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Rezensionen verfasst von
André Krämer (Bielefeld)
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Isla
Isla
Preis: EUR 19,99

10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein hypnotischer , mitreißender Sound erzählt Geschichten jenseits der Worte, 14. September 2010
Rezension bezieht sich auf: Isla (Audio CD)
Eigentlich schreibe ich diese Rezension nur, weil das gar nicht anders geht. Die fünf Sterne muß ich loswerden. Das war schon nach dem ersten von zig Durchgängen von "Isla" so, weil ich etwas gehört hatte, das ich vorher noch nie gehört hatte. Seitdem frage ich mich: wie machen die vier das? Wie kriegen die das mit Kontrabass, Hang,Elektronik, Schlagzeug und (meist) Sopransaxophon hin, gleichzeitig still, minimal-repetitiv und hypnotisch UND aufregend quirlig, freejazzig wild und voller Intensität zu sein? Das Rätsel stellt sich Song für Song. Viele Stücke fangen ruhig, manche fast still an- meistens durch das glockenreine Hang oder den Kontrabass eingeleitet- und bilden dann auf einmal Strukturen aus wie eine komplexe, immer vielschichtiger werdende Erzählung, die man nicht versteht, die einen aber dann irgendwie so sogartig packt, dass man in ihr förmlich verschwindet und zutiefst fasziniert ist.

Meistens hat dann der Saxophonist, bisweilen elektronisch verfremdet das Thema aufgenommen. Er führt es fort in einer sich ständig steigernden Intensität in manchmal wie in einem wilden Delirium wirbelnden, scheinbar improvisierten stakkatoartigen Klangexplosionen , während im Hintergrund Hang, Kontrabass und Schlagzeug einen hypnotischen Soundteppich knüpfen, vor dem und durch den sich gegen Ende alles harmonisch zusammenfügt wie der überraschende, auf einmal alles erklärende und auflösende Schlussatz einer Geschichte, die so dicht erzählt wurde, dass es gar nicht möglich war, in Distanz zu ihr zu bleiben.

Ungemein faszinierend und von ganz eigener Qualität ist die Homogenität im Spiel der vier Freunde, die zusammen wohnend komponieren. Live (ich habe sie vor kurzem im Quasimodo in Berlin sehen dürfen) wird das besonders deutlich, weil alle vier mit ganz unterschiedlichen Instrumenten und Instrumentstimmen daherkommen. Die Spannbreite zwischen dem Steve Reich der flirrenden "Music for 18 Musicians", einer "Indie-Band" (als die sie sich u.s. selbst bezeichnen) und Jazz findet sich auch im Spiel der einzelnen Musiker wieder und doch schaffen sie es , scheinbar Unvereinbares so zusammenzufügen, dass es eine brillante Einheit, eine Art dissonante Harmonie ergibt, die dann weit mehr ist als die Summe der Teile und von ganz eigener Schönheit. Das Ganze wirkt enorm frisch, wirkt ungehört, wirklich neu und einfach aufregend intensiv, voller Freude.

Ich habe seit langem keine Musik gehört, die ich so sehr als "wahre Entdeckung" empfunden habe. Man hört nicht oft etwas wirklich Neues. Und so ganz kann ich mir immer noch nicht erklären wie die das machen. Egal, Hauptsache, ich kann es hören.

Höchste Empfehlung, höchste Punktzahl.


In Ruhe alt werden können: Widerborstige Anmerkungen
In Ruhe alt werden können: Widerborstige Anmerkungen
von Erich Schützendorf
  Broschiert
Preis: EUR 14,90

8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wunderbar! Bürstet unhinterfragte Annahmen gegen den Strich, 3. März 2010
Ich hatte das Vergnügen, Erich Schützendorf live zu sehen und finde in diesem Buch all das wieder, was mich dort bewegte: ich war in den ersten fünf Minuten empört, nach zehn Minuten amüsiert und nach zwanzig Minuten begeistert.
Empört war ich, weil Erich Schützendorf einige meiner idealistischsten Vorstellungen zu Pflege und Alter im Plauderton auflöste.
Amüsiert war ich, weil ich in seinen das Absurde mancher Handlungen herausschälenden Schilderungen so Vieles wiederfand, was ich aus zwanzig Jahren Altenpflege gut kenne- und selbst fabriziert habe.
Und begeistert war ich schließlich, weil mir seine humorvollen Gedankengänge neue, manchmal überraschende, gegen den Strich gebürstete Sichtweisen öffneten ( Beispiel: lieber von einem rauen, aber immer ehrlichen Tankwart gepflegt werden zu wollen als von einer dauerlächelnden, kommunikationsgeübten, professionell freundlichen, aber selten ehrlichen Pflegekraft).

Schützendorf fordert auch in diesem Buch heraus, sich die Mühe zu machen, aufrichtig, offen und schonungslos über Themen wie Alter, Altern, drohende Pflegebedürftigkeit, eigene Inkontinenz oder den drohenden Verlust der Identität als potentieller Geschlechtspartner nachzudenken und zu diskutieren. Das ist ganz wunderbar, das ist ganz mutig und dringend nötig.

Ich habe dieses Buch schon mehrfach verschenkt- und immer an diejenigen, denen ich zutraute, mit den Zumutungen darin ausreichend lange genug umgehen zu können, bis sich Amüsiertheit und schließlich Begeisterung für all die Widerborstigkeit durchsetzen können. Und schlichte Freude über all die Anregungen, die darin versteckt sind. Bisher war das Feedback höchst positiv.


Third
Third
Preis: EUR 5,99

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Verstörend, überraschend und betörend schön !, 1. Januar 2009
Rezension bezieht sich auf: Third (Audio CD)
Nun ist das neue Jahr 2009 kaum älter als 12 Stunden, da habe ich die für mich in diesem Jahr beste, erhellendste, bedeutendeste Platte möglicherweise gerade beim Frühstück schon gehört - Portishead: Third. Kurz vor Ende des letzten jahres viel zu spät bestellt.

Die Kopfhörer noch auf bin ich wie hypnotisiert- was für ein Ereignis. Für mich das zeitgemäßeste Stück Musik, das ich in den letzten Jahren gehört habe.
Soundtrack und Kommentar zu einer Wirklichkeit, in der Wirklichkeit immer erkennbarer aus Wirklichkeitskonstruktionen zusammengesetzt ist, die nebeneinanderstehen, manchmal zusammenpassen und manchmal nicht, sich gegenseitig relativieren und selbst in der Synthese noch irritierend widersprüchlich bleiben.

(Auf der Zeitung neben mir das botoxunterspritzte, zerschnittene und irgendwie verstörend zusammengesetzte Gesicht von Mickey Rourke, während im Fernsehen etwas über Israels Angriffe auf Gaza berichtet wird, wo ein Vater mit zerrissener Kleidung und schmutzigem Gesicht, ein schlaff in seinen Armen hängendes Kind in die Kamera hält, von dem ich meine, es schon einmal in Berichten über den Irakkrieg gesehen zu haben... mitten in meinem Wohnzimmer jetzt...
...( Wer guckt trauriger- der Vater oder Mickey Rourke in seinem glänzenden Anzug auf dem roten Teppich über dem verschnippelten und maskenartigen Gesicht ?) - Darunter, im Ticker, die Aktienkurse auf dem neusten Stand...und ich selbst...Neujahrmorgen, Fernseher an, in den PC guckend, Kopfhörer noch auf, umgeben von medial Irrealem und Virtuellen, das dann doch eigentlich entsetzlich wirklich ist (vermutlich) ...ich stelle den Fernseher aus und mein Blick fällt nochmal auf das Foto von Mickey Rourke. Seine Augen. Dann auf den PC-Monitor mit der sich öffnenden Amazon-Seite. Und auf die mit dem blitzartigen Erlöschen des Programms im grün-schwarzen Dunkel des ausgeschalteten Fernsehers aufgetauchte Spiegelung meiner selbst. Oder ist das auch nur ein Film ?)

All das Neben- und Ineinander verschiedenster Wirklichkeiten finde ich auf ""Third" in großer Schönheit ausgedrückt und manchmal als mir Zugemutetes wieder: Töne, Geräusche, Melodien und Rhythmen stehen nebeinander und gehen ineinander über, obwohl sie nichts miteinander zu tun haben. Hubschrauber schrappen durch die Gehörgänge, während eine Melodie anfängt, die irgendwie schön ist, aber im Entstehen schon wieder abbricht. Dann ein Rhythmus- stampfend, elekrisierend, hypnotisch- in dem ich mich verliere...da bricht auch er mittendrin ab.Plötzlich Geräusche wie von Maschinen,Krieg oder Fabrik, dröhnend, ein elektrifiziertes Piepen, wie in der Ferne, das plötzlich lauter wird, näherkommt und einem überraschend auf die Pelle rückt, während es zum Rhythmus des nächsten Tracks wird, Versatzstücke, bei aller Fremdheit und Unterschiedlichkeit ineinanderverwoben zu etwas Erkennbarem mit der Melodie aus einem noch ungedrehten Film, der gerade in meinem Kopf entsteht...die ich gerne weiterhören würde und die dann tatsächlich (auch das jetzt überraschend) ganz ruhig weitergeführt wird und für einen Moment etwas wie Ruhe und Geborgenheit schenkt.
...Bis sie an ein natürliches Ende kommt, aus dem plötzlich wie in Zeitlupe eine ganz und gar kalte und unnatürlich Salve wabernder Basstöne auftaucht, die mich an die Schlussszene von Terminator 2 erinnert. Dann, wie von einem metallischen Hämmern aufgescheuchte Vögel in einer verlassenen Mülldeponie, fliegen Echos auf und verschwinden.

Dazwischen Beth Gibbons Gesang - der durch die durch die Trümmer einer völlig verschnippelten Welt irrt und doch zu keinem Zeitpunkt von seiner sehnsüchtig-sehnsuchtsvollen Zartheit abrückt. Inmitten einer schroffen, keine klare Orientierung mehr bietenden ununterscheidbar anorganischen-organischen Wirklichkeit besingt und behauptet sich ihre so verletzliche Stimme ganz unzerstörbar lebendig. Wahrhaft ergreifend und inmitten all des Austauschbaren unaustauschbar individuell und seelenvoll. Großartig.

(Ist nicht das Ergreifende an Mickey Rourke sein ganz und gar unoperierbarer Blick, der um so unverstellter und unerbittlicher an den Verlust seiner Identität erinnert, je künstlicher der Rest wirkt?)

In keinster Weise ein Album für nebenher. Und längst nicht für jede Stimmung. Aber: ein wirkliches Ereignis, das man sich gönnen sollte, wenn man Zeit hat, sich drauf einzulassen und mit ein paar nicht immer nur wohligen Gänsehäuten gut leben kann. Mir ging es nach dem Hören so, dass ich gar nicht genau wußte, was ich da gerade gehört habe, ob das - wie ein anderer Rezensent schrieb, noch Musik oder noch etwas Anderes, mehr als Musik sei. In jedem Fall ist es zugleich verstörend, überraschend und betörend schön. In meinen Augen haben Portishead sich hörbar weiterentwickelt. Obwohl ich ihre Musik schon damals großartig fand, hatte ich nicht erwartet, etwas so gleichermassen Kunstvolles wie Unmittelbares, manchmal fast Rohes und in dieser scheinbaren Widersprüchlichkeit ungeheuer Zeitgemäßes zu hören zu bekommen.Toll.
Mein Jahr fängt musikalisch mehr als gut an.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 6, 2009 1:31 AM MEST


Die hohe Lehre
Die hohe Lehre
von Hubert Benoit
  Gebundene Ausgabe

45 von 45 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nicht nur eine hohe, auch eine tiefe Lehre, 12. November 2006
Rezension bezieht sich auf: Die hohe Lehre (Gebundene Ausgabe)
Wie wohl die meisten, habe ich von diesem Buch erstmals bei Yoko Beck gelesen. Überall gesucht, nirgendwo gefunden. Habe es dann, als ich die Suche nach dem deutschen Titel längst aufgegeben hatte, zufällig im Antiquariat eines Bekannten gefunden: über und über angestrichen, voller Anmerkungen des Vorbesitzers. Obwohl ich es überhaupt nicht mag, wenn ein Buch so vorbearbeitet ist, nahm ich es mit. Ich war einfach zu neugierig, ob es den hohen Erwartungen entsprechen würde.

Heute ist es unter den allen Büchern, die ich besitze (darunter viele Klassiker zum Thema Zen), eines der zwei, drei für mich wertvollsten, vielleicht sogar das wertvollste. Es ist, wie es Yoko Beck ja auch beschreibt, kein leicht lesbares, kein flüssiges Buch, das man sich mal eben einverleiben könnte. Ich weiß nicht, ob es für jemanden, der nie Erfahrungen mit Zen oder "Zen-artige" Erfahrungen gemacht hat, überhaupt lesbar ist. Wer aber mit Zen vertrauter ist oder auf anderem Wege die eine oder andere tiefere Erfahrung mit Meditation/ Kontemplation und/oder auch existentieller Krise und dadurch bedingten Tiefenerlebens gemacht hat,der wird hier innere Prozesse und Zusammenhänge auf eine so differenzierte, tiefgehende Weise ausgedrückt finden, wie er es vielleicht schon rein sprachlich nicht für möglich gehalten hätte.

Ich habe dieses Buch einmal ganz gelesen, das war sehr mühsam und trotz des Mühsamen absolut faszinierend. Ich lese darin seither immer wieder mal und habe den Eindruck, ich kann es gar nicht ausschöpfen. Immer ist mir dieses Buch ein paar Schritte weit voraus, formuliert Benoit Zusammenhänge inneren Geschehens in einer Genauigkeit, die mich wieder und wieder verblüfft. Das Berückende an seinem Text ist für mich, dass er, ohne dabei zu psychologisieren, auf eine ganz "westliche" Art und Weise versucht, dem Leser die unzähligen kleinen und kleinsten Vorgänge und inneren Zusammenhänge und Bedingungen der Zen-Erfahrung nahe zu bringen. Dass ihm dieses gelingt, ohne dass er den roten Faden verliert und die "östliche" Totalität der Erfahrungen, die er beschreibt, verlorengeht, läßt ahnen, wie sehr er selbst darum gerungen haben muß, fast Unbeschreibbares beschreibbar zu machen- und nicht nur zu beschreiben, sondern auch den inneren Bewegungen zu folgen, die damit verbunden sind. Letztlich ist das Buch selbst reinste Zen-Übung: Benoit (und mit ihm sein Leser) wendet sich in einer ganz bescheidenen, unspektakulären Achtsamkeit und Genauigkeit den kleinsten inneren Dingen zu wie ein Zen-Meister den Sandkörnern seines Zen-Gartens oder ein Meister des Ikebanas den kleinsten Verästelungen seines Blumengesteckes. Aber heraus kommt etwas, durch das jederzeit etwas Absolutes durchschimmert, das über dieses Kleine hinausgeht und es förmlich durchstrahlt, so dass sich im kleinsten, alltäglichsten das Größte, Umfassende findet. Form ist Leere, Leere ist Form.

Wäre ich selbst einmal krank, wie Benoit es wohl einmal war, wodurch er an sein Bett gefesselt war und sich notgedrungen intensiv mit inneren Vorgängen auseinandersetzen mußte, ich würde dieses Buch lesen, weil es vielleicht das einzige wäre, das diese Situation nicht nur, ohne vor irgendetwas zu fliehen oder auszuweichen, versteht, sondern sie zugleich transzendiert. Man merkt diesem Buch in jeder Zeile an, dass es vor diesem Hintergrund echter, existentiellster Erfahrungen geschrieben ist.

Ein tiefes, fast unauslotbares Buch. Ein ernstes Buch. Eine hohe Lehre. Die, obwohl sie so sehr auf Zen Bezug nimmt und "zen-artige" Erfahrungen fast voraussetzt, zugleich so umfassend und überkonfessionell ist, wie Zen selbst.Letztlich geht es auch über Zen hinaus. Das Buch braucht diesen Begriff "Zen" eigentlich nicht mal, da letztlich ganz schlicht um den Kern dessen geht, was wir sind.Oder nicht sind. Geschrieben von einem, der sich ohne jede Beschaulichkeit der Erfahrung dieses Kerns genähert hat oder sich vielleicht auch hat nähern müssen. Wer das Buch irgendwo findet, nehme es mit, egal in welchem Zustand es ist.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 21, 2013 1:10 PM MEST


Aus der Tiefe des Raumes
Aus der Tiefe des Raumes
von Günter Netzer
  Gebundene Ausgabe

42 von 42 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Betrachtungen eines lauffaulen Genioes am Ball, 12. Juni 2004
Rezension bezieht sich auf: Aus der Tiefe des Raumes (Gebundene Ausgabe)
Günther Netzer beschreibt den Weg eines der ungewöhnlichsten Fussballer, die Deutschland je hatte. Seinen Weg. Diese Beschreibung ist nüchtern, klar mit einer Spur von Distanz und trotzdem konnte ich das Buch kaum zur Seite legen und habe es fast in einem Rutsch gelesen.
Da schreibt kein Verbissener, kein Besessener, da schreibt einer, der die Schönheit des Lebens zu schätzen weiß, jene, die abseits des Sports liegt und die, die im Fußball selbst zu finden ist. Netzer beschreibt seinen Hang zur Bequemlichkeit, ja zur Faulheit, seine manchmal übergroße Sorglosigkeit, seinen oft fehlenden Ehrgeiz und seine ebenso oft fehlende Kondition. Er beschreibt die Trainer, die ihn zu Anstrengungen zwingen, die er von sich aus nicht auf sich nehmen wollte und schildert Begegnungen mit Menschen in seinem Leben, die immer wieder zum rechten Zeitpunkt, gerade das in ihm entdeckten und von ihm brauchten, was er selbst noch gar nicht als eigene Fähigkeit entwickelt hatte.
Aus alldem, besonders aus den spezifischen Netzerschen Schwächen; lässt sich vielleicht verstehen, warum gerade Netzer es war, der die legendäre Gladbacher Fohlenelf und später die ebenso legendäre 72er Nationalmannschaft zu einer Spielweise führte, die seither nicht mehr erreicht wurde, zu einem leichtfüßigen, kombinationssicheren, offensiven und fast übermütigen Fußball, den zu betrachten eine reine Freude war. Damals hieß es, dieser Fußball sei Ausdruck der gesellschaftlichen Veränderungen Anfang der 70er, der Aufbruchsstimmung, der neuen Offenheit, des revolutionären Aufbruches.
Netzer schildert natürlich auch seine Begegnung und Auseinandersetzung mit dem berühmten Hennes Weisweiler, die in seiner Selbsteinwechslung im DFB-Pokalsieg gegen Köln mit dem anschließenden Jahrhunderttor in der Verlängerung gipfelte (und endete). Er beschreibt Weisweilers Taktik, die aus Netzers Sicht im wesentlichen darin bestand, neunzig Minuten am Stück Hurrafussball zu spielen, hin und her zu rennen und lieber 5:4 zu gewinnen als 1:0. Netzer hielt das ( gerade aufgrund der eigenen Bequemlichkeit) interessanterweise für falsch und doch ist wohl aus beider Zusammenarbeit eine Spielkultur entstanden, die unvergesslich bleibt.
Alles in allem ein schönes (Fußball-) Buch, gerade für die, die sich an die 70er Jahre erinnern.
Mir persönlich gefällt Netzers oft lakonische Nüchternheit, auch im Umgang mit Schicksalschlägen, eigenen oder fremden Schwächen. Er beschreibt sehr geradlinig und ohne Schnörkel ein gelungenes Leben auf und abseits des Fußballplatzes.
Wer sich für die in Biographien so selbstverständlich gewordenene schmutzige Wäsche interessiert, wird hier nicht bedient. Wer noch einmal aus der Sicht eines ihrer wesentlichen Protagonisten ein Stück Fußballhistorie genießen will, wird seine Freude an diesem Buch haben.


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