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Rezensionen verfasst von
Matthias Wühle (Wiesbaden)
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Der Zauberberg. Roman.
Der Zauberberg. Roman.
von Thomas Mann
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Ende des langen 19. Jahrhunderts, 13. Juni 2012
Rezension bezieht sich auf: Der Zauberberg. Roman. (Taschenbuch)
Der Zauberberg gilt deshalb zu Recht als großer Jahrhundertroman, weil er in einer Geschichte das lange 19. Jahrhundert allegorisch beschreibt und - es aprupt mit Beginn des 1. Weltkrieges enden lässt. Die Erzählgeschwindigkeit beginnt mit geradezu prätentiöser Langsamkeit und wird gegen Ende hin immer hastiger; wie bei einem Wasserfall. Nach seitenlangem - durchaus alles andere als langweiligem - Nichtstun wird in nur wenigen knappen Sätzen die übereilte Abreise des Protagonisten Castorps galoppartig erzählt. Thomas Mann hält das Ende bewusst offen und wird nicht müde, die simple Durchschnittlichkeit Castorps zu betonen. Mit Faszination beobachtet Mann die Metarmorphose dieses "durchschnittlichen Menschen", der sich von einem unbedarften Sommerfrischler, das Ingenieurspatent in der Tasche zu einem Denker, Spieler und vieles mehr entwickelt. Bilden Anfangs die eher unfreiwillig sokratischen Dialoge mit seinem Vetter Joachim Ziemßen, beispielsweise über die Zeit einen Höhepunkt, so wird er später in die Intellektuellen-Debatte seiner beiden "Mentoren" Settembrini und Naphta hineingezogen. Zwischendurch tauchen immer wieder allerlei interessante Figuren auf, wobei selbst diese noch vom Autor mit Leben gefüllt werden, die es nur über ein paar wenige Zeilen in dem doch sehr umfangreichen Werk geschafft haben, wie zum Beispiel jenem theoretischen Geschäftsmann, der einen komplexen Business Plan für das Recycling von Altpapier entwickelt hat - ohne je die Absicht bekundet zu haben, den Plan in die Tat umzusetzen. Auch Castorp selbst ist voller Widersprüche und ändert oft seine Meinung, selbst seine Interessen. Nur zum Flachland verliert er am Ende jegliches Interesse, jede Bindung. Bis er am Ende gewaltsam aus der Lethargie, dem gefüllten Stumpfsinn herausgerissen wird. In diesem Sinne ist der Zauberberg sogar mehr, als nur ein Jahrhundertroman - es ist ein Blick ins innere Ich, denn ein wenig Hans Castorp steckt in jedem von uns. Beängstigend? Durchaus. Und das dürfte von Thomas Mann durchaus auch intendiert worden sein.


Armee ohne Zukunft. Das Ende der NVA und die deutsche Einheit. Zeitzeugenberichte und Dokumente
Armee ohne Zukunft. Das Ende der NVA und die deutsche Einheit. Zeitzeugenberichte und Dokumente
von Hans Ehlert
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das Buch der Verlierer, 11. Mai 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Der erste Teil des Buches ist die Wiedergabe von Wortmeldungen eines 2002 stattgefundenen Zeitzeugenforums, in dem führende Generäle beider Armeen (NVA und Bundeswehr), sowie an der Auflösung der NVA beteiligte Politiker die Geschehnisse in der Retrospektive kommentieren. Zweierlei wird dadurch sichtbar: Die Hilf- und Führungslosigkeit der DDR- und NVA-Führung angesichts der sich ab Jahresbeginn 1990 immer schneller entwickelnden politischen Rahmenbedingungen - und die noch immer tiefen Gräben im Geiste dieser ehemaligen Heeresführer. Die Diskussion, die in einem Potsdamer Konferenzhotel stattfand, offenbart dabei einige überraschende Erkenntnisse, wie zum Beispiel die große Abhängigkeit von der Weltpolitik, die gleichzeitige Kopflosigkeit der sowjetischen Führung - und die Dimension der Rückschläge, die die NVA-Führung hat hinnehmen müssen. Eine Integration der NVA in die Bundeswehr fand praktisch nicht statt. Sämtliche Generäle wurden entlassen, nur wenige NVA-Offiziere wurden übernommen, und wenn, dann als Unteroffiziere der Bundeswehr oder als zivile Berater. Auch an skurrilen Geschichten mangelt es nicht, wie beispielsweise die Re-Animation eines NVA-Offiziers für einen einzigen Tag, der - in Bundeswehruniform gekleidet - einen russischen Militärstützpunkt übernehmen sollte. Am Ende verlor die NVA-Militärführung gar das Recht, den Zusatz "a.D." hinter ihren ehemaligen Rängen zu führen, und das, wenn man den Verantwortlichen Glauben schenken will, offensichtlich aus einem Lapsus, einem banalen Vertragsfehler heraus. Im zweiten Teil kommen Schlüsselfiguren der NVA-Abwicklung, wie Rainer Eppelmann und Egon Bahr ausführlich zu Wort. Genau daran krankt das Buch jedoch auch. Man erfährt viel interessantes über die Probleme von Generälen, Führungsoffizieren und Politikern, beispielsweise über einen Streit, bei dem es darum ging, ob Ehefrauen der Offiziere den Festveranstaltungen beiwohnen sollten oder nicht. Aber wenig erfährt man aus der operativen Ebene, also von dort, wo die NVA-Auflösung letztendlich stattfand. Wie lief der Prozess außerhalb des Ministeriums in Strausberg, in den einzelnen Garnisionen und Stützpunkten, von Eggesin bis hinunter nach Suhl ab? Eine Hinzunahme von ehemaligen Wehrpflichtigen, Unteroffizieren und Fähnrichen hätte dem Buch gut getan und eine umfassendere Darstellung dieses spannenden Kapitels deutscher Militärgeschichte ermöglicht. Als sehr störend empfand ich Ehlerts eigenwillige Schreibweise russischer Politikernamen in Form der zwar korrekten, aber gänzlich unüblichen Transliteration. Dieser machte aus unerfindlichen Gründen aus Gorbatschow - Gorbacev, aus Schewardnadze - Ševardnadze und aus Jelzin - El'cin. Dies trübt etwas den guten Gesamteindruck eines kompakten Werkes, das über jenen Teil der Wiedervereinigung Auskunft gibt, in dem es die meisten Verlierer gegeben hat.


Afrika - Patt Problem
Afrika - Patt Problem
von Peter Kohle
  Taschenbuch
Preis: EUR 29,50

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ungeschminkt, naiv, absurd. In einem Wort: Brilliant!, 19. März 2012
Rezension bezieht sich auf: Afrika - Patt Problem (Taschenbuch)
Peter Kohle stürzt sich in sein Afrika-Abenteuer mit der Naivität eines Handwerkers, der Neugier eines Kindes und einer völlig absurden Zielstellung, auf dem schwarzen Kontinent Briefmarkenbögen in Postämtern abzustempeln. Unterwegs trifft er auf alles, was der Kanon der westeuropäischen Vorurteile so hergibt: Geldgierige Wegelagerer, gerissene Betrüger, faule und begriffsstutzige Einheimische. Vor allem: Er trifft auf gleichgesinnte Touristen, die noch hundertmal naiver und und auf noch unfassbarere Art und Weise unbedarft daherkommen - und genau deswegen die schwarze Hölle überleben. Regel Nummer Eins: Je weniger Sprachen man spricht, desto weniger Angriffsmöglichkeiten bietet man den Soldaten an den Grenzkontrollen und Straßensperren. Wenn es je einen Menschen gegeben hat, der Afrika verstanden hat, und es geschafft hat, dies dem Leser zu vermitteln, dann ist das diesem großartigen Autor, Peter Kohle mit diesem Buch gelungen.


Die Institutionalisierung der deutschen Lebensversicherung.
Die Institutionalisierung der deutschen Lebensversicherung.
von Sonja Heiss
  Broschiert
Preis: EUR 84,00

5.0 von 5 Sternen Ein androgynes Finanzprodukt bahnt sich seinen Weg in die deutsche Gesetzgebung, 3. Februar 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Sonja Heiss schildert anschaulich den Institutionalisierungsprozess der Lebensversicherung, der in England als Keimzelle seinen Anfang nahm und über hochherrschaftliche wie hoch unzufriedene Versicherungskunden, hier wird speziell der Hof des Herzogs von Sachsen-Gotha-Altenburg erwähnt, nach Deutschland importiert wurde. Dabei werden die Motive der ersten Lebensversicherungspioniere, wie Ernst Wilhelm Arnoldi, die durchaus nicht immer nur rein ökonomischer, sondern auch politischer Natur waren, beleuchtet. Heiss beschreibt ausführlich die Gründung, Blütezeit - und in zahlreichen Fällen auch den Niedergang - vieler heute noch bekannter und heute unbekannter Versicherungsunternehmen. Aus rechtshistorischer Sicht ist hierbei vor allem die Genese der Allgemeinen Geschäftsbedingungen hervorzuheben; dem selbst geschaffenen Recht der Versicherungswirtschaft, der nicht nur eine fundamentale Bedeutung für den Fortbestand der Versicherungswirtschaft, sondern auch als Initiator heutiger Gesetzgebung zukommt.

Im Anschluss an einzelne Unternehmens- und Unternehmerportraits geht die Autorin auch auf konstitutionelle Fragen ein, die sich mit grundlegenden Fragen der Ausgestaltungen dieser neuartigen, komplexen - und daher oft auch unverstandenen - Finanzprodukte beschäftigten. Denn dass die Lebensversicherung eine Mischung aus Versicherungsleistung und Kapitalanlage darstellt, war schon im 19. Jh. schwer vermittelbar.

In der Hauptsache stellt die Ausgestaltung der Risiko/Nutzen-Gewichtung eine Grundrage der Unternehmensgründer dar. Diese Frage führte neben der Gründung klassischer Aktiengesellschaften mit einer Trennung von Versicherungsnehmern und Aktionären auch zur Gründung von Versicherungsgesellschaften auf Gegenseitigkeit, in der die Versicherungsnehmer auch gleichzeitig die Anteilseigner sind. Auch hier spiegelt sich die Problematik der Androgynie des Produktes Lebensversicherung wider. In dieser Diskussion lässt Heiss ausführlich Akteure aus der Gründungsphase zu Wort kommen und stellt Pro und Contra gegenüber.

Das Werk ist mit einem umfangreichen Quellenanhang versehen. Dort findet man Verfassungen und Statuten aus der Gründerzeit der ersten Versicherungsunternehmen im Original-Wortlaut. Insgesamt stellt das Buch ein unverzichtbares Werk der deutschen Rechts- und Wirtschaftsgeschichte dar.


Immanuel Kant zur Einführung
Immanuel Kant zur Einführung
von Jean Grondin
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,90

8 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bitte erst Grondin lesen, und dann Kant!, 25. November 2010
Rezension bezieht sich auf: Immanuel Kant zur Einführung (Taschenbuch)
Selbstverständlich ist es schwer, eine Textinterpretation zu rezensieren. Grondins Einführung zu Kant zu bewerten, ohne dabei Kant selbst zu bewerten, käme jedoch der Quadratur des Kreises gleich, entspringt doch die Begeisterung Grondins über eines der großen Meilensteine der Philosophie Kants Werk selbst. Grondin für dieses Buch zu loben heißt im Endeffekt auch Kant, für sein Buch zu loben. Letzteres kann natürlich nicht meine Aufgabe sein, daher bleibt diese Rezension womöglich lediglich der Versuch einer selbigen.
Im kommentierten Literaturverzeichnis seiner eigenen Kant-Einführung schrieb Georg Römpp über die Kant-Einführung Grondins: "Schön zu lesen, aber ob man viel daraus lernt?". Diese Frage kann sehr eindeutig mit JA beantwortet werden! Im Unterschied zu Römpp führt Grondin eigentlich nur in zwei Werke Kants ein: Die "Kritik der reinen Vernunft" und die "Grundlegung der Metaphysik der Sitten". Die Reduzierung auf das Wesentliche macht aber auch den Blick frei auf Kants zentrale Frage mit der Grondin sogleich beginnt: "Wie ist Metaphysik möglich?". Grondin versteht es, Kants staubtrockene Sprache mit eigenen Beispielen zu illustrieren. Auf der Suche nach reinen Anschauungen a priori lässt bereits Kant den Geometer ein Dreieck erklären: Die reine Anschauung ist es und nicht das mit Kreide an die Tafel gezeichnete Dreieick, die hier vermittelt werden soll. Präziser, ohne zu überzeichnen macht Grondin anhand der "Kritik der reinen Vernunft" deutlich, daß die Allgemeinheit der Natur aus nichts anderem, als dem reinen Verstand abgeleitet wird; eine der folgenschwersten Thesen des Buches, wie Grondin zu Recht hervorhebt. Wo Kant an anderer Stelle eher vorsichtig bis umständlich laviert, spricht Grondin mit Kantischer Vernunft und Grondinscher Zunge: "Entweder nimmt man einen Gott und ein künftiges Leben an, oder man sieht sich gezwungen, die moralischen Gesetze für Einbildungen zu halten".
Grondins Leistung beschränkt sich aber nicht nur auf moderne sprachliche Übertragungen Kantischer Kathedersprache des 18. Jahrhunderts. Er schafft es auch, die beiden zentralen Werke Kants in einen Gesamtkontext zu stellen: In der "Kritik der reinen Vernunft" zerlegte Kant den mittelalterlichen Begriff der Metaphysik und schuf gleichsam den Begründungsunterbau für die Antwort auf die Frage nach der Möglichkeit von Metaphysik. Die Antwort selbst ist dann die "Metaphysik der Sitten", ein Werk indem Kant es schafft, die Ethik mit Hilfe des Vernunftbegriffs neu zu begründen. Das ist natürlich in erster Linie ein Verdienst Kants, aber das auch in seiner Komplexität zu verstehen, ist ein Verdienst dieser grandiosen Einführung Jean Grondins!
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In seiner frühen Kindheit ein Garten: Roman (suhrkamp taschenbuch)
In seiner frühen Kindheit ein Garten: Roman (suhrkamp taschenbuch)
von Christoph Hein
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,00

25 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Moralisieren auf dünner Grundlage, 2. März 2010
Christoph Hein erzählt die Geschichte um die realen Ereignisse des GSG9-Einsatzes von 1993, bei der der Terrorist Wolfgang Grams unter ungeklärten Umständen erschossen wurden war. Die Parallele zum Realereignis zieht Hein dabei ganz explizit. Zwar verwendet er andere Personennamen, verändert aber den Tatort des Bahnhofs von Bad Kleinen nur minimal in den Bahnhof von Kleinen. Hein konzentriert sich auf den Klageweg Grams' Eltern durch sämtliche Rechtsinstanzen zur Aufklärung der Todesursache Ihres Sohnes. Auch diesen Klageweg hat es so wirklich gegeben. So verständlich das Bemühen der Eltern um Rehabilitation des Sohnes auch ist, es bleibt fraglich, ob das wiederholt vom Protagonisten vorgetragene Postulat "Mein Sohn ist kein Mörder" hinreichend ist, um damit um Sympathie der Leserschaft - eine Sympathie immerhin für einen Terroristen - zu werben, sofern das überhaupt die Absicht des Autors ist.

Gesetzt den Fall, die wäre Heins Absicht, so wird dies schon durch die schwerfällige und holzschnittartige Darstellung des Vaters erschwert, den Hein bis zur letzten Seite in konsequenter Pronomen- und Synonymenverweigerung stets mit Vor-und Zunamen Richard Zurek nennt. Auf den ersten 100 Seiten erfüllt Richard Zurek ohnehin nur ein Ziel: Den Leser nach allen Regeln der Kunst zu langweilen, etwa wenn Hein zum widerholten Male Richard Zurek alle verfügbaren Zeitungen kaufen lässt, und ihn daraus die Artikel über seinen Sohn ausschneiden und abheften zu lassen.

Nun kann man Heins monotonen Stil und die gezielte Spannungsvermeidung entweder als gewollten Kunstgriff bezeichnen oder kritisieren; eine andere Kritik, die sich gegen "In seiner frühen Kindheit ein Garten" richtet, Hein würde darin unkritisch mit dem Thema RAF umgehen, lässt sich hingegen schwerer aufrechterhalten. Sie lässt sich aber auch schwer zurückweisen. Vielmehr versucht Hein, der während des geamten Romans die RAF kein einziges Mal namentlich erwähnt, sich auf die Seite des Vaters des getöteten Terroristen zu stellen, ohne zugleich für Terroristen Partei ergreifen zu müssen. Dieses vermeintlich geniale, aber letztendlich einengendem Konstrukt würde vermutlich genügen, um die Familienehre der Familie Zurek wiederherzustellen. Das mag auch dem wirklichen Vater von Wolfgang Grams gereicht haben, Christoph Hein ist dies jedoch zuwenig: Er lässt den pensionierten Schuldirektor Richard Zurek am Ende des Romans in der Aula seiner alten Schule vor verdutzten Zuhörern feierlich seinen Amtseid widerrufen.

Die Verblüffung ist dabei ganz auf der Seite des Lesers, denn Richard Zurek betrachtet als Folge seiner Verbitterung nichts Geringeres als den gesamten Staat als seinen persönlichen Feind, weshalb ihn die Entbindung von seiner Funktion als Staatsdiener (und sei es nur die Funktion des ehemaligen Staatsdieners) als ultima ratio erscheint. Selig lässt Hein seinen Roman in einem Restaurant bei gutem Essen und einem Glas Wein ausklingen. Wozu die Aktivisten der RAF noch revolutionäre Ideale, Ideen und seitenlange Kommuniqués bemühen mussten, kommt Richard Zurek mit dem simplen Vater-Sohn-Verhältnis aus. Ganz bewusst lässt Hein sogar den Vater die Büchern seines Sohnes lesen, jedoch nur um Zureks Abneigung gegen die Inhalte darin hervorzuheben.

So wird Richard Zurek am Ende zum Revoluzzer ohne revolutionären Ideale. Selbst Christoph Hein mag diese Vorstellung kurios, wenn nicht gar anmaßend erschienen sein. Und so versucht er sich in kleinen Rückblenden Rechtfertigungen dafür zu schaffen, um für Verständnis für Richard Zureks Verhalten zu werben, während dieser wiederum bemüht ist, Verständnis für seinen Sohn Oliver aufzubringen: "Und plötzlich waren wir mitten in einem Polizeieinsatz", so berichtet Richard Zurek seiner Frau über ein Schlüsselerlebnis mit seinem Sohn, dem späteren Terroristen; und darüber, wie diese bei einem harmlosen Einkaufsbummel in Wiesbaden in einen Tumult geraten waren: "Die Wasserwerfer fuhren mit hohem Tempo auf die Demonstranten zu, und dann knüppelten sie auf alles ein, was sich bewegte". Mit unbekümmerter Leichtigkeit schlägt Hein einen Bogen von beobachteten Polizeieinsätzen hin zu jenem verkorksten Gerichtsprozeß, bei dem sich Richter und Polizei gegenseitig decken und Beweise vernichten, um daraus Richard Zurek die Schlußfolgerung ziehen zu lassen: "Da der Staat aber seine eigenen Gesetze nicht wahrt, bin ich von meinem Amtseid entbunden". Diese Schlüsse zieht Hein mit einem beachtlichen Grad an Selbstverständnis und fordert den Leser auf, ihm gleich zu tun, vorausgesetzt, das Staatsverständnis des Lesers lässt sich auf die beiden Elemente Polizei und Richter reduzieren, wie das bei Christoph Hein der Fall zu sein scheint.

Der erschöpfte Leser endet in einem hessischen Weinlokal und hat sicher ein Gläschen Roten verdient, nachdem zunächst Spannung, dann Logik, Witz, Sympathie und zuletzt auch Verständnis für den Protagonisten und seine Handlung auf der Strecke geblieben sind.
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Der kurze Traum des Jakob Voss: Roman
Der kurze Traum des Jakob Voss: Roman
von Matthias Göritz
  Gebundene Ausgabe

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein schmerzhaftes Leseerlebnis - aber dennoch: Ein Leseerlebnis, 13. November 2008
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Dieses Buch schmerzt. Damit ist es zumindest nicht langweilig. Im Gegenteil, aus distanzierter Sicht wird man Zeuge eines Zusammenbruchs, es passiert also eine ganze Menge, und es wird durchaus in schnellem Tempo und aus wechselnden Perspektiven erzählt. Das fesselt und trägt durchaus zu einem gewissen Lesevergnügen bei. Doch am Ende bleibt ein bitterer Geschmack und der Leser bleibt unzufrieden, ja, gequält zurück.

Selbstverständlich gibt es keinen verbrieften Anspruch auf ein Happy-End, im Gegenteil: Die besten Bücher lassen ihre Protagonisten am Ende heroisch umkommen, ja Verfall und Mißerfolg ist gerade das, was den Leser eigentlich interessiert. Eine verfallene Ruine ist immer noch reizvoller, als ein stattliches Herrenhaus. Den verbotenen Reiz des Morbiden bringt der Leser mit seiner eigenen Vergänglichkeit in Verbindung, und deshalb sind Geschichten über Verderben und Versagen so schön.

Was also stimmt dann bei Jakob Voss nicht? Daß man von Anfang an weiß, oder zumindest ahnt, wie die Geschichte ausgehen wird? Immerhin ist der Titel des Buches bereits die Kurzversion der gesamten Handlung und schon die ersten Seiten präsentieren Jakob Voss als einen Verlierer. Aber das alleine ist es nicht.

Immerhin versucht Göritz nicht die Geschichte platt an einem Faden aufzureihen. Nein, er erzählt die Geschichte aus der Perspektive des Sohnes Nicholas, auch Nick" oder einfach Der Junge" genannt. Dieser pubertierende Knabe beobachtet seine neue Umgebung, in die ihn seine Eltern durch den Umzug auf jene Farm gebracht haben mit dem kalten Interesse eines Naturforschers", wie Göritz selbst den Jungen charakterisiert. Während die Welt des Vaters aus dem Alltagskampf einer hochverschulden Geflügelfarm besteht, und dieser sich wechselweise mit schmierigen Vertretern, seiner sich vernachlässigt fühlenden Ehefrau, Kreditgebern und unzufriedenen Arbeitern herumschlagen muß, gibt es in der Welt des Nicholas Voss ganz andere Probleme und vor allem ganz andere Personen. Und diese stehen kraft der Erzählperspektive im Vordergrund.

Vielleicht sind es ja die geschrumpften Hoden" oder die wabbeligen Brüste", die der Autor mit dem kalten Interesse eines Naturforschers" schon im ersten Kapitel an Nicholas selbst und in seiner Wahrnehmung an den Frauen des Dorfes beschreibt, an denen der Leser unvermeidlich hängen bleibt. Der tiefe und ungehemmte Griff in die Kiste tabuisierter Sexualbegriffe, aus dem später auch Wörter, wie "Schwanz, Penis, Möse oder Scheide" gegriffen werden, verschiebt das Leserinteresse erst zögerlich, aber dann immer vehementer weg von dem an einer rätselhaften Krankheit leidenden Farmgeflügel und dem finanziellen Fiasko der Farm, hin zu den erotischen Abenteuern des Nicholas Voss.

Als dann schließlich das um ein paar Jahre ältere Mädchen Ruth auftaucht, die Nicholas nach allen Regeln der Kunst den Kopf verdreht und diesem, wenn auch in passiver Weise, eine erste Selbsterfahrung seiner eigenen Sexualität ermöglicht, wird dieser Handlungsstrang so dominant, daß dem Leser am Ende des Buches nichts weniger interessiert, als das wirtschaftliche Schicksal der Farm und deren Chef Jakob.

An dieser Stelle hätte der Autor die Gelegenheit gehabt, den Abstieg des Jakob Voss mit der beginnenden Sturm-und-Drang-Periode seines Sohnes zu verbinden und so ein Bild vom ewigen Kreislauf der Natur zu zeichnen. Dieser Kontrast erscheint nicht nur reizvoll, er wird dem Leser von Göritz geradezu aufgedrängt. Allein, er bleibt unvollendet. Denn Göritz läßt auch die Welt des Nicholas Voss untergehen, noch bevor er sich pflicht- und titelgemäß an das Ende der Farm macht: Ruth betrinkt sich und wird von Ruths zweifelhaften Freunden vor den Augen Nicholas' und seines Freundes geschändet und gedemütigt. Die totale Apokalypse ist perfekt. Und dem Leser bleibt nichts, woran er einen Hoffnungsschimmer hätte festmachen können.


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