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Rezensionen verfasst von
Georges de Gueule (Abensberg Deutschland)

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ZERO - Sie wissen, was du tust: Roman
ZERO - Sie wissen, was du tust: Roman
von Marc Elsberg
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

18 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Asimov, Orwell, Selbstoptimierung, Verbesserungsmanagement - hervorragend verrührt um ein breites Publikum anzusprechen, 2. Juni 2014
Ein geheimes Netzwerk von Internetaktivisten namens Zero zeigt der Welt mit einem waffenlosen Anschlag auf den US-Präsidenten, wie die vorhandene Technik auch die Privatsphäre hervorragend geschützter Menschen zerstören kann. Eine Londoner Boulevardzeitung betreibt auf allen Kommunikationskanälen eine Hetzjagd auf die Internetaktivisten. An vorderster Front eine Journalistin, die im Printzeitalter verwurzelt ist und wie viele Eltern keine Ahnung hat, womit ihre 18jährige Tochter sich so beschäftigt. Im Hintergrund Geheimdienste und ein Internetunternehmen, das seinen Mitgliedern hilft, ihre Ziele zu erreichen und manchen (unerreichbar geglaubten) Traum zu verwirklichen.

Diese Komponenten reichert der Autor mit heute bereits verfügbaren Technologien wie Google Glass an um daraus ein extrem spannendes Szenario einer Gesellschaft, die sich teils freiwillig und teils blauäugig einer totalen Überwachung ausliefert, zu entwickeln. Wer mehr über die Handlung wissen will, dem empfehle ich einen Blick auf den Klappentext oder andere Rezensionen. Im Folgenden will ich erläutern, warum Zero gleichermaßen spannend, lehrreich und zum Überdenken mancher Haltungen anregt und unbedingt von jedem, der über aktuelle Technologieentwicklungen auf dem Laufenden bleiben möchte, gelesen werden sollte.

Ende Mai 2014 erlebte ich Nils Müller von TrendONE, der den Besuchern der Production Systems in Stuttgart Google Glass, Datenlinsen sowie weitere Neuentwicklungen und Prototypen aus den Entwicklungslabors diverser angesagter Firmen demonstrierte. Die Potentiale dieser Technologien begeisterten mich im Gegenteil zu manch anderen im Publikum weniger. Vielmehr wurde ich spontan angeregt, über die Gefahren, die bei falscher Anwendung diesen Technologien innewohnen, nachzudenken. Ich notierte mir, daß ich bald mal wieder George Orwells "1984" lesen sollte. Am gleichen Tag als ich Orwells Buch suchte, hielt ich das gerade erschienene "Zero" zum ersten Mal in der Hand ohne zu ahnen, daß hierin eine Welt beschrieben wird, die im Gegensatz zu "1984" schon in wenigen Jahren Realität sein könnte. Während Orwells Helden gegen einen Überwachungsstaat aufbegehren, können die jugendlichen Protagonisten in "Zero" garnicht genug von sich preisgeben, um in einem Ranking, das über die Hälfte der Weltbevölkerung genauestens auf die Plätze 1 bis 4.000.000.000 verteilt, möglichst weit nach vorne zu kommen. Je mehr man mit im Fokus der Öffentlichkeit stehenden Leuten vernetzt ist und je mehr man von sich an ein vermeintlich diskretes System preisgibt, umso höher ist der erreichte Rang und der Wert den man nicht nur für Werbetreibende darstellt. Daß in dieser Gesellschaft Menschen für ihre Daten Credits, die man in schnödes Geld umwandeln kann, erhalten, versteht sich von selbst.

Issac Asimov erschuf in seiner Foundation-Trilogie den Charakter des Hari Seldon, der den Untergang eines galaktischen Imperiums vorhersieht und mit der Psychohistorik (einer auf Mathematik beruhenden Wissenschaft) das anstehende finstere Zwischenalter bis zum Entstehen eines noch größeren Imperiums dramatisch verkürzen kann. Zu Asimovs Zeiten sprach kaum jemand von Algorithmen mit denen sich das Verhalten einzelner Menschen vorausberechnen läßt, aber Seldons mathematische Modelle sind kaum etwas anderes als die nahezu allgegenwärtigen Algorithmen, die uns heute Partner vorschlagen oder Produkte, die uns "auch interessieren könnten". In Zero arbeiten ein paar nicht so wohlwollende Geschäftsleute daran, mit ihren Algorithmen Wahlen zu entscheiden, Firmen aufsteigen und untergehen zu lassen. Und das mit Daten, die unbedarfte Menschen ihnen eines kleines Vorteils willens gerne zur Verfügung stellen.

Viola, die Tochter der Journalistin Cynthia war bis vor einem halben Jahr Goth und für ihre Mutter kaum erreichbar. Als Kundin des Datenkraken Freemee wird aus der ursprünglich spätpubertierenden und stets dunkel gekleideten Viola eine brave und leistungsorientierte Oberstufenschülerin, so wie viele Eltern es sich sicher wünschen. Erst nach und nach kommt Cynthia dahinter, daß Olivia und ihre Freunde ständig über ihre Handys Hinweise von Freemee erhalten, wie sie sich verhalten sollten um dem Programm früher mitgeteilte Ziele der Selbstoptimierung (Schulerfolg, Freunde, Coolness, etc.) zu erreichen. Was Elsberg hier zeigt, kennt man auch aus Ursula Poznanskis "Erebos", wo Kinder zwar für die gutgemeinten und keineswegs hinterhältigen Ratschläge ihrer Eltern unerreichbar sind, sich aber umso lieber von einem Computerprogramm manipulieren und herumkommandieren lassen. Und wenn man das als Elter liest, kann man schon darüber ins Grübeln kommen, wie man es verhindert, daß die eigenen Kinder Rattenfängern wie dem (noch) fiktiven Freemee auf den Leim gehen.

Garnicht erwartet in einem so packenden Roman hätte ich dann die Gedanken ab S. 353 ff über Nudges, Framing, Ankereffekte und Elemente des in Firmen omnipräsenten Change Managements, welche mich wenigstens dazu anregten, darüber nachzudenken, was an manchen Methoden (auch des Lean Managements) eigentlich noch zulässig ist und was schon der (an sich unzulässigen) Manipulation sehr nahekommt.

Es sind diese und viele andere Aspekte, die mich Marc Elsbergs Buch förmlich verschlingen ließen. Wer an einer spannenden Geschichte, die mir weitaus weniger fiktiv als Asimovs und insbesondere Orwells Welten vorkommt, interessiert ist und eine Menge über die Möglichkeiten der bereits vorhandenen oder demnächst verfügbaren Technologien erfahren möchte, der ist hier sehr gut aufgehoben.

Marc Elsberg ist ein erstklassiger Unterhalter, auch wenn er sich sicher nicht mit den ganz großen Literaten messen kann - aber die haben ja auch selten so spannende Bücher geschrieben! Wer Girolamo Savonarola war, wird im kleinen Glossar im Anhang erläutert. Aber daß die Internetaktivisten (wie Asimov wahrscheinlich auch, der sich bei der Foundation Trilogie an Edward Gibbons "Verfall und Untergang des römischen Reiches" orientierte) im Lateinunterricht ganz gut aufgepaßt haben, das enthält Elsberg, der die Botschaften von Zero immer mit dem Satz "Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Datenkraken zerschlagen werden müssen." seinen Lesern vor. Wer nachschauen möchte: Das Originalzitat stammt von Cato dem Älteren.


Die Chef-Falle: Wovor Führungskräfte sich in Acht nehmen müssen
Die Chef-Falle: Wovor Führungskräfte sich in Acht nehmen müssen
von Jörg Knoblauch
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,99

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Ist es fair, sein großes Netzwerk für positive Urteile zu aktivieren?, 25. Februar 2014
Ich habe schon einige Veranstaltungen von Herrn Knoblauch besucht. Wenn mich ein Thema interessiert, könnte ich mir vorstellen, wieder ein Seminar bei seiner Firma Tempus zu buchen. Das heißt aber nicht, daß ich ihm und seinen Co-Geschäftsführern in allem, was diese von sich geben, uneingeschränkt zustimmen würde. Die "Personalfalle" fand ich recht interessant, wenn auch gelegentlich widersprüchlich und natürlich viel zu dick aufgetragen.

Die "Chef-Falle" habe ich nicht gelesen. Wie ich schon vor längerer Zeit als Kommentar bei der bisher einzigen kritischen Rezension ("ziemlich belanglos", 8. Oktober 2013) zu diesem Buch anmerkte, stehen hier viele Gefälligkeitsurteile für Herrn Knoblauch; manche der Urteilenden sind im weiteren Sinne wirtschaftlich mit ihm verbandelt. Nun erhielt ich vor wenigen Tagen die weiter unten folgende Werbung. Ein Kommentar erübrigt sich. Es sei angemerkt, daß auch andere Buchautoren und zwar insbesondere die, die mit Motivationsseminaren ihr Geld verdienen, oft ähnliche Methoden verwenden:

"Die Chef-Falle"
Werden Sie mein Buch-Botschafter

Sehr geehrter Herr de Gueule,

bei meinem neuen Buch "Die Chef-Falle" haben viele von Ihnen tatkräftig mitgearbeitet, wie z. B. Susanne Ottmar, der ich meine besten Storys verdanke. Vielleicht haben Sie jetzt zusätzlich noch Lust, in Ihrem Netzwerk als Buch-Botschafter aufzutreten?

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2. Berichten Sie über das Buch innerhalb Ihres persönlichen Netzwerks (z. B. in Ihrer Mitarbeiterzeitung, in Arbeitskreisen, bei Facebook, Twitter und Xing).

Haben Sie Lust, mitzumachen?
Eine kurze Nachricht an mich (j.knoblauch@tempus.de) genügt und das Hörbuch ist schon unterwegs an Sie. Was kann ich sonst noch für Sie tun?
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 27, 2014 12:54 PM MEST


Krieg: Wozu er gut ist
Krieg: Wozu er gut ist
von Ian Morris
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,99

15 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Kriege unserer Vorväter erlauben uns heute ein vergleichsweise gewaltfreies Leben, 14. November 2013
Rezension bezieht sich auf: Krieg: Wozu er gut ist (Gebundene Ausgabe)
Als mir der provozierende Titel von Ian Morris' neuestem Buch zum ersten Mal ins Auge fiel, dachte ich reflexhaft, daß die Antwort doch wohl nur "Nichts!" lauten könne. Nachdem ich "Wer regiert die Welt?" mit einigem Gewinn gelesen hatte und mit Morris' unkonventioneller Herangehensweise an große Themen bereits vertraut war, hat die Lektüre des Klappentextes und eine kurze Sichtung der Inhalte mich zum Kauf motiviert.

Gewisse Parallelen zum letzten Buch blitzen bei der Lektüre gelegentlich durch, aber man kann keineswegs von einem Neuaufguß sprechen. Weit davon entfernt, Krieg per se gutzuheißen, betrachtet Morris die großen Kriege der Menschheitsgeschichte. Was wir als einzelne kriegerische Auseinandersetzungen wahrnehmen, faßt er zu größeren Gebilden zusammen. Die Zeit in der Europa die Welt erobert bezeichnet er als fünfhundertjährigen Krieg (1415 bis 1914). Die Jahre 1914 bis zum Ende des Kalten Kriegs in den 1980ern als den Krieg um Europa. Diese Komprimierung reicht auch aus um seine Grundthese eindrücklich zu untermauern.

Morris unterscheidet geschichtliche Perioden mit starken, großen Reichen und Perioden relativen Chaos'. Vor vielen Jahrtausenden, als es noch keine Staaten gab, sei das Risiko eines Menschen, durch Gewalt zu sterben, sehr groß gewesen. Nomaden bedrohten diejenigen, die bereits seßhaft geworden waren. Durch blutige Kriege seien Staatswesen gebildet worden. Nach Etablierung dieser sei das Risiko, durch Gewalt zu sterben, jedes Mal signifikant zurückgegangen. Und zwar schon vor mindestens 2.000 Jahren, als man in Rom und anderswo bloß zur Unterhaltung noch Menschen sich gegeneinander abschlachten ließ.

Das Leben vor der Gründung erster Reiche sei zwar frei und unbesteuert, aber eben mit hohem Todesrisiko verbunden gewesen, weil herumziehende Räuber und Diebe sich für den Besitz anderer interessierten. Starke Staaten hätten die Willkürrisiken reduziert, dafür dem Bürger aber einen Preis in Form von Steuern oder Frondiensten abverlangt. Aus dem nomadisierenden Räuber sei in Form von Königen oder anderer Herrscher ein stationärer Räuber geworden. Morris bezeichnet diese mit Bezug auf den Philosophen Thomas Hobbes -wie schon Steven Pinker in seinem Buch "Gewalt"- als Leviathan. Weil vorausgehender Krieg der Preis zur Errichtung gut organisierter Reiche ist, kann Morris dem Krieg -fernab der Betrachtung individueller Schicksale- positive Aspekte abgewinnen. Mit fortschreitender Lektüre fällt es immer schwerer, sich dieser Argumentationslinie zu widersetzen.

Wie schon in seinem vorangegangenen Buch versucht Morris im letzten Fünftel seines Werkes einen Blick in die Zukunft zu werfen. Der erste Weltpolizist der Neuzeit, das Vereinigte Königreich, sei im 20. Jahrhundert von den USA abgelöst worden. Um den Frieden zu sichern, werde man noch einige Zeit einen Weltpolizisten benötigen, aber Morris macht sich Sorgen, ob der jetzige und seine Gegner sich dieser Tatsache bewußt seien. Morris ist auch ein Kenner klassischer Science-Fiction-Literatur. Seine Einschätzung, daß Mensch und Technik in einigen Jahrzehnten so miteinander verschmelzen werden, daß der Kreislauf von Gewalt und Frieden dann endgültig unterbrochen wird ist zwar ermutigend, erscheint mir aber angesichts dessen, was aus vielen früheren Vorhersagen wurde, ein bißchen sehr weit hergeholt.

Mir hat das Buch trotz der fiktiven Elemente zum Schluß sehr gut gefallen. Der überaus gebildete Morris spricht viele interessante Dinge an, die einen zum Nachdenken anregen und dem Leser wichtige Impulse auch im Hinblick auf strategische Entscheidungen, Unternehmensorganisation und die Führung von Menschen geben können. Wer sehr wenig Zeit hat und schon "Wer regiert die Welt" sowie "Gewalt" von Pinker gelesen hat, kann eventuell auf diese Lektüre verzichten, obwohl man für seine Mühen ausreichend belohnt wird. Angesichts der Arbeit, die in diesem Werk steckt, verzichte ich darauf, einen Stern für die stellenweise schlampige Rechtschreibkorrektur des Textes abzuziehen.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 7, 2014 11:05 AM MEST


Wirf den Frosch: Ein Business-Roman
Wirf den Frosch: Ein Business-Roman
von Lars Vollmer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,00

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Die Prinzessin wollte den Frosch nur loswerden, 28. Oktober 2013
Ich erhielt per Mail eine Einladung zu einer Lesung des Autors und wurde so überhaupt auf das Buch aufmerksam. Lars Vollmer habe ich im Frühsommer 2013 zum ersten Mal live erlebt. Seine Aussagen fand ich nach den üblichen Abstrichen, die man bei Leuten, die sich neudeutsch als "Professional Speaker" bezeichnen, machen muß, teilweise interessant. Nachdem es in seinem ersten Roman darum geht, daß die Hauptfigur Nico Brunsmann "seinen Betrieb, gegen zähe Widerstände, verschlanken und auf Höchstleistung trimmen" muß, habe ich mich zur Lektüre entschieden.

Brunsmann arbeitet beim norddeutschen Pumpenhersteller Siebert & Stolzky AG, der vor einigen Jahren an einen chinesischen Investor verkauft wurde. Der frühere Eigentümer Theo Stolzky hat noch einen Schreibtisch im Unternehmen, aber kaum mehr was zu sagen. Dem Vorstand gehört neben Brunsmann u.a. der Chinese Liang Hu Akuma an, der im Prinzip die Richtlinien vorgibt.

Das Unternehmen tritt auf der Stelle und tut sich zunehmend schwerer mit der außereuropäischen Konkurrenz, Termine werden nicht eingehalten, Kunden sind unzufrieden, drohen mit Absprung und mit der Rentabilität steht es auch nicht zum Besten. Brunsmann ist bei seinem letzten Arbeitgeber gescheitert und will es dieses Mal richtig machen.

Als er meint, daß es nicht mehr anders geht, beraumt er einen "Event" an, er will die Mitarbeiter wachrütteln und dazu bringen, mit ihm an einem Strang zu ziehen. Der Event erscheint mir kaum vorbereitet. Die ganze Vorgehensweise eines Vorstands unwürdig und naiv. Im zweiten Teil des Buchs wird dann endlich ein ernsthafterer, d.h. auch besser vorbereiteter "Event" angekündigt und durchgeführt. Zumindest oberflächlich wird skizziert, um was es geht, wie die Mitarbeiter dazu gebracht werden (sollen), mit ins Boot zu kommen und wie man die Dinge anpacken möchte. Aber alles bleibt seltsam oberflächlich und viel zu wenig konkret als daß man etwas dabei lernen könnte. Auch die Lösung aller Probleme (der chinesische Kollege kehrt in die Heimat zurück, Stolzky kauft die Firma zurück, in Namibia wird ein großer Wasserpumpenmarkt entdeckt, hä?) ist einfach nur schlecht konstruiert und hat nichts mit den Ergebnissen von Brunsmanns Verbesserungsbemühungen zu tun. Warum dann bloß der Roman?

Vollmer, der mit seinem Beratungsunternehmen Vollmer & Scheffzyk auch Dienstleistungen im Bereich des Lean Management anbietet, erwähnt einige Begriffe aus dem Lean-Werkzeugkasten, u.a. den durch Mike Rothers Toyota-Katas bekanntgewordenen Begriff Ziel-Zustand, den Brunsmann nicht müde wird zu nutzen. Leider bleibt der Begriff ziemlich sinnleer und ich bin sicher, daß ein unkundiger Leser nicht begreift, um was es hier genau geht.

In einem Nebensatz läßt Vollmer Brunsmann den amerikanischen Autor Eliyahu Goldratt erwähnen. Leider fehlt ein Hinweis auf dessen "Roman über Prozessoptimierung" "Das Ziel", den Vollmer sich offensichtlich zum Vorbild genommen hat für sein Buch. "Das Ziel" ist ein gelungener Businessroman, der erklärt, wie man Engpässe erkennt, an diesen arbeitet und so neue Engpässe verursacht.

Vollmers Buch löst sein Versprechen leider nicht ein, es ist oberflächlich, reißt Themen an, erklärt aber keines so, daß ein kenntnisarmer Leser etwas damit anfangen könnte und für den der Vorkenntnisse mitbringt, gibt es leider nichts Neues zu erfahren. Ich werde den Verdacht nicht los, daß es garnicht darum geht, den Leser schlauer zu machen, sondern nur darum, ein Buch zu haben, das potentielle Kunden beeindruckt. Vielleicht geht Vollmer davon aus, daß die meisten Leute sein Buch ohnehin nicht lesen werden, was nicht das Dümmste wäre. Ich empfehle denjenigen, die sich dem Thema Prozeßverbesserung und Lean in Romanform nähern wollen lieber das Original von Goldratt oder die beiden Bücher von Thomas Hochgeschurtz.

Als Brunsmann an seiner Aufgabe verzweifelt, wünscht er sich, den Frosch an die Wand zu werfen, damit ein Prinz rauskommt. Die Prinzessin aus dem Märchen vom Froschkönig wußte nicht, daß der Frosch ein verwunschener Prinz war, sie wollte ihn nur loswerden. So wie Vollmers Analogie zum Märchen hinkt, so hinkt auch der Vergleich des Buchinhalts mit der Realität.

P.S.: Einer der beiden Beurteiler von Vollmers Buch verdient sein Geld ebenfalls als "Professional Speaker". Bevor man dessem Urteil vertraut, sollte man sich die Liste der bisher besprochenen Werke anschauen. Fast alle Verfasser, die die Höchstnote für ihre "Werke" erhalten, sind ebenfalls "Professional Speaker".


Intrige
Intrige
von Robert Harris
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

34 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Äußerst spannende Schilderung einer Militärintrige der 1890er Jahre mit beängstigenden Bezügen zur Gegenwart, 28. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Intrige (Gebundene Ausgabe)
Spätestens seit dem Erscheinen von Florian Illies' "1913" war absehbar, daß der vor bald hundert Jahren ausgebrochene 1. Weltkrieg eine Flut von Buchveröffentlichungen zum Thema hervorbringen würde. Philipp Blom hatte schon 2009 in "Der taumelnde Kontinent" die Jahre 1900 bis 1914 abgearbeitet. Vor kurzem erschien das ebenfalls hervorragende Buch Christopher Clarks, "Die Schlafwandler - Wie Europa in den ersten Weltkrieg zog". Blom und Clark erwähnen in ihren Geschichtsdarstellungen auch die Dreyfus-Affäre, die Frankreich Ende des 19. Jahrhunderts erschütterte und zu einer Verschiebung der Machtgefüges zwischen Zivilgesellschaft und Militär führte.

Als mir am Erscheinungstag Robert Harris' neuestes Werk auf einem Bücherstapel ins Auge fiel, freute ich mich über die Gelegenheit, mithilfe eines Romans endlich zu erfahren, was es mit der Dreyfus-Affäre denn genau auf sich hatte. Nur unterbrochen von den üblichen Dingen des täglichen Lebens habe ich weniger als zwei Tage benötigt, um die 600 Seiten von "Intrige" zu verschlingen. Das Buch ist sehr spannend und sicher auch für jeden Thriller-Leser, dem es nicht in erster Linie um historische Aspekte oder die Welt des Militärs geht, ein Genuß.

Der Ich-Erzähler Marie-Georges Picquart beschreibt, wie er die Jahre 1894 bis 1899 erlebt hat. Der Roman beginnt mit seiner Schilderung, wie dem verurteilten Dreyfus vor der Pariser Öffentlichkeit und einigen tausend Soldaten in einer sorgsam vorbereiteten Inszenierung alle militärischen Abzeichen und Dekorationen regelrecht vom Leib gerissen werden. Major Picquart wird kurz darauf zum Leiter der Statistik-Abteilung berufen und zum Oberst befördert. Aufgabe der Abteilung ist die militärische Aufklärung, diese hat zuvor die Beweise zusammengetragen, die den aus dem Elsaß stammenden jüdischen Hauptmann Dreyfus des Geheimnisverrats an das Deutsche Reich überführten.

Picquart arbeitet sich in die Geheimdiensttätigkeit ein und stolpert bald über Dokumente und neue Erkenntnisse, die nahelegen, daß nicht Dreyfus, sondern ein durch Spielschulden notorisch klammer Offizier der Verräter ist. Mit dem beim Militär gebotenen Respekt und anfänglicher Subordination breitet er die Erkenntnisse vor seinen Vorgesetzten aus. Diese scheinen kein Interesse an einer Wiederaufnahme des Verfahrens gegen den in die Verbannung auf eine südamerikanische Insel verschickten Dreyfus zu haben. Der Ich-Erzähler läßt durchblicken, daß er weder der jüdischen Gesellschaft, noch dem vermögenden Dreyfus gegenüber je besonders wohlgesonnen war oder jetzt wäre. Picquart ist aber ein aufrechter Mann, der Ungerechtigkeiten ablehnt und außerdem den wahren Verräter kaltgestellt sehen möchte. Nachdem er den Druck zur Richtigstellung auch durch politische Manöver zu erhöhen versucht, bekommt er Gegenwind und wird nach Nordafrika abgeschoben. Weil er trotz seiner eingeschränkten Möglichkeiten in der Ferne nicht aufgibt, soll er auf ein Himmelfahrtskommando in die Wüste geschickt werden.

Obwohl jeder den Ausgang der Affäre in einem Lexikon nachlesen kann, gelingt es Harris die Geschichte einer Intrige des Militärs so spannend darzustellen, daß es schwerfällt, das Buch aus der Hand zu legen. Picquart muß auf seinem weiteren Weg noch einige Rückschläge sowie diverse Inhaftierungen überstehen; dem Leser bleibt der Mund offen stehen, wenn er beobachtet, wie höchste Militärstellen schamlos lügen und immer nochmal etwas draufzulegen versuchen. Ähnlich John Grisham arbeitet Harris mit vielen kurzen Sätzen um beim Leser Atemlosigkeit auszulösen und die Spannung hochzuhalten. Hierdurch fällt es sehr schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Obwohl Harris angibt, nicht alle historischen Personen, die im Zusammenhang der Affäre eine Rolle spielten, in seinem Roman zu berücksichtigen, kommen um die 40 Personen vor. Die Vielzahl der Akteure stellt jedoch nie ein Hindernis beim flüssigen Verfolgen der Handlung dar.

Nachdem Dreyfus 1899 freigelassen und 1906 endgültig rehabilitiert wurde, hat sich auch die Kräfteverteilung zwischen Militär und Regierung in Frankreich verschoben. Das Erkennen der Intrige gegen Dreyfus schwächte den Einfluß des Militärs (dessen Vertreter Emile Zola mit "J'accuse" angeklagt hatte) in der französischen Gesellschaft. Das Gedankengut, das damals wohl in der französischen Militärführung vorherrschte, scheint seitdem jedoch nicht restlos ausgerottet; ob es sich nun um Beweise zur Begründung des Irakkriegs oder den jüngsten Umgang mit Bradley Manning handeln mag. Wer manche gegenwärtige Entwicklung verstehen möchte, tut ebenfalls gut daran, sich mit Robert Harris' "Intrige" auseinanderzusetzen.


Inside Aldi & Co.
Inside Aldi & Co.
von Andreas Straub
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,99

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Das Niveau von Jürgen Leinemann wird Andreas Straub nie erreichen, 27. Oktober 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Inside Aldi & Co. (Taschenbuch)
Discount-Prinzip auch bei Büchern? Das Nachfolgebuch soll einen Euro weniger kosten, als der Vorgänger. Als ich das Buch in der Hand halte ist klar, warum. Zuletzt 336 Seiten und jetzt nur noch 144 Seiten. Der Seitenpreis hat sich binnen eines guten Jahres mehr als verdoppelt! Auf den Seiten 9 bis 18 werden Briefe, die der Autor erhalten hat, wiedergegeben. Gestehen wir ihm wenigstens etwas redaktionelle Bearbeitung zu. Das erratisch zusammengestellt wirkende Buch besteht aus 19 Kapiteln. Auch in einigen anderen Kapiteln wird absatz- bis seitenweise nur zitiert und wiedergegeben, was der Autor an Aussagen und Beschwerden von anderen eingesammelt hat. Manches klingt haarsträubend und weil die Quellen manchmal sehr im Dunkeln bleiben, fragt man sich gelegentlich, ob das wirklich stimmt oder des Effekts wegen stark überzeichnet wurde.

Einige Wochen vor der Buchveröffentlichung unterstützten überregionale Medien die Werbeanstrengungen des Verlags und berichteten vorab über das Kapitel "Festgebunden und angeschwärzt - Was Auszubildende in einem Aldi-Zentrallager erdulden mußten". Ich bezweifle nicht, daß die geschilderten Dinge dort passiert sind. Laut Spiegel-Vorabmeldung vom 20.10.2013 hat Aldi nun mit der Einrichtung eines Ombudsmanns reagiert. Ombudsmann wohl deshalb weil es bei Aldi (oft) keine Betriebsräte gibt. Ein Zusammenhang mit dem Buch von Andreas Straub wurde von Aldi geleugnet. Ein Schelm wer Schlechtes dabei denkt.

Was mich aber an Straubs Buch stört, ist die Tatsache, daß er Aldi bzw. seinen Führungskräften (wie auch manch anderen Unternehmen) unterstellt, es stecke hinter dem Fehlverhalten einiger Mitarbeiter System. Wer schon mal in einer Montagegruppe arbeitete, die einen Akkordlohn erhält, konnte vielleicht beobachten, daß sowohl zu schnelle, wie auch zu langsame Gruppenmitglieder von den anderen "ausgebissen" wurden. Mancher Vorgesetzte mag um die Dynamik in den Gruppen wissen und so etwas dulden. Aber es steckt bestimmt kein System des Arbeitgebers dahinter außer, daß dieser Ergebnisziele verfolgt, seinen Mitarbeitern Handlungsspielraum zur Erreichung der Ziele einräumt und nicht jeder Mitarbeiter moralisch korrekte Wege zur Erreichung dieser beschreitet. Natürlich wäre es schön, der Arbeitgeber überwachte immer, ob seine Mitarbeiter sich korrekt verhalten, aber wie soll er das machen, vielleicht mit Kameras oder Detektiven?

Der Spiegel-Reporter Jürgen Leinemann hat sich in den Siebzigern und Achtzigern an Franz Josef Strauß abgearbeitet. Seine Reportagen brannten jedes Mal ein rhetorisches Feuerwerk ab und auch mit eleganter Demagogie wußte Leinemann nicht zu sparen. Er war definitiv nicht immer fair, aber seine Texte sind noch heute mit großem Genuß zu lesen. Was die Demagogie betrifft, so scheint Straub Leinemann nachzueifern, allerdings auf niedrigstem Niveau. Auf Seite 47 bezeichnet er den früheren Aldi-Manager Dieter Brandes als "Autor und Berater, der sich gerne wie eine Art Pressesprecher des Konzerns geriert". Autor und Berater setzt Straub in Anführungszeichen. Rororo stellt Andreas Straub auf Seite 2 übrigens folgendermaßen vor: "Er arbeitet heute als Berater und freier Autor". Ohne Anführungszeichen. Leute, die nach Straubs Urteil richtig liegen, werden respektvoll vorgestellt: "sagte der erfahrene Ermittler" (Seite 49f).

Ist der folgende Absatz von Seite 111 manipulativ? "Nach einem längeren, ergebnislosen Gespräch mit einer kettenqualmenden, muffinmampfenden Takko-Bezirksleiterin über deren Auszubildende, die in der Berufsschule negativ aufgefallen waren, konnte ich auch Beschwerden über unfähige Führungskräfte gut nachvollziehen." Was bleibt an Beweiskraft, wenn man aus dem Zitat "kettenqualmenden, muffinmampfenden" rausstreicht? Es soll einen früheren Bundeskanzler geben, der in ansonsten rauchfreien Fernsehstudios "kettenqualmen" darf und dem viele, je länger seine Kanzlerschaft zurückliegt, umso mehr nachtrauern.

Im Kapitel über Freßnapf wird uns auf Seite 118 Frau Müller vorgestellt, die mit 7,50 Euro in der Stunde wahrlich nicht viel verdient. Straub ermittelt ihr Einkommen bei 25 Stunden pro Woche wie folgt: "Bei Lohnsteuerklasse 5, die sie hat, sind das 520 Euro netto." Für den geringen Stundenlohn ist der Arbeitgeber sicher verantwortlich, aber bestimmt nicht für die Wahl der Lohnsteuerklasse. Sollte ihr Ehemann nicht erheblich mehr verdienen, so wird das Finanzamt am Jahresende für einen Ausgleich sorgen. Das enthält Herr Straub aber seinen steuertechnisch vielleicht weniger versierten Lesern vor.

Neben -für meinen Geschmack- zu vielen Rechtschreibfehlern und manchen inhaltlichen Fehlern (Offenburg bei Frankfurt, Herr Straub haben Sie wirklich Frau Milenovska (Seite 67) dort besucht?) stören mich insbesondere des Autors plumpe Versuche, seine Leserschaft zu manipulieren und überzeugen. Ich will gerne glauben, daß Vieles von dem was Herr Straub schreibt, stimmt, aber so muß man es nicht rüberbringen! Wer wenig Zeit für Lektüre hat, sollte lieber einen guten Roman lesen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 4, 2013 3:07 PM CET


David und Goliath: Die Kunst, Übermächtige zu bezwingen
David und Goliath: Die Kunst, Übermächtige zu bezwingen
von Malcolm Gladwell
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

37 von 37 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Sehr unterhaltsam, ... aber auch lehrreich?, 1. Oktober 2013
Das Titelbild ist grauenhaft, später als üblich habe ich erfaßt, daß das Buch "David und Goliath" heißt. Klar, wer kennt diese alttestamentarische Geschichte, die den Schwachen und Unterlegenen Hoffnung macht, daß sie auch mal auf der Gewinnerseite stehen könnten, nicht?

Nachdem ich Gladwells "Blink" vor Jahren mit Interesse und Genuß gelesen hatte, griff ich beim Stöbern in der Buchhandlung beherzt zu. Und ich habe das Buch binnen drei Tagen gelesen. Der Autor macht es einem sehr leicht, sein Stil ist abwechslungsreich und die Storys sind sehr spannend aufgebaut.

Natürlich geht es mit der Geschichte von David und Goliath los. Interessant, welche Schlußfolgerungen die Forschung über das mögliche Krankheitsbild des Riesen Goliaths heute zieht, bedenkt man die doch äußerst dünne Faktenlage. Solche Informationen haben zwar wenig mit der Ankündigung, daß Gladwell berichten will, wie scheinbar unterlegene Gegner gegen erdrückende Mächte siegen können, zu tun, lesen sich aber gut.

Auf knapp 230 Seiten breitet Gladwell drei Teile aus: 1. Die Stärken der Schwachen (und die Schwächen der Starken), 2. Die Theorie der wünschenswerten Schwierigkeiten und 3.Die Grenzen der Macht.

Im meines Erachtens stärksten ersten Teil schildert er, wie sportlich unterlegene Mädchen weitaus besser trainierte Gegnerinnen im Basketball schlagen (weil der Trainer sich nicht an die üblichen Konventionen hält ohne gegen die geltenden Regeln zu verstoßen), warum kleine Klassen für Schüler schädlicher sein können als große und wieso es gut sein kann, als recht guter, aber nicht brillanter Schüler einer mittelguten Universität gegenüber einer Spitzenuniversität den Vorzug zu geben. Gladwell, dessen Kunst das Schreiben, weniger das Forschen, ist, zitiert Studien wonach zunehmendes Einkommen oder die Kleinheit einer Klasse bis zu einem bestimmten Punkt hilfreich sein können. Wenn der Idealpunkt überschritten sei, steige der zusätzliche Nutzen (wie vielleicht zu erwarten wäre) nicht immerhin noch inkrementell an, sondern entwickle sich zurück, so daß weder großer Reichtum für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern noch die Kleinheit einer Klasse für die Leistungen von Schülern vorteilhaft sein sondern eher mit starken Nachteilen einhergehen könnten. In diesem Teil fühlte ich mich gelegentlich an "Der Blaue Ozean als Strategie: Wie man neue Märkte schafft, wo es keine Konkurrenz gibt" erinnert.

Im zweiten Teil schildert Gladwell u.a., warum Legasthenie für die Entwicklung mancher Fähigkeiten von Vorteil sein kann, auch wenn man eine solche "Behinderung" seinen Kindern wohl kaum wünschen möchte. Die Story kann Eltern von Kindern mit Legasthenie- oder Dyskalkulie-Problemen sicher Hoffnung und manche Unterstützungsplackerei erträglicher machen. Interessant auch die Ausführungen, wie eine schwere Kindheit Menschen so formen kann, daß sie zu Leistungen fähig sind, die Personen aus unproblematischeren Verhältnissen womöglich nie gezeigt hätten.

Im dritten und meines Erachtens enttäuschendsten Teil zeigt Gladwell die Grenzen von staatlicher Macht oder gar von Willkürherrschaft auf. Der Leser, der vielleicht Anregungen erwartete, wie er sich in ähnlich gelagerten Fällen verhalten könnte, muß hier erkennen, daß längst nicht alles so vorhersagbar und kalkulierbar ist, wie im Klappentext des Buchs suggeriert. Aber auch hier gibt es einiges Nachdenkenswertes, insbesondere über die Frage, wie man auf Tötungsdelikte gegenüber nächsten Angehörigen "angemessen" (so, daß man als Hinterbliebener selbst den Rest des Lebens einigermaßen zufrieden weiterleben kann) reagieren könnte.

Auf der Rückseite des Buchs prangt ein Zitat aus Time: "Gladwells Genie liegt in seiner Kunst, Geschichten zu erzählen." Es beschreibt dieses Buch sehr gut. Gladwell kann definitiv fesselnd erzählen, in jedem Kapitel einen Spannungsbogen aufbauen, in dem zuerst scheinbar nicht miteinander zusammenhängende Geschichten geschildert werden, die sich später wie perfekt passende Puzzleteile zu einer schlüssigen Aussage zusammenfügen.

Auch wenn Gladwell einen über zwanzigseitigen Anhang mit Erläuterungen und Hinweisen auf Quellen anfügt, haben mich seine Schlußfolgerungen nicht immer überzeugt. Insgesamt ist mir das Buch zu feuilletonistisch und in seinen Schlußfolgerungen oft beliebig. Es ist definitiv eine spannende und unterhaltsame Lektüre, aber der Nutzen, den ich bei einem im Campus-Verlag erschienenen Buch -auch für meine Arbeit erwartete- ist mir zu gering. Geärgert habe ich mich über die schlampige Rechtschreibkorrektur, gefühlt alle zehn Seiten mindestens ein Rechtschreib- oder Sinnfehler. Der Vorname der zitierten Person zu Beginn des 1. Kapitels ist falsch und der italienische Sinnspruch auf Seite 50 lautet korrekt: "Dalle stelle alle stalle". Hoffentlich sind Autor und Lektor an wichtigerer Stelle keine solchen Schnitzer unterlaufen. Deshalb und wegen des Stils, der in erster Linie ausschließlich auf Unterhaltung abzuzielen scheint, nur "tre stelle", d.h. 3 Sterne.
Kommentar Kommentare (6) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 8, 2013 2:03 PM CET


Schantall, tu ma die Omma winken! Aus dem Alltag eines unerschrockenen Sozialarbeiters
Schantall, tu ma die Omma winken! Aus dem Alltag eines unerschrockenen Sozialarbeiters
von Kai Twilfer
  Broschiert
Preis: EUR 9,95

16 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Satirischer Lesespaß für alle ohne vorgefasste Ansichten, 1. Juli 2013
Eine durchaus wohlwollende Besprechung in der Presse machte mich auf dieses Buch aufmerksam. Meine Buchhändlerin schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als ich mich nach dem vorübergehend vergriffenen Buch erkundigte. Und die Buchbesprechungen hier waren entweder voll des Zuspruchs oder der Ablehnung. Da mußte also unbedingt eine eigene Meinung her.

Beim nächsten Besuch meines Literaturdealers habe ich das Buch mitgenommen und noch am darauffolgenden Abend binnen vier Stunden von vorne bis hinten durchgelesen. Ich fühlte mich gut unterhalten. Bei mir lagern hunderte ungelesener Bücher und ich bringe keine allzu große Geduld mit für langweilige oder nutzlose Lektüre. Warum habe ich das Buch mit Vergnügen gelesen? Ganz einfach, weil es unterhaltsam ist, natürlich ein bißchen böse (aber welche Satire ist das nicht?) und weil ich glaube, daß der Autor das Milieu recht gut beschreibt. Die Idee, daß die städtischen Angestellten mal Job-Rotation machen sollen (vom Kulturreferenten zum Sozialarbeiter) hat Charme und daß ein Neuling auf seinem Gebiet keine perfekten Kenntnisse seines Aufgabengebiets haben kann, finde ich nachvollziehbar. Darüber hinaus finde ich, daß der Erzähler durchaus Sympathie für seine Klientel trotz aller Kritik und gelegentlicher Herablassung durchblicken läßt.

Ich habe keinen allzu großen Einblick in das Leben von Hartz-IV-Empfängern, aber als Ausbilder komme ich mit jungen Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten zusammen. Insbesondere die Darstellung mangelnder Leistungsbereitschaft und -fähigkeit, wie im 4. Kapitel über die Heimkunft von Schantalls Vater aus dem Krankenhaus dargestellt, als keiner in der Lage ist, heruntergefallende Essensreste vom Boden aufzuklauben und diesen zu säubern, was weitere Probleme verursacht, kommt mir allzu vertraut und daher realistisch vor.

Aber erwarten Sie kein extrem lustiges Buch, es handelt sich um kurzweilige Unterhaltung, die sich leicht konsumieren läßt - vorausgesetzt man ist nicht so borniert zu glauben, Sozialhilfeempfängern würde damit gedient, nichts Negatives über sie zu schreiben, weil sie ohnehin von der Gesellschaft schlecht genug behandelt werden. Tatsachen zu bemänteln und aus Scham zu verschweigen hilft sicher niemandem.

Der Autor beschließt die einzelnen Kapitel seines Buchs mit der Überschrift "Was hängen blieb:" im Management-Deutsch nennt man das gerne "Lessons learnt". Hier unternimmt er den Versuch, das Geschilderte zu analysieren. Manchmal kann man dem sicher gut zustimmen, manchmal ist es übertrieben bemüht, aber auch diese Nachworte verdeutlichen, daß der Autor sich sicher nicht über Schantall und ihre fiktive Sippe sowie ihresgleichen lustig machen möchte.

Warum ich trotzdem nur drei Sterne gebe: Der Autor versucht sich -nicht durchgängig, aber immer wieder mal- an einem vermeintlich akademischen Schreibstil und der nervt manchmal - zumal manche Sätze grammatisch fragwürdig sind, aber das sind die Zitate im Ruhrpott-Slang ja auch . Außerdem scheinen manche Sätze umformuliert worden zu sein und es wurde wohl vergessen, die ursprünglichen Satzteile beim Setzen zu entfernen (vielleicht gab es keinen Lektor). Aber Rechtschreibfehler -wie von manchem, der Rechtschreibung auch nicht gerade mächtigen, Kritiker behauptet- habe ich nicht mehr als heute üblich entdecken können.

Damit Sie mein Urteil bezüglich des zu erwartenden Leseerlebnisses einordnen können nenne ich hier ein paar der Bücher, die ich in den letzten zwei Jahren mit großem Genuß (wieder-) gelesen habe: Quasikristalle, Nevena, Kapital (von Lanchester, nicht Marx), Er ist wieder da, Freiheit (Franzen) Siegfried und Krimhild (Lodemann), Der Untertan, Buddenbrooks (da reichen fünf Sterne nicht aus)und die Blechtrommel. Und was mir partout nicht gefallen hat, obwohl überaus euphorisch besprochen: Tschikk und Super Sad True Love Story von Gary Shteyngart.


Silo: Roman
Silo: Roman
von Hugh Howey
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

13 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Hält nicht, was der vollmundige Klappentext verspricht, 17. April 2013
Rezension bezieht sich auf: Silo: Roman (Gebundene Ausgabe)
Aufgrund der Empfehlung meines Buchhändlers habe ich "Silo" gekauft. In meiner (lang zurückliegenden) Jugend las ich mit großer Begeisterung Science Fiction. Meine Lieblingsautoren waren Isaac Asimov und Herbert W. Franke. Besonders die Kurzgeschichten haben mich angesprochen und bereiten mir auch heute beim -viel zu seltenen- Wiederlesen Freude.

Hugh Howeys "Silo" gliedert sich über 530 Seiten in fünf Teile. Der kürzeste erste Teil (bis Seite 44) ist einigermaßen spannend und man fragt sich, ob dem unter der Erde lebenden Menschheitsrest nur vorgegaukelt wird, daß die Oberfläche verwüstet und unbelebbar ist. Dann aber wird es langweilig und dröge. Nach dem elften Kapitel hatte ich auf Seite 87 genug. Meine Zeit ist mir zu kostbar, um diese mit ellenlangen, überwiegend langweiligen und uninspirierten Beschreibungen des Lebens in einem gigantischen unterirdischen Silo zu verschwenden. Wäre wenigstens die verwendete Sprache anspruchsvoll! Also habe ich die Rezensionen auf Amazon gelesen und angesichts der Tatsache, daß das Geld für den Bucherwerb bereits verloren ist, noch die letzten 50 Seiten ab dem 75. Kapitel gelesen. Sollte das Ende überraschend oder sonstwie interessant sein, würde ich kein Problem damit haben, mir auch den dazwischenliegenden Rest anzutun. Man schaut sich ja auch manche Filme wiederholt an, obwohl man bereits beim ersten Wiedersehen das Ende kennt.

Auch das Ende von "Silo" ist weder originell noch irgendwie verblüffend. Oder soll Dystopie (der Genre dieses Buchs) bedeuten, daß der Leser prinzipiell mit einem wenig zufriedenstellenden Leseerlebnis zurückgelassen werden soll? Dann wäre der "Silo" in der Tat wenigstens eine "gute" Dystopie.

Bei der Lektüre von Science Fiction bin ich gerne bereit, einiges zu akzeptieren, was nach heutigen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen eigentlich nicht möglich sein kann (Überlichtflug oder Zeitreisen). Der Rest sollte aber bitteschön einigermaßen plausibel sein. Im Silo gibt es ausreichend Rohstoffe, Sauerstoff, Energie und Wasser, um tausende von Menschen zu versorgen. Obwohl manche Techniken hochmodern sind, sind andere Technologien hinter den heutigen Stand zurückgefallen. Star Wars mochte ich nicht, weil da mit Lichtschwertern gekämpft wird, obwohl Fernwaffen zur Verfügung stünden. Meines Erachtens ist die Handlung von "Silo" so plausibel wie die irre Auflösung in Matrix, wo Computer Menschenkörper in Nährlösung halten um mit der anfallenden Abwärme den Strom zu erzeugen, den sie zu ihrem Betrieb benötigen. Wer kein Problem damit hat, daß die Gesetze der Thermodynamik wie viele andere physikalische Gesetzmäßigkeiten ignoriert werden, mag es mit "Silo" versuchen. Ich lese dann lieber nochmal Frank Schätzings "Der Schwarm" und Michael Crichtons "Timeline" oder gleich die mittlerweile anrührend altmodischen Texte von Asimov und Co.


Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft
Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft
von Gerd Gigerenzer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

67 von 72 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ergänzung zu, aber auch leichte Kritik an Kahnemans "Schnelles Denken, langsames Denken", 28. März 2013
Mit den provozierenden Fragen "Sind Menschen dumm?" und "Warum fürchten wir, was uns höchstwahrscheinlich nicht umbringt" führt Gerd Gigerenzer seine Leser im ersten der drei Buchteile in die Psychologie des Risikos ein. Der eine oder andere mag schon mal gehört haben, daß mit 256 Menschen relativ wenig Flugpassagiere direkt durch die terroristischen Anschläge in den USA im September 2001 umgekommen sind. 1 600 Menschen seien in den auf die Anschläge folgenden Monaten zusätzlich auf amerikanischen Straßen umgekommen, weil sie entschieden hätten, die Risiken des Fliegens zu vermeiden.

Gigerenzer, der wohl lange in den USA forschte und arbeitete, sieht allenorts die Tendenz, Menschen durch (milden, aber eben immer noch) Paternalismus zu schützen und zu beeinflussen. Im zweiten Buchteil geht es ihm darum, daß wir alle risikokompetent werden und zukünftig nicht mehr auf einen wohlwollenden Vater in Form von Staat, Vorgesetzten und anderen Institutionen angewiesen sein müssen. Hierzu führt er Beispiele aus so unterschiedlichen Bereichen wie dem Glücksspiel, der Führung von Menschen, dem Fällen von Entscheidungen und das Erkennen von Krebserkrankungen durch die oft fälschlich so bezeichnete Krebsvorsorge, an.

Im letzten und weniger als ein Zehntel des Buchs umfassenden Teil macht er Vorschläge, wie es gelingen könnte, Risikokompetenz zu lehren und zu erlernen. Gesundheitskompetenz, Finanzkompetenz sowie digitale Risikokompetenz seien -wie er an einem Beispiel für seine Leser nachvollziehbar zeigt- so darstell- und vermittelbar, daß sie mit den intellektuellen Fähigkeiten von durchschnittlich begabten Viertklässlern verstanden werden könnten. Heute krankten viele (statistische) Darstellungen -auch absichtlich- daran, daß sie sogar von der überwiegenden Zahl von Hochschulabsolventen nicht richtig begriffen würden. Im folgenden will ich zwei Aspekte herausgreifen, die mich bei der Lektüre besonders angesprochen haben.

Während Luftfahrtgesellschaften sich durch eine positive Fehlerkultur auszeichneten herrsche in der Medizin weltweit eine negative Fehlerkultur vor. Luftfahrtgesellschaften wollten und würden aus jedem noch so kleinen (selbst glimpflich verlaufenen) Fehler lernen. Um die Flugzeugführer zu unterstützen seien Checklisten für alle möglichen Eventualitäten eingeführt worden. Versuche in den USA hätten gezeigt, daß Checklisten in Kliniken erheblich dazu beitragen könnten, Todesfälle und schwere Infektionen zu vermeiden. Gigerenzer zeigt auf Seite 73 eine fünf Punkte umfassende Liste aus diesen Versuchen, die in ihrer scheinbaren Trivialität ("1. sich die Hände mit Seife waschen") kaum zu übertreffen ist.

Es erschreckt mich, daß einfachste Standardisierungen, wie sie auch durch Lean-Management in der Industrie schon seit Jahrzehnten üblich sind, in Bereichen, wo es wortwörtlich um Leben und Tod geht, scheinbar noch keinen Einzug gefunden haben. Ganz nebenbei empfiehlt Gigerenzer eine einfache Frage, die man seinem Arzt stellen sollte, wenn dieser eine Therapie empfiehlt: "Frage deinen Arzt nicht, was er empfiehlt, sondern frage ihn, was er tun würde, wenn es seine Mutter, sein Bruder, sein Kind wäre."

Beim bayerischen Landeswettbewerb Jugend forscht 2012 habe ich durch einen Wettbewerbsbeitrag aus der Mathematik zum ersten Mal vom sogenannten Ziegenproblem (auch als Monty-Hall-Problem in der Literatur bekannt) gehört und trotz der engagierten Erklärungen der Schüler nicht verstanden, um was es da genau geht. Der Teilnehmer an einer Fernsehshow kann eine von drei Türen auswählen. Hinter einer Tür verbirgt sich der Hauptpreis, hinter den beiden anderen je eine Ziege (die Niete). Der Teilnehmer wählt Tür 1, der Moderator öffnet Tür 2 hinter der sich eine Ziege befindet und fragt den Teilnehmer, ob er seine Wahl (bei Tür 1 bleiben oder jetzt Tür 3 wählen) überdenken wolle.

Wie Gigerenzer nachvollziehbar erklärt, wäre es (dem Moderator keine böse Täuschungsabsicht unterstellend) vernünftig, nun Tür 3 zu wählen. Wenn Sie das nicht nachvollziehen können, befinden Sie sich in bester Gesellschaft und können eventuell nachvollziehen, was ich ursprünglich beim o.g. Landeswettbewerb nicht verstanden hatte. Nach der Lektüre von Risiko werden Sie die Lösung des Ziegenproblems Ihren Bekannten erklären können und -was der eigentliche Grund für die Erläuterung dieses Phänomens durch Gigerenzer ist- Sie werden besser verstehen, warum so viele Menschen Probleme haben, statistische Daten richtig zu interpretieren und weiterzukommunizieren. Hierauf aufbauend erläutert Gigerenzer, wie man Wahrscheinlichkeiten (z.B. bezüglich des Nutzens von Krebsvorsorgeprogrammen) so darstellt, daß die Patienten aus ihrer Sicht "vernünftige" Entscheidungen fällen können.

Was Kahnemans aktuelles Buch anbetrifft, so stimmt Gigerenzer diesem zu, daß die Art der Präsentation von Wahrscheinlichkeiten einen erheblichen Einfluß auf die anschließende Wahlentscheidung der Probanden hat. Ob aber das von Kahneman propagierte absichtsvolle langsame Denken immer richtig ist, wenn es um das Fällen von Entscheidungen in einem unsicheren Umfeld geht, stellt Gigerenzer in Frage. Er kann an Bauchentscheidungen (schnellem Denken) auch Vorteilhaftes erkennen und begründet in Risiko ausführlich, warum wir unserer Intuition manchmal mehr vertrauen sollten.
Kommentar Kommentare (6) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 11, 2014 2:11 PM MEST


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