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Rezensionen verfasst von
Wolfgang Herrmann

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England's Newest Hit Makers
England's Newest Hit Makers
Wird angeboten von DVDMAXXX
Preis: EUR 13,92

29 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Frühes und zeitloses Meisterwerk der Stones, 19. Oktober 2006
Rezension bezieht sich auf: England's Newest Hit Makers (Audio CD)
Wenn Brian Jones’ Gitarre das berühmte rhythmische Motto von „Not Fade Away“ anstimmt, wird der Hörer sofort umfangen von der Aura rauer Ursprünglichkeit, welche die frühen Stones umgab bzw. noch umgibt. Der Rezensent, in dessen Pubertät die Debütplatte der Stones wie ein musikalisches Naturereignis einschlug, kann sich ihrer Wirkung noch heute, 42 Jahre danach, nicht entziehen. Erstaunlich ist aus heutiger Sicht, wie sehr sich die Stones damals noch an etablierte Vorbilder anlehnten. Man hat ihnen die vielen Coverversionen ja auch zum Vorwurf gemacht. Doch wer hört heute noch Buddy Hollys „Not fade away“, oder Nat King Coles „Route 66“ oder „Walking the Dog“ von Rufus Thomas? Die Energie des British R&B – dem die Stones mit ihrer Debütplatte ein unvergängliches Denkmal gesetzt haben – macht atemberaubende Transformationen möglich. „I Just Want To Make Love To You“ etwa, in der Originalversion von Muddy Waters ein ziemlich behäbiger Blues, wird in der Coverversion zu einem hysterischen Ausbruch reiner Ekstase. So etwas ist nie zuvor vernommen worden. Bei aller Rauheit darf jedoch die musikalische Qualität der frühen Stones nicht unterschätzt werden. „I’m A King Bee“ beispielsweise, wo Mick Jagger seine Stimme (die damals noch einigermaßen natürlich klang, noch nicht so krampfhaft verzerrt wie so häufig ab „Get off of my cloud“), fast hypnotisch zur Geltung bringt, zusammen mit einem raffinierten Instrumentalarrangement, für das wohl Brian Jones verantwortlich zeichnete, ist ein Meisterstück. Gewiss ist „Tell Me“ am Schluss krass sentimental – in der Albumversion für die USA wurde seinerzeit auch zensiert deswegen -, aber welch eine Aufrichtigkeit! Dieses verzweifelte Liebeslied geht auch heute noch jedem, der es zum ersten Mal hört, unter die Haut. Das höchst abwechslungsreiche Album enthält aber auch fröhliche Tracks, „Little by Little“ zum Beispiel, eine Jam-Session unter Mitwirkung von Gene Pitney und Phil Spector (die damals zum Musikestablishment gehörten), sowie zum Schluss das rotzfreche „Walking the Dog“, mit staubtrockenem Schlagzeug und verwegenen Pfiffen.

Leider hat sich die Plattenfirma ABKCO noch nicht dazu durchringen können, endlich einmal alle frühen Stones-Titel nach dem neuesten Stand der technischen Aufbereitung kompakt in eine Kassette zusammenzufassen, mit einer kompetenten und ausführlichen Dokumentation. Dies wäre eine editorische Großtat! Stattdessen vertraut man immer noch auf den Kultstatus der originalen Scheiben, der sich wohl besser vermarkten lässt...


Erotische Momente
Erotische Momente
von Wolf G. Hermes
  Broschiert

6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Erotik und Mystik - ein Meisterwerk kraftvoller Schönheit, 29. August 2006
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Erotische Momente (Broschiert)
In mancherlei Hinsicht ragt der vorliegende Episodenroman von Wolf G. Hermes aus der (Sturz)flut erotischer Literatur heraus. Im Unterschied zu den in diesem Genre gängigen Motiven von Perversion, Verfallenheit und Machtspielen rückt der Autor die ganz normalen und schlichten Ausdrucksformen von Sex und Erotik in den Mittelpunkt, deren erfüllende Schönheit oft nur deswegen nicht erkannt wird, weil in der körperlichen Liebe das menschliche Bewusstsein ausgeschaltet oder auf ein eher animalisches Maß herab gestimmt wird. Genau darum aber, um irdische Schönheit geht es in den zweiundzwanzig Episoden, die trotz der "Normalität" ein erstaunlich lebendiges und farbiges Spektrum erotischen Erlebens beschreiben. Freilich muss sich der Leser daran gewöhnen, dass der Autor in seinen Begriff von Schönheit auch noch die drastischsten Details mit einbezieht. Charakteristisch dafür ist die Episode "Der besondere Kuss", auf die das hinreißende Coverfoto anspielt. Ein Kritiker hat in diesem Zusammenhang zutreffend von einem unschuldigen, "antiken" Verständnis von Schönheit gesprochen.
Die verschiedenen Episoden werden lediglich von Marcel, der Hauptfigur, zusammengehalten, dem der Leser als zehnjährigem Knaben, als Jüngling, aber auch als reifem Mann begegnet. Wie ein Antiheld bewegt er sich durch das erotische Labyrinth. Die zweiundzwanzig verschiedenen Frauen halten Marcel gewissermaßen den Spiegel vor, in denen er einen immer neuen Aspekt seiner selbst erblickt. Im Übrigen wird Wolf G. Hermes nicht müde, die irdische Anmut und Schönheit der Frauen mit dem ganzen Reichtum seiner literarischen Mittel zu beschreiben. Insofern ist das Buch eine einzige Liebeserklärung!
Das eigentlich Neuartige und auch Spannende an diesem Werk jedoch ist das Licht, das auf die mystische Dimension der Sexualität geworfen wird. Diese Dimension öffnet sich auf ganz natürliche Weise dank der Zartheit und Feinheit literarischer Ausformung. Das "grob" Sinnliche wird gewissermaßen so fein, dass es transparent und der mystische Hintergrund sichtbar wird. So lässt ein schlichtes Aneinanderkuscheln zweier Körper "etwas Unbestimmbares" in "vollkommener Stille" hin und her fließen. Beim Liebesakt im Badesee wird die "von Wasser umspülte Haut zu einem einzigen Geschlechtsorgan". Ein inniger Kuss verwandelt eine erwachsene Frau in ein "junges Mädchen, das in ekstatischer Verwirrung gleichsam emporzuschweben suchte". Die Rezitation eines mystischen Namens im Moment triebhafter Bedrängnis lässt "zwanghaft ineinander verkrallte Dämonen sich lösen und zurückverwandeln in unschuldige Elementargeister".
Der Autor verleugnet keineswegs seine literarischen Vorbilder, ja er scheint sie sogar spielerisch in seinen Stil integriert zu haben. Manche Stimmungsbilder erinnern deutlich an Marcel Proust, andere wieder an Kafka. Der Hang zur minuziösen Beschreibung verdankt sich wohl dem Studium der großen Realisten, Flaubert zumal. Eine der Episoden stellt in ihrem selbstironischen Stil eine offensichtliche Hommage an Thomas Mann dar. Mehrfach gibt es Anspielungen auf Philosophen und Mystiker, auf reale Orte. Ein legendärer Soulsänger und eine Wagneroper werden wörtlich zitiert.
Dies ist ein erstaunliches, ein einzigartig vielschichtiges Werk, dem eine weite Verbreitung zu wünschen ist. Von diesem Autor wird noch einiges zu erwarten sein!


Schönberg: Klavierkonzert / Kammer-Sinfonien
Schönberg: Klavierkonzert / Kammer-Sinfonien
Wird angeboten von Bessere_Musik ( 12-24 Tage Lieferzeit aus Kalifornien)
Preis: EUR 36,17

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Höchst willkommene Bereicherung des Schönberg-Katalogs, 2. August 2005
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Schönbergs Klavierkonzert ist ein schlagendes Beispiel dafür, dass Zwölftonmusik nicht „verkopft" sein muss sondern sehr expressiv, farbig und lebendig klingen kann. Dazu bedarf es allerdings hochkarätiger und intelligenter Interpreten, die in der vorliegenden Aufnahme von Alfred Brendel und Michael Gielen mit seinem SWR Sinfonieorchester verkörpert werden. Brendel (ein reflektierender Pianist, wie man nicht nur an seinen charakteristischen Stirnfalten sondern auch an seinem höchst lesenswerten Essay über das Klavierkonzert im Begleitheft erkennen kann) gestaltet das Werk mit souveränem Formsinn und herrlicher Klangfülle. Gielen führt das Orchester mit äußerster Gespanntheit als offensichtlichen Gegenspieler des Solisten (wie so oft gibt es auch hier die Polarität Individuum - Weltlauf). Kaum ein anderer Dirigent kann das grimmige, absichtsvoll Hässliche (das paradoxerweise dann schon wieder einen sinnlichen Reiz darstellt) in Schönbergs Orchesterklang so konsequent und präzise darstellen. Der Kontrast zu den lyrischen quasi-tonalen Passagen im Solopart ist umso eindrücklicher. Eine überaus erfreuliche und auch von der Klangtechnik überzeugende Produktion.
Eingerahmt wird das Konzert von den beiden Kammersinfonien, die bisher nur sehr selten aufgenommen worden sind. Namentlich die erste für 15 Solo(!)instrumente stellt an Ausführende wie Hörer außerordentliche Anforderungen. Man hat sie auch als „zusammengepresste Sinfonie" bezeichnet. Das Gehetzte, sich Überstürzende der motivischen Erfindung - der Rezensent erinnert sich an die legendäre Aufnahme des Domaine Musicale unter Boulez, die ihm mit aberwitzigen Tempi seinerzeit ein künstliches Fieber bereitet hatten -, die ständig wechselnden Klangfarben an den schnelleren Stellen können vom Hörer kaum nachvollzogen werden, und doch wird er mitgerissen von der Aufbruchsstimmung, sie sich schon in den aufsteigenden Quarten der ersten Takte mitteilt. Hier hätte die Tontechnik unterstützend mit Tiefenstaffelung o.ä. eingreifen können. (Leider waren die Philips-Ingenieure nur bei dem Klavierkonzert tätig).
Viel eingängiger, weil in ihrem Anspruch nicht so maßlos, ist die zweite Kammersinfonie. Gielen weist in seinem Kommentar daraufhin, dass die erste Kammersinfonie den Abschied vom Reich der Tonalität einläutet, während die zweite eine versöhnliche Synthese von neuen und alten Kompositionstechniken anstrebt, nicht ohne melancholische Resignation, wie sie das sehr einprägsame Hauptthema zum Ausdruck bringt.


Sinfonie 9
Sinfonie 9
Preis: EUR 18,75

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mahler des 21.Jahrhunderts? - Möglicherweise, 1. August 2005
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Sinfonie 9 (Audio CD)
Die vollmundige Ankündigung auf dem Jubiläumscover der DGG lässt einiges erwarten, zumindest, was die Qualität des Orchesters und die fortgeschrittene Klangtechnik angeht, kann man ihr ohne weiteres zustimmen. Nun lässt Mahlers Neunte durchaus verschiedene mögliche Deutungen zu, welche die Komplexität des Werkes widerspiegeln. Boulez entscheidet sich für eine unsentimentale, sehr zügig und linear dirigierte Fassung.
Der erste Satz wird erstaunlich behutsam (manches Mal fast zu leise) genommen, so dass der fließende Rhythmus des Andante nicht immer so deutlich ist. Der intelligente Begleittext deutet ja den ersten Satz als eine Art instrumentaler Liedform, um das zu unterstreichen hätte sich Boulez vielleicht das eine oder andere Rubato gönnen können. Die düsteren Höhepunkte (Todesvorahnung) sind umso wirkungsvoller ausgestaltet. Wie so oft bei Boulez gewinnen seine Interpretationen bei mehrmaligem Anhören an Eindrücklichkeit.
Der zweite Satz ist der eingängigste der Sinfonie, geradezu eine Erholung, und besonders am Ende, wo die viel gerühmten Holzbläser des CSO zur Höchstform auflaufen, wieder mal (auch dank des scharf konturierten und obertonreichen Klangbildes) ein prall-sinnlicher Hörgenuss.
Die Rondo-Burleske beginnt recht schlicht, noch gar nicht so sehr überdreht, das idyllische Zwischenspiel ist klar, wenn auch etwas streng musiziert, die Reprise allerdings stürzt mit einem wahren Höllentempo dem Schluss entgegen. Hier hat Boulez die Dramaturgie des Satzes voll ausgereizt und das CSO nimmt dankbar die Herausforderung des Virtuosenstücks, des einzigen, das Mahler für Orchester schrieb, an.
Boulez' eigentliche Leistung ist das Finale, das in seinen klanglichen und zeitlichen Proportionen in Vollkommenheit gelungen ist. Ihm wurde, wie er selbst sagt, die Formidee des Satzes von Hans Rosbaud (während seiner Baden-Badener Zeit) vermittelt. Wenn am Ende der Orchesterklang sich immer mehr zur Transparenz verdünnt, während gleichzeitig der musikalische Atem immer länger und tiefer wird (welche Disziplin, beim Orchester wie auch beim Dirigenten gehört dazu, das „adagissimo" wirklich auszuhalten!), öffnet sich der Blick auf das, was jenseits von Raum und Zeit liegt, die Ewigkeit, aller Erdenrest ist in Liebe aufgelöst und tiefer Friede umfängt alle, die Zeugen dieses bewussten Dahinscheidens werden.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 23, 2015 9:05 PM MEST


Symphonie No. 7
Symphonie No. 7
Preis: EUR 18,99

17 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Faszinierende, manchmal auch irritierende Mahler-Deutung, 28. Juli 2005
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Symphonie No. 7 (Audio CD)
Die Aufnahme mit dem wie immer fabelhaften Cleveland Orchestra (ein Klangkörper, den Boulez ideal auf seien Intentionen eingestimmt hat) birgt einige Überraschungen. Streckenweise wirkt das Werk fast kammermusikalisch, die Dynamik ist häufig zurückgenommen und eine Hierarchie von Haupt- und Nebenstimmen - sofern von Mahler überhaupt beabsichtigt - ist kaum vorhanden. Boulez deutet ja jede Musik als virtuell polyphon. Das ist sehr spannend anzuhören (Kopfhörer sind empfehlenswert) und wieder einmal ist die fortgeschrittene Klangtechnik (mit unmittelbarer digitaler Verarbeitung der Mikrofonsignale) ein sinnlicher Genuss. Wann je hat man sonst Gelegenheit, das Obertonspektrum einer Pauke so plastisch wahrzunehmen?
Manchmal jedoch sieht (bzw. hört) man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Die wunderbare Hell-Dunkel Kontrastierung im ersten Satz wird etwas unterspielt, dem idyllischen Zwischenspiel fehlt etwas der Atem. In der ersten Nachtmusik geht der schreitende Grundrhythmus oft im Gewusel der Holzbläser unter. Das Scherzo wird weniger schattenhaft und gespenstisch als vielmehr schräg surreal und collagenhaft geformt, eine Art Vorgriff auf Strawinsky, der vielleicht mit Mahler mehr gemeinsam hat, als sonst vermutet wird. Die zweite Nachtmusik „andante amoroso" wird ziemlich zügig (wie alle drei Mittelsätze) musiziert, ob das spröde und leicht hastig klingende Liebesständchen von der Angebeteten erhört wird, darf jedoch bezweifelt werden. Da die Orchesterklänge geradezu voyeuristisch („auditeuristisch") ausgeleuchtet werden, kann sich eigentlich auch keine rechte Nachtstimmung einstellen.
Dagegen lässt Boulez dem viel geschmähten Finale endlich einmal Gerechtigkeit widerfahren, er nimmt es wirklich ernst und baut es dramaturgisch als gleichwertiges Pendant zum Einleitungssatz auf, nimmt das Auftrumpfende und „Banale", das den Hörer in diesem Satz ansonsten ermüdet, geschickt zurück. Stattdessen betont er die Nähe zu Mahlers Vierter Sinfonie (Instrumentation!) und Richard Wagners Meistersingerfinale. All dies, ohne die Brüchigkeit, die es natürlich immer noch gibt, zu verschleiern. Nach der Erfahrung des Rezensenten gewinnt die Interpretation von Boulez mit jedem erneuten Anhören und das Werk, das Mahler selbst als sehr gelungen ansah, wirkt nunmehr viel geschlossener als zuvor.


Beethoven, Ludwig van - Sinfonie Nr. 7,8,9
Beethoven, Ludwig van - Sinfonie Nr. 7,8,9
DVD ~ Michael Gielen
Preis: EUR 25,13

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Würdiger Abschluss eines hochintelligenten Beethovenzyklus, 24. Juli 2005
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Die Siebente Sinfonie ist sicher ein Glanzstück der ganzen Reihe, Gielens straffe rhythmische Organisation kommt der „Apotheose des Tanzes" sichtlich entgegen, auch das Orchester musiziert enthusiastisch (ansonsten scheint das nicht unbedingt immer in diesem Maße der Fall zu sein). Eine rundum gelöste Interpretation, gelegentliche Pfiffe im Schlussbeifall können eher als Kompliment gelten.
Die humorvolle, weit unterschätzte Achte, gibt es auch als reine Audio-Aufnahme und ist sehr unterhaltsam anzuhören und (teilweise) zu sehen.
Schließlich die Neunte, bekanntlich zum kulturellen UNESCO-Welterbe gehörend. Mühelos befreit sich Gielen von dem ungeheuren Erwartungsdruck, der vom Publikum ausgeht, und bietet unbeirrt eine seiner intelligentesten Deutungen, die Beethovens eigenen Vorstellungen vielleicht am nächsten kommt. Sehr ernst betritt er das Podium, als habe er unmittelbar zuvor noch „ein Überlebender von Warschau" von Schönberg dirigiert (ein Werk, das er ja schon kühn mit der Neunten kombiniert hat). Nach den überaus spannenden Kopfsätzen eine Überraschung: Für das Adagio braucht er fast zwei Minuten länger als noch bei der Audio-Aufnahme fünf Jahre zuvor! Was ist mit Beethovens Metronomangaben? Vielleicht hat er eingesehen, dass man alles auch übertreiben kann. Das Orchester jedenfalls genießt sichtlich die Möglichkeit, die Parts schön auszuspielen (Beethoven hatte an sich nicht so viel Verständnis für dieses Bedürfnis) und der atmende Fluss des Satzes geht dennoch nicht verloren.
Das Finale ist ganz erstaunlich: mit radikaler Konsequenz legt Gielen den Stilmix frei, die klanglichen Härten, die Herzlosigkeit, die etwa in den Worten „und wer's nie gekonnt, der stehle weinend sich aus diesem Bund" zum Ausdruck kommt (eine Stelle, die der hochsensible Gielen dynamisch ganz zurücknimmt). Meisterhaft aber auch der Höhepunkt des ganzen Werkes, ab „Seid umschlungen, Millionen", wo Gielen den Chor mit ungeheurer fast mathematischer Silbengenauigkeit führt. Bei den Worten „Überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen" kamen dem Rezensenten unerwartet Tränen, so unumstößlich wahr fühlte sich das an, Adornos Feststellung, dass Beethovens Musik „den Charakter aufgehender Hoffnung" präge, kommt da einem in den Sinn. Nur zu verständlich, dass das Publikum von diesen Wechselbädern etwas überfordert ist. Am Schluss erwartete der Rezensent ein vor Begeisterung tobendes Publikum, stattdessen gab es eher höflich freundlichen Beifall. Gielen wird das wenig stören, er weiß, dass er mit seinen mutigen Interpretationen Beethoven lebendig erhält und vor der Erstarrung zur musikalischen Konsumware (vorerst noch) bewahrt. Wir danken es ihm.


Debussy: La Mer / Nocturnes / Jeux / Rhapsodie pour Clarinette et Orchestre
Debussy: La Mer / Nocturnes / Jeux / Rhapsodie pour Clarinette et Orchestre
Preis: EUR 10,99

13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein diskographisches Ereignis höchsten Ranges!, 23. Juli 2005
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Für Debussys Orchesterwerke ist Boulez der Interpret schlechthin. Die aufs Höchste verfeinerte digitale Klangtechnik kommt seinen strukturell-klanglichen Intentionen auf geradezu ideale Weise entgegen.
Die vorliegende Aufnahme der Nocturnes gehört sicher zu seinen besten Aufnahmen überhaupt. Man weiß gar nicht, was man mehr bewundern soll, die mythisch entrückte Aura des ganzen Werkes, die höchste Spielkultur der Clevelands oder die wunderbar ausgewogene Dynamik und Struktur der Tempi. 23 Minuten reinsten Hörerglücks.
Jeux ist das bedeutendste Orchesterwerk Debussys, wenngleich nicht allzu bekannt, was an seiner kühnen Formidee liegt. Das ganze Werk befindet sich in einem Status permanenter Neuschöpfung, Motive, Harmonien und Rhythmen entstehen aus dem Nichts, kombinieren sich mit spielerischer Leichtigkeit und vergehen wieder. Über allem liegt das unbestimmt Schwebende der Balletthandlung, einer subtilen erotischen Dreiecksgeschichte. Boulez hat darauf hingewiesen, dass der Hörer sich dem unvorhersehbaren und unberechenbaren Fluss der Musik anpassen und sozusagen ständig präsent sein muss. Die Umstellung der Hörgewohnheiten erfordert Mühe aber sie lohnt sich! Jeux dauert nur 16 Minuten, enthält aber virtuell Musik für eine ganze Stunde.
Nach der lieblichen Rhapsodie für Klarinette und Orchester beschließt Debussys bekanntestes Werk, La Mer, die fantastische Auswahl dieser CD. Es ist immer wieder verblüffend, wie der Hörer, der diese Hauptwerke zu kennen meint, angeleitet von Boulez' Interpretationen Neues entdecken kann. Beispielsweise lässt der Beginn des dritten Teils mit seinen düster abgeblendeten Gongschlägen auf einmal die Klangwelt von Weberns Orchesterstück op.6 Nr. 4 aufblitzen und das triumphale Übereinandertürmen der Themen im Finale verweist auf eine Debussy scheinbar völlig fern liegende Welt, nämlich die Schlusscoda von Bruckners 8. Sinfonie


Images / Printemps / Apres-Midi...
Images / Printemps / Apres-Midi...
Preis: EUR 18,60

7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Würdige Hommage an Boulez� kompositorisches Vorbild, 23. Juli 2005
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Images / Printemps / Apres-Midi... (Audio CD)
Mit dem einleitenden Flötensolo zu „Prélude à l'après-midi d'un faune" hat die Musik einen ganz neuen Atem gewonnen, so beschreibt es Boulez. Zu Recht gilt das Prelude als das erste Werk Neuer Musik - noch während gleichzeitig die Alte Musik, etwa mit Bruckners letzten Sinfonien zu einem krönenden Abschluss kommt. Natürlich kennt Boulez das Werk Debussys in- und auswendig, vermittelt durch Messiaen hat es ja auch seine eigenen Kompositionen beeinflusst, und bringt die besten Voraussetzungen für Referenzaufnahmen mit.
Im Unterschied zu seinen früheren Aufnahmen dirigiert er recht zügig. Das Prelude beispielsweise benötigte 1966 noch 9:41 Minuten, gegenüber nunmehr 8:52, mag sein, dass dadurch etwas von dem schwülen Zauber erotischen Tagträumens verloren geht, umso sinnlicher kommen, auch aufgrund verbesserter Klangtechnik, die Farben des Orchesters herüber. Boulez hat darauf hingewiesen, dass Debussy die Klangfarben der einzelnen Instrumente nicht mischt sondern isoliert einsetzt. So kommt es zu dem Paradox, dass die Orchesterwerke trotz der charmanten Unbestimmtheit, die ihnen im Ganzen anhaftet, in den Einzelheiten höchst abgegrenzt und präzise ausgestaltet sind und fast schon Kammermusik bilden.
Indem Boulez gewissermaßen den Klangraum öffnet und Licht auf die Binnenstruktur wirft, relativiert er den zeitlichen Ablauf. Der Hörer vermag (mit einiger Übung) alle simultanen Klangereignisse zu erfassen und wird von der Überfülle an Musik geradezu beglückt.


Beethoven, Ludwig van - Sinfonie Nr. 4,5,6
Beethoven, Ludwig van - Sinfonie Nr. 4,5,6
DVD ~ Michael Gielen
Preis: EUR 25,13

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Beethoven - neu zum Leben erweckt, 22. Juli 2005
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Die Beethoven-Interpretationen von Michael Gielen und dem SWR-Sinfonieorchester fordern dem Hörer einiges ab. Das liegt daran, dass auch Beethoven selbst den Hörer fordert, nur wird die Herausforderung nur selten angenommen. Gielen hat das Verdienst, mit dem Anspruch der Werke radikal ernst zu machen. Das fängt mit den authentisch schnellen Tempi an, die - wie Gielen anmerkt - den Zusammenhang mancher Sätze wie den Kopfsatz der Eroica erst ermöglicht, setzt sich fort mit dem Verzicht auf Glättung der Klanglichkeit (Zurücknahme der Streicher zugunsten der Bläser, Dramaturgie der Pauken!) und mündet darin, die vitale Aufbruchsstimmung in Beethovens Sinfonien, offenkundig ein Nachhall der französischen Revolution, kompromisslos auszuformen.
Dass in der vorliegenden DVD nun gerade das Flaggschiff aller Sinfonik, die Fünfte, die schwächste der drei Aufnahmen ist, mag daran liegen, dass das Orchester nicht allzu begeistert musiziert (vielleicht weniger zu hören, als umso deutlicher zu sehen). Man spürt geradezu die Seufzer: „Na ja, halt die Fünfte!" Vielleicht hat auch dieses Werk selbst etwas Brüchiges, insgeheim Verstörendes an sich (der finale Jubel schaudert einen geradezu). Dagegen sind die Vierte glanzvoll in ihrem heiteren Schwung und in ihrem musikalischen Reichtum und die Sechste ausgewogen in den Proportionen und den liebevoll gestalteten Details.
Es ist dem (sehenden) Hörer anzuraten, gelegentlich auch mal auf die optische Stütze zu verzichten und sich rein auf die Musik zu konzentrieren, denn nur dann ist so etwas wie „strukturelles Hören" möglich.
Das Beiheft ist wieder mal recht karg ausgefallen.


Beethoven, Ludwig van - Sinfonie Nr. 1,2,3
Beethoven, Ludwig van - Sinfonie Nr. 1,2,3
DVD ~ Michael Gielen
Preis: EUR 25,13

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Michael Gielen und Beethoven - eine packende Kombination, 18. Juli 2005
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Leider sind die spannenden Beethoven-Interpretationen von Michael Gielen und dem SWR-Sinfonieorchester vom CD-Markt verschwunden, umso erfreulicher, dass man diese ungewöhnliche, weil vollkommen authentische Werkdeutung der Beethoven-Sinfonien nun nicht mehr nur hören (leider nicht in voller CD-Brillanz), sondern auch sehen kann.
Der Rezensent hatte bisher gegen Musik-DVDs einige Vorbehalte, er fürchtete nämlich vom reinen Musikgenuss abgelenkt zu werden. Nun ist es im vorliegenden Fall aufschlussreich, die erstaunlich sparsame Schlagtechnik des Dirigenten zu beobachten, der fast ganz hinter das Orchester zurücktritt. Die Bildregie von Barry Gavin (die sich der Dramaturgie des Klanglichen hervorragend anpasst) rückt dagegen die Orchestermusiker als „Stars" in den Vordergrund. Und das ist gut so, wie oft vergisst der Hörer, dass ein großes gut eingespieltes Orchester keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist! Nun kann man den hingebungsvollen Einsatz der Flötistin bewundern, die wangenrötende Schwerstarbeit an der Oboe oder dem Fagott mitfühlend erleben oder die Präzision der Paukeneinsätze überprüfen. Auch wäre es durchaus albern, den Anblick einer hübschen blonden Violinistin zu verschmähen. Am liebsten möchte man am Ende vor dem Bildschirm mit applaudieren.
Gielen hat auch das Verdienst, die weniger bekannten Sinfonien gleichrangig mit den allzu bekannten zu interpretieren. Das Begleitheft hätte vielleicht etwas ausführlicher sein können.


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