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Garnet

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Die schützende Hand: Denglers achter Fall
Die schützende Hand: Denglers achter Fall
von Wolfgang Schorlau
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Fast dokumentarisch gehaltener Krimi über ein brisantes Thema, 30. Januar 2016
Über dieses Buch ist bereits viel geschrieben worden. Handelt es sich schließlich um die Hintergrundgeschichte zu einem der aufsehenerregendsten und durch die Medien beobachteten Prozesse um extremistischen Terror der jüngeren Zeit.

Über den Fall, der in diesem Roman (denn das ist er zweifelsohne, auch wenn man gelegentlich eher den Eindruck einer Doku haben kann) ist ebenfalls bereits viel geschrieben worden: Über fast ein Jahrzehnt hielt das Trio um Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe, das als NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) bekannt wurde, die Republik mit Attentaten in Atem, die offensichtlich ausländerfeindlichen Hintergrund hatten. Allerdings wurde all dies erst bekannt, als die beiden Uwes (Mundlos und Böhnhardt) erschossen in einem brennenden Camper in Eisenach aufgefunden worden waren. Überraschend war, dass damit auch der Mord an einer jungen Polizistin aufgeklärt schien, deren Dienstwaffe ebenfalls in dem Camper gefunden wurde. Nun läuft seit mehr als zwei Jahren der Prozess gegen die einzige Überlebende des Trios, Beate Zschäpe, ohne dass in diesem Prozess nennenswerte Details oder Umstände oder Motivationen zutage träten. Alles an diesem Fall schien immer seltsam. Und es zeichnet sich auch bisher nicht ab, dass sich das ändert.

Und ohne dass dem etwas verkrachten Privatermittler Dengler, der hier bereits in seinem achten Fall ermittelt, etwas über die Details dieses Falles bekannt wären, wird er wie aus heiterem Himmel von einer anonymen Person beauftragt, herauszufinden, wer Mundlos und Böhnhardt erschossen hat. Was seltsam ist, war man doch bisher immer davon ausgegangen, dass die beiden Selbstmord begangen hatten. Eher halbherzig macht sich Dengler dennoch - vor allem, weil die Bezahlung recht ansehnlich ist - daran, einen Bericht zu schreiben, wird dann allerdings von seiner Freundin Olga auf einige Ungereimtheiten hingewiesen. Daraufhin beginnt Dengler, RICHTIG zu ermitteln und die richtigen Leute zu fragen ... was er schlussendlich aufdeckt, kommt einer Verschwörung gleich.

Was spannend klingt, ist es nicht wirklich: Ein Großteil des Textes dieses "Krimis" besteht aus Protokollen, Berichten, der bloßen Beschreibung von Zeitabläufen. Sowas liest sich nunmal meist - auch schon aufgrund der Behördensprache - recht trocken. Die Figuren wirken ein wenig farblos, an wirklichen Spannungsmomenten hat der Roman nicht allzu viel zu bieten. Allerdings hat Wolfgang Schorlau gut recherchiert für dieses Buch. Selten sieht man einen Roman mit derart vielen Fußnoten versehen, selten wird derart viel auf real existierende Quellen hingewiesen. Tatsächlich kommt auch Schorlau am Ende zu dem Schluss, dass einiges an diesem erstmal nicht fiktiven Fall, der aber mit fiktiven Figuren und Handlungssträngen durchsetzt ist, nicht stimmig ist, und bestätigt damit nur jegliche Spekulationen über diesen Fall, die man auch bisher schon haben konnte. Bei fast allem, was Schorlau "fand", handelt es sich um relativ leicht zugängliche Quellen, dennoch wäre man wohl als auch nur halbwegs interessierter und aufgeklärter Beobachter des Falles Zschäpe kaum auf die Idee gekommen, das alles so zusammenzutragen und gleichsam zu sezieren.

Deshalb liegt das Verdienst des Autors darin, uns Lesern noch einmal die Hintergründe darzulegen, auch wenn tatsächlich einige Handlungsstränge eher wie "Füllmaterial" wirken. Außerdem lässt sich das Ganze - trotz einiger staubtrocken wirkender Passagen, aber immer sehr kurz gehaltener Kapitel - flüssig weglesen. Vorkenntnisse aus den immerhin bisher sieben Dengler-Krimis haben mir beim Lesen dieses Romans (trotz Bezugnahmen auf "ältere" Fälle Denglers, worauf der Autor ebenfalls gelegentlich per Fußnote verweist) nicht gefehlt.

Insgesamt ist dies eine bemerkenswerte "Zusammenfassung" von Quellen und Details, dargereicht in einem fiktiven Krimi, der sich in erster Linie auf den durch den Tod der beiden NSU-Mitglieder Mundlos und Böhnhardt damit abgeschlossenen Fall beschäftigt und in zweiter Linie auch damit, Ermittlungsmethoden und Berichterstattungen in Frage zu stellen. Der Autor bekennt sich im Nachwort dazu, dass seine Recherchen zu deutlichen Zweifeln an der bisherigen Darstellung des Todes um Mundlos und Böhnhardt geführt haben. Dem mag man nach der Lektüre dieses Romans gerne (vielleicht zu gerne?) zustimmen. Dem daran interessierten Leser wird es geradezu nahegelegt, sich weitergehend zu informieren.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 13, 2016 10:15 AM CET


Die niedrigen Himmel: Roman
Die niedrigen Himmel: Roman
von Anthony Marra
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unfassbar grausam und unfassbar schön, 29. November 2015
"Du bist ein anständiger Mensch", sagte sie und lächelte. "Ein lausiger Arzt, aber ein anständiger Mensch." (S. 264)

Mit diesem Satz fasst Sonja, die einzige noch verbliebene Ärztin im zerbombten Krankenhaus von Woltschansk, den gesamten Charakter Achmeds zusammen. Denn eigentlich wäre Achmed viel lieber ein Künstler geworden als Arzt. Als die Föderalen im zweiten tschetschenischen Krieg das Haus seines Freundes und Nachbarn Dokka anzünden und Dokka mitnehmen, um ihn in die berüchtigte "Deponie" zu bringen, kann Dokkas acht-jährige Tochter Hawah unbemerkt fliehen, aber nun muss Achmed für sie ein neues und vor allem sicheres Zuhause finden. Und da fällt ihm der Name der Ärztin des Krankenhauses ein, Sonja, die er aber gar nicht persönlich kennt. Woher er ihren Namen weiß, wird der Leser im Verlauf der Romanhandlung erfahren ... Er bringt Hawah zu Sonja, muss aber feststellen, dass diese eine ganz und gar unsympathische Person ist, die ihn auch noch "zwingt", im Krankenhaus als Arzt mitzuhelfen. Andere Behandlungen als Entbindungen und Amputationen gibt es dort nicht.

Sonja hingegen bleibt eigentlich nur in dem Krankenhaus, weil sie hofft, ihre Schwester Natascha, die eines Tages und nicht zum ersten Mal einfach verschwunden ist, wiederzutreffen. Und zuhause, in Achmeds Dorf, bereitet Ramsan, der den größten Verrat an seinem Freund Dokka begangen hat, die nächste Offensive vor, die vielleicht nur sein Vater Chassan verhindern kann ...

Und so verfolgen wir die Schicksale dieser Figuren auf verschiedenen Zeitebenen in einem Zeitraum von 1994 bis 2004, die aber hin und her springen. Damit der Leser den Überblick behält, ist an den Anfang eines jeden Kapitels ein Zeitstrahl gesetzt, der die erzählte Zeit markiert.

Im Grunde dreht sich die gesamte Handlung um Hawah, das acht-jährige Mädchen, das als Figur selbst nur eine Nebenrolle spielt, aber in ihr liegt die gesamte Zukunft aller Figuren. Einem auktorialen Erzähler haben wir es zu verdanken, dass wir als Leser in diese Zukunft, die es oft noch gar nicht gibt, schauen können, und oft schauert es einem kalt den Rücken herunter, aber unglaublich viel Hoffnung liegt auch in dieser Zukunft.

Tschetschenien hat in den letzten zwei Jahrzehnten unglaublich viel Krieg, Zerstörung und Leid erschüttert, und der Autor Anthony Marra, dessen vorliegender Roman ein Debüt darstellt, der den Krieg aber nicht aus eigenem Erleben kennt, schafft es, sowohl sprachlich als auch bildhaft ein Bild dieses zerstörten und verwundeten Landes zu zeichnen, das den Leser in jeder Hinsicht teilhaben lässt und zumindest ein paar Vorstellungen davon hinterlässt, was das Land und seine Bewohner erleben mussten. Es bindet den Leser auch ein in den Konflikt derer, die sich entscheiden mussten zwischen Verrat an Freunden und dem Ausliefern der eigenen Familie an Folter und Tod.

Ein Roman, der so berührend ist, ohne sentimental zu sein, der so wunderbare Figuren erschafft, der konsequent in seiner Erzählweise und am Ende auch in seiner Gesamtkomposition ist, der unglaublich tiefe Dialoge enthält, dass man noch Wochen später sich daran erinnert, hat für meinen Geschmack wesentlich mehr Beachtung verdient, als das bis jetzt im deutschsprachigen Raum der Fall gewesen ist. Dies ist großartige Literatur in jeder Hinsicht: Sprache, Figuren, Thema. Der noch sehr junge Autor Anthony Marra hat einen mitreißenden Roman geschrieben, der erhoffen lässt, dass wir zukünftig noch weitere wunderbare Romane von diesem Autor werden lesen können.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 9, 2015 12:45 AM CET


Brief an Breshnev
Brief an Breshnev
DVD ~ Alexandra Pigg
Preis: EUR 6,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Romantik in der Tristesse, 28. Oktober 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Brief an Breshnev (DVD)
Endlich ... dachte ich, endlich ist dieser kleine feine Film in einer erschwinglichen DVD-Version erhältlich. Klein ist er, der Film, trotz des "großen" Titels, aber fein? Es ist lange her, dass ich den Film zum ersten Mal sah. Mal sehen ...

In einem trostlosen Liverpool verbringt die 22-jährige Elaine ihre Tage - und ihre Nächte. Tagsüber ist sie arbeitslos, abends zieht sie mit ihrer Freundin Teresa, die in einer Hühnerfabrik arbeitet, sich dort aber bewusst "unscheinbar" gibt, durch die Clubs. Während Elaine auf ihr Äußeres wenig Wert legt und eher unscheinbar daherherkommt, zwar mit Minirock und Pumps, aber ansonsten wenig geschminkt und die Haare nicht besonders zurecht gemacht, mutiert Teresa abends zum Vamp: Sie "benutzt" ihr Äußeres, ihre blondierten Haare und auffällige Kleidung, um auf sich aufmerksam zu machen. Tatsächlich ist es dann aber Elaine, die Aufmerksamkeit erregt: Nämlich die des jungen Matrosen Pjotr, dessen Schiff an diesem Abend in Liverpool festmacht. Er kommt aus der UdSSR und hat für diese eine Nacht Landgang. Während Pjotr und Elaine in einem Club miteinander - sehr romantisch - flirten, wirft Teresa ein Auge auf Sergej in Pjotrs Schlepptau. Wie das wohl so läuft: Man beschließt, die Nacht in einem Hotel zu verbringen, jedes Pärchen für sich. Auch wenn die weibliche Hälfte - trotz Geldmangels - das Hotel bezahlen muss. Während bei Teresa und Sergej (den Teresa renitent Igor nennt) "die Post abgeht", wird es für Elaine und Pjotr einfach romantische Zweisamkeit ohne Sex. Es kommt, wie es kommen muss: Sie verlieben sich ineinander. Nur: Am nächsten Tag muss Pjotr auf sein Schiff zurück und es wird für ihn keine Möglichkeit mehr geben, Elaine wiederzusehen ...

Natürlich ist diese Liebe eigentlich zum Scheitern verurteilt. Elaine stammt aus einfachsten Unterschicht-Verhältnissen im Thatcher-England der 80er Jahre, Pjotr aus der politisch restriktiven UdSSR. Die beiden wollen dennoch in Kontakt bleiben, aber da keine Briefe von Pjotr ankommen, vermutet Elaine, dass die Briefe abgefangen werden. Und so kommt sie auf die Idee, an den Staatschef der UdSSR, Herrn Breshnev (im deutschen meist "Breschnew"), einen Brief zu schreiben, um ihn zu bitten, ihr eine Einreisegenehmigung zu erteilen.

So naiv das klingen mag ... das Unterfangen scheint zu gelingen. Elaine darf vorstellig werden bei den britischen Behörden, die ihr Anliegen vordergründig "verstehen", aber dennoch - wie auch ihre Eltern - versuchen, sie davon abzubringen. Elaine beharrt - in der schon erwähnten Naivität - darauf, dass das Leben in "Russland", wie sie die damals noch bestehende UdSSR nennt, auch nicht schlechter sein könne als die trostlose Zukunft, die ihr in Großbritannien bevorstehen würde. Es bleibt offen, ob Elaine sich darüber bewusst ist, auf was sie sich einlässt, aber wichtig ist ihr allein, mit ihrer großen Liebe Pjotr zusammensein zu können. Und dieses Ziel verliert sie nicht aus den Augen.

In "seiner" Zeit, also 1985, als der Film entstand, konnte man ihm diese leise Kapitalismus-Kritik abnehmen, Kritik am Regime der UdSSR übt der Film nicht, auch wenn das durchaus thematisiert wird. Breshnev freilich war zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben, sodass die zeitliche Perspektive in den frühen 80er Jahren angesiedelt ist . Breshnev selbst stand - und steht - natürlich auch für ein starres System der damaligen Sowjetunion. Aber der Film vermittelt: Auch die Russen sind "nur" Menschen. Und wie der Film - und dann eben auch in erster Linie Elaine, unterstützt von ihrer Freundin Teresa - das herüberbringt, ist absolut glaubwürdig und berührend. Elaine hat gar nicht vor, in ein "besseres" Leben aufzubrechen, ihr ist es egal, was sie hinter sich lässt oder was vor ihr liegt, es sind einzig und allein ihre Gefühle für Pjotr, die sie nicht abbringen lassen von ihrem Unternehmen. Das ist Romantik pur!

Allerdings lässt der Film den Zuschauer ab der Abreise Pjotrs an dessen Sicht nicht mehr teilhaben, wir wissen, auch er hat sich verliebt, aber wie weit er bereit ist dafür zu gehen, werden wir nicht erfahren. Und so verfolgt der Zuschauer eben ausschließlich Elaines Bemühungen, die sogar Gehör bei Breshnev finden.

Elaines Schicksal bleibt ungewiss, so wie auch sie völlig ungewiss ist darüber, auf was sie sich einlässt. Aber jemandem, dem das alles so völlig egal ist angesichts eines einzigen Ziels im Leben: die große Liebe zu leben jenseits allen politischen Sinns oder Unsinns, dem gebührt Respekt.

Für die Rolle der Elaine war Alexandra Pigg 1986 als "Beste Darstellerin" für den British Academy Film Awards nominiert, gewonnen hat sie ihn nicht und machte auch danach nie wieder von sich reden. Dennoch hat sie es geschafft, das "einfache" Mädchen aus Liverpool, das sich nichts gefallen lassen will, um ihre große Liebe zu leben, so glaubwürdig und authentisch darzustellen, dass es zumindest mir über 25 Jahre in Erinnerung geblieben ist.

Und so ist dies - trotz der schlechten Bildqualität und der mittlerweile überholten Zeitgenössigkeit - ein Film, den ich sehrsehr gerne wiedergesehen habe. Nicht zuletzt, weil er etwas hochhält, was absolut schätzenswert ist: den Idealismus, der sich jenseits aller gesellschaftlichen und politischen Hindernisse bewegt. Und natürlich die Liebe.


Niklas Frank Der Vater Eine Abrechnung
Niklas Frank Der Vater Eine Abrechnung
von Niklas Frank
  Taschenbuch

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Inhaltlich, thematisch und sprachlich kein leicht lesbares, im großen Zusammenhang jedoch unverzichtbares Buch, 6. September 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Niklas Frank, Jahrgang 1939, wurde ab etwa Mitte der 80er Jahre bekannt durch seine Veröffentlichungen über seinen Vater. Sein Vater Hans Frank ist bekanntlich als einer der Haupttäter des Nationalsozialismus 1946 in den sogenannten Nürnberger Prozessen zum Tod verurteilt worden. Als "Generalgouverneur von Polen" war er mitverantwortlich für den Tod und das Leid von Millionen von Menschen.

Während andere "Täterkinder", die über die Beteiligung ihrer Väter am Nationalsozialismus sprechen, selbst wenn sie die Schuld ihrer Eltern eingestehen, dennoch den Vater als Vater ehren wollen, kann man dies von Niklas Frank nun wahrlich nicht sagen. Wenn man das Buch "Der Vater" liest, das den Untertitel "Eine Abrechnung" trägt, wird man sehr schnell merken, dass Niklas Frank von einer unglaublichen Wut auf diesen Vater erfasst gewesen sein muss, die ihn, wie in einem Interview von ihm auch einmal zu lesen, dieses Buch, in dem er seinen Vater in der zweiten Person anspricht, innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums gleichsam "hinrotzen" ließ. Oder wie Ralph Giordano im Vorwort zu diesem Buch schreibt: Er kotzt dem Leser den Verrat seines Vaters gleichsam vor die Füße. Diese Art der Auseinandersetzung mit einem Vater, der auch als Vater sogar ihm gegenüber noch versagt hat (wie Frank selbst berichtete, hat der Vater ihn - den jüngsten Sohn - als "Fremdi" bezeichnet, weil er annahm, dass er nicht der leibliche Vater sei), wurde ihm vielfach übelgenommen, auch durch seine Familie.

Denn eines muss man auch sagen: Dieses Buch ist oft schwer lesbar im Sinne von "unerträglich". Weder inhaltlich noch thematisch noch sprachlich werden hier irgendwelche Rücksichten genommen. Man kann auch nicht um den Schluss herumkommen, dass Frank seinen Vater lächerlich macht, die Sprache ist oft sehr derb. Und oft genug "verschwimmen" auch die Grenzen dokumentierter Ereignisse und bewertender Kommentare. Dennoch gebührt Niklas Frank großer Respekt in der gesamten Geschichte der Aufarbeitung nach 1945. Wie er hat kein anderer so schonungslos die Verbrechen benannt, die sein Vater - hier stellvertretend für eine "Tätergeneration" - begangen hat: Aber eben als Kind eines Täters und nicht aus der Sicht von Historikern oder Zeitzeugen. Niklas Frank konnte die Verbrechen seiner Elterngeneration als gerade einmal 6-jähriger bei Kriegsende kaum angemessen beurteilen. Insoweit ist all dies eine schon reflektierte Sicht auf die Ereignisse. Berücksichtigen muss man eben auch, dass Niklas Frank mehrere Jahrzehnte gewartet hat, Dokumente zusammengetragen hat, Zeitgenossen seines Vaters, soweit sie noch lebten und Auskunft geben wollten, befragt hat, bevor er sich an dieses Projekt machte. Und oft scheint es auch so, als hätte Niklas Frank beim Schreiben gar keine "Leserschaft", ein Publikum, vor Augen gehabt, sondern eben wirklich nur die ganz eigene Auseinandersetzung, eben "Abrechnung" mit dem Vater. Insofern "darf" und vielleicht sogar muss dieses Buch "unerträglich" sein.

Das Buch geht insgesamt chronologisch vor: Niklas Frank beschreibt den Werdegang seines Vaters von Kindheit an, seine berufliche Laufbahn als Rechtsanwalt, der sich alsbald Hitler anzudienen vermochte, das Kennenlernen seiner Eltern, schließlich die "Herrschaft" seines Vaters über das besetzte Polen auf der Krakauer Burg, wo die Familie ihren Wohnsitz nahm. Dabei zitiert er oft aus privaten Briefen, Tagebüchern seines Vater und aber auch aus offiziellen Dokumenten und versieht diese Zitate mit eigenen - in kursiv gedruckten - Anmerkungen, die drastisch, respektlos und vernichtend sind. Die gesamte, jahrelange Auseinandersetzung des Niklas Frank mit einem Vater, der kein Vater sein wollte und zudem offenbar tiefe Schuldgefühle bei seinem Sohn hinterlassen hat, manifestiert sich hier.

Sieht man sich Interviews oder dergleichen mit Niklas Frank ab der Mitte der 80er Jahre bis heute an, wird man dann doch einen gewissen Unterschied bemerken. Während Niklas Frank zu Beginn der Veröffentlichungen über seinen Vater seine gesamte Wut auch noch verbal untermauerte, so sieht man heute einen immerhin Mitte 70-jährigen, der insgesamt etwas milder auch mit sich selbst umgeht. Die Auseinandersetzung mit seinen Eltern, im Falle seines Vaters ging das nur noch mit dem hingerichteten Vater, später auch mit seinen Geschwistern (über seine Mutter sowie einen seiner Brüder veröffentlichte Frank später ebenfalls jeweils ein Buch) hat sein Leben geprägt, intensiv wie kein anderer hat Niklas Frank diesen Prozess betrieben und diesen auch in die Öffentlichkeit getragen. Dafür wurde er zu Beginn dieser Veröffentlichungen vielfach angefeindet, zu Unrecht, wie zumindest ich der Meinung bin.

Dieses Buch taugt, für sich allein stehend, sicherlich nicht für auch nur einen Bruchteil eines angemessenen Umgangs mit unserer Geschichte und Vergangenheit, und niemand anders als der Sohn eines Täters könnte (und vielleicht auch dürfte) überhaupt ein Buch in dieser Form schreiben. Aber im Gesamtzusammenhang mit aller Literatur über den Nationalsozialismus und seine Aufarbeitung ist dieses Buch wertvoll und - wie ich meine - auch unverzichtbar. Denn bei allem, was Niklas Frank, für uns Leser nicht ganz zuverlässig und alles andere als "neutral", über seinen und zu seinem Vater zu sagen hat, kommt er dessen Persönlichkeit, die in ihrer Kaltherzigkeit offenbar grundsätzlich anfällig war für Machtgier und Menschenverachtung, näher als uns lieb sein kann. Wenn wir nicht wollen, dass Gleiches oder Ähnliches wieder geschieht, dann braucht es auch ein solches Buch, das im großen Kontext heute nicht mehr wegzudenken ist.

Nachdem das Buch zunächst im Goldmann Verlag jahrelang erschienen war, wird es heute im Eigenverlag aufgelegt. Niklas Frank widmet dieses Buch seiner Frau und seiner Tochter.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 25, 2015 6:26 PM CET


Judas: Roman
Judas: Roman
von Amos Oz
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Tiefgründig, berührend und auf unaufgeregte Weise spannend: Ein wunderbarer Roman!, 12. Juli 2015
Rezension bezieht sich auf: Judas: Roman (Gebundene Ausgabe)
Als über dem Studenten Schmuel Asch gleichsam das Leben zusammenzubrechen scheint (seine Freundin trennt sich von ihm, um einen anderen zu heiraten, sein Vater muss Konkurs anmelden und kann sein Studium nicht weiter finanziell unterstützen), entschließt er sich, auf eine Anzeige hin eine Arbeit im Hause Gerschom Walds und der geheimnisvollen Atalja anzunehmen: Jeden Abend von fünf bis elf Uhr soll er dem gebrechlichen Wald Gesellschaft leisten, ihm seinen Brei aufwärmen und Tee einschenken. Dafür wird ihm Logis und Kost in dessen Haus in Jerusalem gewährt, der Rest des Tages steht zu seiner freien Verfügung.

Dass ihm das leicht fällt, kann man nicht sagen, sehr streng sind die Auflagen, die ihm von seiner "Auftraggeberin" Atalja auferlegt werden: Bestimmte Räume darf er nicht betreten, bestimmte Themen nicht ansprechen, vor allem ihr, der nicht mehr ganz jungen, aber durchaus attraktiven Frau, nicht zu nahe kommen, obwohl Wald zu erwarten scheint, dass es irgendwann dazu kommen wird. Es entwickeln sich tiefe und gehaltvolle Gespräche zwischen Schmuel und Wald, der ihm nach und nach ans Herz wächst. Und auch umgekehrt scheint das der Fall zu sein.

In mancher Hinsicht wurde nun suggeriert, dieser Roman, in dem die Handlung selbst eher marginal ist, sei "anstrengend", "zäh" oder - bestenfalls - "ruhig". Das Letzte stimmt vielleicht, aber auch nur ganz vielleicht. Seltsamerweise ist es mir beim Lesen gänzlich anders gegangen: Die Gegenwartsgeschichte der Romanhandlung um Schmuel, Atalja und Gerschom Wald ist durchaus spannend zu lesen, auch wenn auf spektakuläre Wendungen verzichtet wird. Um Atalja webt sich eine geheimnisvolle Aura, die Schmuel nach und nach zu entwirren versucht, auf seine unbeholfene, irgendwie naiv wirkende Art. Und in was für einer Beziehung Atalja und der alte Mann leben mögen, wird auch erst sukzessive offenbar. Manchmal geschieht dies in sehr langen Monologen, sehr selten per Frage-Antwort-Dialog. Ohnehin ist das "Fragen" für Schmuel eine bedeutsame Angelegenheit, oft fragt er zuvor, ober er überhaupt fragen DARF. Und dann scheint es, als gewähre ihm Atalja eine Art "Gunst", indem sie diese Dinge preis gibt.

Dazwischen lesen wir von Schmuels "Arbeit": Hat er sich ja um Wald zu kümmern, ihn am Reden zu halten, erfährt er von diesem nach und nach von Schealtiel Abrabanel, bereits lange vor der erzählten Zeit verstorben, überzeugter Zionist, der eine Gründung des Staates Israel dennoch rigoros abgelehnt hatte. Seine Ideen werden dem Leser auf diese Art nahegebracht, ohne dass diese Gedanken je zu einem Ende geführt werden, vieles bleibt wie das Ende eines losen Fadens im Raume hängen. Tatsache ist jedenfalls, dass Abrabanel als Verräter galt, und das ist ein großes Thema dieses Romans, denn schon der Titel - JUDAS - deutet darauf hin, war Judas Ischariot doch derjenige der Jünger Jesu, der für den Verrat an ihm zuständig war, der schließlich Jesu Kreuzigung zur Folge hatte. Mit dieser Frage hatte sich Schmuel eingehend in einer Arbeit im Rahmen seines Studiums beschäftigt. Welche Bedeutung hatte die Tatsache, dass Judas diesen Verrat begangen hat, langfristig gesehen? Ist es denkbar, dass Judas gar kein Verräter war? Bezeichnend ist, dass auch Schmuel selbst sich als "Verräter" sieht: an seinen Eltern, von denen er sich als Kind wünschte, sie seien nicht seine Eltern.

Nun, die bereits erwähnten Fadenenden muss der Leser sich selbst zusammenknüpfen sozusagen, fast scheint es, als wolle der Roman lediglich ein paar Gedankenanstöße geben, mit denen der Leser dann letzten Endes selbst fertig werden muss. Denn auch wenn die Romanhandlung in einer lange vergangenen Zeit angesiedelt ist, nämlich in den Wintermonaten der Jahre 1959/60, die Stimmung auch entsprechend melancholisch ist, Schmuel ohnehin ein sehr nachdenklicher junger Mann, so sind die Fragen, die dort gestellt werden, natürlich nach wie vor aktuell: Dauert der Konflikt zwischen den verschiedenen Parteien im Nahen Osten rund um Israel ja nach wie vor an und brandet immer wieder auf. Lösungen werden keine angeboten in diesem Roman, die Gründung des Staates Israels ist geschehen, möglicherweise (!) auf Kosten der Araber. Als Leser hat man jedoch nicht den Eindruck, dass dazu eine eindeutige Stellung bezogen wird, da macht Amos Oz das schon sehr geschickt, indem er seine drei Hauptfiguren sehr verschiedene, aber durchgehend diskussionswürdige Positionen einnehmen lässt und dabei auch noch die sehr radikal anmutenden Ideen des Schealtiel Abrabanel einfließen lässt. Und erzählt das auf eine wunderbar leichte, sprachlich anspruchsvolle Art, die sich sogar ein gelegentliches Augenzwinkern nicht verkneifen kann, auch wenn die Melancholie, eine gewisse Schwermut sowohl in der Handlung als auch in der Sprache überwiegt. Am Ende steht man als Leser zwar etwas verloren da (ähnlich wie auch Schmuel), das allerdings ist eigentlich die Konsequenz aus allem, was man vorher gelesen hat, und auch heute, mehr als 50 Jahre nach der im Roman behandelten Zeit, scheint die Welt so ratlos wie zuvor, was in jenem Konflikt zu tun sei.

Bei allem Respekt, auch der kritischen Distanz, zu allem, was im Roman "besprochen" wird, gibt es dennoch einige unglaublich schöne und berührende Momente, und gegen Ende ist eines der schönsten Kapitel des Romans jenes, in dem die Kreuzigung Jesu beschrieben wird: Aus der Sicht des Judas, wie es möglicherweise gewesen sein KÖNNTE. Es ist reine Interpretation, vielleicht sogar Fantasie. Natürlich stellt sich auch Schmuel die vielleicht nicht ganz unberechtigte Frage, wem es heute noch etwas bringen könnte zu wissen, welche Rolle Judas in dieser Hinsicht wirklich gespielt hat, aber selbst wenn man diese Frage (oder die Antwort darauf) herabspielen möchte, führt sie dennoch in diesem Roman zu weitreichenden weiteren Fragen, nicht nur aus christlicher oder jüdischer Sicht. Die Antworten darauf bleibt der Roman allerdings schuldig. Und das ist gut so.


Arche Kinder Kalender 2016: Mit 53 Gedichten und Bildern aus der ganzen Welt
Arche Kinder Kalender 2016: Mit 53 Gedichten und Bildern aus der ganzen Welt
von Internationale Jugendbibliothek
  Kalender

20 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Er ist wieder DA!, 8. Juli 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Herrlich, dieser Kalender, einfach wunderbar! Ich hatte die jeweilige Ausgabe dieses Kalenders schon in Vorjahren bestellt (und natürlich auch "benutzt"), nur für dieses Jahr hatte ich einen anderen Gedichte-Kalender bestellt, weil ich der Meinung war, dass er dem Alter meiner Kinder nicht mehr gerecht würde. Allerdings haben mir meine Kinder nun deutlich zu verstehen gegeben, dass das eine Fehleinschätzung meinerseits war und sie wieder gerne DIESEN Kalender an der Wand hätten.

Es handelt sich hier um einen Wochenkalender, der jeweils montags ein neues Kalenderblatt umschlagen lässt. Auf dem jeweiligen Kalenderblatt enthält er dann jeweils ein Gedicht. Die Gedichte kommen aus allen Teilen der Welt, Japan, Schweden, Frankreich, Südafrika, es sind viele Länder und viele Autoren (von denen man wahrscheinlich noch nie zuvor etwas gehört hat) vertreten, alle Gedichte sind dann in der Landessprache abgedruckt, bei manchen Gedichten naturgemäß auch in einer uns "fremden" Schrift, aber immer auch übersetzt ins Deutsche. Gedichte zu übersetzen stelle ich mir nun nicht ganz einfach vor, schließlich soll auch der Reim noch irgendwie "stimmen", das Versmaß möglichst noch irgendwie zu erkennen sein. Bei den meisten übersetzten Gedichten ist das der Fall (jedenfalls kann man es bei den Gedichten, die aus dem Englischen und Französischen übersetzt sind, nachvollziehen, aber auch bei einigen schwedischen oder niederländischen Gedichten, deren Sprache uns nicht ganz so "fern" scheint). Da die Gedichte in abwechslungsreichem Layout präsentiert werden und immer wunderschön und passend illustriert sind, ist jedes einzelne Kalenderblatt auch eine Augenweide! Ausgesucht wurden Gedichte, die der jeweiligen Jahreszeit bzw. den Jahresfesten angemessen sind.

Deutschsprachige Dichter sind nicht so viele vertreten, da wird einem dann aber auch klar, dass es aus allen Teilen der Welt Gedichte gibt, die es wert sind, hier veröffentlicht zu werden. Was mich aber dann dennoch freut, dass auch der von mir sehr verehrte James Krüss wieder mit einem Kalenderblatt gewürdigt wird.

Dieser Kalender lädt einfach zum "Benutzen" ein, am Wochenanfang das jeweilige Gedicht vorzulesen (oder von den Kindern vorlesen zu lassen), sie die Originalsprache "probieren" zu lassen, was auch einfach schön ist und Freude macht. Dass dieser Kalender auch ein Blickfang an der Wand ist, tut sein Übriges. Er ist allerdings sehr großformatig (ca. 35 x 41 cm) und braucht wirklich einen schönen Platz an der Wand. Er hängt bei uns in der Küche, wo er auch jeden Tag präsent ist und - über die Woche, die ein Kalenderblatt "hängt" - auch zum Immer-wieder-Draufschauen und Wiederlesen einlädt, und das hat er auch verdient! Durch die Spiralbindung ist er einfach zu handhaben.

Ich habe diesen Kalender in Vorjahren nicht nur für uns bestellt (wo er immer ein voller "Erfolg" war), sondern auch gelegentlich verschenkt, er bietet eine Fülle an Texten für sprachbegeisterte und Gedichte liebende Kinder und kann sicher auch das Interesse von Kindern an solcherlei Texten wecken und kam immer gut an. Wenn nicht wegen der Gedichte, dann wenigstens wegen der schönen Illustrationen, aber sicherlich gehört beides zusammen! Wie ich festgestellt habe, ist das Alter der Kinder bzw. Jugendlichen nicht entscheidend, sondern einfach die Begeisterung für witzige, poetische, einfallsreiche Gedichte, und das gilt manchmal auch noch für Erwachsene ;).

Man kann diesen Kalender auch direkt über den Arche Kalender Verlag bestellen.


The Killing Fields [Blu-ray]
The Killing Fields [Blu-ray]
DVD ~ Sam Waterston
Preis: EUR 11,99

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Filmmonument, 30. Juni 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Killing Fields [Blu-ray] (Blu-ray)
Achtung: Dieser Text enthält Spoiler!

1975 marschieren die Roten Khmer in Phnom Penh ein, triumphial und bejubelt von der Stadtbevölkerung. Aus der Hauptstadt Kambodschas berichteten auch schon während des Krieges in den Jahren zuvor einige westliche Journalisten, unter ihnen der Amerikaner Sydney Schanberg (Sam Waterston). Die Amerikaner, die zuvor Kambodscha bombadiert haben (aus Gründen, die später im Film in einer Rede Schanbergs thematisiert werden, zumindest andeutungsweise), müssen abziehen. Einige Kambodschaner erkennen die Gefahr, die damit dräut, und bringen sich und/oder ihre Familien außer Landes. Dith Pram (Haing S. Ngor), ebenfalls Journalist und Freund Schanbergs, der ihm als Übersetzer, Vermittler, Kenner der Umgebung dient, macht es ähnlich. Nur: ER bleibt da und "rettet" sich mit seinen westlichen Kollegen (u. a. dargestellt durch John Malkovich und Julian Sands) in die französische Botschaft. Als die Belagerung drängender wird und von dort alle Kambodschaner an die Roten Khmer ausgeliefert werden sollen und für ihn noch die Chance zur Flucht besteht, bleibt er dennoch. Denn es besteht die geringe Hoffnung, durch einen gefälschten Pass mit den anderen Kollegen das Land verlassen zu können. Das Unterfangen gelingt nicht, Pran wartet - auf Schanbergs Drängen hin - einen Deut zu lang, und so wird Pran - wie viele andere Intellektuelle auch - den Roten Khmer, die einen Bauernstaat errichten wollen, übergeben und interniert.

Von da an trennen sich Prans und Schanbergs Wege. Während Schanberg von New York aus auf der Suche nach Pran ist, sieht der Zuschauer Pran in einem Arbeitslager, wo harter Drill, karge Kost und schwere Arbeit den Alltag der dort Internierten bestimmt. Nahezu die gesamte zweite Hälfte des Films ist der Grausamkeit, die in diesen Arbeitslagern herrscht, gewidmet. Bezeichnend ist, dass der Zuschauer, der der Landessprache nicht mächtig ist, den Dialogen nicht folgen kann, denn nichts ist untertitelt, er muss sich allein auf die Bilder konzentrieren und verlassen, die aber sprechen für sich. Pran gelingt schließlich die Flucht, er durchquert auf seinem Weg die "Killing Fields", die Totenfelder, auf denen massenweise die Ermordeten einfach abgelegt wurden, und auch das wird dem Zuschauer mit dem gleichen Blick, den auch Pran hat, visualisiert. Allerdings gelangt er daraufhin nur in ein anderes Lager, in dem es ihm gelingt, sich dem dortigen Kommandanten anzudienen, der für seinen kleinen Sohn eine Aufsichtsperson braucht. Auch dort wird nur in der Landessprache - ohne Untertitel - kommuniziert. Von dort aus kann Pran wiederum flüchten, mit dem Kind im Arm und begleitet von einigen anderen. Aber nur er allein wird in die Freiheit gelangen ...

Dazwischen erreichen den Zuschauer Szenen, in denen parallel das weitere "Schicksal" Schanbergs gezeigt wird: Für seine Arbeit preisgekrönt, muss er sich aber auch Vorwürfe gefallen lassen, er habe lediglich zu seinem eigenen Vorteil und aus purem Egoismus Pran von der rechtzeitigen Flucht abgehalten, den seine in die USA emigrierte Frau für tot hält. In einer unglaublich ergreifenden Szene schaut Schanberg in seiner New Yorker Wohnung eine Dokumentation der Kämpfe an mit den - ungewöhnlich schonungslos gezeigten - direkten Folgen, also verletzten, blutenden und sterbenden Menschen, die Szene ist untermalt mit den wunderschönen Klängen zu "Nessun Dorma" aus der Puccini-Oper Turandot, die in krassem Gegensatz zu den gezeigten Bildern und zu der absolut glaubwürdigen Betroffenheit Schanbergs stehen. Und auch die Schlusssequenz des Films, in der es dann doch eine Art "Happy End" gibt, bleibt (auch musikalisch) in Erinnerung: John Lennons "Imagine" steht - als Song - für den Inbegriff des Wunsches nach Frieden und als Symbol für die Friedensbewegung. Ansonsten zeigt für den Soundtrack verantwortlich der in den 80ern sehr bekannte und erfolgreiche Mike Oldfield. Stellenweise ohrenbetäubend sind die Geräusche, bis an den Rand des Erträglichen, Gewehrsalven und Bombeneinschlägen, dem Schreien sterbender Menschen und dem Weinen zu Tode erschreckter (und auch verletzter) Kinder wird der Zuschauer konfrontiert mit der ganzen Brutalität, die die Roten Khmer mit sich brachten.

Bekannt ist, dass während der Herrschaft der Roten Khmer mehrere Hunderttausend Menschen (die Schätzungen belaufen sich auf um die zwei Millionen) zu Tode gekommen sind: durch Nahrungsmangel, Krankheiten, Folter oder Hinrichtung. Es handelt sich um einen der größten Genozide der "modernen" Zeit, in den sogar Kinder massenweise involviert wurden, als Aufseher, Folterer, Henker, viele auch als Opfer. Die Aufarbeitung dieses Völkermords begann erst recht spät, und bis heute sind die genauen Opferzahlen nicht bekannt. Die Stätten, an denen die Massenmorde an den Kambodschanern von den eigenen Landsleuten verübt wurden, wurden bekannt als "Killing Fields".

Der Film "The Killing Fields - Schreiendes Land" insgesamt ist ein großartiges Monument, für Frieden, für Mitmenschlichkeit, für Solidarität (ganz aktuell auch - wieder einmal - mit Menschen, die fliehen MÜSSEN). Der Film ist in den zwischenmenschlichen Szenen erstaunlich unsentimental inszeniert und bietet dennoch einige wirklich berührende Momente. Das alles erfordert vom Zuschauer (der kaum "nur" Zuschauer bleiben wird, sondern "betroffen" ist, hoffentlich) aber auch Durchhaltevermögen, denn die gezeigten Szenen (u. a. eine Exekutionsszene oder die explizite Darstellung schwer verletzter und sterbender Kinder), an deren zugrundeliegender Wirklichkeit wir Heutige im friedlichen Westeuropa nicht gewöhnt sind, sind stellenweise an Grenze des Erträglichen, auch wenn manches lediglich angedeutet bzw. die Szene ausgeblendet wird.

Sowohl Sydney Schanberg als auch Dith Pran sind authentische Personen, Schanberg wurde tatsächlich bekannt durch seine Berichterstattung über den Krieg in Kambodscha und die Veröffentlichung des Schicksals seines Kollegen und Freundes Dith Pram. Der Darsteller von Dith Pram, Haing S. Ngor, oscarprämiert für diese Rolle, war selbst Überlebender des Regimes der Roten Khmer unter Pol Pot.
Kommentar Kommentare (7) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 30, 2016 10:04 PM CET


Ein ganzes Leben: Roman
Ein ganzes Leben: Roman
von Robert Seethaler
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,90

12 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein langes Leben in einem (zu) kurzen Roman, 9. Mai 2015
Rezension bezieht sich auf: Ein ganzes Leben: Roman (Gebundene Ausgabe)
"An einem Februarmorgen des Jahres neunzehnhundertdreiunddreißig hob Andreas Egger den sterbenden Ziegenhirten Johannes Kalischka, der von den Talbewohnern nur der Hörnerhannes gerufen wurde, von seinem stark durchfeuchteten und etwas säuerlich riechenden Strohsack, um ihn über den drei Kilometer langen und unter einer dicken Schneeschicht begrabenen Bergpfad ins Dorf hinunterzutragen."

Mit dieser bedeutungsschwangeren Zeitangabe (wobei ich mal als bekannt voraussetze, was am 30. Januar 1933 geschehen ist) beginnt dieser kurze Roman, der immerhin dem Titel nach das ganze Leben des Andreas Egger umfassen soll (dem Titel wird die Handlung indes auch wirklich gerecht, er umfasst das Leben des Andreas Egger von seinem Kleinkinddasein bis zu seinem Tod). Da war die Erwartung meinerseits zugegebenermaßen hoch, aber zunehmend stellte sich mir die Frage, warum man so etwas an den ANFANG eines Romans setzt und dann nicht ein EINZIGES Wort über die politischen Umstände der Zeit, in der dieser Roman spielt, verliert? Nicht einmal ansatzweise die Handlung in den Kontext setzt?

Gut, der Nationalsozialismus spielt also keine Rolle in diesem eremitischen Dasein des Andreas Egger, kurz unterbrochen durch das Zusammenleben mit Marie, seiner Frau, allerdings wird auf Seite 81 dann doch nochmal erwähnt, in welcher Zeit wir uns befinden: Der Krieg ist gerade ausgebrochen. Egger meldet sich freiwillig, wird aber für zu alt und - wegen einer durch eine Misshandlung durch seinen Ziehvater gebliebenen Behinderung - kriegsuntauglich eingestuft. Ohne weitere Zwischenhandlung kommt dann - zeitlich gesehen vier Jahre später - doch noch die Einberufung, aber: "Egger hinterfragte nichts. Er führte Befehle aus, das war alles." (S. 85).

Nach Jahren der Kriegsgefangenschaft kehrt Egger in sein Dorf zurück, muss zusehen, wie dort der Tourismus Einzug hält (am Bau der Seilbahn hatte er als junger Mann selbst mitgewirkt), wie Technik und Fortschritt sich Bahn brechen. Von zeitgeschichtlichen Ereignissen wird Egger nicht berührt, und auch ansonsten passiert nicht viel in seinem Leben, die Leute halten ihn zunehmend für etwas sonderbar, aber so richtig ist das kein Thema dieses Romans, vielmehr geht es um die Schicksalsergebenheit dieses Mannes.

Gegen Ende versöhnt mich dann doch noch einiges an der zwar mit hin und wieder sehr gehaltvollen Sätzen gespickten Erzählung, die auch deshalb nicht langweilig wirkt, weil das Leben des Andreas Egger nicht linear, sondern in Sprüngen erzählt wird. Und zwischendurch und vor allem zum Ende hin ist es in seiner Schlichtheit durchaus berührend und finden einige vorher wie angefangen und nicht zuende geführte Episoden doch noch ein "Ende". Mitnehmen kann man vielleicht, dass Menschen, die wir für "wunderlich" halten mögen, weil sie in einer selbstgewählten Einsamkeit leben möchten, deshalb nicht unbedingt "verrückt" sein müssen. Allerdings ist das nun auch keine neue Erkenntnis. Andreas Egger hat ein geradliniges Leben geführt, allerdings auch eines, das keine Spuren hinterlässt, weil nichts hinterfragt wird und weil das Leben hier einfach "ist". Hinzu kommt, dass aus heutiger Sicht das Leben des Andreas Egger schon Jahrzehnte vorbei ist (gestorben ist er wohl irgendwann Ende der 70er). Viele mögen in diesem Roman einen Ruf nach Entschleunigung sehen in unserer schnell sich ändernden Welt, den Wunsch nach Einfachheit und vielleicht sogar Rückkehr zu einem urtümlichen Leben, das als zwar durchaus entbehrungsreich, für meinen Geschmack jedoch gelegentlich etwas zu romantisiert und von gesellschaftspolitischen Veränderungen nicht beeinflusst dargestellt wird. Aber die Frage, was für einen Sinn so etwas haben sollte und warum es erstrebenswert sein sollte, wird in diesem Buch nicht gestellt und erst recht nicht beantwortet.
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 11, 2015 5:28 PM MEST


Altes Land: Roman
Altes Land: Roman
von Dörte Hansen
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

18 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Urige Dorfbewohner und Stadtmüde ... und noch ein bisschen mehr, 5. Mai 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Altes Land: Roman (Gebundene Ausgabe)
Zuerst einmal, bevor ich hier zu den Einzelheiten komme: Dies ist einfach ein wunderbares Buch! Klar und schlicht und sehr zurückgenommen in der Sprache, kann man es fast ohne Unterbrechung so vor sich hinlesen, und an manchen Stellen ist es so berührend, dass einem einfach die Tränen kommen müssen.

Sehr gut gelungen sind einige der Figuren, allen voran die beiden Protagonistinnen Anne und Vera. Vera ist als "Polackenkind" 1945 auf der Flucht mit ihrer Mutter in dem Dorf im Alten Land hängengeblieben, ihre Mutter, Hildegard von Kamcke, eine stolze Preußin, die "zur Demut nicht taugt", heiratete irgendwann Karl, den - körperlich nur bedingt, seelisch aber unbedingt - versehrt aus dem Krieg Heimgekehrten. Als Kind hatte Vera die Mutter Karls auf dem Dachboden gefunden, nachdem diese, nach fürchterlichen Querelen mit ihrer Schwiegertochter, Veras Mutter also, sich erhängt hatte. Als Vera 14 Jahre alt ist, lässt Hildegard, erneut schwanger, allerdings nicht von Karl, sie allein mit Karl auf dem Hof zurück. Vera "schafft" es: Abitur, Studium, Zahnarztpraxis, aber sie bleibt allein mit Karl, er ist ein gebrochener Mann, und Vera kümmert sich um ihn, bis er, vom Leben müde, mit über 90 sterben darf. Mit ihrem Nachbarn Heinrich Lührs verbindet sie von Kindesbeinen an Zuneigung, nach dem Tod seiner Frau finden die beiden auf ihre kratzige, norddeutsche Art Halt aneinander. Während Heinrich seinen Hof gerne "schier" hat, lässt Vera ihren eigenen Hof, den sie von Karl geerbt hat, verkommen und gilt gemeinhin als etwas verschroben.

Dann aber kommt Veras Nichte Anne auf den Hof, irgendwie auch "versehrt": Nachdem sie feststellen muss, dass ihr Lebensgefährte und Vater ihres Sohnes Leon sie betrügt, weiß sie nicht, wohin, und steht eines Tages quasi einfach vor Veras Tür. Für Anne ist das Dorfleben wie eine Art "Kulturschock", nur in umgekehrter Hinsicht, in dem angesagten Stadtteil Hamburg-Ottensen, in dem sie vorher lebte, überließen die Eltern der Kinder, mit denen Anne zu tun hatte, wenig dem Zufall und waren stets bemüht um vollwertige Ernährung und größtmögliche Förderung der kleinen Persönlichkeiten. Deutlich wird dies auch schon recht zu Anfang des Romans, als Annes Job als Musiklehrerin thematisiert wird. Im Dorfkindergarten, in den sie ihren Sohn Leon dann alsbald bringt, gibt es hingegen nicht einmal eine "Entwöhnungsphase".

Und dann gibt es natürlich Hofläden, Feuerwehrfeste, Osterfeuer, Apfelblüte, alles, was ein idyllisches Dorf im Alten Land - möglicherweise - zu bieten hat. Und Britta, die unkomplizierte Frau des von Ökologie nichts haltenden Jungbauern Dirk vom Felde, die gar nicht genug Kinder (und Tiere) um sich scharen kann. Das, was so viele junge Leute veranlasst, die Dörfer zu verlassen, die Landflucht, das spielt hier keine Rolle. Anne beginnt, Veras Haus zu restaurieren, und der Leser kann ahnen, dass damit auch eine Art "Heilung" von innen für Anne - und vielleicht auch für Vera - beginnt.

Was nicht so besonders gut gelungen ist, ist dieser oft zu spöttische Blick auf die wie Invasionen ins Dorf einfallenden Großstädter: Die, die mit Bussen angekarrt werden zur Apfelsaftverkostung, der Stadtflüchtige Burkhard Weißwerth mit seiner vom Landleben überforderten Frau Eva, auch Annes Mutter Marlene, die in Annes Kindheit die Familie auf den Hof zu ihrer Halbschwester Vera zum Kirschenpflücken brachte und, weil Vera es nicht hinbekam, sogar den Kaffee und den Kuchen mitbringen musste. Und belächelt werden auch die sogenannten "Vollwertmuttis" in Hamburg-Ottensen: Um die Gegensätze und die Gründe für Annes "Flucht" (denn so soll es wohl - analog zu Veras "Fluchtgeschichte", die nicht mit den Hintergründen, wohl aber mit den Erlebnissen des Kindes auf der Flucht thematisiert wird - gelesen werden) deutlich zu machen, werden diese Familien pauschal als eine große Gruppe oberflächlicher "Helikopter"-Eltern dargestellt. Dieses Modewort, das im Moment so in aller Munde ist, kommt einem dabei schon in den Sinn. Aber zumindest Anne scheint nicht zu diesen Eltern zu gehören, was sie in diesem Roman umso besser dastehen lässt und das Ganze etwas einseitig zugunsten des Landlebens werden lässt. Ein bisschen Geschmäckle hat das, weil hier impliziert wird, dass man für das Landleben wohl gewisse "Qualitäten" mitbringen muss.

Dennoch bleibt es dabei: Dies ist einfach, mit kleinen Abstrichen eben, ein SCHÖNER Roman. Und deshalb gibt es auch - trotz der kleinen "Macken" - vier Sterne.


Tod in stiller Nacht: Thomas Andreassons sechster Fall
Tod in stiller Nacht: Thomas Andreassons sechster Fall
von Viveca Sten
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Unaufgeregter Krimi mit aktuellen gesellschaftskritischen Bezügen - aber weniger wäre mehr gewesen, 22. April 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
An einem bitterkalten Heilig Abend entschließt sich die Journalistin Jeanette Thiels kurzfristig, das Weihnachtsfest nicht zu Hause, sondern in einem Hotel auf der Insel Sandhamn zu verbringen. Als sie im Hotel ankommt, merkt sie, dass es ihr nicht gut geht, entschließt sich jedoch dennoch, das Restaurant aufzusuchen und dafür das außerhalb ihres Hotels gelegene Appartement zu verlassen. In dem Restaurant wird sie nicht ankommen, sondern hilflos am tief verschneiten Strand stürzen, um dort am nächsten Tag gefunden zu werden ...

Als Thomas Andreasson, der den Fall übernehmen wird, die Nachricht bekommt, dass Arbeit auf ihn zukommt, ist er mitten in den Vorbereitungen für ein paar geruhsame Tage mit seiner kleinen Familie, seiner Frau Pernilla und der kleinen Elin. Die ersten Informationen zum Todesfall Jeanette Thiels ergeben aber absolut kein "Bild", denn zunächst ist nicht einmal klar, wodurch und wann Jeanette umgekommen ist. Dass sie offenbar längere Zeit in der eisigen Kälte und im tiefen Schnee gelegen hat, erschwert die Untersuchungen zusätzlich. Und außerdem gibt es mehrere Anhaltspunkte für ein Tatmotiv: Zum einen war Jeanette Thiels als Reporterin in Krisen- und Kriegsgebieten unterwegs, arbeitete aber offenbar auch an einer Reportage über eine rechtsradikale Organisation in Schweden und stritt sich zudem auch noch mit ihrem geschiedenen Ehemann um das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter Alice. Während der Großteil des Teams um Thomas immer noch im Dunkeln tappt (selbst die Todesursache erfahren die Polizisten und damit auch die Leser, die nie einen Wissensvorsprung erhalten, erst zur Mitte des Romans hin), geht Thomas' Kollege Aram, der als Kind mit seiner Familie aus dem Irak flüchten musste, offenbar im Alleingang einer Spur nach ...

Spannend ist das alles schon, trotz der unaufgeregten, ruhigen Erzählweise, natürlich aber auch stimmungsvoll vor allem, denn natürlich wird hier schon das Bild des idyllischen verschneiten Schwedens zur Weihnachtszeit bedient. Und außerdem ist natürlich das Personal sympathisch: Die Kollegen haben alle Familie, um die sie besorgt sind, und vor allem Thomas mit seiner kleinen Tochter Elin kommt gut weg dabei. Es werden aber durchaus auch ein paar gesellschaftskritische Themen nicht nur angesprochen, sondern spielen eine größere Rolle in dem Roman: Zum Beispiel die Vergangenheit von Aram, dessen assyrische Familie nach Schweden flüchten musste, und damit stehen natürlich sogleich auch die - auch derzeit die hiesigen Zeitungen dominierenden - Themen Rassismus und Rechtsradikalismus im Raume, nicht zuletzt auch deshalb, weil die ermordete Jeanette in diesem Bereich offenbar recherchiert hat. Allerdings bleiben diese Themen doch sehr an der Oberfläche und werden gerade in dem Maße bedient, wie es sich "gehört", und es macht daher leider eher den Eindruck einer Alibi-Funktion. Dennoch: Es ist da, das Thema, und das ist schon gut.

Weniger gut ist allerdings, dass die ansonsten schlicht und schnörkellos erzählte Story - trotz der vielen Fäden, die die Handlung aufnimmt - durch einen Nebenstrang unterbrochen wird, der nun wirklich nichts mit dem eigentlichen Mordfall zu tun hat: Nora, offenbar eine gute Freundin von Thomas, die Weihnachten mit ihren Söhnen und dem geschiedenen Mann verbracht hat, muss sich nach den Feiertagen beruflich mit einem schwierigen Problem in der Bank, in der sie arbeitet, auseinandersetzen und sieht sich plötzlich konfrontiert mit sexueller Belästigung. Das wirkt, als reiche es noch nicht, die schon erwähnten aktuellen Themen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit zu bedienen, sondern müsse noch ein weiteres aktuelles Thema aufgreifen. Das ist schade, denn die Story um den Mord hätte - etwas tiefer ausgearbeitet vielleicht noch - sich selbst genügt, zumal auch noch um die Tochter Alice sich ebenfalls ein paar Probleme ranken, die nur SEHR oberflächlich gestreift werden: Erst 13 Jahre alt, muss sie den Tod ihrer Mutter verkraften, angedeutet wird, dass sie magersüchtig oder jedenfalls auf dem Weg dahin ist.

Viele Themen also, die sämtlich nur oberflächlich behandelt werden, obwohl jedes dieser Themen viel Potenzial gehabt hätte, auch in einem Kriminalroman Raum zu finden, weniger wäre in diesem Fall einfach mehr gewesen. Dennoch liest sich dieser Roman auf eine gewisse Weise (also innerhalb des Genres) unterhaltsam, weiß in Stimmung und durchaus auch Spannung zu überzeugen und fällt sprachlich nicht auf. Ein wenig gestört hat mich die dann doch etwas "einfache" Auflösung des Falles, und es fehlt auch irgendwie die "zündende" Idee zum Mordmotiv und wie letztendlich der Bogen von der ermordeten Jeanette zum eigentlichen Täter gespannt wird. Ein paar Logiklöcher machen das Ganze nicht unbedingt attraktiver. Es hat eben alles auch etwas "Routiniertes" (was nicht unbedingt schlecht sein muss, aber eben auch nicht wirklich "gut").

Es handelt sich hier bereits um den 6. Fall um das Team von Thomas Andreasson (die Handlung spielt im Jahre 2008), da muss man allerdings sagen, dass das in keinster Weise störend ist. Die Autorin flicht zwar die private Vergangenheit des Kommissars mit ein, andeutungsweise erfährt der Leser schon, was da mal losgewesen ist, es spielt aber weder für diesen Fall eine Rolle noch für das Verstehen der Figur an sich, sodass dieser Roman völlig unabhängig von Vorgängerbänden gelesen werden kann.

Ein ruhiger und fast "typisch" schwedischer Kriminalroman mit aktuellen Bezügen zur derzeitigen (und schon länger andauernden) Flüchtlings- und Ausländer-"Problematik" in Europa, und das ist ja schon mal was. Insofern gibt es dann auch eine - wenn auch knappe - Entscheidung zu vier (nicht drei) Sternen.


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