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Rezensionen verfasst von
Wolfgang Herrmann
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Works By Zemlinsky, Berg
Works By Zemlinsky, Berg
Wird angeboten von AZALEE-KLASSIK-DE
Preis: EUR 6,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Musik enthüllt die Geheimnisse der Liebe, 19. Dezember 2007
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Works By Zemlinsky, Berg (Audio CD)
Wenn im 3. Satz von Zemlinskys Lyrischer Symphonie der Bariton zu den Worten Du bist mein Eigen, mein Eigen" ein äußerst inniges Motiv anstimmt, überläuft den wissenden Hörer eine wahre Gänsehaut, hört er in diesem Motiv doch unmittelbar auch dessen Zitat in Bergs Meisterwerk anklingen, der Lyrischen Suite für Streichquartett, die in verschlüsselter Form eine ausführliche und genaue Beschreibung der tragischen Liebesbegegnung zwischen Alban Berg und Hanna Fuchs enthält. Der allzu karge Begleittext erwähnt nur das Zitat als solches und hätte auf den Hintergrund, der jahrzehntelang ein Geheimnis blieb, durchaus näher eingehen können. Übrigens geht die innere Beziehung zwischen den beiden Werken, wie Constantin Floros nachgewiesen hat, weit über das erwähnte isolierte Zitat hinaus.
Wiederum geht Michael Gielen ungewohnte (doch naheliegende) Wege, indem er Zemlinskys nahezu unbekanntes Werk der Streichorchesterfassung von Alban Bergs Quartett gegenüber stellt. Diese Orchesterfassung enthält allerdings nur die drei Kernsätze der Suite. Die Lyrische Symphonie von Zemlinsky klingt dabei noch sehr nach Fin de Siecle, erstaunlich angesichts des Entstehungsjahrs 1923, und bleibt in der Klangwelt von Mahlers Lied von der Erde und Richard Strauss befangen. Die eindringlichen Liebesgedichte von Tagore werden von den Gesangssolisten hervorragend (und auch textverständlich) interpretiert. Während die Symphonie noch längere idyllische Passagen enthält und friedvoll auf einem wunderbar schwebenden Akkord endet - die Liebenden nehmen die Trennung in gelassener Ergebung hin - führt die Bergsche Suite mitten hinein in ein Seelendrama, in tragische Verstrickung. Das Adagio appassionato endet in düsterer Verzweiflung.
Michael Gielen führt das prächtige Orchester in der Lyrischen Symphonie gewohnt sensibel mit Sinn für die übergreifende Form. Die Suite dagegen erscheint dem Rezensenten nicht sonderlich gelungen. Es fehlt ein wesentliches Ingredienz Bergscher Musik, nämlich die Süße, die sich in seine allgegenwärtige Todverfallenheit mischt (und damit das innere Doppelleben des Komponisten spiegelt). Ob es an dem stumpfen Orchesterklang liegt oder daran, dass manches einfach nicht kantabel wirkt, nicht ausgesungen?
Befriedigender, aber immer noch eher gediegen als sensationell, gelingen Bergs extrem kurze Orchesterlieder op. 4. Bei der Uraufführung 1913 riefen sie einen der großen Konzertskandale hervor. In der Tat wirkt die tiefe seelische Gebrochenheit, die aus den Texten spricht, auch heute noch verstörend. Im Klang des großen Orchesters klaffen gewaltige Lücken, aus denen gewissermaßen das drohende Nichts herausspringt. Der Hörer ist also vorgewarnt. Doch zum Trost sei es ihm gesagt, der rätselhafte Alban Berg war Wiener und seine Musik ist letztlich, wie die Österreicher sagen: verzweifelt, aber nicht (ganz) ernstgemeint.


Boulez-Edition: Schönberg (Kammermusik)
Boulez-Edition: Schönberg (Kammermusik)
Wird angeboten von dischiniccoli
Preis: EUR 22,90

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Tanzmusik nach zwölf Tönen und späteste Romantik, 14. Dezember 2007
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Dem Umstand, dass sich Boulez nach Jahren erfolgreicher Dirigententätigkeit Ende der 70er Jahre in den Elfenbeinturm seines Pariser IRCAM zurückzog, um mit einem hochqualifizierten Kammerensemble zu arbeiten, verdanken wir hochkarätige Aufnahmen von zum Teil wenig bekannten Werken. Freilich wären sie längst aus dem Katalog verschwunden, wäre die Marke Boulez" für Sony nicht immer noch umsatzträchtig.
Dem Werk Schönbergs hat er sich besonders intensiv gewidmet. Die Kammersuite op. 29, eines seiner ersten Zwölftonwerke, ist interessant, weil in ihr die fast metallisch strenge melodische und harmonische Konstruktion mit heiteren Tanzrhythmen und traditionellen Formen wie Gigue kontrastiert. Das Ergebnis ist spannend und hochvirtuos. Rührend, wie im dritten Satz das Volkslied Ännchen von Tharau" in einer Zwölftonumgebung variiert wird (dazu bedurfte es eines Tricks, nämlich die zur strengen Reihe fehlenden Töne mit dem richtigen Timing an die jeweiligen Begleitstimmen zu delegieren). Die letzte Variation endet allerdings mit dem für den Komponisten typischen Ingrimm.
Das zweite Stück ist das wesentlich geläufigere Streichsextett Verklärte Nacht. Es ist kaum bekannt, dass Schönberg vor seiner Hinwendung zur atonalen Musik noch einer der letzten großen tonalen Komponisten gewesen ist. Das Streichsextett macht dabei den Versuch, Elemente der Programmmusik in die Kammermusik einzuführen (dieser experimentelle Charakter geht bei der wesentlich bekannteren Fassung für Streichorchester verloren). Das romantische Motiv der Auflösung einer schuldhaften Verstrickung durch Liebe wird sehr bewegend, ergreifend in Musik gestaltet (das zugrundeliegende kaum erträgliche Gedicht von Dehmel braucht man nicht unbedingt zu kennen). Adorno sprach hier zutreffend von der humanen Wärme, die man nicht unbedingt gleich mit Schönberg in Verbindung bringt. Das Streichsextett ist hier nicht, wie sonst üblich, ein erweitertes Streichquartett (mit den bekannten Integrationsproblemen), sondern setzt sich aus Mitgliedern des Ensemble Contemporain zusammen, deren künstlerische Leitung Boulez innehat.
Als Zugabe sind noch drei atonale im Nachlass des Komponisten aufgefundene Stücke für Kammerorchester aufgenommen. Ihre fast erschreckende Kürze übertrifft noch die der Webernschen Aphorismen.


Gruppen,Punkte
Gruppen,Punkte
Preis: EUR 17,98

8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Back to the Roots - Serielle Musik als sinnliches Hörerlebnis, 10. Dezember 2007
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Gruppen,Punkte (Audio CD)
Ob der Raumklang von drei verschiedenen im Konzertsaal verteilten Orchestern nur von den dort physisch anwesenden Zuhörern erfahren werden kann, ob also eine zweikanalige CD-Aufnahme der GRUPPEN überhaupt Sinn macht, mag offen bleiben. Der Rezensent jedenfalls (dem das Konzerterlebnis nie vergönnt war) ist dankbar dafür, dass eines der Hauptwerke serieller Musik endlich in einer sowohl von der Interpretation als auch von der Klangtechnik her befriedigenden Aufnahme vorliegt. Leider ist sie schon 1997 entstanden (übrigens in Köln am exakten Ort und mit dem gleichen Orchester der Uraufführung von 1958), so dass die neueren technischen Möglichkeiten von SACD und Surround-Klang noch nicht zum Zuge kamen.
Als der Rezensent das Werk vor Jahren zum ersten Mal in Stockhausens eigener Einspielung hörte, bekam er vor lauter Grübeln über dessen mathematische Struktur Kopfweh, versäumte prompt das eigentliche Zuhören und legte die Platte erstmal für Jahrzehnte beiseite. Nun, heute weiß man, dass die rechnerischen Verfahren an und für sich keine Bedeutung hatten, sondern nur der Entlastung des Komponisten (von der Mühsal motivischer und harmonischer Arbeit) dienten. Jetzt also kann sich der Hörer entspannter der eigentlichen Substanz des Werkes widmen, nämlich der Erforschung neuer klanglicher und zeitlich-rhythmischer Dimensionen in der Orchestermusik. Wenn man sich so dem Werk nähert, mit mehrmaligem aufmerksamem Zu-Hören, öffnet sich ein ganz erstaunlicher Reichtum an Formen: zarte solistische Passagen, die in ihrer Innerlichkeit an Webern erinnern, kammermusikalische Gebilde mit spannenden Dialogen, so das berühmte Gefecht der Blechbläser (ab 14:35), das eskaliert und in eine rotierende Klangwolke mündet, oder komplexe Schlagzeuggewitter der zwölf Perkussionisten. All das ist mit einer tüchtigen Prise Humor inszeniert (man beachte z.B. die vorwitzig-aufdringliche Oboe bei 5:58). Im Nachhinein spürt das Ohr aber auch (ohne es im Einzelnen nachvollziehen zu können) die formale Klammer des ganzen Werks, ohne die es unweigerlich auseinanderbrechen würde. Der Zusammenhalt wird von dem genialen Einfall hergestellt, die Tondauern einer Allintervall-Zwölftonreihe mittels Übertragung der Intervallrelationen zu determinieren, also gewissermaßen eine Dualität von Makro- und Mikrozeit herzustellen.
PUNKTE ist mehr als nur eine Zugabe, ein bemerkenswertes Work in Progress, als streng punktuelle Musik 1952 begonnen, karg und abweisend, und nach mehreren Überarbeitungen erst 1993 vollendet (hier zum ersten Mal auf CD). Immer noch punktuell in dem Sinne, dass die einzelnen Töne oder Klänge isoliert für sich, gewissermaßen in ihrem Eigencharakter, erfahren werden, hat die Musik doch nun eine elementare, an manchen Stellen sogar wilde, sinnliche Kraft. Der Klangeindruck wird beherrscht von den unteren Registern der Blechbläser, die vorweltlich-naturhaft klingen wie im ersten Satz von Mahlers Dritter Sinfonie oder in Wagners Ring, einmal kommt eine richtige Autohupe zum Einsatz. Deutlich ist der prägende Einfluss der Klangfarbenkomposition der sechziger Jahre zu hören. Ein lustvoll mit den klanglichen Möglichkeiten spielendes Werk, das mit einem Vierteltonglissando der Posaunen triumphal endet.
Peter Eötvös, früher enger Mitarbeiter des Stockhausen Ensembles und selbst ein bedeutender Komponist, hat mit dieser CD (der ein intelligenter und ausführlicher Kommentar beiliegt) dem vor wenigen Tagen verstorbenen Karlheinz Stockhausen ein würdiges Denkmal gesetzt.


Stravinsky:Histoire du Soldat
Stravinsky:Histoire du Soldat
Preis: EUR 24,11

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Strawinsky aus erster Hand und ein kostbares Hörbuch-Dokument, 22. November 2007
Rezension bezieht sich auf: Stravinsky:Histoire du Soldat (Audio CD)
Es ist vielleicht nicht allzu bekannt, dass der Text zur L'Histoire du Soldat, den der waadtländische Dichter C.F.Ramuz im Auftrag des Komponisten aus Motiven altrussischer Märchen zusammengestellt hat, ein sehr bedeutendes und tiefsinniges Werk ist. Der aufmerksame Hörer wird von der Parabel über menschliche Sehnsüchte, teuflische Verlockungen und dem Verlust der Geborgenheit in der existenziellen Zeit zutiefst berührt. Ohne den Text von Ramuz ist die Musik das, als was sie dem Hörer der Konzertsuite erscheint, nämlich ein fleischloses musikalisches Gerippe. Nur im szenischen Zusammenhang, der bei diesem Werk im Übrigen schon von einer reinen Hörspielfassung gewährleistet wird, kann dieses Skelett zum Leben erweckt werden. Doch leider erschließt sich die L'Histoire du Soldat in angemessener Weise nur einem Hörer, der des Französischen kundig ist. Zumindest weiß der Rezensent von keiner angemessenen Realisierung der l'Histoire in anderen Sprachen. Er kennt auch keine französische Aufnahme, die der vorliegenden das Wasser reichen könnte, und diese ist immerhin 45 Jahre alt!
Für das Gelingen verantwortlich ist vor allem das Sprecher-Team um Jean Cocteau, der seinerzeit als Wortführer der neoklassizistischen Bewegung großen Einfluss auf Strawinsky hatte und mit ihm eine Zeitlang zusammen gearbeitet hatte. Sein oft bemerkter Hang zur narzisstischen Selbstdarstellung wird wenigstens hier bei dieser Aufnahme produktiv eingebracht. Mit seiner geschmeidigen, wandlungsfähigen und ausdrucksstarken Stimme füllt er die Rolle des Erzählers ideal aus und reißt auch seine Kollegen, darunter Peter Ustinov als Teufel, mit. Die imaginative Kraft der Sprache, mit den erdhaften Untertönen des waadtländischen Französisch, ergänzt sich mit dem vorzüglichen Spiel des Ensembles (unter ihnen der junge Maurice Andre als Trompeter), die unter Igor Markevitch voller Spielfreude musizieren und auch vor derb-zupackenden Gesten nicht zurückschrecken. Übrigens war auch Markevitch schon früh in Strawinskys Werk eingeweiht - er war einer der ersten, die den Sacre rhythmisch in den Griff bekamen - und hatte andererseits in seiner Jugend selbst eine Kantate nach einem Text von Cocteau komponiert. So fügt sich alles wunderbar für diese musikalische Sternstunde zusammen. Eine längst überfällige Wiederveröffentlichung!


Le Chant du Rossignol
Le Chant du Rossignol
Preis: EUR 11,99

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sehr interessante Zusammenstellung mit einer kleinen Enttäuschung, 30. Oktober 2007
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Le Chant du Rossignol (Audio CD)
Es ist sehr verdienstvoll von Boulez, diese vier Werke, die im Schatten von Strawinskys frühen Ballettmusiken stehen, mit dem fabelhaften Cleveland Orchestra herausgebracht zu haben. Der Bogen spannt sich von dem frühen Scherzo fantastique aus dem Jahr 1908 über die bedeutende Kantate Roi des Etoiles (1912) und die sinfonische Dichtung Chant du Rossignol (1917) zur Suite aus L'Histoire du Soldat (1918).
Das frühe Scherzo fantastique ist ein Meisterstück an farbiger Instrumentation, besonders in den Holzbläsern, was dem Naturbild der summenden und surrenden Insekten (à la Rimsky-Korsakow) angemessen ist. Bemerkenswert im Mittelteil die Anklänge an Richard Wagners Meistersinger und - laut Strawinsky - an Mendelssohn (über Tschaikowsky). Noch ist das reine Spätromantik. Die Clevelands spielen hier wie auch in den anderen Stücken mit einer geradezu beängstigenden Präzision. Die Klangtechnik ist perfekt.
Die russisch gesungene Kantate, deren Text dankenswerterweise übersetzt wurde, ist ein Werk aus dem Umkreis der Mystik der Ostkirche. Sie erschließt sich erst nach mehrmaligem Anhören. Ein rührendes Zeugnis für des Komponisten Verbundenheit mit seiner russischen Heimat. Merkwürdig, dass nur ein Jahr nach diesem religiösen Werk die heidnische Musik des Sacre du Printemps entstand.
Die immer noch weit unterschätzte sinfonische Dichtung Chant du Rossignol ist das bedeutendste der vier vorliegenden Werke. Die zugrunde liegende Oper Le Rossignol (von der es neuerdings eine verrückt-geniale DVD gibt) hat schon den 14-jährigen Boulez beeindruckt. Das Werk bringt außerordentlich kühn die verschiedensten Stilelemente zusammen: den burlesken Wirbel à la Petruschka, exotische Chinoiserie mit zum Teil kantiger Schärfe, aber auch zarte anmutige Romantik. Dieses märchenhaft heitere Traumspiel hört man am besten mit den Ohren eines Kindes. Boulez hat damit seine frühere Aufnahme aus dem Jahr 1980 mit dem Orchestre National de France weit übertroffen.
Schon die ersten Takte der Suite zur Geschichte des Soldaten lassen Merkwürdiges ahnen: Die verwegene Schar fahrender Musikanten hat sich hier in ein vornehmes Kammerorchester verwandelt. Die Elemente von Parodie, die musikalischen Grimassen werden radikal zurückgenommen. Das ganze Stück wirkt unterkühlt und ist damit objektiv langweilig. Wo bleibt zum Beispiel die gestelzt ordinäre Posaune des Marche royale? Oder das kratzende - von Adorno nicht zu Unrecht als idiotisch bezeichnete - Gefidel des petit concert? Auch das Abgründige, etwa beim Teufelsmarsch, dringt nicht so recht durch. Bezeichnend, dass einzig die idyllische Szene am Bach authentisch wirkt. Die doppelte, also (Rück)verfremdung kann doch nicht der Sinn der Suite gewesen sein! Man sehnt sich im Übrigen nach einer neuen Gesamtaufnahme der l'Histoire du Soldat, die der legendären von Barrault und Markevitch das Wasser reichen könnte. Von Boulez ist das leider nicht zu erwarten.


Sinfonie 9
Sinfonie 9
Preis: EUR 21,99

15 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Klangkathedrale voller Licht, Raum und Atem, 28. Oktober 2007
Rezension bezieht sich auf: Sinfonie 9 (Audio CD)
Nachdem sich die Aufregung um die Rekonstruktion des unvollendeten vierten Satzes von Bruckners Neunter wieder gelegt hat, kann man sich wieder gelassen der dreisätzigen Version zuwenden, die von den Hörern offensichtlich schon seit jeher als vollständig empfunden worden ist. Und welcher Dirigent wäre für diese Rückbesinnung besser geeignet als Carlo Maria Giulini? Der Rezensent erinnert sich dankbar an dessen Aufnahme mit dem Chicago Symphony Orchestra, die ihm vor fast 30 Jahren das Tor zu Bruckner mit wahrhaft ekstatischen Hörerlebnissen öffnete.
Die vorliegende zwölf Jahre später entstandene Einspielung mit den Wiener Philharmonikern übertrifft die frühere womöglich noch an Radikalität der Deutung. Kompromisslos werden die klanglichen Schärfen von Bruckners Schwanengesang herausgestellt, die an vielen Stellen bestürzende Modernität seiner Harmonik und Melodik. Dabei ist die Darstellung völlig frei von sentimentalen Verzerrungen - die bei Bruckner gefährlich nahe liegen - dank des ruhigen Atems, der von der ersten bis zur letzten Minute waltet und auch bei den erschütternden Höhepunkten durchgehalten wird. Dieser Atem weitet den Klangraum und führt ganz natürlich zu einem langsamen Tempo in den Ecksätzen, ohne dass sich beim Hörer der Eindruck des Schleppens einstellt. Exemplarisch lässt sich das an einer heiklen Stelle der Partitur, dem Einsatz des Seitenthemas nach dem zweiten C-Dur Ausbruch im dritten Satz (bei 16:09) belegen: Was in anderen Einspielungen wie ein plötzlicher Spannungsabfall, eine Ermattung erscheint, wirkt hier als durchaus schlüssiger Übergang.
Das Scherzo andererseits überrascht den Hörer mit den luftigen, tänzerisch beschwingten Pizzicati zu Beginn, nach denen freilich die stampfenden Marcato-Felder umso schockierender wirken. Das schöne Trio wird nicht geisterhaft verhuscht und damit verflüchtigt, sondern unbefangen ausmusiziert.
Das Finale, mit seiner sich selbst auflösenden Form, stellt für jeden Dirigenten eine große Herausforderung dar. Giulini setzt auf die dramaturgische Wirkung der beiden geballten C-Dur Akkorde (bei 2:07 bzw. 15:08) und des dissonanten Zusammenbruchs gegen Ende (23:44). Die C-Dur Akkorde sind gleichsam Spalten des Klangewölbes, aus denen gleißend helles Licht strömt, während die große Dissonanz die ganze Kathedrale, die im ersten Satz noch so majestätisch errichtet wurde, zum Einsturz bringt. Diese Stelle zählt sicher zu den geheimnisvollsten in der gesamten sinfonischen Literatur: Ist sie eine Vorwegnahme des eigenen Todes oder, wie anspielungsreich gesagt wurde, das Ineins von Lust und Gnade? Die erhabene Ruhe der abschließenden Coda gibt darauf keine eindeutige Antwort.
Diese Aufnahme aus dem Jahr 1988 ist zu Recht legendär geworden und immer noch erste Referenz. Im Großen Musikvereinssaal von Wien mit dessen delikater Akustik live aufgenommen, klingt sie im Übrigen wie eine perfekte Studioaufnahme.


Der Holzgeschnitzte Prinz (Suite) / Konzert für Orchester
Der Holzgeschnitzte Prinz (Suite) / Konzert für Orchester
Preis: EUR 19,61

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Überraschende Entdeckung - und eine Wiederentdeckung, 22. Oktober 2007
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Wer sich bei der 1916 entstandenen Musik zum Tanzspiel Der holzgeschnitzte Prinz trotz manch schöner Momente doch herzlich gelangweilt hat, putzt sich beim Anhören der Großen Suite aus eben diesem Werk verwundert die Ohren: Auf einmal hat die Musik bezwingende Kraft, ist spannend und farbig zugleich. Des Rätsels Lösung: Bartok hat die Suite erst 1932, also zur Zeit seiner reifen Meisterschaft, zusammengestellt und die Essenz der Tanzspielmusik mit seinen neu erworbenen Ausdrucksmitteln erheblich anreichern können. Der Hörer findet in der Suite sowohl die schwelgenden Klänge der Spätromantik als auch die Dramatik der Pantomime Der Wunderbare Mandarin wie auch die saugende Schwermut der Blaubartoper zu einer meisterhaften Synthese vereinigt. Da die einzelnen Sätze stetig ineinander übergehen, kann die Suite durchaus als eine Art sinfonischer Dichtung in einem Satz gehört werden. Michael Gielen gibt den Klangbildern Raum zur gelassenen Entfaltung, ohne die formende Dramaturgie, das Zupacken im richtigen Moment, zu vernachlässigen. Großartig zum Beispiel, wie in der Einleitung der Orgelpunkt der tiefen Instrumente (an Wagners Rheingold erinnernd) ganz allmählich zu einer gewaltigen Steigerung geführt wird, nach der sich mit einem Mal eine surreale Klanglandschaft öffnet. Nach Meinung des Rezensenten ist diese Suite eines der bedeutendsten Orchesterwerke Bartoks. Paradoxerweise ist sie fast unbekannt. Das dürfte sich aber nach dieser Pioniertat Gielens ändern.
Das Konzert für Orchester, Bartoks glanzvolles Alterswerk, kannte der Rezensent schon aus Einspielungen von Solti und Boulez. Genauer gesagt kannte er es noch gar nicht richtig, denn erst Gielens Lesart hat ihm deutlich gemacht, dass es sich hier keineswegs um eine Sinfonie, sondern um ein Konzert handelt, das virtuell alle Orchesterinstrumente solistisch einsetzt! Will der Hörer den ganzen delikaten Reichtum dieses Werks aufnehmen, muss er besonders im ersten und letzten Satz schon sehr konzentriert zuhören, um die Fülle der musikalischen Ereignisse, die vielen kontrapunktischen Gestalten, die Engführungen und Fugati überhaupt mitzubekommen. Gielen hat sich mit der ihm eigenen Feinfühligkeit dafür entschieden, von Fall zu Fall das Tempo der Komplexität geschmeidig anzupassen und zugleich die einzelnen Orchestergruppen fein auszubalancieren, um Polyphonie möglichst durchsichtig darzustellen. Das aufmerksame Hören (und Noch-einmal-Hören) ist ein einziger Genuss. Auch das Orchester spielt auf höchstem Niveau, daran mag auch eine etwas gewagte Intonation beim allerersten Einsatz der Hörner nichts ändern.
Nicht zuletzt ist bei beiden Aufnahmen die hervorragende Tontechnik hervorzuheben, die zusammen mit der wunderbaren Akustik des Freiburger Konzerthauses ideale Rahmenbedingungen liefert.
Diese CD ist eine in jeder Hinsicht Maßstab setzende Produktion!


Klavierkonzerte 1,2,3
Klavierkonzerte 1,2,3
Preis: EUR 18,22

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Beeindruckendes Triptychon, 19. Oktober 2007
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Klavierkonzerte 1,2,3 (Audio CD)
Boulez macht aus der Not eine Tugend. Da es ihm nicht mehr möglich war, alle drei Konzerte mit demselben Solisten (Zimerman) einzuspielen, präsentiert er nun ein Spektrum mit drei verschiedenen Pianisten und Spitzenorchestern. Das sperrig-kantige und immer noch etwas rätselhafte Konzert Nr.1 ist bei Krystian Zimerman und dem Chicago Symphony Orchestra bestens aufgehoben. Zimerman hat ein feines Gespür für Temporelationen, geht die attaca Passagen mit vitaler Perkussivität an, vermag aber auch den langsamen Satz mit einfühlsamen rubati richtig spannend zu gestalten, so dass sich die vorab befürchtete Monotonie beim Hören gar nicht erst einstellt. Die beträchtlichen Schwierigkeiten des Orchesterparts werden vom Chicago SO brillant gemeistert, die Abstimmung mit dem Solisten ist vorzüglich. Dass im zweiten Satz etwa bei 6:33 die Oboe falsch einsetzt, wirkt inmitten des professionellen Orchesterspiels fast schon sympathisch.
Noch eine Stufe höher, völlig fehlerlos und zugleich überbordend lebendig, spielen die Berliner Philharmoniker im zweiten Konzert. Sie sind die eigentlichen Stars dieser Einspielung, auch wenn sich der Solist Leif Ove Andsnes mit sehr natürlichem Spiel gut dagegen behauptet. Die Wärme des Streicherklangs etwa bei den misterioso Passagen in zweiten Satz ist kaum zu übertreffen und wenn nach dem spukhaften presto Zwischenspiel der Triller des Klaviers sich mit dem hohen Flageolett der zurückkehrenden Streicher mischt - eine der beglückendsten Stellen Neuer Musik - überläuft den Hörer eine wahre Gänsehaut. Auch die Klangtechnik der Aufnahme ist diesem Werk, das zu den Gipfelwerken seiner Gattung gehört, hervorragend angepasst, da es den Intentionen Bartoks entsprechend den Solisten vollkommen in das orchestrale Geschehen einbettet.
Das dritte Klavierkonzert führt einen in eine andere, eher etwas konventionelle, Klangwelt, mit der üblichen Anordnung: Solist vorne an der Rampe, Orchester im Hintergrund, und dem klassischen Wechselspiel beider. Das London Symphony Orchestra kann unter diesen Umständen seine Klasse nicht so ganz ausspielen. Das eigentlich Spannende an dieser Aufnahme aber ist die radikale Deutung des Mittelsatzes durch Helene Grimaud. Erst nach mehrmaligem Anhören wird klar, dass es ihr nicht um ein pedantisches Buchstabieren des Notentextes geht - bei extrem langsamem Grundtempo - sondern um den aufrichtigen Mitvollzug eines innigen Gebetes, mit all der Hingabe, aber auch dem Zögern, Stocken, der düster zweifelnden Trauer. Wahrhaft ein Adagio religioso. Boulez, ganz Kavalier, verzichtet hier ausnahmsweise auf die zügigen Tempi, die ansonsten seinen Altersstil kennzeichnen, und passt sich seiner Solistin an.


Die Essenz der Liebe: Ein Roman
Die Essenz der Liebe: Ein Roman
von Wolf G. Hermes
  Taschenbuch

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Einer der großen Liebesromane im frühen 21. Jahrhundert, 10. September 2007
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Essenz der Liebe: Ein Roman (Taschenbuch)
Früher als erwartet hat Wolf G. Hermes seine "Trilogie der Liebe" zum Abschluss gebracht. Nach den eher kleinformatigen ersten beiden Teilen der Trilogie kommt nun der dritte Teil, fast dreimal so umfangreich wie jeder beiden Vorgänger, mit der Wucht eines epischen Romans daher. Das ist keineswegs zufällig, denn in dem großen Roman wird das Ätherische der "Sommerlaunen" mit der Sinnlichkeit der "Erotischen Momente" zu einer aufregenden, man könnte sagen alchemistischen Synthese gebracht.
"Die Essenz der Liebe" ist ein Roman erfüllter ganzheitlicher Liebe. Äußeres Kennzeichen dafür ist die Erweiterung der erzählerischen Perspektive. Während die ersten beiden Teile der Trilogie noch ausnahmslos aus der Sicht von Marcel erzählt werden (und somit seine Einsamkeit unterstreichen), hat im großen Roman auch die Innenwelt seiner Geliebten Claire ihren Platz. Eine der vielen intimen Begegnungen zum Beispiel erlebt der Leser ganz aus Claires Sicht. Diese, im Übrigen mit beispielloser Kühnheit beschriebene, Liebesszene stellt eine Entsprechung zu einer zentralen Episode der "Erotischen Momente" dar.
Die Frage nach Wirklichkeit und Wahrheit der Liebe, die in der Doppelnovelle gestellt wird, wird von dem Roman eindeutig beantwortet: Liebe i s t wirklich. Freilich unterscheidet sich diese Wirklichkeit oft von den Wünschen und Sehnsüchten der beiden Hauptpersonen und eben das macht den tragischen Aspekt dieser Liebe aus. Wolf G. Hermes beschreibt diese Wirklichkeit anmutig, aber mit der ihm eigenen Radikalität, scheut weder den mystischen Überschwang noch auch den Abstieg in animalische Abgründe. Und doch liegt noch auf den düstersten Stellen eine Art von Schönheit , die sich der mitfühlenden Art der Darstellung verdankt und das Herz des Lesers tief berührt. Gerade die Unvollkommenheit der Liebenden prägt dieser Liebe das Siegel des Menschlichen auf.
Es unmöglich, auch nur ansatzweise auf den inneren und äußeren Reichtum dieses Werks einzugehen. Es gibt eine ganze Fülle von Schauplätzen, die obgleich nicht mit Namen genannt, doch leicht zu entschlüsseln sind. Der Leser erhält zum Beispiel intimen Einblick in ein Yoga-Festival und begleitet das Liebespaar auf die Reise zu einer Nordmeerinsel, wo das Motiv der Großen Natur (aus der Novelle "Die vier Elemente") wieder aufgenommen wird. Auch die reizvollen Charaktere der Nebenpersonen sind hervorzuheben, so etwa die geheimnisvolle Isabelle oder Mark, der amerikanische Yogalehrer.


Sommerlaunen: Zwei Novellen
Sommerlaunen: Zwei Novellen
von Wolf G. Hermes
  Taschenbuch

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Auf der Suche nach dem Wunderbaren, 3. Juni 2007
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Sommerlaunen: Zwei Novellen (Taschenbuch)
Nach seinem im Vorjahr erschienenen Episodenroman "Erotische Momente", der mit einer radikal neuartigen Sichtweise auf Sex und Erotik einiges Aufsehen erregt hat, überrascht uns Wolf G. Hermes hier mit einem leichten heiteren Werk, das sich schon mit dem reizenden Coverfoto als Ferienlektüre für den Sommerurlaub empfiehlt.

Der Klappentext verrät uns, dass die vorliegende Doppelnovelle als erster Teil einer Trilogie aufzufassen ist, deren zweiter Teil eben die "Erotischen Momente" darstellen. Auch hier geht es also um die mystische Suche nach dem Wunderbaren in der Liebe, nur bewegt sich die Suche hier auf einer feineren Ebene.

In der ersten Novelle "Celines Nähe" verliebt sich Marcel, den wir schon von den erotischen Episoden her als eine Art "Antiheld" kennen, in seine Arbeitskollegin. Was als harmloser (und kaum erwiderter) Büroflirt beginnt, entwickelt sich für Marcel zu einer abenteuerlichen Reise in die Welt der ätherischen Liebe. Meisterhaft schildert der Autor den Reichtum dieser Welt, die verfeinerte Sinneswahrnehmung eines verliebten Menschen. Rosen beginnen zu "lachen", ein aufsteigendes musikalisches Motiv wird zu einer "Himmelsleiter", die Buchstaben des Namens Celine beschwören "die weichen Linien ihrer Gestalt". Der äußere Fortgang der Geschichte, real und in vielen Passagen auch erfrischend komisch, erscheint als Schleier, hinter dem unsichtbare Welten aufleuchten. Marcel, und mit ihm der Leser, sieht den festen Boden unter seinen Füßen schwanken, er zweifelt sogar an seinem eigenen Ich! Am Ende ist Marcel unwiderruflich verwandelt: "Die Sehnsucht nach Wahrheit und Wirklichkeit der Liebe" wurde in seinem Herzen verankert.

Die zweite Novelle, "die vier Elemente", spielt auf einer Ferieninsel im Atlantik, wo Marcel der bezaubernde Ariane begegnet. Schon das nur drei Seiten umfassende einleitende Kapitel ist ein entzückendes Stimmungsbild und in seiner formalen Eleganz nichts weniger als vollkommen. An einem paradiesischen Naturstrand entwickelt sich danach zarte Erotik, was dem Autor einmal mehr Gelegenheit gibt, sein Lieblingsmotiv, nämlich die Schönheit der Frauen, zu gestalten. Das Idyll bleibt jedoch nicht unbelastet, dramatische Aspekte kommen ins Spiel. Nur soviel sei verraten, dass die "Große Natur" dabei eine Hauptrolle spielt und folglich Naturschilderungen einen großen Raum einnehmen, ja sogar zu den Höhepunkten der Novelle führen. Hier zieht der Autor sämtliche ihm zur Verfügung stehende Register. Seine Beschreibung der Meeresbrandung zum Beispiel, mit ihrem überwältigenden Reichtum an Farben und Formen, ist wahrlich ein Stück große Literatur. Das eher schlichte Ende dieser Novelle leitet sehr geschickt über zum Themenkreis der erotischen Episoden, dem zweiten Teil der Trilogie.

Nach diesen beiden Meisterwerken erwarten wir voll Ungeduld den Abschluss der Trilogie, die Fortsetzung der Suche nach dem Wunderbaren in der Liebe. Vielleicht wendet sich Wolf G. Hermes nach den entzückenden Miniaturen der Episoden und den formvollendeten Novellen nunmehr einer längeren epischen Form zu? Lassen wir uns überraschen.


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