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Garnet

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Über das Meer: Mit Syrern auf der Flucht nach Europa (edition suhrkamp)
Über das Meer: Mit Syrern auf der Flucht nach Europa (edition suhrkamp)
von Wolfgang Bauer
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,00

8 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Spätestens nach der Lektüre dieses Buches weiß man hoffentlich: Es muss sich etwas ändern!, 5. Dezember 2014
Nur, um das hier noch einmal zu verdeutlichen, worum es überhaupt geht, warum Menschen zu Tausenden eine Flucht antreten, die sie möglicherweise das Leben kosten könnte (was ihnen zumeist durchaus bewusst ist):

"Die politische Ordnung des Nahen Ostens bricht in sich zusammen. [...] Diktaturen stürzen, demokratisch gewählte Nachfolgeregierungen auch. Die Straßen Kairos füllen sich mit blutigen Demonstrationen. Jemen versinkt im Chaos, der Irak ebenso. Libyen zerfällt in Regionen, deren Milizen sich untereinander bekriegen. Doch kein Land wird so restlos zermahlen wie Syrien." [...] (S. 8 ff.)

Im Sommer dieses Jahres war in den Medien zu lesen, dass nie zuvor seit Ende des Zweiten Weltkrieges so viele Menschen auf der Flucht waren. Die EU, vor deren Toren sich seit Monaten Flüchtlingsdramen abspielen, gesunkene Flüchtlingsschiffe, manchmal ein paar aus Seenot Gerettete, völlig überfüllte Flüchtlingslager, sieht sich dennoch kaum imstande, mit den Flüchtlingsströmen fertig zu werden und verbarrikaridiert ihre Grenzen. Auch von deutschen Politikern waren schon mehr als zynische Äußerungen angesichts dieser doppelten humanitären Katastrophe zu hören. Und so sehen sich immer mehr Menschen aus den Krisenregionen gezwungen, illegal, unter hohem Geldeinsatz, manchmal unter Einsatz ihres Lebens, die Flucht in das vermeintlich sichere Europa über den Seeweg anzutreten.

Der "Zeit"-Journalist Wolfgang Bauer und der Fotograf Stanislav Krupar haben für die Reportage "Über das Meer" dieses Wagnis ebenfalls auf sich nehmen wollen. Sie nehmen eine falsche Identität an und hoffen, mit einer Gruppe ebenfalls Flüchtiger von Alexandria aus auf einem Schiff nach Italien "fliehen" zu können. Bevor es jedoch überhaupt dazu kommt, dass sie internationale - und insofern "sichere" - Gewässer erreichen, endet ihre Flucht: Sie werden aufgegriffen, müssen ihre Identitäten preisgeben und werden in Richtung Türkei "abgeschoben", von wo aus sie - im Gegensatz zu vielen anderen aufgegriffenen und in die Türkei oder ihre Heimatländer abgeschobenen Flüchtlingen - den sicheren Heimweg antreten.

Allein, was sie bis dahin erleben, wochenlange Vorbereitungen, tagelanges, quälendes Warten in dunklen Wohnungen, die wie Verliese anmuten, oft ohne sanitäre Einrichtungen, beengte Schlafverhältnisse und schließlich der Wettlauf über den Strand, um das Boot zu erreichen, ohne vorher geschnappt zu werden, bewegt.

Das alles schildert Wolfgang Bauer bis dahin noch aus eigener Perspektive, er gibt auch einen Eindruck davon, was das überhaupt für Menschen sind, die auf diese Weise flüchten, nicht immer sind sie sympathisch, aber alle wollen sie nur überhaupt eine Zukunft für sich und ihre Angehörigen. Die Umstände, unter denen die Flüchtlinge "leben" müssen, schildert er sehr objektiv, verzichtet normalerweise auf Pathos und Parteinahme und überlässt dem Leser so, sich selbst ein "Bild" zu machen.

Wie dann die "Reise" auf den Flüchtlingsbooten, die oftmals völlig überfüllt und nur bedingt seetauglich sind, weitergeht, wird aus Sicht Alaas, eines jungen Syrers, berichtet, den Wolfgang Bauer noch in Alexandria kennengelernt hat und zu dem er den Kontakt halten konnte. Und auch wenn man doch eine gewisse Vorstellung davon hat, wie das zugehen mag (nein, nicht wirklich kann man sich die Gerüche vorstellen, die Enge, wo Bewegung quasi unmöglich ist, weil Leiber an Leiber liegen), so ist man dann schließlich doch betroffen, denn sind es in den Nachrichten eben "nur" Zahlen, so bekommen Menschen hier auch ein "Gesicht". Wie groß der "Konkurrenzkampf" auch unter den Schmugglern und Schleppern ist, was die Flucht umso mehr erschwert, auch das thematisiert Bauer.

Wolfgang Bauer beschreibt einerseits die ganz persönliche Geschichte einiger Menschen auf der Flucht, aus eigenem Erleben heraus und in durchaus sachlichem Stil, dabei wird nicht verschwiegen, dass dies in Ländern, aus denen heraus die Flucht organisiert wird, ein einträgliches Geschäft für die Schlepper und deren Helfer bedeutet und weniger aus Menschenfreundlichkeit geschieht, aber ohne darüber Urteile zu fällen. Denn möglich werden diese Geschäfte eben auch durch - so Bauer - verfehlte Flüchtlings- und Asylpolitik seitens der Regierungen in der EU, vor allem auch auf Betreiben der deutschen Regierung, und DARÜBER erlaubt sich Bauer durchaus ein Urteil. Im abschließenden Epilog kann sich Bauer eines sehr persönlichen, flammenden Appells dann doch nicht enthalten. Die Geschichte der Flüchtlinge betrifft uns nicht, nicht direkt, sie hat mit unserer Lebenswirklichkeit nicht wirklich etwas zu tun. Vielleicht aber doch, denn wir - wir alle - werden uns zunehmend mit der großen Zahl der aus dem Nahen Osten, vor allem und aus nachvollziehbaren Gründen aus Syrien nach Europa hereinströmenden Flüchtlinge beschäftigen müssen, die es - aufgrund politischer Vorgaben - oft genug nicht einmal nach Deutschland schaffen, hier nicht gern gesehen sind und in der öffentlichen Wahrnehmung eher ein "Störfaktor". Vielleicht sollten wir alle uns aber auch vor Augen halten, dass diese Menschen flüchten, weil sie keine Lebensgrundlage mehr haben, Bauer plädiert ohne Einschränkung für die Öffnung der Grenzen, damit sie wenigstens nicht auf der Flucht noch mit ihrem Leben bezahlen müssen. Möchten - und KÖNNEN - wir wirklich vor all diesem Leid auf Dauer unsere Augen verschließen?

Da scheinen die Worte Ernst Albrechts von vor ziemlich genau 36 Jahren, gerichtet an die "Boat People" aus Vietnam, wieder ziemlich weit entfernt.

Zitat Ernst Albrecht, am 03. Dezember 1978:

"Wir wissen, was an Leid und was an Strapazen hinter Ihnen liegt, und wir können Ihnen nachfühlen, wie Ihnen jetzt zumute ist. Sie kommen jetzt in ein Land, in dem Sie frei leben können, ohne von irgendjemandem unterdrückt zu werden. Sie kommen in ein Land, in dem Frieden herrscht, und wir sind dankbar dafür, dass wir in Frieden leben dürfen. Sie kommen in ein Land, in dem niemand Not zu leiden braucht, materielle Not, in dem niemand zu frieren braucht, in dem niemand ohne Wohnung zu leben braucht. Und Sie kommen vor allem in ein Land, und das möchte ich Ihnen heute sagen, in dem Sie keine Furcht zu haben brauchen, sondern in dem Sie nun mit Zuversicht und Mut an den Neuaufbau Ihres Lebens herangehen können."

Das - DAS - möchte man gerne auch heute mal wieder hören! Ein bisschen Dankbarkeit für das, was wir HIER haben, wäre manchmal nicht schlecht ...
Kommentar Kommentare (11) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 4, 2015 1:28 AM MEST


Jumbo 17966 Spiel des Wissens
Jumbo 17966 Spiel des Wissens
Preis: EUR 21,99

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Mensch ärgere dich nicht für Wissbegierige, 18. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Jumbo 17966 Spiel des Wissens (Spielzeug)
Vine Kundenrezension eines kostenfreien Produkts (Was ist das?)
Es handelt sich bei diesem Spiel um das klassische Frage-Antwort-beirichtigerAntwortweiterziehen-Spiel, das man aus unzähligen Varianten auch von früheren - schon älteren - Spielen her kennt, wie beispielsweise "Trivial Pursuit". Kann man nichts falsch machen, denkt man also erst einmal.

Zunächst zur Ausstattung des Spiels und zur Qualität des Spielmaterials.

Bespielt werden kann der große stabile Spielplan von beiden Seiten, einmal für die "schnelle" Variante (die ca. 20 Minuten dauern soll), die andere Seite für das "Originalspiel", das ca. 45 Minuten dauern soll. In beiden Varianten werden die Wissensgebiete "Märchen und Geschichten", "Helden und Schurken", "Spaß und Unterhaltung", "Wort und Sprache", "Tiere und Pflanzen" sowie "Sport und Spiel" abgefragt. Dafür stehen Kärtchen zur Verfügung, die beidseitig Fragen enthalten, ebenfalls in zwei Varianten bzw. Schwierigkeitsgraden. Die "leichten" Fragen sollen dabei von Kindern zwischen 8 und 12 Jahren zu beantworten sein. Die Kärtchen selbst sind aus relativ dünnem, flexiblen Material. Fragekärtchen, die sich im Spielkarton gut sortieren lassen, gibt es zwar reichlich, für die Fragen für die speziellen Wissensgebiete, die am Ende einer Wissensrunde gestellt werden sollen und - laut Spielanleitung - ein Weiterziehen ausschließlich bei richtiger Beantwortung der Frage möglich machen, sind allerdings nur rund 20 Fragekärtchen vorhanden.

Genau dies führte bei einem ersten Spieldurchgang bereits zu Problemen: Bei einem (erwachsenen) Spieler "hakte" es, er konnte Runde um Runde die Fragen nicht beantworten und blieb an dem Wissengebiet hängen, bereits vor Beendigung der ersten Spielrunde waren alle Fragekärtchen aufgebraucht und selbst die rückseitigen Fragen schon zur Hälfte gestellt. Das führte - neben der Wiederholung der Fragen und dem daraus bereits resultierenden Wissen in späteren Spielerunden - jedenfalls beim ersten Spieldurchgang zu einigem Frust. Zwar ist es nicht das Ziel des Spiels, alle Fragen sofort beantworten zu KÖNNEN, wenn aber gar nichts klappt (trotz etwas vorhandenem Allgemeinwissen), ist der Spielspaß leider schnell dahin.

Der zweite Kritikpunkt richtet sich an die Qualität der Fragen bzw. Antworten: Muss man manche Fragen quasi "aus dem Stegreif" beantworten können (zum Beispiel Fragen nach "Wo ...?" oder "Wie nennt man ...?"), gibt es andererseits auch einige Fragen, die einfach mit "ja" oder "nein" beantwortet werden müssen oder es wird bereits eine Auswahl an Antworten zur Verfügung gestellt. Bekommt der Spieler eine solche Frage, sind die Chancen, richtig zu raten (und viel mehr als raten ist es dann auch oft nicht), ungleich höher. Diese etwas seltsam anmutende Auswahl gibt es sowohl im "leichten" als auch im "schweren" Fragenkatalog. Hinzu kommt, dass sich der Schwierigkeitsgrad in den beiden Bereichen oft nicht einmal stark unterscheidet, wirklich leicht sind auch die Fragen aus dem "leichten" Fragenkatalog nicht immer - fast selten - zu beantworten.

Das alles führte in unserer Spielerunde (Erwachsene und Kinder unterschiedlichen Alters, aber deutlich über dem für das Spiel angegebenen Mindestalter) gelegentlich deutlich zu Frustration, der Jüngste hat - obwohl sonst nicht seine Art - beim ersten Mal frühzeitig für sich das Spiel abgebrochen und den Tisch verlassen. Zudem dauerten die verschiedenen ersten Spiele, die wir gemacht haben in der schnellen Variante, aber streng orientiert an der - immerhin recht guten - Spielanleitung, die auch eine hilfreiche Tabelle enthält, wie verfahren werden muss, wenn Fragen richtig oder falsch beantwortet werden, weit über den angegebenen Zeitraum von 20 Minuten hinaus, die Spiele dauerten schlicht zu lang. Der Spielspaß blieb auf der Strecke, die 45-Minuten-Variante haben wir daher nicht einmal ausprobiert.

Wir haben daraufhin die Spielregeln etwas abgewandelt und haben einen Spieler, der in drei Runden hintereinander nicht über ein "Hindernis" hinwegkam wegen Falschbeantwortung, beim vierten Mal "kostenlos" weiterziehen lassen. Eine Spielerunde unter gleichaltrigen Teenagern brachte dann auch tatsächlich noch einigen Spaß.

Dennoch ist dies kein Spiel, dass bei uns Einlass in den Kreis der beliebten Spiele finden wird. Allgemeinwissen spielt auch keine große Rolle, da sehr viele Fragen SEHR speziell sind. Natürlich MUSS man nicht alles wissen, aber wenn man gar nichts weiß und dies vor allem jüngeren Spielern dann auch so vor Augen geführt wird, macht es nicht wirklich Sinn, dieses Spiel zu spielen.

Ob es ein Spiel für die Erwachsenen-Spielerunde ist? Keine Ahnung. Wenn man vor allem Spaß dabei haben will, wohl eher nicht, außer vielleicht, man kippt bei jeder falsch beantworteten Frage erstmal einen Schnaps ;).


Uhrwerk Orange
Uhrwerk Orange
DVD ~ Malcolm McDowell
Preis: EUR 4,99

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Auf dem Kreuzzug gegen die Ordnung?, 16. November 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Uhrwerk Orange (DVD)
"A Clockwork Orange" (dt. "Uhrwerk Orange") ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Anthony Burgess, Regisseur: kein geringerer als Stanley Kubrick. Zum Zeitpunkt der Verfilmung war der Roman ca. 10 Jahre alt.

Für die Inszenierung (der Film erschien 1971) nutzte Kubrick eine zeitgemäße, wenn auch ausgesprochen futuristisch anmutende Ausstattung: Die Einrichtungen von Wohnungen in kühlen Farben, grafischen Mustern, sehr modern anmutend, dadurch aber die kühle, ja kalte Atmosphäre auch der Handlung noch zusätzlich unterstreichend. Denn darauf muss man sich als Zuschauer einstellen bei diesem Film: Dass die Kälte der Handlung und der handelnden Figuren einen erschlägt. Fast im wahrsten Sinne des Wortes, denn geschlagen, erschlagen und vergewaltigt wird in diesem Film zuhauf, mit Gewaltszenen, die in ihrer Brutalität ihresgleichen suchen, wird nicht gespart. Dabei scheinen diese Szenen fast inszenziert, einer Choreografie folgend. Unterlegt sind diese Szenen häufig mit der fast fröhlich anmutenden Musik von Beethoven, was die Unbeteiligtheit der Schlägertruppe noch verstärkt. Die Musik wird im späteren Verlauf des Films noch eine Rolle spielen.

Anführer dieser vierköpfigen Truppe (den "Droogs"), die marodierend und merkwürdig verkleidet durch die Straßen zieht, arglose Menschen in ihren Häusern überfällt oder Obdachlose auf der Straße, ist Alexander DeLarge, genannt Alex (Malcolm McDowell). Offenbar zu keinen Gefühlsregungen fähig, sich selbst aber eben als Kopf dieser Truppe sehend, scheut er auch nicht davor zurück, sich den ihm seiner Meinung nach zustehenden Respekt dadurch zu verschaffen, dass er an einem der Droogs ein Exempel statuiert und diesen verletzt. Nachdem es zunächst danach aussieht, dass diese Maßnahme den gewünschten Erfolg zeigt, wenden sich dann aber seine Kumpanen nach einem missglückten Überfall (bei dem Alex eine Frau erschlägt) gegen ihn und geben ihn der Justiz preis. Wegen Mordes wird er zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt.

Geläutert wird er natürlich in keiner Weise, hat sich in seinem Kopf doch die Überzeugung festgesetzt, dass das "Recht des Stärkeren" Geltung hat und - man merkt es an der fortgesetzten Unbeteiligtheit Alex' gegenüber seinen Taten - ihm damit nicht Gerechtigkeit widerfährt. Im Gefängnis, dessen "Aufseher", der in Aussehen und Attitüde fatal der Figur Hitlers ähnelt, ihn erniedrigt bis zum Gehtnichtmehr, schließt er sich dem dort "predigenden" Pfarrer an, eine unsympathische Figur, und man merkt dieser "Beziehung" an, dass sie auf der einseitigen Strategie Alex' beruht, sich Vorteile zu verschaffen. Diese Vorteile ergeben sich tatsächlich, als man ihm anbietet, an einem "Programm" teilzunehmen, das ihn binnen Wochen zu einem freien Mann machen wird. Alex lässt sich - ohne zu wissen, um was genau es sich handelt - darauf ein. Es handelt sich um ein Programm der Regierung mit Namen "Ludovico", Straftäter mit relativ geringem Aufwand aus der Haft als "Geheilte" entlassen zu können (um Kosten zu sparen vielleicht, um die Gefängnisse zu entlasten, aber weder die Opfer der Gewalttaten vor Augen zu haben noch die Tatsache, dass Täter ihre Taten möglicherweise auch "sühnen" und - vielleicht - bereuen müssen).

Tatsächlich ist dieses Programm eine Art Foltermethode: Alex wird gezwungen, sich gewalttätige Filmszenen anzuschauen, Höhepunkt ist - Alex erwähnt es später - ein "KZ-Film" (der aber nicht in Gänze, sondern nur andeutungsweise, beginnend mit den Aufmärschen der Nazis, gezeigt wird). Dies hat eine Art "Konditionierung" zur Folge: Alex überkommt eine Übelkeit und Brechreiz, sobald er mit Gewalt konfrontiert wird, fatalerweise sind die Filme unterlegt mit Beethovens Musik, und so setzt sich die Konditionierung fort, sobald Alex diese Musik hört. "Kann man nichts machen", sagt einer der überwachenden Ärzte lakonisch, aber genau das wird Alex zum Verhängnis: Zwar verlässt er als "freier" Mann das Gefängnis, nicht geläutert, die Konsequenzen seiner Taten nicht wirklich einsehend, eben "nur" konditioniert und seines freien Willens beraubt (wie ausgerechnet der Pfarrer, dieser oberflächlich zu sehende Kontrapunkt zu all der Gewalt in dem Film, feststellt), aber beraubt eben auch jeglichen Willens, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, jeglichen Willens, sich gegen Unrecht zu wehren, sogar jeglichen Fluchtreflexes, sodass das Programm sein Leben ebenfalls in Gefahr bringt.

Konnte man bis zum Zeitpunkt von Alex' Verhaftung die Handlung noch in der Hinsicht interpretieren, dass diese ausufernde, völlig sinnlose Gewalt, die in einer abschreckend unbeteiligten, geradezu wohligen Art ausgeführt wird (tatsächlich wurde ja auch in diesem Zusammenhang schon von der "Ästhetik der Gewalt" in Kritiken zu diesem Film gesprochen) auch ein Sinnbild des Verlusts von Anstand und Moral einer Generation sein mag, die aber dennoch auf der Suche nach einer gewissen "Ordnung" ist. Spätestens jedoch, als Alex "erfolgreich" aus dem Konditionierungsprogramm entlassen wird (dass es erfolgreich war, wird eindrucksvoll noch einmal auf einer Art "Theaterbühne" getestet), müssen andere Fragen gestellt werden: Danach, wie weit man gehen darf, um eine Gesellschaft vor dem "Einzelnen" zu schützen, dann - weitergehend - WER diese Entscheidungen treffen darf, ob es "richtig" ist, dem Einzelnen das Recht auf die freie Entscheidung zu nehmen. Dass an Alex' kalter, grausamer, unsympathisch wirkenden Haltung und Mimik, die auch nicht sympathischer wird, nachdem Alex scheinbar "geheilt" ist, diese Fragen offenbar werden, macht es nicht leichter, über die Beantwortung derselben nachzudenken.

Die Punkband "Die Toten Hosen" (mittlerweile eher dem Mainstream verhaftet) adaptierte fast zwei Jahrzehnte nach Erscheinen des Films - 1988 - die Handlung für den Song "Hier kommt Alex", der in der Ouvertüre die Neunte Sinfonie Beethovens wiederholt und den Auftakt bildet zu deren Konzeptalbum "Ein kleines bisschen Horrorschau", wobei der Begriff "Horrorschau" auch im Film eine Rolle spielt. "Auf dem Kreuzzug gegen die Ordnung und die scheinbar heile Welt" ist Alex (also der Alexander DeLarge aus "Uhrwerk Orange") unterwegs. Dabei ignoriert der Song allerdings die Tatsache, dass auch Alex schon mit einer gewissen "Ordnung" unterwegs ist: Seine "Droogs" sind uniformiert und maskiert (weiß gekleidet, mit schwarzen Stiefeln) und sie folgen - wenn auch oberflächlich und scheinbar - einer gewissen Hierarchie. All das IST bereits Ausdruck einer gewissen "Ordnung". Und so KANN man bereits den äußeren Auftritt dieser "Gang" als Ausdruck einer militanten, faschistoiden Strömungen folgenden Gruppe sehen, und sie kann oberflächlich betrachtet werden stellvertretend für eine der Gleichgültigkeit ihrer Elterngeneration (die im Film ebenfalls durchaus thematisiert wird) kritisch gegenüberstehende, rebellierende, gewaltbereite und eben auch Sinn suchende Gruppe.

Trotz der Ästhetik der Bilder des Films ist er abstoßend, als Zuschauer bleibt man zunächst irritiert, schockiert zurück. Das ist auch genau SO gewollt: Ein Unterhaltungsfilm ist dies natürlich nicht, das Anschauen bedeutet Herausforderung und Anstrengung, man soll auch gar nicht die Intentionen der Figuren verstehen, dafür sind sämtliche Figuren viel zu überzeichnet und nicht eine einzige dabei, die zur Identifizierung geeignet wäre. Dafür ist es ein Film, der viele Fragen aufwirft, und - und das ist tatsächlich eine "Kunst" - dem Zuschauer selbst die Beantwortung derselben überlässt und daher zunächst auch etwas ratlos zurücklässt und mithin seine Aktualität auch über 40 Jahre nach seinem Erscheinen nicht einbüßt. Leider ist die gesamte Inszenierung derart kühl und damit abstoßend geraten, die Interpretation auch der gezeigten Gewaltszenen unabdingbar, dass der Film und seine Aussagekraft nicht jeden wird erreichen können und auch nicht jeden, der ihn bisher sah, erreicht hat. Das ist schade, aber auch wohl nicht zu ändern. Deshalb und trotzdem aber dann auch fünf Sterne, weniger würden wohl der insgesamten Bedeutung dieses Films nicht gerecht werden.


Landschaften der Metropole des Todes: Auschwitz und die Grenzen der Erinnerung und der Vorstellungskraft
Landschaften der Metropole des Todes: Auschwitz und die Grenzen der Erinnerung und der Vorstellungskraft
von Otto Dov Kulka
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Da war Stille. Da war Leere. Da war Fassungslosigkeit, dass jene Landschaften, in denen so viele Menschen zusammengepfercht ..., 1. November 2014
... gewesen waren, wie Ameisen, in Sklavenarmeen, in langen Reihen von Menschen, die sich auf den Wegen bewegten, dass jene Landschaften - nun schwiegen." (S. 20 f.)

1978 begibt sich Kulka im Anschluss an einen Kongress in Polen auf eine weitere Reise: Er "besucht" die Überreste des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau, jenes Lagers, das er in diesem Buch als "Metropole des Todes" bezeichnet.

Lange hat Otto Dov Kulka - emeritierter Professor für die Geschichte des jüdischen Volkes an der Hebräischen Universität in Jerusalem - gebraucht, um seine Erinnerungen, oder vielmehr, zum großen Teil jedenfalls, "reflektierende Betrachtungen s[m]einer damaligen Umgebung und dessen, was dort geschah, […]" (S. 88) zu veröffentlichen. Denn über seine Kindheit im Familienlager des KZ Auschwitz, das eine Art Alibi-Funktion innehatte (wozu Kulka sich in einem Aufsatz, der im Anhang abgedruckt ist, von wissenschaftlicher Seite her nähert), und in das er 1943 11-jährig mit seiner Mutter aus dem KZ Theresienstadt deportiert wurde, hat er sehr lange geschwiegen. Mit den Aufzeichnungen für dieses Buch hat er gleichwohl schon vor sehr langer Zeit begonnen, es speist sich aus Tonbandaufzeichnungen aus den Jahren 1991 bis 2001 sowie - in den letzten drei Kapiteln - neueren Tagebucheinträgen, die dann aber über reine Erinnerungen weit hinausgehen und Traumbeschreibungen und Ähnliches beinhalten.

Schon anhand dieser Beschreibungen dürfte klar werden, welch langen Weg diese Aufzeichnungen und Erinnerungen hinter sich haben, und wie schwer es gewesen sein muss, diesen Weg zu gehen. Wie Kulka betont, habe er nie den Versuch unternommen, sich literarisch oder künstlerisch dem Holocaust zu nähern, und auch diese Aufzeichnungen dürfen als solche nicht betrachtet werden, auch wenn sie von durchaus literarischer Qualität sind. Denn Kulka schildert nicht einfach das Grauen, das er als Kind erlebt hat, es gibt kaum Szenen der Grausamkeiten (aber wohl auch) im Lager, aber er weiß auch und beschreibt es auch so, dass er als Kind eine andere Sicht auf die Dinge hatte als ein Erwachsener, und diese Sichtweise sich auch noch durch seine bisherige wissenschaftliche Herangehensweise in seiner Tätigkeit als Historiker "ändert". Dennoch ist es ihm gelungen, hier ein Zeugnis zu hinterlassen, das - wie bereits erwähnt - hauptsächlich auf dem gesprochenen Wort in Form von Tonbandaufzeichnungen beruht und bei dem der Leser kaum merkt, dass die Seiten nur so dahinfliegen. Man möchte es auf einer rein sachlichen Ebene belassen, und dennoch berührt es an manchen Stellen sehr, obwohl jegliches Pathos (natürlich!) fehlt, aber eine feine und eben auch eloquente Sprache die Erlebnisse und Erinnerungen noch einmal verstärkt. Erwähnenswert ist beispielsweise die Szene, in der sich die Mutter - wissend, dass sie in den sicheren Tod gehen wird - von ihrem Sohn verabschiedet, sich kein einziges Mal umwendet und ihr Sohn (Kulka) sich lange Zeit fragt, warum sie das nicht getan hat, sich noch einmal umzudrehen. Er versucht sich in Erklärungen, durchaus nachvollziehbaren, aber eben auch sehr ambivalenten, deutlich ist spürbar, wie sehr ihn das beschäftigt, diese "letzte" Begebenheit, bis er Jahre später - vielleicht - eine Antwort darauf zu finden geglaubt hat.

All dies macht deutlich, wie groß die Auswirkungen dieses Verbrechens an einem ganzen Volk waren, wie schwer es aber auch für den einzelnen ist und - da die Überlebenden 70 Jahre nach dem Ende des Holocausts immer weniger werden - war, diese Vergangenheit in das weiterzulebende Leben zu integrieren, dass es selbst jemandem wie Kulka, der sich auf intellektueller und wissenschaftlicher Basis dem Holocaust gewidmet hat und widmen konnte, unglaublich schwer gefallen sein muss, dass es eben - wie der Untertitel des Buches auch suggeriert - Grenzen gibt. Dass nicht alles gesagt, ausgesprochen werden kann vielleicht, dass es dessen aber auch nicht bedarf, wie dieses Buch eindrucksvoll beweist.

Darüberhinaus sind in diesem Buch drei Gedichte abgedruckt, die von einer unbekannt gebliebenen - wahrscheinlich 20-jährigen - KZ-Insassin, die in den Gaskammern getötet wurde, überliefert sind. Zwar wurden sie in tschechisch geschrieben und ins Deutsche übersetzt (wie auch dieses Buch nicht in der Originalsprache, sondern in einer Übersetzung vorliegt, die als absolut gelungen angesehen werden darf), aber dennoch überfallen sie den Leser mit einer unglaublichen Wucht, sowohl - natürlich - in ihrem Inhalt als aber auch in ihrer Poesie. Es ist - wie Kulka schreibt - das "letzte Vermächtnis einer unbekannten Dichterin" - und wie er sie ehrt, ist berührend und geht den Leser an, bevor auch nur die erste Zeile des ersten Gedichtes gelesen ist.

Anders als oft fiktive Erzählungen über Einzelschicksale, die vielleicht auch ihre Berechtigung haben, mag dieses Buch als EINES von vielen authentischen Berichten, Biografien, Autobiografien den Leser aber auch fordern, lässt Fragen offen, beschreibt Bilder, Träume, die nicht interpretiert werden. Da der Holocaust immer wieder - nicht zuletzt aufgrund aktueller Ereignisse - auf die Tagesordnung gehört, mag dieses Buch dazu beitragen, sich dieser Diskussion auch zu stellen, ein lesenswertes Stück "Geschichte", dargeboten am Schicksal eines 11-jährigen, darüberhinaus aber auch unglaublich viele Informationen beinhaltend, die ein weiteres Recherchieren durchaus lohnenswert machen.

Trotz seines eher geringen Umfanges und auch zusätzlich noch illustriert mit zahlreichen Abbildungen (Kinderzeichnungen aus dem KZ, Fotos), ist dies - man traut es sich kaum zu sagen - ein wunderbares Buch, trotz des schweren Themas immer "leicht" zu lesen und durchaus auch für eine jüngere Leserschaft geeignet, die sich mit dem Thema auseinandersetzen möchte (und auch sollte).
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 1, 2015 10:57 PM MEST


Zorn - Wie sie töten
Zorn - Wie sie töten
von Stephan Ludwig
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der "Fall" ist nur Kulisse, 31. Oktober 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Zorn - Wie sie töten (Taschenbuch)
Zumindest in der ersten Hälfte. Denn Hauptperson ist - natürlich - der phlegmatische und gelegentlich sehr zynische Kommissar Claudius Zorn, der - wie immer eigentlich - mehr mit sich selbst als den Menschen in seiner Umgebung beschäftigt ist. Naja, dieses Mal ist es ein bisschen anders: Seine Beziehung zu Malina hat sich gefestigt, aber Schröder hat seinen Dienst quittiert, um nach dem Tod seines Vaters in einer Art Imbissbude Mittagessen zu kochen. Hauptsächlich eigentlich für sich selbst, Zorn und seine Nachbarin Babs, die gegenüber einen kleinen Gemüseladen betreibt. Jeden Mittag besucht Zorn seinen Ex-Kollegen Schröder, und jeden Mittag geben sich die beiden ihren üblichen Frotzeleien hin, ohne dass Schröder sich in seiner Entscheidung, den Dienst zu quittieren, beirren lässt. Zudem hat der in einer mitteldeutschen kleinen Großstadt ermittelnde Zorn sich mit dem verhassten Kollegen Kanthak, der sich zu höheren Weihen berufen fühlt, auseinanderzusetzen, und auch das schafft er natürlich mit der ihm eigenen Überheblichkeit - und mit Unterstützung der Staatsanwältin Frieda Borck.

Zugleich weiß der Leser aber auch schon recht früh, was sich hinter Zorns Rücken zusammenbraut: Die Altenpflegerin Berit Steinherz bringt gern Menschen um, sie scheint Lust am Töten zu haben, oder was auch immer sie zu diesen Morden bewegt, und sie hat dabei einen Helfer. Und kommt dabei Zorn immer näher, näher, als ihm lieb sein kann, ohne dass er es merkt (oder merken will, weil er einfach faul ist). Das alles entwickelt sich in der ersten Hälfte wie erwähnt etwas langsam, aber nicht langatmig, aber nachdem dann die Ereignisse sich überschlagen, wird es stellenweise atemberaubend spannend, auch WENN man als Leser eigentlich zu wissen MEINT, wie alles ausgehen wird. Insofern: Bitte bis zum Ende lesen, auch die allerletzte Seite!

Das alles hat Witz, Charme (ja, tatsächlich!) und mittlerweile ja auch Tradition. Denn immerhin ist dies bereits der vierte Fall für Zorn und Schröder. Und vermutlich lese ich auch deshalb die Zorn-Krimis so gerne: Weil es eben einfach eine gelungene Mischung ist aus Humor, Ernsthaftigkeit, Lokalkolorit, Spannung und Gefühl. Wobei man den Humor, der Zorn so eigen ist, auch vermutlich irgendwie mögen muss.

Einen etwas eigensinnigen Hang zu grotesken Vergleichen hat der Autor, oder - wie er Zorn selbst sagen lässt - "misslungenen Metaphern", einzig der Name der von Anfang an bekannten Täterin, Berit Steinherz, ist KEINE Metapher, sondern schlicht und einfach Programm. Insofern muss man natürlich auch bemerken, dass dem Autor an psychologischen Finessen in keiner Weise gelegen ist, vielmehr dafür an möglichst blutigen und makaberen Morden und auch ansonsten an Ekel hervorrufend nicht sparenden Beschreibungen. Und auf dieser Ebene funktioniert der Thriller auch gut, wenn auch ein paar tiefgründige Themen durchaus angesprochen werden, hier ist es das Älterwerden und das mit dem Älterwerden-umgehen.

Der Krimi, vielmehr Thriller, ist von Anfang bis Ende durchkonstruiert, vielleicht etwas überkonstruiert, mittlerweile, nach dem immerhin vierten Zorn-Krimi, muss man sich als Leser auch fragen, ob das nicht alles ein bisschen ZUVIEL Zufall, ein bisschen ZUVIELE Morde in einer nicht allzu großen Großstadt (Halle a.d.Saale, nie explizit erwähnt), ein bisschen ZUVIEL persönliche Verwicklung eines Kommissars in die jeweiligen Fälle ist. Man muss aber auch zugeben: Es ist alles GUT konstruiert, und natürlich ist das hier nicht das reale Ermittlungsleben, sondern ein Unterhaltungskrimi, und insofern entschuldbar bis notwendig.

Natürlich gibt es auch hier wieder - wie in vorigen Fällen - einen gigantischen Showdown, der vermutlich das Budget jeder Filmproduktion sprengen wird (der erste Fall von Zorn und Schröder wurde bereits verfilmt), aber egal, es gehört irgendwie dazu. Cool gemacht, diese Szenen zum Ende hin in Parallelität zu anderen Szenen zu setzen, die Abschnitte immer kürzer werden zu lassen und den Leser gleichsam wie mit immer schnelleren Schnitten durch das Geschehen zu hetzen.

Eine Bitte, Herr Ludwig, hätte ich nun aber doch noch zum Schluss: Bitte bezeichnen Sie doch Schröder im nächsten Zorn-Krimi nicht immer als den DICKEN Schröder, ich finde, ein bisschen mehr Respekt als diese Bezeichnung hätte diese Figur schon verdient. Aber naja, ich werde den nächsten Zorn wohl trotzdem lesen, auch wenn er dann immer noch der dicke Schröder ist.


Nebelmord: Island-Thriller
Nebelmord: Island-Thriller
von Yrsa Sigurdardottir
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

22 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Subtil gruselig sich entwickelnde Spannung um Menschen in Ausnahmesituationen, 26. Oktober 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Nebelmord: Island-Thriller (Taschenbuch)
Wer Yrsas Island-Krimis und Thriller kennt, der weiß im Grunde, was auf ihn zukommt: Wenige, dafür aber klaustrophobisch anmutende Handlungsorte, mehrere Geschichten, die parallel zueinander erzählt werden, manchmal zu verschiedenen Zeitpunkten spielen, am Ende aber irgendwie zusammenlaufen, jeder Handlungsfaden aus Sicht einer einzigen Person erzählt.

So ist es auch dieses Mal: Handlungsorte sind eine Leuchtturminsel (angedeutet auf dem Cover des Romanes), das Haus einer aus den Ferien zurückkehrenden Familie, die einen Haustausch hinter sich hat und sich fragt, was mit den Ferienbewohnern ihres Hauses geschehen ist, sowie Wohnung und Arbeitsplatz der Polizistin Nìna, die sich mit mit dem bevorstehenden Tod ihres Mannes Pröstur abfinden soll, der sich einige Wochen zuvor erhängen wollte und nur noch durch Apparate am Leben erhalten wird. Weil sie einige Zeit zuvor einen Kollegen angezeigt hat, der ihr bei einer sexuellen Belästigung nicht zuhilfe gekommen ist, ist sie strafversetzt in das Archiv und soll dort alte Fälle sichten, um sie der endgültigen Vernichtung zuführen zu können.

Die isolierte Lage und fast unerträgliche Enge der Leuchtturminsel spielt bei allem natürlich ebenfalls eine große Rolle, vier Personen, die dorthin mit dem Hubschrauber abgeseilt wurden, um dort den Leuchtturm warten zu können, der Fotojournalist Helgi hat es ebenfalls geschafft, einen "Platz" zu ergattern, müssen sich unvorhergesehenerweise mit einer Situation zurecht finden, mit der sie nicht gerechnet hatten: Der Hubschrauber, der sie eigentlich nur Stunden später wieder abholen soll, hat einen Defekt, und so können sie die Insel vorerst nicht verlassen.

Währenddessen stellt die Urlaubsrückkehrer-Familie in ihrem schönen Haus am Strand fest, dass nichts in Ordnung ist, so wie sie sich das vorgestellt hatte, und die Situation wird immer bedrohlicher.

Das alles liest sich unglaublich spannend, zuweilen beklemmend, aber immer - und das ist durchaus eine, aber nicht die einzige Stärke dieses Romans - sehr stringent, und - man merkt es einfach, ohne es direkt fassen zu können - zielgerichtet. Dass alle Handlungsfäden irgendwann zusammenlaufen würden - MÜSSEN - ist natürlich von Beginn an bereits klar, aber lange, lange fragt man sich als Leser, WIE das alles zusammenhängen mag. Dabei liegt das Augenmerk auch immer ein bisschen auf den Datumsangaben jedes Kapitels, denn tatsächlich liegen die Ereignisse nur sehr wenige Tage auseinander, man kommt nicht so recht dahinter, sie können aber beim Miträtseln durchaus helfen.

Natürlich ahnt man ab einem gewissen Zeitpunkt ein Motiv und die Zusammenhänge, und als dieses dann wirklich offensichtlich wird, flacht der Spannungsbogen auch leicht ab, aber dennoch garantiert auch dann noch das Weiterlesen subtile, gruselige Spannung und beklemmend tiefgründige Gedanken. Denn auch DAS ist eine Stärke der Romane von Yrsa Sigurðardóttir: Dass sie es immer wieder schafft, Ereignisse, die möglicherweise weit in der Vergangenheit liegen, in Bezug zu setzen mit Begebenheiten, die in unserer Gegenwart passieren und dabei, ohne dem Leser irgendwelche Meinungen aufdrücken zu wollen, sondern ihn im Gegenteil eher nachdenklich werden lassen, diese zu verbinden mit persönlichen Problemen der Protagonisten, die durchaus psychologisch interessant und tagesaktuell sind. Nicht nur in Island übrigens.

Und obwohl es sich bei diesem Roman keineswegs um einen Geisterthriller (wie Geisterfjord) handelt, gruselt es, ist an keiner Stelle langweilig, und obwohl sich am Ende wirklich alles auflöst, findet Yrsa den richtigen Dreh, um - dennoch! - ein beeindruckendes und furioses Finale zu bieten.

Nach dem etwas enttäuschenden Seelen im Eis hat Yrsa hier wieder einen atemberaubenden Thriller hingelegt, der mich durchweg hingerissen hat und beeindruckt und begeistert zurücklässt. Ein Stand-Alone-Thriller, der nichts mit Yrsas Serie um die Rechtsanwältin Dóra Guðmundsdóttir zu tun hat, und dem sowohl Fans von Yrsa als auch "Neuleser" dieser wunderbar geschriebenen Romane etwas abgewinnen können, wenn man etwas übrig hat für subtil und langsam nervenaufreibend sich entwickelnde Ausnahmesituationen von Menschen, da bin ich sicher! Es ist einfach intelligente Unterhaltung.

P.S. Das Cover-Foto stammt von dem recht bekannten Leuchtturm-Fotografen Jean Guichard, die Lage der Felseninsel, auf der sich der Leuchtturm befindet, ist allerdings wohl "erfunden".


Die Lebenden und Toten von Winsford: Roman
Die Lebenden und Toten von Winsford: Roman
von Håkan Nesser
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

12 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Stimmungsvoll und bedachtsam erzählte Lebensgeschichte mit Krimi-Elementen: Klasse!, 18. Oktober 2014
Eine Frau und ihr Hund ... allein in einem Cottage in einem kleinen Dorf in Cornwall ...

Was macht die Frau dort? Wer ist sie, und was ist ihr Geheimnis? Denn DASS sie ein Geheimnis hat, dürfte natürlich von Beginn an klar sein.

Maria, die Frau, die sich - obwohl in Schweden recht bekannte Fernsehmoderatorin und verheiratet mit einem ebenfalls sehr bekannten Literaturprofessor - in diese Ödnis im englischen Winter zurückzieht, erzählt ihre Geschichte selbst, eben als Ich-Erzählerin. Und enthüllt dabei wirklich nur nach und nach das "Geheimnis", das sie (und nicht nur sie) umgibt. Dabei streut sie immer wieder Episoden ihres bisherigen Lebens ein ... nicht nur ihres Ehelebens mit ebenjenem Literaturprofessor, dessen Aufzeichnungen über einige Aufenthalte in einer Kommune, der er in den 70er Jahren während einiger Sommer angehörte, sie liest, sondern auch ihrer Kindheit und Jugend, die überschattet war vom Tod ihrer jüngeren Schwester Gun.

Und so entblättert sich vor dem Leser nach und nach das Leben dieser immerhin mittlerweile 55-jährigen Frau, die eine große Zuneigung zu Castor, ihrem Hund empfindet, die Beziehungen, die ihr Leben bis zu diesem Zeitpunkt geprägt haben, thematisiert und gleichsam analysiert, sich selbst und ihre Gefühle aber fast völlig außer Acht lässt. Das ist es, was man sich als Leser immer wieder fragen muss: WO in allen diesen Begebenheiten, in diesen Beziehungen ist sie, Maria, geblieben? Und das ist eigentlich fast die größte Herausforderung beim Lesen dieses Romans. Und: Wie stellt sie sich ihre Zukunft vor?

Schwierig, etwas über diesen Roman zu schreiben, ohne Maßgebliches über die Handlung zu verraten, aber im Grunde macht genau diese langsame und bedachtsame Erzählweise das eigentlich Lesenswerte dieses Romans aus. Die recht detaillierten und durchaus stimmungsvollen Landschaftsbetrachtungen dieser einsamen englischen Heidelandschaft machen ihren eigenen Teil der Erzählung aus.

Wer es nicht unbedingt spektakulär mag, sondern eher interessiert ist daran: Welche Rolle spielen "alte" Geschichten in der Gegenwart, wie wirken sie sich aus, was machen sie mit den Beziehungen, die sich daraufhin jahrelang entwickeln? ... dem mag dieser Roman empfohlen sein. Und obwohl mich jedenfalls der Klappentext etwas in die Irre geführt hat, was Spannung und Handlung in diesem Roman angeht, habe ich ihn "genießen" können, weil er einfach einen unglaublichen Sog entwickelt, trotz der relativ unspannenden, aber immer stringenten Erzählweise. Weil eben nicht alles von vornherein "klar" ist, aber dennoch eine Bedeutung hat. Und übrigens nicht ganz ohne einen sehr feinsinnigen Humor.


Zwei Herren am Strand: Roman
Zwei Herren am Strand: Roman
von Michael Köhlmeier
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,90

11 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Fiktive (?) Doppelbiografie im Gewande eines Romans, 7. Oktober 2014
Zwei bekannte Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, Charlie Chaplin und Winston Churchill, zusammen in einem Roman, um dem "schwarzen Hund", wie Winston die Depression nennt, die ihn immer mal wieder überkommt, zu entkommen und gleichzeitig einen "Kampf" aufnehmen, nämlich den Kampf gegen Hitler ... so oder zumindest so ähnlich waren die Erwartungen an diesen Roman. Und - das sei auch erwähnt - es handelt sich um einen Roman, mit einem fiktiven Ich-Erzähler (der allerdings in der Geschichte bis auf das Ende keine bedeutende Rolle spielt), fiktiven Nebenfiguren, aber - und das klingt zunächst einmal nach "Spannung" - authentischen Hauptfiguren. Sie treffen sich auf einer Party, gehen einen Strand entlang und berichten sich gegenseitig von ihrer traurigen Kindheit. Das ist aber eigentlich auch schon das einzige Treffen von Bedeutung für lange Zeit. Tatsächlich "erzählt" der Ich-Erzähler in dem mit etwa 250 Seiten eher schmalen Bändchen dann hauptsächlich getrennt voneinander die Lebensgeschichten der beiden Protagonisten, gespickt mit kleinen Anekdoten, gespeist von "Quellen", deren Wahrheitsgehalt sich nicht immer überprüfen lässt (von einer "vergriffenen" Ausgabe einer Biografie ist die Rede), andere im Roman angegebenen Quellen sind zwar tatsächlich vorhanden, aus ihnen wird auch zitiert, ob es sich um authentische Zitate handelt, mag der geneigte Leser gerne überprüfen.

Der Autor Michael Köhlmeier "spielt" dabei mit dem Leser: Ohne weiteres lässt sich eben nicht eruieren, was ist Tatsache, was ist Fiktion, und das ist dann auch eines der Probleme dieses Romans: Wenn man dem Leser weismachen will, es handele sich um eine Art "Doppelbiografie" (und genau als das LIEST es sich auch, auch wenn - und das muss klar sein - es das eben aufgrund - nicht immer - fiktiver Figuren und Quellen nicht ist), ist "zuviel" biografisch anmutend. Der Roman will ihm - dem Leser - die Charaktere zweier Persönlichkeiten, die wirklich existiert haben, nahebringen, halbherzig die Depressionen der beiden darstellen, aber das kann dieser Roman am Ende eben doch nicht leisten, obwohl er genau damit wohl antreten wollte: Diese Persönlichkeiten im Kontext ihrer Zeit darzustellen, im Zusammenspiel miteinander und mit dem großen "Gegner" ihrer Zeit, Adolf Hitler. Ein fiktiver Ich-Erzähler ist nicht zuverlässig, und er muss es auch nicht sein, insofern macht es sich Köhlmeier leicht, aber das "Zusammenspiel" der beiden Hauptfiguren, das kommt etwas kurz.

Charlie Chaplin litt unter Depressionen (oder auch nicht), genauso wie Winston Churchill (oder auch nicht), aber spielt das eine Rolle? Nein, tut es nicht. Sie versprachen sich einst am Strand von Santa Monica, füreinander dazusein, wenn der andere um Hilfe bittet, und tatsächlich liest man einmal: "Charlie braucht Winston." Prompte Antwort: "Winston kommt." (S. 87). Aha.

Und dann: Erst nach mehr als einem Drittel des Romans (auf Seite 97) werden erstmals überhaupt die Nazis erwähnt, dann seitenweise gar nicht mehr, und wieder reihen sich Episoden aus beider Leben getrennt voneinander aneinander. Das ist stellenweise banal, fast langweilig, und der Autor scheint es selbst bemerkt zu haben, steht doch tatsächlich auf Seite 119, damit es dem Leser auch ja nicht entgehe: "... deren Nacherzählung ich hier vorbereite, und die in meiner Geschichte einen ersten Höhepunkt darstellt ..." Dann wohl mal - flüchtig - wieder ein paar gute Gedankenansätze, die sich aber ebenfalls in Banalitäten verlieren. Damit der Leser ja nicht zu dieser Erkenntnis gelangen möge, legt der Autor Churchill folgenden Satz in den Mund (oder auch nicht, das weiß man ja nicht so genau): "Ich weiß, diese Einsicht ist banal. Aber sie zu denken, ist etwas anderes, als sie zu begreifen. Ich habe sie erst begriffen, als ich, während ich malte, über die Fotografie nachdachte." (S. 127). Gut, dass wir das jetzt wissen: Es ist banal, aber dass wir das finden, heißt noch lange nicht, dass wir es auch begriffen haben. Also, da fühle ich mich als Leser nicht wirklich ernst genommen. Entschuldigung.

Nun, es sind noch etwa 80 Seiten zu lesen, also noch etwa ein Drittel, da kommt endlich die Rede auf den so "wichtigen" Film Charlie Chaplins, "The Great Dictator", in dem er A.H. parodiert. DER immerhin wird jetzt doch ein wenig genauer thematisiert, und wenn wir lesen: "Und nun folgt eine Geschichte, die ebenso aus der Luft gegriffen wie hellsichtig ist." (S. 185), dann KANN man diesen Satz sowohl als Selbstironie des Ich-Erzählers als auch des Autors selbst verstehen als auch als charakteristisch für den gesamten Roman.

Es ist natürlich DOCH von Belang, ob Begebenheiten im Leben real existierender Personen sich SO zugetragen haben oder eben doch anders. Wenn man alles vermischt, dies auch noch untermauert mit scheinbar existierenden Quellen, dann "schwimmt" der Leser, ihm bleibt nichts anderes übrig, als das so hinzunehmen (wenn er es nicht gerade selbst besser weiß, was wahrscheinlich nur dann der Fall ist, wenn man die Biografien dieser beiden so unterschiedlichen Männer genauestens studiert hat) oder es eben anschließend zu eruieren. Dieser Ehrgeiz kommt nach der Lektüre dieses fiktiven Roman dann aber eben doch nicht wirklich auf. Fast kommt es mir vor, als hätte der Autor die Idee gehabt, mal was zu schreiben über Charlie Chaplin ... und weil der allein nicht reicht, um einen Roman zu "füllen", muss auch noch Winston Churchill mit hinein (der Roman hat DENNOCH "nur" knapp über 250 Seiten). Das ist irgendwie fast ein bisschen traurig.

Fast zum Schluss dann doch noch einmal der Brückenschlag von Charlie Chaplin zum Ich-Erzähler und dessen Vater, den er als Quelle "benutzt", und eben Churchill. Geschickt, aber auch ein bisschen offensichtlich gewollt. Und im Schlussteil ... naja, das möge der aufmerksame Leser dann bitte selbst feststellen.

Aber sprachlich schön ist er, der Roman. Dafür und dafür, dass ich mich dann doch seitenweise so geärgert habe, dass ich bei der Stange bleiben "musste" (immerhin sind die Kapitel kurz), gibt’s dann noch drei Sterne. Ein bisschen spielt eine Rolle, dass ich mich über mich selbst ärgere: Weil ich mich habe blenden lassen von einer - wie mir schien - blendenden Idee: Zwei "Giganten", wie es im Klappentext heißt, in ihrem so unterschiedlichen Kampf gegen einen der unheilvollsten Diktatoren des 20. Jahrhunderts darzustellen. Und vielleicht schaue ich mir "The Great Dictator" demnächst mal wieder an.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 14, 2014 12:18 PM MEST


Das Küstengrab: Kriminalroman
Das Küstengrab: Kriminalroman
von Eric Berg
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Etwas zuviel "Küchentischpsychologie" ... und verschenktes Potenzial, 30. September 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Das Küstengrab: Kriminalroman (Broschiert)
Im Prolog erfahren wir: Ein 18-jähriger wird an einem Abend im August des Jahres 1990 erschlagen. Offensichtlich spielen sieben Freunde eine Rolle: Mike und Jaqueline, Harry und Margrethe, Pierre, Julian und Lea.

Dann ein Zeitsprung: 23 Jahre später muss sich Lea mit den Folgen eines schweren Autounfalls auseinandersetzen. Ihre Schwester Sabina wurde dabei getötet, sie selbst hat vier Monate für ihre Genesung an den körperlichen Verletzungen laboriert, ansonsten ist sie schwer traumatisiert: Sie leidet unter Amnesie und kann sich weder an den Unfall noch an das, was unmittelbar davor passiert ist und wie sie überhaupt an den Unfallort gekommen ist, erinnern. Entgegen des Rates ihrer sie behandelnden Psychologin fährt sie an den Ort ihrer Kindheit zurück: die mecklenburgische Insel Poel, wo noch bis heute alle vorgenannten Freunde leben, mit Ausnahme von Julian, der seit dem besagten Abend spurlos verschwunden ist.

Das klingt alles sehr interessant: Irgendetwas scheint da sehr im Argen zu liegen zwischen den Mitgliedern dieser alten Clique, die kurz nach dem Mauerfall Wünsche und Hoffnungen hegten, von denen nur wenig realisiert worden ist. Mit Ausnahme Leas, die als erfolgreiche Fotografin die Welt bereist hat. Was ist in all den Jahren, in denen Lea ihrer Heimat konsequent den Rücken gekehrt hat, passiert mit den alten Freunden? Was ist aus ihren Wünschen und Träumen geworden? Und - da ja alle noch auf der Insel leben - wie haben sich die Beziehungen untereinander entwickelt? Und was hat das alles mit dem im Prolog erwähnten Jungen zu tun?

Während Harry - irgendwie kauzig - den alten Versammlungsort der Clique, eine jahrhunderte alte Klosterruine, hegt und pflegt, um die sich auch noch ein Inhaberstreit entbrannt hat, seine Schwester Margrethe indessen die bettlägerige Mutter pflegt und nebenbei als Putzfrau bei Mike und Jaqueline arbeitet, die inzwischen verheiratet sind, ist Pierre Arzt geworden und hat eine Landarztpraxis auf Poel. Aber wirklich "guten" Kontakt scheinen auch sie untereinander nicht mehr zu haben.

In all dem steckt unglaublich viel Potenzial ... in den Figuren, die sich so unterschiedlich und entgegen all ihrer Träume entwickelt haben, in der Entwicklung der Personenkonstellationen - und das alles unter dem Hintergrund des Verschwindens von Julian, das irgendwie "aufgeklärt" werden will, und natürlich der Amnesie Leas, die ja irgendeinen Grund haben muss.

Leider versinkt das alles unter einem Wust von Küchentischpsychologie. Dabei sind die Ansätze wirklich da und schimmern hier und da auch durch, aber zu oft werden dem Leser hanebüchene psychologische Erklärungen präsentiert, die ihm jegliches eigenes "Verstehen" oder "Mitdenken" vollständig abnehmen, und die manchmal wirklich auch nur Kopfschütteln verursachen. Und so lernt man als Leser die ehemaligen Cliquen-Mitglieder zwar kennen, hat aber nicht wirklich die Möglichkeit, sich selbst ein Urteil zu bilden, und so werden sie auch nicht wirklich "nachvollziehbar". Was schade ist, denn - wie erwähnt: All das hätte unglaublich gute Möglichkeiten geboten. Die leider ungenutzt vergeben wurden. Wie zum Beispiel auch das derzeit so kontrovers diskutierte Thema "Sterbehilfe", das hier leider nur oberflächlich angerissen wird.

Hinzu kommt, dass die Zeitsprünge und die gewählten Erzählperspektiven (während die Ereignisse aus Sicht Pierres als auch Jaquelines und einiger anderer Personen erzählt werden, von denen einzig Lea aus Ich-Perspektive erzählt) für Verwirrung sorgen, was - da fehlende feinfühlige Charakterzeichnung, die eine Folge der bereits erwähnten etwas "einfachen" psychologischen Voraussetzungen der Figuren und ihrer Entwicklung ist - das Auseinderhalten der eigentlich so unterschiedlichen Schwestern Lea und Sabina (deren Geschwisterkonstellation und die unterschiedliche und nicht unproblematische Beziehung zu den bereits verstorbenen Eltern ebenfalls eine Rolle spielt) schwierig macht.

Zuguterletzt: Wenn "alles" gestimmt hätte, wäre es nicht wirklich "schlimm" gewesen, aber ein paar sprachliche Holperer verleiden neben allem auch ein wenig das Lesen. Dativ und Genitiv werden nunmal unterschiedlich gehandhabt.

Dennoch: Bei aller Kritik ist es kein "schlechtes" Buch, aber es wurde einfach - bei einem eigentlich SEHR interessanten Grundplot - viel Potenzial verschenkt. Ab und an blitzt etwas durch, und es liest sich unterhaltsam, aber auch nicht wirklich spannend, was es - trotz der Vernachlässigung des eigentlichen "Kriminalfalles", der am Ende eine etwas übereilte Auflösung erfährt - durchaus hätte sein können. Als Leser wünschte man sich einfach, ein bisschen ernster genommen zu werden als es hier der Fall ist.


Moses 90217 - Fliegende Zeilen Spiel
Moses 90217 - Fliegende Zeilen Spiel
Wird angeboten von Kinder-Regenbogenland
Preis: EUR 18,89

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Erlaubt ist, was gefällt, 24. September 2014
Vine Kundenrezension eines kostenfreien Produkts (Was ist das?)
Wandeln Sie die Zeile zu einer PC-Fehlermeldung um: "wo sind deine alten Wellen, o Fluß". Durch das zufällige Ziehen und Würfeln einer Aufgabe kombiniert mit einer zufällig erwürfelten Verszeile ergeben sich bei diesem Spiel die kuriosesten und witzigsten Aufgabenstellungen, so wie eben die oben genannte. Eine der Lösungen, die da dabei herauskam war:

"Flussdiagramm in Wellen nicht vorhanden. Deine alten Programme überprüfen. O Administrator."

Manchmal gar nicht so einfach! Wir spielen gern, wir sprechen gern, wir mögen Gedichte, wir mögen das "Spiel mit Sprache". Und so erschien uns als Familie dieses Spiel als geradezu ideal für uns. Die Spielregeln sind einfach zu verstehen, aber als es dann losgehen sollte, war ich doch ein wenig skeptisch, ob nicht unser Jüngster (10) dabei etwas zu kurz kommen würde. (Das Spiel ist empfohlen ab 12 Jahre.) Weit gefehlt! Tatsächlich erwies er sich im Verlauf des Spiels als fast am kreativsten, und damit hatte keiner gerechnet! Die Ideen der Erwachsenen hingegen (einschließlich meiner, wie ich - leider - zugeben muss) waren eher langweilig bis sperrig. Als Hindernis habe zumindest ich die Zeitbeschränkung auf 90 Sekunden empfunden, diese Zeitspanne lässt sich aber durchaus variieren, dann dauert das Spiel ingesamt halt nur etwas länger.

Es kommt im Anschluss an diese "Kreativphase" zur Bewertungsphase, da gab es allerdings ein paar kleinere Probleme: Die Spieler dürfen ihre Mitspieler bewerten, wobei Punkte zu vergeben sind. Dies erfolgt mittels auf Karten aufgedruckten Punkten, wobei jede Punktzahl nur EINMAL vergeben werden kann, von Höchst- bis Niedrigstpunktzahl. Das haben wir als Nachteil empfunden, denn gelegentlich fanden wir in einzelnen Runden die Ideen von zwei oder sogar drei Mitspielern allesamt gleich gut, sodass die Entscheidung zu schwer fiel und dann auch manchmal einfach dem Zufall überlassen wurde. Wir fänden es besser, man könnte an verschiedene Spieler die gleiche Punktzahl vergeben und werden das Spiel in dieser Hinsicht auch abändern und eigene Punktekarten "basteln". Hinzu kommt, dass jedem Spieler eine Farbe zugeordnet ist, sodass die Mitspieler wissen, wer wem wieviele Punkte gegeben hat, auch das fanden wir nicht so gut und werden da zukünftig mehr Anonymität reinbringen.

Das sind für uns aber dann auch schon fast die einzigen Nachteile, die wir aber schnell selbst beheben können. Ansonsten hatten wir einen tollen ersten Spieleabend mit diesem Kreativ-Spiel (was wir so gar nicht erwartet hatten), wobei schon das Vortragen der neu kreierten Sätze oder Verse Spaß und Freude gemacht hat (und gelegentlich bei der Punktevergabe berücksichtigt werden MUSSTE ;) ).

Dann muss man sagen, dass die immerhin 216 zur Verfügung stehenden Verszeilen zwar sehr aus dem Zusammenhang des jeweiligen Gedichtes gerissen sind, durch die Angabe des Autors und angefügter Quellenangaben es aber kein Problem darstellt, das gesamte Gedicht zu lesen. Allerdings kam dieser Wunsch bei uns bisher nicht auf, weil es so viel Freude gemacht hat, seine eigenen Reime und Sätze zu dichten und zu schreiben, dass der Sinn der vorgegebenen Zeilen dann doch irgendwie keine Rolle mehr spielte. Wichtig zu erwähnen: Da die Aufgabenstellungen vielfältig sind und die Anzahl der Runden frei wählbar, wird jeder Mitspieler mal mehr oder mal weniger seine "Fähigkeiten" zeigen können, punkten können die Jüngeren bei Jugendsprache oder PC-Sprache (siehe oben), Ältere sicher bei Aufgaben, möglichst kitschig oder pathetisch zu formulieren. Dabei sind zumindest in unserem Kreis auch durchaus Diskussionen darüber entstanden, was "geht" und was "nicht geht", und der Jüngste in unserer Runde hat gelernt, was Pathos bedeutet.

Den Wettbewerbsgedanken könnte man allerdings tatsächlich auch ganz aus dem Spiel herauslassen und sich eben "nur" an den Ergebnissen freuen und darüber diskutieren. Kann man, muss man aber nicht.

Kann man nun dieses Spiel bedenkenlos weiterempfehlen für jeden? Ich denke, eher nicht. Es braucht schon die Bereitschaft, sich kreativ mit Sprache beschäftigen zu wollen, damit könnten vor allem jüngere Mitspieler Probleme haben, wie oben aber bereits erwähnt, können auch sie durchaus auf ihre Kosten kommen, dafür müssen sie sich dann eben auch mal einlassen auf Aufgaben, die ihnen nicht so liegen.

Wir sind dennoch übereinstimmend zu dem Ergebnis gekommen, dass dies ein Spiel ist, in dem man über das Spiel mit Sprache ins Gespräch kommen kann und kommt. Ein Spiel mit einer anspruchsvollen, aber eigentlich einfachen Grundidee, die zu Improvisationen einlädt und Kurzweil verspricht für schöne Spieleabende.


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