Profil für Buchfreund > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Buchfreund
Top-Rezensenten Rang: 654
Hilfreiche Bewertungen: 554

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Buchfreund
(TOP 1000 REZENSENT)   

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10
pixel
Die Unendlichkeit: Unendlichkeit in Wissenschaft, Philosophie und Kunst
Die Unendlichkeit: Unendlichkeit in Wissenschaft, Philosophie und Kunst
von Antonio Lamua
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Übersichtlicher Blick über diverse Tellerränder, 22. Juli 2015
Dieses äußerlich elegante und inhaltlich vielseitige Buch befaßt sich mit der Unendlichkeit aus mannigfachen Blickwinkeln. Ein solches Phänomen in einer kleinen Enzyklopädie, einem Handbuch zusammenzufassen ist wegen der extrem vielen denkbaren Ansatzpunkte nicht leicht, das Thema dann auch noch allgemeinverständlich für den nichtwissenschaftlichen Buchmarkt aufzubereiten noch schwerer. Lamúa hat diese Aufgabe gut gemeistert.

Der handliche Band im ungewöhnlichen fast quadratischen Format ist nach Wissenschaften und Fakultäten gegliedert: „Naturwissenschaften“ und „Mathematik“ nehmen verständlicherweise den breitesten Raum ein (mehr als die Hälfte des Umfangs), es sind aber auch „Technologie“, „Kunst“, „Philosophie“ und „Symbole“ vertreten.

Zunächst finden sich in dem lexikonartig, aber nicht alphabetisch aufgebauten Buch die Lemmata oder Beiträge, die man erwartet: Schwarze Löcher, Massenerhaltungssatz, Infinitesimalrechnung, Möbiusband, Weizenkornlegende (auch mit Reiskörnern überliefert), Ouroboros etc. Neue und neueste Technologien sind u.a. mit einem Text über die – vor allem bei Erweiterung der Felderanzahl – in sich der Unendlichkeit annähernder Anzahl produzierbaren QR-Codes vertreten. Und natürlich wird auf das „Unendliche“ im Werk bekannter Philosophen eingegangen. Überraschend sind aber einzelne Texte, die eine unerwartete Perspektive ermöglichen, so z.B. über Bärtierchen und „unendlich“ wandelbare Mikroorganismen, über den Rubikwürfel („Zauberwürfel“) oder über das Metronom. Im Bereich der Kunst stellt Lamúa nicht nur – das war zu erwarten – Eschers paradoxe Bilder vor, sondern auch „Das Unendliche im Werk von Jorge Luis Borges“ oder „Edgar Allan Poes Eureka“. Viele der Artikel sind sehr lesenswert, wenn auch manche zu kurz sind für ihr komplexes Thema (siehe dazu unten). Etliche Lemmata haben mir eine neue Sichtweise eröffnet oder aber Informationen gegeben, die ich so bisher nicht mit der Frage nach der Unendlichkeit verknüpft hatte.

Einige der Beispiele oben zeigen es schon: etliche der Texte haben nicht direkt mit Unendlichkeit, sondern mit sehr großen Mengen oder Zahlen zu tun. Das ist kein Nachteil, im Gegenteil. Über die Befassung mit sehr großen Zahlen kann man sich dem Problem der Unendlichkeit Schritt für Schritt nähern, ohne gleich die komplexesten Fragen stellen zu müssen. Außerdem ist „Unendlichkeit“ letztlich dem Menschen nicht verständlich, nur scheinverständlich, während er sich größten Zahlen zumindest verstandesmäßig annähern kann. Vielfach geht es hier allerdings um Zahlen, die so groß sind, daß sie sich nicht nur dem Alltagsverstand entziehen (z.B. die Anzahl der Kombinationen beim Rubikwürfel: 43 Trillionen! [genauer gesagt (5,19*10^20)/12, i.e. 43,252 Trill.]), sondern zum Teil auch die Mathematik an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit bringen – und darüber hinaus.
Eher bedenklich ist, daß manche Texte überhaupt nichts mit dem Thema zu tun zu haben scheinen, nicht nur nicht mit der Unendlichkeit, sondern auch nichts mit großen Zahlen; bei einigen Lemmata konnte ich leider keinen Zusammenhang zur Unendlichkeit herstellen bzw. der Zusammenhang wirkt oft sehr „herbeigeholt“ und „zurechtgebogen“. Dies gilt vor allem für die Bereiche „Kunst“ und „Technik“. Das dies gerade die Themenbereiche sind, in denen man sich mit menschengemachten Gegenständen zu befassen hat, also mit endlichen Produkten der Arbeit endlicher Wesen, ist vermutlich kein Zufall.

Die Texte sind im Allgemeinen recht gut und vor allem verständlich geschrieben; der Autor hat darauf geachtet, nicht zu komplizierte Fachbegriffe zu verwenden und auch sehr schwierige Sachverhalte nachvollziehbar darzustellen. Manche Texte, z.B. der über „Hilberts Hotel“ (ein Gedankenexperiment mit transfiniten Zahlen bzw Mengen) sind geradezu amüsant.
Einige Texte sind leider schlecht aufgebaut, enthalten erst zu lange allgemeine Einführungen, z.B. über Biographien und ähnliches, dann zu wenig zum eigentlichen Thema. Ich hatte den Eindruck, daß der Autor dem Leser hier schwierigere Zusammenhänge ersparen wollte, aber mehr hätte er ihm schon zutrauen können. Gerade bei den Texten im Bereich „Mathematik“ fehlen z.T. wesentliche gedankliche Schritte, um das Dargestellte wirklich verstehen zu können. Auch einige Beispiele hätten den Texten gut getan. Die Seiten sind kaum einmal ganz voll, da wäre noch viel Platz gewesen. Komprimierte Texte auf nur einer Seite sind gut, aber wenn man schon ein Buch von über 300 Seiten zusammenstellt, dann dürfen gerne mehr als zwei Drittel der Seiten von Text bedeckt sein (bzw. mit den Bildern weitaus weniger).

Zu manchen Beiträgen ist die Bildauswahl überhaupt nicht nachvollziehbar. Der Artikel zu Hegel und der Dialektik des Unendlichen ist mit einer Graphik des Urknalls und einer Raumsonde bebildert. Es gibt nicht einmal ein Bild von Hegel. Einige der verwendeten digital erstellten Graphiken sind technisch total veraltet und stammen offenbar aus den 00er Jahren. Das kann man so heute eigentlich nicht mehr abdrucken.
Im Allgemeinen ist die Bildqualität aber gut, die Farbbilder machen etwas her und geben dem Buch eine abwechslungsreiche Gestalt. Zu jedem der 150 Texte findet sich ein Bild auf der gegenüberstehenden Seite. Das „spart“ zwar leider viel Text, aber wer sich leicht erschlagen fühlt von zu viel Text, wird dankbar sein.

Fazit: Das in gutem Stil und sorgfältig verfaßte Buch mit vielen Ein- und Ansichten kann damit trotz kleinerer Mängel empfohlen werden. Besonders ist es für Leser geeignet, die sich ernsthaft und mehr als nur fünf Minuten mit dem Thema befassen wollen, ohne auf ein Fachgebiet beschränkt zu sein. Fachkenntnisse sind nicht vonnöten, aber ein bißchen Naturwissenschaft und Mathematik (etwa mittleres Gymnasialniveau) sollte man verstehen.


Wo hat Prometheus das Feuer vesteckt?: Alles, was Sie über die Mythen der Welt wissen sol
Wo hat Prometheus das Feuer vesteckt?: Alles, was Sie über die Mythen der Welt wissen sol
von Kenneth C Davis
  Gebundene Ausgabe

3.0 von 5 Sternen Für Einsteiger zu viel, für Kenner zu flach und für alle zu verworren, 22. Juli 2015
Der Autor hat sich sehr viel vorgenommen (Untertitel: „Alles, was Sie über die Mythen der Welt wissen sollten“), kann den eigenen Anspruch aber leider nicht wirklich einlösen.

Einerseits breitet der Autor sehr viel Material vor dem Leser aus, das dicke Buch ist voll von Mythen und Mythologemen, von Legenden und Sagenfiguren, alle erschlossen durch ein hilfreiches Register. Die Fehlerdichte ist gering, es stellt sich leicht ein Lesefluß ein und ein verhinderter Romanautor ist der Verfasser auch nicht, man darf also ein gewisses stilistisches Niveau erwarten. Auch, daß er sich sehr gut auskennt und umfangreiche Literatur ausgewertet hat, bezweifle ich nicht.
Andererseits müssen schon bei der mythologietheoretischen Einführung die Einwände kommen. Davis’ Abgrenzung des „Mythos“ von „Legenden“, „Märchen“ usw. ist wenig überzeugend, er verwechselt z.B. den (religionswissenschaftlichen) „Mythos“ schlechthin mit „Mythen“. Deshalb sind seine Ausführungen zur Religion und zum Unterschied zwischen Mythen und Sagen sowie dem Übergang von einem zum andern verworren und unklar. Mehrfach wagt er sich an eine Definition der „Mythen“, ohne sie dann zu liefern. Statt dessen gibt er verfehlte Beispiele.
Dazu ist das Buch etwas konfus gegliedert. Die Kapitelüberschriften sind als Fragen formuliert, was wohl die Neugierde wecken soll. Da aber der Inhalt der Kapitel in der Regel weit über die Beantwortung der Frage hinaus geht und die Fragen lediglich einen thematischen Einstieg schaffen, ist es teils unmöglich, sich mit dem Inhaltsverzeichnis inhaltlich zu orientieren. Außerdem stört die Schwerpunktsetzung an manchen Stellen. Daß die griechisch-römische Antike breit dargestellt wird, versteht sich von selbst. Und daß die keltische Sagenwelt, insbesondere die irischen Heldensagen, so ausführlich vorgestellt wird, ist ein Gewinn für den, der sie noch kaum kennt. Aber demgegenüber nimmt dann die gesamte nordisch-germanische Götterwelt nebst Heldensagen einen unverhältnismäßig kleinen Raum ein. Das größte Epos der Südgermanen, das Nibelungenlied (nebst Sigurdsage und entsprechenden Verweisen auf die Isländersagas sowie einigen orientierungslosen Verweisen auf Wagner) wird auf etwas mehr als zwei Seiten abgehandelt. Sie haben richtig gelesen: zwei Seiten. Es mag sein, daß das amerikanische Publikum, für das das Buch ursprünglich geschrieben wurde, mit der nordischen Götterwelt weniger anfangen kann als mit der irischen – aber dann übersetzt man das Buch eben nicht unüberarbeitet! Auch an anderen Stellen scheinen mir Schwerpunktsetzung und Vollständigkeit sehr fraglich zu sein (die finnische Sagenwelt des Kalevala zum Beispiel fehlt komplett).

So frage ich mich, leider nicht zum ersten Mal bei einem Buch, für wen dieses Werk überhaupt geschrieben wurde? Vielleicht ist es leichtsinnig, aber ich gehe davon aus, daß ein Sachbuchautor sich innerlich auf ein Zielpublikum einstellt, bevor er drauflos schreibt. Davis’ Buch ist für eine Einführung für Leute, die sich in den Mythologien der großen Kulturen noch gar nicht auskennen, viel zu lang (680 Seiten!) und zu verwirrend. Sicherlich werden die meisten dieser Leser schon im ersten Viertel des Buches aufgeben. Für erfahrenere Leser dagegen sind die Ausführungen über weite Strecken zu flach. Dazu kommt, daß Davis, wie in der englischsprachigen Welt üblich, einen eher lockeren, humorvollen Ton anschlägt. Das ist grundsätzlich in Ordnung – wenn jemand das gut kann, schätze ich es sehr! –, aber hier wirkt es oft wie ein Sich-Anbiedern an den Leser, als wolle der Autor sagen: „Schau her, du bist nicht der Hellste, aber ich erkläre es Dir für Dumme“; nur um dann wieder komplexe Sachverhalte mit Fußnoten auszubreiten.

Fazit: wer schon relativ viel Erfahrung mit mythologischer Literatur hat, aber auch nicht zu viel, insbesondere die Fachliteratur im engeren Sinne nicht kennt, der ist mit diesem Buch wohl gut beraten. Das gleiche gilt für Leser mit einem überbordenden Interesse an der keltischen Mythologie, die aber noch kaum etwas darüber wissen (wenn es das geben sollte). Auch, wer schon sehr belesen ist und nur noch eine leichte Urlaubslektüre o.ä. sucht, die ihn etwas unterhält und vielleicht ab und an einen guten Gedanken vermittelt, kann sich dieses Werk anschauen. Alle anderen dürfen dieses Buch von der Einkaufsliste streichen. Daß es keine Neuauflage erfahren hat, kann ich verstehen. Deshalb – wegen der Materialfülle, der (unvollständigen, teils willkürlich erscheinenden) Literaturverweise und vieler interessanter Details, z.B. zur irischen Mythologie – gerade noch drei Sterne.


Mythologie: Mythen, Legenden und Fantasien
Mythologie: Mythen, Legenden und Fantasien
von Alice Mills
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,95

5.0 von 5 Sternen Schatzkammer des Wissens, ästhetisch eingerichtet, 22. Juli 2015
Das Mythologie-Handbuch im Atlasformat ist, wie sein „Bruder“ aus dem gleichen Verlag („Biblica“) eine Schatzkammer des Wissens, aber auch der ästhetischen Vermittlung dieses Wissens. Auf den über 500 Seiten läßt sich eine derartige Fülle von Informationen erfahren, läßt sich so tief in die Mythologiegeschichte aller großen Kulturen der Welt eintauchen, daß es eine wahre Freude ist.
Die Sagen und mythischen Episoden werden jeweils nacherzählt und meist auch in den Zusammenhang anderer Geschichten gestellt. Die sehr vielen sehr schönen Bilder sind eine Augenweide und ein ganz wesentlicher Grund für die Güte des Buches: geschmackvoll ausgewählt, fachmännisch-ästhetisch angeordnet und messerscharf gedruckt.

Den größten Umfang hat begreiflicherweise die Darstellung der griechisch-römischen Antike. Man kann die Darstellung – in einem nichtwissenschaftlichen Sinn – als erschöpfend bezeichnen. Von ganz kleinen Episoden abgesehen scheint nichts zu fehlen, die unglaublich reichhaltige mediterran-antike Götter- und Heldenwelt wird so abgebildet, daß man nicht verwirrt ist beim Lesen, nicht eingeschüchtert wird von den gefühlt Tausenden von Namen und dank dem ausführlichen Register auch jederzeit schnell nachschlagen kann, wenn man doch einmal den Überblick verloren haben sollte.

Sehr zu loben ist auch die ausführliche Vorstellung des viel zu wenig bekannten finnischen Sagenkreises des Kalevala sowie die gute Zusammenfassung des Sagenkreises um Artus, die Tafelrunde und den Heiligen Gral.

Aus dem außereuropäischen Bereich, dem viel Raum gegeben wird, stechen besonders die interessanten Schilderungen solcher Mythen- oder Sagenzusammenhänge heraus, die in Europa kaum bekannt ist. Viel lernen kann man über die afrikanische (subsaharische) Mythologie sowie die Sagenkreise und Götterhimmel beider Amerika. Auch die japanische Mythologie und Sagenwelt habe ich mit Gewinn kennengelernt. Die Mythologien Ozeaniens wurden nicht vergessen und werden hier von einem Experten vorgestellt. Es ist schön, daß das Buch alle diese Mythologien so nebeneinander stellt, daß man das Buch – sehr viel Zeit vorausgesetzt – auch von vorne nach hinten durchlesen könnte, ohne einen Bruch zu verspüren. Die Texte haben alle die gleiche Qualität, sind ähnlich aufgebaut und die Bebilderung tut ihr übriges, um den Leser aufmerksam und betrachtungsgeneigt zu halten. Das ist interreligiöse und interkulturelle Wissensvermittlung, wie ich sie mir vorstelle.

Wo viel Licht ist, da ist bekanntlich oft auch viel Schatten: das Buch wurde leider nicht mit der gleichen Gründlichkeit redigiert bzw. Korrektur gelesen wie „Biblica“. Vor allem in den Bildunterschriften, aber auch im Text findet sich eine doch recht große Zahl an Fehlern. Wer, wie ich, darauf empfindlich reagiert, könnte sich etwas ärgern. Teils wurden auch ersichtlich Begriffe aus dem englischsprachigen Original falsch übersetzt. An manchen Stellen werden Namen einmal so, dann wieder anders geschrieben. Griechische Namen wie „Kassandra“ oder „Kerkyon“ werden unverdrossen „Cassandra“ und „Cercyon“ geschrieben, da erschauern alle Griechischlehrer. Und besonders schlimm ist, daß schon das Inhaltsverzeichnis (in riesigen Buchstaben) betitelt ist mit: „Einhalt“…

Außerdem ist mir nicht immer klar, anhand welcher Kriterien die Themen für das Buch ausgewählt wurden. Die hellenischen Sagen werden in großer Zahl nacherzählt, auch „kleinere“ Geschichten wie die von Pyramus und Thisbe. In mindestens einem Fall ist die Schilderung sehr lang, relativ zum gesamten Buch viel zu lang geraten (Amor und Psyche). Dagegen wird die gesamte römische Sagen- und Mythenwelt, soweit sie nicht von Griechenland abhängig ist, auf wenigen Seiten abgehandelt. Auch die slawische Mythologie wird viel zu kurz vorgestellt (unklar bleibt, ob es überhaupt eine zusammenhängende gemeinslawische Mythologie gibt), sämtliche südslawischen Völker bleiben unberücksichtigt. Gerade die Balkanvölker haben interessante Heldensagen – nichts davon, nur Baba Jaga und ähnliches. Und was sind „romanische“ Sagen? Hier scheinen die Autoren sich an den Sprachfamilien orientiert zu haben, was natürlich bei den lateinisch begründeten Kulturen scheitern muß; deshalb werden nur, etwas zusammenhangslos, christlich geprägte Sagen und Legenden präsentiert. Schließlich ist mir unverständlich, warum überhaupt solche Sagen in das Buch aufgenommen wurden, aber die reichhaltige Märchenüberlieferung Deutschlands oder auch die Märchen Englands und anderer Länder nicht: wenn schon, denn schon. Es gehören eben eigentlich in ein Buch über Mythologie weder Volkslegenden aus dem „Decamerone“ noch sonstige Sagen und Erzählungen.

Diese Kritikpunkte sollten die Höchstwertung mit fünf Sternen verhindern, das tun sie aber diesmal nicht. Das Buch ist so reichhaltig ausgestattet und dafür so extrem günstig, daß man es dennoch voll und ganz empfehlen muß. Es ist ein echter „Sagenborn“, ein Hausbuch wie aus früheren Zeiten. Kein ähnliches Buch, daß ich bisher gesehen habe, reicht daran heran.


Big Data: Das neue Versprechen der Allwissenheit (edition unseld)
Big Data: Das neue Versprechen der Allwissenheit (edition unseld)
von Heinrich Geiselberger
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,00

3.0 von 5 Sternen Kleinigkeiten über große Daten, 26. Juni 2015
„Big Data“ – Modethema oder „The next big thing?“ Sicherlich beides. Daß die Arbeit mit Datenmengen in bisher nicht nur unbekanntem, sondern sogar unvorstellbarem Ausmaß vieles in unserer Welt verändern wird, ist wohl unbestritten. Von geheimdienstlicher Überwachung bis personalisierter Werbung, von Selbstvermessung zu sportlichen und Gesundheitszwecken bis zum Wandel in der Methodik der Wissenschaften haben „Datenkraken“ vielerorts ihre Arme hineingestreckt und sie werden daraus nicht mehr zu entfernen sein. Da kommt ein solcher Sammelband, der das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln ausleuchtet, gerade recht. Prinzipiell.

Leider bleibt dieser Band weit unter seinen Möglichkeiten. Es ist eine Zusammenstellung sehr unterschiedlicher Beiträge zu „Big Data“, von der Wissenschaftsreportage über einen Dialog bis hin zum Essay und zum Fachaufsatz. Auch die Länge, der Stil und – leider – das Niveau unterscheiden sich deutlich.

Dieses Buch habe ich zum Einstieg in das Thema gelesen, und im Nachhinein (mit der Erfahrung der Lektüre mehrerer anderer Bücher zum Thema) kann ich sagen: zum Einstieg, also für blutige Anfänger, ist das Buch gut geeignet. Experten werden darüber nicht einmal mehr lachen.

Es lassen sich drei Beitragstypen unterscheiden. Zum ersten die Texte, die auch mit Hintergrundwissen noch gut lesbar sind. Dazu gehören zum Beispiel die „Sechs Provokationen“ von Danah Boyd und Kate Crawford. „Big Data verändert die Definition von Wissen“ prophezeien Sie ebenso wie „Der Anspruch auf Objektivität führt in die Irre“. Weiter: „Mehr Daten bedeutet nicht automatisch bessere Daten“ und: „Außerhalb des Ursprungskontexts verlieren große Datenmengen ihre Aussagekraft“. Die beiden letzten „Provokationen“ lauten: „Nur weil die Daten zugänglich sind, heißt das noch lange nicht, daß es ethisch vertretbar ist, sie auszuwerten“ und „Eingeschränkter Zugang zu Daten läßt eine neue Kluft entstehen“. Ob das nun wirklich „Provokationen“ sind, darüber könnte man streiten. Eher nicht. Aber es ist ein interessanter Text über Möglichkeiten und Grenzen der Arbeit mit großen Datenströmen. Auch der Text von Häntzschel, eine Mischung zwischen Reportage und Essay, ist sehr lesenswert. Anderson polarisiert mit seinem (bewußt?) übertreibenden Pamphlet gegen Theoriebildung; er will, daß Wissenschaftler sich nur noch auf Datenmengen verlassen. Und Weinberger fragt nach der Möglichkeit einer „Weltmaschine“, die alles, also wirklich alles, was geschieht, vorausberechnet, und nach der gegenwärtigen und künftigen Bedeutung von Begriffen wie „Zufall“, „Modell“ und „Planung“. Das ist alles durchaus interessant.
Dann gibt es Beiträge, die ich als Neuling mit großem Interesse gelesen habe, die dann aber deutlich an Wert verloren, als ich mehr zum Thema gelesen hatte: Einsteigerliteratur eben. Dazu gehören vor allem die Text von Moorstedt. Seinen Erfahrungsbericht aus dem Obama-Wahlkampf in der „Höhle“ hielt ich damals für spannend und höchst relevant – dann las ich kurze Zeit später „Die granulare Gesellschaft“ von Kucklick, wo all das viel prägnanter und vor allem neutral, aber dennoch interessant geschrieben, erzählt und kontextualisiert wird. Da war ich natürlich enttäuscht. Auch der Beitrag von Datenschützer Weichert ist vor allem dann interessant, wenn man seine anderen Texte nicht kennt und wenn man keinen Bezug zur Verfassungsrechtsprechung über das Recht auf informationelle Selbstbestimmung hat. Mit diesem Wissen darf man weiterblättern.
Schließlich sind da noch Beiträge, die (egal, ob mit Vorwissen oder nicht) bloß die Achseln zucken lassen. Eine Journalistin schreibt darüber, wie sie sich hat erklären und nachweisen lassen, welche Unternehmen welche Daten über sie haben, mit eher unspektakulärem Ergebnis. Aha. Bruno Latour schreibt kurz und konfus über alles mögliche und am Ende weiß man nicht, was er denn nun sagen wollte. Soso. Und ein „Datenscout“ erklärt uns was über Mathematik bei der Talentsuche im Fußballgeschäft. Naja.

Schließlich durfte auch Frank Schirrmacher noch etwas zum besten geben. So endet das Buch und es bleibt die dumpfe Ahnung, bei weitem nicht aus jedem Beitrag etwas gelernt zu haben.
Dazu sei noch gesagt, daß die meisten der Texte bereits an anderem Ort veröffentlicht wurden, daß die Texte trotz der Querverweise kaum aufeinander abgestimmt sind, und daß das Taschenbuch nach einmal Lesen aussieht wie durch den Reißwolf gezogen. Immerhin ist es handwerklich gut gemacht, ohne Rechtschreib- oder sonstige Fehler in nennenswerter Zahl; dazu gibt es Literaturhinweise und ein halbwegs nützliches und relativ ausführliches Glossar.

Weil ich als Anfänger einen Gewinn daraus ziehen konnte, bekommt das Buch gerade noch 3 Punkte.

tl,dr: Wer sich schon auskennt, verschwendet mit diesem Buch seine Zeit, alle blutigen Anfänger bekommen ein nettes Lesebuch für zwischendurch.


Bitte nach Ihnen: Reaktionäres vom Tage. Acta Diurna 2012-2014
Bitte nach Ihnen: Reaktionäres vom Tage. Acta Diurna 2012-2014
von Michael Klonovsky
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,80

7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Klonovsky: Spottdrossel, Zeigerpflanze und begnadeter Stilist, 22. Mai 2015
Es gibt nicht viele Bücher, die man mehrfach hintereinander lesen kann, ohne daß die Langeweile sich in ihrer ganze Schwere auf einen legte. Daß das bei diesem Buch anders sein würde, ließ bereits der Autor vermuten. Michael Klonovsky ist einer der interessantesten Autoren Deutschlands und je älter er wird, so scheint es, desto garstiger wird, was er schreibt.

Was erwartet den Leser von „Bitte nach Ihnen“? Ist das ein aus den Gründen einer umfassenden (Herzens- und Verstandes-)Bildung gehobener essayistischer Gedankenschatz voller Anregungen, gelehrt und dennoch nie trocken oder verstiegen? – Ja, in der Tat. Ist es ein Markstein auf einem Weg aus geistiger Unfreiheit, selbstbewußt bis zur Arroganz, sich absondernd und „a-sozial“ wie jedes Kunstwerk? – Ja, das ist das Buch ebenfalls. Und ist es ein aggressives Werk fundamentaler Systemkritik, eine Abrechnung mit der politischen und medialen Funktionselite einer verkommenen, verfressenen Wohlstandsrepublik? – Ja, auch das noch.

Diese Vielseitigkeit macht den großen Reiz des Buches aus. Man schlage es an beliebigen Stellen auf und finde: Texte über Realität und Fiktion jüdischen Lebens heute (zur Ausnahme von jemandem, der einmal nicht als Blinder von der Farbe singt), über Bevölkerungspolitik und „Rassismus“, über Richard Strauss, Heidegger, den tuiskophilen Wüterich Akif Pirincci, Feminismus und Ästhetik. Das alles paßt nicht immer zusammen, aber es handelt sich eben um ein öffentliches Tagebuch, ein zugänglich gemachtes Gedankenkonglomerat ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Eingestreut zwischen die immer eminent klugen, oft überraschenden, manchmal auch erschütternden und bewegenden Tagebucheinträge, die den Leser mit ihren Themenwechseln, wenn man das Buch denn von vorne nach hinten lesen will, ziemlich fordern, finden sich einige von Klonovskys berühmt-berüchtigten Aphorismen. Er hatte die Denk- und Sinnsprüche aus seinen „Acta Diurna“ bereits 2014 im Karolinger-Verlag veröffentlicht, einige aber offenbar zurückgehalten wie diesen: „Ein besonders krasser Fall ‚gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit’ ist der ‚Kampf gegen rechts’“ oder diesen, leider nach wie vor aktuellen: „Übrigens: wenn an Europas Gestaden Afrikaner ertrinken, ist das keine Schande für Europa, sondern für Afrika“.

Themenauswahl und verbale Kampfeslust zeigen, daß „Bitte nach Ihnen“ ein zutiefst politisches Buch ist. Nicht, daß man dem kunstsinnigen Autor seine ästhetische, philosophische und auch moralische (im Sinne des 18., nicht des 21. Jahrhunderts) Neigung nicht abnähme, aber die provokativsten und stärksten Aussagen des Bandes sind die politischen oder metapolitischen. Klonovsky nimmt den theoretisch hohen Anspruch demokratischer Politiker ernst und sieht sie hoffnungslos scheitern. Könnte man den Erwartungen eines Michael Klonovsky als den „Mühen der Ebene“ verpflichteter Politiker überhaupt gerecht werden? Vermutlich nicht. Aber das nimmt seiner scharfen, gerechtfertigten Kritik, die aus seitenlangen Anklagen ebenso spricht wie aus Halbsätzen, nichts von ihrem Wert.

Wer an unserer Zeit leidet, sollte dieses Buch lesen und darin Trost oder Ansporn finden. Wer nicht an ihr leidet (und mutig ist), sollte es auch lesen und sich auf ein paar neue Blickwinkel gefaßt machen. Ob der Leser nun „reaktionär“ wird, wenn ihm das Buch gefällt, weiß ich nicht. Aber klüger könnte er werden.


Biblica: Der Bibelatlas
Biblica: Der Bibelatlas
von Barry J. Beitzel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein großes Buch zu einem unschlagbaren Preis, 12. Mai 2015
Rezension bezieht sich auf: Biblica: Der Bibelatlas (Gebundene Ausgabe)
Dieser „Bibelatlas“ ist kein Atlas im herkömmlichen Sinn. Auch, wenn das Buch sehr viele Karten enthält, ist es doch eher eine reich bebilderte Enzyklopädie. „Biblica“ enthält die gesamte Geschichte der Bibel von der Genesis bis zur Johannesapokalypse, chronologisch in Kapiteln aufbereitet. Nach einer langen Einführung (Erstes Kapitel: Geographie und Geschichte der biblischen Länder) folgen fünf Kapitel zum Alten Testament und zwei zum Neuen. Das Buch ist gut nachvollziehbar gegliedert, sodaß man sich trotz der großen Stoffmenge kaum „verirren“ kann.

Obwohl das Buch so viele Bilder und Karten enthält, sind die Texte sehr umfangreich, es handelt sich keineswegs um ein „Bilderbuch“! Neben dem Fließtext, der jeweils einem „Handlungsstrang“ der biblischen Geschichten folgt, stehen erklärende Kästchen, die oft auf die aktuelle Situation im Nahen Osten, archäologische Erkenntnisse o.ä. eingehen. Dabei sind die Texte erstaunlich gut geschrieben für eine Übersetzung aus dem Englischen, man folgt ihnen inhaltlich leicht und formal stören weder schiefer Satzbau noch eigenwillige Formulierungen und was man sonst aus Übersetzungen so kennt. Das Buch wurde sichtlich mit sehr viel Sorgfalt übersetzt und redigiert – keine Rechtschreibfehler oder sonstige Fehler stechen ins Auge. Auch inhaltlichen Unsinn konnte ich keinen entdecken (ich habe aber auch nicht jeden Abschnitt gelesen). Dadurch, daß nichts ausgelassen wird, erhält das Werk seinen enzyklopädischen Charakter, es ist Nacherzählung, Erläuterung und Hintergrunddarstellung der gesamten Bibel in einem Band.

Trotz der vielen gut verständlichen und umfassenden Texte sind die Bilder und die Karten dennoch das Auffälligste an diesem Buch. Wer kann die Bilder zählen? Es sollen laut Verlagsbeschreibung „über 650“ sein, mir schienen es noch mehr zu sein. Es nimmt kein Ende. Beim Durchblättern wird dem Betrachter wieder vor Augen geführt, welchen unglaublichen kulturellen Schatz die Welt in der christlichen (bzw. christlich beeinflußten) Kunst besitzt. Die abgebildeten Kunstwerke stammen aus zwei Jahrtausenden und zahllosen regionalen, konfessionellen und stilistisch-formsprachlichen Überlieferungen. Viele sind großformatig, teils ganzseitig abgedruckt. Die Farben sind satt und authentisch. Sehr viele der Bilder hatte ich noch nie zuvor gesehen, obwohl sie zweifellos einen bleibenden künstlerischen Wert haben. Damit ist das Buch auch für Mußestunden zum Blättern geeignet – man beschaut die prachtvollen Bilder und genießt...

Im Vergleich dazu etwas weniger gelungen sind die Karten. Freilich: es ist immer das gleiche kleine Land am Ostrand des Mittelmeeres, in dem sich Gott nach christlichem Glauben offenbarte, Abwechslung war da nicht zu erwarten. Aber die Schlichtheit der Karten stört mich. Höhenunterschiede, Flüsse und Orte sind eingezeichnet, aber nur grob als Farben und Punkte. Gezeichnete, detailreiche Karten mit Handelsstraßen, Geländemerkmalen usw. wären viel hilfreicher gewesen. Wenn die Archäologie heute die Lage von fast jedem biblischen Ort bestimmen kann, dann wird sie doch wohl auch darstellen können, wo vor 2000 oder vor 4000 Jahren eine Schlucht war, wo ein Wald und wo eine baumlose Ebene?

Wenn man darüber hinaus etwas kritisieren will, dann, daß das Buch ursprünglich für Amerikaner geschrieben wurde. Das merkt man daran, daß – für Europäer – Selbstverständliches erläutert wird. Manchmal beschlich mich beim Lesen das Gefühl, daß die Autoren glaubten, bei ihren Lesern außer der Bibel nahezu kein Allgemeinwissen voraussetzen zu können. (Vielleicht ist das auch so...)

Dennoch ist das Buch insgesamt gesehen eine Augenweide und dazu lehrreich. Hätte ich als Kind ein solches Buch gehabt, ich hätte mich tagelang hineinversenkt. Die prächtigen Bilder in Verbindung mit den guten Texten (mit vielen, sehr vielen Bibelverweisen zum Nachlesen – sehr hilfreich!) und den Karten, die sagen: „das gab es wirklich, das ist kein phantastisches, ausgedachtes Land!“ müssen auf alle neugierigen Lehnstuhlreisenden geradezu magnetisch wirken. Die Krönung des Ganzen sind nicht weniger als 80 Seiten Anhänge: Personen- und Ortsregister, Verzeichnis biblischer Zitate, Glossar, Zeit- und Stammtafeln sowie Bibliographie. Diese Anhänge machen das Buch zum wirklichen Lexikon.

Perfekt ist kein Buch, aber bei diesem ist mir die Höchstwertung nicht schwergefallen. Auch, wenn man manches kritisieren mag: das Preis-Leistungsverhältnis ist unschlagbar. 30 Euro für ein Buch von 575 Seiten im Atlasformat mit zwei Lesebändern und Schutzumschlag, stabil fadegeheftet und so schwer, daß man es kaum in einer Hand halten kann! Dieser Koloß von Buch, geschrieben von fast dreißig Experten (fast alle Professoren) und überreich bebildert, wurde zwar in China gedruckt, aber wie er trotzdem so günstig sein kann, ist mir ein Rätsel. Es ist ein echtes „Hausbuch“, in dem man immer wieder gerne blättert und liest und das zudem noch beeindruckend im Regal aussieht.


Die Schlacht bei Waterloo/La Belle Alliance am 18. Juni 1815: Ein Ereignis von europäischer Dimension
Die Schlacht bei Waterloo/La Belle Alliance am 18. Juni 1815: Ein Ereignis von europäischer Dimension
von Hans-Wilhelm Möser
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 28,00

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Warum verlor Napoleon seine letzte Schlacht?, 10. Mai 2015
Wer sich angesichts der zahlreichen aktuellen Bücher über die Schlacht von Belle-Alliance bzw. Waterloo aufs Militärische konzentrieren will und an den politischen Hintergründen wenig interessiert ist, der kann getrost zu Mösers Buch greifen. Es ist eine klassische militärhistorische Arbeit, die mehr auch nicht sein will. Wenn man nicht mehr von dem Buch erwartet, wird man nicht enttäuscht.

Minutiös kann man mit Mösers Darstellung den Schlachtverlauf nachvollziehen – nicht nur der Hauptschlacht selbst, sondern auch die Verläufe der flankierenden Schlachten bei Wavre, Quatre Bras und Ligny. Nichts wird ausgelassen, keine größere Bewegung bleibt unerklärt. Das Kunststück, das dem Verfasser gelungen ist, ist die Verständlichkeit bei alldem. Je kleinteiliger eine solche Darstellung wird, desto weniger verständlich ist sie oft. Mit ein wenig Konzentration kann man aber der Schilderung in diesem Buch gut folgen und so tatsächlich verstehen, was sich genau wann warum auf dem Schlachtfeld abgespielt hat. Möser ermöglicht das Nachvollziehen und Mitdenken, wo andere nur beschreiben.

Auf die nichtmilitärischen Rahmenbedingungen geht Möser nur am Rand ein, aber gerade so ausführlich, wie es zum Verständnis nötig ist; es handelt sich ja um eine militärhistorische Schrift, da hat diese Beschränkung ihren Sinn und Wert. Die seltenen und immer zutreffenden Randnotizen zu den politischen Hintergründen arbeiten hübsch deutlich an der Zerlegung des Mythos vom vorbildlichen Sieger Wellington.

Bisher hatte ich keine militärhistorische Studie gelesen und konnte mir nicht vorstellen, daß so ein Buch tatsächlich nicht nur lehrreich, sondern auch spannend sein kann, nun weiß ich es besser. Wer sich tatsächlich für das Kriegsgeschehen interessiert und sich nach dem Studium der diplomatischen und staatsmännischen Ränke nicht mit der Aussage zufriedengeben will, daß Napoleon eben verloren habe, der sollte dieses Buch lesen. Hier erfährt der Leser, warum Napoleon die Schlacht verlor, an welcher Stelle welche Maßnahme noch hätte ergriffen werden können und wann es für einen französischen Sieg zu spät war.

Zu kritisieren ist die schlechte Aufmachung des Buches. Es sieht aus wie aus dem Selbstverlag zusammengepappt und in der Druckerei des Nachbardorfes hergestellt. Selbst die Karten, die ihren Zweck erfüllen, sind so nüchtern und aufs Wesentliche reduziert, daß die Orientierung auf dem Schlachtfeld manchmal schwerfällt. Hervorzuheben ist dagegen die Abbildungsqualität, die (farbigen und schwarz-weißen) Abbildungen kommen auf dem leicht glänzenden, beschichteten Papier messerscharf hervor. Auch die Sprache des Buches ist teils fragwürdig, hier würde ich von einem Verlag erwarten, daß er ungeschickte Formulierungen des Autors glättet und verbessert.

Nicht zuletzt ist das Buch auch als Reisebegleiter für den „Schlachtfeldtourismus“ geeignet. Es enthält so viele Hinweise auf Geländemerkmale, Denkmäler und Ereignisorte, daß man damit sicherlich manches wiederfinden könnte.


1815: Napoleons Sturz und der Wiener Kongress
1815: Napoleons Sturz und der Wiener Kongress
von Adam Zamoyski
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,95

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Umfassende Gesamtdarstellung mit Schwächen, 9. Mai 2015
Unter den vielen zum Jubiläum des endgültigen Sieges über Napoleon geschriebenen Büchern ist Zamoyskis Werk sicherlich das dickste. Auf 700 Seiten, davon 70 Seiten Anhänge mit fast schon zuviel Literaturverweisen, malt der US-amerikanische Historiker ein großes, ein ganz großes Panorama der Weltgeschichte vor 200 Jahren. Wie der Titel zeigt, behandelt das Buch nicht nur '1815', sondern es ist eine Gesamtdarstellung der zweiten Hälfte der Befreiungskriege und des Wiener Kongresses. Waterloo erscheint im Dickicht aus Diplomatie und Politik fast als Marginalie, aber gerade angesichts anderer Detailstudien ist diese Einordnung in einen größeren Rahmen als Kontrast willkommen.

Um hier nicht den Ablauf der historischen Ereignisse zu wiederholen, weise ich nur auf einige Darstellungen hin, die mir aus der Lektüre gerade dieses Buches im Kopf geblieben sind. Lehrreich ist zum Beispiel der Hinweis, daß die bemerkenswerten Zustände des Wiener Kongresses schon zuvor in Paris nach der Abreise Napoleons und dem Einzug des neuen Königs Ludwig XVIII. herrschten. Der Kongreß in Wien begann sozusagen zuvor schon inoffiziell in Paris. Das ist deshalb interessant, weil man sich fragen kann, wieviel Einfluß Talleyrand und überhaupt die französische Diplomatie schon vor Beginn des Kongresses nehmen konnten. Des Weiteren ist die Schilderung der wichtigsten Köpfe (also vor allem Herrscher und Militärs) einprägsam. König Ludwig XVIII. von Frankreich wird als borniert und ignorant geschildert. Zar Alexander mit seinem Sendungsbewußtsein und seinem jederzeit die Koalitionen gefährdenden Eigensinn sieht Zamoyski kritisch. Napoleons Verhalten wertet er selbst zurückhaltend, gibt aber andererseits viele, auch drastische Urteile von Zeitgenossen wieder.

Nicht alle Darstellungen kann man im Einzelnen nachvollziehen: so, wenn Zamoyski beklagt, das 'große Werk' von Napoleons oberstem Kunstsammler bzw. -räuber Denon im Louvre sei durch die Repatriierung der Werke 'zerstört' worden oder wenn er mit Bestimmtheit schreibt, die Franzosen seien nach 1815 einer Friedensordnung unterworfen worden, die sie nur als demütigend hätten empfinden können. Angesichts der europaweiten Verheerungen der Kriegs- und Besatzungsjahre kann man durchaus auch der Meinung sein, die Franzosen seien nach 1814/15 mit kaum mehr als einem blauen Auge davongekommen.
Abgesehen von solchen Stellen und abgesehen vom Fazit (s.u.) ist Zamoyski zurückhaltend in den Wertungen, schreibt sachlich, sorgfältig und fehlerfrei. Das Buch ist in einem flüssig ohne Ermüdung zu lesenden Stil geschrieben. Es ist lebendig ohne romanartige (halb)fiktive Dialoge und ähnliches. Damit ist die Dicke des Buches kein echter Hinderungsgrund für eine Lektüre ' man hat den Band doch recht schnell ausgelesen.
Gute, genaue Karten sind wie bei jedem solchen Buch eine sinnvolle Ergänzung.

Wenn man etwas an dem Buch kritisieren kann und sollte, dann ist es das ins Politische ziehende Fazit. Es zeigt schon im Titel die geschichtspolitische Schlagseite: 'Der Stillstand Europas'. Zamoyski folgt hier der gängigen Lesart von der hinter dem einmal erreichten Fortschritt zurückgebliebenen und deshalb 'grotesken', 'archaischen' und 'sozial verkrüppelten' Wiener Ordnung. Daß die Kontroll- und Sicherungsmaßnahmen sich vor allem gegen die virulenten politischen Radikalismen und nationalen Begeisterungen richteten, die innerhalb weniger Jahre angesichts unklarer Grenzfragen, offener Mächtekonstellationen und der immer kürzeren Kommunikations- und Reisewege mit großer Wahrscheinlichkeit neue Kriege hervorgerufen hätten, wird nicht problematisiert. Hier ist das Buch eher einseitig. Auch, daß der Wiener Kongreß mit der Absicht gescheitert sei, ein Jahrhundert des Friedens zu garantieren, wird man trotz der ' regional begrenzten! ' Kriege in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts füglich bezweifeln dürfen. Der größte Krieg jener Zeit, der Krimkrieg, der knapp 40 Jahre nach der Wiener Schlußakte ausbrach, dient Zamoyski denn auch gleich als Argument. Immerhin, so schreibt er ernsthaft, habe es auch in den 30 Jahren vor der Französischen Revolution keinen allgemeinen europäischen Krieg gegeben. Diese Ansicht mitsamt der Schlußfolgerung ist so schief und naiv, daß man kaum weiß, wo man anfangen soll, sie zu kritisieren (weshalb ich hier darauf verzichte). Es sei nur darauf hingewiesen, daß die meisten Voraussetzungen, die den Ersten Weltkrieg so lang, brutal und auszehrend machten, zu Zeiten des Krimkrieges bereits gegeben waren, es fehlte nur noch die Handels- und Rohstoffkonkurrenz weitgehend saturierter Industriestaaten. Doch Kriege wurden schon aus geringerem Anlaß begonnen.

Trotz dieser Kritik: Zamoyski hat eine gute Gesamtdarstellung vorgelegt, die man mit Gewinn liest, wenn einem von den Hunderten von Namen und den Dutzenden von europäischen politischen Problemen jener Zeit nicht irgendwann der Kopf schwirrt. Für einen knappen Überblick oder als Einführung ist das Werk begreiflicherweise nicht geeignet.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 17, 2015 3:31 PM MEST


Napoleons hundert Tage: Eine Geschichte von Versuchung und Verrat
Napoleons hundert Tage: Eine Geschichte von Versuchung und Verrat
von Günter Müchler
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Napoleons letzte hundert Tage an der Macht, 9. Mai 2015
Das Buch stellt die Vorgeschichte, den Ablauf und das Ende jener Ereignisse vor, die als „die Herrschaft der hundert Tage“ in die Geschichte eingegangen sind und mit dem Schlagwort „Schlacht von Waterloo“ nur ganz unvollständig begriffen werden können.

Dabei liegen die Paradoxien und Absurditäten der Geschichte wieder einmal eng mit Schematismus und Vorhersagbarkeit zusammen. Schon der Beginn der „Hundert Tage“ schien mehr einer Posse entliehen als schicksalshafter Weltgeschichte auf Leben und Tod: Napoleon wahrte keine Spur von Heimlichkeit, er bestieg in einem Volksauflauf sein Schiff und fuhr davon, um Frankreich zu erobern. Nur die Abwesenheit des englischen Aufpassers Campbell, der in der Toskana bei seiner Geliebten weilte, ermöglichte Napoleon die Flucht. Wäre er ständig überwacht worden, wäre sein Entkommen in der geschehenen Form unmöglich gewesen. Offenbar rechneten die Briten nicht ernsthaft damit, dass der Eroberer halb Europas versuchen würde, wieder an die Macht zu kommen. Der aus eigener Kraft an die Spitze gelangte Offizier, General, Feldherr, Kaiser und europäische Hegemon, eine charismatische Führergestalt ohne Vergleich und ein grenzenlos egomanischer Diktator – die Briten glaubten ernsthaft, er werde als Duodezfürst eines Zwergstaates seine Tage beschließen.

Der „Flug des Adlers“ ist eine Erzählung von fast mythisch-überhistorischer Größe: Napoleon zog im Frühjahr 1815 von der Mittelmeerküste aus mit einem kleinen Herr nach Paris, um sich „seinen“ Thron wiederzuholen. Der französische Staat hatte alle Mittel, um in aufzuhalten – theoretisch. Aber schussbereite Soldaten liefen zu Napoleon über, wenn er sich nur zeigte. Das Volk lag ihm vielerorts zu Füßen (andere Gegenden dagegen mußte er umgehen) und enge Getreue fielen vom König ab, als sie von Napoleons Rückkehr erfuhren. König Ludwig XIII. war nicht wehrlos, er blieb in Paris, bis selbst sein wichtiger Marschall Ney übergelaufen war und Napoleon die ganze Armee unter Kontrolle hatte. Ein Ausweichen in den königstreuen französischen Westen lehnte der Monarch ab – war aber andererseits auch nicht bereit, „für eine Idee zu sterben. Den Heldentod eines Leonidas findet er geschmacklos“. Der König erscheint als ambivalente Erscheinung: äußerlich fett und träge, war er doch charismatisch und hielt eine flammende Rede, die seine Gefolgschaft und die Soldaten begeisterte. König und Adel nahmen riesige Vermögen mit ins Ausland und hinterließen Napoleon eine innenpolitisch höchst schwierige Situation.

Müchler beschreibt die politischen Entscheidungen und die riesigen Aufgaben, die Napoleon sich zu bewältigen vorgenommen hatte – neben der Wiederaufrichtung seiner Herrschaft musste er, letztlich nur vom eigenen Nimbus zehrend, in einem im Vergleich zum Frankreich vor 1812 stark veränderten Land den Abwehrkampf gegen ein 800.000-Mann-Heer der Koalition organisieren. Objektiv betrachtet, war von Anfang an klar, dass dies nicht würde gelingen können. Napoleon machte sich Illusionen über mangelnde Bündnistreue der Vier Mächte von Wien, er wähnte den Kongreß schon gescheitert. In Wahrheit war nichts besser geeignet, die konkurrierenden Großmächte zusammenzuschweißen als das Wiederauftauchen ihres gerade besiegten Feindes auf der politischen Bühne.

Der Autor weist auch auf die politischen Fehler des korsischen Tyrannen hin: statt die massenhafte Unzufriedenheit und das Mobilisierungspotential der unteren Stände auszunutzen, verließ er sich auf „seine“ alten Eliten, die Stützen der bonapartistischen Herrschaft von einst. Dies waren verdiente Soldaten, das Bürgertum und viele Beamte, kurz gesagt vor allem die besitzenden Schichten. Der Autokrat gab, kaum dass er den Thron wieder bestiegen hatte, dem Land eine neue, liberale Verfassung nach den Wünschen des wohlhabenden Bürgertums. Schon dieses Detail zeigt, dass der Napoleon von 1815 nicht mehr der Bonaparte von 1799 war. Möglicherweise war dem von der eigenen Unbesiegbarkeit vordem so überzeugten und dann so vernichtend besiegten Soldaten das flexible, unorthodoxe Denken, das ihn einst groß gemacht hatte, verloren gegangen.

Die Entscheidungsschlacht von Belle-Alliance (Waterloo) behandelt Müchler auf 24 Seiten – und scheint damit das rechte Maß gefunden zu haben. Die Abhandlung dieses so zentralen, aber gegenüber komplexen politischen Zusammenhängen unweigerlich eintönigeren Ereignisses hätte zur skizzenhaften Andeutung ebenso verkommen können wie zur epischen Kriegserzählung, die sich in Details verliert. Beides vermeidet der Autor zum Wohle des Lesers.

Auch die Nachwirkungen vergißt der Autor nicht, die Schicksale der Beteiligten außer Napoleon, die unterschiedlicher nicht sein könnten: von Marschall Ney (hingerichtet) bis zur von der Rückkehr ihres Mannes überrascht gewesenen Diktatorengattin Marie-Louise („dankt dem Himmel, als sie Kunde von Waterloo erhält“)

Das Buch ist in einem schönen Stil geschrieben, fehlerfrei und durchdacht (aber nicht übersachlich-akademisch) gegliedert. Zeittafel, Literaturhinweise und ein Personenregister runden den insgesamt sehr empfehlenswerten Band ab.


Der längste Nachmittag: 400 Deutsche, Napoleon und die Entscheidung von Waterloo
Der längste Nachmittag: 400 Deutsche, Napoleon und die Entscheidung von Waterloo
von Brendan Simms
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,95

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen 400 Deutsche besiegen Napoleon, 9. Mai 2015
Eine Einzelstudie über einen kleinen Ausschnitt einer großen Schlacht, minutiös und manches Vorwissen voraussetzend? Sollte man das lesen? Man sollte!

Das Buch behandelt das Halten des Meierhofes La Haye Sainte, gelegen vor dem Frontzentrum der Schlacht von Belle Alliance/Waterloo. Das 2. leichte Bataillon der britischen „King’s German Legion“ (KGL) siegte bei La Haye Sainte außergewöhnlich deutlich (in erheblicher Unterzahl). Die deutschen Soldaten in britischen Diensten „hielten Napoleon lange genug auf, um der Schlacht die entscheidende Wende zu geben“, so Simms. Diese Tat war maßgeblich verantwortlich für den Sieg über Napoleon: ohne die Aufmarschverzögerung französischer Elitetruppen an einem neuralgischen Punkt wäre die Jahrhundertschlacht mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit verloren gegangen und damit hätte Napoleon vielleicht doch noch einmal Europa unterworfen.

Die ansonsten nicht besonders prominente KGL, um deren 2. leichtes Bataillon (von etwa 400 Mann) es in diesem Buch geht, hat eine außerordentliche Geschichte. Als wegen der Zersplitterung der deutschen Staaten multinationale, aber weitgehend ethnisch homogene deutsche Truppe stand sie in britischen Diensten und war auch in Südengland stationiert. Dennoch war sie keine „Söldnertruppe“ im eigentlichen Sinne, sondern ein regulärer Bestandteil der britischen Streitkräfte, rekrutiert aus den hannoveranischen Untertanen des Königs und aus Flüchtlingen aus anderen, von Napoleon unterworfenen Ländern. Die Soldaten der KGL anglisierten sich zum Teil, heirateten Engländerinnen und entwickelten eine Mischung aus deutsch-hannoveranischem und englischem Patriotismus. Simms verweist auf eine damalige freundschaftlich-nachbarschaftliche Verbindung, die 100 Jahre später kaum mehr vorstellbar war.

Dabei gaben gerade die ganz anderen, leidvollen Erfahrungen, die man im deutschen Nordwesten mit der französischen Besatzung gemacht hatte, den Soldaten der KGL eine eigene Sichtweise auf den bevorstehenden Kampf, der sie von vielen ihrer britischen Kameraden unterschied. Simms schreibt: „Im 2. leichten Bataillon fand sich nichts von der widerwilligen Bewunderung für „Boney“, wie sie in britischen Mannschaften oft anzutreffen war, oder von ideologischen Sympathien für das napoleonische Projekt, wie sie häufig von anderen Deutschen, zum Beispiel im Rheinland, geäußert wurden“. Dieser patriotische und weltanschauliche Hintergrund sorgte für höchste Motivation in der Truppe, was bekanntlich von niemals zu unterschätzender Wichtigkeit für die Schlagkraft ist. Deshalb errangen die Soldaten des 2. leichten Bataillons der KGL eben doch, auch wenn der Autor dies wegen der Internationalität des Gesamtkampfes mit einem Fragezeichen versehen zu müssen meint, einen „deutschen Sieg“.

Simms hat eine große Menge biographischer und geschichtswissenschaftlicher Literatur zusammengetragen, hat zahlreichen Archiven viel Material entlockt. Gerade den Lebenserinnerungen der an der Schlacht beteiligten Soldaten konnte er manches Detail für sein Buch entnehmen. Zwei echte Helden werden dem Vergessen entrissen: Christian von Ompteda, Kommandeur der 2. Infanteriebrigade, der u.a. versuchte, das 2. leichte Bataillon zu versorgen und zu entsetzen, und der schließlich einen ziemlich sinnlosen Tod aufgrund falscher Befehle des jungen Korpskommandanten Prinz von Oranien starb; sowie v.a. Major Georg Baring, dessen 2. Bataillon unter seiner Führung die Hauptlast der Kämpfe trug. Der Kraftmensch und Haudegen gab seinen Soldaten unermüdlich ein Vorbild, bot, aufgesessen inmitten der Infanteristen, dem Feind provozierend ein Ziel und zeichnete sich durch außergewöhnliche Tapferkeit und geradezu fanatische Unermüdlichkeit aus. Er überlebte die Schlacht.
Aber nicht nur den Offizieren gilt Simms’ Augenmerk: viele einzelne „einfache“ Soldaten bekommen einen Namen, es ist keine graue Masse, die der Autor vorstellt. In ihren Schicksalen, die Simms mit großem Fleiß aus der Memoirenliteratur recherchiert hat, kann man die Männer kennenlernen. Auch die weiteren Schicksale der Überlebenden werden verfolgt, soweit möglich.

Immer bemüht Simms sich um historische Gerechtigkeit, setzt niemanden herab, hat auch Verständnis und Mitleid für die unterlegenen französischen Soldaten und weist auf Fehler der britisch-deutschen militärischen Führung hin. Gerade vor dem Hintergrund dieser pathos- und siegesgeheulfreien Bewertung strahlt der Stern des hannoverschen Bataillons um so heller. Deren Entschlossenheit, Mut und Zähigkeit schildert Simms anhand vieler Einzelbeispiele. Das alles liest sich so brillant, wie eine militärhistorische Studie überhaupt nur sein kann. Auch die sehr hilfreiche Übersichtskarte des Hofes La Haye Sainte ist zu erwähnen, die viel zur Veranschaulichung beiträgt, ebenso wie Übersichtskarten des Aufmarschgebiets und der Walstatt.

Das Buch ist kurz genug, um auch weniger geduldigen oder jungen Lesern in die Hand gegeben werden zu können (bei jungen Lesern wird man aber die teils recht brutalen Schilderungen bedenken). Trotz der relativen Kürze ist es lehrreich, spannend und vermittelt ein Gefühl der Ausführlichkeit. Kurz: Simms setzt neue Maßstäbe.


Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10