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kpoac
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Peter Camenzind
Peter Camenzind
von Hermann Hesse
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die scheue Sehnsucht und das Leiden an der Leidenschaft., 9. August 2012
Rezension bezieht sich auf: Peter Camenzind (Taschenbuch)
"Vorwärts, Wanderer! Es sind noch viele Meere und Länder für
dich übrig: wer weiß, w e m Alles du noch begegnen mußt?"
(Friedrich Nietzsche)

Wie viele Bedeutungen hat Literatur? Was vor den Augen des Lesers geschieht, ist Ereignis und ist Zeichen. Die Bedeutung zu setzen, ist Aufgabe des Lesers; der Autor hat zu schweigen, wenn der Leser autonom wird. Der Text bleibt und wirkt als Gefüge anderer Zeiten und doch mit dem Leser im Kairos der Zeit.

Mit Peter von Matts Luftgeister im Gedächtnis, ist Lesen eine Freude. Mit Hermann Hesses (1877-1962) "Peter Camenzind" zu wandern, heißt die Natur im langsamen Takt zu durchschreiten; Berge, Höhen, Bäche, Schnee und Sonne im aufmerksamen Blick zu sehen, um sich allmählich des eigenen Alltags entreißen und irgendwie merkwürdig berühren zu lassen. Eine Spannung fehlt, die der moderne Alltag aufrecht erhält und in dem er jede Ablenkung garantiert. Es entsteht eher jene berühmte Langeweile, die wir von Büchner kennen, wenn sein Lenz durch die Wälder geht. Da sieht oder geht einer in seiner Heimat, einer jener vielen Camenzinds aus einem kleinen Dorf mit festen Regeln und Abläufen und besticht dadurch, dass er gegen die Geschwindigkeitszwänge der Zivilisation, gegen das Tempo der Großstädte lebt und doch sich angezogen fühlt, jenes zu erleben, um im Wissen darum, sich neu zu bestimmen. Hesse verbirgt nicht Nietzsches Auftrag zum Finden des eigenen Weges, lesen wir kurz Nietzsche: "Es giebt in der Welt einen einzigen Weg, auf welchem niemand gehen kann, außer dir: wohin er führt? Frage nicht, gehe ihn!"

Der Leser liegt wie einst Werther oder Droste Hülshoff mit ihrer Lektüre eben mit Hesses Peter Cammenzind im Gras und erfährt von den Möglichkeiten dieser Welt, von den Schrecken, den Gefahren und dem Lärm. Heute noch bestimmen die kleinen und winzigen Dinge des jungen Menschen Leben, die kleinen Blicke auf mögliche Liebschaften, die zarten Wünsche und die begehrende Jugend liegen zwischen Ich und Welt, noch nicht wissend, dass in diesem Schicksal der Weg zu sich selbst liegt, ein Weg der Erkenntnis seiner und der Welt wahren Beschaffenheit.

So muss Peter Cammenzind seine Heimat verlassen, wohl wissend, dass sein Vater mit dem Tode seiner Mutter alleine ist. Doch es ist Zeit für den Aufbruch. Und dieser Aufbruch ist mehr als ein Gehen, es ist die vehemente Öffnung seiner Selbst in eine andere noch unbekannte Welt. Und dieser Weg in die Stadt ist der Weg in eine zweite Welt, in der Wahrheit, Liebe, Lust und Glück zu suchen und zu finden sind. Er wird zum Kind des Lichts, wie es immer die Menschen waren, die unbedacht in Apfelkörbe liefen. Wie Hoffmanns Anselmus verliert Camenzind auf dem Weg seine Erinnerung und geht dem Neuen, dem Unbestimmten, den neuen Spiegeln dieser Welt entgegen, um über sich zu lernen.

Nicht mehr allein die Natur wird sein Führer. Er entdeckt, dass es Menschen sein müssen, die Neues ermöglichen; er erlebt, wie lohnend es ist, "statt einer abstrakten Menschheit Einzelne zu kennen und zu studieren"; er spürt, dass Freundschaft etwas Besonderes und Beständiges sein kann; er lernt, dass es Liebe gibt zu Menschen und dass Liebe in der höchsten Form ohne Vollzug eine wahre sein kann; er lernt, dass in den Büchern dieser Welt soviel Erweiterndes zu lesen und zu empfinden ist; er lernt in seiner Legitimation neue Welten sein eigen zu nennen, durch die er geht und denkt. Alles funktioniert in ihm selbst, ihm wird das Ich zur Welt und die Welt zum Ich. Seine Erfahrungen werden erweitert durch Erkenntnisse, seine Naturempfindung erweitert im Diskurs und Erleben mit Mensch und Buch.

Ihm schwebt vor, wie Franz von Assisi alle Menschen und Tiere zu lieben auf einer höheren Ebene, er probiert es in Wirklichkeit und wie der Heilige Franz sich durch die tiefe Vorstellung seiner Stigmata in eine Imitatio Christi verwandelt, so scheint auch Hesses Camenzind sich anzulehnen an seine Vorbilder, sich in seiner Seele selbst überzeugend gar so sein zu wollen bis zur vollständigen Hingabe. In der Tat mutet es an, als wenn Hesse seinen Camenzind verwandelt durch dessen Vorstellungen und Gedanken in diesen Erlebnissen von Menschen, Reisen und städtischem Gehabe. Und auch scheint dieser Weg ein notwendiger gewesen zu sein, damit der Herzschlag der Erde hörbar, das Leben als Ganzes erfahrbar und die Erkenntnis reift, Kind der Erde und des kosmischen Ganzen zu sein.

Der Herkunft und der Zeit der Erfahrung folgt die Rückkehr. Peter Camenzind ist naturverbunden, Menschen nah und neu erfahren durch seine Zeit außerhalb seiner Heimat. Was bleibt, ist das Wissen, dass die Welt, egal wo man ist, dem selben Gesetz gehorcht. Nirgendwo geht die Welt in eine andere über. Nur, und das wird deutlich, der Mensch kann seine innere Welt verändern. Sei es in der lauten Welt, in der Wüste oder in der Askese seiner Heimat. Novalis spricht von der "Sonne der Nacht". Diese ist nicht im Weltall, sie gehört nicht der Vernunft. Sie leuchtet in der Seele und da trifft sie auf Hermann Hesse, der mit seinem Erstling den Prozess des aufrechten Gangs als eigene Schöpfung erneuert. Er zeigt, dass im Prozess zur Identität sowohl Natur wie Menschen notwendig sind, letztere sogar in den Ausprägungen von Liebe, Lust und deren Verweigerung. Im Scheitern zu lernen, ist nicht leicht, aber es bietet die Chancen, des "inneren Universums" (Novalis) gewahr zu werden. Hesses Botschaft mit dem Ich-Erzähler Peter Camenzind prägt alle Werke. Die Botschaft heißt: "Sei Du selbst". Dass er diese Erneuerung so nah an die Natur anlehnt, heißt, so meint der Rezensent, auch: Werde wesentlich. Die Natur entspricht ihrem Wesen, was fehlt dem Menschen dazu?

"Einer, / der darin lebte, neuen Aufgaben sich zuzuwenden"(Robert Frost).
Hesse wie Peter Camenzind sind auf dem Wege, Dichter zu werden. Dieses ist ein ausgeprägter Wunsch Hesses im Jahre 1903 und dieser Wunsch wird transferiert auf Camenzind. Diese Erzählung in der Perspektive der Zeile aus dem Gedicht von Frost bedeutet auch, dass sowohl Hesse wie Camenzind leben wollen für alles, insbesondere für Gedichte und Erzählungen, wie auch für Romane, die noch geschrieben werden wollen.

Denn hier lesen wir den Anfang von Hesses Erzählkunst, Vieles folgt, sogar Nobelpreis und sonstige Auszeichnungen. Und tief, sehr tief in Hesses Thema um Natur, Leben und Selbstbestimmung steckt - mit Robert Frost gesagt -, eine Herausforderung: gewünscht "Sei nicht die eigene Liebe als Kopie zurück, / Sondern Gegenliebe, echte Resonanz".

Am 9. August 1962, heute vor fünfzig Jahren starb Hermann Hesse. Verdient hat er eine Würdigung, wie es diese Besprechung eine sein soll.

Sils Maria u. Como, im August 2012
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Kommentar Kommentare (10) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 2, 2012 11:13 PM MEST


Die Kunst der Gesundheit
Die Kunst der Gesundheit
von Mirella Carbone
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 15,00

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Wie alt ich schon bin und wie jung ich noch sein werde." (Friedrich Nietzsche), 1. August 2012
Rezension bezieht sich auf: Die Kunst der Gesundheit (Gebundene Ausgabe)
"Die Krankheit ist ein mächtiges Stimulans. Nur
muß man gesund genug für das Stimulans sein."
(Friedrich Nietzsche)

Man glaubt es kaum, dass aus Nietzsches Werken ein Impetus für Gesundheit ausgehen kann. Immer krank, früh der Professur entbunden und dann im späten Alter ganz in die Teilnahmslosigkeit entlassen, weiß man nur eines: man muss sich dem Werk anders nähern.

Dass das Leben nicht allein die Abwesenheit vom Tod ist, weiß man. Doch gerade aus diesem Gegensatz kann Krankheit und Gesundheit wesensgleich betrachtet werden. Gesundheit ist nicht die Abwesenheit von Krankheit. Vielmehr wird deutlich, dass Gesundheit kein Zustand, sondern ein Weg ist. "Wir sind Experimente: wollen wir es auch sein! ", sagt Nietzsche und damit wird das Leben als Prozess betrachtet. Genau darauf legen die beiden Autoren Wert. Wert ist eben der Reichtum an Perspektiven; was wird aus dem Druck, der aus dem Gedanken an Krankheit entsteht? Hier anzusetzen, heißt, der Leibvergessenheit und der 'missachtung zu entfliehen und das Verteufelte nicht des Leibhaftigen gleichzusetzen. Vielmehr muss es zu einer Rehabilitierung der Leiblichkeit kommen: Körper, Geist und Seele für das Denken neu zu positionieren, wie es Nietzsche wollte. Der Mensch ist eben im Rhythmus und in der Form vom Leben abhängig und zum Leben orientiert. Betrachtet man dieses, dann sind diese 13 Auswahlen Nietzscheanischen Denkens zur Gesundheit genau und passend präsentiert.

Denn trotz aller krankheitsbedingten Defizite Nietzsches kommen die Herausgeber zu verblüffend aktuellen Einsichten zu Gesundheit und Krankheit. Am Leitfaden des Leibes wird bei Nietzsche philosophiert und so wählen sie ihre Ausschnitte. Die Fragilität der Existenz wird zur Achtsamkeit des eigenen Lebens gegenüber transformiert. Und so wird Nietzsche modern, modern zur Ruhe des Lebens; modern in Sachen Achtsamkeit; modern in der Frage, wie der eigene Weg sein soll; modern in der Ausprägung, wie jung man auch im Alter sein kann; modern in der Sicht auf andere, an denen wir wachsen; modern auch dort, wo der Widerspruch aus dem Sehen und Erkennen erwachsen kann.

Interessant ist, dass das aktuelle Magazin "brandeins" sich der Ruhe widmet, der Kunst der Muße und genau darin findet die zurzeit geltende Sicht und Fragestellung eine entsprechende Resonanz auf Nietzsche. "Wir wollen in uns spazieren gehen" ist so eine Formulierung, die Nietzsche wählte, um das zu beschreiben, was den Bezug zu sich rechtfertigt und hält.

Die beiden Autoren haben dem Rezensenten als Widmung eine anregende und unterhaltsame Lektüre gewünscht. Dieses an die potentiellen Leser weiterzugeben, ist eben eine Aufgabe und diese kommt nun in dieser Rezension. Lesen Sie Nietzsche, wenn es um die Gesundheit geht, die Aufgabe ist und als Wahrnehmung dem Leben und dem Ich gegenüber wirkt.

Sils Maria, 01.August 2012
Kommentar Kommentare (7) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 13, 2012 6:52 PM MEST


Das unbekannte Meisterwerk. Mit Illustrationen von Pablo Picasso (Insel Bücherei Nr. 1031)
Das unbekannte Meisterwerk. Mit Illustrationen von Pablo Picasso (Insel Bücherei Nr. 1031)
von Sebastian Goeppert
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,95

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Dem Kundigen vollendet sich auch großes Können ohne Trug." (Pindar), 15. Juli 2012
"Jede Wirklichkeit hat ihr gegenwärtiges Leben und ihren unmittelbaren Übergang ins Neue."
(Alfred N. Whitehead in: Prozeß und Realität)

Am 18. Brumaire des Revolutionkalenders erklärte Napoleon die Revolution für beendet. Wir schreiben den 9.11.1799 und mit diesen Datum den Beginn des Empire. Honoré de Balzac wurde im Juni dieses Jahres geboren. Das folgende Jahrhundert kennt nicht mehr den kleinen General. Napoleon ist Kaiser von Frankreich und im Laufe der Jungendjahre Balzacs umfassen des Kaisers Hände halb Europa. Balzacs Jugendjahre werden so zum Erlebnis und vielleicht zur Bestimmung einer nahezu grenzenlosen Eroberung, ausgehend vom Garten Frankreichs: Paris, die Welt! Die Helden Balzacs sind Typen der Zeit, sie sind stark Begehrende, sie streben nach dem Ganzen, sie streben nach dem Genuss, sie streben nach Vollkommenheit. Balzac liebte nicht das, was ihm begegnete, eher das, was er erschuf. Jede Wirklichkeit wurde mit Illusionen gefüttert, bis sie daran zerbrach. Und genau hier finden wir das Thema des "Unbekannten Meisterwerks". Der Schriftsteller Balzac starb 1850.

"Das unbekannte Meisterwerk" gehört zu den großen Künstlererzählungen der Weltliteratur. (Kindler) Im Paris des frühen 17. Jahrhundert treffen der junge Maler Nicolas Poussin, Porbus und der bereits bekannte Maler Frenhofer zusammen. Allen dreien liegt die Kunst, die Malerei am Herzen; alle drei empfinden ein aufstrebendes Paris in der Modernen, alle drei kennen die Bedeutung von Wahn und Wahnsinn zumindest aus den romantischen Schriften eines E.T.A. Hoffmann. Sie wissen um die Fragen der Realität, sie wissen von den Illusionen der Fiktion und den Vorstellungen und von Helden der Hoffmannschen Erzählungen, die mal in dieser erlebbaren, mal in jener metaphysischen Welt sind. Nirgendwo existiert eine Schwelle, es ist ein Hinüberrauschen in eine subjektive Welt.

Poussin, mit Gillette befreundet, ist ein eher emotional geprägter Maler, Porbus verkörpert die rationale Sicht der Dinge, aber beiden gelingt es, diese Welt zu ihrer eigenen zu machen. Frenhofer jedoch, arriviert und in den Künsten zu Hause, befriedigt mit Balzacs Führung des Schreibers Wunsch nach Vollkommenheit. Seit zehn Jahren arbeitet er an einem Gemälde, ein Frauenportrait mit dem Namen "Catherine Lescault", eine bekannte Kurtisane. Dieses Meisterstück verweigert er der Öffentlichkeit, dieses Werk ist für ihn der Inbegriff des Schönen, sein Leben gilt nur diesem und auch genügt ihm die Gesellschaft mit diesem Bild.

Eines Tages, fast wie ein Tausch, darf er die im realen Schöne (Gillette) sehen und seinen beiden Kollegen präsentiert er voller Stolz seine Madame Lescault. Voller Leidenschaft beschreibt er das Bild, voller Inbrunst gesteht er die Liebe, voller Nähe hört er sie atmen. Doch die beiden Künstler sehen nichts als Striche, sie sehen Nichts bis auf einen herrlich gemalten marmornen Frauenfuß. Der große Meister wird durch das gemeinsame Betrachten zurückgeholt in die Realität. Auch er erkennt nun nur ein Wirrwarr von Linien; sein Liebe, seine Leidenschaft stirbt in diesem Moment. Dies ist der Augenblick des Todes, dem er auch durch das Verbrennen all seiner Kunstwerke zum Opfer fällt. Die Erfahrung der Realität als eine überwältigende paart sich mit der der Art und Weise, wie die Verborgenheit der Zukunft in das Überwältigungsgeschehen hineinspielt und Whitehead bringt es auf den Punkt: "Jede Wirklichkeit hat ihr gegenwärtiges Leben und ihren unmittelbaren Übergang ins Neue." So wie Catherine Lescault zerfällt in ihren Linien der Kunst, so zerfällt Gillette in den Grenzen der realen Liebe, die sie nun im Zeitpunkt der Zustimmung zum Bild als nur bildhaft illusionär begreift. Balzac schafft mit dieser Gegenüberstellung eine subtile Liebesgeschichte, die Liebe zeigt, wo reine Wahrheit ist und nicht nur Imagination.

Balzac entwirft hier ein vielschichtiges Bild. Seine brillante Gegenüberstellung von Realität und Illusion schärft den Blick auf die Zeit. Wie ein Gewölbe drückt die Zeit auf den Menschen. Kunst und Natur stehen im Wettstreit. "Der Auftrag der Kunst besteht nicht darin, die Natur nachzuahmen, sondern sie auszudrücken!" Der Künstler ist Poet, nicht Kopist, so Balzac aus dem Munde Frenhofers und damit liegt sein Auftrag darin, die innerste Form zu beachten und dieser mit Liebe nachzugehen. "Inneres Universum" ist jener Begriff Novalis', der die Romantik prägte. Und in diesem eine Schönheit zu entdecken erfordert Mut und Ausdauer und letztendlich ein Nichts, was Alles ist, einen letzten Pinselstrich, der dem ganzen Leben gibt.

Frenhofers Hinwendung zu seiner Kunst als eine lebendige, eine atmende ist eine Kopie Ovids Metamorphosen. Wir erleben die wunderbare Marmorgestalt des Pygmalions auf Papier und besingen mit den Künstlern die Schöpfung zum Leben deren Objekte. Wir erleben die Zeit, in der das Bildnis als Metapher des Schöpfers geboren ist oder später bei Oscar Wilde zum Modus des zugewiesenen Alternativlebens wird.

Zum Lesen angeregt durch Peter von Matts Luftgeister war diese Erzählung eine Freude und daher empfiehlt der Rezensent das Meisterwerk des großen Honoré de Balzac.
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Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 23, 2012 9:07 PM MEST


Das unbekannte Meisterwerk (Insel Bücherei)
Das unbekannte Meisterwerk (Insel Bücherei)
von Herma C. Goeppert-Frank
  Gebundene Ausgabe

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Dem Kundigen vollendet sich auch großes Können ohne Trug." (Pindar), 15. Juli 2012
"Jede Wirklichkeit hat ihr gegenwärtiges Leben und ihren unmittelbaren Übergang ins Neue."
(Alfred N. Whitehead in: Prozeß und Realität)

Am 18. Brumaire des Revolutionkalenders erklärte Napoleon die Revolution für beendet. Wir schreiben den 9.11.1799 und mit diesen Datum den Beginn des Empire. Honoré de Balzac wurde im Juni dieses Jahres geboren. Das folgende Jahrhundert kennt nicht mehr den kleinen General. Napoleon ist Kaiser von Frankreich und im Laufe der Jungendjahre Balzacs umfassen des Kaisers Hände halb Europa. Balzacs Jugendjahre werden so zum Erlebnis und vielleicht zur Bestimmung einer nahezu grenzenlosen Eroberung, ausgehend vom Garten Frankreichs: Paris, die Welt! Die Helden Balzacs sind Typen der Zeit, sie sind stark Begehrende, sie streben nach dem Ganzen, sie streben nach dem Genuss, sie streben nach Vollkommenheit. Balzac liebte nicht das, was ihm begegnete, eher das, was er erschuf. Jede Wirklichkeit wurde mit Illusionen gefüttert, bis sie daran zerbrach. Und genau hier finden wir das Thema des "Unbekannten Meisterwerks". Der Schriftsteller Balzac starb 1850.

"Das unbekannte Meisterwerk" gehört zu den großen Künstlererzählungen der Weltliteratur. (Kindler) Im Paris des frühen 17. Jahrhundert treffen der junge Maler Nicolas Poussin, Porbus und der bereits bekannte Maler Frenhofer zusammen. Allen dreien liegt die Kunst, die Malerei am Herzen; alle drei empfinden ein aufstrebendes Paris in der Modernen, alle drei kennen die Bedeutung von Wahn und Wahnsinn zumindest aus den romantischen Schriften eines E.T.A. Hoffmann. Sie wissen um die Fragen der Realität, sie wissen von den Illusionen der Fiktion und den Vorstellungen und von Helden der Hoffmannschen Erzählungen, die mal in dieser erlebbaren, mal in jener metaphysischen Welt sind. Nirgendwo existiert eine Schwelle, es ist ein Hinüberrauschen in eine subjektive Welt.

Poussin, mit Gillette befreundet, ist ein eher emotional geprägter Maler, Porbus verkörpert die rationale Sicht der Dinge, aber beiden gelingt es, diese Welt zu ihrer eigenen zu machen. Frenhofer jedoch, arriviert und in den Künsten zu Hause, befriedigt mit Balzacs Führung des Schreibers Wunsch nach Vollkommenheit. Seit zehn Jahren arbeitet er an einem Gemälde, ein Frauenportrait mit dem Namen "Catherine Lescault", eine bekannte Kurtisane. Dieses Meisterstück verweigert er der Öffentlichkeit, dieses Werk ist für ihn der Inbegriff des Schönen, sein Leben gilt nur diesem und auch genügt ihm die Gesellschaft mit diesem Bild.

Eines Tages, fast wie ein Tausch, darf er die im realen Schöne (Gillette) sehen und seinen beiden Kollegen präsentiert er voller Stolz seine Madame Lescault. Voller Leidenschaft beschreibt er das Bild, voller Inbrunst gesteht er die Liebe, voller Nähe hört er sie atmen. Doch die beiden Künstler sehen nichts als Striche, sie sehen Nichts bis auf einen herrlich gemalten marmornen Frauenfuß. Der große Meister wird durch das gemeinsame Betrachten zurückgeholt in die Realität. Auch er erkennt nun nur ein Wirrwarr von Linien; sein Liebe, seine Leidenschaft stirbt in diesem Moment. Dies ist der Augenblick des Todes, dem er auch durch das Verbrennen all seiner Kunstwerke zum Opfer fällt. Die Erfahrung der Realität als eine überwältigende paart sich mit der der Art und Weise, wie die Verborgenheit der Zukunft in das Überwältigungsgeschehen hineinspielt und Whitehead bringt es auf den Punkt: "Jede Wirklichkeit hat ihr gegenwärtiges Leben und ihren unmittelbaren Übergang ins Neue." So wie Catherine Lescault zerfällt in ihren Linien der Kunst, so zerfällt Gillette in den Grenzen der realen Liebe, die sie nun in der Zustimmung zum Bild als nur bildhaft begreift.

Balzac entwirft hier ein vielschichtiges Bild. Seine brillante Gegenüberstellung von Realität und Illusion schärft den Blick auf die Zeit. Wie ein Gewölbe drückt die Zeit auf den Menschen. Kunst und Natur stehen im Wettstreit. "Der Auftrag der Kunst besteht nicht darin, die Natur nachzuahmen, sondern sie auszudrücken!" Der Künstler ist Poet, nicht Kopist, so Balzac aus dem Munde Frenhofers und damit liegt sein Auftrag darin, die innerste Form zu beachten und dieser mit Liebe nachzugehen. "Inneres Universum" ist jener Begriff Novalis', der die Romantik prägte. Und in diesem eine Schönheit zu entdecken erfordert Mut und Ausdauer und letztendlich ein Nichts, was Alles ist, einen letzten Pinselstrich, der dem ganzen Leben gibt.

Frenhofers Hinwendung zu seiner Kunst als eine lebendige, eine atmende ist eine Kopie Ovids Metamorphosen. Wir erleben die wunderbare Marmorgestalt des Pygmalions auf Papier und besingen mit den Künstlern die Schöpfung zum Leben deren Objekte. Wir erleben die Zeit, in der das Bildnis als Metapher des Schöpfers geboren ist oder später bei Oscar Wilde zum Modus des zugewiesenen Alternativlebens wird.

Zum Lesen angeregt durch Peter von Matts Luftgeister war diese Erzählung eine Freude und daher empfiehlt der Rezensent das Meisterwerk des großen Honoré de Balzac.
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Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 16, 2012 3:19 PM MEST


Die französischen Moralisten II. Galiani, Rivarol, Joubert, Jouffroy.
Die französischen Moralisten II. Galiani, Rivarol, Joubert, Jouffroy.
von Fritz. Schalk
  Broschiert

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Die Welt sehen, heißt über Richter richten." (Joubert), 14. Juli 2012
"Es war eine Zeit, da wirkte die Welt auf die Bücher,
jetzt aber wirken die Bücher auf die Welt."
(Joseph Joubert)

Die französischen Moralisten I. La Rochefoucauld, Vauvenargues, Montesquieu, Chamfort. sind die bekannten Franzosen der (vor)revolutionären Zeit und mit diesen in Folge können die weiteren nicht vergessen werden. Ferdinando Coelestinus Galiani (1727-1783), Antoine de Rivarol (1753-1801), Joseph Joubert (1754-1824) und Théodore Simon Jouffroy (1796-1842) sind hier die Protagonisten der französischen Moral um die Zeit der Revolution und danach. Jouffroy steht für die Zeit der post-revolutionären Zeit, eher für die Zeit der Restauration. Die politischen Schicksale Frankreichs nach 1814 haben ihn bewegt, wie natürlich Romantik und die Philosophie im 19. Jahrhundert. Alle erstgenannten konnten die Zeit um die Revolution am 14.Juli 1789 erleben und sich mit den Größen jener Zeit auseinandersetzen. Rousseau, Voltaire, Montesquieu und die Akteure Robespierre und Danton waren deren Zeitgenossen im Streben um Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Die nun in diesem zweiten Band nahe gebrachten Moralisten folgen zumindest der Tradition, dass ihre Werke und Schriften in Gedanken, Beobachtungen und Maximen überschrieben sind. Sie fertigten geistreiche Dialoge von den Grenzen der Erfahrung, sie profilierten sich in Horazstudien, sie reflektierten über Schriftstellerei und Stil, sie verfolgten die Methoden der Erziehung und erklärten, wie die Dogmen zu Ende gingen und so vieles mehr.

Nietzsche rieb sich an diesen Franzosen, sie waren gar Vorbild für ihn, wenn man an Chamfort und Abbe Galini denkt. Galiani, trotz italienischer Herkunft zu den französischen Moralisten zählend, ist für Nietzsche der "tiefste, scharfsichtigste und vielleicht auch schmutzigste Mensch seines Jahrhunderts", "tiefer als Voltaire und daher auch schweigsamer". (KSA 5,45)
Hören wir ihnen selbst zu:

Abbé Galiani:
"Jeder Einfaltspinsel kann antworten, wenn man ihn zu Rate zieht, aber nur der bedeutende Mensch kann fragen."
"Die Ungeduld des Alters ist etwas, was die Jugend nicht versteht."

Rivarol:
"Die Erinnerung steht immer dem Herzen zu Diensten."
"Wer Wunder fordert, vergißt, daß er der Natur die Unterbrechung der ihren zumutet."

Joubert
"Im Gespräch und in der Erkenntnis: darin lag vor allem nach Platon das Glück des Privatlebens."
"Wir können nichts sagen, ohne es zu verwirren und zu zerknittern, die Alten hingegen entwickelten und entfalteten alles."
"Die Richtung unseres Geistes ist wichtiger als sein Fortschritt."

Jouffroy
"Den Tod fürchten, heißt dem Leben zuviel Ehre erweisen."
"Die Beständigkeit ist oft nur eine Form der Ohnmacht."
"Ein Tag genügt, um festzustellen, daß ein Mensch böse ist, man braucht ein Leben, um festzustellen, dass er gut ist."

In den vier Moralisten, deren Hauptwerke hier vereint sind, hat sich der Übergang von der Auffassung des 18. Jahrhunderts zur Weltanschauung einer neuen Zeit vollzogen, eher kann man sagen, dass die Anschauungen hier oszillieren zwischen dem Neuen und dem Alten. Witz, Ironie und gedankliche Schärfe führen in die neue gedankliche Weltanschauung, während die einen noch kämpfen um Widerstreit mit der vermeintlichen Blütezeit der Menschheit streben die anderen schon in die neue Richtung als Vorwegnahme einer geistigen wie kulturellen neuen Epoche. Diese vier Moralisten verkörpern in ihren Gedanken einen Zeitenwechsel, moralische Substanz eines alten Frankreichs wird erneuert und verwandelt und in Jouffroys Welt bereits verschmolzen mit den romantischen Einwirkungen.
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Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 14, 2012 5:40 PM MEST


Öffentliche Verehrung der Luftgeister: Reden zur Literatur
Öffentliche Verehrung der Luftgeister: Reden zur Literatur
von Peter von Matt
  Taschenbuch

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Deine Zauber binden wieder, was die Mode streng geteilt." (Schiller), 12. Juli 2012
"Nichts macht die Geister in der Literatur so unvorsichtig und verwegen
wie die Unkenntnis der Vergangenheit und die Verachtung der alten Bücher."
(Joseph Joubert)

Reden, nichts als Reden könnte man sagen und dann wird man wie von einem Tsunami von der Welt der Literatur überrollt, dass jegliches Leben und Lesen in neuem Licht, in neuem Glanz erscheint. Auch wenn schon seit 1992 der Untergang des Schreibens zu erwarten gewesen war (Vilem Flusser), Schreiben zum absurden Akt erklärt wurde und es sich davon zu befreien galt. Wie? Das Buch als Zwischenstadium in einer Welt aus dem Wald in den Cyberspace, in die Welt der künstlichen Intelligenz. Alles nur noch zu sehen jenseits des Alphabets, die poetische Energie lädt sich in Bildern und Codes, Performance aller Orten und der Mensch verändert sich von der Führung der Instrumente zum Geführten durch die Instrumente. Der Mensch in der Welt des Fötus zweiter Ordnung, in einer synthetischen Welt des Netzes, des Gezwitschers, der diversen Medien (die schon Botschaft sind) und gefühlt umschlossen vom mutterwarmen Fruchtwasser.

Ein neuer Weltzustand oder nur ein ergänzender? Mit Peter von Matt (1937-) und seinen Reden unterschiedlichster Art lässt man sich ein auf einen neuen Blick auf diese Welt. Aber nicht nur auf die neue Welt. Literatur wird hier zur Ikone der Verantwortung, weg von der Verwaltung, hin zu einer Lust, Literatur in ihrer Bandbreite zu erkennen und zu vermitteln. Man wird feststellen, dass das Vergangene die Gegenwart betrifft, das Gegenwärtige sich spiegelt im bereits Geschriebenen. Erstaunen lässt einen, wie linear sich Fragen durch die Zeit ziehen, die in der Form verändert, den Kern behalten. Der Mensch, sein Leben, sein Leid. Aber Literatur, das Buch ist eben jene Axt Kafkas, die das Leben spaltet. Notwendigerweise, denn das Buch wird vom Leser beendet, es betrifft ihn und er muss es aushalten. Davon spricht von Matt, von Literatur als Wahrheit, Wahrheit nicht im Sinne von wahr/falsch, Wahrheit im Sinne von Verwandlung, von Anstoß und Veränderung.

So wie bei aller Kraft des Logos, Ödipus nur sich selbst erkennen konnte und im Lichte aller Wahrheit geblendet wurde (sich selbst blendete), so wie König Lear aus dem Wahnsinn heraus die Frage nach dem Wer bin ich? stellt oder wie im bezeichnenderweise ersten Märchen der Grimmschen Sammlung der Frosch mit Gewalt an die Wand geworfen wird, um zum Königssohn zu werden, so erkennt man: Diese Wahrheit der Verwandlung ist Kampf, Gewalt und Wissen um eine bessere Erkenntnis.

So liest sich Kafka, jedes Essay, jeder Satz ist geschrieben, um ihn aushalten zu müssen. Er ist geschrieben, einmal für jeden Leser, so wie der Türwächter nur für diesen Mann die einer Pforte bewachte. Es bleibt dabei, Literatur wird zum Anstoß der Eroberung des eigenen Ichs. Wer hier bereit ist dieses zu denken, sich den Deutungen eines denk-freudigen Professors hinzugeben bereit ist, der wird mit Goethe Gewinn davon tragen. In seinen Maximen schrieb er, dass Denken mehr ist als Wissen, aber weniger als die Anschauung. So erweitert man den Logos durch den Mythos, das Gesehene wird das Denken bestimmen, im Lesen entdeckt man die genuine Erfahrung von Vergangenheit und erlebt das Heutige im Vergangenen.

Peter von Matt vermittelt mit freudigem Blick den Schritt auf den eigenen Weg der Literatur, dorthin, wo der Leser sich selbst helfen kann, seiner eigenen Nase zu folgen, seine Netze je Perspektive auszuwerfen in das immense Meer der literarischen Überlieferung, seine Freiheit zu nutzen für die Auswahl der Fanggründe. Dass er auf diesem Wege von so vielen berichtet, ist kein Nachteil, vielmehr Beispiel von der Vielfalt und den Zusammenhängen in der Literatur wie im Leben.
Sehr lesenswert.
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Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 16, 2012 8:29 PM MEST


Die Herrlichkeit des Lebens: Roman
Die Herrlichkeit des Lebens: Roman
von Michael Kumpfmüller
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,99

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Der Dora kennt, nur der kann wissen, was Liebe heißt.", 7. Juli 2012
In seinen Beschreibungen über die Luftgeister in der Literatur kommt Peter von Matt nicht umhin, sich Sokrates an die Seite zu nehmen, um zu zeigen, dass Dichter leichtbeschwingte, gar heilige Wesen sind und außer sich geraten müssen, um zu dichten und weiszusagen. Der Dichter wird so zum Doppelwesen, er hebt ab, er fliegt. Franz Kafka schrieb schon 1913 an Felice Bauer, dass sie nicht wissen kann, was manche Literatur in manchen Köpfen ist. Wie Affen in den Bäumen statt auf dem Boden zu gehen jagt es, es ist verloren und kann nicht anders. Was soll man tun? So weit Kafka und doch wird am Ende seines Lebens ein gewisser Johannes Urzidil, Schriftsteller und Journalist, sagen: "Wenn es in irgend einem Falle restlose Kongruenz des Lebens und des Künstlertums gegeben hat, so war dies bei Franz Kafka."

Und mit diesem Blick lässt sich diese leichte, beschauliche und völlig unspektakuläre Erzählung über Franz Kafka lesen. Eine Erzählung über sein letztes Jahr, in dem er in Müritz seine letzte Liebe fand. Wunsch und Traum verwandelten sich in Erfüllung, sie mit dem Namen DORA wurde zum Geschenk und mit dem Namen DIAMANT schenkte sie ihm inneren, aber verschwiegenen Reichtum. Michael Kumpfmüller (1961-) macht aus dieser wahren Geschichte eine Erzählung sicherlich mit Anreicherungen, ohne aber auf die sensible Studie über die Gefühlswelt der Liebe, die für Kafka immer nur an "der Schwelle des Glücks" zu sein schien, zu verzichten. Doras Aufforderung, weniger vorsichtig zu sein, konnte er nur erwidern, in dem er deutlich macht, eben Rücksicht auf sich selbst nehmen zu müssen.

Noch glücklich in Müritz, reist er nach Berlin in Erwartung seiner Dora. Sie kommt, ein gemeinsames Leben beginnt, beschwert durch die zunehmende Krankheit der Tuberkulose, die zunehmend schlechte wirtschaftliche Situation in Deutschland, vorrangig in Berlin. Die Geldentwertung steht 1923 auf dem Höhepunkt und wird erst mit der Einführung der Goldmark eingedämmt. Die Welt steht in diesem Jahr in keinem guten Licht, die Folgen des ersten Weltkriegs sind unübersehbar.

Franz und Dora schlagen sich durch, Hilfen kommen von Verwandten, seine Pension aus Prag als Devise macht es in den Tagen der Inflation erträglicher. All dieses schreibt Kumpfmüller mit Bedacht, ihm entgehen keine Einzelheiten und doch ist die Zeit der Entbehrungen und der Krankheit von Wiederholung, Zweisamkeit und Aufgabenteilung geprägt. Der 40 jährige ist nahezu fiebrig und ans Bett gefesselt, die 26 jährige für alle Aufgaben verantwortlich, die sie in Zugewandtheit und Liebe verrichtet. Abends lesen sie sich vor, solange es Licht gab. Kleist, Hebel und Grimm waren seine und ihre Zimmergenossen.

Kafka schreibt noch in dieser Zeit. Es entstehen kleine Erzählungen wie der Der Bau oder Josefine. Der Erzählband: Der Hungerkünstler soll noch fertiggestellt werden. Aus diesen Erzählungen entspringt die tiefe Sicht auf sich selbst. Die Burg im Bau ist seine Dora, wie auch das Fleisch, was man "sich nimmt bei Gelegenheit. Wenn man Hunger hat." Dann die piepsende Stimme in Josefine, es ist seine, die nach dem Kehlkopfbefall zu verschwinden droht. Und der Hungerkünstler ist der, der nicht essen will, von dem geschrieben, der nicht essen kann.

Kafka stirbt am 3. Juni 1924 in einem Sanatorium, bestattet wird er in Prag. Dora ist mit dem Sarg im Zug nach Prag, seine Heimat, die sie nun erstmals betreten wird. Die Liebe und Zuneigung Doras bis zuletzt beschreibt der mitreisende Robert Klopstock in einem Brief an Kafkas Schwester Elli wie sie es verdiente: "Der Dora kennt, nur der kann wissen, was Liebe heißt."

Die Herrlichkeit des Lebens ist Titel und Zitat zugleich. Aus den Tagebüchern aus dem Jahre 1921 ist eine Sentenz diesem Buch vorangestellt. Die Herrlichkeit des Lebens als Wesen der Zauberei, die nicht schafft, sondern ruft. Damit liegt sie jedem Hörenden zu Füßen. So wie die Thora im 5. Buch Mose mit ihrem wichtigsten Vers beginnt. "Höre Israel" macht deutlich, dass zuhören auch zusammengehören meint, Franz und Dora sind diese beiden, die dem Ruf der Herrlichkeit des Zusammenlebens gefolgt sind bis in den Tod und mit dem Wissen, dass das winzig kleine Glück am größten ist. Und dieses kleine Glück ist Kafkas Literatur, in der Texte zu Zeichen werden und auf Neues verweisen, gar den Zusammenhang eröffnen und so wird das Glück des Lesens zur Erkenntnis. Wer würde lesen wollen ohne dies?, fragte Peter von Matt.

Eine Annäherung an Kafka sicherlich, aber eine Empfehlung bleibt, Kafka selbst zu lesen. Die Brücke; Der Prozeß; Brief an den Vater oder die Biographie von Rainer Stach: brillant. Kafka: Die Jahre der Erkenntnis, hier widmet er sich auf den letzten 80 Seiten dem Verhältnis von Franz und Dora.
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Die Kunst der Liebe
Die Kunst der Liebe
von Ovid
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 5,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Diese hehren und stürmischen Reize des Lebens sind weit entfernt von Sterblichkeit!" (Oscar Wilde), 3. Juli 2012
Rezension bezieht sich auf: Die Kunst der Liebe (Gebundene Ausgabe)
Der Schicksalsschlag seines Lebens traf den römischen Dichter Publius Ovidius Naso in seinem 50. Jahr, dem 8. der modernen Zeitrechnung. Während eines Besuches der Insel Elba überbrachte ihm ein Bote die aus heiterem Himmel kommende Nachricht, Kaiser Augustus habe die Verbannung gegen ihn verfügt: in das finstere Tomi am Schwarzen Meer. Für diese Demütigung hat der Dichter selber zwei Gründe vermutet und sie als späte Strafe für einen von ihm verfassten "Gesang" und als Rache für einen von ihm begangenen "Fehler" gedeutet. Mit dem Gesang spielte Ovid auf seine für damalige Verhältnisse frivole "Liebeskunst" an, einen teilweise aus der Sicht der Frauen riskierten Ratgeber, den er im Geburtsjahr Jesus Christus veröffentlicht hatte. Mit dem Fehler war höchstwahrscheinlich seine leichtfertig ausgeplauderte Mitwisserschaft an einem "Skandal" gemeint: der ehebrecherischen Liaison, welche eine Enkelin des sittenstrengen Kaisers unterhielt. Ovid starb im Jahre 17 n. Chr.

Ovid unterteilte seine Liebeskunst in drei Büchern. (1) und (2) geben den jungen Männern Anweisungen für die Liebespraxis, kein Ratgeber für besseren Sex oder als Ersatz fernöstlicher Stellungsberater. Ovid geht es um drei zentrale Fragen: (a) Wo findet man ein Mädchen? Buch 1 bis 262; (b) Wie kann man ein Mädchen erobern? -770 und (c) Wie verleihe ich der Liebe Dauer. Buch 2. In Buch 3 rät er den Mädchen, wie sie mit einem Mann umzugehen haben. Ovids Werk gehört damit zu den Lehrdichtungen wie auch Lukrez es tat, auch zu den Liebesdichtungen, wie seine Amores und letztendlich gewinnt es aus den Erfahrungen des Dichters selbst. Ovid will hier umfassend lehren und informieren, möchte aber auch als Liebesdichter zärtliche Gefühle besingen, ähnlich einer Sappho oder eines Pindar. Ovid zählt bereits zu Lebzeiten zu den meistgelesenen Dichtern seiner Zeit..

"Nun habe ich ein Werk vollendet, das nicht Iuppiters Zorn, nicht Feuer, nicht Eisen, nicht das nagende Alter wird vernichten können. Mit meinem besseren Teil werde ich fortdauern und mich hoch über die Sterne emporschwingen. Mein Name wird unzerstörbar sein und durch alle Jahrhunderte im Ruhm fortleben."

Dieses Selbstbild des Dichters wurde glanzvoll bestätigt. Dante zitierte seinen Schicksalsahnen in der "Göttlichen Komödie" immer wieder. Luther adelte den Poeten 1537 in seinen "Tischreden", und Shakespeare ehrte ihn 1593 in "Der Widerspenstigen Zähmung". "Meister geiler Lüsten" wurde er genannt, Diderot erfreute sich 1760 am "Feuer seiner Leidenschaft". Nachdem Herder 1767 gewettert hatte, der überkandidelte Römer habe der "Dichtkunst alle ihre Würde geraubt", verteidigte der darüber verärgerte Goethe das "vorzügliche Individuum" 1812 immerhin in "Dichtung und Wahrheit". Zwischen den Stühlen hingegen bewegte sich 1751 der seines Urteils nicht ganz sichere Lessing: "Ich singe nicht für kleine Knaben, die voller Stolz zur Schule gehn, und den Ovid in Händen haben, den ihre Lehrer nicht verstehn." Und so konnte Baudelaire nur folgern: "Bewahre dir dein Träumen."

Denn wenn Ovid fragte; "Doch warum zweifeln und zaudern? Neue Wonne lockt traut." formulierte Baudelaire direkt: "Du bist mir immer Lust in Müdigkeit und Gier;" doch Ovid blieb gelassen, sah "zärtliche Reden, versteckt in zweideutiger Sprache", die den Wunsch ankündigen. Ungeschick und Zagen (Zaudern) sind Verhalten eines Tölpels, sagt er, wer den Kuss nähme, auf den Rest verzichte, setzt auf verlorenes Spiel. "Liebe ist Kriegskunst. Feiglingen bleibt sie verschlossen."

"Nun aber schmied ich für dich, Penthesilea, das Schwert." So beginnt Ovid sein drittes Buch, für die Frauen. Hier gibt er ihnen die Weisheit mit Männern umzugehen, sich zu erinnern, was schon mal geschah, denn "Theseus segelte rasch, Ariadne blieb weinend am Strand." Den Verlassenen, sagte er, fehlte eben die Kunst, die er lehrte. "Ein vollendetes Kunststück sei auf dem Lager ihr Tun" und dieses nahm Kleist als Idee seiner Penthelisea (Was! Ich? Ich hätt ihn -? Unter meinen Händen -? Mit diesen kleinen Händen hätt ich ihn -? ..... )

Doch für beide Geschlechter soll gelten: "Klugheit erwirb, statt schwindenden Reizen zu trauen, Bilde den Geist, dem kommenden Alter zu trotzen. Was du erlernst, bleibt dein."

So kann auch der Leser schließen: "Die Kunst zu lieben lehrte mich Naso".
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Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 4, 2012 11:06 AM MEST


Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen
Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen
von Philipp Rippel
  Taschenbuch
Preis: EUR 6,00

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Hommage zum 300sten: "Und mancher sieht über die eigene Zeit. Ihm zeigt ein Gott ins Freie." (Friedrich Hölderlin in: Rousseau), 28. Juni 2012
""Nehmt hin die Welt!" rief Zeus von seinen Höhen
Den Menschen zu. "Nehmt, sie soll euer sein.
Euch schenk ich sie zum Erb und ewgen Leben,
Doch teilt euch brüderlich darein.""
(Friedrich Schiller, Teilung der Erde)

Im Jahre 1754 schrieb Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) eine Antwort auf die Frage der Akademie von Dijon, wie Ungleichheit unter den Menschen entstanden und ob sie durch ein natürliches Gesetz gerechtfertigt sei. Dieser Antwort fügt er eine besondere Widmung an die Magistraten von Genf bei, denen er sich seit dreißig Jahren verpflichtet fühlt, trotz seiner damaligen Ausweisung. Man liest hier ein Manifest einmal als leidenschaftliche Zuwendung zu Genf, um wieder aufgenommen zu werden und zum anderen eine leidenschaftliche dem Menschen zugewandte vergleichende Analyse über die Entstehung der Ungleichheit unter den Menschen, entstanden aus dem Wechsel von der natürlichen Lebensweise eines Wilden hin zu der zivilisatorischen Beeinflussung und gesellschaftlichen Prägung des Menschen in der vorrevolutionären Zeit. Seine Gedanken finden eine Antwort bei den Spaziergängen in den Wäldern von St. Germain, in einer Umgebung, die Hochgefühl erzeugt und wie eine Göttliche Perspektive sich abhebt, um den Blick auf Vorurteil und Irrtum zu wagen.

Doch die Entstehungsgeschichte dieses und des vorherigen Diskurses wird auf ein Ereignis zurückgeführt, welches Rousseaus ' illumination de Vincennes' ist und im Buch VIII der Bekenntnisse als ein Erlebnis geschildert wird, welches eine andere Welt ihn sehen lies und ihn zu einem anderen Menschen machte. Nun will der Rezensent diesen Vorgang, nämlich den Zufall, dass gerade auf dieser Kutschenfahrt zu Diderot, Rousseau die Zeitschrift ' Mercure de France' dabei hatte, und ein Windstoß die Seite mit dem Hinweis auf den Preis der Akademie von Dijon öffnete, nicht näher ausführen, denn es lag in dieser säkularen Epiphanie eine profane Absicht der Wirkungsästhetik. Rousseau konnte sich wie einst Paulus, Augustinus oder Pascal sicher wähnen, Eindruck und Nachhalt für seine Diskurse zu gewinnen, wenn ihm eine Eingebung den Weg wies. Aber sicher ist, dass diese Eindrücke ihm die Brüche der Gesellschaft verdeutlichten, ihm klar vor Augen führten, dass der Mensch zwar von Natur aus gut ist, aber die bisherigen gesellschaftlichen Institutionen ihn hindern, so zu sein. In ihm wächst die Vision eines neuen goldenen Zeitalters, in dem die Wahrheit über Lüge und Vorurteil herrschen soll.

Dieser Diskurs ist nach der Frage, inwieweit Wissenschaft und Kunst Verderbnis- oder Veredlungsursachen der Sitten sind, der zweite. In aller Deutlichkeit stellt Rousseau in dieser Abhandlung die Bedeutung des Menschen in den Vordergrund, denn nicht über sie möchte er sprechen, sondern zu! ihnen. Und diesen Menschen sagt er, dass die Ungleichheit zwei Aspekten entspringt, einmal als natürliche oder physische und zum anderen als gesellschaftliche oder politische Ungleichheit. Während die erste natürlicherweise nicht hinterfragbar ist, gilt es für die zweite Unterscheidung, auf die Privilegien zu achten, die sich im gesellschaftlichen Kontext ergeben. Allerdings, und hier ist Rousseau sehr modern, fragt er auch, ob nicht doch eine wesenhafte Verbindung zwischen beiden bestehen kann.

"Das erste Gefühl des Menschen war das seiner Existenz; die erste Sorge war die um seine Erhaltung." In dieser Lebensperiode galten die natürlichen Lebensweisen dem Stillen des Hungers, den Begierden der Fortpflanzung und der Instinkt wusste um die notwendigen Hilfsmittel. Rousseau geht hier zurück auf den Menschen vor Ausprägung des Verstandes und der Vernunft. Es galt der animalische Trieb, "bar jeder Empfindung des Herzens" und die Geschlechter kannten einander nur so lange, wie es ein Bedürfnis zu befriedigen galt. Doch mit zunehmender Population entwickelte sich ein erstes Zusammenleben, der Mensch gründete Familie, erlernte seine (Stammes-)Sprachen und konnte so im Austausch über die Dinge erste gesellschaftliche Strukturen entwickeln.

Die Begründung der zivilen Gesellschaft begann mit dem ersten: "Das ist mein" und dem Glauben daran, das der Ausspruch genügte, um Eigentum zu gründen. Rousseau entwickelt aus diesem Fakt die Annahme, Eigentum sei der Anfang, um Recht und Gesetz zu entfalten und dass in der Frage, wer diene wem, eine Abhängigkeit beidseitig von Arm und Reich entstanden sei, die der einfache Wilde, der nur auf sich und den Augenblick fixiert war, nicht empfinden konnte. Dieser war insofern wirklich frei, während der neue zivile Mensch sich in Abhängigkeit und gesellschaftliche Ungleichheit entwickelte. Diese Abhängigkeit ist aber in positiver Absicht eine Gemeinschaft mit gleichen Zielen, wie die Parabel von der Hirschjagd (77) zeigt.

Rousseau entwickelt den Gedanken der Loyalität untereinander mit dem Ziel der Gemeinsamkeit und dem subjektiven Verzicht auf spontane und nur individuelle Vorteile. Die Begründung von Gesetz und Staat ist notwendige Folge, auch weil in der zivilisatorischen Entwicklung die Unterscheidung von Gut und Böse im Menschen entstehen konnte und das Böse doch gebändigt werden musste. Seine Gedanken in dieser Abhandlung sind vorbereitend auf den contrat social und dem volonte generale. Sie sind gegen Hobbes "homo homini lupus est" formuliert, auch deswegen, weil er im Menschen das ursprünglich und natürlich vorhandene Gute im Wilden sehen konnte. Diese Weichzeichnung erregte später bei Nietzsche Widerspruch. Konnte der homme sauvage noch für sich leben, sieht Rousseau den Lebensraum des zivilisierten Menschen immer außerhalb seiner selbst, der erste weiß aus sich selbst heraus zu leben, der andere nur noch in der Meinung anderer und "erst aus deren Urteil wächst das Gefühl der Existenz."

Rousseau ist hier ein Verfechter der Freiheit, er sieht schon die Ketten, in die der Mensch gelegt ist auf Grund seiner gesellschaftlichen Verpflichtungen und will diese lösen aus dem Gedanken, gemeinsame von allen unterstützte Regeln des Zusammenlebens zu finden, in denen das fremde Wohl (Mitgefühl, Mitleid) gilt. Der Autonome (auto nomos) lebt in den Grenzen der sich selbst gegebenen Gesetze und ist darin frei. Kant hat später diese Ideen als praktische Vernunft weiterentwickelt. Das fremde Wohl ist jene Moral, die Schopenhauer unter Verweis auf Rousseau unter dem Aspekt des Mitleids und den der Moral fortführt.

Man kann mit Schopenhauer nun denken, dass Rousseau zum reinen Naturzustand zurückführen möchte. Dieses erscheint dem Rezensenten allerdings nicht. Für Rousseau ist dieses "Zurück zur Natur" einen Blick wert, um die aktuellen Verhältnisse vergleichend gerade zu rücken. Das Herabsetzen der Bedürfnisse auf ein Minimum macht ihn zum Kyniker, wie es der Mann in der Tonne einer war. Aber als Dionysos auf der Suche nach Menschen auf dem Marktplatz mit einer Lampe am helligten Tage zu sehen war, da wusste der Betrachter, dass er in einer anderen Zeit sucht. Und so war und ist Rousseau vielleicht auch seiner Zeit voraus. Er malt ein Bild als tiefer Kenner des menschlichen Herzens mit einer Weisheit, die er aus dem Leben schöpft. Seine Ideen sind nicht für Akademien oder für den Katheder bestimmt, sie gelten der Menschheit im aufgeklärten Geist und ausgebildetem Herzen.

Die Stadt Genf hat sich erst 1835 mit Rousseau versöhnt. Seine Statue, er sitzend mit einer Feder und einem Buch in der Hand, symbolisiert den Blick in die Weite und in die Zeit. Über den Genfer See schweift sein Blick, die Stadt im Rücken. Hölderlin erblickt in einem Gedicht den vollen Geist: "Und mancher sieht über die eigene Zeit. Ihm zeigt ein Gott ins Freie."

Rousseau an seinem 300. Geburtstag heute am 28. Juni zu ehren, ist eine Pflicht. Dass aber kein zentraler Ort diese Feier begeht, macht den großen Philosophen nachträglich zu einem Omnipräsenten. Seine Vision, seine Schriften würden nach seinem Tode die richtige und notwendige Anteilnahme erfahren, ist eingetreten. Selbst die Stadt Genf nimmt ihren Ehrenbürger wieder auf. Sie vereinnahmt ihn gar in 2012. Die Statue wird um 180 Grad gedreht; Genf und Rousseau von Angesicht zu Angesicht. Eine Stadt, deren Bürger, wie Rousseau schrieb, "um vollkommen glücklich zu werden, sich lediglich begnügen müssten, es zu sein." Das gilt nicht nur für Genfer, oder?
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PS / weitere
Die Bekenntnisse
Träumereien eines einsamen Spaziergängers: Neuübersetzung
Der Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des politischen Rechts
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 4, 2012 10:33 PM MEST


Schweigeminute: Novelle
Schweigeminute: Novelle
von Siegfried Lenz
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Liebe geleitet wie die Möve im Wind., 26. Juni 2012
Rezension bezieht sich auf: Schweigeminute: Novelle (Taschenbuch)
Er 18, sie 30, ein noch Unerfahrener tanzt auf den unberechenbaren Wellen der Liebe und lässt sich leiten von der weiblichen und erfahrenen Inspiration wie die Möve vom Wind. Nicht wie ein Eintauchen in die leidenschaftslose Direktheit moderner Feuchtgebiete verfährt Lenz (1926-), sondern eher zeitlos, von Sehnsucht verwirrt, schön, sensibel. Lenz entzieht sich dem Trend aller offenen Direktheit und führt wieder hinein in eine Liebe, wie sie bei Goethen und den Romantikern von einer Sehnsucht geprägt ist, von Dauer und Bestand hofiert wird und doch ist Lenz so stark, auch den Schritt in die Endlichkeit zu denken. Voll mit Metaphern und Denkgebilden verfängt er sich im Leben eines jungen Mannes, dem phantasiereiches Erinnern und nachträgliches Begehren zu einer emotionalen Einheit verschmelzen, so als ob "wir wollten lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden, auf dass das Sterbliche würde verschlungen von dem Leben".(2.KOR 4)

Lenz ist so sprachgewandt, als Leser spürt man die tiefe Berührtheit des Schreibers gerade dann, wenn der Ich-Erzähler mit den Erzählperspektiven und -positionen wechselt. "[...] in ihren sehr hellen Augen lag ein träumerischer Ausdruck, [...] du neigtest mir dein Gesicht zu, Stella, und ich küsste dich." Lenz schreibt zum Leser, ihm gibt er Raum zur eignen Entfaltung. Leichte Andeutungen sind es, mit denen er den Leser einbezieht. Am Ende das leere Kopfkissen mit der einen Delle. Bettgeschichten haben für Lenz keine Beweisqualität. Lenz über Lenz im Interview: "Dieses Buch war meine Selbstrettung."

Eine wunderbare, traurig-schöne Novelle, die mit Bachs Choral beginnt: "Wir setzen uns mit Tränen nieder..."
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Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 2, 2012 11:15 PM MEST


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