Profil für kpoac > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von kpoac
Top-Rezensenten Rang: 485
Hilfreiche Bewertungen: 7235

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
kpoac
(TOP 500 REZENSENT)   

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11-20
pixel
Die Tage des Gärtners: Vom Glück, im Freien zu sein
Die Tage des Gärtners: Vom Glück, im Freien zu sein
von Jakob Augstein
  Gebundene Ausgabe

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Saisonale Monogamie. Oder über die Gärtner-Kunst der Liebe zu den Jahreszeiten., 23. Mai 2012
"Wenn milder Regen, den April uns schenkt,
Des Märzes Dürre bis zur Wurzel tränkt,
In alle Poren süßen Saft ergießt,
Durch dessen Wunderkraft die Blume sprießt; ..."
(Geoffrey Chaucer, Prolog zu den Canterbury Tales)

Wer nun meint, es ließe sich nach diesem Buch der Garten neu bestimmen, irrt, wenn er nur an Bilder und Pflanzen denkt. Irgendwie berauscht sich ein junger Feingeist an der Natur, stellt die Dinge des Lebens in eine neue Ordnung und lässt das Paradies im großen wie im kleinen neu entstehen. Denn alles, was die Sehnsucht nach Ruhe und Natur braucht, ist eine Ordnung im Chaos. Zu wissen, dass Natur wuchert wie sie will, heißt auch zu wissen, dass derjenige, der die Schönheit in seinem Sinne sucht, ohne Arbeit nicht auskommt. Erinnern wir uns, als Candide seine Kunigunde als letzten Grund der Reise fand, war ihm auch klar, dass nichts bleibt, als die Aufgabe, den Garten zu bestellen.

So liest man diesen jungen Jakob Augstein (1967-), dem eine Leidenschaft zum Garten nicht abzusprechen ist, der aber vielmehr in den Reizen und in der Überwindung der Natur zum Schönen, man kann auch sagen zum natürlich Künstlichen, einen speziellen Blick entfaltet, der Geist, Natur und deren Gestaltung vereint. Ihn reizt, aus dem Chaos, Idylle zu machen; ihn reizt, aus dem Wilden, etwas Beherrschbares zu machen; ihn reizt, aus den wunderbaren Details, Zusammenhängendes zu zaubern. Ihm wird kein Widerstand zu groß, als dass er nicht überwunden werden könnte. Kennt er doch als die wochenendlichen Besuche in Baumärkten und Gartenmärkten, so wird er zum Mann mit Sachverstand zu den Werkzeugen, auch wenn das Knie darunter zu leiden hatte. Auch wird er zum Beobachter der Unordnung, um durch die Arbeit, eine Ordnung zu gestalten. Farbe, Licht, Wasser und Bewegung garnieren seine Ideenwelt, erhöht in der Vorstellung, realisiert im Lichte des Gartens. Und in allem versucht ein wacher Geist einen tieferen Sinn zu entdecken, zumindest zu suchen in der Verwandtschaft von Garten, Literatur und Philosophie.

Alles, was sie hier lesen, ist keinesfalls ausschließlich eine Anleitung zur Gartengestaltung. Es ist nicht die Arbeit, die hier beschrieben ist, es vielmehr eine Lust, die entsteht, wenn Blumen ihre Farbe zeigen, wenn feinster Mutterboden durch die schon schwarzen Hände rieselt und wenn im Herbst all die Setzlinge in tiefer Erde zur vorgestellten Pracht auf den Frühling warten. In allem steckt Illusion, in allem steckt Poesie, in allem steckt das Werden und Vergehen, in allem steckt der Tod als Bote des Lebens und in allem steckt der Mut, seine Gedanken auf eine Reise zu schicken, bis milder Regen des Märzes Dürre bis zur Wurzel tränkt.

Eine neue und lesenswerte Art, Natur und Garten kennenzulernen.
~~
Kommentar Kommentare (6) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 28, 2013 10:50 PM CET


Die Nachtigall und die Rose
Die Nachtigall und die Rose
von Oscar Wilde
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 9,90

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Aber die Liebe ist besser als das Leben, singt die Nachtigall., 17. Mai 2012
"Das erhabenste Vergnügen an der Literatur
ist,das Nicht-Existente existent zu machen."
(Oscar Wilde)

Ein Buch über die Liebe zu schreiben, ist Ansinnen vieler Literaten. Doch einer, nämlich Jean Cocteau, verzichtet, weil er gerade Oscar Wildes "Nachtigall und die Rose" für unübertrefflich hielt. Und er hat Recht.

Oscar Wilde (1854-1900) ist brillant. Sein Ansinnen, die Liebe in jenem Studenten zu entfalten wird von der Vergeblichkeit der Liebe und der Begrenztheit des Denkens überschattet. Und doch entdeckt die Natur und in ihr vor allem die Nachtigall, welch tiefe Sehnsucht in einem Menschen sein kann, der sonst nur an den Lippen oder Buchstaben weiser Männer hängt. "Da ist endlich einmal ein treuer Liebhaber", von dem sie sonst in Geschichten nur den Sternen berichten konnte. Und nun ist er vor ihr, sie singt ihm und will voll Verzweiflung helfen, dass er nur mit der Kraft einer roten Rose die Liebe seines Lebens einfängt. Und für die Nachtigall beginnt ein Suchen bis in den Tod, das schönste Rot, die tiefste Liebe, die längste Dauer, die Liebe in Ewigkeit will sie und die Rose wird zur absoluten Metapher ewiger Liebe.
Dem verzweifelten Studenten ohne jede Hoffnung wächst unter seinem Fenster aus dem Herzens-Blut der Nachtigall eine Rose voll schönstem Rot und jener voller wahrer Sehnsucht tritt auf bei einem Ball mit Freude, seine Liebe seiner Liebsten im Tanze zu bezeugen. Vergeblich. "Verlorn! ' das Wort schon ruft wie Glockenklang / Zurück von dir mein einsam Ich mir jäh! / Adieu! ' die Phantasie täuscht nicht so lang / Wie man ihr nachrühmt, trügerische Fee." (John Keats, Ode an die Nachtigall)

Oscar Wilde wirft Fragen auf: Was ist das Innere eines Menschen? Wie wird es beeinflusst durch bevorzugte Äußerlichkeiten? Was trifft mein Selbst, was bildet es und wie bildet es sich, sind die suchenden Fragen nach dem Wesen des Menschen und im Vergleich hört man die klare Nachtigall, die in schönster Pracht ihr eigenes Wesen zeigt bis in den Tod, weil die Liebe besser ist als das Leben. Eine Liebe, die der Tod verklärt, die auch im Grab nicht stirbt, wird erhofft und doch in der Kraft der Symbolik nur überrollt.

Wie der egoistische Riese in einem anderen Märchen sich seiner Persönlichkeit stellen muss, so auch hier der Student und seine vermeintlich Liebste. Wilde geht es um die Frage des Individuums in der Gesellschaft und wie er es meint, lesen wir in den Essays vom Kritiker als Künstler und Der Sozialismus und die Seele des Menschen.
~~


Der Riese, der nur an sich selbst dachte
Der Riese, der nur an sich selbst dachte
von Oscar Wilde
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Was ein Mann wirklich besitzt, ist das, was in ihm steckt." (Oscar Wilde), 17. Mai 2012
"Vergangenes ist der Bücher Beute:
Doch hierin lebt ein ewig Heute."
(Friedrich Nietzsche)

Nicht unser eigenes Leben sei es, das wir führen, schreibt Oscar Wilde (1854-1900) in seinem Essay: "Der Kritiker als Künstler". Vielmehr sei es das Leben von Toten und die Seele, die in uns wohnt, sei aus alten Gräbern voll bitterer Weisheit. Aber, so Wilde, sie kann uns fortführen von jener Umgebung, deren Schönheit die Nebel der Vertrautheit trüben und sie kann uns helfen, dem selbst auferlegten Zwang zu entfliehen. Vielleicht sind Oscar Wildes Märchen von dieser Seele inspiriert, so dass sie ihm und damit uns Lesern den Nebel der unsäglichen Erfahrungen und der erbärmlichen Ansprüche lichten helfen.

"Der selbstsüchtige Riese" mag von dieser Qualität sein. Sieben Jahre lang verließ der Riese sein Zuhause, um alles, was es zu sagen gibt, mit dem gehörnten Menschenfresser zu besprechen. Sieben Jahre lang machten sich die Kinder seinen Garten zum Paradies. Sie freuten sich mit den Vögel über das grüne Gras, die Pfirsichbäume, die schönen Blumen und den Wechsel der Jahreszeiten. Dann kam der Riese zurück und sein Garten sollte ihm allein von nun ab gehören.

Doch etwas Seltsames geschah. Nachdem die Mauer stand, der Verbotsschild verhieß, dass keiner seinen Garten betreten möge, verzichtetet auch der Frühling auf diesen Garten. Winter, Eis, Schnee und später der Nordwind behüteten in Kälte diesen Besitz bis eines Tages durch einen kleinen Spalt die Kinder sich Zutritt verschafften und der Garten wie von Geisterhand erblühte.

Wie egoistisch er doch sei, sagte der Riese zu sich. Von nun an spielten die Kinder wieder im Garten, einem kleinen Jungen in besonderer Verbundenheit half der Riese auf den Baum, die Mauer riss er ein und Frühling, Sommer, Herbst und Winter besuchten den Garten viele Jahre. Und jeder Winter war Geduld und Sehnsucht nach erneutem Werden. Der Riese vergaß seine Selbstsucht, er wurde älter und älter und eines Tages stand dieser kleine Junge, dem er half, den Baum zu besteigen, wieder vor ihm. Ihm fielen des Kindes Wunden von Nägeln, jeweils an den Händen und den Füßen, auf und auf Nachfrage sagte das Kind, es seien die Wunden der Liebe. Und nun sei es hier, sich zu erinnern, dass der Riese es im Garten spielen ließ und nun sei es an der Zeit, dass er in seinen Garten mitkäme. Und als die anderen Kinder kamen, fanden sie den Riesen tot unter diesem Baum, ganz bedeckt mit weißen Blüten.

"Was ein Mann wirklich besitzt, ist das, was in ihm steckt" schrieb Oscar Wilde an anderer Stelle und hier in diesem Märchen findet sich die Quintessenz aus dieser Sentenz.
~~


Murphy
Murphy
von Samuel Beckett
  Broschiert

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Geburt des Sinns aus dem Geiste des Un-Sinns., 15. Mai 2012
Rezension bezieht sich auf: Murphy (Broschiert)
"Das eben finde ich so wundervoll. Die Art, in der der
Mensch sich anpasst. Den wechselnden Verhältnissen."
(Samuel Beckett lässt dieses Winnie sagen in: Glückliche Tage

Dass es nichts Neues unter der Sonne gibt, ist seit dem Buch der Prediger bekannt. Dass Samuel Beckett (906-1989) seinen Roman damit beginnt, die Sonne alternativlos nichts anderes als nur "nichts Neues" beleuchten zu lassen, ist dennoch interessant. Denn Murphy sitzt "als ob es ihm frei stünde", im Schatten. Die Sonne bescheint das Nicht-Neue, aber nicht Murphy. Was will Beckett also mit Murphy sagen? Lesen wir weiter und nun wird es klar. Murphy sitzt seit sechs Monaten nackt in seinem Schaukelstuhl, von der Sonne abgeschirmt, sein Atem ist nicht wahrnehmbar. Geräusche aus einer Welt, zu der er nicht gehören will, stören. Seinen Körper will er beruhigen, damit sein Geist sein Lebensraum werde. Die Welt der Möglichkeiten trennt ihn von der Wirklichkeit, in der er seinen Platz verlieren will. Sein Geist als "eine große hohle Kugel", die "nichts ausschloß, was sie nicht selbst enthielt". Und so blieb nichts anderes, als zwischen dem Virtuellen und dem Wirklichen zu unterscheiden. Das Wirkliche als physische Erfahrung, dass Virtuelle ergänzt um die geistige Erfahrung. Seine Erfahrungen sammelte er "in re" und "in intellctu", er wurde sein "Monsieur Teste"). In der Ruhe des Körpers würde er frei sein, so sein Hoffen im Geiste.

Aber auch lebt er mit Celia. Sie wird ihn zur Arbeit schicken. Er findet eine und ist verschwunden. Eine Suche beginnt und Murphy wird entdeckt als Helfer in einem Irrenhaus. Nichts macht ihn glücklicher, als hier zu sein. Murphy wird zum Symbol der Selbstversunkenheit, der seinen inneren Frieden findet und dabei das Streben im Leben verliert. Warum nur, geht Beckett immer diesen Weg des Leidens, um am Ende zu zeigen, dass der Mensch unvollkommen geboren wurde und sein Leben nicht reicht, vollkommen zu werden. Damit lohnt kein Streben, Beckett löst sich von den äußeren Dingen und kehrt sich in sein Innerstes.

Murphys Abstieg ist in einer wunderbaren Sprache, mit einer Komik und Ironie verfasst, die seinesgleichen sucht. Sich selbst bringt er in dieser Komik zu Fall, in den Tod und als wenn er nie existiert hätte, wird er in Form seiner Asche zusammen gefegt mit all dem Sand, dem Bier, die Kippen usw. Ein Nichts, aus Staub geboren, zu Staub geworden. Das Ich, dass ihm verwehrt war zu lieben, machte nun gänzlich schlapp.

Beckett wurde als irischer Protestant am 13. April an einem Karfreitag geboren. Für Protestanten ein hoher Feiertag und der Tag des höchsten Leids, dem man nur durch Tod entfliehen kann. Das Streben nach völliger Ruhe im Irdischen endet ironisch lächerlich im unglücklichen Tod. Nichts gelingt richtig, unvollkommen und klein stirbt der Mensch. Beckett als großer Zweifler am Menschen hat Recht - zumindest immer in seinen Werken. Das Leben ist eben anderswo.
~~


Aphorismen
Aphorismen
Preis: EUR 0,00

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Schopenhauer: Kein "Sklave fremder Meinung und fremden Bedünkens"., 15. Mai 2012
Rezension bezieht sich auf: Aphorismen (Kindle Edition)
"Wir werden dieses Welt ebenso dumm und ebenso schlecht
verlassen, wie wir sie vorfanden, als wir ankamen."
(Voltaire)

An Voltaire angelehnt, konnte Arthur Schopenhauer (1788-1860) bereits 1851 in seiner Schrift: PARERGA und PARALIPOMENA Band I feststellen, dass die "Weisen aller Zeiten immer das Selbe gesagt, und die Thoren, d.h. die unermeßliche Majorität aller Zeiten, haben immer das Selbe, nämlich das Gegentheil gethan: und so wird es auch ferner bleiben". Nun, Schopenhauer war nie ein Kind von Vorsicht, seine Sprache ist deftig direkt. Am meisten hatte es der alte Hegel zu spüren bekommen, aber sei's drum. Seine im oben erwähnten Nebenwerk, in dem neben dem Übergangenen (Paralipomena) auch die Aphorismen zur Lebensweisheit den Leser erfreuen. Denn diese Aphorismen der Lebensweisheit, die im wirklich wahren Begriff der Lebensweisheit von der Kunst berichten, "das Leben möglichst angenehm und glücklich durchzuführen", treten an, letztendlich zu einem "glücklichen Daseyn" zu führen.

Chamforts Worte, dass das Glück nirgends zu finden sei, als in einem selbst, schickt er voraus und bettet so seine Agenda auf diese Idee der Sorge um sich. Sich zu fragen, was man ist; sich zu fragen, was man hat; sich zu fragen, was man vorstellt sind die Kategorien antiker Philosophie, die helfen, die Persönlichkeit, den Besitz und letztendlich die Sicht auf sich selbst im Auge der anderen zu erfahren und zu erkennen. "Höchstes Glück der Erdenkinder / Sei nur die Persönlichkeit" schrieb Goethe im W.O.Divan und konnte so das Sein fernab vom Besitz definieren, sicherlich genau unter der Prämisse Sokrates', der nichts anderes zu finden suchte, was er nicht (sic!) nötig hatte. Schopenhauer kommt auch so zu dem Schluss, dass das Wesentliche das ist, was wir sind. "Geprägte Form, die lebend sich entwickelt"; dieses Goethe-Wort als Maßstab und Aufforderung zu erkennen, was in der Macht steht zu ändern, zu bewegen, zu vollenden.

Schopenhauer bewegt seine Gedanken entlang der griechischen Philosophie, teils den Lehren Epikurs entsprechend, zum anderen nach der Bescheidenheit der Stoiker. Zudem verweist er was Ethik und Moral angeht auf seine Preisschrift, Über die Grundlage der Moral. Was den Besitz angeht, weiß er wie die Griechen die Quelle aller Unzufriedenheit in der Maximierung der Ansprüche zu finden. Insbesondere ist es das Geld, weil es nicht nur einem Bedürfnis in concreto begegnet, sondern vielmehr dem Bedürfnis überhaupt.

Unser Dasein in der Meinung anderer schließt den Reigen der brillanten Überlegungen und Aphorismen. Ist doch diese Fremdmeinung eigentlich unwichtig für das Wachsen des eigenen Glücks, treibt um so mehr die Frage den Geist, warum einer sich freut über des anderen Gunst. Die Eitelkeit und der Schmeichel treiben hier ihr Spiel und suchen fremden Beifall. Wird man so zum "Sklave fremder Meinung und fremden Bedünkens", so ist um so mehr zu bedenken, was man in und für sich selbst ist, gegen das, was man bloß in den Augen anderer ist. Die richtige Abschätzung wird zum Glücke beitragen, Gellerts Worte geben zu bedenken: "daß oft die allerbesten Gaben / Die wenigsten Bewund'rer haben."

Eine lesenswerte Sammlung bester Aphorismen zur Lebensweisheit.
~~
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 4, 2012 2:18 PM CET


August Strindberg: Ein Traumspiel
August Strindberg: Ein Traumspiel
von August Strindberg
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Nichts ist so, wie ich es mir gedacht habe.", 14. Mai 2012
"Besserer Zustand, weil ich Strindberg gelesen habe. Ich lese ihn nicht, um ihn zu lesen, sondern um an seiner Brust zu liegen. Er hält mich wie ein Kind auf seinem linken Arm. Ich sitze dort wie ein Mensch auf einer Statue. Bin zehnmal in Gefahr, abzugleiten, beim elften Versuche sitze ich aber fest, habe Sicherheit und große Übersicht. [...] Der ungeheure Strindberg. Diese Wut, diese im Faustkampf erworbenen Seiten."
(Franz Kafka)

August Strindberg (1849-1912) konnte in der Friedenszeit zwischen 1871 und 1914 seine größte Schaffenskraft erlangen. Die Welt, aufgeklärt und revolutioniert im Geist und in den Klassen, war erfüllt vom Fortschrittsglauben. Ungeahnte Veränderungen der Welt, der Naturwissenschaft, der Technik und der Verkehrsmöglichkeiten erzeugten im Menschen eine Flucht aus dem natürlichen Leben hinein in die Strömungen der Zeit und doch im Willen, die Persönlichkeit zu halten im Ringen um die höheren Mächte. Das Traumspiel aus dem Jahre 1902 ist entrückte Wirklichkeit in Traum und Spiel, alles kann geschehen was möglich ist. Raum und Zeit werden aufgelöst, vergessene Wirklichkeit ist Nährboden für Phantasie, in dem die Persönlichkeit des Ichs gespalten, verdoppelt wird, Personen sich vertreten oder ineinander verschmelzen. Das Ich des einen erfährt die moderne Vervielfachung durch die geträumte Forderung von Improvisation. Dieses neue Bewusstsein einer Zeit, in der Veränderung und Fortschritt, das immerweiterwollen sich manifestiert, ist umwebt mit einem besonderen Bewusstseins: das des Träumers.

Die Methode Traum wird zur Bewältigung der Wirklichkeit herangezogen, Neuorientierung in einer Welt, die sich aus dem erlebten Traum anders wahrnehmen lässt, wie es Hofmannsthal (Der Turm, 1926), Grillparzer (Der Traum ein Leben, 1840) oder Calderon (Das Leben ist ein Traum, 1636) bereits bestens vorbereitet hatten. Der Träumer kennt keine Grenzen, keine Geheimnisse, keine Konsequenzen, für ihn ist alles Leben Bericht. Und dieser Bericht belehrt den Menschen über seine Unzulänglichkeiten.

Im angepassten Leben verliert der Mensch seine Persönlichkeit, gespalten in mehrere Ichs zeigt er sich als Offizier, Advokat oder Dichter. Erst in der Tochter der Gottheit Indra zeigt diese Strindberg Dichtung die mögliche Einheit. Diese Tochter, die dem Götterberg entstieg, um das Menschenlos wie Grillparzers Sappho zu teilen. Doch dieses Hinabsinken nimmt kein Ende. Auch in der Gesellschaft der Menschen angekommen, sinkt sie tiefer in die Misere. Bilder und Erkenntnisse offenbaren ihr all die Fehlleistungen, so dass für sie das Wort: "Es ist schade um die Menschen" zu einer Trauererkenntnis wird, die gerade im Dialog zwischen Tochter und Advokat die Empfindungen aller Verbrechen spiegelt. "Wie wurde sie verkehrt?" diese Welt, die sich im Spiegel richtig zeigt. Verkehrt wurde sie, "als man das Abbild herstellte" und wer sich der Urbilder erinnert, gebiert Unzufriedenheit mit dem Gegenwärtigen.

Welch Anlehnung an Platon, der Abbild und Erinnerung des Urbildes zum Streben nach dem Höchsten als Maxime ausgab und nun hier Strindberg im Sinne der Religion gleiches in der Tochter Indras verheißt. Weil der Streit zwischen den wissenschaftlichen und spirituellen Fakultäten bar jeder Vernunft sich zeigt, reicht die Klage des Menschen nicht an ihr Ziel der Erlösung, sie bleibt in diesem Vorstadium ewig und erfolglos und letztendlich offeriert Strindberg die Liebe als Mittel zur Freude in den Grenzen vom Bittersten zum Süßesten, vom Niedrigsten zum Höchsten.

Folgerichtig wird der alttestamentarische Ansatz zur Ermahnung: "Hadere nicht mit Gott" sagt die Mutter (das Über-Ich) des Offiziers. Aber gerade ist es Strindberg selbst in wissender Ambivalenz, der dieses Stück als ein Anti-Hiob gegenüber Gott wegen der Bürde des menschlichen Seins verfasst. Ihm ist der Existentialismus Kierkegaards anzumerken, der die Persönlichkeit, das wahre Ich in den Ring wirft, um Christ sein als Christ werden zu begreifen. So wie der Begriff Gleichzeitigkeit bei Kierkegaard eine messianische Zeit (Zeit, die bleibt) verheißt, ist dieser Traum ein Spiel, der alle Zeiten in einem ewigen Augenblick zum Bestand erklärt. Die im Traum selbst gemachte Welt ist so sicher in diesem Spiel, wie die Gewissheiten dieser Wirklichkeit. Die gehen im Prozess des Lebens verloren, so wie das Erwachen den Traum beendet. Es weiß der Leser am Ende: "Nichts ist so, wie ich es mir gedacht habe". Warum? Weil der Gedanke mehr ist als die Tat, höher als die Wirklichkeit. "Konnte Dein Wort auch nur ein einziges Mal deine Gedanken einholen?", so die Frage an den Dichter in Kleistscher Manier.

"Diese wunderliche Welt der Widersprüche!" zeigt sich am Ende lösbar, wenn man zur Besinnung kommt. Wieder die biblische Allegorie, 40 Tage und Nächte muss man bleiben; lieber will man ins Wasser gehen, um dem Schmerz zu entfliehen, erinnert als Aussage an Ibsens Rosmersholm. Dennoch soll geglaubt werden, dass "rote Rosen weiß werden", wenn die unschuldige Liebe alles besiegt hat. "Ich sehe nicht, ich höre" sagt der Blinde und sehend wird er, weil die Tränen der Mühsal "die Gläser vor den Augen zuweilen waschen müssen, damit man klarer sehen kann! .... " So schließt der Advokat nach Strindbergs Vorgabe: "Es ist nicht die Menschheit, die so schlecht ist ... sondern ... die Art, in der sie gelenkt wird ..."

"Darf Gottesebenbild verfallen und verblühn? ... / ... Schweig Vorwitziger! ... Nicht tadle das / Geschöpf den Schöpfer! / Des Lebens Rätsel löste keiner noch!" Indras Tochter jedoch berichtet von der Last, ein Mensch zu sein und weiß um die Versöhnung mit der Wirklichkeit.

Strindberg zeigt sich als der Wachsame unter den Schläfern und Träumern, den weißen Punkt am Horizont sehend, erkennt er das selbstbewusste Ich auf der Titanic des Lebens.

Heute, am 14.Mai vor hundert Jahren starb August Strindberg in Stockholm.
~~


Flüchtige Moderne (edition suhrkamp)
Flüchtige Moderne (edition suhrkamp)
von Zygmunt Bauman
  Taschenbuch
Preis: EUR 15,00

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Leben in Fragmenten., 3. Mai 2012
"Man muß sich fragen, ob der menschliche Geist
das beherrschen kann, was er geschaffen hat."
(Paul Valery)

Für Zygmunt Bauman (1925-) steht ein individuelles Leben in der flüchtigen Modernen unter den Primat des Wandels. Dieser Wandel wurde eingeläutet, als Karl Marx im Kommunistischen Manifest deutlich machte, dass "das Verdampfen alles Ständischen und Stehenden" eine kluge Freizeitbeschäftigung sei und damit ist die Moderne nichts anderes als eine fluide Angelegenheit. Denn schon damals vor 150 Jahren fanden die Autoren eine Gesellschaft vor, die zu träge und in ihrem Drang nach Veränderung zu behäbig sich zeigte, in den Routinen nahezu eingefroren. Mutet es nicht seltsam an, dass der Drang nach verbesserten Ordnungen und vor allem die Beseitigung nicht funktionierender Strukturen nichts Neues ist und die heutige Gesellschaft in der Fassung von Hyper-Komplexität sich an den Rand des Machbaren gedrängt sieht und fühlt. Jede Moderne findet die Vormoderne verstaubt, verrostet und einfach im desolaten Zustand. Neue Stabilitäten will man entdecken, und wenn sie noch so beweglich und flexibel sind und sein müssen. Max Weber blies ins gleiche Horn, wollte das Stahlkorsett entrümpeln und damit den Einzelnen befreien von Familie und sonstigen Verpflichtungen. Das Primat des Einzelen, der Ruf nach Individuation war der Kontrapunkt jeder pädagogischen Sozialisation. Der Siegeszug mit Marx und Weber galt der Ökonomie, Basis und Überbau machten ihre Aufwartung und galten fortan als Grundbegriffe neuer Ordnung im Sinne der Ökonomie. Karl Marx definierte Produktionsfaktoren und löste den Arbeiter von der Arbeit, denn die Arbeit war allein ein Produktionsfaktor, egal wer sie tat. Seine Idee, den Freiraum zur individuellen Pflege eigener Bedürfnisse zu nutzen, misslang an den finanziellen Einbussen durch beliebig verteilte Arbeit.

Liest man dieses, ist man im 19. Jahrhundert und zugleich im 21. Jahrhundert! In diesem Jahrhundert ist die Flüchtigkeit vielleicht noch gewachsen, aber im Prinzip gilt die Übernahme des Prinzips verbesserter Produktions- und Gewinnmaximen. Denn was Bauman schon 1999 definierte, nämlich dass die radikale Demontage aller sozialen Verbindungen, die vorgeblich die Handlungsfreiheit einschränken sollten, eintreten wird, ist eingetreten. Deregulierung, Liberalisierung und Flexibilisierung der Gesellschaft ist zugleich ein Übertragen jeder Verantwortung auf das Individuum. Zudem gelingt es in dieser Methode nach Sennett über Geschwindigkeit, Verschwinden und Passivität aneinander vorbei zu agieren, so dass der Prozess des Eindampfens allen Bestehenden als Lebensplan des Individualismus oder Narzissmus (Lasch) in der zweiten Modernen zum Prinzip wird.

Alte Käfige werden leer, weil das alte Handeln des Ermahnens und Strafens verkehrt wird in die Botschaft: Suche deinen Platz. Damit ist jede Beliebigkeit in Form zu halten und diese Form fordert die höchste Aufmerksamkeit und Anstrengung und man glaube nicht, dass dieses zum Erfolg führt. Raum und Zeit relativieren sich, keiner kennt die Ziele, weil jedes Ziel beweglich ist. Daher sind Richtungen zu ändern und dieses wird möglich für den, der achtsam ist. Und wer achtsam ist gegenüber all den Dingen der flüssigen Modernen, wird sein Ende des individuellen Lebens eingestehen müssen.

Wem die veränderte Bewegungsgeschwindigkeit im Raum auch zur Frage menschlicher Fertigkeit und Fähigkeit wird, dem wird diese Analytik hilfreich sein. Demjenigen wird auch bewusst, dass nur noch Himmel und Lichtgeschwindigkeit Grenze des Erwartbaren sind und demjenigen wird spürbar werden, dass die Moderne nichts anderes sein wird, als der nicht zu bremsende, sich fortlaufend beschleunigende Versuch, diese Grenze zu erreichen.

Zygmunt Bauman bezeugt diese flüchtige Moderne mit einigen Unterstützern. Und es gelingt ihm in bravouröser Form, die Übergänge von der gewollten Emanzipation zur Individualität, von Raum und Zeit unter dem Primat der beschleunigten Welt hin zur Arbeit und schließlich aus allem hin zur Gemeinschaft zu zeigen. Die Moderne ist die veränderte Relation von Raum und Zeit, wie Bauman sagt und in nichts wird dieses Phänomen deutlicher als in dem Prinzip des möglichen und zukünftigen Cloud Working. Zeit, Raum, Geschwindigkeit werden zu Machtfaktoren und die gesamte Vernetzung löst über die Schwarmintelligenz das Problem der Demographie spezifischer Länder.

Vernetzung und digitale Grenzfreiheit sind nicht mehr als ein Rachefeldzug des nomadischen Prinzips gegen die Prinzipien der Territorialität und der Seßhaftigkeit. Alles Leichte, Kleine, Bewegliche steht für Fortschritt und Verbesserung. Der digitale Mensch ist als Cloud Worker wie ein elektronischer Maulwurf, immer auf der Suche nach Steckdose und Netzanschluss und die Anbieter im Zeitalter der Augenblicklichkeit wetteifern um die Gunst der Dosensucher.

Viel Erkenntnis und Lesespaß gilt dem Leser.
~~
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 4, 2012 11:09 AM MEST


Die entfesselte Welt: Wie Globalisierung unser Leben verändert
Die entfesselte Welt: Wie Globalisierung unser Leben verändert
von Anthony Giddens
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Je planmäßiger die Menschen vorgehen, umso wirksamer trifft sie der Zufall." (Dürrenmatt)., 1. Mai 2012
Dämonen zu rufen, um sie zu vertreiben, ist ein probates Mittel, Zuhörer und Leser zu gewinnen. Und so sind nach Giddens zunächst die Auswirkungen auf eine gekannte Welt von einem Ausmaß, dass sie unkenntlich wird. "Anstatt mit einer in zunehmendem Maße beherrschbaren Welt haben wir es eher mit einer jeglicher Kontrolle entzogenen, eben entfesselten Welt zu tun." Dieses zu wissen, kann vor Schaden bewahren.

Anthony Giddens (1938 -), Soziologe und ehemaliger Berater der Blaire-Regierung hatte vom BBC beauftragt zur Jahrtausendwende (1999) eine Standortbestimmung zu leisten. Nun, nur einen Standpunkt zu haben, beengt die Weite des Möglichen, aber gerade für den Ausblick auf das 21. Jahrhundert gelingt es Giddens in guter Analyse, Veränderungen durch Globalisierung vielfach aufzuzeigen und Perspektiven zu erläutern. Mit dem Beginn einer Klarstellung, was (1) Globalisierung ist, mit welchen Einflüssen man zu rechnen hat, folgt der Grad der Auswirkungen auf die (2) Risikobereitschaft, auf (3) Tradition, auf (4) Familie und (5) Demokratie.

Giddens zu lesen, nachdem eine Dekade vergangen ist, lässt den Vergleich zwischen Erwartung und Fakten sehr gut zu. Und in allem unterstreicht die Faktenlage das Analysetalent des Engländers und Professors an der London School of Economics. Risiko und Wahrscheinlichkeit in Verbindung zu setzen, ist eine Größe des 17. und 18. Jahrhunderts. Dass die vermeintlichen Wahrscheinlichkeiten den Gedanken an machbare Risiken förderten und zu einem erhöhten Wagnis steigerten, zeigt sich in der Wirtschafts-, Finanz- und Eurokrise. Es zeigt sich, dass die grenzenlose Plünderung des Planeten der Natur schadet und die Frage, ob die Natur uns noch schade, hintangestellt ist. Risiken gehen wir ein mit der zunehmenden Fähigkeit der Kalkulation und der zunehmenden Delegation über Versicherungen. Mit der Globalisierung verändert sich die Kultur, die Tradition. Geschützte Räume verlieren ihre Gültigkeit und werden im Fundamentalismus neu gesucht. Wissenschaftliche Verbesserungen und Innovationen stehen im Gegensatz zu esoterischen Gedanken und falschen religiösen Renaissancen. Hier verweist Giddens deutlich darauf, dass die Risiken nicht wegzudenken sind, dass sie eine Notwendigkeit des Fortschritts, des Wagnisses sind.

Auch ist sehr interessant, welch falsche Vorstellungen von Tradition existieren. Giddens hier zu lesen ist erhellend dahingehend, dass viele angenommene Traditionen eine kurze Lebensdauer haben, dass sie häufig gefertigte gesellschaftliche Normen sind, ohne den eigentlich erwarteten langen Hintergrund zu haben. Die Idee der Tradition ist somit eine Schöpfung der Modernen, wenn sie nicht durch Ritual und Wiederholung gekennzeichnet ist. Jedoch - und das räumt Giddens ein - bedürfen die Gesellschaften Kontinuität und Form und diese Notwendigkeit wird durch ein tradiertes Leben gewährleistet.

Freiheit und Selbstbestimmung verabschieden jedoch die Tradition. Mit ihnen werden Muster nach Selbstbestimmung gesucht, die im Scheitern Tradition durch Sucht ersetzen. Sucht als erstarrte Selbstbestimmung ist Zeichen für den gescheiterten eigenständigen Wechsel in die globale Welt aus der lenkenden und bestimmenden Tradition. Freuds Psychoanalyse ist für Giddens vorbereitendes Mittel für den Menschen ohne Selbst-Identität in einer Zeit, die vielleicht schon in Erwartung einer Vernetzung und Neuorientierung war.

Die wichtigste Änderung durch Globalisierung verortet er in der Familie. Dazu gehören veränderte Formen von Ehe, Beziehungen und Sexualität. Tradition und Moderne treffen sich im Kern der Familie. Bindung und Freiheit stehen hier im Widerspruch, Familie scheint auf dem Gleis der Nostalgie zu parken. An die Stelle treten Partnerschaft und Beziehung, Zusammensein ist eine Frage der Lust, der Liebe, der Frivolität fernab von Versorgung und Kindererziehung. Sex ist seit der Loslösung von Fortpflanzung eine Praktik, die nicht nur der heterogenen Beziehung gilt. Gerade mit der Loslösung entsteht der Freiraum für homosexuelle Beziehungen, gerade diese Veränderung macht sie möglich. Intimität und Kommunikation lösen alte Strukturen ab und ermöglichen eine freie, demokratische Beziehung auf allen Ebenen.

Zum letzten Punkt, der Demokratie, sind Giddens Utopien real geworden. Mit der Auflösung des Kommunismus und dem Fall der Mauer konnte die Welt das Ereignis via Fernsehen live verfolgen. Kommunikation und Mitteilung in Bild und Ton haben sich in Echtzeit verwandelt, Facebook, Twitter und Co. unterstützten den Arabischen Frühling und letztendlich zeigt sich, dass die Demokratie der Demokratie sich über alle Länder verteilen will, weil der Mensch in allen Kontinenten mit der Chance auf Teilnahme am Wissen auf Mitsprache pocht. Da wo Giddens noch in die Zukunft sieht, ist heutige Gegenwart und letztendlich in der deutschen Wahllandschaft ein neues Gesicht einer Partei etabliert, welches aus der modernen kommunikativen Teilnahme an den Geschehnissen der Gesellschaft Mitbestimmung ableitet.

Die entfesselte Welt ist wie ein entfesselter Prometheus. Neues wird geschaffen, dem Menschen werden die Innovationen an die Hand gegeben und er wird sie nehmen. Und wenn Globalisierung das Prinzip Verantwortung in der Prämisse: "Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden" (Hans Jonas) kategorisch einhält, dann mag man die Konsequenzen der Modernen gelassen entgegensehen. Wohl wissend, dass die Globalisierung ein ungleicher Entwicklungsprozess ist, der zugleich nach Giddens koordiniert und auch fragmentiert und somit weltweite Interdependenz ins Spiel bringt. Damit werden zudem Risiken und Gefahren ins Spiel gebracht, aber auch Chancen und Gewinne. Die Aufgabe bleibt, in der Modernen eine permanente reflexive Moderne zu sehen und die entfesselte Welt im Griff zu behalten. Aber je planmäßiger die Menschen vorgehen, umso wirksamer trifft sie der Zufall (Dürrenmatt).

Daher gilt es, eine Haltung zu gewinnen aus dem moderat warnenden Wort des Hans Jonas, der dem endgültig entfesselten Prometheus als ständig Antreibenden der Wirtschaft und der Wissenschaft seiner unermesslichen Kraft eine Ethik beiseite stellt, die durch freiwillige Zügel seine Macht davor zurückhält, dem Menschen zum Unheil zu werden.
~~


Buch der Träume
Buch der Träume
von Jorge Luis Borges
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schwerelos spielt der Geist., 30. April 2012
Rezension bezieht sich auf: Buch der Träume (Taschenbuch)
"In Allem wollt ihr verantwortlich sein! Nur nicht für eure Träume! Welche elende Schwächlichkeit,
welcher Mangel an folgerichtigem Mute! Nichts ist mehr euer Eigen, als eure Träume!"
(Friedrich Nietzsche)

Träume - von Platon bis Kant, von Calderon bis Nietzsche, von Lukrez bis Freud, von x bis y - der Traum bewegt den Menschen. In ihm wird eine Realität vorgedacht oder eine Vergangenheit abgeschlossen. Träume begegnen den Menschen am Tag und begleiten ihn des Nachts. Traum ist Leben in einer anderen Spur, und vielleicht ist der Traum nur in einem Traum, vielleicht ist das Leben ein Traum und der Traum das Leben.

Die Träume des Nebukadnezars verhalfen dem Deuter Daniel zum Ruhm. Die Bibelgeschichte gibt Auskunft. Ebenso wird Abraham geoffenbart, dass ihm das Land offen steht, wo es gefällt. Jakobs Leiter gen Himmel und das Schweigen, damit weniger Torheiten gesagt werden, dass sind die Dinge, die aus dem Traum in Verheißung sich wandelten. Der Traum, der Geburtsort von Visionen, der Traum, die Idee einer Rettung und einer heiligen Geburt, der Traum, ein Geschenk der Götter, wenn man Homer folgt und ihm entnehmen wir auch den Traum, in dem ein Adler die Heimkehr des großen Odysseus ankündigte. Borges kann man hier als Leser folgen, denn er hat die vielen Träume der Weltgeschichte gesammelt, vorbereitet, vielleicht verändert, seziert und neu gestaltet. Aber über Zeiten und Kulturen hinweg gilt der Traum als etwas Mysteriöses. In ihm wird vermutetet Wahrheit entdeckt, in ihm werden Unlösbarkeiten des Lebens vereinfacht, in ihm findet die Übung für das fernere Leben statt. Im Schlaf und Traum machen wir das Pensum des früheren Menschentums noch einmal durch, sagt Nietzsche und ebenso dachten die alten Griechen, die eine freudige Notwendigkeit der Traumdeutung im wahrsagenden Apollon sahen.
Wie auch immer, der Traum mag so schön sein, dass der freudige Ausruf: Es ist ein Traum! Ich will ihn weiter träumen! eine Fortsetzung fürs wache Leben ist.

Borges Verdienst ist diese Hinführung in eine 4000 Jahre lebende Traumgeschichte. Und doch ist es keine Blütensammlung im Sinne einer Anthologie verschiedener Autoren, weil er eben die Texte verändert oder insbesondere eigene ergänzt hat, wie das Nachwort deutlich macht. Dennoch! Lesenswert.
~~
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 1, 2012 7:40 AM MEST


Die Brücke
Die Brücke
Preis: EUR 0,00

3 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Was groß ist am Menschen, das ist, daß er eine Brücke und kein Zweck ist., 29. April 2012
Rezension bezieht sich auf: Die Brücke (Kindle Edition)
"Ich liebe Den, welcher lebt, damit er erkenne, und welcher erkennen will,
damit einst der Übermensch lebe. Und so will er seinen Untergang."
(Friedrich Nietzsche, KSA 4,17)

"Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke." So beginnt Franz Kafka (1883-1924) seine Kurzerzählung (1917), die nicht mehr und nicht weniger ein Blick ins tiefste Innere ist, aus dem man werden will. Über einem Abgrund, in bröckelndem Lehm festgebissen, auf einer unwegsamen Höhe, diesseits die Fußspitzen, jenseits die Hände eingebohrt lag der auktoriale Erzähler, wissend, dass eine Brücke zu sein nur endet, wenn sie einstürzt. In dieser Lage sich wissend, hört er einen Wanderer - der erste oder der tausendste - seine Gedanken im Wirrwarr und im Kreis und doch ruft er: "Zu mir, zu mir" und sich selbst als anderes Ich spornt er an: "Strecke dich, Brücke!" damit du den dir Anvertrauten auch hältst. Falls der Wanderer falle, so schleudere ihn an Land.

Und der Wanderer kam, prüfte die Brücke und die menschliche Brücke träumte ihm bereits nach. Doch da sprang er mit beiden Füßen ihm auf den Leib. Wer war es? Ein Kind? Ein Traum? Ein Versucher? Ein Vernichter? Und der Erzähler drehte sich um, um ihn zu sehen. "Brücke dreht sich um!" so der lapidare, doch notwendige Kommentar als Feststellung. Noch nicht ganz gewendet, stürzte das Brücken-Ich in die Tiefe, zerrissen und aufgespießt von den zugespitzten Kieseln, die "mich immer so friedlich aus dem rasenden Wasser angestarrt hatten."

"Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Weg, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben" schrieb Nietzsche im Zarathustra und hier bleibt die Frage, wer war dieser, der ihm auf den Leib gesprungen, wer hat diesen Übergang zu wagen beschlossen? Ist es sein geträumtes Ich, das nun sich bemerkbar macht und versinnbildlicht in der Delphischen Weisheit "Erkenne Dich selbst" zur Praxis der Lebensformung wird. "Und ich drehte mich um, um die Brücke zu sehen", so initiierte Kafka diese Lebenskunst der Selbstsorge und mit welcher einfachen Wendung gelingt es ihm zu zeigen, wie ein erneuerte Blick funktioniert und wie wichtig es ist, dass der andere endet. Übergang ist zugleich Vergänglichkeit des Alten. "Ich ist ein anderer" schrieb 40 Jahre zuvor ein junger Franzose voller neugieriger Lebenslust und der Mensch im Übergang ist eben jener Brücken-Mensch, dem es gegeben ist, im Absturz oder Untergang sein wahres gerechtfertigtes Ich zu erkennen, bevor die falschen "zerrissen und aufgespießt" sind. Das neue wird vom rasenden Wasser als Lebensquell fortgetragen.

Wer genau hinsieht, erkennt die Zeit des Falls als den Kairos der eigenen Entwicklung. "Der Mensch von gestern ist in dem von heute gestorben, der von heute stirbt in dem von morgen." Das ist Plutarchs Sicht auf die Entwicklung, auf das Werden. Dass es sich hier nicht um den Tod des Menschen handelt, liegt auf der Hand, aufgespießt wird das Brücken-Ich, zerrissen wird der auktoriale Erzähler alter Fassung und zum Neuen Menschen wird wie im Zarathustra oder in den Römerbriefen des Paulus der Wanderer, wenn er nur erkennt. Der Mann vom Lande vor dem Gesetz bewegte sich nicht in seiner Zeit, weil des Türstehers "jetzt aber nicht" ihm den Augenblick, das Jetzt entzog. Aber das tut der Brücken-Mensch hier bei Kafka, sein Werden in der Zeit geschieht, weil er nicht wartet. Das Jetzt ist kein Ort des Stillstandes, es ist ein Ort des Werdens. Und daher verweist diese Erzählung mit dem Ende auf den erneuten Anfang selbstreferentiell zurück. Das neue und offenbarte Ich erzählt aus erweitertem Blick erneut: "Ich war steif ... , ich war (sic!) eine Brücke." Dieses neue Ich wäre nach Nietzsche nun Übermensch zu nennen als eines gerechtfertigten Versuchers und Überwinders. Er schreibt im Zarathustra: Was groß ist am Menschen, das ist, daß er eine Brücke und kein Zweck ist.

Kafka zu interpretieren, heißt, sich dem eigen Subjekt zu stellen. Damit ist Kafka lesenswert. Und vielleicht liegt gerade in der Versuchung und Überwindung jene Verwandlung des Gregor Samsas. Ein erneutes Lesen unter dieser Prämisse steht sicher an.
~~
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 7, 2013 1:29 AM CET


Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11-20