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Rezensionen verfasst von
Josef Mußmann (Möhnesee, Westfalen)
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Volpone or The Fox /Volpone oder Der Fuchs: Engl. /Dt
Volpone or The Fox /Volpone oder Der Fuchs: Engl. /Dt
von Ben Jonson
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,00

5.0 von 5 Sternen Klassiker, lohnenswert, facettenreich: Komödie mit biblischer Tiefenschicht, sozusagen eine komplementäre Vergleichsgröße für, 31. Oktober 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
So hätte ich auch fragen können: Wie kommt einer auf das Stück „Volpone“ und entdeckt auch noch Interesse daran, einen scheinbar verstaubten und grünspanverdächtigen Text für eine Empfehlung zu besprechen? Da gab es ein unwiderstehlich einladendes Wort zum Theaterstück, da war eine faszinierende Inszenierung und die mitreißende Macht der Bilder (Metteur en scène: Carine Montag, Paris), die französischsprachige Aufführung des Stückes, die von mir nur wie ein fetzenhafter Refrain wahrgenommen worden ist. In der Summe das Ganze wie ein Anmutungserlebnis eines imponierenden politischen Spektakels. Und das Bemühen danach, was die Hinwendung zum Text angeht, der Wunsch, für ein Gespräch in kundiger Runde durch Lektüre im Verständnis für sachliche Richtigkeit vergewissert und sinnvoll präpariert zu sein.

Die vertiefte Einlassung hat sich gelohnt. Es ist geradezu eine Entdeckungsgeschichte daraus geworden, die zu detektivischer Erfolgsfreude und neuen Einsichten geführt hat. Ben Jonsons Komödie hat als Springquell das Leitmotiv der Habgier. Es geht um Geld, symbolisiert durch Gold. Wir befinden uns im Übergang zur bürgerlichen Gesellschaft und das politische Machtmotiv der Königsdramen à la Shakespeare zeigt sich in dieser Komödie unwirklich, als „Sir Politic Möchtegern“. Auffällig nimmt sich die fabulöse Typisierung der handelnden Personen aus. Auf den ersten Blick wirkt sie unnötig, wie aufgesetzt, denn die Charaktere sind für den analytischen Zugriff eingehend und sehr rational ausgeführt. Gewissermaßen ein empirischer Grundzug nachvollziehbarer Tatsachen und Eigenschaften liegt vor. Gedankliche Klimmzüge werden nicht zugemutet. Plausible Vorstellungen entfalten die Handlung der Akteure. Das assoziative Moment lässt verstehen, ohne noch unmittelbar kritische Nachfragen haben zu müssen. Man stellt sich auf Lug und Trug ein und lebt und leidet in dieser Vorstellungswelt bis zum Erlöstsein mit.

Im modernen Sinne sind die Handlungselemente dekonstruktiv komponiert. Jonsons könnte als ein Vorläufer der dekonstruktiven Wirklichkeitsbetrachtung genommen werden, denn ganz und gar verfährt er antipodisch mit den biblisch unterlegten Handlungsstücken beziehungsweise hypostasierten Rollenklischees, die durchgehend zum Zuge kommen. Weil sie antipodisch figuriert sind und dadurch gar nicht uns Heutige an Bibel denken lassen, bedarf es des Hinweises, um Jonson als Kritiker von idealisierten Übertreibungen und Überdeckungen zu erkennen. (Auch heute vielfach noch nicht abgearbeitet, die Verwechslung von Erwartungen mit dem Sein: „Vater im Himmel“, „ alle Menschen als Brüder“, „Frau als Sünderin“ u.a.m.)
Die deutsche Übersetzung hat den Versuch unterlassen, eine Versfassung anzustreben. Die prosaische Fassung ist lesefreundlich und nimmt die Erschwernis poetischer oder altsprachlicher Geschraubtheit heraus. Es bleibt noch genug Konzentrationsarbeit übrig, um sinnverstehend und wohldosiert den Text zu lesen. Der Anmerkungs- und Erläuterungsapparat, aber auch das interpretierende Nachwort ist für eine vertiefte Einlassung wirklich hilfreich und bereichernd. Eine solide Ergänzung zum Werk. Für das gelungene Kompositum ist Walter Pache in Verbindung mit Richard C. Perry zu nennen. Die Möglichkeit, den deutschen Text mit dem englischen auf der gegenüberliegenden Seite abgleichen zu können, erweist sich an manchen Stellen, vom reinen Interesse am sprachlichen Original abgesehen, als sehr praktisch, um für die gedankliche Einordnung unterschiedliche Sprachwahrnehmungen beziehungsweise unterschiedliche sprachliche Vorstellungen vergewissern und auf den anderen geschichtlich assoziierbaren Hintergrund bedenken zu können.

Doch zum Plot. Ein findiger Fuchs, nämlich Volpone als Magnifico, hat eine Idee zu einem vielversprechenden „Geschäftsmodell“, um den Lebensabend noch reicher leben und interessanter gestalten zu können. Es gilt Erbschleicher anzulocken, die Habgier zu ködern und ihnen mit einer Falschinformation eine Falle zu stellen, die Volpone zu weiterem Reichtum verhilft und die Getäuschten und Geprellten leer ausgehen lässt. Mit Hilfe seines Dieners Mosca (Schmeißfliege) werden die Kandidaten ins falsche Bild gesetzt, nämlich Volpone, todkrank und ohne Erben, sei durch Geschenke in der Todesstunde zu einem persönlichen Testament zu bewegen, in dem er sicherlich voller Dankbarkeit einen durch Geschenke ausgewiesenen Freund als Erben einsetzen wird. Die Kandidaten für das auszustreuende Gerücht sind Voltore (Geier), ein Advokat, Corbaccio (Rabe), ein älterer Edelmann und Corvino (Krähe), ein Kaufmann.

Was den antipodisch biblischen Hintergrund betrifft, so wird mit Volpone schon der Erblasser ein betrügerischer Unrechtstäter, der nicht – wie gewöhnlicherweise unterstellt wird - vornehmlich bei den sich streitenden Erben zu suchen ist. Auch der rechtskundige Beistand, häufig genug arglos und naiv wie ein hehrer Engel des hohen Rechts betrachtet, hier in der Gestalt des Advokaten Voltore, ist korrumpierbar. Väterliche Habgier des Corbaccio, weder Edelmann noch ein guter Vater, wie die fromme Vorstellungsweise suggeriert, enterbt seinen Sohn zugunsten von Volpone. Die selbstgerechten Leute aus der Bibel, zur Steinigung der schönen Sünderin entschlossen, finden hier die Spitze im "hochsittlichen" Ehemann, in Corvino, der seine Frau zu Unrecht und in perfider Weise als Ehebrecherin verdächtigt, die er dann, um Volpone für ein vorteilhaftes Testament geneigt zu machen, wie ein Zuhälter zum Liebesdienst an Volpone auffordert. Der Plan scheitert und variiert weiter die biblische Josephgeschichte. Gottes Mühlen der Gerichtswelt mahlen nicht langsam, sondern sind mit Blindheit geschlagen. Das Opfer der Vergewaltigung, die unschuldige Frau, wird verurteilt. Der Vergewaltiger wird in Ehren entlassen und der „saubere“ Ehemann wähnt sich dem Erbe näher.

Doch der Fuchs fängt sich in der eigenen Schlinge. Er täuscht nach alldem seinen Tod vor. Das Testament wird eröffnet und ein verwickelter Streit um vermeintliche Erbschaftsansprüche beginnt. Als verkleideter Gerichtsdiener, der seinen Spaß hat und die Schadenfreude genießt, lacht Volpone jedoch zu früh. Am Ende findet für die Guten, die Unrecht erlitten, eine Wiedergutmachung statt und die skrupellos Bösen werden bestraft. Der biblische Bezug ist durch die Hiobgeschichte gegeben. Statt Ausflucht in Gottes unendliche Dimensionen wird endliche Gerechtigkeit hergestellt und das widerfahrene Unrecht korrigiert. So Celia, Corvinos Frau, wird wie Hiob entschädigt. Sie erhält nach all dem Leid eine dreifache Mitgift für einen Neustart und Bonario, Corbaccios Sohn, erhält den ganzen väterlichen Besitz zugesprochen.

Last not least: In Hegels „Phänomenologie des Geistes“ ist das „geistige Tierreich“ als kategoriale Gestalt des Übergangs umrissen worden, der das „Deutsche Reich“ als geschichtlicher Hintergrund zugrunde liegt. Jonsons „Volpone“ illustriert in ausgezeichneter Weise das Moment der europäisch anhebenden bürgerlichen Gesellschaft, der das „Tauschen, Vertauschen und Täuschen“ ohne kritische Öffentlichkeitsmacht inhäriert. Die Geistlichkeit fällt auf dieser gehobenen Ebene aus, ist rollenlos. Die Zufälligkeit des Rechten und Gerechten gegen Lug und Trug bleibt mit der wunderbaren Wende zum Schluss unaufgehoben. Sozusagen der Himmel hat keine Notwendigkeit einer Nachweispflicht und das Irdische der Gerechtigkeitspflege muss sich mit der wunderbaren Zufälligkeit bescheiden.


Le Roman De Renart (Anthologie)
Le Roman De Renart (Anthologie)
von Anonyme
  Taschenbuch
Preis: EUR 3,19

5.0 von 5 Sternen Eine Erinnerung an das geistige Tierreich - empfehlenswert - ein hochwertiges Produkt - erstaunlich preisgünstig, 29. August 2014
Rezension bezieht sich auf: Le Roman De Renart (Anthologie) (Taschenbuch)
Eine Erinnerung an das geistige Tierreich zur Unterfütterung unserer so hochrational ver-fassten Herrschaftswelten. Es wird ein System vorgeführt, das feudale System, dessen subjektive Systemschwäche fabulös verdichtet wird.

Rein zufällig aufgestöbert und intensiv gelesen. Sozusagen eine Vorbereitung auf das gleichnamige Theaterstück: „Le Roman de Renart“ (Théâtre de Verdure du Jardin Shakespeare à Paris). Eine elektrisierende Lektüre, diese Fabelerzählung von Laurence de Vismes Mokrani, die insbesondere für Hegel-Freunde von Interesse ist, die das „geistige Tierreich“ besser verstehen möchten, von dem in der „Phänomenologie des Geistes“ die Rede ist.

Möglicherweise hat auch Goethe schon im „Götz von Berlichingen“ den „Roman de Renart“ vor Augen gehabt und das fabulöse Moment historisch-feudal wiedererkannt und übersetzt. Das Tierepos „Reineke Fuchs“, Jahre später nach der Gottsched-Vorlage in Verse gegossen und nicht gerade leicht bekömmliche Kost, positioniert den ausmanövrierbaren König neu und gibt ihm schlussendlich den listenkundigen Kanzler an die Seite. Das ist nicht mehr Mittelalter, sondern greift die Neuzeit auf und wer hätte da nicht Richelieu vor Augen! Diese Laurence-de-Vismes-Mokrani-Version lässt ganz mittelalterlich eher an das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation denken, an einen Kaiser, der, vom festlichen "Grüßaugust" abgesehen, ein Spielball der Interessen seiner Vasallen ist.

Wie schon andeutungsweise ersichtlich, geht es um das Mittelalter und damit um den König und seine Vasallen, um die Wahrheit der Herrschaften in ihrem Verhältnis zueinander, und zwar in fabulöser Gestalt, vornan der gerissene Fuchs, listenreich, sodann Gockel, Wolf, Bär, Rabe, Meise und nicht zu guter Letzt der Löwe, dem die lange Nase gezeigt werden kann. Ein Reich der Tiere, unfähig, gemeinschaftliche Wertbekundungen in wahrhafter Selbstverantwortung zu bewähren. Der Anschein genügt. Ein Spiel mit dem Schein. Jedes Tier hat seine Lebensbedingungen und wahrt seine Lebenschancen, sei der Preis auch das Täuschen und Übervorteilen, das Lügen und Betrügen. Not macht erfinderisch. Wem der Schaden widerfährt, einem schlimmen Streich zum Opfer fällt, aus eitlen Höhen abgrundtief stürzt, der muss auch noch den Spott und die Schadenfreude fürchten, wenn nicht gar böse Demütigungen.

Solche kleinen Geschichten in Fabelgestalt haben das gemeine Volk das Herrenjoch leichter tragen lassen und das Bewusstsein an eine ausgleichende Gerechtigkeit wach gehalten, dass auch dynastische Bäume nicht in den Himmel wachsen. Mehr als Fabel ist in jener Zeit auch für die Selbstreflexion nicht verfügbar, um diese Herrenwelt vorstellungskräftig zu Gesicht zu bekommen. Dieses geistige Tierreich ist die Substanz der ideellen Fortentwicklung zum Staatswesen, es zeigt die subjektive Seite der Herausforderung, einer weltlosen Angelität religiöser Fantasien entgegen.

Der modernisierte Erzähltext zeichnet sich durch gute Lesbarkeit aus, ist ausgezeichnet durch Verständnishilfen in Wort und Bild begleitet. Der historische Kontext wird hergestellt, das literarische Genre samt lektürespezifischem Fabelinventar umrissen. Kapitelweise wird dem besseren Textverständnis nachgeholfen. Was da so preisgünstig angeboten wird, ist nicht weniger als ein kleines Meisterstück aus der Zusammenarbeit von Autor und Verlag.

Für Studierende der französischen Sprache in Verbindung mit dem philosophisch-literarischen Bereich ein interessantes und bedeutsames Arbeitsfeld. Aktualiter ein Spiegel auf die Europäische Union, was da als identifikationsschwacher Überbau sichtbar wird. Es fehlt demokratische Regentschaft, es gibt zu viel Spiel für die europäischen Vasallen, das bei brodelnden Problemen und sich dräuenden Konfliktlagen. Alle wollen haben, keiner möchte geben, schon gar nicht sich für ein selbstbewusstes Ganzes das Hirn zermartern. Die Korrespondenz von Erwartungen anderen gegenüber und eigene Zurückhaltung haben Bereitschaft und Einsatz erodieren lassen. Jedem brennt ein gefährlich Feuer in der Hütte. Wer steckt da nicht in seiner kleinen nationalstaatlichen Höhle! Doch das ist ein anderes Feld. Vielleicht sogar für eine Neuerzählung oder modernisierte Bühnenaufführung.


Sämtliche Werke Guy de Maupassants: I
Sämtliche Werke Guy de Maupassants: I
Preis: EUR 0,99

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen So gut wie geschenkt. Hohe Lesequalität. Solche E-Books sind wirkliche Fortschrittszeugnisse!, 24. Mai 2014
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Wozu sollte noch ein Urteil zu Maupassants Werk beziehungsweise zu einzelnen herausgegriffenen Stücken bemüht werden, was im Ergebnis dann doch besser gut fundiert in einem Literaturlexikon nachzulesen wäre?

Drei Punkte zum Angebot.

(1) Die Preislage ist wie geschenkt für eine Gesamtausgabe. Vor langer, langer Zeit habe ich nach umständlicher Bibliotheksausleihe einzelner Bände dann für eine Gesamtausgabe in zehn Bänden noch über 200,- DM auf den Tisch gelegt und manche Texte waren nicht so übersetzt, wie ich sie schon in dieser oder jener Einzelausgabe gelesen hatte. Ich habe nachgekauft.

(2) Bei einer Übersetzung kommt es auf die schöpferische Qualität des Übersetzers an und ich muss gestehen, dass mich die sprachliche Gestaltung, obgleich schon alt, aber ganz und gar nicht veraltet, angeregt und überzeugt hat. Sie ist schlicht, differenziert und gedankenklar, nicht mechanisch und es geraten sogar einige überholte Schreibweisen wie ein positives Akzentzeichen.

(3) Die novellistische Meisterschaft Maupassants bedarf keiner empfehlenden Worte mehr. Maupassant ist auch als Klassiker immer noch von höchster Spitzenqualität und liest sich modern erzählbar. Er ist gesprächsfähig. Existenzielle Momente und gesellschaftliches Kolorit werden kritisch auf den Punkt gebracht. Er schöpft nicht nur aus der Fülle des Lebens, sondern bereichert durch scharfgezeichnete Lebensfülle und das Ganze lässt sich auf dem Tablet noch gut lesen.

Einfach zu empfehlen.


Menschheit am Wendepunkt. 2. Bericht des Club of Rome zur Weltlage
Menschheit am Wendepunkt. 2. Bericht des Club of Rome zur Weltlage
von Mihailo Mesarovic
  Broschiert

5.0 von 5 Sternen Ein Meilenstein und Klassiker für globale Bewusstseinsbildung heute. Amerikanisch-deutsche Zusammenarbeit: Mesarovic – Pestel., 14. April 2014
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Ein Impuls aus der Vergangenheit, vor dem Fall der Sowjetunion und dem Aufkommen neuer Schwergewichte auf der Weltbühne. Vom Standpunkt der Industrienationen ein Signal an fortgeschrittene Geister, rein objektiv gesehen, nach wie vor: Menschheit am Wendepunkt. So geht es nicht weiter. Es taumelt die Welt von einer Krise in die andere. Im Fokus: Bevölkerungsexplosion, Natur- und Umweltgefährdung, Nahrungsmittelverknappung.

Die Daten sind heute veraltet, sie sind upgradebedürftig. Sicherlich. Doch die Begleittexte könnten mit leichten Abänderungen übernommen werden. Nach wie vor das ungemeisterte Konfliktverhältnis zwischen Mensch und Natur. Kernübel der Wildwuchs, dann Mangel in der Erzeugung von übergreifendem Gemeinsinn, Weltbewusstsein, aber auch unzureichende regionale Substanzentwicklungen mit den dazugehörigen politischen Organisationsformen.

Die Bedeutsamkeit des 2. Berichts an den Club of Rome ergibt sich aus dem Gedanken der Regionalisierung der Welt. Das Überleben auf dem Planeten Erde erfordert Anpassungsfähigkeit. Sie geschieht nicht monolithisch für alle am Ende aus einer Hand, sondern resultiert aus regionalen Selbstorganisationen, die dann global für das Zusammenspiel zusammenzuführen sind. Das Mehrebenen-Modell als Instrument ist ein erster Orientierungsschritt, ebenso die Aufgliederung der Welt anhand des Datenmaterials in 10 bedeutsame Weltregionen, je für sich von Gemeinsamkeiten bestimmt.

Wichtige Einsichten:

1) Primärkonflikt zwischen Mensch und Natur, der mit bedrohlicher Verschiebung der Klimazonen aufwartet.
2) Nichthandeln bedeutet Verlust an Alternativen und Optionen im Hinblick auf regionale Zusammenbrüche und tödliche Folgen.
3) Bildung einer menschheitlichen „Noosphäre“ wie auch eines regionalen und globalen Gemeinsinns als Notwendigkeit

Es ist nicht nichts getan worden. Doch Aufbruch und Weltlage haben sich zersplittert und die Dinge sind komplexer und komplizierter geworden. Es fehlen Bildungsanstrengungen und mediale Präsenz zugunsten eines vernünftigen handlungsbefreienden Weltbewusstseins. Neue Massive deuten sich an. Das Spektrum der Krisenfaktoren hat Erweiterung erfahren. Gängige Schlagworte heute: Klimawandel, Finanzmarkt- und Staatsschuldenkrise, Kriegshandlungen, Terrorismus, Fundamentalismus, Völker in Not. Das Mehrebenen-Modell lässt die Stufigkeit von der einzelstaatlichen Ebene zur regionalstaatlichen Ebene vermissen, den institutionellen Fortbau des Weltgebäudes, tragfähig und identitätsbewusst, dem bloßen Status quo und Besitzstandsdenken entgegen. Nicht einmal Leuchttürme der Weltregionen ragen als Wahrzeichen hervor und dokumentieren dem menschheitlichen Wendepunkt den einzelstaatlichen Aufbruch und internationalen Fortbau des Weltgebäudes.

Das alte Modell gleicht einem platzenden Kleid, aus dem der Körper herausgewachsen ist. Und die Kleiderordnung nährt Missgunst, Neid und Eifersucht. Es gibt nicht nur wohlwollende Blicke, auch den diebischen oder den scheelen Blick für oder gegen das Neuschneidern. Es fehlt dem Umgang mit der überkommenen Passung an Rationalität. In der Vergangenheit ist häufig genug schlechte Schneiderarbeit geleistet worden. Und was auf ewig gedacht und Gewohnheit geworden ist, verträgt schlecht eine Änderungsschneiderei.

Es herrscht Stillstand, was das Institutionengefüge angeht, von der globalen Handlungsspitze nicht mehr zu reden: Jeder denkt nur an sich und der Appell an die kommunikative Vernunft trägt die Last der Verständigungsnotwendigkeiten. Was weltöffentliche Vernunft heißen könnte, bleibt den meisten Menschen und vielen Völkern verschlossen.

An den Brennpunkten dieser Welt finden Nahkämpfe statt, die den Fortbau der menschheitlichen Gesellschaft hintertreiben und Ressourcen unsinnig binden. Nicht die übergreifende kooperative Perspektive befreit gegenseitig zu vernünftigem Fortschritt, sondern Krise und Gelegenheit treiben die Gegenreaktion hervor und legen kooperative Chancen der Felderweiterung und Krisenüberwindung lahm.

Die Dreiheit, von der Drosselung zur Vergeltung oder doch besser zur Kooperation? ist gut analysiert, sie ist ein Beispiel am Preismechanismus für das, was gegenwärtig den gefährlichen Brennpunkt Ukraine als Zerreißprobe von Machtpolitik betrifft. Es fehlt für die beteiligten Kontrahenten die Sichtfelderweiterung durch die Attraktivität der Kooperationsperspektiven, stattdessen Sichtverengung und der Kleinkrieg und das Spiel mit dem Feuer.

Wer lehrt die Politiker das Handelnkönnen von einem übergreifenden Ganzen her, wenn die Rückbindung auf den Wähler einer mehrheitsfähigen Interessenbefriedigung, selbstsüchtig und kurzsichtig, unterworfen ist? Gegen einen Appell an die ausgehungerten Instinkte sieht redliche Einsicht und idealistische Opferbereitschaft alt aus.

Sternstunden sind es gewesen, als es dem Club of Rome gelungen ist, zwei erfolgreiche Teamleistungen zur menschheitlichen Weltlage herauszubringen und dadurch die öffentliche Diskussion für eine Zeitlang zu beflügeln. Das ist gewesen. Schnee von gestern. Gleichwohl für Schule und Studium liegt insbesondere mit dem 2. Bericht von Mihailo Mesarovic und Eduard Pestel ein ausgezeichnetes didaktisches Material vor, an dem sowohl Impetus als auch Impuls für globales Denken unter dem Aspekt der Weltregionen gewonnen werden kann. Sozusagen eine Basislektüre. In Verbindung mit dem 1. Bericht von Dennis Meadow und seiner Mannschaft bringen die Berichte die enorme Bedeutung und Leistung einer Teamgewinnung für ein Weltprojekt ins Spiel. Ohne Mäzen und Sponsoring kommt allerdings auch der gute Wille vieler nicht zum Zug und nicht über Kleinklein hinaus.


Lieblingsgedichte der Deutschen - Die 111 beliebtesten und schönsten deutschen Gedichte aller Zeiten
Lieblingsgedichte der Deutschen - Die 111 beliebtesten und schönsten deutschen Gedichte aller Zeiten
Preis: EUR 0,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Lob mit Sternchen, 6. April 2014
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Einfach schön. Auswahl und Design sind gelungen. Auf dem Tablet eine Augenweide. Auf diese Weise können die kleinen Kunstwerke wirklich zum Begleiter werden und je nach Muße einen poetischen Gedanken in Versgestalt aufleuchten lassen. So hätte ich mich gerne beschenken lassen oder würde ich gerne ein Geschenk auf den Weg bringen. Letzteres würde mich interessieren, wie ich jemanden mit einem solchen kleinen eBook unkompliziert beschenken kann!


Das Kapital: Ein Plädoyer für den Menschen
Das Kapital: Ein Plädoyer für den Menschen
von Reinhard Marx
  Gebundene Ausgabe

5.0 von 5 Sternen Auf dem Unterdeck der Titanic - Frage nach der Substanz und dem Subjekt des Fortschritts, 28. Februar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Es verdient Respekt und Anerkennung, wenn ein hoher katholischer Würdenträger rechtfertigende Worte für Karl Marx findet, mit ihm einen Denker wieder ins Gespräch bringt, der doch noch vor ein paar Jahrzehnten von der katholischen Kirche scharfe Anfechtung und harte Abgrenzung erfahren hat. Für katholische Seelen ungeeignet. Der massiven Religionskritik und politökonomischer Schlussfolgerungen wegen.

Das Interesse für den berühmten Namensvetter ist plausibel und einem theologisch gefestigten Erzbischof nach Zusammenbruch des kommunistischen Systems auch innerkirchlich ohne großes Aufsehen zugestanden.
Reinhard Marx hat mit seiner Einlassung auf das Werk „Das Kapital“ die Brüder und Schwestern im Glauben nicht enttäuscht und hat K. Marx nur von unabweisbaren Einsichten der Systemanalyse des Kapitalprozesses gelten lassen, nicht von seinen Schlussfolgerungen her, die insbesondere die nachfolgenden Interpreten stark vergröbernd als Diamat und Histomat in praktischer Absicht mit dem „Sozialismus in einem Land“ gezogen haben.

R. Marx hat verhaltene Aufnahme mit seiner sozialkritischen Aufarbeitung gefunden, die im Raum der katholischen Soziallehre mit größerem Zuspruch aufwarten kann. Er führt an die marxistisch orientierte und nachwirkende gesellschaftskritische Auseinandersetzung heran, reklamiert christliche Wurzeln und sozialengagierte Persönlichkeiten, bleibt aber letztlich allgemein, wenn es um Lösungen oder weiterführende Ansätze geht. Sozusagen junger Daten- und Faktenwein, der in alte Schläuche gegossen wird. Was die Gegensätze angeht, führt er keine Auseinandersetzung, sondern gibt sich als Herz-Jesu-Mittler auf dem Boden der sozialen Marktwirtschaft.

Was kann nach solcher Urteilsbildung an der Arbeitsleistung noch von Interesse sein, sich damit auseinander zu setzen? Es ist das authentische Alleinstellungsmerkmal, dass aus der höchsten katholischen Hierarchie das Denken in Auseinandersetzung mit einer weltlichen Geistesgröße angespielt und fassbar wird und dass insbesondere das Subjektdenken nachvollziehbar diesseitig aus der katholischen Substanz zum Vorschein kommt.

R. Marx wird als katholischer Idealist, der aus päpstlichen Enzykliken sein Rückgrat bezieht, sichtbar, der aus dieser Perspektive die wissenschaftliche Analyse und Interpretation leistet, nicht sich hinter einem kirchlich einschlägigen Sprachkleid versteckt, sondern argumentierbar und damit vernünftig einbringt. Was appellativ oder imperativ einfließt, ist informativ abgeschöpft und reflexiv rational nachvollziehbar, in der Regel bildlich, vorstellungskräftig und hinterfragbar. Wie auch immer der Leser positioniert ist, er wird durch ein Spektrum wirtschaftsgesellschaftlicher Ereignisse der letzten Jahrzehnte belohnt und eingängig auf griffige Punkte fortspringender Konflikte gebracht.

R. Marx hat aufmerksam aus gesellschaftskritischer Sicht politökonomische Krisenmomente studiert, sie mit dem Werkzeug des „rheinischen“ Kapitalismusverständnisses in der Gewichtigkeit erfasst und er exponiert damit seiner Lösungssicht gemäß die Gewissheit und Überzeugung eines Zugriffes für das gebotene Handelnkönnen. Karl Marx bleibt außen vor und liefert nur die aufreißerische Schlagzeile für die darunter diskutierte sozialkritische Stellungnahme aus katholischer Sicht. Mit dem Zugriff, der Einsichten auf das Subjekt der katholischen Soziallehre bezieht, muss sich dann R. Marx nicht mehr dem Interessenkonflikt divergierender und kollidierender Willen anderer Grundüberzeugungen stellen. Dies tut er guten Gewissens, hat er doch K. Marx im Anspruch mit vielen anderen Namen mit (verblasster) Geltung widersprochen.

R. Marx bleibt ein Gefangener der katholischen Glaubenslehre in fleischgewordener Hierarchie. Er hat dogmatisch die Selbsterzeugung des Menschen im Stoffwechselprozess mit der Natur verworfen, ebenso die Geschichte als Gesellschaftskonflikt, der durch das Auseinanderbrechen oder Gesprengtwerden der Reichweite politischer Regelungsmacht die Gestaltungskraft eines übergreifenden Ganzen herausfordert. Wie K. Marx ist er letztlich monodisziplinär. Ungebrochener Ökonomismus bei jenem, der noch die politische Organisationsform der kommunistischen Güterverwaltung sucht; letzthinniger Theozentrismus bei diesem, dem der neuzeitliche Vernunftstaat als Vermittlungsmacht auch des religiösen Geltungsanspruches noch nicht bewusst geworden ist.

R. Marx denkt den Staat unhistorisch, wie vom Himmel gefallen, als Metapher, nimmt ihn als Abstraktum und weiß nicht worauf es ankommt, was die Knotenpunkte seiner Entwicklung und Lebensgestalt sind. Ob Deutschland, USA oder UNO, das alles ist unterschiedlich groß, gut oder auch unvollkommen entfaltet. State gouvernance ist noch nicht als Modellgedanke und Lichtblick für die vielen staatlichen Baustellen der Welt nachvollzogen worden. Sein Credo: Nächstenliebe ist der Not verpflichtet, hilft und das ursachenkritische Hinterfragen der Sache ist keine christliche Disziplin einer Speerspitze des Fortschritts (mehr), Orientierungshilfe zu geben. Die „unsichtbare Hand“ des Marktes und der „Ratschluss Gottes“ ergänzen einander auf wunderbare Weise.

R. Marx ist weitab selbst von Differenzierungen des Geistes. Er hat kein Problem mit differenten enkulturativen Sedimentierungen. Das ist seine katholische Hypothek, die nicht einmal den Widerstreit von Landes- und Weltkirche aufgelöst hat und traditionell römisch-katholisch denkt: imperial. Die klassisch-biblische Tradition mit waltender Papstspitze, mit dem Stellvertreter Gottes, setzt die beanspruchte Ebene zum weltlichen Herrn: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist.“

Die Vergewaltigung der vielfältigen Welt mit dem christlich-dogmatischen Universalitätsanspruch ist R. Marx kein Problem, sei es nur, kontinentale Differenzierungen der menschheitlichen Substanz vornehmen zu müssen. R. Marx tritt mit kartesischem Ich-Bewusstsein auf, weitet den kapitalen Horizont zur Weltgröße und unterstellt ihm unversehens auch enkul-turativ mentale Einheit und Gleichzeitigkeit allerorten. Da ist die universalisierende Leistungsfähigkeit der kapitalistischen Bourgeoisie maßlos überschätzt und die Differenzierungsnotwendigkeit des Gottesvolkes unterschätzt, um nicht zu sagen: ignoriert!

Die interkontinentale Ökumene der Religionen zu einem Subjektbewusstsein fehlt, um Trennendes festzustellen und durch das Gemeinsame aufheben zu können. Der Gedanke der Solidarität und Solidarisierung, die solidarische Weltordnung ist zu wenig. Von der Gerechtigkeit nicht mehr zu reden, die R. Marx am Ende des Hin und Her zum Rätsel bis in den Himmel hinein geworden ist und dem Leser als Forschungsaufgabe aufgegeben ist.

Der Club of Rome mit seinen Studien kommt bei R. Marx nicht vor. Er hat nicht die Überforderung des weltzentralistischen Ansatzes registriert, den D. Meadows vorgelegt hat. Auch nicht den dezentralen Ansatz von Mesarovic/Pestel, die für das Überlebenkönnen aller auf der Erde auf selbstverantwortliche Weltregionen erkannt haben, um das Zusammenleben-können aller zu ermöglichen! Griffiger: Jede Weltregion zunächst einmal für sich, bevor Gott für alle das Ganze steuern kann!

Die fleischgewordene Hierarchie der katholischen Kirche hat nicht internalisiert, dass die Identitätsbildung für staatsübergreifende Neuschöpfungen Kernproblem und Konflikterzeuger ist und dass diese Neuschöpfungen durch bloße Machtüberwältigungen der unter das Joch gebrachten Länder nur ein zerbrechliches Kartenhauswerk sind, ohne einen wirklichen einwohnenden Geist beziehungsweise ohne ein sich identifizierendes mentales Subjekt von den Menschen her an der Basis bis hin zur Spitze.

Die Frage stellt sich angesichts dieser zerbrechlichen Welten, ob die katholische Hierarchie, die tatsächlich weit und hoch hervorragt, weiß, wozu sie Hierarchie ist, wozu es Stufen und Ebenen gibt? Ob die Vielheit der Einheit und/oder ob die Einheit der Vielheit dient? Synergetisches Denken ist auf Ermöglichen hinaus, transformatives auf Ausschließen von Negativa durch weiter- und höherentwickelte Ordnungsfindung. Die katholische Kirche hinkt der weltlichen Entwicklung hinterher, ist rückständig und ist dadurch Teil des Problems und Konflikts und in der Tat kein wegweisender „global player“!

Nicht einmal in ihrem ureigenen Kulturkreis Europa, der Jahrhunderte von nationalen Kriegen zerfressen war, hat sie die Lehre daraus gezogen, wenigstens die Jugend der Völker Europas zu einem regelmäßigen Kirchentag zu versammeln, um den Frieden, die soziale Frage, die schöpferische Leistungskraft und das kulturelle Zusammenleben zu diskutieren. Worüber sprechen Erzbischöfe eines Kontinents, sollten sie überhaupt über die Probleme ihres Kontinents turnusmäßig sprechen? Was davon wird zur interkontinentalen Kommunikationsnotwendigkeit der römischen Kurie? Wenn überhaupt, dann hat die Kirche ein Esoterikproblem ihres oberen pyramidalen „corpus christianum“.

Die Problematik Staatlichkeit und Kosmopolitismus á la Kant /Hegel geht an R. Marx vorbei. Er kann das Projekt der Weltregionen von der Subjektseite her nicht wirklich denken und den anzurufenden Geist des Pfingstfestes befreien. Er kann als katholischer Monarchist nicht auf die „Demokratie in Amerika“ (Tocqueville) als Modell in unserer Zeit verweisen, auf den Antagonismus der „ungeselligen Geselligkeit“ (Kant), den nachwirkenden rassistischen Reibekonflikt einschließlich Augenhöhe, was die Frau betrifft, das verweltlichte Glücksstreben in einer bürgerlichen Gesellschaft, den expansiv-pragmatischen Betätigungsdrang, die Initiierung von Menschenrechten, die Selbstüberschreitung durch und für die UNO und die nach wie vor herausgeforderte Führungsrolle und Geschäftsführung.

Anders auf den Punkt gebracht: Für welchen Fortschritt mit Maß und Ziel sollte der Geist des Gottesvolkes wehen und ein Wahrsager des Projekts durch die Zeiten sein? Geht es nicht um Zusammenführung der enkulturativ-mentalen Vielheit und um Überwindung der Unverträglichkeiten zugunsten eines größeren Ganzen? Wie demokratische Parteien in einem Staatswesen haben die Religionen der Welt eine vernünftige Antwort zum Wohl der Menschen gemeinsam anzustrengen, dem Wehe entgegen!

Zum anstößigen Projektkandidaten: In der Tat, den alten Römern gleich, heute der herausgeforderten Welt das Prinzip der Weltregion vorzuleben, der Freiheitsfackel weltöffentlich Beispiel zu geben und das Fortschrittsprojekt selbstständiger Weltregionen zu befördern, diese Geschäftsführerrolle wäre den Amerikanern ganz "katholisch" zuzuerkennen und in ihrer globalen Vernetztheit abzufordern. Die Vereinigten Staaten von Amerika haben schon, was der Europäischen Union noch bevorsteht und was sie gemeinsam im Sinne der historischen Wiedergutmachung an/in Afrika für den Prozess einer nachhaltigen Staatsbildung bis hin zu weltregionalen Leuchttürmen zu schultern und zu leisten haben, dem gegenwärtig prekären Afrika-Status entgegen. Und es lernt die übrige Welt von den Fortschrittstreibern. Wer nur seinen Skandalen hinterher läuft, treibt die Welt nicht an, sondern ist ein Getriebener.

Fukuyamas erkannte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auf das Ende der großen Geschichte, die in Geschichtchen übergeht. Er hätte Recht, gäbe es keine Wahrsager mehr, die mächtig genug und willens sind, das, was sie zum Voraus verkünden, auf der Weltbühne auch umzusetzen vermöchten. Und der Fortbau des Weltgebäudes mit den kontinentalen Hausteilen und Flügeln ist rein von der Überlebensnotwendigkeit aller her eine dem Menschen geschuldete Angelegenheit mit imperativem Aufforderungscharakter. Solche Themen gehören in den weltweiten Diskurs, müssen immer wieder angestoßen werden und dem Bewusstsein präsent und geläufig sein, bevor einzelnen Hausräumen fahrlässig überlaute Gewichtigkeit eingeräumt werden kann. Das ist die Erhebung des Bewusstseins überhaupt zum Himmel des Geistes, dem Cyber War als Höllenfeuer entgegen, der feindliche Übernahmen und Übervorteilungen, Bomben und Drohnen mit unsäglichen Kollateralschäden schickt!

Was die katholische Kirche angeht, ob sie ein wirklicher “global player“ wird, hängt davon ab, ob sie zur interkontinentalen Ökumene fähig ist, ob sie den Kontinenten respektive den Weltregionen eigentümliche Lebensidentitäten ermöglichen und zueignen kann und ob sie selber lebendiges Beispiel einer Selbstdemokratisierung in hierarchischer Aufgipfelung ist und sich weltoffen mit anderen in ein größeres Ganzes einschirren kann. Wenn der Gottesglaube echt ist, wissen die so Orientierten, dass alle Aussagen und dogmatischen Gewissheiten Menschenwerk sind und einer Weiter- und Höherentwicklung nicht im Wege stehen können. Eine gute Gelegenheit, um an die Schlüsselgewalt des Himmelreichs zu erinnern!

R. Marx ist weit von solchen Gedanken entfernt. Aber er hat den Papstbesuch in der UNO registriert und auch die Anerkennung der Menschenrechte vermerkt, weniger den Kampf für die neuzeitlichen Wahrheiten. Für die einzelstaatliche Sozialperspektive, mehr westeuropäisch orientiert, hat er durchaus konstruktive Interpretationsarbeit geleistet. Im Übrigen gebührt ihm Dank für die gebotenen Reibeflächen zum Diskurs. Und er ist nicht weniger anfechtbar als sein berühmter Namensvetter, obwohl über diesen schon 150 Jahre Offenbarungszeit hinsichtlich der geprüften Substanzhaltigkeit hinweggegangen sind. Die Titelwahl ist Verbeugung vor Karl Marx mit seinem Hauptwerk.


Hegel als Geschichtsphilosoph.
Hegel als Geschichtsphilosoph.
von Georg Lasson
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Meilenstein – sprachbefreiend – eine Einladung zum Fortdenkenkönnen, 28. Januar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Aus heutiger Sicht, fast hundert Jahre später, überzeugt Lassons Abhandlung durch gute Lesbarkeit und begriffliche Geschmeidigkeit. Schon die Gliederung nimmt sich beachtlich aus, legt eine triadisch durchgefeilte Anordnung des Gedankenganges vor und das auf einem hohen Niveau. Sie verweist dergestalt in den Schwerpunktsetzungen auf drei Ansätze Hegels, die gewissermaßen Vorwissen dringlich machen: So die Geschichtsphilosophie als historisch-äußerlich periodisierter Weg der Freiheitsprozesse, die Enzyklopädie als Kreislauf des Wissens und die Philosophiegeschichte des Absoluten, der spekulativen Kategorien als Ertragswert.

In seiner Zeit hat Lasson eine ausgezeichnete Arrondierung zur Geschichtsphilosophie Hegels geleistet. Es ist ein Nachkriegswerk und bleibt auch diesem Problem- und Konflikthorizont einer Umbruchphase in Deutschland eurozentrisch verhaftet. Er geht nicht über Hegel hinaus, ist kosmopolitisch ohne Denkanstöße, den Baustein Staat verbundmäßig im Sinne Kants fortzudenken und sich von der „Demokratie in Amerika“ (Alexis de Tocqueville) und von ihrem Konstruktionsprinzip anregen zu lassen.

Was der Meister nicht gedacht hat, daran wagen sich die Jünger nicht heran. Dies ist mit Blick auf Hegel besonders zu betonen, der zeitlebens ein aufmerksamer Zeitgenosse war und neue Einsichten seinem System eingearbeitet hat. So hat er das Phänomen Stadt sehr spät profiliert. Für kosmopolitischen Optimismus der Idee Kants sah er kein empirisches Faktum und fürchtete die Abstraktionen als Dreschen von Phrasen, sei es als mathematische Dimension das Spiel mit Klammerausdrücken und Gleichungssystemen, szientistisch durch Klassifikationen und Stratifikationen und logisch durch das Wechselspiel von Induktion und Deduktion. Summarisch: Gemessen am klerikal oder britisch fleischgewordenen Pyramidenbau nicht mehr als ein wirklichkeitsloses plakatives Design oder Label.

Aus dem Wahrnehmungsmangel Hegels, dessen Schriften von der Zunft wie das göttliche Wort penetriert werden, wird gewissermaßen ein eigener Wahrnehmungsverzicht beziehungsweise ein Denkverbot abgeleitet. Es findet keine Dekonstruktion statt, um Begrifflichkeiten am Offensichtlichen rekonstruieren zu können. Das Volk kann kein Schmelztiegel von Völkerschaften sein. Die Völkerverbindung, zumal erzwungen, ist zerbrechlich, kann nicht verwandelt und zu einer Identität der neu eingebundenen Menschen in einem neuen Ganzen geführt werden. Multikulti kann nicht funktionieren. Das ist Lassons Grenze. Hypostasierte Völkerideologie, am Ende gar in der Konsequenz auch Folie für Rassismus, dem reinen Blut und der Blutschande. Eine verkehrte Welt des Geistes.

Nun zu den drei Komplexen, die Lasson in ein schlüssiges Selbstverständnis zu bringen sucht. Zunächst ist es ihm darum zu tun, Hegel im Biotop seiner Zeit näher zu bestimmen. Die geschichtliche Betrachtung kommt auf. Ursprünge interessieren. Herder führt zu den Quellen der Völker und gibt menschheitlichen Ausblick. Hegel weiß um die Geisteskräfte, um die Idee als Seelenführer, und Goethe um die Sonnenpferde der Zeit, die den Schicksalskarren ziehen. Hegel geht den Schritt weiter, nämlich den Geist erkennen, wollen und handeln zu können.

Es soll Gott erkannt werden. Diese geistige Wirklichkeit ist dem Menschen nicht immer existent gewesen. Der Geist, die Intelligenz, die Vernunft sind nicht vom Himmel gefallen. Der Mensch hat sich aus seiner instinktiven Lebenswirklichkeit herausprozessiert. Der Kosmos noetos hat sich entwickelt und der geschichtliche Rückblick offenbart die ausgreifende Aneignung dieser neuen Freiheitswirklichkeit des Menschen. Zunächst als Gewoge zu bändigender Leidenschaften im Naturgeschehen und als zum Heil verinnerlichte Passionsgeschichte, dann als revolutionäre Wirklichkeit des Staates, die das Rad der Naturprozesse und des menschlichen Daseins in eine Rechtswirklichkeit gießt. Land und Volk in Gaben und Anlagen als staatlich organische Einheit treten wie der geschichtliche Endzweck auf und für die Beziehungen der Staaten zueinander ist die Weltgeschichte das Weltgericht.Ein zwiespältiger Ausblick.

Ideenlos geht Lasson im Schlussteil geschichtsphilosophische Differenzierungen an. Und er geht nicht darüber hinaus, was jungen Wein in alte Schläuche gießen heißt. Er periodisiert das Überlieferte, nicht über die Höhlengeschichte hinaus, vom Standpunkt eines vernünftigen Wechselbezuges, der den Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit denkt. Er reflektiert Staatsformen, die, auf die Weimarer Republik gesehen, verständig, aber nicht hilfreich und konstruktiv reflektiert werden, sogar hinter Hegel zurückfallen und nicht das absolute Denken aufbieten, sei es nur, um Fragezeichen zu setzen.

Was den weltgeschichtlichen Fortschritt angeht, so liefert die objektive Seite den Rückblick und die subjektive die Idee der Perfektibilität mit dem Blick nach vorn. In der Summe dieser Wirklichkeitssicht – der Hamster im Laufrad! Es sind nicht Meisterdenker des Weltgebäudes am Werk, sondern ein naturwüchsiger Fortbau der Rechtswirklichkeit bis hinauf zu den Vereinten Nationen ist dann weiterhin hervorgetrieben worden, für den Hegel nicht nur auf die List der Vernunft erkannt, sondern auch die lehrreiche Metapher der brandstiftenden Leidenschaften gesetzt hat, die das Gebäude der menschlichen Gesellschaft hervortreiben, aber auch gegen den unheilvollen Täter zum „Rückschlag“ werden, „der ihn zertrümmert.“ O wie wahr!

PS: Eine Neuauflage ist wünschbar. Sprache und Gedankenklarheit machen ihn für das Fortdenkenkönnen grundständig. Gleichwohl überholt, überragt er viele heutige Größen der Hegelinterpretation, bei denen nicht mehr klar ist, was an deren Schwerenöterei das eigene Denken noch entzünden oder befeuern kann. Lasson wartet mit vielen dialektischen Denkfiguren auf, die da wie Leerformeln auf Anwendung harren, faktische Weltveränderungen einzuholen und zu begreifen. Eine eBook-Version wäre schön.


Kindheit des Zauberers: Ein autobiographisches Märchen
Kindheit des Zauberers: Ein autobiographisches Märchen
von Hermann Hesse
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,00

5.0 von 5 Sternen In Dichters Lande gehen und sich von Hesse inspirieren lassen., 25. Januar 2014
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Der autobiographische Versuch des Dichters und Schriftstellers Hermann Hesse, illustrativ von Peter Weiss mit einem Surplus ausgestattet, lohnt den Zugriff, nicht nur aus antiquarischem Interesse oder aus Verliebtheit in einen Dichter. Optische Denkanstöße erleichtern das Hineinfinden, sind Hinweisschilder für Anmutung und Innehalten, sei es im Text oder in sich selber ein Anklingendes nachzusuchen.

Hesses kleine Erzählung liest sich wie ein verdeckter Gegenentwurf, über die abendländisch-christliche Kindheitskultur hinaus. Er öffnet den Blick für andere kulturelle Bedeutsamkeit, macht empfänglich dafür. China, keine gelbe Gefahr, Indien, eine andere Trias der Götter, Liedgut, Gebetsübungen, Schriften aus dem südasiatischen und nahöstlichen Raum. Es blitzen vielerlei Reizwörter auf, für viele wie Fremdwörter oder ein Quizwissen des bloßen Nennenkönnens.

Hesse porträtiert Archetypen der kindlichen Erlebniswelt: Vater, Mutter, Großeltern aus dem bürgerlichen Genre. Er sucht das Verhältnis von Kindern und Erwachsenen einzufangen, ebenso Einflüsse, die von geheimnisumwitterten Schätzen ausgehen, gleichsam auf einem Dachboden aufgefunden, Mitbringsel aller Art aus fernen Ländern, die die Fantasie magisch beleben.

Der Ich-Erzähler lässt in die eigene Kindheit zurückerinnern und vermag den einen oder anderen Seufzer zu entlocken: Ja, so einen Großvater hätte unsereiner auch gerne gehabt, der geheimnisvolle Welt kundig erschließt und erlebnishungrig und abenteuerlustig auf ferne Welten macht! So ein vielsprachiges Elternhaus mit Fenstern in alle Welt hinaus, was für Brückenschläge werden da denkbar und angebahnt, die auf verdauungsschwere Schulwissenschaften spotten lassen!

Hesse arbeitet für den Leser am magischen Entwicklungsalter entlang. Bei genauerer Analyse nutzt er eher phasengeläufig ordnende Typisierungen und arbeitet literarische Lesefrüchte ausgreifend ein. Aus der Magie der Kindheit ist in der Tat der Wortzauberer geworden. Diese mehr positiv intonierte Strebung verdeckt indes fast gänzlich die Weltflucht, mit der Hesse den Ängsten, Bedrohungen, Niederlagen und Bedrängnissen in der Kinderzeit ausgewichen ist, um die schmerzhafte Wirklichkeit nicht nur ertragen, sondern zugleich auf wunderbare Weise verwandeln zu können.

Der „kleine Mann“, der Hesses Kindheit begleitet hat , dürfte für Freudianer gut zu entschlüsseln sein und für die ödipale Situation stehen, die Auseinandersetzung mit dem Vater wie auch für die für sich begehrte Mutter, die dann in Gestalt der natürlichen und netten Nachbarsfrau die notwendige „Aufklärung“ bringt. Sicherlich eine Kindheitserfahrung, die auch in Kamela (Siddharta. Eine indische Dichtung) widergespiegelt wird.

Der Dichter opfert dem Gott Pan weltenübergreifend, erhebt mentale Provinzler zu freieren Europäern und lässt sie auf die großen Kulturen Asiens schauen, die mit ihren Schätzen auf Augenhöhe stehen und gleichsam Wahrzeichen für eine große Sehnsucht nach Begegnung, Austausch und Lebenswert der ganzen umfassenden Welt sind.

Hesse, ein Leuchtkristall, der eurozentrischen Hybris und dem imperialen Machtgebaren der damaligen Hydra in der Welt entgegen! Was für eine Weltsicht in finsterer Zeit! Wir brauchen noch mehr Hesse für die fortgeschrittene Welt heute! Er fordert Schriftsteller im wahrsten Sinne des Wortes zu Dichtern heraus, die Teile des Weltganzen zusammenzubringen und der Zusammengehörigkeit und dem Zusammenwachsen die Sprachkraft der Anteilhabe und Anteilnahme zu leihen!

Selbst auf ein Europa freierer Europäer hin besteht immer noch eine herausfordernde Verdichtungsnotwendigkeit all der Euroländer mit ihren erlebenswerten Eigentümlichkeiten zu einem Ganzen!

Einfach um es anzumerken: Es hat Kritiker gegeben, die Hesse als seichten Erzähler abgetan und in seinem Schaffen eine weltfremde Romantik am Werke gesehen haben. Da muss wohl eine andere Kindheit Pate gestanden haben, der mit ihren Folgen die Nachwelt verweigert worden ist.


Le Tour du Monde en 80 Jours : Le Tour du Monde en 80 Jours (Lire en français facile) (French Edition)
Le Tour du Monde en 80 Jours : Le Tour du Monde en 80 Jours (Lire en français facile) (French Edition)
Preis: EUR 5,49

5.0 von 5 Sternen Einfach empfehlenswert, 10. Januar 2014
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J'aime cette lecture classique moins compliqué en français facile. Et oui, beaucoup de morceaux préférés viennent avec moi. Meine neue Bücherkiste für Lieblingsstücke ist der Kindle Fire geworden. Ein Dreh des Karussells bringt mir jetzt „Le tour du Monde en 80 jours“ vor die Nase.

Die Adaption des Textes (Dominique Bihoreau) ist ausgezeichnet. Ein eingängiges Französisch für den Alltag macht das Lesen zur Freude. Weniger geläufige Worte und Redewendungen finden einen liebevoll besorgten Anmerkungsapparat. Alles wieder alltagstauglich, für Fingerübungen geeignet, auf lockere Konversation hinaus. Die Nachschlagetechnik ist auf hohem Vergleichsstand. Illustrationen, in Schwarz-Weiß, unterbrechen den Text wohltuend, erwirken kleine Lesepausen.

Es ist ein Vergnügen, sich von Zeit zu Zeit von Jules Verne entführen zu lassen, sich kurz einzulesen und sich Phileas Fogg, Passepartout, Aouda oder diesen Fix in Erinnerung zu holen und einfach eine Episode dieser Erdumrundung auf sich wirken zu lassen. Diese Attitüde, wer kennt sie denn nicht: Das Verweilenkönnen in schönen Textpassagen, die als Gesprächsanlässe dann vor Augen stehen, zum Zuge kommen und Zuhörer in den Bann schlagen und vor allem den Geist zu entführen vermögen!

Ein Stück Bewusstseinserweiterung geht von diesem Klassiker aus. Er rückt Kontinente zusammen und bricht national-kulturelles Eingesponnensein, weckt unternehmungslustiges Fernweh, lässt den Bauchnabel vergessen und schafft einen ersten weltweiten Horizont für wirkliche Globalität und die überaus bedeutsame Frage: Was können und müssen wir, die wir gleichsam dem Fix hinter vielerlei Beute in aller Welt her sind, heute anders und besser für die Welt tun und auf den Weg bringen?

Für den jungen Leser heutzutage gibt es die beneidenswerte Situation, auf solch literarisches Angebot mit dieser wohlfeilen Tablet-Technik zugreifen und das Ganze auch noch preisgünstig als Präsenzbibliothek mit sich führen zu können. C’est le progrès. Savoir les jeunes c'est déjà à estimer?


Philosophie des Zen-Buddhismus
Philosophie des Zen-Buddhismus
von Byung-Chul Han
  Taschenbuch
Preis: EUR 4,40

5.0 von 5 Sternen Anregend - ein Lichtblick - empfehlenswert, 5. Januar 2014
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Rezension bezieht sich auf: Philosophie des Zen-Buddhismus (Taschenbuch)
Byung-Chul Han - Er liest sich poetisch schön, gibt verdinglichten Köpfen ein Stück meditativer Besinnlichkeit zurück, taucht sie ein in zen-buddhistische Philosophie, entführt sie, lässt Erinnerungen an Kindheit und Jugendzeit aufleben. Da ist ein naives Fragen und sachtes Zerpflücken und Aufleuchten lassen von Verstehen. Ein Anflug von Hölderlin kommt auf.

Was Zen-Buddhismus als östliche Strömung ausmacht, von Ursprüngen via Modifikationen bis hin zu Tendenzen, bleibt diffus, hintergrundlos, kennt keine Entwicklung. Es mag offen bleiben, ob das als demonstrativer Zug zu werten ist, der durch Beliebigkeit, Gleichgültigkeit, Nichtigkeit schon das Nichts signalisiert. Der Zugriff auf Denker abendländischer Philosophie verfährt durchaus vergleichbar, ungeschichtlich, herausforderungslos, plattmachend, nach der Bruchsteinmethode. Hans Komparatistik immediatisiert.

Han hat Heidegger studiert, den Philosophen der deutschen Seinsvergessenheit. Der philosophische Einfluss ist von der Sprachebene her auch nachzubuchstabieren. Die Gedankenführung lebt von aussagekräftigen Lichtungen. Dies ist die positive Seite, ein Bestreben, auf Besinnlichkeit, Erhellung und Entspannung in jeweiliger Alltäglichkeit des Lebens hinaus. Die negative Seite lässt gewissermaßen Heidegger, um Denkverwandtschaft zu behaupten, unüberschritten zurück. Sie durchstößt nicht den metaphorischen Nebel des Seinsphilosophen, aufwärts zur Sonne, um dort in der Philosophie Begriffsfortschritte zur geschaffenen Welt der Intelligenz zu entdecken, zu welcher, geschichtlich betrachtet, der Zen-Buddhismus nur das Vorspiel gewesen ist, ein Reset aus dem unmittelbaren Bewusstseinsdruck, den „Menschenaffen“ der hochkochenden Leidenschaften zu entwöhnen, den wütenden Krieger zu befrieden, diese Wesen für den umgänglichen Intelligenzgebrauch zu befreien und dafür verständig zu machen.

Die unmittelbare Lebensauffassung, poetisch verdichtet, liefert Anlässe der Einlassung, Betrachtung und Festigung. Han hat sein eigenes Ordnungsschema, sucht, wählt aus und gruppiert thematisch: Religion ohne Gott, Leere, Niemand, Nirgends wohnen, Tod, Freundlichkeit. Weder Jahreskreis noch Weg oder ein Gewusst-wie orientiert. Hans Beispielgebung läuft darauf hinaus, Anstöße zu geben, Einsicht zu erzeugen, „die eigene Natur schauen und Buddha werden.“ Anders ausgedrückt: Souverän seiner selbst! Und auch Bettler mit der Opferschale?

Anders die japanische Modifikation des Zen-Buddhismus: Der Verstand ist gefragt, das im Wort sinnlich Erfasste vor das innere Auge zu holen, es zu durchdringen, zu verwesentlichen und sich anzueignen. So kann es in der Tat ohne Gott gehen. Der Mensch als gemeinschaftlose Monade. Ein Wesen, das durch Einsicht und Übung der Mäßigung seiner Leidenschaftlichkeit fähig ist .
Heidegger hält an Gott fest, geht von Seinsvergessenheit aus, ohne eine Antwort auf die Frage nach der neuen Existenz Gottes zu haben, der ihm mit seinem philosophischen Herold des Übermenschen und dem desaströsen Führerkult abhanden gekommen ist und eine von ihm angestrengte Denkbarkeit der Verfänglichkeit ausgesetzt hätte. Die deutsch-nationale Seinsoffenbarung beziehungsweise seinen philosophischen Gott des bloßen Seins hat er nicht zu überschreiten vermocht. Schon gar nicht hat er für das geistig mitbeförderte Sein des Weges in die Katastrophe Verantwortung zu übernehmen gewusst.

Was Han angeht, so hat er nicht die conditio humana begriffen, ohne die eine gesellschaftliche Arbeitsteilung den Menschen nicht ernst nehmen muss, dieser Kampf um Willensfindung zweier Seelen in der Brust, diese Passionsgeschichte des menschlichen Selbsterlebens, ihre Spiegelung an der Natur und an Menschen, geläutert zur stimmigen Handlungsfreiheit im Selbstseinkönnen. Solcherart Selbstwahrnehmung geht nicht ohne Gottesentdeckung, ohne Vertrauen in die Authentizität des Worts: Und das Wort ist Fleisch geworden. Eine neue Dimension hat sich dergestalt dem menschlichen Leben erschlossen. Zunächst ein Weg über kulturstiftende Kirchengemeinden, sodann über die nationalstaatlich veranstaltete Schulbildung. Noch offen für den Anspruch des Weltmaßstabes nun die geisteswissenschaftliche Komponente.
Verstandesschärfe, die sich aus dem Zen-Buddhismus gewinnt, ist noch nicht der ausgetragene Willenskampf in sich, die Bedingung der Menschlichkeit: Humanität. Der christlich-kulturelle Jahreskreis in Sitten, Bräuchen und Feiern offeriert den abendländischen Fundus, der zur Vorstellungswelt allegorisiert, personifiziert, interiorisiert und dem göttlichen Anspruch unterworfen worden ist. Was für ein anderes Welterleben, den Haikus entgegen, aus der verweltlichten Feder von Dichtern: Der Himmel lacht, goldene Augensterne, ein flüsternder Wind, verzanktes Spatzenvolk, Herz aus Stein, Himmelfahrt, Justitia zwinkert.

Allerdings ist einzuräumen, dass die industriegesellschaftliche Welt das religiös-kulturelle Brauchtum und ihre imperiale Bilderwelt samt den vielen Heiligengeschichten zurückgedrängt, dekonstruiert und die Relevanz der traditionellen Repräsentanten zur Restgröße entwertet hat. Modern gesprochen: Die technische Zivilisation ist ohne angemessene religiös-kulturelle Upgrades geblieben. Das Geistliche ist hinter dem Geistigen zurückgeblieben, zu einer außerordentlichen Selbstsuggestion verkümmert und in vielerlei Vernunftlosigkeit zum Aberglauben abgesunken. Es werden keine neuen ethischen Imperative in der sich selbst überlassenen Fortschrittswelt kultiviert, die der technischen Machbarkeit von Dingen und ihren Rollen eines schier unvorstellbaren Ausmaßes die Grenzen stecken und ethische Lebenspflöcke des Menschseinkönnens einschlagen. Schutz erwächst dem Menschen aus seiner Brauchbarkeit, Funktionalität und Bewertung, nicht die Menschenwürde selbst schützt. Sie ist von Parzellierung und Teilbarkeit bedroht.

Heidegger, dessen Denken der Supertick geprägt hat, ist als Gegenzeugnis zur technischen Machbarkeit aller Dinge der schlechteste Ratgeber. Für den Geist der Welt bleibt er ohne Angebot. Er ist ein Philosoph der Höhle. Aber auch der Zen-Buddhismus hat mit der Fortschrittshöhe der Zeit nichts tun, hilft hier nicht weiter durch Einübung in Verstandesschärfe, wenn das Wofür der Verstandessicht fraglos bleibt, sei es, dass der Vogel Strauß mit dem Kopf im Sand regiert oder ambivalente Weisheiten gelten: Durch das Feuer gehen und nicht verbrennen, durch Meere von Wasser gehen und nicht zerfließen, im Dreck waten und nicht schmutzig werden. Wem sollte da heute nicht angesichts einzelner Präsidentengewalt, allein was Atombomben, Drohnen und andere Todesengel betrifft, angst und bange werden?
Von Gott nicht mehr zu reden, der die Menschen zwar klug macht, aber sich durch sie nicht vernünftig in Frage stellen lässt, sondern die Macht des geistanstoßenden Worts beim zwielichtigen Personal sogar bis hin zu unfehlbar belassen hat. Jedoch gilt: Wer über das, was das Bewusstsein betrifft, vernünftig mitreden will, muss sich vernünftig machen. Dem Zen-Buddhismus Hans fehlt die Sprache und Bescheidenheit der Selbsteinordnung mit dem Nichts, um mitreden zu können. Hans Leihstimme gilt eigentlich nicht. Was sich der Sprache entzieht, kann auch nicht besagt werden.

Hans Plädoyer für den Zen-Buddhismus erinnert an Adornos Satz: Versuchen, so zu leben, dass man glauben darf, ein gutes Tier gewesen zu sein. Bei diesem angesichts des Völkermords Resignation, bei anderen wieder bequeme Ausrede. Und nicht wenige finden selbst-verschuldete Unmündigkeit nach wie vor bequem und darum gut! Die für etwas brennen, sind Verspinnerte, ohne Wert, um ihnen anzuhaften oder sie festzuhalten. Sie stören, verursachen Scherereien, stellen in Frage, fordern heraus, bedeuten gar Selbstveränderung. Niemand vermag der Unmündigkeit solcherart, auf Taubheit gestellt und zu einem autistischen Nichts hochstilisiert, ein Licht aufstecken. Da tun Wunder not, nämlich Tote zum Leben zu erwecken, was über den Zen-Buddhismus h hinausführen würde.

Wo Menschen in Gemeinschaft leben, gibt es Probleme, Konflikte, Widersprüche, da ist Vernunft vonnöten, in concreto, miteinander sprechen, aufeinander hören, auf Übereinkunft dringen. Ganz unerlässlich ist sie, die Vernunft, geht es um den Verkehr zwischen den Staaten auf der geopolitischen Weltbühne. Und vor dem Richterstuhl der Vernunft sind jeweils die Handlungsoptionen der Sachverständigen und Interessenschlichter in Rede und Antwort zu bringen, auf dass die optimierte Zukunftsfähigkeit neuer Regelwerke, Institutionen und Rechtssetzungen vernünftig ermittelt und vermittelt werden kann. Ein weites Feld für philosophisches Weiter- Höher- und Fortdenken! Und nach welcher Philosophie der Philosophien, wenn doch alle einen Stellenwert geltend machen könnten?


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