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kpoac
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Das dreizehnte Kapitel
Das dreizehnte Kapitel
von Martin Walser
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

20 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Krisis des freien Lebensversuchs., 7. September 2012
Rezension bezieht sich auf: Das dreizehnte Kapitel (Gebundene Ausgabe)
Was hoffst du, Hoffnung, denn? - Nichts, ich verzage.
Warum nur? - Weil ein Wandel mich getroffen.
Wie ist dein Leben? - Ohne jedes Hoffen.
Was sagst du, Herz? - Dass ich aus Liebe schlage.

Und was fühlst, Seele, du? - Liebe ist Plage.
Wie lebst du denn? - Von Misstrauen betroffen.
Was stärkt dich? - Nur ein Bild, unübertroffen.
Und daran denkst du nur? - Ja, alle Tage.

Und wo kannst du verharren? - Wo ich bin.
Was hast du vor? - Zu endigen mein Leben.
Was scheint dir gut? - Der Lieb Verlangen.

Was drängt dich so? - Zu wissen, wer ich bin.
Wer bist du denn? - Bin völlig hingegeben.
Wem hingegeben denn? - Einem Verlangen.
------------------------- (Luís de Camões; 1524 - 1580)

"Die Gewissheit des Glaubens ist ja kenntlich an der Ungewissheit [...] das ist die ironischste von allen." So Walser in seinem Roman "Muttersohn" und er lässt den Protagonisten Feinlein noch sagen, dass Glauben und Liebe eins seien. So sind wir bei der Liebe, kenntlich an der Ungewissheit, in die sich ein älterer Schriftsteller zu einer Theologin schreibt; in Briefen, die notwendig wurden, weil er sie nicht auf sich aufmerksam machen konnte während der Geburtstagsfeier ihres Mannes im Schloss Bellevue. Bellevue - welch Auftakt für die Schöne am Tisch, deren Ausstrahlung sich der Schriftsteller Basil Schupp nicht verwehren konnte. Und da sie seine Briefe beantwortet, gibt es ein sanftes Hineintasten in eine Beziehung, die fragt, ob mit Wörtern ein Fremdgehen impliziert ist. Sie erzählen sich von einander ohne zu verschweigen, in welcher Beziehung sie leben. Und doch schreiben sie mehr, als sie je sagen würden. Jeder entdeckt in seiner Offenbarung des Selbst sein Leben, eine Beziehungs-Unmöglichkeit wird zu Schleuse eigener Empfindungen, selbst die Ermöglichung der Unmöglichkeit bleibt nur gedacht, damit das Leben nicht im Ermöglichten, also im Möglichen stirbt.

Sie nennen es Experiment, sie sind verantwortlich und sie wünschen sich die Aletheia, die Unverborgenheit, die Wahrheit; es ist die Sehnsucht nach offenbarter Schwäche. Sie treiben sich in die Hoffnung entlang der Barthschen Römerbriefe, sie spüren die paulinische Ermahnung, auf Freiheit hin zu leben und spüren doch mit Barth, das ohne Hoffnung auf Hoffnung hin das Leben erst ein nahes wird. "Wenn du mit niemanden offen sein kannst, bleibt nur das Schreiben." Diese Sentenz aus dem Manuskript "Das dreizehnte Kapitel" von Basils Frau trifft diese Beziehung in Briefen. Und dieser Briefroman steigt in der Intensität der geschriebenen Beziehung von Liebe und Verrat bis zu einem jähen Bruch.

Ein lapidares Interview, veröffentlicht unter: Gelegenheit macht Liebe, wird zur modernen Beichte über die Beziehungen an sich und verfärbt die verbrieft eigene in ein tiefes Grau. Die schon ins Du veränderte Beziehung in den Briefen verkehrt erneut ins Sie, die Basis von Wahrheit und Unmöglichkeit verschwindet in einen tiefen Graben, der nur erneut durch Worte überbrückt werden konnte.

Worte waren es, die Buchstabenketten zu Brücken über die Wirklichkeit umfunktionierten und es blieb die ins Leere hängende Brücke nach dem Bruch. Und Worte waren es, die eine erneute Annäherung möglich machten. Worte waren es, die diesen freien Lebensversuch ermöglichten und Karl Barth schreibt, die ihn wagen, dürfen sich die Starken nennen. Bis zur Krankheit des Mannes der Theologin bleibt dieser neue Weg, jedoch nun erneut abgebrochen, als wenn es einer Klarheit bedurfte. Ein letztes Halt, eine neue Warnung, ein erneutes Gegen und doch ein Für.

Walser bedient sich der Dramaturgie des Römerbriefs. Im Kapitel Röm 13 wird klar, dass Glaube und Liebe es sind, die man schuldig bleibt und im Sinne von Karl Barth dieses zu interpretieren, heißt: der Liebe nicht widerstehen, sie annehmen wie den Glauben. Paulus zeigt eine erstaunliche Wendung im Kapitel 14. Er warnt nicht vor dem Glauben, er warnt vor dem eigenen Glauben, so wie Walser nicht die Liebe verwarnt, sondern nur diese Liebe zwischen den Schreibenden und die Liebe in eine Ewigkeit verhilft zwischen der Theologin und ihrem Mann. Im Tod vereint zu sein ist eine Lösung und die andere zwischen Basil und seiner Frau eine besondere; die Vergangenheit als Manuskript wird verbrannt aber damit auch die briefliche Liebe ihres Mannes, der nach dem Inhalt des Manuskripts gelebt hat, zu jener Theologen Maja. Die Zukunft trägt den Titel: "Das dreizehnte Kapitel" und ist ein Geschenk, nämlichen der Liebe nicht zu widerstehen. Selig ist, wer sich nicht verurteilen muss in dem, was er sich erlaubt, können wir bei Barth lesen.

Die Zweideutigkeit der Liebe, die hoffend erreichbare und die ohne Hoffnung auf Hoffnung hin, wird aufgehoben mit der Botschaft, das es die eine für die Ewigkeit gebe. In der Schwachheit zur Stärke zu kommen, ist Paulus Botschaft, seine Probe bestehen jenseits von tönerndem Erz und klingender Schelle. Und Walser nimmt diese Wendung als Neuanfang für die Liebe, es gibt keinen Ausgang, von vorn anfangen, immer neu sich in der Bedrängnis bewähren klingt schon nach Dostojewski und darin steckt irgendwie zuzugeben, dass auf Unmöglichkeit hin zu leben jenseits des Lebens ist und das Leben in der Tat bedeutet, ohne Hoffnung auf Hoffnung es zu bestehen. Aber nehmen wir Liebe als das Göttliche, dann gilt nochmals Karl Barth für Walser: Wer die Liebe erkennt, wird nicht gerettet, sondern gerichtet. Wen jedoch die Liebe erkennt, der wird gerettet und aufgerichtet. Und steckt nicht hier ein verlängerter religiöser Diskurs vom Glauben als die hohe Liebe, die erst zur Ruhe kommt, wenn das Herz ruht in Dir, wie Augustinus schrieb.

Wir lesen hier wieder einen Walser, der die Themen des Lebens in seiner Vielfalt und Direktheit beherrscht. Zwischen Liebe und Verrat, zwischen Treue und Untreue, Versagen und Vertrauen steuert er unmissverständlich auf die Wahrheit und die Liebe als immerwährende Erneuerung zu. Dass Martin Walser (1927 -) heute 85 jährig sein drittes Buch in 2012 veröffentlicht, ist phänomenal. Es bleibt zu hoffen, dass es nicht die Angstblüte ist, die ihn treibt. In einem Interview sagte er, es sei die Liebe. Freuen wir uns auf den dritten Meßmer-Band in 2013.

Einige Sätze:

- Wann haben denn unsere Vorfahren das auseinander treiben lassen, das himmlische und das irdische Buchstabieren ihrer Lage?
- Unsere Buchstabenketten sind Hängebrücken über einen Abgrund namens Wirklichkeit. Ich erlebe mich, mich hinüber hangelnd, ohne je drüben den
Fuß setzen zu können auf etwas, das mich trägt. [...] Das ist, was wir haben dürfen: Nichts.
- Dekorateure des Nichts
- Ich möchte Sie verführen zum Brückenbau ins Voraussetzungslose [...] von Wort zu Wort zu Wort.
- ... Ermöglichung des Unmöglichen, das auch als Ermöglichtes unmöglich bleibt
- Ihr Brief ist eine Wiese. Ich habe auf dieser Wiese gegrast. Tag und Nacht.
- Die meisten leiden ohne Gewinn.
~~
Kommentar Kommentare (14) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 22, 2012 7:30 PM CET


Mein Weltbild.
Mein Weltbild.

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Kunst, Bilanz zu ziehen., 3. September 2012
Rezension bezieht sich auf: Mein Weltbild. (Gebundene Ausgabe)
"Die Richtung des Geistes ist wichtiger als sein Fortschritt."
(Joubert)

"Wie ich die Welt sehe" ist der erste Satz einer durchaus lesenswerten literarischen Biographie. Denn die Beschäftigung mit der Welt ist der Verbindung von Ich und Welt geschuldet. Sie wirkt und wird bewegt und bewegt doch den Menschen. Ist es nicht so, dass Zufall und Notwendigkeit sich zeigen, vermeintlich in der Schwebe und vor dem Eintreffen der Tendenzen. Denn letztere wirken auch auf den Autor, den großen Wissenschaftler, dem der Mut nicht fehlte, die bis dahin erkannte Relativität in eine allgemeine zu überführen.

Nun könnte der Leser vorschnell vermuten, Einstein berichte von sich und seiner Sicht, seiner Philosophie. Natürlich lesen wir davon, das erste Kapitel ist von dieser abwägenden Sicht auf diese Welt, auf ihre Eigenarten und ihre kulturellen Exponate, aber insbesondere entdeckt der Leser in Einstein eine großartige und tiefe Menschlichkeit, die für ihn Sinn stiftend ist. Für ihn verbinden sich Gemeinschaft und Persönlichkeit allein, weil Wünschen und Tun an die Existenz anderer gebunden ist.

Aber eben geht er weiter und Seelig zeigt hier seinen Hang zum Frieden, zur Politik, die Frieden ermöglicht und Gründe findet, die gegen Krieg sprechen. Einzigartig sein Briefwechsel mit Freud um die Frage: Warum Krieg? Weiterhin erlesen wir seinen Blick auf Nationalismus, auf Probleme des jüdischen Glaubens und natürlich auf die Wissenschaft, alles Beiträge, die von Carl Seelig bestens zusammengestellt wurden.

Ein Schlusswort von C.F. von Weizäcker unterstreicht noch einmal diesen großen Nobelpreisträger, diesen der Wahrheit und Menschlichkeit verpflichteten Mann und führt ihn auf die höchste Ebene der Einfachheit, die beweist, wie die Dinge sind und wie anschlussbereit der Mensch ist oder sein kann. Ihm, diesem Albert Einstein, ist ein höherer Ort gegeben, der ihm den Blick von der hohen Ferne und außerhalb der Zeit ermöglicht. Manchmal muss man eben im übertragenen Sinn zunächst die Welt umrunden, bevor im Alltäglichen die wahre Fülle sichtbar wird.

Und nehme jeder ihn beim Wort, wenn er sagt: Urteile jeder nach seinem eigenen Ermessen, auf Grund seiner eigenen Lektüre, aber nicht nachdem, was andere ihm sagen!
~~


Transparenzgesellschaft
Transparenzgesellschaft
von Byung-Chul Han
  Broschiert
Preis: EUR 10,00

13 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der verbotene Blick: profane Nacktheit gegen Liebe und Leidenschaft., 25. August 2012
Rezension bezieht sich auf: Transparenzgesellschaft (Broschiert)
"Was ich mir selbst Unbekanntes in mir trage, das macht mich erst aus."
(Paul Valery)

Diese Welt lebt in einer Ambivalenz, nämlich in der stetig wachsenden Forderung und Begeisterung nach Transparenz und gleichzeitig in der Sorge, dass ein Zuviel schadet und es somit auch Verhülltes geben muss. Wenn diese Vorstellung eine ist, die die gesellschaftliche Wirklichkeit spiegelt, dann sollte man auf das achten, was die Welt sich zum Spiegel macht: die Mode. Auf den Laufstegen nimmt die Transparenz zu und zugleich die Verhüllung des Blicks durch Netz und Spitze. Angesehen werden sollen, aber nicht sehen dürfen treten hier im scheinbaren Widerspruch auf und doch sind sie die Botschaften aus einer Welt, die sich so selbst-referentiell beschreibt.

Mit diesem gesellschaftlichen Phänomen beschäftigt sich Byung-Chul Han vortrefflich. In seinen Betrachtungen über die (1) Positivgesellschaft bleibt festzuhalten, dass mit der Eliminierung des Negativen das Leben geglättet und geebnet wird, damit der Mensch in die Ströme von Kapital, Information und Kommunikation nahtlos einfließen kann. Transparenz wird zum systemischen Zwang. Hier werden durch reine positve "likes" die Anschlussräume aufrechterhalten, die Kommunikation über Gleiches läuft leichter und die Kettenreaktion des Gleichen wird nicht durch Andersartigkeit gestört. Er rät, Pathos und Distanz zu üben, damit der Blick nicht nur auf das Schamlose und Nackte gerichtet ist, dass eine Autonomie bestehen bleibt, in der das Unverständliche im anderen akzeptiert wird. Alles Verweilen im Negativen (weil bemerkenswert) wird durch Rasen im nur Positiven ersetzt. Der Gedanke zum Müßiggang wird obsolet. Weiterhin betrachtet Han die (2) Ausstellungsgesellschaft, die nicht mehr meint, dass allem Ursprünglichen in seiner Vervielfältigung die Aura des Unikats entzogen wird im Benjaminschen Sinne. Wenn also Existenz abgelöst wird durch Exposition, dann wird sich dieses als Forderung übertragen auf den Menschen, der in den neuen medialen Welten von einer individuellen Photographie zu einem face mutiert und von einem Individuum in ein Ausstellungsstück. Sein Kultwert geht den Gang der anderen Kultwerte, er verfällt zu dem Zeitpunkt, wo es ausgestellt wird. All dieses dient dem Ziel der Aufmerksamkeit unter dem Primat des schönen Aussehens, wie es anti-aging Kampagnen ja vorsehen, operativ oder cremebetont.

Wenn nun Transparenz den schnellen und direkten Blick ermöglicht, entfällt jede Art von endlosem Aufschub. Gerade dieser ist es jedoch, der Lust und Begierde wach hält und Han wird hier unter dem Begriff der (3) Evidenzgesellschaft feststellen, Symmetrie und Transparenz korrelieren, wie Transparenz und Pornographie harmonisieren und wie Transparenz jenseits der Macht Geheimnis und Dunkel als Reize verbannt. Diesem, den Blicken ausgesetzten Gesellschaftsroman, spürt er erneut nach und hinein in die (4) Pornogesellschaft. Hans Auftakt ist eine deutliche Botschaft gegen Mode und platonischer Weisheit: Transparenz ist nicht Medium des Schönen. Mit Benjamin verweist er deutlich, das Jedes in seiner Hülle als schön zu betrachten ist, weil aus dem Geheimnis die Phantasie des Schönen geboren wird. Enthüllung ist Nacktheit und ist Verschwinden der Anmut. Erotische Kommunikation entfällt, da alles offen liegt; "I love" wird schnell zu einem "I like" und allem ist die temporale Weite genommen. Das Maß der Liebe, schrieb Sloterdijk in seinen Notizen, korreliert mit dem Maß der Hindernisse.

Wenn nun eben der Blick auf das Schnelle den Vorrang hat, dann liegt es nahe, dieser Gesellschaft den Titel (5) Beschleunigungsgesellschaft zu geben. Dieses meint, dass mehr Wert auf Rechnen gelegt wird, als auf das Denken. Das Denken hat eine Eigenzeit, wie auch die Prozession eine hat, nämlich dieses allmähliche voranschreiten, um die narrativen Elemente dieser Welt nicht zu vergessen. Vergessen werden diese Dinge jedoch nicht nur wegen der Beschleunigung, die sicher auch subjektive Erfahrung ist. Vielmehr wird die Vielfalt der Beteiligungen, diese permanente Vernetzung zu einer temporalen Zerstreuung beitragen, die jedes nur bei sich sein können verhindert. Zeit wird additiv, die persönliche Erzählung entfällt oder wird nur Kurzgeschichte. Der Duft der Zeit, ein Titel eines anderen Buches von Han, wird unter dem Primat der Beschleunigung nicht mehr erfahrbar. Trotz aller Komplexität brauchen wir die Narration, so Han.

Vom großen Theater der Welt, wo alles in szenischer Distanz zu sehen ist - man denke auch noch an die antiken Theater - gilt es den Schwenk zu beobachten, der in eine (6) Intimgesellschaft mündet. Hier stellt Han klar, das von öffentlichen Person der Wechsel zu einer veröffentlichten Person stattfindet. Dabei gilt nicht, dass über andere Veröffentlichungen nur gelten, sondern dass die Transparenz fordert, sich selbst zu veröffentlichen. Facebook als Beispiel ist eine präferierte Plattform der Selbstentblößung und der Anschlusskommunikation. Ein Blick auf die Positivgesellschaft hilft hier nochmals, denn jene dis-like Funktion gilt nicht für facebook. Der Kommunikationsstrom der Intimitäten darf nicht reißen. Von der Darstellung des Theaters zur Ausstellung seiner Selbst vollzieht sich der Wandel in "eine Gesellschaft des Geständnisses, der Entblößung und der pornographischen Distanzlosigkeit."

Wenn Sloterdijk sinngemäß von der Welt bis an die Grenze der Metaphysik spricht, dann trifft er Han in dem Satz: "Transparenz ist ohne Transzendenz". Han bedient sich in klassischer Weise Platons Höhlengleichnis zur Entfaltung der (7) Informationsgesellschaft. Von der erzählerischen Güte antiker Theater reduziert eben diese Transparenz jeden großen Zusammenhang in eine kleine Information und jede Information dient der Transparenz. Also zum Wollen zur Transparenz paart sich das Wollen zur Information. Sloterdijk verweist deutlich auf unser Leben im Modus der Hyperarchivierung, die multimediale Informations- und Kommunikationsmasse wird zu einem bloßen Ge-Menge. Transparenz gelingt so im besten Maße, sie entbehrt der Wahrheit und des Scheins (im Sinne des Lichts). Sie wird zur Leere, die aus der Er-Ahnung gestrichen wird durch den beliebigen Umlauf von Bild und Wort.

Wenn Rousseau in einer Zeit des Wandels sich zu den Bekenntnissen hat durchringen können, dann beschritt er bereits damals, was heute als (8) Enthüllungsgesellschaft etabliert ist. Rousseaus Epoche der Wahrheit (der wahrscheinlichen) oder zumindest der "Offenbarung des Herzens" wird zu einem Diktat des Herzens gegen jede Äußerung unter Masken. Wenn auch Oscar Wilde behauptete, nur unter der Maske ist der Mensch wahr, dann gilt für Han hier die Belebung der Rousseauschen Erfahrung, dass die totale Transparenz in Kontrolle und Überwachung ausschlägt. Rousseaus Wunsch ist daher nur die Transparenz des Herzens, damit die Ehrlichkeit als Moral der Transparenz, die es in den sozialen Medien zu suchen gilt. Han findet keinen moralischen Imperativ im Netz, wen wundert's, dort gibt es nicht die kardiographische Taktung, sondern dort stoßen wir wieder auf die Ausstellungsmaxime zur Optimierung der Aufmerksamkeit. Dass sich in all dieser Manier im Sinne Foucaults ein Kontrollorgan zur Überwachung einschleust, stimmt nicht verwunderlich. Han kommt daher folgerichtig auf die (9) Kontrollgesellschaft als Disziplinargesellschaft, die sich im Prinzip aus sich Selbst formt. Gruppendynamische Prozesse gelten auch hier und die höchste Strafe als Besserungsmaßnahme ist die Einsamkeit. Aber die eigentliche Strafe ist die notwendige Selbstkontrolle. Jede Teilnahme steht am Scheideweg, nämlich dort wo das Bedürfnis nach Entblößung größer wird, als die Angst, seine Intimsphäre aufzugeben.

Wenn nun als Forderung totale "liquid democracy" kommt, dann wächst die totale Gleichschaltung, nämlich die Unterordnung unter den main-stream. Offenlegung aller Information geht einher mit der Forderung nach Post-Privacy. Wenn man dann glaubt, Vertrauen könne helfen, dann sollte man nicht vergessen, dass Vertrauen in der Mitte zwischen Wissen und Nicht-Wissen liegt. Es ist ein Glauben an das Gute, weil man das Böse kennt. Wenn Transparenz nun aber nur das Positive ist, wenn Transparenz ein allgemeines für alle bekanntes Wissen wird, dann werden Vertrauen und Glauben zum anderen unmöglich, sie werden sich selbst auflösen. Was nun?

Transparenz heißt Wettbewerb, Transparenz fördert Leistung. Der Mensch in der Jetztzeit ist Herr seiner Selbst, verantwortlich für sein Leben und damit im Zugzwang der Selbstausbeutung. Diese ist effizienter, wo doch schon Karl Marx wusste, dass der Produktionserfolg maßgeblich von dem Faktor ARBEIT abhängt und nicht vom Faktor Arbeiter. Dieser ist austauschbar, Marx wollte noch die Selbstbestimmung, hier und heute könnte man in Anlehnung von de Marcos Roman jede Art von Freisetzung deuten, als Vorschlag für eigene Karrierechancen. Transparenz als die Aufgabe der Trennlinie von Innen und Außen ist die vermeintliche Erhöhung maximaler Freiheit und diese verändert sich als Freiheit im Sinne eines immanenten Kontrollsystems.

Han schreibt auf kurzweilige Art klug und manchmal bedächtig auf den Punkt zugehend und durchaus pointiert auf den Begriff. Man muss als Leser die bekannte Kirche im Dorf lassen, immer noch anerkennen, dass das Individuum wählen kann gem. Shakespeare: "Sei ehrlich zu Dir selbst." Eine sehr lesenswerte Lektüre, die übrigens in die aktuelle politische Situation bestens passt.
~~
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 3, 2014 12:41 PM MEST


Träumereien eines einsam Schweifenden
Träumereien eines einsam Schweifenden
von Jean-Jacques Rousseau
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,90

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Der Mensch strebt nach dem Unmöglichen auf dem Umweg über das Nutzlose." (Gabriel Tarde), 20. August 2012
"Das Leben ist eine Festversammlung; die einen finden sich ein als Kämpfer um den Preis, die anderen
als Händler, die Besten aber als Zuschauer,so zeigen sich im Leben die einen als Sklavenseelen, als
gierig nach Ruhm und Gewinn, die Philosophen aber als Forscher nach der Wahrheit."
(Pythagoras zugeschrieben in: Diogenes Laertius, Leben und Meinungen ..., Bd. II / 108)

"Wer denkt, wie die frühen Philosophen dachten, nimmt Urlaub von der gemeinsamen Welt, er wandert in die Gegenwelt aus", lasen wir in Sloterdijk bravourösen Essay über den "Scheintod im Denken". Er zitiert auch Gabriel Tarde; aber diesen Gedanken fand der Rezensent in einer kleinen Schrift: "Der Kritiker als Künstler" und man kann den Gedanken dort, dass der Mensch sich auf eine geistige Ebene begebe, "in dem wir uns von jeder Handlung los sagen und durch den Verzicht auf Tatkraft vollkommen werden" mit denen aus dem Sloterdijk Text vergleichen. Diese von Oscar Wilde beredte Unterscheidung zwischen dem "vita activa" und dem "vita contemplativa" findet sich u.a. auch in Becketts Dreiakter "Eleutheria". In meiner Rezension dort tauchte der Hinweis auf J.J. Rousseau (1712-1778) auf, der in seinen "Träumereien eines einsamen Spaziergängers" sich genau diesem "vita contemplativa" widmet. Seine zehn Spaziergänge sind es, die ihm helfen, sich seiner selbst zu vergewissern. Diese letzte Schrift folgt den "Confessiones" und zeigt einen gewissen Illusionsverlust gegenüber der aufklärerischen Zeit. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, dass er sich von den feindlichen Attacken Voltaires und anderen loslöst und eine Ruhe findet, die ein neues Glück verheißt. "Nur in diesen Stunden der Einsamkeit ... bin ich ganz und gar ich selbst und gehöre mir allein; nur in diesen Stunden kann ich ehrlicherweise von mir behaupten zu sein, wie die Natur mich wollte." So Rousseau im zweiten Spaziergang.

Die wahrhaft glücklichen Stunden, wie er schreibt, findet er auf einer kleinen Insel im Bieler See. In diesem fünften Spaziergang wird nun allzu deutlich, was Einsamkeit und Selbstbesinnung vermag. Diesen Zustand der absoluten Untätigkeit zu verändern, hieße auch, ihn nicht zu verbessern, so der schon lebenserfahrene Pädagoge und Gesellschaftskritiker. Rousseau bleibt in seinen Träumereien sein Herr, er lässt seinen Gedanken freien Lauf in diesem Urlaub von der zuvor geglaubten gemeinsamen Welt. Seine Schrift ist keine Wanderbeschreibung, auch keine Traumdeutung im herkömmlichen Sinn. Weltflucht und Einsamkeit sind seine Paten, die schon Gedanken der Renaissance waren. Petrarca schrieb in einem Sonett: "Einsam und gedankenverloren durchmesse ich die verlassensten Gefilde" und so erging es Rousseau, der in der "reverie" sich seines Ichs bewusst wurde, welches der Gesellschaft sich entzogen hat. Nur auf sich bezogen, vergleicht er seine gewünschte Situation mit der eines Gottes. Mit diesem Schritt verlässt er auch die Zeit, enthebt sich ihrer durch sein Verlorensein im Denken und empfindet den Augenblick als grandios. "Ich wollte, dieser Augenblick währte ewig. Und mit welcher Berechtigung nennen wir einen flüchtigen Zustand Glück, der uns doch nie recht befriedigt und erfüllt?" (Wer hier an einen Goethe-Zitat aus dem Faust denkt, liegt nicht verkehrt.) Nur sich selbst und sein Dasein zu genießen, ist Rousseaus Bestimmung. Fernab von Leidenschaft und äußeren Bedürfnissen widmet er sich selbst.

Nun, wenn die Phantasie erlahmt, Visionen nur noch schleppend kommen, sagt Rousseau, dann ist das Versinken in diese Träumereien eine Wohltat, eine vorgestellte Lebensechtheit, die lustvoller und intensiver nicht sein kann. Damit sind diese Spaziergänge eine Lesereise wert und was die Zusammenhänge angeht von Pythagoras über Petrarca zu Beckett und Sloterdijk, lesen wir im Vorbeigehen über ein Jahrtausendexperiment.
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Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 2, 2012 11:23 AM MEST


Zeilen und Tage: Notizen 2008-2011
Zeilen und Tage: Notizen 2008-2011
von Peter Sloterdijk
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen privat-philosophische Reise durch die Jahre 2008 bis 2011, 19. August 2012
"...Du Morgenmond, du kühler gelassener, voller Mond, du - Ich grüße Dich, den ich wiedererkenne, denn oft schon traf ich dich an, wenn ich die Läden
meines Fensters öffnete zu dieser Stunde, nie derselben und doch immer der gleichen, die für mich die Stunde ist, in der mein Geist seinen Dienst aufnimmt."
(Paul Valery)

Diese reine Stunde, die noch für sich ist, weil die Dinge der Welt sich noch nicht einmischen, - nicht sich in Valery einmischen - ist eine Art von lyrisch betonter Rahmenbedingung, die für Valery gilt und den Peter Sloterdijk (1947-) natürlich bewusst in seine Einleitung einbezieht. Valery unterlag der Ordnung in Kategorien, Sloterdijk unterliegt der Ordnung der Chronik und nun lesen wir hier eine spannende, privat-philosophische Reise durch die Jahre 2008 bis 2011, diesseits von Mensch und Zeit. Nichts oder fast nichts entgeht diesem essayistischen Philosophen, nichts dem philosophischen Essayisten.

Der exakte Beginn ist der 8. Mai 2008 und der letzte Eintrag datiert auf den 8. Mai 2011. Nun ist der 8. Mai ein besonders Datum, für den einen ist es die Kapitulation, für den anderen die Befreiung. Zweimal dieses Datum ist für Sloterdijk kein Zufall, der schon mal den starken Grund, zusammen zu sein als eine Erinnerung an die Erfindung des Volkes festmachte und dieses in einem Essay mit dem 9. November verband.

Diesem Menschen Sloterdijk begleitet man auf seinen interessanten Reisen, seinen Vorträgen, seinen Ideen, Maximen und Reflexionen und findet viel Amüsantes und Aphoristisches zwischen Wissen, Denken und Wein. Dass hier so manch starke These abfällt, muss nicht wundern, sind es doch gerade die Menschen, die Abseits des Stroms sich zu Wort melden und Innovationen und Klarheit betreiben. Zu sagen, was alle sagen, ist pure Tautologie und damit überflüssig.

Seit 40 Jahren unternimmt Sloterdijk dieses Projekt der Selbstreflexion, der Gedankenfokussierung und der Gedankenfreiheit. Lesespaß und -erlebnis kommen auf den Leser zu, weil es Sloterdijk gelingt, ideenreich zu aktuellen Themen Stellung zu beziehen, vorbereitende Passagen zu seinen Büchern zu denken, Ruhe und Abstand zu der Welt mit der Netzkultur in Vergleich zu bringen, mit Ehrlichkeit und Direktheit manchen Mitgenossen zu beschießen und die Politik mit freiwilligen Abgaben in Unruhe zu versetzen.

Was ihn selbst betrifft, so muss er Aufmerksamkeit gegen Indiskretion abwägen und damit wird sein Schreiben zwischen Entblößung und Verbergung oszillieren. Nun, dass er nicht alles sagt, liegt auf der Hand, denn er beginnt mit seinem Schreibheft 100ff und sichert schon heute zu, dieses sei sein einziges Buch hierzu. Inwieweit er die alleinige Hoheit über die Entscheidung hat, mögen wir nicht beurteilen, aber augenfällig wird in Erinnerung an Rousseaus Bekenntnisse, dass Sloterdijk wie damals Rousseau schon die Bitte haben könnte, posthum Weiteres zu veröffentlichen.

Was macht diese datierten Notizen so lesenswert? Sie sind ein Zeitdokument, nicht als rein historische Abhandlung, sondern im Widerstreit mit dem Geist und dem Ungeist der Zeit. Sie zeigen ohne Rücksicht das Talent zur Polemik, sie bewerten die Fragen von Gleichheit und Ungleichheit, sie zeigen die Annäherung von Herr und Knecht mit Hilfe von Rollenkoffern, sie erhellen Gegebenes durch Satire und Ironie und sie dokumentieren, dass Bescheidenheit nicht mehr ist als eine egalitäre Asche über elitärer Glut. Und sie offenbaren eine gewisse Verletzlichkeit des Peter Sloterdijk, insbesonders dann, wenn im Internet seine Werke, Reden ohne Bezug zum Inhalt abgestraft werden. Und auch weiß man nicht nur seit diesen Tagebüchern eine gewisse Freude an der Frivolität des Lebens zu entdecken. All das ortet ihn nah dem Leben, auch wenn er dem Geist so weit entfernt scheint oder er sich soweit enthoben darstellt. In allem steckt selbst-referentiell vielleicht, was in der Replik auf Spaemann und seinem letzten Gottesbeweis deutlich wird: im Futurum exactum das anerkennende gelebt haben werden zu manifestieren, um in die Archive dieser Welt einzugehen. Während Spaemann sich im Archiv GOtt beheimatet, sieht Sloterdijk die Menschen mit gleichem Interesse, nämlich irgendwie unsterblich zu werden, sich der Transparenz des Selbst via Internet hinzugeben. Nichts scheint mehr verheimlicht werden zu müssen, die totale Selbstveröffentlichung sichert digitale und ewige Präsenz.

Wiewohl Sloterdijk den direkten Weg zu sich vermeidet, findet man zwischen den Zeilen die Liebe zu beredten Gesprächspartnern, die Liebe zu exzellenten Weinen und eine mindere Beflissenheit zum Sport, mit Ausnahme des Rades. Was er auch vorführt, zeigt, was für ein Intellektueller er ist. Und hier fühlt er sich auf einem Terrain sicher und mehr als gut, jenseits aller Bescheidenheit. Ihm in seinem Wissen um Fakten und Verbindungen zu widerstehen, ist ein Kraftakt, den wenige können, gar wagen. Sein perfektes Übungsbuch, nach dem letzten Satz aus Rilkes Torsogedicht benannt, ist eines, dass sich hier spiegelt aber dennoch die reine Askese bei Sloterdijk in Frage stellt. Nun, er ist nicht Säulenheiliger, er ist durchaus vom Genuss beraten und vom Witz beseelt. Nicht umsonst ist die Frage, seit wann sein Frisör im Gefängnis sei, zu beantworten mit: seit 1968. Mit dieser Selbstironie liest man diesen großen Philosophen und Essayisten gern, der aufruft zur Selbstgestaltung, aber auch weißt, dass alle zu fett sind für den Aufstand - auch im weitesten Sinne.

Ja, lesen Sie die Reiseerlebnisse und Reisegedanken, lassen Sie sich entführen und begleiten Sie im Geiste diesen "Heute-hier-Morgen-da" Mann, diesen fahrenden Denker, der nicht nur aus den Koffern lebt.
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Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 10, 2013 10:46 PM CET


Peter Camenzind
Peter Camenzind
von Hermann Hesse
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die scheue Sehnsucht und das Leiden an der Leidenschaft., 9. August 2012
Rezension bezieht sich auf: Peter Camenzind (Taschenbuch)
"Vorwärts, Wanderer! Es sind noch viele Meere und Länder für
dich übrig: wer weiß, w e m Alles du noch begegnen mußt?"
(Friedrich Nietzsche)

Wie viele Bedeutungen hat Literatur? Was vor den Augen des Lesers geschieht, ist Ereignis und ist Zeichen. Die Bedeutung zu setzen, ist Aufgabe des Lesers; der Autor hat zu schweigen, wenn der Leser autonom wird. Der Text bleibt und wirkt als Gefüge anderer Zeiten und doch mit dem Leser im Kairos der Zeit.

Mit Peter von Matts Luftgeister im Gedächtnis, ist Lesen eine Freude. Mit Hermann Hesses (1877-1962) "Peter Camenzind" zu wandern, heißt die Natur im langsamen Takt zu durchschreiten; Berge, Höhen, Bäche, Schnee und Sonne im aufmerksamen Blick zu sehen, um sich allmählich des eigenen Alltags entreißen und irgendwie merkwürdig berühren zu lassen. Eine Spannung fehlt, die der moderne Alltag aufrecht erhält und in dem er jede Ablenkung garantiert. Es entsteht eher jene berühmte Langeweile, die wir von Büchner kennen, wenn sein Lenz durch die Wälder geht. Da sieht oder geht einer in seiner Heimat, einer jener vielen Camenzinds aus einem kleinen Dorf mit festen Regeln und Abläufen und besticht dadurch, dass er gegen die Geschwindigkeitszwänge der Zivilisation, gegen das Tempo der Großstädte lebt und doch sich angezogen fühlt, jenes zu erleben, um im Wissen darum, sich neu zu bestimmen. Hesse verbirgt nicht Nietzsches Auftrag zum Finden des eigenen Weges, lesen wir kurz Nietzsche: "Es giebt in der Welt einen einzigen Weg, auf welchem niemand gehen kann, außer dir: wohin er führt? Frage nicht, gehe ihn!"

Der Leser liegt wie einst Werther oder Droste Hülshoff mit ihrer Lektüre eben mit Hesses Peter Cammenzind im Gras und erfährt von den Möglichkeiten dieser Welt, von den Schrecken, den Gefahren und dem Lärm. Heute noch bestimmen die kleinen und winzigen Dinge des jungen Menschen Leben, die kleinen Blicke auf mögliche Liebschaften, die zarten Wünsche und die begehrende Jugend liegen zwischen Ich und Welt, noch nicht wissend, dass in diesem Schicksal der Weg zu sich selbst liegt, ein Weg der Erkenntnis seiner und der Welt wahren Beschaffenheit.

So muss Peter Cammenzind seine Heimat verlassen, wohl wissend, dass sein Vater mit dem Tode seiner Mutter alleine ist. Doch es ist Zeit für den Aufbruch. Und dieser Aufbruch ist mehr als ein Gehen, es ist die vehemente Öffnung seiner Selbst in eine andere noch unbekannte Welt. Und dieser Weg in die Stadt ist der Weg in eine zweite Welt, in der Wahrheit, Liebe, Lust und Glück zu suchen und zu finden sind. Er wird zum Kind des Lichts, wie es immer die Menschen waren, die unbedacht in Apfelkörbe liefen. Wie Hoffmanns Anselmus verliert Camenzind auf dem Weg seine Erinnerung und geht dem Neuen, dem Unbestimmten, den neuen Spiegeln dieser Welt entgegen, um über sich zu lernen.

Nicht mehr allein die Natur wird sein Führer. Er entdeckt, dass es Menschen sein müssen, die Neues ermöglichen; er erlebt, wie lohnend es ist, "statt einer abstrakten Menschheit Einzelne zu kennen und zu studieren"; er spürt, dass Freundschaft etwas Besonderes und Beständiges sein kann; er lernt, dass es Liebe gibt zu Menschen und dass Liebe in der höchsten Form ohne Vollzug eine wahre sein kann; er lernt, dass in den Büchern dieser Welt soviel Erweiterndes zu lesen und zu empfinden ist; er lernt in seiner Legitimation neue Welten sein eigen zu nennen, durch die er geht und denkt. Alles funktioniert in ihm selbst, ihm wird das Ich zur Welt und die Welt zum Ich. Seine Erfahrungen werden erweitert durch Erkenntnisse, seine Naturempfindung erweitert im Diskurs und Erleben mit Mensch und Buch.

Ihm schwebt vor, wie Franz von Assisi alle Menschen und Tiere zu lieben auf einer höheren Ebene, er probiert es in Wirklichkeit und wie der Heilige Franz sich durch die tiefe Vorstellung seiner Stigmata in eine Imitatio Christi verwandelt, so scheint auch Hesses Camenzind sich anzulehnen an seine Vorbilder, sich in seiner Seele selbst überzeugend gar so sein zu wollen bis zur vollständigen Hingabe. In der Tat mutet es an, als wenn Hesse seinen Camenzind verwandelt durch dessen Vorstellungen und Gedanken in diesen Erlebnissen von Menschen, Reisen und städtischem Gehabe. Und auch scheint dieser Weg ein notwendiger gewesen zu sein, damit der Herzschlag der Erde hörbar, das Leben als Ganzes erfahrbar und die Erkenntnis reift, Kind der Erde und des kosmischen Ganzen zu sein.

Der Herkunft und der Zeit der Erfahrung folgt die Rückkehr. Peter Camenzind ist naturverbunden, Menschen nah und neu erfahren durch seine Zeit außerhalb seiner Heimat. Was bleibt, ist das Wissen, dass die Welt, egal wo man ist, dem selben Gesetz gehorcht. Nirgendwo geht die Welt in eine andere über. Nur, und das wird deutlich, der Mensch kann seine innere Welt verändern. Sei es in der lauten Welt, in der Wüste oder in der Askese seiner Heimat. Novalis spricht von der "Sonne der Nacht". Diese ist nicht im Weltall, sie gehört nicht der Vernunft. Sie leuchtet in der Seele und da trifft sie auf Hermann Hesse, der mit seinem Erstling den Prozess des aufrechten Gangs als eigene Schöpfung erneuert. Er zeigt, dass im Prozess zur Identität sowohl Natur wie Menschen notwendig sind, letztere sogar in den Ausprägungen von Liebe, Lust und deren Verweigerung. Im Scheitern zu lernen, ist nicht leicht, aber es bietet die Chancen, des "inneren Universums" (Novalis) gewahr zu werden. Hesses Botschaft mit dem Ich-Erzähler Peter Camenzind prägt alle Werke. Die Botschaft heißt: "Sei Du selbst". Dass er diese Erneuerung so nah an die Natur anlehnt, heißt, so meint der Rezensent, auch: Werde wesentlich. Die Natur entspricht ihrem Wesen, was fehlt dem Menschen dazu?

"Einer, / der darin lebte, neuen Aufgaben sich zuzuwenden"(Robert Frost).
Hesse wie Peter Camenzind sind auf dem Wege, Dichter zu werden. Dieses ist ein ausgeprägter Wunsch Hesses im Jahre 1903 und dieser Wunsch wird transferiert auf Camenzind. Diese Erzählung in der Perspektive der Zeile aus dem Gedicht von Frost bedeutet auch, dass sowohl Hesse wie Camenzind leben wollen für alles, insbesondere für Gedichte und Erzählungen, wie auch für Romane, die noch geschrieben werden wollen.

Denn hier lesen wir den Anfang von Hesses Erzählkunst, Vieles folgt, sogar Nobelpreis und sonstige Auszeichnungen. Und tief, sehr tief in Hesses Thema um Natur, Leben und Selbstbestimmung steckt - mit Robert Frost gesagt -, eine Herausforderung: gewünscht "Sei nicht die eigene Liebe als Kopie zurück, / Sondern Gegenliebe, echte Resonanz".

Am 9. August 1962, heute vor fünfzig Jahren starb Hermann Hesse. Verdient hat er eine Würdigung, wie es diese Besprechung eine sein soll.

Sils Maria u. Como, im August 2012
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Kommentar Kommentare (10) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 2, 2012 11:13 PM MEST


Die Kunst der Gesundheit
Die Kunst der Gesundheit
von Mirella Carbone
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 15,00

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Wie alt ich schon bin und wie jung ich noch sein werde." (Friedrich Nietzsche), 1. August 2012
Rezension bezieht sich auf: Die Kunst der Gesundheit (Gebundene Ausgabe)
"Die Krankheit ist ein mächtiges Stimulans. Nur
muß man gesund genug für das Stimulans sein."
(Friedrich Nietzsche)

Man glaubt es kaum, dass aus Nietzsches Werken ein Impetus für Gesundheit ausgehen kann. Immer krank, früh der Professur entbunden und dann im späten Alter ganz in die Teilnahmslosigkeit entlassen, weiß man nur eines: man muss sich dem Werk anders nähern.

Dass das Leben nicht allein die Abwesenheit vom Tod ist, weiß man. Doch gerade aus diesem Gegensatz kann Krankheit und Gesundheit wesensgleich betrachtet werden. Gesundheit ist nicht die Abwesenheit von Krankheit. Vielmehr wird deutlich, dass Gesundheit kein Zustand, sondern ein Weg ist. "Wir sind Experimente: wollen wir es auch sein! ", sagt Nietzsche und damit wird das Leben als Prozess betrachtet. Genau darauf legen die beiden Autoren Wert. Wert ist eben der Reichtum an Perspektiven; was wird aus dem Druck, der aus dem Gedanken an Krankheit entsteht? Hier anzusetzen, heißt, der Leibvergessenheit und der 'missachtung zu entfliehen und das Verteufelte nicht des Leibhaftigen gleichzusetzen. Vielmehr muss es zu einer Rehabilitierung der Leiblichkeit kommen: Körper, Geist und Seele für das Denken neu zu positionieren, wie es Nietzsche wollte. Der Mensch ist eben im Rhythmus und in der Form vom Leben abhängig und zum Leben orientiert. Betrachtet man dieses, dann sind diese 13 Auswahlen Nietzscheanischen Denkens zur Gesundheit genau und passend präsentiert.

Denn trotz aller krankheitsbedingten Defizite Nietzsches kommen die Herausgeber zu verblüffend aktuellen Einsichten zu Gesundheit und Krankheit. Am Leitfaden des Leibes wird bei Nietzsche philosophiert und so wählen sie ihre Ausschnitte. Die Fragilität der Existenz wird zur Achtsamkeit des eigenen Lebens gegenüber transformiert. Und so wird Nietzsche modern, modern zur Ruhe des Lebens; modern in Sachen Achtsamkeit; modern in der Frage, wie der eigene Weg sein soll; modern in der Ausprägung, wie jung man auch im Alter sein kann; modern in der Sicht auf andere, an denen wir wachsen; modern auch dort, wo der Widerspruch aus dem Sehen und Erkennen erwachsen kann.

Interessant ist, dass das aktuelle Magazin "brandeins" sich der Ruhe widmet, der Kunst der Muße und genau darin findet die zurzeit geltende Sicht und Fragestellung eine entsprechende Resonanz auf Nietzsche. "Wir wollen in uns spazieren gehen" ist so eine Formulierung, die Nietzsche wählte, um das zu beschreiben, was den Bezug zu sich rechtfertigt und hält.

Die beiden Autoren haben dem Rezensenten als Widmung eine anregende und unterhaltsame Lektüre gewünscht. Dieses an die potentiellen Leser weiterzugeben, ist eben eine Aufgabe und diese kommt nun in dieser Rezension. Lesen Sie Nietzsche, wenn es um die Gesundheit geht, die Aufgabe ist und als Wahrnehmung dem Leben und dem Ich gegenüber wirkt.

Sils Maria, 01.August 2012
Kommentar Kommentare (7) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 13, 2012 6:52 PM MEST


Das unbekannte Meisterwerk. Mit Illustrationen von Pablo Picasso (Insel Bücherei Nr. 1031)
Das unbekannte Meisterwerk. Mit Illustrationen von Pablo Picasso (Insel Bücherei Nr. 1031)
von Sebastian Goeppert
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,95

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Dem Kundigen vollendet sich auch großes Können ohne Trug." (Pindar), 15. Juli 2012
"Jede Wirklichkeit hat ihr gegenwärtiges Leben und ihren unmittelbaren Übergang ins Neue."
(Alfred N. Whitehead in: Prozeß und Realität)

Am 18. Brumaire des Revolutionkalenders erklärte Napoleon die Revolution für beendet. Wir schreiben den 9.11.1799 und mit diesen Datum den Beginn des Empire. Honoré de Balzac wurde im Juni dieses Jahres geboren. Das folgende Jahrhundert kennt nicht mehr den kleinen General. Napoleon ist Kaiser von Frankreich und im Laufe der Jungendjahre Balzacs umfassen des Kaisers Hände halb Europa. Balzacs Jugendjahre werden so zum Erlebnis und vielleicht zur Bestimmung einer nahezu grenzenlosen Eroberung, ausgehend vom Garten Frankreichs: Paris, die Welt! Die Helden Balzacs sind Typen der Zeit, sie sind stark Begehrende, sie streben nach dem Ganzen, sie streben nach dem Genuss, sie streben nach Vollkommenheit. Balzac liebte nicht das, was ihm begegnete, eher das, was er erschuf. Jede Wirklichkeit wurde mit Illusionen gefüttert, bis sie daran zerbrach. Und genau hier finden wir das Thema des "Unbekannten Meisterwerks". Der Schriftsteller Balzac starb 1850.

"Das unbekannte Meisterwerk" gehört zu den großen Künstlererzählungen der Weltliteratur. (Kindler) Im Paris des frühen 17. Jahrhundert treffen der junge Maler Nicolas Poussin, Porbus und der bereits bekannte Maler Frenhofer zusammen. Allen dreien liegt die Kunst, die Malerei am Herzen; alle drei empfinden ein aufstrebendes Paris in der Modernen, alle drei kennen die Bedeutung von Wahn und Wahnsinn zumindest aus den romantischen Schriften eines E.T.A. Hoffmann. Sie wissen um die Fragen der Realität, sie wissen von den Illusionen der Fiktion und den Vorstellungen und von Helden der Hoffmannschen Erzählungen, die mal in dieser erlebbaren, mal in jener metaphysischen Welt sind. Nirgendwo existiert eine Schwelle, es ist ein Hinüberrauschen in eine subjektive Welt.

Poussin, mit Gillette befreundet, ist ein eher emotional geprägter Maler, Porbus verkörpert die rationale Sicht der Dinge, aber beiden gelingt es, diese Welt zu ihrer eigenen zu machen. Frenhofer jedoch, arriviert und in den Künsten zu Hause, befriedigt mit Balzacs Führung des Schreibers Wunsch nach Vollkommenheit. Seit zehn Jahren arbeitet er an einem Gemälde, ein Frauenportrait mit dem Namen "Catherine Lescault", eine bekannte Kurtisane. Dieses Meisterstück verweigert er der Öffentlichkeit, dieses Werk ist für ihn der Inbegriff des Schönen, sein Leben gilt nur diesem und auch genügt ihm die Gesellschaft mit diesem Bild.

Eines Tages, fast wie ein Tausch, darf er die im realen Schöne (Gillette) sehen und seinen beiden Kollegen präsentiert er voller Stolz seine Madame Lescault. Voller Leidenschaft beschreibt er das Bild, voller Inbrunst gesteht er die Liebe, voller Nähe hört er sie atmen. Doch die beiden Künstler sehen nichts als Striche, sie sehen Nichts bis auf einen herrlich gemalten marmornen Frauenfuß. Der große Meister wird durch das gemeinsame Betrachten zurückgeholt in die Realität. Auch er erkennt nun nur ein Wirrwarr von Linien; sein Liebe, seine Leidenschaft stirbt in diesem Moment. Dies ist der Augenblick des Todes, dem er auch durch das Verbrennen all seiner Kunstwerke zum Opfer fällt. Die Erfahrung der Realität als eine überwältigende paart sich mit der der Art und Weise, wie die Verborgenheit der Zukunft in das Überwältigungsgeschehen hineinspielt und Whitehead bringt es auf den Punkt: "Jede Wirklichkeit hat ihr gegenwärtiges Leben und ihren unmittelbaren Übergang ins Neue." So wie Catherine Lescault zerfällt in ihren Linien der Kunst, so zerfällt Gillette in den Grenzen der realen Liebe, die sie nun im Zeitpunkt der Zustimmung zum Bild als nur bildhaft illusionär begreift. Balzac schafft mit dieser Gegenüberstellung eine subtile Liebesgeschichte, die Liebe zeigt, wo reine Wahrheit ist und nicht nur Imagination.

Balzac entwirft hier ein vielschichtiges Bild. Seine brillante Gegenüberstellung von Realität und Illusion schärft den Blick auf die Zeit. Wie ein Gewölbe drückt die Zeit auf den Menschen. Kunst und Natur stehen im Wettstreit. "Der Auftrag der Kunst besteht nicht darin, die Natur nachzuahmen, sondern sie auszudrücken!" Der Künstler ist Poet, nicht Kopist, so Balzac aus dem Munde Frenhofers und damit liegt sein Auftrag darin, die innerste Form zu beachten und dieser mit Liebe nachzugehen. "Inneres Universum" ist jener Begriff Novalis', der die Romantik prägte. Und in diesem eine Schönheit zu entdecken erfordert Mut und Ausdauer und letztendlich ein Nichts, was Alles ist, einen letzten Pinselstrich, der dem ganzen Leben gibt.

Frenhofers Hinwendung zu seiner Kunst als eine lebendige, eine atmende ist eine Kopie Ovids Metamorphosen. Wir erleben die wunderbare Marmorgestalt des Pygmalions auf Papier und besingen mit den Künstlern die Schöpfung zum Leben deren Objekte. Wir erleben die Zeit, in der das Bildnis als Metapher des Schöpfers geboren ist oder später bei Oscar Wilde zum Modus des zugewiesenen Alternativlebens wird.

Zum Lesen angeregt durch Peter von Matts Luftgeister war diese Erzählung eine Freude und daher empfiehlt der Rezensent das Meisterwerk des großen Honoré de Balzac.
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Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 23, 2012 9:07 PM MEST


Das unbekannte Meisterwerk (Insel Bücherei)
Das unbekannte Meisterwerk (Insel Bücherei)
von Herma C. Goeppert-Frank
  Gebundene Ausgabe

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Dem Kundigen vollendet sich auch großes Können ohne Trug." (Pindar), 15. Juli 2012
"Jede Wirklichkeit hat ihr gegenwärtiges Leben und ihren unmittelbaren Übergang ins Neue."
(Alfred N. Whitehead in: Prozeß und Realität)

Am 18. Brumaire des Revolutionkalenders erklärte Napoleon die Revolution für beendet. Wir schreiben den 9.11.1799 und mit diesen Datum den Beginn des Empire. Honoré de Balzac wurde im Juni dieses Jahres geboren. Das folgende Jahrhundert kennt nicht mehr den kleinen General. Napoleon ist Kaiser von Frankreich und im Laufe der Jungendjahre Balzacs umfassen des Kaisers Hände halb Europa. Balzacs Jugendjahre werden so zum Erlebnis und vielleicht zur Bestimmung einer nahezu grenzenlosen Eroberung, ausgehend vom Garten Frankreichs: Paris, die Welt! Die Helden Balzacs sind Typen der Zeit, sie sind stark Begehrende, sie streben nach dem Ganzen, sie streben nach dem Genuss, sie streben nach Vollkommenheit. Balzac liebte nicht das, was ihm begegnete, eher das, was er erschuf. Jede Wirklichkeit wurde mit Illusionen gefüttert, bis sie daran zerbrach. Und genau hier finden wir das Thema des "Unbekannten Meisterwerks". Der Schriftsteller Balzac starb 1850.

"Das unbekannte Meisterwerk" gehört zu den großen Künstlererzählungen der Weltliteratur. (Kindler) Im Paris des frühen 17. Jahrhundert treffen der junge Maler Nicolas Poussin, Porbus und der bereits bekannte Maler Frenhofer zusammen. Allen dreien liegt die Kunst, die Malerei am Herzen; alle drei empfinden ein aufstrebendes Paris in der Modernen, alle drei kennen die Bedeutung von Wahn und Wahnsinn zumindest aus den romantischen Schriften eines E.T.A. Hoffmann. Sie wissen um die Fragen der Realität, sie wissen von den Illusionen der Fiktion und den Vorstellungen und von Helden der Hoffmannschen Erzählungen, die mal in dieser erlebbaren, mal in jener metaphysischen Welt sind. Nirgendwo existiert eine Schwelle, es ist ein Hinüberrauschen in eine subjektive Welt.

Poussin, mit Gillette befreundet, ist ein eher emotional geprägter Maler, Porbus verkörpert die rationale Sicht der Dinge, aber beiden gelingt es, diese Welt zu ihrer eigenen zu machen. Frenhofer jedoch, arriviert und in den Künsten zu Hause, befriedigt mit Balzacs Führung des Schreibers Wunsch nach Vollkommenheit. Seit zehn Jahren arbeitet er an einem Gemälde, ein Frauenportrait mit dem Namen "Catherine Lescault", eine bekannte Kurtisane. Dieses Meisterstück verweigert er der Öffentlichkeit, dieses Werk ist für ihn der Inbegriff des Schönen, sein Leben gilt nur diesem und auch genügt ihm die Gesellschaft mit diesem Bild.

Eines Tages, fast wie ein Tausch, darf er die im realen Schöne (Gillette) sehen und seinen beiden Kollegen präsentiert er voller Stolz seine Madame Lescault. Voller Leidenschaft beschreibt er das Bild, voller Inbrunst gesteht er die Liebe, voller Nähe hört er sie atmen. Doch die beiden Künstler sehen nichts als Striche, sie sehen Nichts bis auf einen herrlich gemalten marmornen Frauenfuß. Der große Meister wird durch das gemeinsame Betrachten zurückgeholt in die Realität. Auch er erkennt nun nur ein Wirrwarr von Linien; sein Liebe, seine Leidenschaft stirbt in diesem Moment. Dies ist der Augenblick des Todes, dem er auch durch das Verbrennen all seiner Kunstwerke zum Opfer fällt. Die Erfahrung der Realität als eine überwältigende paart sich mit der der Art und Weise, wie die Verborgenheit der Zukunft in das Überwältigungsgeschehen hineinspielt und Whitehead bringt es auf den Punkt: "Jede Wirklichkeit hat ihr gegenwärtiges Leben und ihren unmittelbaren Übergang ins Neue." So wie Catherine Lescault zerfällt in ihren Linien der Kunst, so zerfällt Gillette in den Grenzen der realen Liebe, die sie nun in der Zustimmung zum Bild als nur bildhaft begreift.

Balzac entwirft hier ein vielschichtiges Bild. Seine brillante Gegenüberstellung von Realität und Illusion schärft den Blick auf die Zeit. Wie ein Gewölbe drückt die Zeit auf den Menschen. Kunst und Natur stehen im Wettstreit. "Der Auftrag der Kunst besteht nicht darin, die Natur nachzuahmen, sondern sie auszudrücken!" Der Künstler ist Poet, nicht Kopist, so Balzac aus dem Munde Frenhofers und damit liegt sein Auftrag darin, die innerste Form zu beachten und dieser mit Liebe nachzugehen. "Inneres Universum" ist jener Begriff Novalis', der die Romantik prägte. Und in diesem eine Schönheit zu entdecken erfordert Mut und Ausdauer und letztendlich ein Nichts, was Alles ist, einen letzten Pinselstrich, der dem ganzen Leben gibt.

Frenhofers Hinwendung zu seiner Kunst als eine lebendige, eine atmende ist eine Kopie Ovids Metamorphosen. Wir erleben die wunderbare Marmorgestalt des Pygmalions auf Papier und besingen mit den Künstlern die Schöpfung zum Leben deren Objekte. Wir erleben die Zeit, in der das Bildnis als Metapher des Schöpfers geboren ist oder später bei Oscar Wilde zum Modus des zugewiesenen Alternativlebens wird.

Zum Lesen angeregt durch Peter von Matts Luftgeister war diese Erzählung eine Freude und daher empfiehlt der Rezensent das Meisterwerk des großen Honoré de Balzac.
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Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 16, 2012 3:19 PM MEST


Die französischen Moralisten II. Galiani, Rivarol, Joubert, Jouffroy.
Die französischen Moralisten II. Galiani, Rivarol, Joubert, Jouffroy.
von Fritz. Schalk
  Broschiert

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Die Welt sehen, heißt über Richter richten." (Joubert), 14. Juli 2012
"Es war eine Zeit, da wirkte die Welt auf die Bücher,
jetzt aber wirken die Bücher auf die Welt."
(Joseph Joubert)

Die französischen Moralisten I. La Rochefoucauld, Vauvenargues, Montesquieu, Chamfort. sind die bekannten Franzosen der (vor)revolutionären Zeit und mit diesen in Folge können die weiteren nicht vergessen werden. Ferdinando Coelestinus Galiani (1727-1783), Antoine de Rivarol (1753-1801), Joseph Joubert (1754-1824) und Théodore Simon Jouffroy (1796-1842) sind hier die Protagonisten der französischen Moral um die Zeit der Revolution und danach. Jouffroy steht für die Zeit der post-revolutionären Zeit, eher für die Zeit der Restauration. Die politischen Schicksale Frankreichs nach 1814 haben ihn bewegt, wie natürlich Romantik und die Philosophie im 19. Jahrhundert. Alle erstgenannten konnten die Zeit um die Revolution am 14.Juli 1789 erleben und sich mit den Größen jener Zeit auseinandersetzen. Rousseau, Voltaire, Montesquieu und die Akteure Robespierre und Danton waren deren Zeitgenossen im Streben um Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Die nun in diesem zweiten Band nahe gebrachten Moralisten folgen zumindest der Tradition, dass ihre Werke und Schriften in Gedanken, Beobachtungen und Maximen überschrieben sind. Sie fertigten geistreiche Dialoge von den Grenzen der Erfahrung, sie profilierten sich in Horazstudien, sie reflektierten über Schriftstellerei und Stil, sie verfolgten die Methoden der Erziehung und erklärten, wie die Dogmen zu Ende gingen und so vieles mehr.

Nietzsche rieb sich an diesen Franzosen, sie waren gar Vorbild für ihn, wenn man an Chamfort und Abbe Galini denkt. Galiani, trotz italienischer Herkunft zu den französischen Moralisten zählend, ist für Nietzsche der "tiefste, scharfsichtigste und vielleicht auch schmutzigste Mensch seines Jahrhunderts", "tiefer als Voltaire und daher auch schweigsamer". (KSA 5,45)
Hören wir ihnen selbst zu:

Abbé Galiani:
"Jeder Einfaltspinsel kann antworten, wenn man ihn zu Rate zieht, aber nur der bedeutende Mensch kann fragen."
"Die Ungeduld des Alters ist etwas, was die Jugend nicht versteht."

Rivarol:
"Die Erinnerung steht immer dem Herzen zu Diensten."
"Wer Wunder fordert, vergißt, daß er der Natur die Unterbrechung der ihren zumutet."

Joubert
"Im Gespräch und in der Erkenntnis: darin lag vor allem nach Platon das Glück des Privatlebens."
"Wir können nichts sagen, ohne es zu verwirren und zu zerknittern, die Alten hingegen entwickelten und entfalteten alles."
"Die Richtung unseres Geistes ist wichtiger als sein Fortschritt."

Jouffroy
"Den Tod fürchten, heißt dem Leben zuviel Ehre erweisen."
"Die Beständigkeit ist oft nur eine Form der Ohnmacht."
"Ein Tag genügt, um festzustellen, daß ein Mensch böse ist, man braucht ein Leben, um festzustellen, dass er gut ist."

In den vier Moralisten, deren Hauptwerke hier vereint sind, hat sich der Übergang von der Auffassung des 18. Jahrhunderts zur Weltanschauung einer neuen Zeit vollzogen, eher kann man sagen, dass die Anschauungen hier oszillieren zwischen dem Neuen und dem Alten. Witz, Ironie und gedankliche Schärfe führen in die neue gedankliche Weltanschauung, während die einen noch kämpfen um Widerstreit mit der vermeintlichen Blütezeit der Menschheit streben die anderen schon in die neue Richtung als Vorwegnahme einer geistigen wie kulturellen neuen Epoche. Diese vier Moralisten verkörpern in ihren Gedanken einen Zeitenwechsel, moralische Substanz eines alten Frankreichs wird erneuert und verwandelt und in Jouffroys Welt bereits verschmolzen mit den romantischen Einwirkungen.
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Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 14, 2012 5:40 PM MEST


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