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kpoac

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Der Mann Moses und die monotheistische Religion: Drei Abhandlungen (Reclams Universal-Bibliothek)
Der Mann Moses und die monotheistische Religion: Drei Abhandlungen (Reclams Universal-Bibliothek)
von Jan Assmann
  Broschiert
Preis: EUR 6,00

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Was unsterblich im Gesang soll leben, muss im Leben untergehen." (Schiller), 12. April 2012
"Die aus dem Niltal mitgeschleppte Plage,
Der ägyptisch ungesunde Glauben."
(Heinrich Heine, Zeitgedichte)

"Unheilbar tiefes Leid" so fährt der Jude Heine fort. In seinem Todesjahr 1856 wird just derjenige geboren, der Moses als den Ägypter entlarvt, auch Jude und Psychoanalytiker: Sigmund Freud (1856-1939). Sein Alterswerk entspricht nicht seinem Habitus, eigentlich Atheist, fernab jeden Glaubens hat er sich nach dem bravourösen Essay über Michelangelos Mosesfigur nun der Herkunft des Glaubens im Sinne Moses gewidmet. Der Mann Moses und die monotheistische Religion; in drei Abhandlungen unterteilt zeigt er dem Leser, dass Moses Ägypter ist und was wäre, wenn es stimmt. Den dritten Teil bestimmt die Gesamtsichtweise in Hinblick auf eine Bereicherung der Psychoanalyse.

Freud entwickelt sein Essay geschickt, sind doch diese Fragen dazu angetan, sich einem assoziativen Zwang zu beugen, allein schon in der Verbindung zum Pentateuch, den fünf Büchern Moses und sicher auch zum Buch Josua. Sich der Ungeheuerlichkeit bewusst zu werden, die ein Jude sich leistet, den Namensgeber der mosaischen Religion in eine andere Herkunft zu stellen, ist die Aufgabe des Lesers. Entstellen ist damit auch das Thema, das in einen anderen Raum stellen und neu betrachten, so Freud und in dieser Entwicklung ist ein Blick auf Ägypten notwendig, auf die Kultur, die religiöse Entwicklung und deren Auswirkung allein auf den Auszug und die Einwanderung ins gelobte Land. Wenn Moses dem israelischen Volk, dem auserwählten, Befreier, Religionsstifter und letztendlich Gesetzgeber war, auch wenn er das Gesetz gebrochen (die Tafel am Berg Sinai zerbrochen) hat, und nun in Realiter abstammend der ägyptischen Kultur und deren Nationalität in eine Fremde entstellt wird, steht Tollkühnes bevor. Sicher ist, dass der mosaische Monotheismus nicht nur Orientierung gibt, sondern ebenso auch Ursprung von Konflikt, Intoleranz und Gewalt ist. Freuds Absicht könnte die der Deeskalation sein, allerdings mit der Versuchung, Religion und Neurose gleichzusetzen.

So entfaltet Freud, sich selbst immer wieder zweifelnd hinterfragend, eine These, dass Moses ein Anhänger der Aton-Religion (Echnaton) gewesen sei, der, ohne Aussicht auf Verwirklichung des Glaubens in Ägypten, sich den jüdischen Fronarbeitern anschloss, um sie aus Ägypten zu führen. Moses wollte das in Ägypten fehlgeschlagene Experiment des Monotheismus noch einmal in vivo prüfen. Dass Moses Ägypter war ist eine Theorie der Moses Herkunft, die etymologisch (mose = Kind) und märchenhaft anhand der Moses-Aussetzung und -Findung vermutet, im Ritual der Beschneidung letztendlich Bestätigung findet. Dass Ägypter an die Beschneidung gewohnt waren, lesen wir bei Herodot II, 104. Dort steht: "Nur drei Völker haben ursprünglich die Beschneidung: die Kolcher, die Ägypter und die Äthiopier. Die Phoiniker und die in Palästina wohnenden Syrer geben selber zu, dass sie diese Sitte von den Ägyptern übernommen hätten, ... " Und weiterhin in 1. Moses 17, 11 ist gerade die Beschneidung das Zeichen für den abrahamitischen Bund. Hier wird deutlich, dass Moses den ägyptischen Brauch ins Judentum brachte, gepaart mit der religiösen Deutlichkeit und der Strenge gegen sich selbst. "Man steigerte sein eigenes Schuldgefühl, um seine Zweifel an Gott zu ersticken", schreibt Freud und verweist hypothetisch auf "Gottes unerforschlichen Ratschluss". Gerade diese vollständige Unterordnung unter das Gesetz, diese Strenge gegen sich selbst ist die "Quelle der mentalen Wandlungen" die Freud als "Entwicklung zu höherer Geistigkeit" sieht und benennt.

Der Zeitraum zwischen Exodus und Niederschrift des Pentateuch ist ca. 800 Jahre. In dieser Zeit, einer Inkubationszeit gleich, hat die neue kollektive Wahrheit der tatsächlich historischen den Rang abgelaufen und die Berichterstattung wurde annähernd gleich dem bereits bekannten Ziel der Botschaft. Freud spricht auch von der Unkenntlich-Machung des Geschehenen, obwohl die Tradition, weil mehr als Schriftüberlieferung, eine Latenzzeit des Nicht-Vergessens im kollektiven Gedächtnis verspricht. Er vergleicht verleugnete Tatbestände mit Mord. Die Ausführung der Tat sei ein Leichtes, die Beseitigung der Spuren erfordere die volle Aufmerksamkeit. Diese gedankliche Verschiebung (Entstellung) und deren nachträgliche Veröffentlichung macht aus Ägypten eine Chiffre, die sich in Kanaan wiederfindet.

Jan Assmann (Monotheismus und die Sprache der Gewalt) spricht daher von Konvertierung, und meint, dass die Idee des Auszugs und die Kenntnis des Schlechten in Ägypten angesiedelt bleibt und dass das Neue, das Land von Milch und Honig für immer und alle Zeit mit der Rück-Erinnerung an die schlechten Tage das Beste und höchste Glück zu sein hat. Die Juden werden, wenn man so will, von der Vergangenheit chronisch heimgesucht und spüren in "obsessiven Spuren" die jüdisch-ägyptische Ambivalenz. Die unerbittliche Konsequenz Freudschen Denkens zwingt zur Annahme, dass die Chiffre Exodus nunmehr "die Verwirklichung des radikalen Ägyptizismus mit jüdischen Mittel" (Sloterdijk in: Derrida, ein Ägypter) meint.

Der spannende dritte Teil der Abhandlung verändert die Psychoanalyse und Massenpsychologie in einer interessanten Weise. Das Unbewusste im Sinne des bisherigen Freuds wird kaum noch genutzt. Vielmehr mag die Entstellung (etwas in einen anderen Raum stellen) zur Selbstkorrektur bei Freud geführt haben. Denn nicht das Unbewusste führt den Menschen von Innen, sondern die Verhüllung, die Herkunft versteckt. Im Grunde geht es um eine aktive Verheimlichung, die langfristig die ursprüngliche Wahrheit unauffindbar machen soll und die narrative Gewissheit an dessen Stelle setzt. Damit muss Moses Opfer seiner Selbst geworden sein (Gorgias: "... eine Rede, die einen Geist überzeugt hat, zwingt den Geist, der überzeugt hat, an die Worte zu glauben und den Taten zuzustimmen.") oder ihm war klar, wie es auch Gorgias im Loblied auf Helena klar war, dass ein Mythos keine Verbindlichkeit kennt. Denn die Tradition einer großen Vergangenheit war es sehr viel später, die "erneut Oberhand gewann und den Gott Jahve in den mosaischen Gott verwandelte und die verlassene Religion des Moses wieder zum Leben erweckte". Die offensichtliche Notwendigkeit des Todes von Moses zur Stabilisierung des Monotheismus hat sich im Christentum widergespiegelt. Jesus wurde als der Messias eingeführt, die Auferstehung war damit real als Wiedereinsetzung eines Führers, der ebenso sterben musste, um dem dann liberaleren quasi-monotheistischen Christentum Dauer zu versprechen. Schiller erkennt in seinem Gedicht: Die Götter Griechenlands diesen Punkt: "Was unsterblich im Gesang soll leben, muss im Leben untergehen."

Noch ein Blick auf Sloterdijk: Er geht in der Idee berechtigterweise auf eine finale Betrachtung. Wenn nach 1. Moses 17, 11-14 die Beschneidung das Zeichen der Auserwählten ist, ist gleichzeitig die Übernahme des Zeichens derer, von denen man sich durch Exodus unterscheidbar machen wollte, der Verzicht auf das gewollt Eigentümlichste des Eigenen. Dieses Eigene offenbart sich nun als das fremde Eigene und ist nicht mehr als "die Wiederkehr des Verdrängten".
Für Interessierte lesenswert.
~~
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 15, 2012 11:49 PM MEST


Kain: Roman
Kain: Roman
von José Saramago
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein, und der Gerechtigkeit Nutzen wird ewige Stille und Sicherheit sein." (Jes 32,17)., 6. April 2012
Rezension bezieht sich auf: Kain: Roman (Gebundene Ausgabe)
"All dies ist aus denselben Gründen in gewisser Hinsicht
wahr, aus denen es in gewisser Hinsicht falsch ist."
(Augustinus)

Mit einem Blick auf unsere Gesellschaft, wird man feststellen, dass alles was Wert hat, konsumierbar ist oder in ein Konsumgut transformiert werden kann. Zum anderen wird man feststellen, dass die Postmoderne sich vielleicht zu schnell eine Wissensgesellschaft nennt, in der der Mensch im Wesentlichen nichts mehr herstellt, sondern die Dinge bewacht, der Mensch zum Objekthirten transformiert, dessen doppelsinnige Aufgabe das Warten ist. Es hat den Anschein, dass das, was existiert, von selbst entsteht. Die Produktion erscheint menschenleer, ein Zugewinn an Zeit und Muße könnte als Zugewinn an Humanität interpretiert werden. Doch warum spüren Menschen wenig von diesem Traum? Warum, wie eine der letzten Talkshows zeigte, sind die Menschen auf der Suche nach Sinn?

Wenn, wie in der Sendung eine Umfrage offenlegte, keiner der Befragten den Sinn von Ostern erklären konnte bis auf einen Muslimen, dann ist man ob soviel Religionsmüdigkeit dankbar, dass ein vehementer Atheist bis zu seinem Tode sich mit der Bibel und damit den abendländischen Grundfesten und der Kultur beschäftigt. Durchaus sarkastisch und pointiert wie einst Voltaire seinen Candide scheucht Saramago den Brudermörder Kain durch den Pentateuch und das Buch Josua, um mit aller Macht, den zürnenden, strafenden und herrischen Gott des Alten Testaments zu zeigen, damit sein [Saramagos] vehementer Atheismus mit aller Deutlichkeit präsentiert wird.

Nach dem Erdbeben 1755 in Lissabon ging von Portugal aus die Idee der Theodizee in die Welt. Die Frage nach dem strafenden Gott, der die großen Unglücke trotz Allmacht nicht verhindert, stellt sich auch im Jahre 2010 in diesem Werk des portugiesischen Nobelpreisträgers. Die beste aller Welten, von Leibniz im 18. Jahrhundert propagiert und von Voltaire ironisiert, steht nun mit bestem Vorbild wieder am Pranger der Geschichte. Saramagos Betrachtung des Alten Testaments ist ein in der Sprache bravouröser Ritt, seine schon fast als alter ego konstituierte Person Kain beweist nach Freispruch trotz Brudermord seine männliche Stärke vor allem gegenüber der lüsternen Lilith, seine Dialogfreudigkeit mit Gott in der Hilfe Isaaks, so dass der Vertrauensbeweis Abrahams nicht in der Opferung seines Sohnes eine Ende finden musste. Dass der HErr den Menschen um den Verstand bringt, ist Saramagos Prinzip, dass er sich seines Verstandes befleißigen soll, ein weiteres. Denn der Zweifel an sich ist seit den kartesischen Meditationen die Grundhaltung des Menschen und damit ist "die Geschichte des Menschen zugleich die Geschichte der Uneinigkeit mit Gott".

Und diese Geschichte beginnt am Anfang, eben bei Adam und Eva und in dreizehn zeitlosen Episoden und interessanten Wechseln von Gegenwarten, die Kain durchlebt und die Saramago mit seinen (Vor-)Urteilen paart. Schnell, in der bekannten fehlenden Interpunktion in den Dialogen, fordert Saramago einen wachen Leser. Dessen Aufmerksamkeit wird jedoch ob des Sprachwitzes, der erzählerischen Dichte und des kritischen, jedoch niemals an Reiz und Witz flachen Textes belohnt. Saramago besticht durch den Wechsel von Wahrheit und Illusion. Nicht, dass man meine, die Wahrheit sei wörtlich der Bibel zu entnehmen, doch dass, was lesbar ist, wird von Saramago beliebig umgedeutet. Sein freier Geist ist jedoch auch der freie Geist, der im Leser animiert wird. Allerdings auch mit der Freiheit, nun selbst wieder die Bibel in die Hand nehmen, um zu lesen, welche Herkunft abendländische Kultur hat. Denn sich nur auf die atheistische Deutung zu verlassen, ergibt in der Folge, kritikloses Lesen.

Als Lessing seine "Erziehung des Menschengeschlechts" schrieb, wusste er um die Deutung des Alten Testaments und um die Deutung, warum eine drohende Sprache eines strafenden Gottes sein musste. Ihm gelingt es in 100 Sentenzen festzustellen, welcher Wandel vom Alten zum Neuen Testament notwendig war und was es für den Menschen bewirkt. Saramago verzichtet auf diese Gegenüberstellung bzw. Entwicklung. Ihm sind die Taten auf der Reiseroute Kains von der möglichen Opferung Isaaks, zum Turmbau zu Babel, von Sodom ohne Gerechte nach Jerichos durch Posaunen eingestürzten Stadtmauern, vom Menschenauflauf am Sinai, auf Moses Wartende und derweil mit Aaron ein Goldenes Kalb als neuen Gott Preisende zur Vernichtung der Stadt Midian wichtiger; ihm liegt es eher, die Ungereimtheiten auf der Arche zu entschlüsseln und in Hiobs Botschaften den Pakt zwischen Gott und Satan zu entlarven und es ist ihm lieber, in Kain einen kritischen Protagonisten zu haben, dem der spitze Dialog und die bohrenden Fragen gegenüber Gott zu wichtig sind. Darin liegt der Reiz dieses Buches.

Saramago schreibt dreizehn Episoden, eine weniger, als der Kreuzweg ist. Das 14. Bild ist das Bild des Begräbnisses. Der Tod am Kreuz und nun Saramagos Tod in 2010 enden im Grab vor dieser Veröffentlichung. Kain als Buch ist damit vielschichtig; gerade in der Bemerkung um die Geschichte Noahs mit der Arche: biologische Kontinuität sei eben nicht alles, es reiche eben, wenn der menschliche Geist immer wieder neu erschafft, ist von hohem Selbstbezug. Es scheint, als solle ein Vermächtnis wie dieses Unsterblichkeit erzeugen, wie die Bibel Jesus unsterblich macht. Und wenn Saramago mit den Worten schließt: "Die Geschichte ist zu Ende, mehr gibt es nicht zu erzählen.", dann kann eine Erinnerung an die letzten Worte: "Der Rest ist Schweigen" nicht fehlen. Eine Assoziation zu Shakespeares Hamlet liegt offen und damit liegt in allem, was wirklich scheint, zugleich ein Traum.

Kains und Gottes Dialog entschwindet in Sphären, dorthin, wo ein Erleben nicht mehr greift, dorthin, wo nur durch einen Sprung ein anderes Begreifen möglich wird: in der Transzendenz, im Glauben. José Saramago (1922-2010) hat zeitlebens an dieser Schwelle gestanden, den Sprung nicht gewagt und davon ist hier viel zu lesen.
~~

Allen Lesern ein Frohes Osterfest.

PS
Candide: oder Der Optimismus
Die Erziehung des Menschengeschlechts: Berlin 1780
Monotheismus und die Sprache der Gewalt
Meditationen
Kommentar Kommentare (12) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 28, 2013 9:13 PM MEST


Das Universum der Dinge: Zur Ästhetik des Alltäglichen
Das Universum der Dinge: Zur Ästhetik des Alltäglichen
von Konrad Paul Liessmann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,90

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Alles ist da. Die Dinge haben sich vor den Menschen ausgebreitet und harren ihrer Aneignung., 31. März 2012
"Wir können nicht anders als wahrnehmend leben."

Konrad Paul Liessmann war schon lange auf der Leseliste des Rezensenten, doch leider gelang es erst nun, die Sternschnuppen seines weiten Denkens und seiner sublimen Beobachtung zu erfahren. Diese Erfahrung ist jedem zu gönnen und damit vorab: Liessmann wird zum "Lies man!" und damit zur Empfehlung.

Denn mit diesem Buch spürt man, was Liessmann den Luxus der Philosophie nennt. Von dem Unwesentlichen, dem Nebensächlichen scheint eine Gesellschaft sich vermeintlich zu entfernen und doch sind es diese aus dem primären Blickfeld und der bewussten Wahrnehmung entfernten Dinge, die erneut als Alltägliches, als Gewöhnliches und als das Gewohnte in ein neues Licht gesetzt werden. Wenn man nun meint, dass Alltägliche erzeuge keine Spannung, dann ist man hier richtig, um sich mit den unspannenden Alltagserfahrungen erneut Überraschungen zu gönnen.

Leicht kommt seine Sprache daher, verständlich und vor allem erzeugt Liessmann einen durchsichtigen Kokon und damit einen Zusammenhalt, ein Zusammenspiel des Alltäglichen mit dem Besonderen, wenn man nur wagt, zu schauen. Schauen, ja ansehen, erblicken oder die optische Wahrnehmung an sich herankommen zu lassen, macht aus, was Liessmann dem Leser als Alltagsästhetik näher bringt, mitgibt, des Lesers Leben auf eine höhere, dem Sinn der Ästhetik entsprechende Höhe bringt.

Mit Liessmann wird man als Leser nun verführt im eigentlichen Sinne. Natürlich in das Land der Erotik in den Grenzen von Pornographie und Obszönität, natürlich in das Land der Kunst im Verhältnis zum Alltag, der Kunst des Sehens, der Kunst des Hörens, der kein Horizont gegeben ist. Liessmann zeigt dem Leser das Verhältnis zum Event, zum Spiel als Fußballspiel oder zum Radrennsport. Wie oft sieht man diese Ereignisse, die nach Heidegger ein "Eräugnis" sind und doch nimmt man sie nur wahr, ohne auf deren immanenten Zweck zu achten. Mit dem Blick auf den Sport, dem Fußballspiel spürt man erneut die archaische Bedeutung des Spiels, dessen Position in der Gesellschaft und dessen Nutzen. Dem Leser wird in allem ein neuer Blick gegeben, ihm wird es nach erfreulicher Lektüre gelingen, selbst den Alltag und seine Ereignisse in seiner Ästhetik, seiner Relevanz neu bedenken und zu guter Letzt wird ihm das Ding an sich, das Geld in seinem Zweck und in seinem Mittel neu vor Augen geführt.

Im Grunde berührt Liessmann die Sinne des Lesers, mit dem neuen Blick, den er erweckt, erweckt er die Edelsteine des Geistes und in allem eine feine Wahrheit über und für den Menschen.

Sehr lesenswert!
~~
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 12, 2013 11:46 AM MEST


Früchte der vollendeten Zivilisation. Maximen, Gedanken, Charakterzüge. Französisch/deutsch.
Früchte der vollendeten Zivilisation. Maximen, Gedanken, Charakterzüge. Französisch/deutsch.

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Weltkenntnis ist das Resultat tausend feiner Beobachtungen." (Chamfort), 29. März 2012
"Chamfort. - Daß ein solcher Kenner der Menschen und der Menge, wie Chamfort, eben der Menge beisprang und nicht in philosophischer Entsagung und Abwehr seitwärts stehen blieb, das weiß ich mir nicht anders zu erklären als so: ein Instinkt war in ihm stärker als seine Weisheit und war nie befriedigt worden, der Haß gegen alle Noblesse des Geblüts: vielleicht der alte, nur zu erklärliche Haß seiner Mutter, welcher durch die Liebe zur Mutter in ihm heilig gesprochen war, - ein Instinkt der Rache von seinen Knabenjahren her, der die Stunde erwartete, die Mutter zu rächen. Und nun hatte ihn das Leben und sein Genie, und ach! am meisten wohl das väterliche Blut in seinen Adern dazu verführt, eben dieser Noblesse sich einzureihen und gleichzustellen viele, viele Jahre lang! Endlich ertrug er aber seinen eignen Anblick, den Anblick des »alten Menschen« unter dem alten Regime nicht mehr; er geriet in eine heftige Leidenschaft der Buße, und in dieser zog er das Gewand des Pöbels an, als seine Art von härener Kutte! Sein böses Gewissen war die Versäumnis der Rache."

So spricht Friedrich Nietzsche in "Die Fröhliche Wissenschaft" (2, Aph. 95) über den großen französischen Moralisten Chamfort (1741-1795), jener Chamfort, "ein Mensch, reich an Tiefen und Hintergründen der Seele, düster, leidend, glühend - ein Denker, der das Lachen als das Heilmittel gegen das Leben nötig fand und der sich beinahe verloren gab an jedem Tage, wo er nicht gelacht hatte." Am 15.10.1924 hielt Oswald Spengler eine Rede anlässlich des 80. Geburtstages Nietzsches und auch er konnte nicht vermeiden, Nietzsches Blick auf den Moralisten zu erwähnen, denn, wie er sagte, "der Gelehrte in ihm [Nietzsche] beneidete Chamfort und Vauvenargues und die leichte und etwas zynische Art, im Tone der großen Welt mit ernsten Dingen umzugehen". Spengler trifft Nietzsche, aber er trifft vielmehr auch dessen Blick auf Chamfort, jenen Franzosen, der in bravouröser, gar klinisch reiner Sicht sich seinen Blick auf Individuum und Gesellschaft nicht verwehrte, diesen vielmehr schärfte und in feiner Beobachtung Höhen und Tiefen verbriefte. Dieses in einer Zeit, die der Vernunft den höchsten Thron zeigte, und doch konnte er nicht auf die Gleichheit von Gefühl und Verstand verzichten. In seinen Aphorismen gelingt es ihm in präziser Form, beiden einen Rang zur Ergänzung des anderen zu geben, in seinen Anekdoten weiß er von den Menschen, den Vorkommnissen und den gesellschaftlichen Wirksamkeiten zu reden, die die Präsenz beider Tugenden fordert.

Spricht man von den großen französischen Moralisten, fehlt sicherlich Chamfort nicht. Ihn muss man unterscheiden, da jeder seine Eigenart pflegte. Während Pascal seine Gedanken verfasste, La Rouchefaucault sich auf Maximen besann, La Bruyere seinen Charakteren und Vauvenargues den Reflexionen höchstes Augenmerk gab, stehen bei Chamfort die Anekdoten im Vordergrund. In seiner Einleitung zu den Maximen versucht Chamfort eine Präzision in der Sache und dem Zuhörer macht er deutlich: "Maximen, Axiome sind wie Kompendien das Werk geistreicher Leute, die, so scheint es, für die mittelmäßigen und trägen Geister gearbeitet haben. Der Träge nimmt eine Maxime an, um sich die Beobachtungen zu ersparen, die deren Verfasser zu einem Resultat geführt haben. Der träge und der mittelmäßige Mensch getrauen sich nicht darüber hinauszugehen."

Und blickt nun ein von Chamfort gern gesehener Leser in seine Schrift, wird dieser spüren, wie leicht sich ein dialogisches Verständnis einstellt. Mutmaßt man noch, dass Chamfort seiner Zeit den Spiegel vorzuhalten gewöhnt war, stellt man leicht fest, dass hier ein Unzeitgemäßer redet, weil er über den Menschen redet. Diesen gibt es immer, also auch heute, in seinen Leidenschaften, seiner Vernunft und in seiner Präferenz zwischen beiden. Zwischen Dummheit und bloßer Meinung, zwischen Klugheit und Spitzfindigkeit bewegt er seinen wachen Blick auf eben jene Eigenarten des Menschen und seiner Gesellschaft. Darum gelingt es Chamfort, gesamtheitlich zu sehen und zu reden, wie eine der allgemeinen Maximen zeigt: "Statt die Menschen von gewissen Fehlern, die der Gesellschaft unerträglich sind, zu korrigieren, müßte man die Schwäche derer, die sie erdulden, korrigieren."

Chamfort widmet sich der Erkenntnis. Nicht nur aus der Vernunft, sondern aus nachprüfbaren Wissen, Reflexion und Erfahrung und natürlich aus der Intuition. Vorschnelles Denken und vorschnelles Urteilen ist nicht seine Sache, er lehnt es ab. In ihm schwebt der Gedanke an die Sensibilität, einer Tugend, deren Grundfeste die Freiheit ist und diese zugleich Grundfeste des Lebensplans und des Glücks. Es ist jener Charakter, den man bei Bruyere kennenlernen konnte, der nicht allein Lebensschmuck ist, sondern Maßgabe und Aufgabe einer Lebensführung.

Tugend und Verstand zeigen sich in einer Anekdote von einem Menschen, der sich zurückzog. Dieser schloss einen Brief wie folgt: "Leben Sie wohl, mein Freund, erhalten Sie sich, wenn Sie vermögen, die Interessen, die Sie mit der Gesellschaft verbinden, aber pflegen Sie die Gefühle, die Sie von ihr scheiden."

Lesenswerte Einsichten.
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Spuren - Neue erweiterte Ausgabe nach der ersten Auflage 1930 bei Paul Cassirer, Berlin; 14.-18. Tausend
Spuren - Neue erweiterte Ausgabe nach der ersten Auflage 1930 bei Paul Cassirer, Berlin; 14.-18. Tausend
von Ernst Bloch
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Wollen wir etwas, an dem uns gar nichts liegt." (Ernst Bloch), 27. März 2012
"Denn in dem Maß als wir etwas wert sind, bestehen wir unser Leben
nicht nur unmittelbar, sondern halten es erinnernd zusammen."
[Ernst Bloch, (1885-1977)]

Was die Kurzprosa angeht, hatte ich Ernst Bloch (1885-1977) bereits erwähnt. Interessierte Leser erinnern sich an Walter Benjamin und an seine Kurzprosa in der Einbahnstraße. Auch erinnert man sich gern an B. Brecht und die Geschichten von Keuner. Blochs Spuren sind von dieser Dringlichkeit aus dem Text. Sie sind so, dass man sich erinnern muss oder nur nachdenken; eben vielfältig und inspirierend. Warum? wird man fragen und da hilft alles, was zuvor wichtig ist: "Wie nun? Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst." Spüren Sie diesen Wechsel vom "Ich" zum "Wir"? Diese leichte Entzündung ist es, die Bloch vermittelt, eine leichte Entzündung wie die Lichter am Abend, eine Art von Lebensgott, wie Bloch es nennt, etwas, was das Jetzt vom Damals trennt, ein gewesenes Jetzt. Etwas, was nicht zu Ende gelebt wurde, also spukt. Spuren hinterläßt und doch ein Motiv des Scheidens braucht. Bloch schreibt von den Begegnungen, die erkannt werden in einem Zeitvorbei, Raumvorbei und doch eine Leichtigkeit besitzen, wie es das Lächeln im Ernstfall verheißt.

All diese Gedanken Blochs spinnen ein Netz über den Menschen, der sich, wo immer er sich hingetrieben fühlt, neu und anders entdeckt. Bloch als Begleiter zu spüren auf der Suche seiner Spuren, heißt auch, Abstand nehmen zu können vom Ich und sich neu inspirieren zu lassen. Auch von der Sprache, denn Bloch ist ein leiser, sentimentaler Redner dieser Welt. Ihn anzunehmen heißt, dem Ursprung von Vielem entgegen zu gehen. Oft träumt man nur, doch man muss sich vorsehen.

Nun, dazu hilft ein Bloch wie dieser auf den Spuren der Welt oder eben auch in den Literarischen Aufsätzen.

Einige Zitate:

"Daß es so leicht ist, nichts mehr tun zu wollen. Daß es uns so schwer fällt, wirklich nichts zu tun."

"Die Langeweile ist der Lohn, den das Leben ohne Arbeit gibt."

"Muße ist Krieg gegen den Müßiggang, damit er entgiftet und substanzvoll werde."

"Nichts zu tun, zieht darum ebenso an, wie es keiner dort aushält."

"Erst recht vor anderen können wir immer nur scheinen."

"Ist diese Geschichte nichts, sagen die Märchenerzähler in Afrika, so gehört sie dem, der sie erzählt hat; ist sie etwas, dann gehört sie allen."

"So locken Dinge, an die man sich gewöhnte, man kann nicht von ihnen lassen. Sie rufen jene törichten Wünsche hervor, deren Erfüllung nicht freut, deren Sichversagen aber schmerzt."

"Es pfeift der Rattenfänger von Hameln und in der tieferen Sage singen die Sirenen; lauter großartige Lockungen, in unsere unruhigen Wünsche, in das überall noch Unentschiedene der Welt eingestreut."
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Französische Moralisten
Französische Moralisten
von Fritz Schalk
  Taschenbuch

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Wer sich selber sehen will, so wie er ist, muss es verstehen, sich selber zu überraschen ..." (Friedrich Nietzsche), 21. März 2012
Rezension bezieht sich auf: Französische Moralisten (Taschenbuch)
Nietzsche stellte fest, dass die Gebundenheit der Geister abnehme und damit auch die Moral als Handlungsweise. Doch es bleiben die in der Moral vererbten Tugenden wie Mäßigkeit, Gerechtigkeit und Seelenruhe - denn die größte Freiheit des bewussten Geistes führt dort hin und rät sie, die Tugenden, als nützlich. Nietzsches Wanderer sieht dann noch weiter und er trifft auf die großen Moralisten des 17. Jahrhunderts in Frankreich. Wer also Montaigne, La Rochefoucault, La Bruyere, Vauvenargues oder Montesquieu, Chamfort lese, sei dem Altertum näher, als bei Autoren anderer Völker. In Folge der Renaissance ist in der Tat mit diesen Autoren wieder der Geist der alten Zeitrechnung entstanden. Man kann Nietzsche beipflichten in seiner Ausführung, dass die Gedanken dieser Moralisten anregen, sich selbst Gedanken zu machen, dass sie in Helligkeit und zierlicher Bestimmtheit Freude beim Leser erzeugen und dass sie einfach an sich Esprit und Freude verbreiten.

Mit diesen Voraussetzungen lassen sich hier bestens vier der französischen Moralisten lesen: La Rochefoucault (1613-1680), Vauvenargues (1715-1747), Montesquieu (1689-1755) und Chamfort (1741-1794). Die erstgenannten bevorzugen die natürliche Sicht auf den Menschen, während die letztgenannten eher den Menschen in der Gesellschaft sehen. Wenn man die Veränderung der Gesellschaft im zunehmenden Rationalismus mit Descartes, Leibniz, Pascal, Spinoza betrachtet, dann liest man diese Autoren auch als Pendent dieser neuen Richtung. Einbettten muss man deren Gedanken auch in die Ideen von Voltaire und Rousseau und so wird ein wunderbarer Klang einer Zeit vor 400 Jahren hörbar. Und man weiß, dass es immer da, wo der Mensch im Mittelpunkt steht, immer zeitgemäß ist, weil die Gedanken zeitlos sind. An diese haben sich Goethe, Schopenhauer und eben auch Nietzsche erinnert und sich vor allem inspirieren lassen. Das können auch Sie als Leser.
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Kommentar Kommentare (8) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 29, 2012 1:08 AM MEST


Meine Lebensreisen
Meine Lebensreisen
von Thomas Schmid
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Glaube nicht an die Aufmerksamkeit der Welt., 20. März 2012
Rezension bezieht sich auf: Meine Lebensreisen (Gebundene Ausgabe)
"Mehr Erfahrung, als auf einen Standpunkt geht, macht man schnell."
(Martin Walser in: Meßmers Reisen)

Walsers resignativer Satz aus New York aus dem Jahre 1958: "Glaube nicht an die Aufmerksamkeit der Welt" ist vielleicht der Vorläufer für Meßmers Reisebrevier, in dem Meßmer zu dem Schluss kommt, Geld verdienen zu müssen, heißt auch, sich beleidigen zu lassen. Doch wie Meßmer vom Leben überzeugt ist, so ist es sein Schöpfer Martin Walser (24.03.1927 - ). Gerade rechtzeitig zu seinem Geburtstag, dem 85sten gibt er zwei Bücher heraus. Zum einem führt er das moderne Recht haben zurück auf die reflektierte Lebensweise des Gerechtfertigt Seins und zum anderen erzählt er im vorliegenden auszugsweise von seinen Lebensreisen. Beginnend im Jahre 1952 und endend im Jahre 1981 mit der Erfahrung in der DDR führt er den Leser mit zu den Reisen, die seine zunehmende Bekanntheit als Schriftsteller arrangiert hat. Weiß man, dass dieser Mann der deutschen Schriftkunst in der Nachkriegszeit ein gern gesehener Botschafter in den fernen Ländern ist, weiß man ihn zugleich zu schätzen als den der Heimat verwurzelten Bodensee-Menschen.

Seine Lebensreisen führen in verschiedene Ländern, in verschiedene Orte und vor allem zu verschiedenen Menschen. Walser ist ein genauer Beobachter, einer, dem es gelingt, von den hohen Blicken zu abstrahieren und auf das sichtbar Gültige zu sehen. Sein Blick wechselt zwischen Alltag und Ästhetik, die Welt erscheint ihm und was erscheint, kann wahrgenommen werden. Walser ist in dieser Welt und die Welt ist in ihm. Er kann nicht den Reflexionen entrinnen, die Alltag und Ästhetik zwingend erfordern, denn Walser ist ein Erfahrungstier, zum Alltag verdammt wie zur Ästhetik. Und so führt er den Leser durch Orte und Nicht-Orte, wo kein Wohnen ist, sondern nur Durchreise, er führt uns zu Menschen, deren Schönheit, Besonderheit oder Gewöhnlichkeit überraschend oder unaufgeregt für ihn daher kommt.

Walsers Sehen beschränkt sich nicht auf einzelne Objekte, besondere Dinge oder sonst eine enge Reizkonstellation. Es wird ausgeweitet durch Gespür und Assoziation zu einer Atmosphäre und es werden mit ihm die Atmosphären zur Deutung von Farben, Formen, Gegenständen, Orten und Menschen herangezogen. Walser entwickelt oder ist spontan, er ist intuitiv oder reflexiv, er ist direkt oder empfindsam, er spürt Lust und Nähe oder nur Unlust und Abwehr. Ihm gelingen die Intensitäten des Flüchtigen, wie es in Baudelaires "Fleurs du Mal" so wunderbar beschrieben ist. Im "À une Passant" heißt es: "Ein Blitz - und dann die Nacht! - O flüchtiges Glück! / Mein Herz brach auf, du bist vorbeigegangen. / Kehrst du im Jenseits, früher nicht, zurück? / Zu spät! Vorbei! Und kaum erst angefangen ..." und ihm gelingen die Intensitäten der Sehnsüchte, sei es zum Land oder zu den Mädchen ("ich staune / und spüre, wie sie mich füllen mit dir").

Ihm gelingen auch die kleinen fabelhaften Belehrungen, wie die vom Esel, der lange genug Heu und Hafer fraß, und doch kein schönes Pferd wurde. Der streikte für besseres Essen, so lange, bis er tot umfiel. Die Moral: Die Leute, die die neue Freiheit nur zur Kritik und Unzufriedenheit benützen, zerstören alles. Dieser Gedanke aus dem Jahre 1957 ist unsterblich.

Ob Walsers Leben oder er sich selbst an die Interpretation von Wetterzonen gehalten hat, jene prätentiöse Unordnung, die alles Planen verbietet, in der man alle Urteile und Entschlüsse vermeiden soll, wie er schreibt, damit letztendlich, wenn wieder fester Boden unter den Füßen ist, nichts sich auswirkt, was von veränderte Bedeutung ist. "Durch Schwere überstehen, dass ist meine Aussicht, das ist meine ganz natürliche und darum einigermaßen verlässliche Waffe ... man kann ein bisschen gegen seine eigenen Vorstellungen sein, aber nur, wenn man sich nicht zu viel zutraut [...]. Lass mich beten um das Quäntchen Kraft, das nötig ist, um der Welt für zehn Minuten zu entkommen." Gerade hier auf den Seiten 43ff liebt Walser es, mit der mit der Schwere zu spielen. Und doch ist er zugleich leicht und beschwingt, ein Mensch, dem das Leben (und nun das hohe Alter) eine Leichtigkeit gibt, die es ihm ermöglicht, diesem einen Weg zu geben aus dem Gefühl, das "Gott eine Richtung ist".

Der Leser verlässt diese Lebensreise überzeugter als er gekommen ist. Er grüßt (und beglückwünscht zum Geburtstag), er geht, er träumt.


Menschenwürdig sterben: Ein Plädoyer für Selbstverantwortung
Menschenwürdig sterben: Ein Plädoyer für Selbstverantwortung
von Walter Jens
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Über den richtigen Umgang des Lebens zum Tode., 18. März 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
"Der Tod ist der Zustand der Vollkommenheit, der
einzige, der für einen Sterblichen erreichbar ist."
(Emile M. Cioran)

Eine sich verändernde Gesellschaft, die von der freien Geburtenregelung und über den praktizierten Freitod bisher sachlich bis hitzig, aber auf jeden Fall betroffen diskutieren konnte, verweigert sich einer Selbstbestimmung zum Tode und einer passiven Hilfe in Rechtssicherheit zum Ende des Lebens. Diesem Thema neuen Impetus zu geben, war Anliegen der beiden Professoren Küng und Jens im Jahre 1995. Und so argumentiert jeder aus seiner Profession mit Hilfe großer Geister, um dennoch mit einer eigenen Position aus deren Schatten zu treten.

Mit Medizinern und Juristen anschließend in eine Diskussion zu treten, die Seiten, Anliegen und Argumente im Lichte der Zeit zu beleuchten, zu begreifen und dann wieder einem freien Willen zuzuführen, ohne den historischen Beigeschmack der Euthanasie zu vernachlässigen, aber ihn wieder in den Ursprung der Bedeutung zu führen, plädieren die Teilnehmer für den "glücklichen Tod" jenseits aller Leiden.

Neue Kraft bekam diese Diskussion gerade um einen der Co-Autoren. Mit der Demenz von Walter Jens zeigt sich diese Frage erneut, führt zu einer Neuauflage und Aktualisierung und insbesondere zu einem lesenswerten Beitrag von Frau Jens (2008).

Testament, Patientenverfügung, menschenwürdiges Sterben mit Betreuungs- und Vorsorgevollmacht und Sterbehilfe werden nach dem Lesen dieses Buches aktuelle Begriffe des Alltags für alle und jeden sein, mit dem Wissen, dass man nicht täglich an den Tod denken kann. Ob alles aber nach dem Tode aus ist oder nicht, entscheidet der Glaube. Und wer es rational betrachten möchte, wird mit Kant auch feststellen, dass da, wo nichts empirisch gilt, alles offen ist.
~~


Silberne Saiten: Gedichte (Gesammelte Werke in Einzelbänden)
Silberne Saiten: Gedichte (Gesammelte Werke in Einzelbänden)
von Stefan Zweig
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Heard melodies are sweet, but those unheard / Are sweater" (John Keats), 15. März 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
"Die Zeit misst nicht das Tempo unserer Vergänglichkeit,
sondern sie bemisst die Bedeutung des Umgangs mit uns selbst."
(Oliver W. Schwarzmann)

Stefan Zweig (1881-1942) widmete diesen Gedichtband im Februar 1901 seinen Eltern. Noch 19jähige fast der junge Mann den Mut, in bester Komposition 50 Gedichte zu veröffentlichen. Im jugendlichen Alter von 15 packte ihn die Liebe zur Literatur, auch zur Lyrik. Wie einst Hofmannsthal, Rimbaud widmet er sich dieser Leidenschaft im gleichen Alter, lernte mit "Verzücken" an den Gedichten der französischen Dichter wie Verlaine, liebte den Symbolismus eines Mallarme wie auch die Stimmung und Mystik eines Stefan Georges. Zweigs Ansinnen: zusammenzusuchen, zusammenzufassen, den Farbenklang seiner Wahrnehmung auszutauschen, seine Sprache zu reiben an den Wirksamkeiten des Lebens wie an den Ungereimtheiten. Eine ihm eigene Romantik zeigt sich versteckt, aus einer "Sehnsuchtsweise / Und mein inneres Glockenspiel ...". "Wie eine scheue Knospe" versprachlicht er sich, sich suchend in der Reife des ersten Klanges, wissend, dass dieser seine Sehnsucht trägt. Vertrauen, "hinein in's weite wirre Weltgetriebe", in die Sonne, ins Licht stellt er seine Jugend wie ein "Prunkpokal". Leben und Zukunft färben sich "morgengoldig", keine Leiden sondern frohes Licht im Traum.

In diesen kurzen Sätzen verspürt man die Weite der Gedanken, die Grenze an Mystik und Ekstase und die Begrifflichkeiten von Zukunft, Farbe, Leben. Mit Zweig kommt der Leser wieder zu sich, wie überhaupt mit Gedichten und das Wissen um die eigene Vergänglichkeit erfährt eine neue Bedeutung seiner selbst durch die Reflexion mit Lyrik. Anstelle schlechte Lyrik zu lesen, schrieb Hesse, könne man besser eigene versuchen. Hier mit Stefan Zweig finden Sie Anregung im Spiel der Klänge.
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Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 15, 2012 10:40 PM CET


Magie des Buches
Magie des Buches
von Hermann Hesse
  Gebundene Ausgabe

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Lesen als Hauch von neuer Frische., 14. März 2012
Rezension bezieht sich auf: Magie des Buches (Gebundene Ausgabe)
"Wer sich nur auf seine eigenen Ansprüche besinnt,
macht seine Interessen zur Grenze des Möglichen."
(Oliver W. Schwarzmann)

Im Zeitalter von Kindle und Co. lesen Sie eine Reminiszenz an das gebundene Buch als Kleinod, eine Erinnerung an Bildung durch das Buch und vor allem eine Ermächtigung zum Verständnis und zur Bereicherung des Lebens. Wie sind Bücher zu lesen? Diese Frage kann Hermann Hesse wirklich gut beantworten. Denn neben seiner Wirkung als Schriftsteller war er zugleich Leser und Rezensent vieler Bücher. In der Gesamtausgabe sind immerhin fünf Bände, die sich nur mit dem Gelesenen beschäftigen.

Doch hier widmet sich Hesse der Magie des Buches, seine Betrachtungen verweben 60 Jahre gelesene Literatur und nachdenkliches Wort. Sein Impetus gehört dem Zweitbuch, ein Haus ohne Bücher ist nicht vorstellbar und das Lesen ist für ihn Erziehung und Belehrung und vor allem der Entzug des Vorurteils. Ihm schwebt der empfängliche Leser vor, der nicht mit fertigem Urteil ein Buch in die Hand nimmt, sondern offen mit der Möglichkeit, im Buch eine Quelle der Kraft zu entdecken. Auch versteht er kein Pardon mit dem Urteil der vermeintlichen Kenner und Sachverständigen. Bücher in eine Hitliste zu setzen ist Frevel, Leichtfertigkeit und Bevormundung. Denn es gibt keine endgültige Kritik, zumal aus der Menge der Viel-Rezensenten die "Obenhinleser" mit ungerechtfertigter Begeisterung falsche Fährten legen können. Der Leser möge seinem Gefühl vertrauen, so der Ratschlag des Nobelpreisträgers. Er empfiehlt, sich durch keine Kritik die Freude, gar den Anstoß zum Lesen verderben zu lassen. Allerdings verwehrt er sich zurecht, ihn zu verdächtigen, dem Allesleser das Wort zu reden. Zweifelsohne, merkt er an, dass es diese gibt, aber deren Leserhythmus ähnelt demjenigen, der "Wasser in ein Sieb" gießt. Diesen aus seiner Sicht "krankhaft Gefräßigen" sei eben nicht zu helfen.

Zu bedenken gibt er, dass alles Gelesene erlischt und doch ist es gut, einiges gelesen zu haben. Denn in allem ist ein Teil jenes Weltgeistes, der Sinn entzieht, der dennoch in den Texten wohnt. Denn dieser Sinn ist in allem, allerdings braucht er zur Erscheinung seine Zeit wie der Leser seine Zeit braucht, um zu verstehen. In den Büchern ist das Oftgesagte, das Oftversuchte, nahezu das Ewige. Und in dieser Magie finden Buch und Leser eine geheime Übereinkunft. Gelungene Gedanken, weitläufig und nicht einschränkend bezüglich des Lesers Weiterdenken.
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Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 23, 2012 1:57 PM CET


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