Fashion Sale Hier klicken Strandspielzeug reduziertemalbuecher Cloud Drive Photos Alles für die Schule Learn More HI_PROJECT Hier klicken Fire Shop Kindle PrimeMusic Summer Sale 16
Profil für Wolfgang Herrmann > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Wolfgang Herrmann
Top-Rezensenten Rang: 12.487
Hilfreiche Bewertungen: 789

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Wolfgang Herrmann

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8
pixel
Histoire du Soldat
Histoire du Soldat
Wird angeboten von Presto Classical
Preis: EUR 15,90

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Strawinsky aus erster Hand und ein kostbares Hörbuch-Dokument, 21. Oktober 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Histoire du Soldat (Audio CD)
Es ist vielleicht nicht allzu bekannt, dass der Text zur L'Histoire du Soldat, den der waadtländische Dichter C.F.Ramuz im Auftrag des Komponisten aus Motiven altrussischer Märchen zusammengestellt hat, ein sehr bedeutendes und tiefsinniges Werk ist. Der aufmerksame Hörer wird von der Parabel über menschliche Sehnsüchte, teuflische Verlockungen und dem Verlust der Geborgenheit in der existenziellen Zeit zutiefst berührt. Ohne den Text von Ramuz ist die Musik das, als was sie dem Hörer der Konzertsuite erscheint, nämlich ein fleischloses musikalisches Gerippe. Nur im szenischen Zusammenhang, der bei diesem Werk im Übrigen schon von einer reinen Hörspielfassung gewährleistet wird, kann dieses Skelett zum Leben erweckt werden. Doch leider erschließt sich die L'Histoire du Soldat in angemessener Weise nur einem Hörer, der des Französischen kundig ist. Zumindest weiß der Rezensent von keiner angemessenen Realisierung der l'Histoire in anderen Sprachen. Er kennt auch keine französische Aufnahme, die der vorliegenden das Wasser reichen könnte, und diese ist immerhin 45 Jahre alt!
Für das Gelingen verantwortlich ist vor allem das Sprecher-Team um Jean Cocteau, der seinerzeit als Wortführer der neoklassizistischen Bewegung großen Einfluss auf Strawinsky hatte und mit ihm eine Zeitlang zusammen gearbeitet hatte. Sein oft bemerkter Hang zur narzisstischen Selbstdarstellung wird wenigstens hier bei dieser Aufnahme produktiv eingebracht. Mit seiner geschmeidigen, wandlungsfähigen und ausdrucksstarken Stimme füllt er die Rolle des Erzählers ideal aus und reißt auch seine Kollegen, darunter Peter Ustinov als Teufel, mit. Die imaginative Kraft der Sprache, mit den erdhaften Untertönen des waadtländischen Französisch, ergänzt sich mit dem vorzüglichen Spiel des Ensembles (unter ihnen der junge Maurice Andre als Trompeter), die unter Igor Markevitch voller Spielfreude musizieren und auch vor derb-zupackenden Gesten nicht zurückschrecken. Übrigens war auch Markevitch schon früh in Strawinskys Werk eingeweiht - er war einer der ersten, die den Sacre rhythmisch in den Griff bekamen - und hatte andererseits in seiner Jugend selbst eine Kantate nach einem Text von Cocteau komponiert. So fügt sich alles wunderbar für diese musikalische Sternstunde zusammen. Eine längst überfällige Wiederveröffentlichung!
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 4, 2013 9:56 AM MEST


Die Syro-Aramäische Lesart des Koran: Ein Beitrag zur Entschlüsselung der Koransprache
Die Syro-Aramäische Lesart des Koran: Ein Beitrag zur Entschlüsselung der Koransprache
von Christoph Luxenberg
  Taschenbuch

59 von 68 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Es fällt einem wie Schuppen von den Augen ..., 20. Juli 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
«... fabelhafte Geschichten jüdischer und christlicher Religion, Amplifikationen aller Art, grenzenlose Tautologien und Wiederholungen bilden den Körper dieses heiligen Buches, das uns, sooft wir auch darangehen, immer von neuem anwidert, dann aber anzieht, in Erstaunen setzt und am Ende Verehrung abnötigt.» Goethes bemerkenswert ehrliche Bemerkungen zum Koran (in den Noten und Abhandlungen zum West-Östlichen Diwan) zeigen deutlich die Ambivalenz, die jeden unbefangenen Leser «dieses heiligen Buches» beschleicht. Das soll unmittelbar Gottes Wort sein, überbracht durch den Engel Gabriel?
Christoph Luxenberg, der mit seinen Forschungen nach eigenen Worten «die Würde des Koran» wiederherstellen will, gibt sich damit nicht zufrieden. Der wissenschaftliche Spürsinn des Linguisten führt ihn zu den Wurzeln der Unklarheiten und Verzerrungen: Die Sprache des Koran ist keine ursprüngliche, sondern eine mit syro-aramäischen Elementen versetzte, daher muss es eine tiefere, reinere Schicht unterhalb der Oberfläche des «arabischen» Koran geben. Und diese verweist auf das verschwundene orientalische Christentum, dessen Erbe der Islam, ohne es zu wissen (oder wissen zu wollen), angetreten hat. Vermutlich entstammen zumindest die «mekkanischen Suren» des Koran der Übersetzung eines christlichen, in syrischer Sprache abgefassten, Lektionars (syr. qeryana).
Der Rezensent, der mit Übersetzungen mystischer Texte aus dem Islam befasst ist und dort auf Schritt und Tritt christlich-esoterischen Ideen begegnet, kann erst jetzt sein eigenes tieferes Interesse für diese Texte wirklich begreifen. Aufatmend darf er seine Scheuklappen ablegen und auch im Koran den christlichen Kern unbefangen anschauen. Und dabei ist bisher nur ein Teil von Luxenbergs Erkenntnissen veröffentlicht...
Der Leser sollte allerdings wissen, dass er es hier mit einer sprachwissenschaftlichen Studie für Semitisten (also nicht bloß für Arabisten) zu tun hat. Wer diesem Kreis von Spezialisten nicht angehört, vermag die ziemlich verwickelte Beweisführung des Autors kaum in jedem Detail nachzuvollziehen. Und doch besteht an der wissenschaftlichen Integrität Luxenbergs auch für den unbedarften Leser kein Zweifel. Seine Forschungsergebnisse sind in ihrer Plausibilität derart beeindruckend und spannend, dass man mit ihm «die Hände über dem Kopf zusammenschlägt», wenn man die grotesken koranischen Fehllesungen (etwa zu den sogenannten Huris) mit der geklärten Version (nach syro-aramäischer Lesart) vergleicht.
Was würde nun Mohammed selbst zu diesen neuen Erkenntnissen sagen? Ein von ihm überliefertes Hadith drückt es aus: «Macht euch auf die Suche nach Wissen, und sollte es in China sein!» Die Koranforscher brauchen nicht mehr so weit zu gehen, das Wissen liegt viel näher...
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 24, 2016 4:58 PM MEST


Lehar: Die lustige Witwe (Gesamtaufnahme) (Aufnahme Wien 1994)
Lehar: Die lustige Witwe (Gesamtaufnahme) (Aufnahme Wien 1994)
Preis: EUR 18,99

6 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Geburt der Komödie aus dem Geiste des Tanzes, 11. Mai 2010
Theodor W. Adorno forderte im November 1930, anlässlich einer Operetteninitiative des Frankfurter Opernhauses, «dass man sich dann nicht an falscher Stelle des Niveaus erinnere, das hier doch keines ist, sondern rücksichtslos Operette spiele». Er meinte damit, das Leichte solle auch leicht genommen und nicht mit einem Geist der Schwere belastet werden. Nun, John Eliot Gardiner ist ein in diesem Sinne rücksichtsloser Dirigent, er versenkt sich, wie übrigens bei allen seinen Produktionen, innig in den Zeitgeist des jeweiligen Werks und gibt ihn ungebrochen wieder. Und der Geist der «Lustigen Witwe» ist nun mal der schöne Schein, die Tanzseligkeit der Belle Epoque, das sublimierte erotische Verwirrspiel, das sinnliche Schwelgen in orchestralen Prachtfarben. (Selbstredend ist das ein anderer als der Geist der im genau selben Jahr, nämlich 1905, entstandenen «Salome» von Richard Strauss.)
Gardiner nimmt die Wiener Philharmoniker ganz schön an die Kandare, die Tempi sind, wie nicht anders zu erwarten, sehr straff, was dem Ganzen einen grandiosen Schwung verleiht und sentimentalen Schmalz gar nicht erst aufkommen lässt. Manche Tanznummern haben einen fast atemlosen Drive. Nicht als ob es keine innig ausgehörten Stellen gäbe! Das zu Recht beliebte Vilja-Lied wird von Cheryl Studer ungewöhnlich zart gesungen (auch von dem Monteverdi-Chor) und die süße Schönheit der Pavillon-Romanze kann auch den Hörer «um den Verstand bringen». Wenn anderseits im Finale zum zweiten Akt der eifersüchtige Danilo wütend das Maxim-Lied anstimmt, wird es, wenn auch nur für wenige Takte, sogar hochdramatisch.
Dankenswerterweise wurden für die CD-Aufnahme die Dialoge gekürzt, dadurch wird umso deutlicher, dass die ganze Komödie aus dem Geiste des Tänzerischen konzipiert ist (Nietzsche hätte seine helle Freude daran gehabt). Die vorherrschenden Walzermelodien werden reizvoll kombiniert mit Mazurken und slawischen Kolotänzen, mit Polkarhythmen und sogar einem Militärmarsch.
Es gibt kaum einen Takt der Musik, der nicht irgendeine Synkope enthielte. Ist es überhaupt möglich, diese Operette ruhig im Sessel sitzend einfach anzuhören?
Die Wiener Philharmoniker sind in ihrem Element, dabei den Intentionen ihres Dirigenten erstaunlich fügsam, und der Klang der im Großen Saal des Wiener Musikvereins produzierten Aufnahme ist brillant durchsichtig, ein einziger Genuss. Deutlich kann man Lehars Anleihen bei Wagner (Tristan und Meistersinger), bei Debussy, Bizet und Mozart heraushören. Im Tanzduett des zweiten Aktes kommt auch die Wiener Tschuschenkapelle als Bühnenorchester zum Einsatz.
Das Ensemble der Solisten erschien dem Rezensenten sehr befriedigend und homogen, Barbara Bonney (als Valencienne) und Rainer Trost (als Camille) mögen dabei etwas herausragen. Vergleiche mit anderen Starsängern seien den darauf Spezialisierten überlassen. Übrigens ist auch die Sprachbehandlung vorzüglich.
Seine andernorts aufgestellte Behauptung, nach Ravels La Valse könne man Walzerseligkeit nicht mehr unbefangen genießen, muss der Rezensent hiermit zurücknehmen. Nach 79:47 Minuten wachte er auf wie aus einem seligen Traum, er war einfach - glücklich.


Rebstock der Liebe: Traum und Sehnsucht
Rebstock der Liebe: Traum und Sehnsucht
von Biggi Knabe
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,90

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Herzerfrischend und das Herz berührend, 19. April 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Wenn ein Lyrikband sich in der Regel schon vom Äußeren her als ein geistiges Gebilde ausweisen will, so wartet die Anthologie der noch weitgehend unbekannten Autorin mit überraschend sinnlichen Reizen auf. Das Coverfoto zeigt als Faksimile das Gedicht «Himmlische Gefühle» in der originalen Handschrift der Autorin, mit einem schwungvoll ausgreifenden und zugleich anmutig ausgewogenen Duktus. Kalligrafisch schön! Die einzelnen Kapitel werden garniert von kleinen heiteren Zeichnungen (einer stilisierten Robbe und einer Art Luftgeist), die aus ihrer eigenen Feder stammen, und auf der letzten Seite findet sich ein entzückendes Foto, das die Autorin als verführerische Kindfrau zeigt (lässt nicht schon allein ihr Name an ein altersloses Wesen denken?).
Diesen Eindruck naturhafter Frische und ewiger Jugend bestätigen auch die Gedichte selbst. Völlig unbekümmert um irgendwelche literarischen Moden oder Vorgaben schreibt Biggi Knabe über die Liebe von ihrem Herzen her, in der schlichten Kurzform gereimter Verse, die von authentischen Empfindungen geradezu überquellen. Dies ist das Gegenteil der «Sinnentleertheit», die häufig zu Recht oder zu Unrecht der Lyrik vorgeworfen wird! Hier pulsiert das reine lebendige Leben, ohne dass die Gedichte jemals oberflächlich oder sentimental erscheinen würden. Und bei aller zarten Sinnlichkeit, die gelegentlich zum Zuge kommt, überschreiten sie nie die Grenzen des Geschmacks. Es ist keineswegs Zufall, dass Natur und Natürlichkeit für Biggi Knabe so wichtige Motive darstellen: «Der Frühling ist da / Und du bist mir so nah. / Die ersten Blumen blühen, / Oh, wie unsere Herzen glühen!»
Man findet ja allgemein in der Lyrik das Gedankenschwere, das Verstörte und das Verstörende, das Anklagende, das Bittere, das Gefangensein im Sprachlabyrinth und so weiter. Wer sich davon «erholen» will, der greife getrost zu diesem Bändchen'
Gleichsam als Zugabe beschließen kleine Aphorismen der Autorin die einzelnen Kapitel. So erhält der Leser auch Kostproben ihres sprachspielerischen Talents.
Ein überaus kostbares (und dazu noch preiswertes) poetisches Werk, von Wolf G. Hermes herausgegeben und einfühlsam gestaltet. Wir freuen uns schon auf weitere Veröffentlichungen von Biggi Knabe!
Kommentar Kommentar | Kommentar als Link


Passionen, Weihnachtsoratorium & Kantaten (Limited Edition)
Passionen, Weihnachtsoratorium & Kantaten (Limited Edition)
Preis: EUR 49,99

47 von 48 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Musik von einzigartiger spiritueller Tiefe und Breite in einer sehr dürftigen Aufmachung, 26. März 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Am Ende der Verwertungskette von Tonträgern steht die Gesamtausgabe. Vielleicht hat sich die DG ja von dem überwältigenden Erfolg von Gardiners Bachaufnahmen auf seinem eigenen SoliDeoGloria-Label dazu animieren lassen, alle seine bei DG erschienenen Aufnahmen der geistlichen Vokalmusik Bachs in einer Box zusammenzufassen. Sie umfasst immerhin 22 CDs. Davon enthalten 9 CDs das Weihnachtsoratorium, die beiden großen Passionen und die h-moll Messe (inhaltlich sind diese 9 mit der sogenannten Collectors Edition von DG identisch). Eine CD mit dem Magnificat BWV 243 und der Solokantate BWV 51 (mit der wunderbaren Emma Kirkby) wurde von Philips übernommen, eine CD enthält die Trauerode BWV 198, den einzigartigen Actus Tragicus BWV 106 und die innige Motette BWV 118. Die restlichen 11 CD enthalten Kirchenkantaten, die von der DG auf ihrer Website der «Bach Cantata Pilgrimage» zugeordnet werden, wohl weil sie im Bachjahr 2000 veröffentlicht wurden. Tatsächlich jedoch sind lediglich vier davon, nämlich die Stationen Mailand, Christchurch, Meran und Pembrokeshire, auf Gardiners Pilgerreise aufgenommen worden! Man könnte das auch als Etikettenschwindel bezeichnen'
Die künstlerische Qualität von Gardiners Bachdeutung ist schon so oft hervorgehoben worden, dass jedes weitere Wort dazu eigentlich überflüssig ist. Insbesondere der Monteverdi-Choir hat Maßstäbe gesetzt und sie stets aufs Neue bestätigt, ihn zu loben, ist inzwischen fast schon eine Beleidigung. Bei den Solisten der Kantaten (etwa den Kontratenören, nicht jeder ist ein Michael Chance) gibt es leichte Niveauschwankungen, die aufs Ganze gesehen aber nicht ins Gewicht fallen. Und den kristallinen beschwingten Klang der English Baroque Soloists möchte man bei Bach inzwischen nicht mehr missen.
Interessant ist ein Vergleich der «authentischen» Pilgrimage-Aufnahmen mit denen, die Gardiner zuvor in den neunziger Jahren eingespielt hat. So hat z.B. der Eingangschor der Pfingstkantate BWV 34 «O ewiges Feuer, o Ursprung der Liebe» in der Pilgrimage-Fassung (Juni 2000, Long Melford, SDG-Label) doch erheblich mehr Feuer und Liebeskraft als in der hier vorliegenden ersten Fassung (April 1999, London, DG). Es scheint, als ob die Umstände dieser einzigartigen musikalischen Pilgerreise die Hingabe der Ausführenden und die Reife der Interpretation außerordentlich gefördert haben. Übrigens gelingt es auch der Aufnahmetechnik, bei aller akustischen Verschiedenheit der Stationen einen warmen und direkten Klang zu schaffen. Nichts gegen Gardiners frühere Aufnahmen der Kantaten, aber das Bessere ist nun mal des Guten Feind.
Kostbare, sehr kostbare Musik, aber welch eine Verpackung!! Die anonymen CD-Hüllen könnte man auch im Supermarkt kaufen, das (durchaus übersichtliche) Booklet beschränkt sich auf die nackten Aufnahme- und Besetzungsdaten. Es gibt nicht eine einzige Zeile Begleittext, die sich dazu herablassen würde, diese gewichtige Sammlung wenigstens zusammenfassend kurz zu würdigen. Immerhin sind die Gesangstexte «mit ihrer deutschen Übersetzung»(??) im Internet als Pdf-Datei verfügbar. (Der Interessierte sei übrigens auf die umfassende Website bach-cantatas.com hingewiesen, wo sogar die kompletten Partituren einzusehen sind). Und das knallrote Cover mit einer rätselhaften Kreuzung von Buddha und Samurai ist bestenfalls Geschmacksache '
Sicher ein grandioses Schnäppchen vom Preis her, aber manche wären doch wohl bereit, für eine liebevolle, kenntnisreiche und anschauliche Aufmachung, wie sie Gardiners SDG-Label mustergültig präsentiert, etwas mehr zu zahlen.


Abhandlung über die Liebe: Aus den Mekkanischen Eröffnungen (Futuhat al-Makkiyah)
Abhandlung über die Liebe: Aus den Mekkanischen Eröffnungen (Futuhat al-Makkiyah)
von Muḥyi-'d-Dīn Muḥammad Ibn-ʻAlī Ibn-al-ʻArabī
  Taschenbuch
Preis: EUR 28,00

19 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Leidenschaftlich, tiefgründig und von unerschöpflichem Reichtum, 5. Februar 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
«Die Liebe ist jenes Band, / Das Gott wie Mensch berührt». Mit diesen Gedichtzeilen beginnt Ibn Arabis Abhandlung über die Liebe, eines der umfangreichsten Kapitel in seinem Opus Magnum, den «Futuhat al-Makkiyah», das hier erstmals ungekürzt in deutscher Übersetzung (basierend auf der französischen Übertragung von Maurice Gloton) vorliegt.
Jene beiden Verszeilen könnten durchaus als Motto für das gesamte Werk dienen. Die Liebe gilt als eine der grundlegenden existenziellen Befindlichkeiten des Menschen, doch ist sie gleichermaßen ein fundamentaler Aspekt des Göttlichen Wesens! Ein universeller Geist wie Ibn Arabi sieht die Liebe daher mit Notwendigkeit aus dem Blickwinkel der Einheit: «Die Liebe ist die Quelle des universellen Daseins». All ihre Erscheinungsformen ' als grobe Kategorien werden die natürliche Liebe, die spirituelle Liebe und die Liebe zu Gott unterschieden ' sind Aspekte der EINEN Liebe. Und letztlich gibt es nur EINEN Liebenden und EINEN Geliebten. Folglich wird keine Form der Liebe zugunsten einer anderen «abgewertet», sie alle haben ihren Platz im Kosmos und werden dementsprechend gewürdigt. Für unser westliches Verständnis ergeben sich daraus einigermaßen ungewohnte Folgerungen, etwa die, dass das geliebte Wesen als ein vom Liebenden getrenntes Objekt nicht existiert, sondern ein Produkt seiner schöpferischen Imagination ist!
Ibn Arabi nähert sich dem unerschöpflichen Thema der Liebe ' als leidenschaftlich Liebender: «Gott hat uns mit dieser [machtvollen] Liebe überhäuft, doch hat Er uns zugleich die Kraft verliehen, sie zu bändigen. Bei Gott! Könnte ich mir vorstellen, dass die Liebe, die ich empfinde, sich dem Himmel zeigte, er würde zerbersten.» Seine Leidenschaft bestimmt auch die literarische Form der Abhandlung: Besonders zu Beginn ist sie übersät von bezaubernden Gedichten, er lässt viele anschauliche (und auch drastische) Anekdoten einfließen, von denen die meisten auf den ägyptischen Mystiker Dhu-n-Nun zurückgehen. Gelegentlich teilt der Größte Meister auch sehr persönliche Erfahrungen mit. Demgegenüber tritt der systematische Aspekt zurück und manche zunächst logisch erscheinende Ableitung lässt Ibn Arabi absichtlich in Paradoxien münden. «Denn die Liebe ist köstlich / Ihr Wesen jedoch unverstanden».
Und doch bleibt sein Ehrgeiz, das gesamte in der islamischen Mystik angesammelte Wissen über die Liebe zusammenzufassen: «Wir haben unsere Untersuchung bis an die äußerste Grenze der Zergliederung und Nachforschung geführt.» Der Gefahr, sich in der Größe und Weite seines Gegenstandes zu verlieren, begegnet er mit intensiver Bezugnahme auf die Hadithe und den Koran, den er nach seinem inneren Verständnis ' und das heißt gelegentlich in schroffem Gegensatz zur orthodoxen Lesart ' deutet. Gerade im Hinblick auf die Liebe offenbart die esoterische Schicht des Koran ganz erstaunliche Erkenntnisse, die von den gängigen Übersetzungen weitgehend verschleiert bzw. zugeschüttet wurden, und sogar den korankundigen Leser verblüffen werden.
Die «Abhandlung über die Liebe» ist keine scharf abgegrenzte Monographie innerhalb der «Futuhat», sondern bleibt ' auch hier zeigt sich Ibn Arabis Universalität ' eingebunden in die integrale Bewegung seines Geistes, der nie den Zusammenhang mit dem großen Ganzen aus dem Auge verliert, sondern im Gegenteil jede Gelegenheit nutzt, die großen Themen wie die Heiligen Namen Gottes, Vorherbestimmung und Willensfreiheit, Diesseits und Jenseits, die Aufgabe des Vollkommenen Menschen im Kosmos usw. ins Spiel zu bringen. Insoweit spiegelt diese Abhandlung auch die ganze Breite und Tiefe von Ibn Arabis Lehre wider. Beim Lesen gewinnt man den paradoxen Eindruck, sich auf jeder Seite des Textes gleich nah am Zentrum seines Denkens zu befinden, denn alles ist mit innerer Bedeutung durchtränkt.
Im umfangreichen letzten Kapitel, das den schlichten Titel «Bezeichnungen, die dem Liebenden zustehen» trägt, geht es um die Göttliche Liebe, deren Phänomenologie in vierundvierzig zum Teil äußerst dichten Szenarien entfaltet wird. Ibn Arabi betont hier die Gegenseitigkeit dieser Liebe, er lässt wechselweise Gott und Mensch die Rolle des Liebenden übernehmen. Sie sind gewissermaßen allein mit ihrer Liebe zueinander und begegnen sich auf «Augenhöhe». Mit beispielloser Kühnheit tritt hier die Würde des Menschen als Ebenbild und Stellvertreter Gottes zutage. Ibn Arabi war sich durchaus bewusst, wie weit er sich hier vorgewagt hatte. So mahnt er in seinem Epilog ausdrücklich: «Hüte dich indes davor, [Gott den Geschöpfen] ähnlich zu machen.»
Fast vierhundert Anmerkungen (mehr als die Hälfte davon stammen vom deutschen Übersetzer) geben wichtige Zusatzinformationen zum Text und scheuen sich auch nicht, bei schwierigen Stellen Verständnishilfe zu geben. Alle im Text vorkommenden arabischen Begriffe sind exakt transkribiert und mit ihren deutschen Bedeutungen im umfangreichen Register aufgeführt, das nicht lediglich ein Fundstellenverzeichnis, sondern auch ein kleines Wörterbuch ist.
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 5, 2014 11:08 PM MEST


Brandenburgische Konzerte
Brandenburgische Konzerte
Preis: EUR 29,99

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Quicklebendig, spannungsreich und intelligent musiziert, 27. Dezember 2009
Rezension bezieht sich auf: Brandenburgische Konzerte (Audio CD)
Und wieder eine erstaunliche Produktion von Sir John Eliot Gardiner ... Der Rezensent meinte doch tatsächlich, die Brandenburgischen Konzerte schon zu kennen (wem hat sich z.B. das daktylische Kopfthema von Nr. 3 nicht ins Ohr eingegraben?), aber schon die allerersten Takte von Nr. 1 haben ihn fast umgehauen, mit einem hautnah direkten Ensembleklang und dem fröhlichen Chaos, das die beiden Hörner mit ihren unbotmäßigen Jagdrufen veranstalten. War Bach denn tatsächlich so kühn? - Er war es, und diese Aufnahme bestätigt dies aufs Neue, ob es sich nun um die asymmetrische Einleitung von Nr.1 handelt, um die äußerst gewagte Kombination von Violine, Blockflöte, Oboe und Trompete als Soloinstrumente in Nr. 2, die fast manische Verwendung der Zahl Drei im dritten Konzert, die Dominanz der Blockflöten in Nr. 4, die revolutionäre Einführung des Harpsichords als Soloinstrument in Nr. 5 oder den apart dunklen Klang in Nr. 6, das ausschließlich mit tiefen Streichern besetzt ist.
In seinem intelligenten Begleittext weist Gardiner darauf hin, dass es sich bei den Brandenburgischen Konzerten weitgehend um Kammermusik handelt. Folgerichtig zog er sich als Dirigent in den Konzerten 3 bis 6 vollständig zurück (tatsächlich saß er bei den Aufführungen im Auditorium!) und übte lediglich eine moderierend beratende Funktion aus. Er konnte sich auf seine fabelhaften English Baroque Soloists verlassen, bei denen die Violinistin Kati Debretzeni hier als «prima inter pares» den Ton angibt. Ohnehin scheint Gardiners Erfolgsrezept - nach dem Eindruck des Rezensenten - in dem höchstmöglichen Respekt zu liegen, den er allen Mitwirkenden seiner Produktionen entgegenbringt. Dass sie grundsätzlich alle im Booklet namentlich genannt werden, kennt man ja von ihm. Hier lässt er überdies einige von ihnen selbst mit aufschlussreichen Beiträgen zu Wort kommen. Sie machen deutlich, wie sehr jeder sich selbst in höchstem Maße nicht nur mit makelloser Technik, sondern auch mit Herzblut und geistigem Mitvollzug der Kompositionen einbringt. Und genau das ist der Grund für die unglaubliche Präsenz und Stimmigkeit dieser Aufnahmen. Auch die Verwendung von Originalinstrumenten bewirkt hier kein Befremden (sofern man deren Klang nicht gerade zum allerersten Mal vernimmt) sondern schafft im Gegenteil zusätzliche Vertrautheit, da der Geist von Bachs Zeit vermittelt wird: Die glückliche Weimarer Episode, wo er unter der Förderung eines verständigen Fürsten endlich einmal nach Herzenslust im Rahmen weltlicher Musik experimentieren konnte. Die Konzerte sind fortgeschrittene Unterhaltungsmusik, man könnte sie durchaus - wie Gardiner im Hinblick auf rhythmische Energien in Bachs Werken anmerkt - die Jazz- oder gar Rockmusik seiner Zeit nennen.
Sicher ist es ein Risiko, Werke des klassischen Mainstreams in der Hochpreiskategorie neu herauszugeben (im Übrigen hatte nur ein großzügiger Sponsor die Einspielung ermöglicht), aber das Geld des Käufers ist gut angelegt. Der Rezensent ist beileibe kein Kenner der unzähligen konkurrierenden Aufnahmen, aber er kann sich kaum eine lebendigere und klanglich überzeugendere Einspielung dieser Konzerte vorstellen!


Das Leben des Propheten: as-sîra an-nabawiyya
Das Leben des Propheten: as-sîra an-nabawiyya
von Muhammad Ibn Ishâq
  Broschiert

17 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Muhammad als menschliches Wesen - packend und wirklichkeitsnah, 27. Juli 2009
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
«Schlagt eure Zelte weit voneinander auf, aber nähert eure Herzen», mit diesem arabischen Sprichwort im Sinn versucht der Rezensent (der nicht im Zelt der orthodoxen Muslime wohnt), sich dem Menschen Muhammad «mit dem Herzen zu nähern». Ibn Ishaqs Biographie des Propheten kommt ihm da gerade recht, war doch der Autor ein begeisterter Geschichtsschreiber, dem es um objektive unverfälschte Darstellung ging! Zu seiner Zeit war das freilich keineswegs selbstverständlich und folgerichtig wurde sein Werk auch den orthodoxen Theologen verdächtig. Leider ist die Biographie nicht unmittelbar überliefert, sondern nur in der Bearbeitung von Ibn Isham (gest. 830), der u.a. Berichte, «über die es keine koranischen Offenbarungen gibt», sowie «Nachrichten, über die zu sprechen widerwärtig ist», einfach weggelassen hat. Die erstgenannte Zensur ist besonders schmerzlich, denn gerade die Berichte über die außerkoranischen Sprüche des Propheten (über die sogenannten Hadithe) hätten zur Prüfung der Authentizität manch zweifelhafter Teile der Sunna herangezogen werden können. Und Muhammads esoterische Seite, die sich besonders in den sogenannten «hadith qudsi» zeigt und ein hochbedeutendes inneres Wissen offenbart, wird ganz und gar ausgeblendet. Das Schwergewicht liegt auf den äußeren kriegerischen Ereignissen. Dabei hat Ibn Isham einige Stellen mit Rücksicht auf die zu seiner Zeit herrschenden Abbasiden (also im Sinne anti-umayyadischer Propaganda) bearbeitet. Die Übersetzung von Gernot Rotter ist ganz vorzüglich und mit Anmerkungen, einem sehr aufschlussreichen Personenregister und kompetenten Literaturhinweisen ausgestattet.
Ein schönes Beispiel für die Wahrheitsliebe von Ibn Ishaq sind die beiden Kapitel über die Himmelsreise des Propheten, wo er (ohne sie zu kommentieren) verschiedene Versionen der Geschichte, die zum Teil einander widersprechen, nebeneinander stellt. - Gerade die Teile, die Muhammad in einem menschlich unvollkommenen Licht zeigen, bezeugen die Authentizität des Textes. Wir erleben Muhammad u.a. als gerissenen Feldherrn in der Grabenschlacht («... versuche Zwietracht unter unsere Feinde zu säen! Krieg ist nun einmal Betrug»), aber auch wankelmütig und beeinflussbar (beim Kampf am Brunnen von Ma'una, der ein kurios-unglückliches Ende nimmt). Wahrhaft erschütternd ist das Kapitel über die Schlacht von Uhud: Muhammad erlebt seine schwärzeste Stunde. Zutiefst gedemütigt, verwundet, entstellt (er verliert einen Schneidezahn), lässt er sich in seiner Verbitterung dazu hinreißen, «[bei einem Rachefeldzug] dreißig Männer [der Quraish] verstümmeln [zu wollen]», was ihm die Offenbarung der Verse 16:126 des Koran sogleich wieder ausreden muss. (Die von Ibn Ishaq zitierten Koransuren werden übrigens stets im Zusammenhang ihrer konkreten Veranlassung angeführt, was ihrer Verständlichkeit sehr zuträglich ist.) Ja, und dann das Massaker an den jüdischen Banu Quraiza, für das Muhammad zuerst die Verantwortung auf Sa'd ibn Mu'adh abschiebt, um es dann gleichwohl, anscheinend ungerührt, selbst durchzuführen. Mögen die frommen Muslime diesen Vorfall als jenseits von Gut und Böse ansehen, dem Rezensenten lief es beim Lesen eiskalt den Rücken hinunter! Und mit einem Mal wurde er sehr, sehr traurig... Kann man sich dieser Seite des Propheten wirklich «mit dem Herzen nähern»?
Die besiegten Banu Mustaliq andererseits hatten Glück: Muhammad verliebt sich spontan (unter den Augen der eifersüchtigen Aisha) in die Tochter des Stammesfürsten und heiratet sie auf der Stelle, was sämtlichen Gefangenen dieses Stammes die Freilassung einbringt! Ist es Zufall, dass unmittelbar danach das Gerücht von Aishas Seitensprung mit Safwan ibn Mu'attal auftaucht? Neben der schillernden Aisha gibt es weitere hochinteressante Nebenfiguren, den streitbaren Umar, der nach seiner Bekehrung zum 150 %-igen Muslim wird und keine Gelegenheit auslässt kundzutun, wie gerne er «jedem Ungläubigen den Kopf abschlagen würde», den sanften Abu Bakr, die dämonische Hind usw. Merkwürdigerweise sind aber Fatima und Ali fast überhaupt nicht präsent (ist womöglich auch hier politische Zensur am Werk gewesen?).
In den beiden Schlusskapiteln beschleunigt sich das Geschehen dramatisch: Muhammad beneidet die Toten auf dem Friedhof, denn er sieht die kommenden Bürgerkriege unter den Muslimen «wie Fetzen der finsteren Nacht» herannahen und entscheidet sich ganz bewusst - zu sterben! Seine religiöse Mission ist erfüllt, die politische gescheitert, es gibt für ihn nichts mehr zu tun... Umar verdrängt Muhammads Tod, er verkündet öffentlich, der Prophet werde zurückkehren und werde «denjenigen Hände und Füße abschlagen, die behauptet haben, er sei gestorben». Doch Abu Bakr, der von den Muslimen der Aufrichtige (al-Siddiq) genannt wird, entgegnet darauf schlicht: «Oh ihr Menschen! Wenn jemand Muhammad anbetet, Muhammad ist tot! Wenn [aber] jemand Gott anbetet, Gott lebt und wird nie sterben!»
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 19, 2012 4:22 PM CET


Le Marteau Sans Maitre/Derives 1&2
Le Marteau Sans Maitre/Derives 1&2
Preis: EUR 18,99

9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Dirigent Boulez entdeckt sein Meisterwerk neu, 17. Februar 2009
Rezension bezieht sich auf: Le Marteau Sans Maitre/Derives 1&2 (Audio CD)
Von der 1957 entstandenen Kantate «Le Marteau sans Maître» nach Gedichten von René Char war kein anderer als Igor Strawinsky tief beeindruckt. Und eben dieses Werk erschloss vor 40 Jahren dem Rezensenten die Welt der Avantgarde Musik! Die vom Komponisten geleitete Aufnahme mit Jeanne Deroubaix als Altistin und den Solisten des Domaine Musical erschien ihm seinerzeit (auch aufnahmetechnisch) schlechthin vollkommen. Entzückend war die kühle Brillanz der Sängerin und das exotische kristallin helle Klangbild, das so gut zu den surrealen Gedichten zu passen schien. Vielleicht wurde damals auch der stachelige Charme der seriellen Schreibweise als erfrischende Herausforderung für das etablierte Musikrepertoire verstanden.
Lässt man sich nun auf diese aktuelle Aufnahme ein, so erlebt man (erneut), wie schon der bloße Zeitverlauf eine musikalische Komposition verändern kann. Es ist schon bezeichnend, dass derselbe Dirigent, nämlich Pierre Boulez, sich für das Werk nun fast sieben Minuten länger Zeit nimmt! Der Ton ist weicher, die Klangbalance besser (besonders bei den Schlaginstrumenten), die Musik atmet freier und gliedert sich nunmehr in klar sprechende Phrasen. Kurz gesagt, das Werk gewinnt an Schönheit ... Im Commentaire III zum Gedicht «Bourreaux de Solitude» etwa gibt es bezaubernde Passagen, wo die Musik ähnlich wie seinerzeit bei Webern ganz in sich selbst versunken ist.
Überhaupt Webern und die Neue Wiener Schule! Ihre Wirkung auf das Boulez'sche Schaffen ist auch hier deutlich auszumachen, neben der Gamelan-Musik aus Indonesien und dem besonders in der Flötenstimme hörbaren Einfluss Debussys (eigentlich ist hier die Flöte die heimliche Solistin). Arnold Schönberg stand Pate bei der Behandlung der Gesangstimme: «L'Artisanat furieux» ist ganz offensichtlich eine Hommage an dessen Liedkunst und der expressionistische Stil des «Pierrot Lunaire» wird besonders von der Altistin dieser Aufnahme, Hillary Summers, beschworen.
Allerdings ist es eine offene Frage, ob ihr dunkler, oftmals sehr pathetischer Ton den surrealistischen Gedichten Chars, die sich doch vom Inhalt der Worte entfernen und sich stattdessen in den Sprachklang einnisten, angemessen ist. Besonders in «Bourreaux de Solitude» ist das Pathos kaum erträglich. Da würde der Rezensent nun doch die distanzierte Eleganz von Jeanne Deroubaix vorziehen.
Der geniale Schluss der Kantate, wenn der Hörer nach dem Verstummen der Singstimme eigentlich nichts mehr erwartet und auf einmal die tiefen Klänge des Gongs und des Tamtams ihn überraschen, wirkte in der frühen Aufnahme wie ein Schock und fast schon bedrohlich. Hier jedoch scheint es, als würde die Musik ganz folgerichtig auf eine tiefere (oder höhere) meditative Ebene steigen und den Hörer ganz gelassen mit sich führen.
Was diesem gewichtigen Werk auf der CD folgt, kann nicht mehr als ein Bonus sein. Zunächst hören wir «Dérive 1» (1984), eine sehr anziehende Miniatur für kleines Kammerensemble. Sie beruht auf einer einfachen Skala (Es-A-C-H-E-D [Re]), mit der Boulez in Bergscher Manier dem Basler Dirigenten und Mäzen Paul Sacher seine Ehre erweist, und zeigt das wieder erwachte Interesse des Komponisten an tonaler Harmonik an. Das Stück hat eine reizvolle Dramaturgie: Es beginnt überaus drängend und dramatisch, beruhigt sich in der Mitte aus rätselhaften Gründen und verhallt schließlich im Offenen, fragend Unbestimmten. - Die zweite längere Zugabe ist «Dérive 2» (2002) für kleines Kammerorchester (das Vibraphon darf auch hier nicht fehlen). Da freilich benötigt der Hörer einige Geduld, um dem Werk auf die Spur zu kommen. Die außerordentliche Dichte der knapp halbstündigen und einsätzigen Komposition, in der die Instrumente solistisch miteinander und gegeneinander spielen, verweist natürlich auf die erste Kammersymphonie von Schönberg, der sie auch klanglich nahesteht. Zu Beginn geht es rastlos und kurzatmig zu, es gibt merkwürdig irreguläre Sforzati-artige Engführungen, dann wiederum entspannt sich das Geschehen in mehr meditativen Episoden, wo sich tonale Harmoniezentren ausmachen lassen. Das emsige Gewusel ist wohl irgendwie (ähnlich wie beim späten Ligeti) nicht mehr ganz ernst gemeint. Gegen Ende ruft eine energische Klavierkadenz im hohen Register das Orchester gewissermaßen zur Raison. Übrigens hat der Komponist «Dérive 2» schon 2006 (erst nach der vorliegenden Aufnahme) wieder überarbeitet und mit einer kühnen Hornsequenz enden lassen («der erste richtige Schluss bei Boulez», wie manche Kritiker anmerkten).


Ascension (Impulse Master Sessions)
Ascension (Impulse Master Sessions)

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein riesiger und rätselhafter Obelisk in der Landschaft des Freejazz, 11. Februar 2009
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ob man John Coltranes «Ascension», das (bis auf den zweiten Aufnahmetake) niemals wiederholt und nie öffentlich aufgeführt wurde, als ein Musikstück ansehen soll, ist eine durchaus offene Frage. Dem Rezensenten erscheint es eher als ein für die Nachwelt gut dokumentiertes spirituelles Ereignis. Das digitale Remastering hat sich hier wirklich gelohnt, manche klanglichen Schärfen sind abgemildert, auch an den dynamischen Höhepunkten bleibt das dichte Stimmgewebe durchhörbar und man hört jetzt tatsächlich gelegentlich die Schreie, von denen der Saxophonist Marion Brown gesprochen hatte (Joachim Ernst Berendt hatte «Ascension» mal als 40-minütigen Orgasmus bezeichnet, na ja ...). Es ist eine reine Freude, das Stück mehrfach anzuhören - wonach ein jedes Meisterwerk der Musik verlangt -, denn unglaublich viel gibt es darin zu entdecken!
Schon der Beginn, der majestätische Aufstieg des (einzigen) Themas, das offenbar aus dem Hauptmotiv von «A Love Supreme» abgeleitet ist, aber im Unterschied dazu nicht nach horizontaler Entwicklung sondern gleichsam in die Höhe drängt, ist bemerkenswert, denn die Instrumente setzen wie im Kanon nacheinander ein und fast gleichzeitig sind abwärts fallende Skalen zu hören, als ob (wie bei der biblischen Jakobsleiter) aufsteigende und absteigende Bewegung einander durchdringen würden. Je öfter man dem Stück lauscht, desto klarer werden die Struktur der Großform, die fein abgestimmte Dramaturgie von kollektiven Improvisationen und solistischen Episoden, sowie die vielen überraschenden harmonischen Modulationen, die das auseinander driftende Kollektiv wieder auf ein tonales Zentrum ausrichten (bei 20:45 in Ed. II hört man ansatzweise einen richtigen Choral!).
Überhaupt gibt es viel mehr tonale und klassische Elemente in diesem Werk als man meinen sollte. So gewinnt das tierhaft fauchende Solo von Pharoah Sanders seine Wirkung erst vor dem Hintergrund der Rhythmusgruppe, die Sanders' hochexpressiven Klänge auf durchaus klassisch zahme Art begleitet. McCoy Tyner, der sich ohnehin seit «A Love Supreme» innerhalb des Quartetts mehr und mehr zurückgezogen hatte, wagt sich am Piano auch nicht ansatzweise so weit vor wie etwa sein Zeitgenosse Cecil Taylor sondern spielt im Hintergrund einfache Bluesakkorde, als ruhenden Pol gewissermaßen. Tyners Solo ist interessant, erinnert aber eher an Debussys impressionistische Klavierstücke als an Freejazz. Am meisten atonal wirkt noch das inspirierte Duett der beiden Bassisten. Elvin Jones, der immerhin sieben Bläser gegen sich hat, bringt eine beachtliche Energie auf sich durchzusetzen und webt unverdrossen, wie schon jeher im klassischen Quartett, seine polyrhythmischen Muster.
Nicht dass es keine wirklich «chaotischen» Elemente in den ungeheuer dichten kollektiven Improvisationen gäbe! Die ständig wechselnde Mischung der individuellen Klangfarben ist atemberaubend: die schnatternde Trompete von Freddie Hubbard, die traurigen Vierteltöne von Archie Shepp, John Tchicais asthmatisches Hüsteln usw. Auf manche Hörer mag das gewiss verstörend wirken, der Rezensent jedoch hört darin eine unwiderstehliche Fröhlichkeit und wird an die «Guggemusig» der alemannischen Fasnet erinnert. Eine übermütig heitere Himmelfahrt ist das! Und bleibt immer noch rätselhaft, auch nach über 40 Jahren...
Am Ende, wenn das erhabene Hauptthema ganz in der Art einer klassischen Reprise zurückkehrt und bedeutungsvoll in den Bässen verklingt, ist dem Rezensenten klar: Dieses Werk wurde nicht für menschliche Ohren geschaffen, es ist auf seine eigene Art - ein Lobpreis Gottes.


Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8