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Garnet

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Das Leben der Rebecca Jones: Roman
Das Leben der Rebecca Jones: Roman
von Angharad Price
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,90

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Tradition und Moderne in einem Tal in Wales, 27. April 2016
>> Keiner von uns ist Vater je wirklich "nah" gewesen. Für ihn war ich eine jüngere Ausführung meiner Mutter. Meine Aufgabe war es, seiner Frau dabei zu helfen, ihre Pflichten als Bäuerin zu erfüllen indem ich Essen und Tee kochte, mich fügte, Trost spendete. Viele Jahre litt ich insgeheim darunter. Was für eine verabscheuungswürdige Tradition, die Frauen zu Dienstmägden macht! Aber je älter ich wurde, desto leichter fiel es mir, die Dinge zu akzeptieren. Vater wurde mit zunehmendem Alter immer schwächer. Spürbar stärker wurde sein Bedürfnis nach dem Anker eines Zuhauses. Ich lernte, ihn besser zu verstehen, sein Urteil nicht mehr zu fürchten. Endlich begriff ich, wie abhängig er von uns war. << (S. 122)

Rebecca Jones wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einem ärmlichen Farmhaus in Wales als Älteste von mehreren Geschwistern geboren. Rebecca Jones erzählt ihre Geschichte selbst: Zugunsten drei ihrer Brüder (zwei sind bereits blind geboren, einer im Kleinkindalter erblindet) müssen sie und ihr sehender Bruder Bob, was Bildung und Ausbildung angeht, zurücktreten. Die Brüder werden das Tal verlassen. Dennoch hadert sie nicht, sondern kommt ihren Pflichten treu und gewissenhaft nach und kümmert sich um ihre jüngeren Geschwister. Über die gesamte erste Hälfte dieses Romans liest sich das eher wie eine Art Familienchronik (die es wohl auch irgendwie sein soll), versehen auch mit sehr genauen Datumsangaben, was die Geburten der Geschwister und deren Kinder angeht. Eher mit Distanz beschreibt Rebecca gewisse Ereignisse. Eingeschoben sind immer wieder in kursiv gedruckte Kapitel, in denen Rebecca als "alte" Frau, die sie nunmehr ist, das Leben in und mit der Natur rund um das Tal Cwm Maesglasau, in dem Rebecca ihr ganzes Leben verbracht hat, beschreibt. Auch sprachlich setzen sich diese Kapitel etwas von der übrigen Erzählung ab, sie sind poetischer und schweifiger, vielleicht auch ein bisschen wehmütig.

In diesen Kapiteln wird auch der Dichter Hugh Jones immer wieder erwähnt und zitiert, der aus Rebeccas Familie stammt und ein walisischer Dichter war. Dass es sich um eine (tatsächliche) Familienchronik handelt, wird zusätzlich auch noch durch die Illustration mit einigen authentischen Fotos deutlich gemacht.

Die Erzählung selbst wird ebenfalls in der zweiten Hälfte, in der auch Rebecca ihre zweite Lebenshälfte beschreibt, dem Leser etwas "näher". Sie erzählt - immer noch mit Distanz, aber sehr gefühlvoll - von ihrer großen Liebe, von der Zuneigung zu ihren Brüdern, vor allem zu Bob, der ebenfalls in Maesglasau geblieben ist, von der harten Arbeit, die das Leben prägt, vom Krieg, vom Tod ihres Vaters. Und weiter schreitet die Erzählung voran, durch die 60er Jahre, die auch den Fortschritt in Form von Waschmaschine und Elektroherd mit sich brachten. Und so verfolgt der Leser dieses ganze lange Leben und das Leben in einem abgelegenen Dorf in Wales über das gesamte Jahrhundert hinweg, in dem auch Traditionen sich verändern oder verloren gehen.

Und diese Traditionen sind es, auf die die Erzählung ein wenig wehmütig blickt, zwar werden die technischen Fortschritte wie zum Beispiel auch eine Turbine, die den elektrischen Strom bringt, erwähnt und durchaus gutgeheißen, aber insgesamt hängt über der gesamten Erzählung eine gewisse Trauer über diesen Verlust, gleichzeitig eine gewisse Ergebenheit in die Umstände. Gleichwohl versteht es Rebecca, dieses Leben auf die ihr eigene Weise zu reflektieren.

Vor allem zum Ende des Romans hin kann man ergriffen sein von der wundervollen und gefühlvollen, aber keineswegs blumigen Sprache. Ohnehin ist das Ende (ohne zuviel verraten zu wollen, dem Klappentext kann man allerdings in dieser Hinsicht - leider - auch schon etwas entnehmen) eben doch überraschend, es macht die Erzählung aber auch "rund".

Die Autorin Angharad Price, die sich kurz ebenfalls in dem Roman erwähnt, hat sich sehr mit der Geschichte ihrer Familie und den walisischen Wurzeln auseinandergesetzt. Der Roman ist bereits vor fast 15 Jahren erstmals erschienen, damals noch in walisischer Sprache, und wurde zunächst ins Englische übersetzt. Die hier vorliegende Übersetzung beruht auf der englischen Fassung des Romans. Ob die walisische Poesie dabei möglicherweise etwas verloren gegangen ist, kann der der Sprache nicht mächtige Leser kaum angemessen beurteilen, möglicherweise ist die etwas distanzierte Erzählweise, die mir nicht unbedingt immer "poetisch", wie der Klappentext suggeriert, erscheint, einer regionalen Besonderheit geschuldet. Dennoch handelt es sich um ein durchaus lesenswertes und auch leicht lesbares Stück Literatur über eine Frau, die sich mit dem ihr anvertrauten Leben arrangiert hat und hier tatsächlich eine angemessene Würdigung erfährt.


12 Years a Slave
12 Years a Slave
DVD ~ Chiwetel Ejiofor
Preis: EUR 5,99

8 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Die guten Darsteller retten den Film ... so gerade noch, 20. April 2016
Rezension bezieht sich auf: 12 Years a Slave (DVD)
Um es gleich vorweg zu nehmen: Im Großen und Ganzen geht es in diesem Film - der Filmtitel lässt auch nichts anderes vermuten - um die Darstellung des Leids der schwarzen Sklaven in den amerikanischen Südstaaten in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Ebenfalls im Großen und Ganzen dürfte die Haupthandlung bekannt sein: 1841 wird der bis dahin als freier Schwarzer in New York lebende Solomon Northup verschleppt, gefoltert und in die Sklaverei verkauft, aus der er 12 Jahre später entkommen kann.

Viel mehr allerdings gibt der Film auch wirklich nicht her, so leid einem das tun mag, was diesem Mann (wie natürlich vielen anderen Sklaven auch) widerfahren ist. Dem Regisseur Steve McQueen sowie auch Brad Pitt als einem der Produzenten (der es dann auch nicht lassen konnte, sich gegen Ende des Films mit selbst zu verewigen) ging es möglicherweise auch noch um etwas anderes als die reine Darstellung der Perversion der Versklavung von Menschen durch Menschen (dafür allein hätte es eines solchen Films ja nun auch nicht bedurft, gibt es doch viele andere filmische Beispiele, die uns dies schon eindrucksvoll vor Augen geführt haben). Nein, es scheint auch ein Anliegen dieses Films zu sein zu zeigen, zumindest wird dem auch eine gewisse Wichtigkeit beigemessen, dass der zuvor FREIE Schwarze Solomon als freier Staatsbürger (zu Beginn des Films wird er im Kontext seiner gut situiert lebenden Familie und in seinem Beruf als Geigenspieler gezeigt) allein aufgrund seiner Hautfarbe keine Chance hatte, seinem Schicksal zu entgehen. Während man zu Beginn des Films noch davon ausgehen konnte, dass Solomon um seine Freiheit kämpfen würde ("Ich will nicht überleben, ich will leben."), seine Folterqualen dramatisch im Angesicht des Capitols gezeigt werden, verliert sich die weitere Handlung dann aber tatsächlich "nur" in der Darstellung der Zustände, unter denen Sklaven verkauft und "gehalten" wurden. Die Willkür, der Menschen in der damaligen Zeit ihren "Herren" ausgesetzt waren, spielt über fast die gesamte Länge des Films dabei die größte Rolle: Solomon wird gezwungen, sich selbst zu verleugnen, seinen Namen abzulegen, seine wahre Identität zu verschweigen, letztendlich, wie er dann selbst zugeben muss, eben doch, um zu ÜBERleben. Natürlich werden dem Zuschauer auch die in einem solchen Film wohl obligatorischen Auspeitschungsszenen nicht erspart.

Das alles ist bereits in etlichen Filmen, teils wesentlich brutaler, schonungsloser und vielleicht auch ehrlicher, thematisiert worden.

Die Frage ist also, ob der Film mit dem Aspekt, dass Solomon zuvor eben ein FREIER Schwarzer war, nicht in Gefangenschaft geboren oder mit einem Sklavenschiff nach Amerika gekommen, sondern zuvor seine Rechte als amerikanischer Staatsbürger wahrnehmen könnend, dem Thema etwas Neues hinzufügen kann. Und das gelingt ihm eben nicht. Durch die Einblendung des Capitols soll wohl deutlich gemacht werden, dass Solomon großes Unrecht geschieht, das ihm als amerikanischer Staatsbürger eigentlich erspart bleiben sollte. Aber sollte es nicht darum gehen, dass grundsätzlich JEDEM Menschen dieses grausame Schicksal der Sklaverei erspart bleibt? Der Unterschied zwischen ihm, Solomon, und anderen Schwarzen wird hier jedenfalls zu Beginn des Films dem Zuschauer nur allzu deutlich gemacht. Zum einen ist das meines Erachtens eine sehr fragwürdige Botschaft des Films. Zumindest in einem modernen Film, für den die Sichtweise der heutigen Zuschauer eine Rolle spielt. Sicherlich war das zur Mitte des 19. Jahrhunderts anders, schließlich wissen wir, die Zuschauer, sowohl im "modernen" Europa (sollte man jedenfalls annehmen) als auch in den heutigen USA, dass die Sklaverei in den damaligen Südstaaten ein absolutes Unrecht war. Aber sie war eben nicht deshalb ein Unrecht, weil man - wie damals - zwischen freien und "anderen" Schwarzen unterscheiden muss, sondern weil die Versklavung von Menschen ganz grundsätzlich gegen Menschenrechte verstößt. Zum anderen macht sich der Film nun also die Mühe, diesen Aspekt zu Beginn einzubringen, aber nicht die, ihn zu hinterfragen bzw. lässt ihn völlig außen vor, er ist dem Film im weiteren Verlauf egal und hinterlässt diesen Eindruck erst recht durch die pathetische Schlussszene. Nicht einmal die am Schluss eingeblendeten Erklärungen zum weiteren Schicksal Solomons berücksichtigen diesen Punkt.

Nun weiß ich nicht, was die Buchvorlage durch den wirklichen Solomon Northup hergibt, schließlich beruht dieser Film auf der realen Autobiografie der Hauptfigur, soll wohl allerdings in Teilen erheblich von der Buchvorlage abweichen. Solomon (dargestellt durch einen durchaus gut agierenden Chiwetel Ejiofor) wird im Film nicht übermäßig stolz charakterisiert, im Gegenteil: Er ist durchaus bereit, Prinzipien über den Haufen zu werfen, um sein eigenes Leben zu retten. Und letztendlich spielt es auch nur am Anfang und am Ende eine Rolle, dass Solomon zuvor ein freier Schwarzer war, dem die Grundrechte jedes amerikanischen Staatsbürgers zustehen (eben offenbar im Gegensatz zu "anderen" Sklaven), sodass von der Filmhandlung größtenteils nur noch die grausame Darstellung der Sklaverei bleibt, die sich teilweise an gewissen Szenen sogar eher ergötzt als dazu geeignet erscheint, Anteil zu nehmen am Leid der damaligen Sklaven, die Psychologie der Folterer zu hinterfragen oder - eben das wäre durchaus ein beachtenswerter Aspekt gewesen - das Rechtssystem der USA. Im Grunde spult der Film sein "Programm" herunter. Und das ist für einen guten Film, als der er vielfach gelobt und auch oscarprämiert wurde, eben einfach zu wenig. Dass man als Zuschauer natürlich schockiert ist von einigen Szenen, versteht sich eigentlich von selbst.

Bleibt letztendlich noch, darauf hinzuweisen, dass die schauspielerische Leistung einiger Darsteller dann doch durchaus im Gedächtnis bleibt. Vielfach wurde dabei auch auf den Darsteller des Sklavenhalters Epps hingewiesen, Michael Fassbender. Aber noch eine andere Figur, in einer kleinen Nebenrolle, hat zumindest mich frösteln lassen, es handelt sich um den Darsteller des Aufsehers Tibeats, Paul Dano.

Deshalb und auch, weil der Film vielleicht doch noch in zweiter oder dritter Rezeptionsreihe die oben angesprochenen Aspekte berücksichtigen kann, halte ich ihn nicht für vollständig ungelungen. Mir gefällt er dennoch nicht.


Die niedrigen Himmel: Roman
Die niedrigen Himmel: Roman
von Anthony Marra
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,30

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unfassbar grausam und unfassbar schön, 29. November 2015
"Du bist ein anständiger Mensch", sagte sie und lächelte. "Ein lausiger Arzt, aber ein anständiger Mensch." (S. 264)

Mit diesem Satz fasst Sonja, die einzige noch verbliebene Ärztin im zerbombten Krankenhaus von Woltschansk, den gesamten Charakter Achmeds zusammen. Denn eigentlich wäre Achmed viel lieber ein Künstler geworden als Arzt. Als die Föderalen im zweiten tschetschenischen Krieg das Haus seines Freundes und Nachbarn Dokka anzünden und Dokka mitnehmen, um ihn in die berüchtigte "Deponie" zu bringen, kann Dokkas acht-jährige Tochter Hawah unbemerkt fliehen, aber nun muss Achmed für sie ein neues und vor allem sicheres Zuhause finden. Und da fällt ihm der Name der Ärztin des Krankenhauses ein, Sonja, die er aber gar nicht persönlich kennt. Woher er ihren Namen weiß, wird der Leser im Verlauf der Romanhandlung erfahren ... Er bringt Hawah zu Sonja, muss aber feststellen, dass diese eine ganz und gar unsympathische Person ist, die ihn auch noch "zwingt", im Krankenhaus als Arzt mitzuhelfen. Andere Behandlungen als Entbindungen und Amputationen gibt es dort nicht.

Sonja hingegen bleibt eigentlich nur in dem Krankenhaus, weil sie hofft, ihre Schwester Natascha, die eines Tages und nicht zum ersten Mal einfach verschwunden ist, wiederzutreffen. Und zuhause, in Achmeds Dorf, bereitet Ramsan, der den größten Verrat an seinem Freund Dokka begangen hat, die nächste Offensive vor, die vielleicht nur sein Vater Chassan verhindern kann ...

Und so verfolgen wir die Schicksale dieser Figuren auf verschiedenen Zeitebenen in einem Zeitraum von 1994 bis 2004, die aber hin und her springen. Damit der Leser den Überblick behält, ist an den Anfang eines jeden Kapitels ein Zeitstrahl gesetzt, der die erzählte Zeit markiert.

Im Grunde dreht sich die gesamte Handlung um Hawah, das acht-jährige Mädchen, das als Figur selbst nur eine Nebenrolle spielt, aber in ihr liegt die gesamte Zukunft aller Figuren. Einem auktorialen Erzähler haben wir es zu verdanken, dass wir als Leser in diese Zukunft, die es oft noch gar nicht gibt, schauen können, und oft schauert es einem kalt den Rücken herunter, aber unglaublich viel Hoffnung liegt auch in dieser Zukunft.

Tschetschenien hat in den letzten zwei Jahrzehnten unglaublich viel Krieg, Zerstörung und Leid erschüttert, und der Autor Anthony Marra, dessen vorliegender Roman ein Debüt darstellt, der den Krieg aber nicht aus eigenem Erleben kennt, schafft es, sowohl sprachlich als auch bildhaft ein Bild dieses zerstörten und verwundeten Landes zu zeichnen, das den Leser in jeder Hinsicht teilhaben lässt und zumindest ein paar Vorstellungen davon hinterlässt, was das Land und seine Bewohner erleben mussten. Es bindet den Leser auch ein in den Konflikt derer, die sich entscheiden mussten zwischen Verrat an Freunden und dem Ausliefern der eigenen Familie an Folter und Tod.

Ein Roman, der so berührend ist, ohne sentimental zu sein, der so wunderbare Figuren erschafft, der konsequent in seiner Erzählweise und am Ende auch in seiner Gesamtkomposition ist, der unglaublich tiefe Dialoge enthält, dass man noch Wochen später sich daran erinnert, hat für meinen Geschmack wesentlich mehr Beachtung verdient, als das bis jetzt im deutschsprachigen Raum der Fall gewesen ist. Dies ist großartige Literatur in jeder Hinsicht: Sprache, Figuren, Thema. Der noch sehr junge Autor Anthony Marra hat einen mitreißenden Roman geschrieben, der erhoffen lässt, dass wir zukünftig noch weitere wunderbare Romane von diesem Autor werden lesen können.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 9, 2015 12:45 AM CET


Niklas Frank Der Vater Eine Abrechnung
Niklas Frank Der Vater Eine Abrechnung
von Niklas Frank
  Taschenbuch

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Inhaltlich, thematisch und sprachlich kein leicht lesbares, im großen Zusammenhang jedoch unverzichtbares Buch, 6. September 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Niklas Frank, Jahrgang 1939, wurde ab etwa Mitte der 80er Jahre bekannt durch seine Veröffentlichungen über seinen Vater. Sein Vater Hans Frank ist bekanntlich als einer der Haupttäter des Nationalsozialismus 1946 in den sogenannten Nürnberger Prozessen zum Tod verurteilt worden. Als "Generalgouverneur von Polen" war er mitverantwortlich für den Tod und das Leid von Millionen von Menschen.

Während andere "Täterkinder", die über die Beteiligung ihrer Väter am Nationalsozialismus sprechen, selbst wenn sie die Schuld ihrer Eltern eingestehen, dennoch den Vater als Vater ehren wollen, kann man dies von Niklas Frank nun wahrlich nicht sagen. Wenn man das Buch "Der Vater" liest, das den Untertitel "Eine Abrechnung" trägt, wird man sehr schnell merken, dass Niklas Frank von einer unglaublichen Wut auf diesen Vater erfasst gewesen sein muss, die ihn, wie in einem Interview von ihm auch einmal zu lesen, dieses Buch, in dem er seinen Vater in der zweiten Person anspricht, innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums gleichsam "hinrotzen" ließ. Oder wie Ralph Giordano im Vorwort zu diesem Buch schreibt: Er kotzt dem Leser den Verrat seines Vaters gleichsam vor die Füße. Diese Art der Auseinandersetzung mit einem Vater, der auch als Vater sogar ihm gegenüber noch versagt hat (wie Frank selbst berichtete, hat der Vater ihn - den jüngsten Sohn - als "Fremdi" bezeichnet, weil er annahm, dass er nicht der leibliche Vater sei), wurde ihm vielfach übelgenommen, auch durch seine Familie.

Denn eines muss man auch sagen: Dieses Buch ist oft schwer lesbar im Sinne von "unerträglich". Weder inhaltlich noch thematisch noch sprachlich werden hier irgendwelche Rücksichten genommen. Man kann auch nicht um den Schluss herumkommen, dass Frank seinen Vater lächerlich macht, die Sprache ist oft sehr derb. Und oft genug "verschwimmen" auch die Grenzen dokumentierter Ereignisse und bewertender Kommentare. Dennoch gebührt Niklas Frank großer Respekt in der gesamten Geschichte der Aufarbeitung nach 1945. Wie er hat kein anderer so schonungslos die Verbrechen benannt, die sein Vater - hier stellvertretend für eine "Tätergeneration" - begangen hat: Aber eben als Kind eines Täters und nicht aus der Sicht von Historikern oder Zeitzeugen. Niklas Frank konnte die Verbrechen seiner Elterngeneration als gerade einmal 6-jähriger bei Kriegsende kaum angemessen beurteilen. Insoweit ist all dies eine schon reflektierte Sicht auf die Ereignisse. Berücksichtigen muss man eben auch, dass Niklas Frank mehrere Jahrzehnte gewartet hat, Dokumente zusammengetragen hat, Zeitgenossen seines Vaters, soweit sie noch lebten und Auskunft geben wollten, befragt hat, bevor er sich an dieses Projekt machte. Und oft scheint es auch so, als hätte Niklas Frank beim Schreiben gar keine "Leserschaft", ein Publikum, vor Augen gehabt, sondern eben wirklich nur die ganz eigene Auseinandersetzung, eben "Abrechnung" mit dem Vater. Insofern "darf" und vielleicht sogar muss dieses Buch "unerträglich" sein.

Das Buch geht insgesamt chronologisch vor: Niklas Frank beschreibt den Werdegang seines Vaters von Kindheit an, seine berufliche Laufbahn als Rechtsanwalt, der sich alsbald Hitler anzudienen vermochte, das Kennenlernen seiner Eltern, schließlich die "Herrschaft" seines Vaters über das besetzte Polen auf der Krakauer Burg, wo die Familie ihren Wohnsitz nahm. Dabei zitiert er oft aus privaten Briefen, Tagebüchern seines Vater und aber auch aus offiziellen Dokumenten und versieht diese Zitate mit eigenen - in kursiv gedruckten - Anmerkungen, die drastisch, respektlos und vernichtend sind. Die gesamte, jahrelange Auseinandersetzung des Niklas Frank mit einem Vater, der kein Vater sein wollte und zudem offenbar tiefe Schuldgefühle bei seinem Sohn hinterlassen hat, manifestiert sich hier.

Sieht man sich Interviews oder dergleichen mit Niklas Frank ab der Mitte der 80er Jahre bis heute an, wird man dann doch einen gewissen Unterschied bemerken. Während Niklas Frank zu Beginn der Veröffentlichungen über seinen Vater seine gesamte Wut auch noch verbal untermauerte, so sieht man heute einen immerhin Mitte 70-jährigen, der insgesamt etwas milder auch mit sich selbst umgeht. Die Auseinandersetzung mit seinen Eltern, im Falle seines Vaters ging das nur noch mit dem hingerichteten Vater, später auch mit seinen Geschwistern (über seine Mutter sowie einen seiner Brüder veröffentlichte Frank später ebenfalls jeweils ein Buch) hat sein Leben geprägt, intensiv wie kein anderer hat Niklas Frank diesen Prozess betrieben und diesen auch in die Öffentlichkeit getragen. Dafür wurde er zu Beginn dieser Veröffentlichungen vielfach angefeindet, zu Unrecht, wie zumindest ich der Meinung bin.

Dieses Buch taugt, für sich allein stehend, sicherlich nicht für auch nur einen Bruchteil eines angemessenen Umgangs mit unserer Geschichte und Vergangenheit, und niemand anders als der Sohn eines Täters könnte (und vielleicht auch dürfte) überhaupt ein Buch in dieser Form schreiben. Aber im Gesamtzusammenhang mit aller Literatur über den Nationalsozialismus und seine Aufarbeitung ist dieses Buch wertvoll und - wie ich meine - auch unverzichtbar. Denn bei allem, was Niklas Frank, für uns Leser nicht ganz zuverlässig und alles andere als "neutral", über seinen und zu seinem Vater zu sagen hat, kommt er dessen Persönlichkeit, die in ihrer Kaltherzigkeit offenbar grundsätzlich anfällig war für Machtgier und Menschenverachtung, näher als uns lieb sein kann. Wenn wir nicht wollen, dass Gleiches oder Ähnliches wieder geschieht, dann braucht es auch ein solches Buch, das im großen Kontext heute nicht mehr wegzudenken ist.

Nachdem das Buch zunächst im Goldmann Verlag jahrelang erschienen war, wird es heute im Eigenverlag aufgelegt. Niklas Frank widmet dieses Buch seiner Frau und seiner Tochter.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 25, 2015 6:26 PM CET


Ein ganzes Leben: Roman
Ein ganzes Leben: Roman
von Robert Seethaler
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,90

13 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein langes Leben in einem (zu) kurzen Roman, 9. Mai 2015
Rezension bezieht sich auf: Ein ganzes Leben: Roman (Gebundene Ausgabe)
"An einem Februarmorgen des Jahres neunzehnhundertdreiunddreißig hob Andreas Egger den sterbenden Ziegenhirten Johannes Kalischka, der von den Talbewohnern nur der Hörnerhannes gerufen wurde, von seinem stark durchfeuchteten und etwas säuerlich riechenden Strohsack, um ihn über den drei Kilometer langen und unter einer dicken Schneeschicht begrabenen Bergpfad ins Dorf hinunterzutragen."

Mit dieser bedeutungsschwangeren Zeitangabe (wobei ich mal als bekannt voraussetze, was am 30. Januar 1933 geschehen ist) beginnt dieser kurze Roman, der immerhin dem Titel nach das ganze Leben des Andreas Egger umfassen soll (dem Titel wird die Handlung indes auch wirklich gerecht, er umfasst das Leben des Andreas Egger von seinem Kleinkinddasein bis zu seinem Tod). Da war die Erwartung meinerseits zugegebenermaßen hoch, aber zunehmend stellte sich mir die Frage, warum man so etwas an den ANFANG eines Romans setzt und dann nicht ein EINZIGES Wort über die politischen Umstände der Zeit, in der dieser Roman spielt, verliert? Nicht einmal ansatzweise die Handlung in den Kontext setzt?

Gut, der Nationalsozialismus spielt also keine Rolle in diesem eremitischen Dasein des Andreas Egger, kurz unterbrochen durch das Zusammenleben mit Marie, seiner Frau, allerdings wird auf Seite 81 dann doch nochmal erwähnt, in welcher Zeit wir uns befinden: Der Krieg ist gerade ausgebrochen. Egger meldet sich freiwillig, wird aber für zu alt und - wegen einer durch eine Misshandlung durch seinen Ziehvater gebliebenen Behinderung - kriegsuntauglich eingestuft. Ohne weitere Zwischenhandlung kommt dann - zeitlich gesehen vier Jahre später - doch noch die Einberufung, aber: "Egger hinterfragte nichts. Er führte Befehle aus, das war alles." (S. 85).

Nach Jahren der Kriegsgefangenschaft kehrt Egger in sein Dorf zurück, muss zusehen, wie dort der Tourismus Einzug hält (am Bau der Seilbahn hatte er als junger Mann selbst mitgewirkt), wie Technik und Fortschritt sich Bahn brechen. Von zeitgeschichtlichen Ereignissen wird Egger nicht berührt, und auch ansonsten passiert nicht viel in seinem Leben, die Leute halten ihn zunehmend für etwas sonderbar, aber so richtig ist das kein Thema dieses Romans, vielmehr geht es um die Schicksalsergebenheit dieses Mannes.

Gegen Ende versöhnt mich dann doch noch einiges an der zwar mit hin und wieder sehr gehaltvollen Sätzen gespickten Erzählung, die auch deshalb nicht langweilig wirkt, weil das Leben des Andreas Egger nicht linear, sondern in Sprüngen erzählt wird. Und zwischendurch und vor allem zum Ende hin ist es in seiner Schlichtheit durchaus berührend und finden einige vorher wie angefangen und nicht zuende geführte Episoden doch noch ein "Ende". Mitnehmen kann man vielleicht, dass Menschen, die wir für "wunderlich" halten mögen, weil sie in einer selbstgewählten Einsamkeit leben möchten, deshalb nicht unbedingt "verrückt" sein müssen. Allerdings ist das nun auch keine neue Erkenntnis. Andreas Egger hat ein geradliniges Leben geführt, allerdings auch eines, das keine Spuren hinterlässt, weil nichts hinterfragt wird und weil das Leben hier einfach "ist". Hinzu kommt, dass aus heutiger Sicht das Leben des Andreas Egger schon Jahrzehnte vorbei ist (gestorben ist er wohl irgendwann Ende der 70er). Viele mögen in diesem Roman einen Ruf nach Entschleunigung sehen in unserer schnell sich ändernden Welt, den Wunsch nach Einfachheit und vielleicht sogar Rückkehr zu einem urtümlichen Leben, das als zwar durchaus entbehrungsreich, für meinen Geschmack jedoch gelegentlich etwas zu romantisiert und von gesellschaftspolitischen Veränderungen nicht beeinflusst dargestellt wird. Aber die Frage, was für einen Sinn so etwas haben sollte und warum es erstrebenswert sein sollte, wird in diesem Buch nicht gestellt und erst recht nicht beantwortet.
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 11, 2015 5:28 PM MEST


Ein Kind Gottes
Ein Kind Gottes
von Cormac McCarthy
  Broschiert
Preis: EUR 12,99

7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Ratlosigkeit macht sich breit ..., 6. April 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Ein Kind Gottes (Broschiert)
Noch lange nachdem ich den Roman beendet habe, frage ich mich, warum ich ihn nicht mochte. Also, "mögen" ist vielleicht sowieso nicht das richtige Wort, angesichts des Themas: wie in den 60er Jahren im amerikanischen Süden ein junger Mann zum Serienmörder und Nekrophilen wird, kann per se ja schon nichts sein, was man gerne lesen würde. Es könnte allerdings - sofern es denn kein Thriller ist, was es natürlich nicht ist, schließlich handelt es sich um einen Roman von Cormac McCarthy - aber durchaus etwas aussagen über die Gesellschaft, in der sich dieser Mensch bewegt, es könnte ein Sittenbild sein, es könnte eine Metapher sein für eine sich selbst immer mehr zerstörende Gesellschaft, in der Mitmenschlichkeit offenbar immer mehr verloren geht. Jedenfalls könnte man so etwas ähnliches von einem Roman Cormac McCarthys erwarten, zumal auch der Titel ... "Ein Kind Gottes" ... darauf hindeutet.

Tatsächlich aber finde ich nichts davon im Roman wieder. Lester Ballard, der eben erwähnte Mörder, der sich nach und nach (das muss man sich auch schon ein wenig "herauslesen") der Gesellschaft entzieht und tote Frauen "sammelt", entzieht sich dem Leser auf eine merkwürdig leblose Art. Zwar lese ich irgendwo im Roman, er sein kein "Dämon", aber was ist er dann? Ein Kind Gottes, wenn man dem Titel trauen darf. Nun ja, das ist wohl eine christliche Einstellung sowieso, die sich nicht bestreiten lässt. Für Nichtchristen darf Ballard wohl auch KEIN Kind Gottes sein.

Ich habe mich schwer getan, diesen Roman zu lesen, trotz sicherlich stellenweise sprachlich und stilistisch schöner Passagen, die der Roman zu bieten hat. Das war zwar alles schon vorher klar, denn das ist ja auch etwas, was McCarthy auszeichnet, aber letztendlich hat "Ein Kind Gottes" auch nichts weiter zu bieten als das. Pessimistisch ist die Handlung, um nicht zu sagen nihilistisch, und das ist natürlich schon "typisch" McCarthy (zwar handelt es sich hier um ein Frühwerk des Autors, das es erst jetzt in die deutsche Übersetzung geschafft hat), dennoch versteht er es in anderen seiner Romane, dem Leser zu vermitteln, dass die eigene Weltsicht vielleicht nicht so sicher ist wie es scheint. Cormac McCarthy ist einer, der beschreibt, der darstellt, dem Leser die Bewertung überlässt, vielleicht auch sogar in mehrfacher Hinsicht. Aber hier? Überkommt mich wirklich nur Schulterzucken, und mehr fällt mir dazu auch nicht ein. Für mehr als Ratlosigkeit reicht es leider nicht. ZU düster, ZU abstoßend, als dass man sich die Frage, ob Ballard noch "Ein Kind Gottes" ist, überhaupt noch beantworten WILL.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 14, 2015 10:33 PM MEST


Hart auf hart: Roman
Hart auf hart: Roman
von T.C. Boyle
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,90

11 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Über die "amerikanische Seele" ... oder so, 2. März 2015
Rezension bezieht sich auf: Hart auf hart: Roman (Gebundene Ausgabe)
Schon auf den ersten Seiten hat er mich: T.C. Boyle mit seinem neuen Roman "Hart auf Hart", und zwar mit der Geschichte zweier älterer Herrschaften, die sich zum Zeitvertreib auf einer Kreuzfahrt in der Karibik befinden. Kein gutes Ende soll diese Kreuzfahrt nehmen, aber dennoch wird Sten Stensen, pensionierter Schuldirektor, am Ende als "Held" gefeiert und hat sich die Achtung seiner Nachbarn im kalifornischen Mendocino verdient.

Dass das Ehepaar Stensen, also Sten und seine Frau Carolee, einen Sohn namens Adam hat, der ihnen in der Vergangenheit Probleme und Sorgen bereitet hat, wird erst nach und nach thematisiert, aber zum Glück weiß ja der Leser bereits vom Klappentext, dass es genau um diesen Sohn geht. Denn bis Adam überhaupt eine Rolle spielt, vergeht ja eine Weile mit der Kreuzfahrt-Episode. Wird diese durchaus spannende Episode später noch eine Rolle spielen? Nur bedingt, und es geht auch nicht so spannend und gut weiter.

Die 40-jährige Sara, der soeben ihr Hund abgenommen wurde, weil der offenbar eine Polizistin gebissen hatte und sie keine Impfung gegen Tollwut nachweisen konnte, trifft auf Adam. Warum hat der Hund die Polizistin gebissen? Weil Sara sich mit der Polizei angelegt hatte, nachdem sie wegen Nichtanschnallens angehalten worden war. Aber: Schließlich hat Sara "keinen Vertrag mit ihnen", wie sie beharrt, und ist deshalb - ihrer Meinung nach - nicht zum Anschnallen verpflichtet. Und der Hund? Den holt sie sich wieder. Zusammen mit Adam, mit dem sie daraufhin eine Art "Beziehung" eingeht.

Während wir Adams Eltern und auch Sara (und ihren sympathischen Hund Kutya) und sogar deren Freundin Christabel gut kennenlernen (Boyle hat ein ausgesprochen gutes Gespür dafür, Menschen zu charakterisieren, ohne zuviel zu "verraten" oder dem Leser etwas aufzudrängen), bleibt Adam merkwürdig "außen vor". Das muss vielleicht auch so sein, denn offenbar hat Adam starke psychische Probleme, war schon mehrmals in Behandlung, ist Alkohol und Drogen nicht abgeneigt und verbringt seine Tage in Tarnkleidung und mit einem Gewehr bewaffnet im Wald, um Opium anzubauen. Wie also soll jemand wie Boyle, der wahrscheinlich nicht derart "abgedriftet" ist, also so jemanden beschreiben, charakterisieren? Schwierig, und so liest es sich auch: Schwierig. Adam ist der Welt entrückt, das wird schon klar. Seine Eltern wissen es, Sara merkt es nicht. Sie zieht - da sie ja nun ihren eigenen Hund sozusagen aus der Staatsgewalt "entführt" hat und deshalb vorläufig nicht in ihr eigenes Haus zurück kann - mit Adam in das Haus seiner verstorbenen Großmutter, genießt den Sex mit ihm und ansonsten bekocht sie ihn und wäscht ihm seine Wäsche, wenn er gelegentlich auftaucht.

Soweit ist alles gut: Die Figuren sind interessant, die Konstellationen ungewöhnlich, das alles auf hohem erzählerischen Niveau. Sollte es allerdings wirklich den auf dem Buchumschlag erwähnten "bösen Witz" in diesem Roman geben, hat Boyle ihn so gut versteckt, dass er zumindest mir verborgen geblieben ist. Die oft derbe Sprache hingegen passt immer in die entsprechenden Passagen.

Irgendwann nachdem Adams Eltern das Haus verkaufen, eskaliert Adams Lage, auch das wird dem Leser vom Klappentext her bereits klar sein. Aber wohin führt das Ganze? Und da wird es eben schwammig. Ohne zuviel verraten zu wollen, irgendwie lassen sich zwischen Adam und seinem "Übervater" Parallelen herstellen, auch wenn der das natürlich abstreiten würde. Irgendwie will uns Boyle wohl etwas über die Verfasstheit der "amerikanischen Seele" erzählen, dazu passen auch die zwischendurch eingeworfenen Episoden von Adams großem Vorbild, dem Trapper John Colter, der es schaffte, vor den Blackfeet-Indianern auf fast selbstmörderische Art und Weise zu fliehen. Eine "historische" Figur.

Vielleicht will uns Boyle etwas sagen wie das, was er in einem Zitat an den Anfang seines Romans stellt: "Die amerikanische Seele ist ihrem Wesen nach hart, einzelgängerisch, stoisch und ein Mörder. Sie ist noch nicht geschmolzen." Oder vielleicht auch das Gegenteil davon. Irgendeine Aussage wird dieses Zitat im Zusammenhang mit der Romanhandlung wohl haben. Tatsächlich passt es auch irgendwie, auf Personen, auf Ereignisse. Nur: Was soll der Leser mit all dem anfangen, mit dem, was an den Anfang des Romans gestellt ist, wie verbindet sich das zu einem "Ganzen"? Das nämlich tut es nicht wirklich. Auch nachdem sich die Ereignisse dramatisch überschlagen, wird es nicht wirklich spannend, man liest und liest (und IST gespannt), aber im Grunde plätschert das alles vor sich hin, als wüsste Boyle selbst nicht so recht, was er denn nun genau erzählen möchte. Klar: Der (paranoide) Waffennarr Adam bricht aus der Gesellschaft aus, die Gesellschaft selbst schafft es auch nicht, Menschen wie ihm angemessen zu "begegnen", selbst seine eigenen Eltern nicht. Nur Sara, die zwar an der Gesellschaft "teilhat", sich ihren Regeln aber auch nicht wirklich beugen will, schafft es, auf ihre labile Art und Weise an ihn heranzukommen ; tatsächlich legt es Adam aber nur auf "Versorgung" und "f....." (das Wort wird nicht angenommen, wenn man es ausschreibt ;)) an, vor allem das zweitere, wie oft genug betont wird. Ansonsten bleibt ihm nichts anderes als "Rückzug" übrig, aber das ist eine Sackgasse.

Vielleicht ist das dann auch die Quintessenz eines stellenweise toll erzählten Romans: Ein Rückzug aus der Überfluss-Gesellschaft kann (und soll) nicht (mehr) gelingen, weder auf die Art eines Rückzugs in die Natur noch auf die Art eines Rückzugs in sich selbst.

Was bleibt, ist letztendlich die Geschichte eines der Welt Entrückten, der von Beginn an keine Chance hatte, und man merkt als Leser eben auch sehr schnell, dass auch Sara der Welt "entrückt" ist, zwar auf eine gänzlich andere Weise und nicht so vollständig wie Adam, aber dennoch nur teilweise in der Lage ist, sich mit ihr zu arrangieren. Das wiederum liest sich zumindest kurzweilig. Aber ich gebe zu: Ich bleibe am Ende ein wenig ratlos zurück.
Kommentar Kommentare (6) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 20, 2015 11:45 AM MEST


Amigo 01240 - Schwarz Rot Gelb
Amigo 01240 - Schwarz Rot Gelb
Preis: EUR 6,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Tolles Spiel für unterschiedlichste Spielrunden-Zusammensetzungen, 2. Januar 2015
Rezension bezieht sich auf: Amigo 01240 - Schwarz Rot Gelb (Spielzeug)
Ein Haufen von Karten liegt verdeckt auf dem Tisch, und nach dem Startsignal geht es los: Die Spieler müssen an die erste Karte, die sie ziehen, weitere Karten "anlegen", und keine der nächsten darf in irgendeiner Übereinstimmung mit der vorherigen sein. Was einfach klingt, ist gar nicht so einfach. Denn auf den Karten sind in unterschiedlichen Farben (NICHT nur schwarz, rot und gelb, sondern auch noch blau und grün) in unterschiedlicher Wortanzahl die entsprechenden Farben WÖRTLICH abgedruckt. An zweimal "schwarz" in gelber Schrift darf also nicht eine Karte angelegt werden, die eines dieser Merkmale enthält, es darf nicht "gelb" da stehen, es darf nicht in schwarzer Schrift sein, es dürfen keine zwei Wörter sein. Passt die nächste Karte, die in aller Hektik vom "Haufen" hochgenommen wird, nicht, wird sie wieder zurückgeworfen und die nächste aufgenommen, immer in der Hoffnung, dass sie passt. Weil das alles schnell gehen muss (denn die Runde endet, wenn der erste Spieler eine bestimmte Anzahl von Karten vor sich liegen hat und dann die Runde durch "Stop" beendet), entsteht wirklich Hektik, man gerät fast unter Stress, und dabei können Fehler passieren, in der Hinsicht, dass die Kartenreihe (und sei sie auch schon noch so lang) unterbrochen wird durch zwei Karten, die dieselben "Merkmale" aufweisen. Da müssen dann alle Spieler wiederum aufpassen, ob die Reihen "richtig" sind. Falsch angelegte Karten zählen bei der anschließenden Punktevergabe dann nicht mehr mit. Die Punkte werden noch einmal durch einen gesonderten Stapel verteilt, der sogar Minuspunkte bringen kann.

Dieses Spiel, das sich zunächst durch eine wirklich einfache Spielausstattung auszeichnet, hat eine Menge Vorteile (abseits der angegebenen Spielregeln):

- es erfordert Konzentration und "fordert" in dieser Hinsicht, es kommt aber auch auf das Glück an, die richtigen und passenden Karten zu ziehen, und das ist eine ganz gute Mischung aus "Können", Aufmerksamkeit und Glück
- die Anzahl der Runden ist beliebig wählbar und kann daher schnell abge- oder unterbrochen werden (wenn man sich nicht streng an die Spielregeln hält)
- die Anzahl der für eine "fertige" Kartenreihe erforderlichen Karten ist frei wählbar (wiederum, wenn man sich nicht exakt an die Spielanleitung hält)
- das Spiel eignet sich SEHR gut für Spieler unterschiedlichen Alters, auch zwischen Erwachsenen und Kindern, insofern ein tolles Familienspiel
- sollen jüngere Spieler als die angegebene Altersempfehlung (8 Jahre sind angemessen) mitspielen, so können auch Teams gebildet werden und die jüngeren Kinder (selbst wenn sie noch nicht lesen können) gut integriert werden in das Spiel
- SOWOHL geeignet für eine kleine Spieleranzahl als auch für sehr große Runden als Spaß "zwischendurch"
- zwar spielen zunächst alle Spieler "für sich", geht es aber daran, die fertigen Kartenreihen zu überprüfen, müssen alle noch einmal aufpassen

Das Spiel hat - einige wenige - Nachteile:
- das Kartenmaterial ist nicht besonders stabil und hält der hektischen Handhabung der Karten nur schwer stand, die Karten sind schon nach wenigen Spieldurchgängen sehr "benutzt"
- auf die Dauer wird das Spiel etwas eintönig, wirkliche Abwechslung gibt es im Spiel nicht (da ist es allerdings wiederum ein Vorteil, das Spiel nach einer bestimmten Anzahl Spielrunden abbrechen und abrechnen zu können)
- es gibt für die Punktevergabe zufällig zu ziehende Karten, die auch Minuspunkte enthalten können, das frustriert vor allem jüngere Kinder sehr (wiederum, unter Abwandlung der Spielregeln, kann man diese auch einfach vorher aus dem Spiel entfernen, wenn es ZU frustrierend wird)

Das Spiel ist recht schnell "erlernbar", eignet sich wunderbar als "Mitbringspiel" (dann am besten, wenn der Mitbringer es bereits kennt, gleich ausprobieren!) und bietet durchaus Spielspaß in einigermaßen anspruchsvoller Art und Weise auch für Spieleabende! Einzig der "Spielname" wirkt abschreckend, die etwas gewollte Assoziation mit "schwarzrotgold" ist sicherlich nicht rein zufällig gewählt, aber das Spiel könnte genau so gut auch "Rot Grün Blau" heißen.


Landschaften der Metropole des Todes: Auschwitz und die Grenzen der Erinnerung und der Vorstellungskraft
Landschaften der Metropole des Todes: Auschwitz und die Grenzen der Erinnerung und der Vorstellungskraft
von Otto Dov Kulka
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Da war Stille. Da war Leere. Da war Fassungslosigkeit, dass jene Landschaften, in denen so viele Menschen zusammengepfercht ..., 1. November 2014
... gewesen waren, wie Ameisen, in Sklavenarmeen, in langen Reihen von Menschen, die sich auf den Wegen bewegten, dass jene Landschaften - nun schwiegen." (S. 20 f.)

1978 begibt sich Kulka im Anschluss an einen Kongress in Polen auf eine weitere Reise: Er "besucht" die Überreste des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau, jenes Lagers, das er in diesem Buch als "Metropole des Todes" bezeichnet.

Lange hat Otto Dov Kulka - emeritierter Professor für die Geschichte des jüdischen Volkes an der Hebräischen Universität in Jerusalem - gebraucht, um seine Erinnerungen, oder vielmehr, zum großen Teil jedenfalls, "reflektierende Betrachtungen s[m]einer damaligen Umgebung und dessen, was dort geschah, […]" (S. 88) zu veröffentlichen. Denn über seine Kindheit im Familienlager des KZ Auschwitz, das eine Art Alibi-Funktion innehatte (wozu Kulka sich in einem Aufsatz, der im Anhang abgedruckt ist, von wissenschaftlicher Seite her nähert), und in das er 1943 11-jährig mit seiner Mutter aus dem KZ Theresienstadt deportiert wurde, hat er sehr lange geschwiegen. Mit den Aufzeichnungen für dieses Buch hat er gleichwohl schon vor sehr langer Zeit begonnen, es speist sich aus Tonbandaufzeichnungen aus den Jahren 1991 bis 2001 sowie - in den letzten drei Kapiteln - neueren Tagebucheinträgen, die dann aber über reine Erinnerungen weit hinausgehen und Traumbeschreibungen und Ähnliches beinhalten.

Schon anhand dieser Beschreibungen dürfte klar werden, welch langen Weg diese Aufzeichnungen und Erinnerungen hinter sich haben, und wie schwer es gewesen sein muss, diesen Weg zu gehen. Wie Kulka betont, habe er nie den Versuch unternommen, sich literarisch oder künstlerisch dem Holocaust zu nähern, und auch diese Aufzeichnungen dürfen als solche nicht betrachtet werden, auch wenn sie von durchaus literarischer Qualität sind. Denn Kulka schildert nicht einfach das Grauen, das er als Kind erlebt hat, es gibt kaum Szenen der Grausamkeiten (aber wohl auch) im Lager, aber er weiß auch und beschreibt es auch so, dass er als Kind eine andere Sicht auf die Dinge hatte als ein Erwachsener, und diese Sichtweise sich auch noch durch seine bisherige wissenschaftliche Herangehensweise in seiner Tätigkeit als Historiker "ändert". Dennoch ist es ihm gelungen, hier ein Zeugnis zu hinterlassen, das - wie bereits erwähnt - hauptsächlich auf dem gesprochenen Wort in Form von Tonbandaufzeichnungen beruht und bei dem der Leser kaum merkt, dass die Seiten nur so dahinfliegen. Man möchte es auf einer rein sachlichen Ebene belassen, und dennoch berührt es an manchen Stellen sehr, obwohl jegliches Pathos (natürlich!) fehlt, aber eine feine und eben auch eloquente Sprache die Erlebnisse und Erinnerungen noch einmal verstärkt. Erwähnenswert ist beispielsweise die Szene, in der sich die Mutter - wissend, dass sie in den sicheren Tod gehen wird - von ihrem Sohn verabschiedet, sich kein einziges Mal umwendet und ihr Sohn (Kulka) sich lange Zeit fragt, warum sie das nicht getan hat, sich noch einmal umzudrehen. Er versucht sich in Erklärungen, durchaus nachvollziehbaren, aber eben auch sehr ambivalenten, deutlich ist spürbar, wie sehr ihn das beschäftigt, diese "letzte" Begebenheit, bis er Jahre später - vielleicht - eine Antwort darauf zu finden geglaubt hat.

All dies macht deutlich, wie groß die Auswirkungen dieses Verbrechens an einem ganzen Volk waren, wie schwer es aber auch für den einzelnen ist und - da die Überlebenden 70 Jahre nach dem Ende des Holocausts immer weniger werden - war, diese Vergangenheit in das weiterzulebende Leben zu integrieren, dass es selbst jemandem wie Kulka, der sich auf intellektueller und wissenschaftlicher Basis dem Holocaust gewidmet hat und widmen konnte, unglaublich schwer gefallen sein muss, dass es eben - wie der Untertitel des Buches auch suggeriert - Grenzen gibt. Dass nicht alles gesagt, ausgesprochen werden kann vielleicht, dass es dessen aber auch nicht bedarf, wie dieses Buch eindrucksvoll beweist.

Darüberhinaus sind in diesem Buch drei Gedichte abgedruckt, die von einer unbekannt gebliebenen - wahrscheinlich 20-jährigen - KZ-Insassin, die in den Gaskammern getötet wurde, überliefert sind. Zwar wurden sie in tschechisch geschrieben und ins Deutsche übersetzt (wie auch dieses Buch nicht in der Originalsprache, sondern in einer Übersetzung vorliegt, die als absolut gelungen angesehen werden darf), aber dennoch überfallen sie den Leser mit einer unglaublichen Wucht, sowohl - natürlich - in ihrem Inhalt als aber auch in ihrer Poesie. Es ist - wie Kulka schreibt - das "letzte Vermächtnis einer unbekannten Dichterin" - und wie er sie ehrt, ist berührend und geht den Leser an, bevor auch nur die erste Zeile des ersten Gedichtes gelesen ist.

Anders als oft fiktive Erzählungen über Einzelschicksale, die vielleicht auch ihre Berechtigung haben, mag dieses Buch als EINES von vielen authentischen Berichten, Biografien, Autobiografien den Leser aber auch fordern, lässt Fragen offen, beschreibt Bilder, Träume, die nicht interpretiert werden. Da der Holocaust immer wieder - nicht zuletzt aufgrund aktueller Ereignisse - auf die Tagesordnung gehört, mag dieses Buch dazu beitragen, sich dieser Diskussion auch zu stellen, ein lesenswertes Stück "Geschichte", dargeboten am Schicksal eines 11-jährigen, darüberhinaus aber auch unglaublich viele Informationen beinhaltend, die ein weiteres Recherchieren durchaus lohnenswert machen.

Trotz seines eher geringen Umfanges und auch zusätzlich noch illustriert mit zahlreichen Abbildungen (Kinderzeichnungen aus dem KZ, Fotos), ist dies - man traut es sich kaum zu sagen - ein wunderbares Buch, trotz des schweren Themas immer "leicht" zu lesen und durchaus auch für eine jüngere Leserschaft geeignet, die sich mit dem Thema auseinandersetzen möchte (und auch sollte).
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 1, 2015 10:57 PM MEST


Zorn - Wie sie töten
Zorn - Wie sie töten
von Stephan Ludwig
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der "Fall" ist nur Kulisse, 31. Oktober 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Zorn - Wie sie töten (Taschenbuch)
Zumindest in der ersten Hälfte. Denn Hauptperson ist - natürlich - der phlegmatische und gelegentlich sehr zynische Kommissar Claudius Zorn, der - wie immer eigentlich - mehr mit sich selbst als den Menschen in seiner Umgebung beschäftigt ist. Naja, dieses Mal ist es ein bisschen anders: Seine Beziehung zu Malina hat sich gefestigt, aber Schröder hat seinen Dienst quittiert, um nach dem Tod seines Vaters in einer Art Imbissbude Mittagessen zu kochen. Hauptsächlich eigentlich für sich selbst, Zorn und seine Nachbarin Babs, die gegenüber einen kleinen Gemüseladen betreibt. Jeden Mittag besucht Zorn seinen Ex-Kollegen Schröder, und jeden Mittag geben sich die beiden ihren üblichen Frotzeleien hin, ohne dass Schröder sich in seiner Entscheidung, den Dienst zu quittieren, beirren lässt. Zudem hat der in einer mitteldeutschen kleinen Großstadt ermittelnde Zorn sich mit dem verhassten Kollegen Kanthak, der sich zu höheren Weihen berufen fühlt, auseinanderzusetzen, und auch das schafft er natürlich mit der ihm eigenen Überheblichkeit - und mit Unterstützung der Staatsanwältin Frieda Borck.

Zugleich weiß der Leser aber auch schon recht früh, was sich hinter Zorns Rücken zusammenbraut: Die Altenpflegerin Berit Steinherz bringt gern Menschen um, sie scheint Lust am Töten zu haben, oder was auch immer sie zu diesen Morden bewegt, und sie hat dabei einen Helfer. Und kommt dabei Zorn immer näher, näher, als ihm lieb sein kann, ohne dass er es merkt (oder merken will, weil er einfach faul ist). Das alles entwickelt sich in der ersten Hälfte wie erwähnt etwas langsam, aber nicht langatmig, aber nachdem dann die Ereignisse sich überschlagen, wird es stellenweise atemberaubend spannend, auch WENN man als Leser eigentlich zu wissen MEINT, wie alles ausgehen wird. Insofern: Bitte bis zum Ende lesen, auch die allerletzte Seite!

Das alles hat Witz, Charme (ja, tatsächlich!) und mittlerweile ja auch Tradition. Denn immerhin ist dies bereits der vierte Fall für Zorn und Schröder. Und vermutlich lese ich auch deshalb die Zorn-Krimis so gerne: Weil es eben einfach eine gelungene Mischung ist aus Humor, Ernsthaftigkeit, Lokalkolorit, Spannung und Gefühl. Wobei man den Humor, der Zorn so eigen ist, auch vermutlich irgendwie mögen muss.

Einen etwas eigensinnigen Hang zu grotesken Vergleichen hat der Autor, oder - wie er Zorn selbst sagen lässt - "misslungenen Metaphern", einzig der Name der von Anfang an bekannten Täterin, Berit Steinherz, ist KEINE Metapher, sondern schlicht und einfach Programm. Insofern muss man natürlich auch bemerken, dass dem Autor an psychologischen Finessen in keiner Weise gelegen ist, vielmehr dafür an möglichst blutigen und makaberen Morden und auch ansonsten an Ekel hervorrufend nicht sparenden Beschreibungen. Und auf dieser Ebene funktioniert der Thriller auch gut, wenn auch ein paar tiefgründige Themen durchaus angesprochen werden, hier ist es das Älterwerden und das mit dem Älterwerden-umgehen.

Der Krimi, vielmehr Thriller, ist von Anfang bis Ende durchkonstruiert, vielleicht etwas überkonstruiert, mittlerweile, nach dem immerhin vierten Zorn-Krimi, muss man sich als Leser auch fragen, ob das nicht alles ein bisschen ZUVIEL Zufall, ein bisschen ZUVIELE Morde in einer nicht allzu großen Großstadt (Halle a.d.Saale, nie explizit erwähnt), ein bisschen ZUVIEL persönliche Verwicklung eines Kommissars in die jeweiligen Fälle ist. Man muss aber auch zugeben: Es ist alles GUT konstruiert, und natürlich ist das hier nicht das reale Ermittlungsleben, sondern ein Unterhaltungskrimi, und insofern entschuldbar bis notwendig.

Natürlich gibt es auch hier wieder - wie in vorigen Fällen - einen gigantischen Showdown, der vermutlich das Budget jeder Filmproduktion sprengen wird (der erste Fall von Zorn und Schröder wurde bereits verfilmt), aber egal, es gehört irgendwie dazu. Cool gemacht, diese Szenen zum Ende hin in Parallelität zu anderen Szenen zu setzen, die Abschnitte immer kürzer werden zu lassen und den Leser gleichsam wie mit immer schnelleren Schnitten durch das Geschehen zu hetzen.

Eine Bitte, Herr Ludwig, hätte ich nun aber doch noch zum Schluss: Bitte bezeichnen Sie doch Schröder im nächsten Zorn-Krimi nicht immer als den DICKEN Schröder, ich finde, ein bisschen mehr Respekt als diese Bezeichnung hätte diese Figur schon verdient. Aber naja, ich werde den nächsten Zorn wohl trotzdem lesen, auch wenn er dann immer noch der dicke Schröder ist.


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