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Flüchtige Moderne (edition suhrkamp)
Flüchtige Moderne (edition suhrkamp)
von Zygmunt Bauman
  Taschenbuch
Preis: EUR 15,00

7 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Leben in Fragmenten., 3. Mai 2012
"Man muß sich fragen, ob der menschliche Geist
das beherrschen kann, was er geschaffen hat."
(Paul Valery)

Für Zygmunt Bauman (1925-) steht ein individuelles Leben in der flüchtigen Modernen unter den Primat des Wandels. Dieser Wandel wurde eingeläutet, als Karl Marx im Kommunistischen Manifest deutlich machte, dass "das Verdampfen alles Ständischen und Stehenden" eine kluge Freizeitbeschäftigung sei und damit ist die Moderne nichts anderes als eine fluide Angelegenheit. Denn schon damals vor 150 Jahren fanden die Autoren eine Gesellschaft vor, die zu träge und in ihrem Drang nach Veränderung zu behäbig sich zeigte, in den Routinen nahezu eingefroren. Mutet es nicht seltsam an, dass der Drang nach verbesserten Ordnungen und vor allem die Beseitigung nicht funktionierender Strukturen nichts Neues ist und die heutige Gesellschaft in der Fassung von Hyper-Komplexität sich an den Rand des Machbaren gedrängt sieht und fühlt. Jede Moderne findet die Vormoderne verstaubt, verrostet und einfach im desolaten Zustand. Neue Stabilitäten will man entdecken, und wenn sie noch so beweglich und flexibel sind und sein müssen. Max Weber blies ins gleiche Horn, wollte das Stahlkorsett entrümpeln und damit den Einzelnen befreien von Familie und sonstigen Verpflichtungen. Das Primat des Einzelen, der Ruf nach Individuation war der Kontrapunkt jeder pädagogischen Sozialisation. Der Siegeszug mit Marx und Weber galt der Ökonomie, Basis und Überbau machten ihre Aufwartung und galten fortan als Grundbegriffe neuer Ordnung im Sinne der Ökonomie. Karl Marx definierte Produktionsfaktoren und löste den Arbeiter von der Arbeit, denn die Arbeit war allein ein Produktionsfaktor, egal wer sie tat. Seine Idee, den Freiraum zur individuellen Pflege eigener Bedürfnisse zu nutzen, misslang an den finanziellen Einbussen durch beliebig verteilte Arbeit.

Liest man dieses, ist man im 19. Jahrhundert und zugleich im 21. Jahrhundert! In diesem Jahrhundert ist die Flüchtigkeit vielleicht noch gewachsen, aber im Prinzip gilt die Übernahme des Prinzips verbesserter Produktions- und Gewinnmaximen. Denn was Bauman schon 1999 definierte, nämlich dass die radikale Demontage aller sozialen Verbindungen, die vorgeblich die Handlungsfreiheit einschränken sollten, eintreten wird, ist eingetreten. Deregulierung, Liberalisierung und Flexibilisierung der Gesellschaft ist zugleich ein Übertragen jeder Verantwortung auf das Individuum. Zudem gelingt es in dieser Methode nach Sennett über Geschwindigkeit, Verschwinden und Passivität aneinander vorbei zu agieren, so dass der Prozess des Eindampfens allen Bestehenden als Lebensplan des Individualismus oder Narzissmus (Lasch) in der zweiten Modernen zum Prinzip wird.

Alte Käfige werden leer, weil das alte Handeln des Ermahnens und Strafens verkehrt wird in die Botschaft: Suche deinen Platz. Damit ist jede Beliebigkeit in Form zu halten und diese Form fordert die höchste Aufmerksamkeit und Anstrengung und man glaube nicht, dass dieses zum Erfolg führt. Raum und Zeit relativieren sich, keiner kennt die Ziele, weil jedes Ziel beweglich ist. Daher sind Richtungen zu ändern und dieses wird möglich für den, der achtsam ist. Und wer achtsam ist gegenüber all den Dingen der flüssigen Modernen, wird sein Ende des individuellen Lebens eingestehen müssen.

Wem die veränderte Bewegungsgeschwindigkeit im Raum auch zur Frage menschlicher Fertigkeit und Fähigkeit wird, dem wird diese Analytik hilfreich sein. Demjenigen wird auch bewusst, dass nur noch Himmel und Lichtgeschwindigkeit Grenze des Erwartbaren sind und demjenigen wird spürbar werden, dass die Moderne nichts anderes sein wird, als der nicht zu bremsende, sich fortlaufend beschleunigende Versuch, diese Grenze zu erreichen.

Zygmunt Bauman bezeugt diese flüchtige Moderne mit einigen Unterstützern. Und es gelingt ihm in bravouröser Form, die Übergänge von der gewollten Emanzipation zur Individualität, von Raum und Zeit unter dem Primat der beschleunigten Welt hin zur Arbeit und schließlich aus allem hin zur Gemeinschaft zu zeigen. Die Moderne ist die veränderte Relation von Raum und Zeit, wie Bauman sagt und in nichts wird dieses Phänomen deutlicher als in dem Prinzip des möglichen und zukünftigen Cloud Working. Zeit, Raum, Geschwindigkeit werden zu Machtfaktoren und die gesamte Vernetzung löst über die Schwarmintelligenz das Problem der Demographie spezifischer Länder.

Vernetzung und digitale Grenzfreiheit sind nicht mehr als ein Rachefeldzug des nomadischen Prinzips gegen die Prinzipien der Territorialität und der Seßhaftigkeit. Alles Leichte, Kleine, Bewegliche steht für Fortschritt und Verbesserung. Der digitale Mensch ist als Cloud Worker wie ein elektronischer Maulwurf, immer auf der Suche nach Steckdose und Netzanschluss und die Anbieter im Zeitalter der Augenblicklichkeit wetteifern um die Gunst der Dosensucher.

Viel Erkenntnis und Lesespaß gilt dem Leser.
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Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 4, 2012 11:09 AM MEST


Die entfesselte Welt: Wie Globalisierung unser Leben verändert
Die entfesselte Welt: Wie Globalisierung unser Leben verändert
von Anthony Giddens
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Je planmäßiger die Menschen vorgehen, umso wirksamer trifft sie der Zufall." (Dürrenmatt)., 1. Mai 2012
Dämonen zu rufen, um sie zu vertreiben, ist ein probates Mittel, Zuhörer und Leser zu gewinnen. Und so sind nach Giddens zunächst die Auswirkungen auf eine gekannte Welt von einem Ausmaß, dass sie unkenntlich wird. "Anstatt mit einer in zunehmendem Maße beherrschbaren Welt haben wir es eher mit einer jeglicher Kontrolle entzogenen, eben entfesselten Welt zu tun." Dieses zu wissen, kann vor Schaden bewahren.

Anthony Giddens (1938 -), Soziologe und ehemaliger Berater der Blaire-Regierung hatte vom BBC beauftragt zur Jahrtausendwende (1999) eine Standortbestimmung zu leisten. Nun, nur einen Standpunkt zu haben, beengt die Weite des Möglichen, aber gerade für den Ausblick auf das 21. Jahrhundert gelingt es Giddens in guter Analyse, Veränderungen durch Globalisierung vielfach aufzuzeigen und Perspektiven zu erläutern. Mit dem Beginn einer Klarstellung, was (1) Globalisierung ist, mit welchen Einflüssen man zu rechnen hat, folgt der Grad der Auswirkungen auf die (2) Risikobereitschaft, auf (3) Tradition, auf (4) Familie und (5) Demokratie.

Giddens zu lesen, nachdem eine Dekade vergangen ist, lässt den Vergleich zwischen Erwartung und Fakten sehr gut zu. Und in allem unterstreicht die Faktenlage das Analysetalent des Engländers und Professors an der London School of Economics. Risiko und Wahrscheinlichkeit in Verbindung zu setzen, ist eine Größe des 17. und 18. Jahrhunderts. Dass die vermeintlichen Wahrscheinlichkeiten den Gedanken an machbare Risiken förderten und zu einem erhöhten Wagnis steigerten, zeigt sich in der Wirtschafts-, Finanz- und Eurokrise. Es zeigt sich, dass die grenzenlose Plünderung des Planeten der Natur schadet und die Frage, ob die Natur uns noch schade, hintangestellt ist. Risiken gehen wir ein mit der zunehmenden Fähigkeit der Kalkulation und der zunehmenden Delegation über Versicherungen. Mit der Globalisierung verändert sich die Kultur, die Tradition. Geschützte Räume verlieren ihre Gültigkeit und werden im Fundamentalismus neu gesucht. Wissenschaftliche Verbesserungen und Innovationen stehen im Gegensatz zu esoterischen Gedanken und falschen religiösen Renaissancen. Hier verweist Giddens deutlich darauf, dass die Risiken nicht wegzudenken sind, dass sie eine Notwendigkeit des Fortschritts, des Wagnisses sind.

Auch ist sehr interessant, welch falsche Vorstellungen von Tradition existieren. Giddens hier zu lesen ist erhellend dahingehend, dass viele angenommene Traditionen eine kurze Lebensdauer haben, dass sie häufig gefertigte gesellschaftliche Normen sind, ohne den eigentlich erwarteten langen Hintergrund zu haben. Die Idee der Tradition ist somit eine Schöpfung der Modernen, wenn sie nicht durch Ritual und Wiederholung gekennzeichnet ist. Jedoch - und das räumt Giddens ein - bedürfen die Gesellschaften Kontinuität und Form und diese Notwendigkeit wird durch ein tradiertes Leben gewährleistet.

Freiheit und Selbstbestimmung verabschieden jedoch die Tradition. Mit ihnen werden Muster nach Selbstbestimmung gesucht, die im Scheitern Tradition durch Sucht ersetzen. Sucht als erstarrte Selbstbestimmung ist Zeichen für den gescheiterten eigenständigen Wechsel in die globale Welt aus der lenkenden und bestimmenden Tradition. Freuds Psychoanalyse ist für Giddens vorbereitendes Mittel für den Menschen ohne Selbst-Identität in einer Zeit, die vielleicht schon in Erwartung einer Vernetzung und Neuorientierung war.

Die wichtigste Änderung durch Globalisierung verortet er in der Familie. Dazu gehören veränderte Formen von Ehe, Beziehungen und Sexualität. Tradition und Moderne treffen sich im Kern der Familie. Bindung und Freiheit stehen hier im Widerspruch, Familie scheint auf dem Gleis der Nostalgie zu parken. An die Stelle treten Partnerschaft und Beziehung, Zusammensein ist eine Frage der Lust, der Liebe, der Frivolität fernab von Versorgung und Kindererziehung. Sex ist seit der Loslösung von Fortpflanzung eine Praktik, die nicht nur der heterogenen Beziehung gilt. Gerade mit der Loslösung entsteht der Freiraum für homosexuelle Beziehungen, gerade diese Veränderung macht sie möglich. Intimität und Kommunikation lösen alte Strukturen ab und ermöglichen eine freie, demokratische Beziehung auf allen Ebenen.

Zum letzten Punkt, der Demokratie, sind Giddens Utopien real geworden. Mit der Auflösung des Kommunismus und dem Fall der Mauer konnte die Welt das Ereignis via Fernsehen live verfolgen. Kommunikation und Mitteilung in Bild und Ton haben sich in Echtzeit verwandelt, Facebook, Twitter und Co. unterstützten den Arabischen Frühling und letztendlich zeigt sich, dass die Demokratie der Demokratie sich über alle Länder verteilen will, weil der Mensch in allen Kontinenten mit der Chance auf Teilnahme am Wissen auf Mitsprache pocht. Da wo Giddens noch in die Zukunft sieht, ist heutige Gegenwart und letztendlich in der deutschen Wahllandschaft ein neues Gesicht einer Partei etabliert, welches aus der modernen kommunikativen Teilnahme an den Geschehnissen der Gesellschaft Mitbestimmung ableitet.

Die entfesselte Welt ist wie ein entfesselter Prometheus. Neues wird geschaffen, dem Menschen werden die Innovationen an die Hand gegeben und er wird sie nehmen. Und wenn Globalisierung das Prinzip Verantwortung in der Prämisse: "Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden" (Hans Jonas) kategorisch einhält, dann mag man die Konsequenzen der Modernen gelassen entgegensehen. Wohl wissend, dass die Globalisierung ein ungleicher Entwicklungsprozess ist, der zugleich nach Giddens koordiniert und auch fragmentiert und somit weltweite Interdependenz ins Spiel bringt. Damit werden zudem Risiken und Gefahren ins Spiel gebracht, aber auch Chancen und Gewinne. Die Aufgabe bleibt, in der Modernen eine permanente reflexive Moderne zu sehen und die entfesselte Welt im Griff zu behalten. Aber je planmäßiger die Menschen vorgehen, umso wirksamer trifft sie der Zufall (Dürrenmatt).

Daher gilt es, eine Haltung zu gewinnen aus dem moderat warnenden Wort des Hans Jonas, der dem endgültig entfesselten Prometheus als ständig Antreibenden der Wirtschaft und der Wissenschaft seiner unermesslichen Kraft eine Ethik beiseite stellt, die durch freiwillige Zügel seine Macht davor zurückhält, dem Menschen zum Unheil zu werden.
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Buch der Träume (Jorge Luis Borges, Werke in 20 Bänden (Taschenbuchausgabe))
Buch der Träume (Jorge Luis Borges, Werke in 20 Bänden (Taschenbuchausgabe))
von Jorge Luis Borges
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schwerelos spielt der Geist., 30. April 2012
"In Allem wollt ihr verantwortlich sein! Nur nicht für eure Träume! Welche elende Schwächlichkeit,
welcher Mangel an folgerichtigem Mute! Nichts ist mehr euer Eigen, als eure Träume!"
(Friedrich Nietzsche)

Träume - von Platon bis Kant, von Calderon bis Nietzsche, von Lukrez bis Freud, von x bis y - der Traum bewegt den Menschen. In ihm wird eine Realität vorgedacht oder eine Vergangenheit abgeschlossen. Träume begegnen den Menschen am Tag und begleiten ihn des Nachts. Traum ist Leben in einer anderen Spur, und vielleicht ist der Traum nur in einem Traum, vielleicht ist das Leben ein Traum und der Traum das Leben.

Die Träume des Nebukadnezars verhalfen dem Deuter Daniel zum Ruhm. Die Bibelgeschichte gibt Auskunft. Ebenso wird Abraham geoffenbart, dass ihm das Land offen steht, wo es gefällt. Jakobs Leiter gen Himmel und das Schweigen, damit weniger Torheiten gesagt werden, dass sind die Dinge, die aus dem Traum in Verheißung sich wandelten. Der Traum, der Geburtsort von Visionen, der Traum, die Idee einer Rettung und einer heiligen Geburt, der Traum, ein Geschenk der Götter, wenn man Homer folgt und ihm entnehmen wir auch den Traum, in dem ein Adler die Heimkehr des großen Odysseus ankündigte. Borges kann man hier als Leser folgen, denn er hat die vielen Träume der Weltgeschichte gesammelt, vorbereitet, vielleicht verändert, seziert und neu gestaltet. Aber über Zeiten und Kulturen hinweg gilt der Traum als etwas Mysteriöses. In ihm wird vermutetet Wahrheit entdeckt, in ihm werden Unlösbarkeiten des Lebens vereinfacht, in ihm findet die Übung für das fernere Leben statt. Im Schlaf und Traum machen wir das Pensum des früheren Menschentums noch einmal durch, sagt Nietzsche und ebenso dachten die alten Griechen, die eine freudige Notwendigkeit der Traumdeutung im wahrsagenden Apollon sahen.
Wie auch immer, der Traum mag so schön sein, dass der freudige Ausruf: Es ist ein Traum! Ich will ihn weiter träumen! eine Fortsetzung fürs wache Leben ist.

Borges Verdienst ist diese Hinführung in eine 4000 Jahre lebende Traumgeschichte. Und doch ist es keine Blütensammlung im Sinne einer Anthologie verschiedener Autoren, weil er eben die Texte verändert oder insbesondere eigene ergänzt hat, wie das Nachwort deutlich macht. Dennoch! Lesenswert.
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Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 1, 2012 7:40 AM MEST


Cherubinischer Wandersmann: Kritische Ausgabe (Reclams Universal-Bibliothek)
Cherubinischer Wandersmann: Kritische Ausgabe (Reclams Universal-Bibliothek)
von Angelus Silesius
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,00

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Mensch, werde wesentlich!, 28. April 2012
"Was da geschrieben steht, geht aber nicht nur ihn an,
sondern auch uns, denen es auch angerechnet werden soll."
(Röm 4,23)

Der Mann aus Schlesien, Johannes Scheffler (1624 - 1677), genannt Angelus Silesius, schreibt in der Zeit des 30jähigen Krieges das, was die Mystik des Mittelalters bereits an Botschaft vermitteltet. Doch dieser Schlesier ist radikaler, sein Werk ist ein Grenzwerk nahe der Blasphemie für jene Zeit. Gerade, wenn er Gott als nur existierend sieht durch ihn selbst, den Menschen. Seine Wahrheit entspricht nicht der gültigen Lehre, er nimmt die Dinge so, wie es das Volk versteht. Denn, "Wer sich erkennen kann, / Trifft inner sich oft mehr als einen Menschen an." Du bist! könnte er den Menschen zurufen wie einst Plutarch den Spruch aus dem Apollo-Tempel zitierte, denn in seiner prägnanten, kurzen Art der Botschaft weiß er verstanden zu werden. Auch wohl deshalb, weil ein jeder Gedanke mehrfach in anderen Versen (zweizeilig) wiederholt wird. Alles rangt sich, bewegt sich um die Frage, was haben Gott und Mensch, Mensch und Gott gemein und es erschließt sich der fragende Gedanke, der auch in späteren Jahren des 19. Jahrhunderts wieder von Bedeutung wird, ob die beiden nicht eins sind als Göttlichkeit im Menschen ("ich Gott in Gott" und umgekehrt die Menschwerdung Gottes) und doch entzweit durch den Gedanken der Hinwendung des Menschen zu Gott und umgekehrt der Geburt Gottes "All' Augenblick in dir".
Was in unendlicher Leidenschaft im Römerbrief den neuen Menschen verheißt, scheint auch hier beim schlesischen Engel von der Bedrängnis über die Bewährung zur Hoffnung im Menschen zu gelangen.

Soviel in Kürze, oder nach Angelus Silesius Beschluss: "Freund, es ist auch genug. Im Fall du mehr willst lesen, / So geh und werde selbst die Schrift und selbst das Wesen."

Einige Beispiele:

"Das äußere muß ein Weg zum innren Leben sein
Doch fängt das innre an, so geht das äußere ein."

"Die Ros`ist ohn` Warum, sie blühet, weil sie blühet,
Sie acht`t nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet."

"Wer sich verloren hat und von sich selbst entbunden,
Der hat Gott, seinen Trost, und seinen Heiland funden."

"Gott ist in mir, das Feu`r und ich in ihm der Schein:
Sind wir einander nicht ganz inniglich gemein?"

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Das Handwerk des Dichters
Das Handwerk des Dichters
von Jorge Luis Borges
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wörter sind Symbole für die geteilte Erinnerung., 27. April 2012
Rezension bezieht sich auf: Das Handwerk des Dichters (Taschenbuch)
"Alle stärkeren Stimmungen bringen ein Miterklingen verwandter Empfindungen
und Stimmungen mit sich; sie wühlen gleichsam das Gedächtnis auf."
(Friedrich Nietzsche, MM 1,14)

Nun ist es zehn Jahre her, dass diese Vorlesungen des Jorge Luis Borges (1899-1986) als Tonaufnahme gefunden und dann wortgetreu als Buch erschienen sind. Borges spricht vom Handwerk und man lässt sich verleiten, lesend in eine Werkstatt der Dichtkunst zu gehen. Der Leser kann meinen, hier die Kunstgriffe der besseren Sprache und der besseren Schreibe zu finden. Doch er geht fehl. Vielmehr entdeckt er einen sehr offenen Borges, der sich belesen zeigt, der seine Leidenschaften in Zusammenhängen auftürmt und sehr wohl in seinen stärksten Stimmungen aus dem brillanten Gedächtnis wie aus einem Bergwerk schöpft. Borges zelebriert die Lust am Text. Es mangelt nicht an Beispielen, wenn die Poesie in ihrer Ausdrucksstärke seziert wird. Es fehlt kein Vergleich zur Prosa, wir lesen aus der englischen Literatur, wir spüren die Stärke der Worte im Alt-Englischen wie in der nordgermanischen Sprache. Borges vertieft die Suche nach der Herkunft, findet die Doppelbedeutungen der Worte und enthüllt neben der profanen Sprache nahezu eine heilige Bedeutung.

Daher liegt es nicht fern, zu verstehen, was Borges als Rätsel der Sprache ausmacht. Lesen, analysieren, schreiben und vor allem: genießen! Und die Stärke des Genusses liegt für ihn im Zweifel. Denn gerade im Zweifel wird die Motivation der Suche nach neuen Problemen oder der Lösung von alten Problemen geboren. Er wildert in der Zauberhöhle der Toten, er lässt sich von ihnen beraten, er reibt sich an ihnen, weil sie nicht umdenken. So wie der Geschmack im Apfel selbst liegt und dieser sich nicht essen kann, liegt er aber auch nicht im Essenden. Berkeleys Herleitung, dass nur über den Kontakt dieser Geschmack wirkt, ist zugleich die Herleitung Borges, dass ein Buch ohne Leser nur ein verstaubtes Objekt ist. Das Handwerk des Dichters findet erst im Leser sein Meisterstück. Daher mutet es nicht seltsam an, von Vollkommenen zu lesen, vielmehr ist es selbstverständlich.

"Vergangenes ist der Bücher Beute: / Doch hierin lebt ein ewig Heute." (Nietzsche) So vollzieht Borges seine Reise über fünf Vorlesungen in Harvard. Diese Reise ist wie ein plätschernder Fluss, voller Erzählung, voller wissender Ahnung, voller trefflicher Wendungen und Metaphern, voller sanfter und doch voller aufgewühlter Kurven. Keine Zeit wird gewählt, denn gute Dichtung ist zeitlos, permanente Gegenwart und damit für Augenblick und Ewigkeit vollendet. Der Geschichtssinn wird bei ihm aufgelöst, weil z.B. über Schönheit nicht mehr debattiert wird, da sie den Dingen immanent ist. Die Schönheit eines Gedichtes trifft den Leser und den Hörer direkt, sein Wahrnehmen und Reflektieren enthüllt die Bedeutung oder lässt sie gar unter dem Schleier der bloßen Ahnung.

Mit Borges ließt man anders, neu und im Grunde beseelt. Seine Leidenschaft ist adaptierbar, als Leser oder als Schreiber findet man sich anders positioniert - der Wandel liegt in der Überzeugung, die nach Colerigde jene "willing suspension of disbelief" ist. Diese freiwillige Aussetzung jeden Zweifels unterstützt den Glauben an die Hauptpersonen, denn nur wenn man an sie glaubt, ist alles gut. Alles gut, weil auch das Leben einen unvermeidlichen Überschuss enthält, einen Spielraum für Überflüssiges, ein Reich, das mehr gibt, als wir brauchen, mehr Dinge, mehr Eindrücke, mehr Erinnerungen, mehr Wörter, mehr Glück, mehr Unglück, mehr Nacht, mehr ... Davon lebt die Dichtung, von der fiktionalen Irrelevanz im Realen.

Lesen Sie diese Wanderung durch die Weltliteratur, lesen Sie diese kleinen und doch großen Einblicke in die Werkstatt der beseelten Dichter.
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Vermächtnis; An meinen Sohn Johannes 1799; Münchner Lesebogen Nr. 28
Vermächtnis; An meinen Sohn Johannes 1799; Münchner Lesebogen Nr. 28

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Habe einen freudigen Mut" (Matthias Claudius), 27. April 2012
"Gold und Silber habe ich nicht;
was ich aber habe, gebe ich dir." (Apg 3,6)

Dieses Paulus Wort stellt Matthias Claudius (1740-1815) seinem bewegenden Brief an seinen Sohn voran. Er selbst blickt in das Angesicht des Todes, er steht an der Weggabel seines letzten Weges, "den man nicht wieder kommt." Seinen Sohn kann er nicht mitnehmen. Als Brief gibt er ihm eine Wegbeschreibung in einer zukünftigen Welt, mit letztem Rat steht er ihm zur Seite. Seine Ratschläge sind Empfehlungen im Umgang mit sich und welche, die raten, wie mit anderen umzugehen ist. MC verwendet eine äußerst sparsame Sprache. Er ist direkt, empathisch und weise. Von anderen zu lernen, heißt Worte der Weisheit zu hören, deren Botschaften über Menschenglück, Licht, Freiheit und Tugend zu lauschen, aber eben auch Worte als Worte zu erkennen und sie in ihrer dahin gesprochenen Leichtigkeit zu entlarven. Pferde, die Wagen mit Gütern hinter sich haben, gehen langsamen Schritts. So auch das Wort, welches Gewicht hat, anders daherkommt als eines leicht wie eine Feder. Das Schwerste ist die Einfachheit, las ich mal irgendwo. Daher gilt: alle Worte, alle Dinge, die Bestand haben, können in einfachen Sätzen gesagt werden.

MC verwendet das Bibelzitat als den Anfang dieser letzten Botschaft. Und es ist gut gewählt, sind es doch die Worte von Petrus und Johannes vor der Pforte des Jerusalemer Tempels, vor dem sie einem Gelähmten auf die Füße helfen. Dieser ist von nun an geheilt, er kann nun im Vorhof des Tempels tanzen. Was der Vater dem Sohn mitgibt, ist eine Botschaft, die eben auch diese heilsame Wirkung haben soll: sie soll ihm gleichsam auf die Beine helfen. Zu wissen, dass der Mensch "sich selbst anvertraut ist" und sein Leben in seiner Hand trägt bei all der Vergänglichkeit ringsherum, ist das Eine und doch gibt er [MC] zu bedenken, dass der Mensch nicht allein wisse um seinen Weg. Nach der höheren Wahrheit sich zu richten, ist die Aufforderung. "Wolle nur einerlei, und das wolle von Herzen." Dieser wahre Satz lehrt die Beliebigkeit zu erkennen und deren Wirkung auszuschalten. Er lehrt, letztendlich sich selbst zu achten im Kontext einer zu achtenden Gesellschaft, im Kontext dieser Welt. Diesem Sohn Johannes wird im Jahre 1799 ein Vermächtnis übergeben, zu leben, zu bedenken und zu ehren. Ihm liegt ein Vorbild vor, ein Vater, von dem in der heutigen Zeit nur noch von einem Verschwindenden geredet wird. "Habe einen freudigen Mut", sagt als letztes ein "treuer Vater".

"Wie der Vater seinen Sohn liebt" war die höchste Liebe, die der römische Dichter Catull als Vergleich einer Geliebten entgegenbringen konnte. Der Vater hob im alten Rom seinen Sohn empor (suscipere) und gab ihm damit die Bedeutung für ein Leben. Das Emporheben war ein Akt der moralischen wie sozialen Erhöhung, ein Geschenk des Vaters an seinen Sohn, wo er doch nicht der Gebährende war. Die Geburt wurde allen lebenden Kindern zuteil, der Akt des väterlichen Geschenks als Initiation ins Leben nicht jedem. Dieses römische Modell hat einen intuitiven Kern: wer nicht erhoben wird, hat keinen Vater und ein biblisches Vorbild, nämlich das Jakob seinem älteren Bruder Esau den väterlichen Segen durch eine List stahl. Der Vater Isaak zu Esau: Ich habe nur einen Segen.

Das Verschwinden der Väter ist ein gesellschaftlicher Tatbestand der heutigen Zeit. Bewusst wird sich diese Welt erst dann, wenn die Veränderung zum Abschluss gekommen ist. Heute ist es ein Luxus, einen Vater zu haben. Die Moderne hat den Individualisten geprägt und die anschließende Frage stellt sich, wie wird dieser Individualist wieder zum Vater. Es geht um die neue Wegweisung, wie aus der "vaterlosen Gesellschaft" (Mitscherlich) wieder herauszukommen ist. Für den Sohn gilt, sich selbst gegenüber im Suchen und Finden des Vaters aufrichtig zu sein. Und zwar so aufrichtig, wie es Matthias Claudius sein konnte in seiner empathischen, liebenden (und öffentlichen!) Botschaft als geistliches Testament seinem Sohn gegenüber. Schopenhauers Vater hatte diese Empathie der Sprache nicht. Aber er erinnerte sich an Claudius und machte seinem Sohn Arthur dieses schmale Büchlein als Geschenk zum treuen Wegbegleiter.
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Mythen des Alltags: Vollständige Ausgabe (suhrkamp taschenbuch)
Mythen des Alltags: Vollständige Ausgabe (suhrkamp taschenbuch)
von Roland Barthes
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,99

8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Demaskierung des Alltags., 20. April 2012
"Dass eine Literatur lebt in unseren Tagen, zeigt sich darin, dass sie Probleme zur Debatte stellt. So stellt z.B. George Sand das Verhältnis der beiden Geschlechter zur Debatte, Byron und Feuerbach die Religion, Proudhon und Stuart Mill das Eigentum, Turgenjew, Spielhagen und Emile Augier die gesellschaftlichen Verhältnisse. Dass eine Literatur nichts zur Debatte stellt, ist gleichbedeutend mit dem voranschreitenden Verlust jeglichen Sinns". So Georg Brandes (1842-1927) in seiner Vorlesung über die "Hauptströmungen in der Literatur des 19. Jahrhunderts". "Schreiben heißt also die Welt enthüllen und sie zugleich der Hingabe des Lesers als eine Aufgabe stellen." (Jean-Paul Sartre, (1905-1980) in: Was ist Literatur?)

Doch was macht Roland Barthes (1915-1980) zur Erhaltung jeglichen Sinns? Seine Texte und kleinen Essays aus den Jahren 1954-1956 kommen aus der zunächst unbedeutenden Wirklichkeit des Alltags. Sie erscheinen wie Anekdoten, erhalten über die vielfältigen Assoziationen eine neue Nuance und in ihrer Spitzfindigkeit verfolgen sie die Metamorphose zur Ironie. "Ich verlange den Widerspruch meiner Zeit voll zu leben, die aus einem Sarkasmus die Bedingung für die Wahrheit machen kann." So Barthes klares Statement für ein Schreiben, welches das Alltägliche durch Ironie als Mythos, welcher nur Aussage ist, entlarvt. Anlass dieser Reflexion über die Mythen im Alltag war insbesondere ein Gefühl der Ungeduld, wie er sagt. Ungeduld "angesichts der Natürlichkeit der Wirklichkeit", die nur verliehen wurde, aber dennoch "nicht minder geschichtlich ist".

So weiß er von den Universalien der menschlichen Gesten zu reden, von Geburt, Tod, Arbeit, Wissen und Spiel und vom immer gleichen Verhalten egal wo, eine Familie der Menschen, wie der Titel einer Ausstellung hieß, ein babelisiertes Bild von der Welt. Wiederholung von allem lehrt wörtlich eben nichts und so scheint die Unveränderbarkeit der Welt die Bürgschaft einer Weisheit und einer Lyrik.

Kunst und Theater als Fluchtversuch, Einsteins Gehirn als Mythos des formulierten Wissens, sein Kopf als Stahltresor für das Universum. Tautologien und Intelligenz, aus welcher der Krieg im Sinne des gesunden Menschenverstandes wächst. Über Kritk am Verstand, über Vorbehalte gegenüber Bildung als terroristische Position, über Philosophie, die den Leser erklärt. All diese Dinge, die im Alltag unvereinbar sind, werden geschildert unter dem Himmel eines Sarkasmus, einer aufklärerischen Reise der Taten, die aus dem Unbewussten erwachsen. Die genauso zu betrachten sind, wie ein Beefsteak in kompositorischer Eintracht mit Pommes frites. Jules Vernes Nautilus und die im Text liegende Kosmogonie zeigt die menschliche Absicht der Aneignung während mit Rimbauds Trunkenem Schiff eine Ich-Identifikation erstarkt, die dann zur Poetik der Erforschung führen kann.

Die mythologische Umdichtung von Geschichte in Natur muss offengelegt werden, Totalität, Kontinuität und natürlich Unüberwindbarkeit der Darstellung und des Denkens in der Literatur und deren Wiederholung als Mythos muss aufgeweicht werden im Zufälligen und in der Lust am Schreiben. Barthes bezieht feste Standpunkte, und doch packt man ihn nicht. Auf der Flucht vor der Fixierung oder Vereinnahmung durch eine Ideologie gilt für Barthes die Faszination: Theater, Sprache, Diskurs, Mythos - dann Semiologie und den Mythos als semiologischen System - und das rein Textuelle; wie in ein Bergwerk dringt er in den Text, vorbei an der Bedeutung der Worte, hin zum Signifikanten. Man denke an einen Rosenstrauß: Ich lasse ihn meine Leidenschaft bedeuten. Verleidenschaftlichte Rosen als Geschenk, so ist Barthes und doch weiß er um die begriffliche Herkunft aus Leidenschaft und Rosen.

Mit Sprache umgehen wie mit einer Plastik, so scheint sein Ansinnen. Eine Plastik nicht als Substanz zu betrachten, sondern als Idee und fortan erkennt man sie in ihrer endlosen Umwandlung und doch als sichtbar gemachte Allgegenwart. Sprache wie Plastik als Spur einer Bewegung, darüber zu wissen, ist die Haut der Sprache, ihre Berührung verselbständigt sie in Staunen, Träumen angesichts der wunderbaren Assoziationen und Verbindungen "zwischen der Einzahl des Ursprungs und der Mehrzahl der Wirkungen".

Barthes zu lesen macht Spaß, man spürt, dass seine Mythen als erzählerische Verknüpfung von Ereignissen es auf das Gewöhnliche und nicht auf das Seltene abgesehen haben. Die Welt erscheint selbst im Alltag von der interessanten Seite. Die Theorie am Ende des Buches ist nach wie vor eine gültige. Der Mythos ist formatierter Sinn, wird zum Dieb der primären Sprache und schafft Zeichen und deren Bedeutung. Die Mythologie wird zur Zustimmung der sich schaffenden Welt. Brecht nannte es Einverständnis, eigentlich noch treffender, denn dort ist Verstehen des Wirklichen und Mitwisserschaft mit ihm gegeben. In diesem Sinne sollte man Barthes lesen.
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Gesammelte Werke in zwölf Bänden. Band 3: Der Essays dritter Teil: Inquisitionen / Vorworte
Gesammelte Werke in zwölf Bänden. Band 3: Der Essays dritter Teil: Inquisitionen / Vorworte
von Gisbert Haefs
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 27,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Welt im Buch., 15. April 2012
"Der tote Buchstabe gewinnt im Zwiegespräch von Buch und Leser immer wieder seine wahre Bedeutung; die Stimmen des Schweigens werden hörbar, als ob ihr eigener Widerhall sie riefe. In der Intimität, die zwischen dem Leser und seinem Buch entsteht, begegnen - mitten in einer aggressiv lärmenden Welt - zwei Einsamkeiten einander."
(Manés Sperber)

Jorge Luis Borges (1899-1986) ist der bekannteste und größte argentinische Schriftsteller. Gleichzeitig ist unstrittig, dass er einer der größten Vielleser ist und das, was seinen Gedanken lesend entgegen fliegt, um mit seinen kombiniert zu werden, ist nun schwarz auf weiß als Zwiegespräch von Buch und Borges zu lesen. Und es ist eine hohe Freude, in diese Intimität einzusteigen, fern der lärmenden Welt, um den Einsamkeiten beizuwohnen.

Borges gelingt es in vielen Miniaturen Literaturgeschichte und Literaten auf interessante, spannende und ansprechende Weise dem Leser näher zu bringen. Borges lebt mit Büchern, für ihn sind sie die Welt und doch scheint die Welt ein einziges Buch. Aus diesem kann Wissen verbal in all den Gesprächen weitergegeben werden, aus diesen kann vorgelesen werden und schriftlich lässt sich alles ergänzen. So wie in der 13. Sure des Korans von einer "Mutter der Bücher" gesprochen wird, so hatte Platon im Phaidros aufs beste die Unterschiedlichkeit von Rede und Schrift, von emotionaler Beteiligung und distanzierter Wahrnehmung beschrieben. Und so findet Borges mit diesen Beispielen die Wichtigkeit von beidem, gar die gegenseitige Beeinflussung. Denn nichts anderes passierte wunderbarerweise in der 602. Nacht der arabischen Märchen. Der Text aus dem Märchen band die Gegenwart ein, der Zuhörer wurde zum Teil der Geschichte. So geht es den Lesern, die sich verbrüdern, verschwestern mit den Protagonisten, die Eintauchen in ein anderes Leben und doch ihr eigenes nicht verlassen können.

Ein Traum wird wahr, hier und dort gelingt es selbst den Protagonisten den Überschwank des Schriftstellers zu überbieten, als wenn dieser mitschriebe. Cervantes, der erste große Romancier verfiel seinem Don Quijote, Coleridge Traum mutet so unwirklich und doch überträgt sich Geschriebenes in andere Zeiten. Imaginäre Welten werden verbunden mit den realen, Poesie trifft prosaische Realität und die Schriftsteller bringen aus der Zukunft verwelkte Blumen mit.

Ein virtuoser Borges ist hier am Werk, eine Freude, ihn zu lesen, wenn er mit Pascal, Wilde, Kafka usw. spricht und mit deren Vorläufern. Ja, die Ideen der Literatur scheinen überreich an Übereinstimmung zu sein, es scheint, als wenn das Zenon Paradoxon von Achilles und dem Pfeil eine erste Kafkaeske ist, denn im späteren Schloss-Roman war für den Landvermesser ebenso kein erreichen. Ein Gedanke erhitzt den anderen, so einst der große Montaigne, und hier ist auch Borges erhitzt ob der vielen Kompositionen von Lyrik und Prosa und deren gegenseitigen Einfluss.

"Die Welt existiert, um in ein Buch einzugehen". So wird Mallarme hier zitiert. Und bei Homer ist zu lesen, dass die Götter die vielen Geschicke weben, damit den Zukünftigen nicht der Stoff zum Singen fehle. Nun gut, hier wird gelesen und gelesen wird von der Welt und der Leser wird animiert, seine Welt zu lesen. Oder mit Angelus Silesius lässt sich resümieren:

"Freund, es ist auch genug. Im Fall du mehr willst lesen, / So geh und werde selbst die Schrift und selbst das Wesen."

Sehr lohnenswerte Lektüre.
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Inquisitionen: Essays 1941 - 1952 (Jorge Luis Borges, Werke in 20 Bänden (Taschenbuchausgabe))
Inquisitionen: Essays 1941 - 1952 (Jorge Luis Borges, Werke in 20 Bänden (Taschenbuchausgabe))
von Jorge Luis Borges
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Dieses Buch ist die Welt., 14. April 2012
"Die Literaturgeschichte sollte nicht die Geschichte der Autoren sein und der Zufälle ihrer Karrieren
oder der Karriere ihrer Werke, sondern die Geschichte des Geistes als Literaturproduzent oder -konsument."
(Paul Valery)

Jorge Luis Borges (1899-1986) ist der bekannteste und größte argentinische Schriftsteller. Gleichzeitig ist unstrittig, dass er einer größten Vielleser ist und das, was seinen Gedanken lesend entgegen fliegt, um mit seinen kombiniert zu werden, ist nun schwarz auf weiß zu lesen. Und es ist eine hohe Freude. Ihm gelingt es in vielen Miniaturen Literaturgeschichte auf interessante, spannende und ansprechende Weise dem Leser näher zu bringen. Borges lebt mit Büchern, für ihn sind sie die Welt und doch scheint die Welt ein einziges Buch. Aus diesem kann Wissen verbal in all den Gesprächen weitergegeben werden, aus diesen kann vorgelesen werden und schriftlich läßt sich alles ergänzen. So wie in der 13. Sure des Korans von einer Mutter der Bücher gesprochen wird, so hatte Platon im Phaidros aufs beste die Unterschiedlichkeit von Rede und Schrift, von emotionaler Beteiligung und distanzierter Wahrnehmung beschrieben. Und so findet Borges mit diesen Beispielen die Wichtigleit von beidem, gar die gegenseitige Beeinflussung. Denn nichts anderes passierte wunderbarerweise in der 602. Nacht der arabischen Märchen. Der Text aus dem Märchen band die Gegenwart ein, der Zuhörer wurde zum Teil der Geschichte. So geht es den Lesern, die sich verbrüdern, verschwestern mit den Protagonisten, die Eintauchen in ein anderes Leben und doch ihr eigenes nicht verlassen können.

Ein Traum wird wahr, hier und dort gelingt es selbst den Protagonisten den Überschwank des Schriftstellers zu überbieten, als wenn dieser mitschriebe. Cervantes, der erste große Schriftsteller verfiel seinem Don, Coleridge Traum mutet so unwirklich und doch übertrug sich gegebenes in andere Zeiten. Imaginäre Welten werden verbunden mit den realen, Poesie trifft prosaische Realität und die Schriftsteller bringen aus der Zukunft verwelkte Blumen mit.

Ein virtuoser Borges ist hier am Werk, eine Freude, ihn zu lesen, wenn er mit Pascal, Wilde, Kafka usw. spricht und mit deren Vorläufern. Ja, die Ideen der Literatur scheinen überreich an Übereinstimmung zu sein, es scheint, als wenn das Zenon Paradoxon von Achilles und dem Pfeil eine erste Kafkaeske ist, denn im späteren Schloss-Roman war für den Landvermesser ebenso kein erreichen. Ein Gedanke erhitzt den anderen, so einst der große Montaigne, und hier ist auch Borges erhitzt ob der vielen Kompositionen von Lyrik und Prosa und deren gegenseitigen Einfluss.

"Die Welt existiert, um in ein Buch einzugehen". So wird Mallarme hier zitiert. Und bei Homer ist zu lesen, dass die Götter die vielen Geschicke weben, damit den Zukünftigen nicht der Stoff zum Singen fehle. Nun gut, hier wird gelesen und gelesen wird von der Welt und der Leser wird animiert, seine Welt zu lesen. Oder mit Angelus Silesius zu sprechen:

"Freund, es ist auch genug. Im Fall du mehr willst lesen,
So geh und werde selbst die Schrift und selbst das Wesen."

Sehr lohnenswerte Lektüre.
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Die sterblich Verliebten: Roman
Die sterblich Verliebten: Roman
von Javier Marías
  Gebundene Ausgabe

9 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Marías Javier im Schatten von Zweifel, Wahrheit und Liebe., 13. April 2012
"Der Mensch wird in der Welt nur das gewahr, was schon in ihm liegt; aber er braucht die
Welt, um gewahr zu werden, was in ihm liegt; dazu sind aber Tätigkeit und Leiden nötig."
(Hugo von Hofmannsthal, Buch der Freunde)

Das leidenschaftliche Verlangen nach dem Unmöglichen ist für den Romancier eine gute Betrachtung. Maßlosigkeit, Verheerung und ein mögliches Scheitern sind gute Begleiter, ebenso wie der Dualismus im Menschen und dem Ziel, zwischen Sein und Schein, Wahrheit und Lüge, Liebe und Täuschung eine individuelle Position zu gewinnen. Javier Marías Protagonisten sind von ihm aus diesem Holz geschnitzt und wenn dieser Roman irgendeinen Anstoß erregt, dann kann er nur gewollt sein, weil diesem Anstoß der grenzenlose Wille zur Wahrheit immanent ist.

Die Erzählerin María trifft allmorgendlich ein verheiratetes Liebespaar und beobachtet sie sehr genau, weil sie sich an der Liebe, der Zuneigung, der Gültigkeit und der offensichtlichen Dauer erfreut. Doch eines Tages hat diese Idylle ein Ende. Gerade und zufällig am 50. Geburtstag von Miquel wird dieser ermordet. Eine Messerattacke überlebt er nicht. Luisa, seine Frau, vergeblich wartend, erfährt erst später davon. María, die Erzählerin liest davon in der Zeitung. Betroffen und höchst nachdenklich nimmt sie die Tat, das Geschehen auf. Eines Tages trifft sie Luisa, verabredet sich mit ihr in ihrem Haus und dort trifft sie auf Javier, dem Freund von Miquel. Was nur verhalten begann, entwickelt sich zu einer gern erlebten Distanzbeziehung zwischen María und Javier, deren unterschiedlicher Liebes- bzw. Verliebtheitsgrad deutlich wird.

Ein bravouröser Start eines wunderbaren Romans, voller Reflexion, von bester Beobachtung menschlicher Reaktion und möglicher Denkmuster fesselt spätestens ab jetzt den Leser. Javier Marías führt den Leser in ein Labyrinth von Liebe, Zweifel, Wahrheit, Neid und Lust. Er legt keinen Faden aus, an dem man sich orientieren könnte. Im Gegenteil: überraschende Wendungen, pure Leidenschaft, überlegtes Kalkül, tiefe Begierden wechseln von der Betrachtung zur Reflexion, von einer strengen individuellen Obsession zur Neubetrachtung im anderen Licht. JM ist Bühnenbildner, Lichtakrobat - er beleuchtet so vielfältig, dass eine Situation wie mehrfach erzählt erscheint und doch ist es nur ein anderer und notwendiger Spot.

Ganz beiläufig und doch voller Unterstützung wird die Literatur herangezogen. Als wenn Balzac, Shakespeare und Dumas kurzerhand neu geschrieben werden, neu zu interpretieren sind, wenn es um Tod und Wiederkehr geht, wenn die Endgültigkeit in Frage zu stellen ist oder wenn der Tod ein "noch nicht jetzt" erhält. Der Leser verliert sich nicht in dieser Vielfalt, wenn JM die hohen Grade an philosophischer Reflexion besteigt. Wer sich führen lässt, gewinnt und wird nicht eine Wiederholung erlesen. Denn diese verschiedenen Betrachtungen sind das Licht, welches den Schatten vertreibt, der sich unmerklich auf die Erinnerung der Protagonisten legen soll. Denn im Tod werden ganz plötzlich Zusammenhänge bekannt, wird die Liebe und die Freundschaft als Ursache und als Ziel gesehen. Und wie ist wirklich diese Erklärung Javiers, die absurd und doch real anmutet, die die Erzählerin María in Zweifel und Selbstzweifel stürzt und zunächst einen souveränen Javier bestehen lässt.

Doch was ist wahr? Diese Frage durchzieht den Roman, sie klebt an der Liebe, sie klebt an den Vermutungen, sie klebt an sich selbst. Es ist nicht möglich, alles zu vernichten, ohne sich selbst zu vernichten. So mag man bisher geglaubt haben. Kann aber eine mögliche Lüge so wahr sein, dass sie zu glauben ist? Lassen sie sich verführen, erleben sie den Hochgenuss einer virtuosen Sprache, begleiten sie María auf den Wegen und vor allem in ihren Überlegungen. Treffen sie auf Javier und seine Leidenschaft und verlassen sie das Buch erst am Ende; ein Ende, welches vielleicht einem Klischee gleicht, das Javier einen gewissen Triumph in den Augen anderer gibt.

Sehr lesenswert.
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Kommentar Kommentare (7) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 16, 2012 10:44 AM MEST


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