinzugeben und doch ihre islamischen Wurzeln als stark verankert feststellen müssen. Bis etwas passiert ist. Eine Art Unfall, der lange Zeit nur ominös im Buch mitschwingt.

Und doch wird diese „stille“ Samira jene Peron sein, an der sich und durch die sich vieles auch an familiärem Leben entscheiden wird. Nicht nur in der engeren Familie, auch was ihren Freund angeht, der eine plötzliche Wandlung durchlebt, um Samira wirklich nahe sein zu können.

„Samira drehte sich wieder zur Bar. Es war das erste Mal, dass ein Mann sie begrabscht hatte. Es war das erste Mal, dass sie gegen ihren Willen angefasst wurde, aber es blieb nicht das letzte“.

Rohe Sexualität, gierige Blicke, abfällige Bemerkungen zu Hautfarbe und Religion, die Reibung des frommen Islam mit der finnischen Alltagswelt, die Tradition, für die Tochter und Töchter als Eltern einen Mann zu suchen, die Kontrolle, die hier von allen Seiten versucht wird, Johann Holmström geht dieser Gemengelage intensiv nach und schafft so ein „inneres Portrait“ nicht nur eines Leben als Migranten, sondern einer ganzen „Randgesellschaft“ mit all ihren Reibungen und ihrer Rohheit, die den Alltag zu einem ab und an gar gefährlichen Spießrutenlaufen gestaltet.

Was fast ein wenig gar zu kurz kommt in diesem Buch neben der eigentlichen Geschichte um das Ergehen von Samira und ihrem Unfall. Eine Geschichte, die holmström auf zwei Zeitebenen erzählt, bei denen der Leser ab und an in Gefahr steht, den roten Faden aus den Augen zu verlieren und sich in so manchen Nebenpersonen und Nebenhandlungen verlieren könnte.

Dennoch, in klarer Sprache legt Holmström das Leben als junge Muslimin zwischen vielen Fronten offen und bietet einen ebenso klaren Blick auf die Zerrissenheit der Gesellschaft. Nicht nur am Sozialen Rand, sondern auch „mittendrin“.

Die Starken gegen die Schwachen, allein schon die Szene, als Leilas Vater in einem Stau nur verzögert den Bus anfahren kann, die verklemmte Tür und die harten Beschimpfungen der (finnischen) Fahrgäste, dieses vielfache stille „Schlucken müssen“, das den Alltag viel mehr ausmacht aus bunte, folkloristische „Verbrüderung“, es ist eine harte Welt, die Holmström klar und ungeschminkt dem Leser vor Augen führt.

„Soll das ein Witz sein? Ich muss an Samira und dich und Mama und Papa und Linda und Anna und Piter und Rassisten und die Zukunft von ganz Finnland denken. Glaubst du wirklich, ich hätte Zeit für Jungs“?

Eine empfehlenswerte Lektüre trotz mancher Verwirrungen im Ablauf.


Im Schatten des Banyanbaums
Im Schatten des Banyanbaums
von Vaddey Ratner
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wenn die eigene Welt zerbricht, 13. Februar 2015
1975 übernahmen die Roten Khmer die Herrschaft in Kambodscha. Wie so oft nach einer „Revolution“ bedeute dies ein drastische Veränderung nicht nur der Herrschaftsverhältnisse, sondern auch des Alltags. Mitsamt dem, was an Aggression und Rache gegenüber dem „verhassten Regime“ sich nun Bahn brach und der „Umerziehung“ eines ganzen Volkes, das in den nächsten Jahren in aller Härte anstand. Einschnitte, welche die Familie der kleinen Raami umfassend betreffen wird.

Ereignisse, die fast die Regel sind in so vielen Ereignissen der „Umwälzungen“, von Vietnam über Korea bis eben, in diesem Buch, Kambodscha. Ereignisse, die eine frappierende Ähnlichkeit besitzen mit solchen, wie sie u.a. Akbar Omar in der „Festung der neun Türme“ erzählt..

Beide Grundgeschichten ähneln sich im Übrigen auch in den Voraussetzungen. Die Flucht einer gutsituierten Familie, die Bedrängung durch die Revolutionssoldaten. Auch Raama erlebt beim gedrängten, hastigen Aufbruch nur mit dem, was die Hände tragen können, bereits die erste Erschießung, Beiläufig, wie nebenbei. Ein alter Mann, der nicht pariert, der nicht schnell genug ist, wird am Wegesrand kurzerhand erschossen.

„Ein neuer Tag ist angebrochen, Genossen Brüder und Schwestern.
Tragt die revolutionäre Flagge voller Stoltz. Reckt das Gesicht dem glorreichen Licht der Revolution entgegen.“

So die Propaganda. Die Realität war Massenmord, Gefangennehme, Umerziehung, Lager, ständige Bedrohung des Leben für jene, die die ersten Tage überhaupt überlebten.

Raama in ihrem kindlichen Gemüt baut all diese Ereignisse zunächst über weite Strecken hinweg in fantasiereiche Geschichten hinein.

„Du musst „der Dunkle“ sein“, so begrüßt sie den ersten Soldaten der Khmer. Eine Art des Umgangs mit den Ereignissen, die ihr lange Zeit „über den Tag“ helfen, die aber im Anblick von Tot und Not mehr und mehr im Lauf der Erzählung zerbröseln werden. Wie auch ab einem bestimmten Punkt die Gedichte ihres Vaters, die lange Zeit Trost und Weltdeutung zugleich für Raam beinhalteten, ihre Tragkraft verllieren werden.

Und dennoch geht Raama ihren Weg durch diese Zeit, überlebt. Oft mit Glück, manchmal mit kindlicher Weisheit, oft durch Hilfe von anderen.

In Sprache und Stil ist dieser autobiographische Roman eher einfach gehalten, der Protagonisten in der Form angepasst. Und beschäftigt sich in weiten Teilen mit dem inneren Erleben Raamas und weniger mit jener brachialen Gewalt und Unterdrückung, die massiv im Raum stand in jenen Jahren. Öfter erschließt sich erst in den Geschichten Raamas das Geschehen und eine treffende Reflexion des jungen Mädchens, in der sie immer wieder die Kraft für den nächsten Schritt findet.

Eine empfehlenswerte, atmosphärisch dichte Lektüre, an deren Ende wieder einmal die Unsinnigkeit und der menschliche Preis aller fanatischer Ideologie offen im Raume steht.


Lebenslanges Lernen als Erziehungswissenschaft
Lebenslanges Lernen als Erziehungswissenschaft
von Rainer Brödel
  Broschiert
Preis: EUR 39,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Grundlagen und Impulse zum Prozess „ständiger Selbstbildung“, 13. Februar 2015
Man kann durchaus in den letzten Jahren und Jahrzehnten von einem gewaltigen Umbruch im Blick auf „das Lernen“ sprechen.

Im Vergleich zu einem tradierten Verständnis des beruflichen Lernens als „jugendzentrierten Lernverständnis“, das über Jahrhunderte hinweg das Bild des Lernens in den Gesellschaften geprägt hat, hat nunmehr eine deutlich erkennbare und weiterhin deutlich zunehmende „Entgrenzung“ von Lernprozessen konstatiert werden. Zeitlich, räumlich und thematisch (Umschulungen, neue Aufgaben) findet das berufliche Lernen inzwischen zu jeder Lebenszeit statt.

Auf der Basis der wissenschaftlichen Arbeit Nittels wenden sich in diesem Band nun die verschiedenen Autoren dem übergreifenden Thema des lebenslangen Lernens aus unterschiedlichen Richtungen her zu und erläutern so die verschiedenen erziehungswissenschaftlichen Felder des lebenslangen Lernens (nach einer wissenschaftstheoretischen Verordnung des Begriffes zu Beginn des Bandes).

Beratung, Lernen mit Videografie, Lernen im Ansatz einer komparativen Perspektive , berufsbiographische Lernprozesse und die Darlegung von Prozessstrukturen des lebenslangen Lernens inklusive einer Formulierung aktueller Leitbilder bilden den Rahmen der Darstellung im Buch.

Im Gesamten muss betont werden, dass hier auch in der Sprache eine wissenschaftlich orientierte Betrachtung des Themenfeldes vorliegt und in Sprache und Form hohe Anforderungen an die Konzentrations- und Abstraktionsfähigkeit des Lesers gestellt werden.

Zudem ist es sicherlich äußerst hilfreich (gerade in den Auszügen aus Dissertationen im Buch), mit der Arbeit und den Grundthesen Nittels einigermaßen vertraut zu sein, um verschiedene der Beiträge dann entsprechend einordnen zu können.

Wichtig vor allem (und von Wolff im Buch ausführlich und differenziert dargelegt) ist die sich deutlich herausstellende Bedeutung „informeller Lernprozesse innerhalb des beruflichen „Upgradings““. Neben allen pädagogischen Rahmungen und zu setzenden Leitbildern stellt diese informelle Ebene ein wichtiges und wesentliches Element des lebenslangen beruflichen Lernens dar, die sich bis hin zu einer „Veränderung von Überzeugungen“ und einem „Umlernen“ auch in der eigenen Persönlichkeit verdichten kann. Unter der nicht zu unterschätzenden Gefahr eines „Verlernens moralisch-sozialen Wissens“.

Hier verorten die entsprechenden Beiträge im Buch vor allem eine fehlende kontinuierliche Reflexionsmöglichkeit über das, was wie neu oder vertieft erlernten Inhalte in die eigene Person und Haltung integrieren helfen könnte.

Aus der gesamten Darlegung der verschiedenen Themenfelder geht überzeugend die Notwendigkeit für klar benannte Leitbilder in der nahen Zukunft hervor.

Alles in allem bietet dieses Werk einen hochgradig wissenschaftstheoretischen Diskurs zur Formalisierung eines „lebenslangen Lernens“, in dem u.a. der Notwendigkeit einer intensiven Reflexion eines zunächst rein funktional ausgerichteten Wissens in ihrer sozialen Bedeutung hervorgehoben wird. Für am Thema interessierte Laien allerdings ist dieses Werk in seiner sehr spezifischen und wissenschaftlichen Ausrichtung her eher weniger geeignet.


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