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Rezensionen verfasst von
Turmvilla

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Visible Learning
Visible Learning
von John Hattie
  Taschenbuch
Preis: EUR 41,59

13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen It's the teacher, stupid!, 24. November 2012
Rezension bezieht sich auf: Visible Learning (Taschenbuch)
Der neuseeländische Professor John Hattie hat die Wirksamkeit von Einflussfaktoren auf Unterricht mit statistischen Methoden erfasst und verglichen. Er isoliert 138 Faktoren, von denen er 66 als effektiv erkennt.

Um es kurz zu machen: Es sind nicht kleine Klassen, offener, jahrgangsübergreifender, entdeckender Unterricht oder team-teaching, sondern Einflussgrößen, die überwiegend vom Lehrer ausgehen, seinen Lehr-Lern-Arrangements:

fachlich orientierter und kognitiv aktivierender Unterricht,
die zur Verfügung stehende Zeit effektiv nutzen,
anspruchsvolle, aber bewältigbare Lernaufgaben stellen und vielfältiges Feedback geben,
für förderliches Klassenklima und gutes Unterrichtsmanagement sorgen.

Die zuerst genannten, strukturellen Einflussgrößen wirken nicht oder nicht wesentlich. Hattie spricht von einem größeren Horizont, der in der Schule nötig wäre als der verengte Blick auf Bildungsstandards und den nächsten Test. Es geht vor allem um die Qualität der Lehr-Lern-Arrangements.

Für Schulpraktiker nicht überraschend. In den 70ern konnte man Ähnliches bei Good/Brophy, Die Lehrer-Schüler-Interaktion, und Jochen Grell, Unterrichtsrezepte, lesen.

Hattie wäre eine breite Rezeption in der auf äußere Faktoren (kleine Klassen, Computerausstattung, Schulstruktur, mehr Geld) fixierten deutschen Schulreformdiskussion zu wünschen.


Die Insel
Die Insel
von Matthias Wegehaupt
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,99

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein geglücktes DDR-Alltagskulturmuseum, 11. Juli 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Insel (Taschenbuch)
Man wird schnell hineingezogen in das Nachkriegsleben auf einer abgelegenen Ostseeinsel. Umgeben vom Meer, weit hinter dem Horizont das nichtsozialistische Ausland. Ein aussterbendes Fischerdorf, ein kleiner Hafen, die Fähre, enteignete Bauern, ein junger Maler, der den Anpassungszwängen der Hauptstadt entflieht.
Und dann kriecht in dieses abgeschiedene Leben mit seiner Nachbarschaftshilfe, den trinkfesten Überlebenskünstlern und ihren Ehekrächen ein Menschheitsbeglücker, der für seine Werktätigen und Erholungssuchenden das beste will. Der Weg vom Dorf zum Hafen wird zu einer Autobahn, ein Hochhaus krönt die Insel. Das "Faultierhaus" sagen die Einheimischen dazu. Hier residieren die Kreisleitung und das MfS mit ihrem Tross junger hübscher Sekretärinnen. Sie sind emsig mit Telefon und Schreibmaschine beschäftigt. Ein MfS-Aufpasser und der Parteisekretär belauern sich gegenseitig und basteln an ihrer Karriere. Eine Kulturabteilung entsteht, der Strand wird zur Sicherheit der Werktätigen und Erholungssuchenden mit Verbotsschildern bepflanzt, Boote dürfen nicht mehr ins Wasser. Dann gibt es endlich auch noch den kleinen dunkelgrünen Barkas, das Auto mit dem man zur Klärung eines Sachverhalts abgeholt wird.

Das alles entwickelt sich ganz allmählich. Zuerst sitzen das Häuflein Sekretärinnen und der Parteisekretär in einer Baracke am Rande der Welt der Inselbewohner. Von diesen halb belustigt, halb misstrauisch beäugt. Die neue Zeit zieht aber unaufhaltsam ein. Wie eine Spinne legt die Partei ihr Netz über die Menschen auf der Insel. Selten wurde so präzise geschildert wie sich der Sozialismus der Landschaft und der Menschen bemächtigt, bis hin zu ihrer Zerstörung. Manche im heutigen Osten, Geschichtsprofessoren eingeschlossen, wollen nichts mehr von IMs und Repression hören. Sie sehnen sich nach einem Alltagskulturmuseum: Dieses Buch ist das beste DDR-Alltagskulturmuseum. Der Alltag der Stasi-Mitarbeiter in der Sicherheits- und Kulturabteilung der Inselverwaltung wird entdämonisiert und wird so noch armseliger. Sie sind wachsam, weil der Feind überall lauern könnte, auch in den Kamerataschen des Kunstfotografen. Man freut sich herzlich, wenn man dem Pfarrer das Kirchenkonzert mit einer Gegenveranstaltung vermiest oder das Künstlerehepaar spüren lässt, dass man jederzeit den Daumen senken könnte. Man plant seine Karriere und achtet auf mögliche Konkurrenten. Die attraktive blonde Stasi-Offizierin weiß, dass der Maler weiß, warum sie mit ihm flirtet. Er wird dennoch hin und wieder schwach.

Das dicke Taschenbuch im Bett zu lesen ist mühsam. So macht man Kindle-Fans!


Der deutsche Goldrausch: Die wahre Geschichte der Treuhand
Der deutsche Goldrausch: Die wahre Geschichte der Treuhand
von Dirk Laabs
  Broschiert
Preis: EUR 16,99

4 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Buhmann Treuhand?, 26. Mai 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Es ist m. W. das erste populärwissenschaftliche Buch über die Treuhandanstalt. Der Journalist Laabs schreibt eine Reportage im Stil von Spiegel-Reportagen, ein Patchwork aus gut belegten Einzelgeschichten über Ereignisse und Personen. Manches war mir neu, die größeren Skandale (Leuna, Sparkasse Halle) gingen seinerzeit durch die Medien.

Die Idee der Treuhand wurde in einem kleinen Kreis ostdeutscher Dissidenten geboren. Das 'Volksvermögen' der DDR sollte jetzt wirklich dem Volk übergeben werden, das war der Kern des Konzepts. Wie das geschehen sollte, blieb unklar, auch nachdem die Volkskammer die Anstalt beschlossen hatte. Was war die DDR-Volkswirtschaft wert? Es stellte sich allmählich heraus, dass die meisten Betriebe marode waren und Milliarden an Investitionen benötigt hätten. Dann stellte sich heraus, dass die meisten Betriebe enorme Schulden hatten. Die SED hatte regelmäßig die Gewinne der Kombinate abgeschöpft, um die teure Sozialpolitik zu finanzieren. Die Betriebe mussten sich für Investition und Produktion Kredite von der Staatsbank leihen, eigene Mittel besaßen sie nicht. Also gab es kaum etwas zu verteilen, und wenn, wie sollte es gehen? Anteilscheine für jeden? Tausend Mark, viertausend Mark? Durfte man die Anteile verkaufen, z. B. an ausländische Firmen? Anteilscheine an den 'Volkseigenen Betrieben' hatte es in der DDR nicht gegeben.

Ein Vorschlag besagte, dass sich die DDR-Bewohner mit dem Geld wenigstens ihre Wohnung hätten kaufen können. Aber wo war das Geld? Wer hätte es auszahlen können? Wie wären die Firmen an Investoren und Kreditgeber gekommen? In der Vorstellung der Bürgerrechtler, die die Treuhandidee aufgriffen, sollte sie eine Holding werden (und bleiben!), die den gesamten Firmenbestand der DDR verwaltet und darauf geachtet hätte, dass ausländische Investoren immer nur Minderheitseigner geworden wären. Eine Idee, die typisch war für einige DDR-Bürgerrechtler. Man wollte eine 'wirklich freie' Marktwirtschaft, gleichzeitig eine gigantische Staatsholding, eine Ausgeburt der Planwirtschaft.

Für die Bonner Regierung gab es erst einmal andere Schwerpunkte. Die Währungsunion mit der Problematik des angemessenen Umtauschkurses drängte sich auf. Man wollte die unumgänglich erscheinende Vereinigung schnell über die Bühne bringen. Die massenhafte Abwanderung nach Westen drohte, dann zerbrachen noch die traditionellen Handelsbeziehungen der DDR zu den ehemaligen RGW-Ländern, die jetzt lieber bessere Produkte auf dem Weltmarkt kauften. Auch die DDR-Bewohner kauften jetzt lieber Audi statt Trabant. Und vor allem kam für viele überraschend der hohe Sanierungsbedarf und Verschuldungsstand der DDR-Betriebe, ihre kaum weltmarktfähigen Produkte.

Klar machten die Bonner, dass sie zahlen, sanieren, investieren werden, aber zu ihren Bedingungen, nach Übernahme des westdeutschen Wirtschafts-, Rechts- und Sozialsystems. Modrow und einige Bürgerrechtler wollen Geld vom Westen, aber keine Vorschriften.

Die Bonner machten dann aus der DDR-Treuhand die Anstalt, die die ca. 15000 Betriebe der DDR privatisieren sollte. Die Institution stand ja schon, ihre Mitarbeiter kamen aus den 16 verschiedenen Wirtschaftsministerien der DDR und dem Management der Kombinate.

Spitzenmanager aus dem Westen in altmodische Ostberliner Büroräume zu locken, wo es keine Flipcharts gab und keine geeignete Software, erwies sich als schwierig. Erst mit hoch dotierten Gehältern bekam man sie. Als man dann merkte, dass das Vorhaben eine hochkomplexe Angelegenheit war, bei dem man viele Fehler machen konnte, kam die Haftungsfreistellung der Manager. Beides, die Haftungsfreistellung und die hohen Gehälter gehören zu den Vorwürfen, die man der Treuhand hinterher macht. Überhaupt ist die Treuhand der Sündenbock für die Probleme der Vereinigung geworden.

Sie hat Probleme, die gewaltige Aufgabe zu steuern. Auch in den eigenen Reihen gibt es Glücksritter und Geschäftemacher. Bei westdeutschen Bewerbern wird nicht geprüft, ob sie vorbestraft sind oder warum sie von Firmen entlassen worden waren. Die Dezentralisierung der Anstalt in 15 ziemlich selbstständige Außenstellen begünstigt das. In manchen Außenstellen werden die Verkäufe kaum dokumentiert, manche Manager kassieren Bestechungsgelder. In der Anfangszeit sitzen sich ostdeutsche Geschäftsführer und ehemalige SED-Ministeriale gegenüber und verhandeln die Privatisierung einer Firma. Später muss dann immer ein westdeutscher Manager dabeisein. Es gibt in den ersten Jahren eine SED-Seilschaft in der Anstalt, die den ostdeutschen Angestellten gegenüber deutlich macht, dass sie da ist, alles weiß und jeden beobachtet.

Das Buch von Laabs ist wichtig. Seine Sympathie gehört zwar den Bürgerrechtlern, die eine sozialere, gerechtere DDR machen und das Volksvermögen an die Bewohner verteilen wollten. Aber er ist so fair in seinen Darstellungen, dass man nachvollziehen kann, dass das eher gut gemeint als gut zu machen gewesen wäre.

Der Versuch, 15000 Betriebe in kürzester Zeit zu privatisieren, brachte eine Fülle von Skandalen, Gaunereien, Bereicherungen mit sich. Prämienzahlungen an Mitarbeiter, wenn sie möglichst schnell verkaufen, tun ein Übriges.

Laabs vergleicht: Die umstrittene eiserne Lady Thatcher hat in ihrer Regierungszeit ganze 25 Betriebe privatisiert, die Bundesregierung, so rechnet er vor, nur einen.

Die Treuhandführung merkt bald, dass sie nicht nur für die Journalisten der ehemaligen SED-Monopolpresse in Ostdeutschland ein gefundenes Fressen ist. Auch die Bonner Regierung kann sich hinter der Treuhand verstecken und versagt ihr oft genug Unterstützung.

Laabs kritisiert die riesige Eigentumsübertragung von Ost- nach Westdeutschland. Das sei vor allem psychologisch, weniger betriebswirtschaftlich, ein Riesenproblem. Der Osten wäre enteignet worden. Andererseits stellt er sich aber die Fragen, wem im Osten die Betriebe eigentlich gehörten und wer im Osten das Kapital gehabt hätte, das im Westen in Mengen vorhanden war.

Dem Buch ist eine weite Verbreitung zu wünschen. Nicht zuletzt unter ostdeutschen Journalisten. Vielleicht findet es auch einen Weg in die ostdeutschen Schulen. Die Wirtschaft ist bisher so gut wie kein Thema bei der sowieso stiefmütterlich behandelten Aufarbeitung von DDR und Wendezeit.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 30, 2012 1:35 AM CET


Verstehen lehren: Ein Plädoyer für guten Unterricht
Verstehen lehren: Ein Plädoyer für guten Unterricht
von Andreas Gruschka
  Broschiert
Preis: EUR 5,00

17 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Des Kaisers neue Kleider, 26. Mai 2012
Das Bändchen ist eine sarkastische Abrechnung mit den neuen technokratischen Bildungsstrategien.
Gruschka entzaubert die Vokabeln Standard, Kompetenz, Evaluation, Ranking. Mit der Suche nach Bildung und gutem Unterricht hätte das wenig zu tun. Er zeigt am Beispiel der Fremdsprachenkompetenz und der Kompetenzbereiche im Fach Deutsch: Wenn man diese operationalisiert, landet man bei Lernzielen, wie sie seit Jahrzehnten in den 'alten' Lehrplänen stehen: Gesprächsregeln einhalten, gezielte Fragen stellen, sich konstruktiv an einem Gespräch beteiligen.

In einer betriebswirtschaftlich optimierten Schule geht es nicht um Bildung sondern um 'Teaching to the test'.


Global Perspectives on School Libraries (IFLA Publications)
Global Perspectives on School Libraries (IFLA Publications)
von Luisa Marquardt
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 104,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Erfolgreiche Schulbibliotheken weltweit. Und Deutschland?, 31. März 2012
Der Band versammelt Fallstudien und Berichte, wie man sie aus den Vorträgen der Weltschulbibliothekskonferenzen und der Fachzeitschrift "School Libraries Worldwide" kennt.

Er enthält Berichte über Schreib-, Lese- und Leseförderprojekte in Schulen und Schulbibliotheken rund um die Erde, in Kroatien, Namibia, Argentinien, Botswana oder Australien. Ein Kapitel enthält Fallstudien aus dem Bereich Technologie und Schulbibliothek: Netvibes als Portal der Schulbibliothek, digitales Publizieren im GiggleIT-Projekt, Wikis, Nutzung digitaler Ressourcen (Grolier, SIRS, Hachette), Nutzung von Handys als Unterrichtsmedium und virtuelle Klassenräume.

Abschließend werden nationale Schulbibliotheksprogramme aus Finnland, Schweden, Norwegen, Portugal und Russland sowie Schulbibliotheksorganisationen (ENSIL, IASL, SLA, RusLA und die Schulbibliothekssektion von IFLA, International Federation of Library Associations and Institutions, vorgestellt.

Ein Normalsterblicher wird sich den Band kaum leisten können, 89,95 € plus Versand kostet er. Aber zu wünschen wäre, dass 'Entscheider' in Bildungspolitik und Schulverwaltung einmal erführen, was sich weltweit tut.

Die in Deutschland weit verbreitete Vorstellung von der Schulbibliothek als Bücherhort im Keller oder unterm Dach der Schule, wo jemand zweimal in der Woche die Rolläden hochzieht, Karteikarten schreibt und Bücher ausleiht oder anmahnt, kommt da nicht vor. Kein Wunder, dass Deutschland auf der Schulbibliotheks-Weltkarte nicht existiert. Schade aber für Österreich und Südtirol.


Plan D
Plan D
von Simon Urban
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

8 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Die DDR lebt!, 3. August 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Plan D (Gebundene Ausgabe)
Das Rezept ist erfolgsversprechend. Eine irreale Situation wird realistisch erzählt.

Die DDR wird 1990 "wiederbelebt". Mit Hilfe eines ihr gewogenen westdeutschen Bundeskanzlers Lafontaine - an seiner Seite Frau Ypsilanti - und EU-Geldern wird sie zum wichtigen Transitland für russische Gas-Pipelines. Egon Krenz hatte die Grenzen bei einer Einwohnerzahl von etwas über 14 Mio. wieder geschlossen. Die Stasi behauptet, noch rechtsstaatlicher geworden zu sein, als sie schon immer gewesen sein will. Es gibt Luxusherbergen für westliche Manager in Ostberlin und ostdeutsche Handys. Die besten Versionen, mit vorinstallierter Abhöreinrichtung, werden nur von der Stasi benutzt und sind auch Exportschlager im Westen. Der antifaschistische Schutzwall ist jetzt ein anti-kapitalistischer. Ansonsten ist das Land die gleiche erbärmliche Diktatur wie vor 1989: "Der Geruch von altem Fritierfett" wabert durch die Ostberliner Straßen.

Für einen, auch noch jungen Wessi als Autor wird erstaunlich kenntnisreich und einfühlsam erzählt. Die Personen wirken glaubhaft. Die alte DDR wird allerdings zum running gag. Margot Honecker singt im SED-Altersheim Lieder von Biermann, Christa Wolf residiert nur ein paar Zimmer weiter. Sahra Wagenknecht und Peter Sodann spielen in einem Blockbuster.

Der ostdeutsche Ermittler Wegener räsonniert in langen Gesprächen, Selbstgesprächen und Zwiegesprächen mit seinem verschwundenen Ausbilder über seinen Staat, seine verflossene Liebe und seinen mondänen BND-Kollegen Brendel.

Der Fall eines geheimnisvollen Weltverbesserers mit West- und Ostkontakten, der in der Nähe einer neuen Transitpipeline ermordet aufgefunden wird, wird immer verworrener und eskaliert, es gibt am Schluss vier oder fünf Mordopfer, und - eher beiläufig berichtet - Sprengstoffanschläge auf den Palast der Republik und das Kino, in dem die Schauspielerin Wagenknecht Premiere feiert.

Wer sich bisher noch nie mit der DDR befasst hat, wird in dem Buch viel über ihre traurige Realität erfahren. Vielleicht kriegt man U-30 -Leser/-innen, die weder Döblin noch John Le Carré kennen, so. Vorausgesetzt, sie halten den unaufhörlichen inneren Monolog, die metaphernreichen Schilderungen von nächtlicher Stadt und Fahrten über Schlaglöcher durch. Zwischendurch darf sexuell Anzügliches nicht fehlen.

Was bei der Aufarbeitung der realen DDR zu Tage tritt, ist schon abenteuerlich und manchmal auch kriminell genug. Da bedarf es eigentlich nicht des Fiktionalen. Auch wenn es hier realistisch erzählt wird. Ob Jüngere, weniger mit der DDR vertraute Leser die Anspielungen verstehen?


Mark Brandenburg
Mark Brandenburg
von Beatrix Langner
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 15,00

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Brandenburg-Lyrik, 20. April 2011
Rezension bezieht sich auf: Mark Brandenburg (Gebundene Ausgabe)
"Ein poetischer Genuss wie eine Reise auf einer sonnenbesprenkelten Allee", verspricht der Waschzettel. Die Verfasserin, Lyrikerin und promovierte Germanistin, kennt das Land von Sonntagsausflügen als Kind und wohnt jetzt auch hier.

Man taucht schnell in die liebevolle Schilderung der Flämingdörfer und -städtchen ein, mit denen das Büchlein beginnt. Dr. Langner ist eine exzellente Kennerin der Geschichte der Burgen und Schlösser, der mittelalterlichen Handelswege nach Berlin. Gelegentlich brummt einem der Kopf, wenn z. B. penibel alle Nebenflüsse der Oder notiert werden oder schier endlos die Namen slawischer Völker, ihrer Götter und Adligen. Hundert Seiten, eine einzige Liebeserklärung an Brandenburg.

Dann bin ich bei Seite 26: Wiesenburg im Fläming. Nach der Wende sind die LPG-Scheunen verfallen, der Kuhstall "blinzelt" mit "zerbrochenen Fenstern" auf die "leere Weide". Dagegen hätte im November 1989 Vollbeschäftigung in der LPG geherrscht und die Kühe hätten gerade einen neuen Kuhstall mit modernem Melkkreisel bekommen sollen. Der Waschzettel hatte mir suggeriert, dass die Verfasserin kunstsinnigen Grafen nachspüre.

Hätte man die friedliche Revolution verschieben sollen, weil die LPG in den Tagen der Wende eine nagelneue Melkanlage bekommen sollte? Statt der LPG Typ III nachzutrauern, hätte sie doch Gut Schmerwitz erwähnen können, wo kein leerer Kuhstall blinzelt, sondern ein ökologisch ausgerichteter Bauernhof entstanden ist. Aber die Ökos aus der Stadt mag sie nicht. Die Geschichte der Beelitzer Spargelbauern kennt sie nicht. Die geht genau andersherum.

Diese Art der Beschreibung durchzieht das ganze Buch. Während jede von einem deutsch-polnisch-dänischen Heer im Hochmittelalter niedergebrannte Ortschaft aufgezählt wird, ständig daran erinnert wird, dass die Schlösser und Burgen sichtbares Zeichen jahrhundertelanger feudalistischer Unterdrückung der Bevölkerung seien, bleibt die DDR-Zeit fast völlig im Reich der Poesie. Sie scheint eher das Gegenbild zur vorherigen Vergangenheit zu sein, ein gemütlicher Kleine-Leute-Staat, den sie nur bei Sonntagsausflügen kennengelernt hat. "Weglassen ist eine einfache Form der Lüge", sagt Christoph Hein dazu.

Schloss Wiesenburg ist heute von Besserverdienenden aus Berlin bewohnt, die das Gebäude aufwändig renoviert haben. In der DDR-Zeit befand sich hier, mitten in der Provinz, ein Eliteinternat, eine Sprachschule für Russisch.

"So thront (das Schloss; Verf.) wieder mitten im Dorf, vorn demokratisch auf Augenhöhe mit der Gemeindeverwaltung,.." Hinten auf der Terrasse sonnen sich die Stadtmenschen und "wissen wenig davon, was im alten Dorf vorgeht" Das war wohl zu Zeiten des DDR-Eliteinternats anders.

Der Autorin gefällt die Renovierung der Schlösser und Burgen, der Renaissancestädtchen, ihrer Kirchen und Marktplätze nicht: Sie zählt die Fördergelder auf, den sündhaft teuren Granit, mit dem Marktplätze bepflastert wurden. Sie bedauert den Verlust der "Poesie des Verfalls" (p 57), die Fontane noch spüren konnte. Hat sie Ende 80er Jahre nie Quedlinburg besucht oder das Holländische Viertel in Potsdam? Hätte ihre Seele, und nicht nur die, sich da wohl gefühlt? Hat sie es nicht gestört, dass im Kleine-Leute-Idyll DDR die Herrschenden Busbahnhöfe auf mittelalterliche Marktplätze setzten, in Schlossparks Schrebergärten und in Sichtachsen Garagenschuppen?

"Verrückte", "Lebenskünstler" oder "Ärzte", hätten nach der Wende Backsteinbahnhöfe und Kossätenhäuser billig aufgekauft, die Dörfer leerten sich. Dieser Absatz wird zusammengefasst in einem letzten Satz: "Innerhalb von 20 Jahren ist die Mark Brandenburg zurückgefallen zu einem agrar-industriellen Entwicklungsland" (p 59). Richtig, die DDR war angeblich der zehntgrößte Industriestaat der Welt. Was ist mit "agrar-industriellem Entwicklungsland" gemeint? War etwa der Bezirk Potsdam - Brandenburg gab es ja in der DDR gar nicht- agrar-industriell auf der Höhe der Zeit? Die LPG die Vollendung der Agrargeschichte? Anstelle Maße und Gewichte von Eiszeit-Gestein in den Urstromtälern zu studieren, hätte sie sich mit der Bodenreform auseinandersetzen sollen. Entgangen scheint ihr anfänglich auch, dass in Brandenburg die agrar-industrielle Struktur der DDR fortbesteht. Die LPG ist jetzt eine GmbH, Geschäftsführer der frühere Leiter, der den Betrieb allerdings mit arg verkleinerter Belegschaft steuerbegünstigt weiterführt. Das beklagt sie weiter hinten im Buch dann doch und nennt aber auch ausländische Agrarkonzerne als Zerstörer der landschaftlichen Idylle des agrar-industriellen Entwicklungslandes.

Die blühende DDR-Wirtschaft wurde "kalkuliert" ruiniert (p 62) oder gar "zerschlagen" (p 62), will sie herausgefunden haben. So also spürt man kunstsinnigen Grafen nach. Immerhin gesteht sie zu, dass die "Diktatur des Proletariats" aus Blutwurst und Pellkartoffeln keine gebratenen Tauben und Honigbier gemacht hätte (p74).

Zu allem Unglück kehrt auch noch der märkische Adel zurück, wie etwa die Familie Lynar, die - natürlich ökologischen - Landbau betreibt (und ein Hotel). Sie macht auch kulturelle Veranstaltungen. Das wird von der Lyrikerin im nächsten Satz nieder geknüppelt: OObwohl Kultur weiß Gott das Letzte ist, was Brandenburg fehlt" (p 76/77).

Es geht gegen renovierte Marktplätze, ökologischen Landbau, gegen Starkstromleitungen durch Naturschutzgebiete. Im agrar-industriellen Entwicklungsland verschwinden Alleen, Hecken und Feuchtwiesen, in denen Bienen, Insekten, Singvögel, Hasen oder Füchse Nistplätze, Schutz und Futter finden. Richtig gelesen. Nach der Wende verschwänden sie. Die Autorin hat wohl noch nie einen LPG-Acker gesehen.

Dann konstatiert sie aber auch befriedigt, dass der Urenkel eines feudalen Junkers ein "eindrucksvolles Beispiel uckermärkischer Neogotik" wieder herrichten lässt. Ein paar Seiten vorher hat sie die historistischen Villen wilhelminischer Großbürger verdammt. Dann beklagt sie, dass zu wenig ökologischer Ackerbau betrieben würde (p 106) und schimpft noch einmal auf die genannten ausländischen Agrarkonzerne mit ihren Mastanlagen für fünfzigtausend Schweine. Da wäre die Wiesenburger LPG mit ihrere modernen Melkanlage wohl fast ein ökologischer Musterbetrieb gewesen.

"Wo findet man in Brandenburg noch Natur pur?" fragt sie verzweifelt. Jedenfalls nicht im agrar-industriellen, kalkuliert deindustrialisierten Nachwende-Entwicklungsland Brandenburg. Dass der Tagebau die Lausitz-Dörfer nicht mehr verschlingt, auch ein verschwundenes Ökodorf(!) beklagt sie, ist gut, dass aus den Tagebaugebieten Seen werden mit Beachbars und Tauchcentern, ist nicht richtig. "Es ist totenstill, kein Vogel singt."

Vielleicht lese ich das Büchlein falsch, als Reiseliteratur. Vielleicht ist es eher als Liebeserklärung einer Zuwanderin an die alteingesessenen Brandenburger zu lesen, die 800 Jahre bis 1945 feudalistisch unterdrückt und nach der Wende noch einmal gebeutelt wurden. Das bleibt der Grundton des Buches, darüber helfen auch poetische Landschaftsbilder - "Smaragdaugen eines versteckten Waldsees" - nicht hinweg.


Eine Kindheit in vormaurischer Zeit
Eine Kindheit in vormaurischer Zeit
von Christine Brinck
  Gebundene Ausgabe

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Erinnerung statt Ostalgie, 4. November 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Weglassen ist eine einfache Form der Lüge, sagt Christof Hein. So gesehen wird im Osten gelogen, dass sich die Balken biegen.

Fast vergessen ist die Erinnerung an die Aktion 'Ungeziefer', die Umsiedlung nicht regimetreuer Bewohner der Grenzgebiete, an die antisemitischen Waldheim-Schauprozesse, an die Unterstützung von Terroristen in der ganzen Welt durch Waffenlieferung, Geldspenden und Asylgewährung, an die Enteignungs- und Vertreibungsaktionen bei Bauern, Unternehmern, Hotel- und Pensionsbesitzern, an die Oberschul-, Studier- und Berufsverbote, an die fehlende Meinungsfreiheit und die Zuchthausstrafen für Auswanderungswillige, den alltäglichen Antisemitismus, den vergleichsweise hohen Lebensstandard der DDR-Oberschicht, der Bonzen und Kader, an die kleinen Machthaber Handwerker, Kellner, Bückware-Verkäuferinnen, die Allgegenwart der hoch bezahlten Heerscharen des MfS.

Stattdessen gibt es Bestseller über die schreckliche Kindheit während der "Wende" 1989 und die gute alte DDR.

Wie gut, dass es Menschen gibt, die anders vom Aufwachsen in der DDR erzählen. Die sich an schöne Kindheitstage, an Radtouren und Baden im See erinnern, die die DDR nicht schönreden oder die Katastrophe erst in der Wende und der Treuhand sehen.
Sie erzählen unglaubliche Geschichten von dem, was man ihnen und ihren Familien angetan hat. Man kann verstehen, dass sie eine Rückkehr in die Heimat Mecklenburg wieder rückgängig gemacht haben, dass einer in Österreich bleibt, weil er Sarah Wagenknecht nicht ständig in Talkshows ertragen kann.

Da die Geschwister der Erzählerin alle ohne Ausnahme in der Schule keine Aussicht haben, Abitur machen zu dürfen, bleibt die Ausreise unabwendbar. Auf der Flucht wird die vaterlose Großfamilie auseinander gerissen. Zwei ältere Geschwister, 13 und 14, werden alleine zu westdeutschen Verwandten geschickt. Die Autorin kommt mit anderen DDR-Abiturientinnen in einem Hamburger Rot-Kreuz-Heim unter, wechselt in ein weiteres Heim. Die Telefonzelle ist die einzige Verbindung zur Familie. Auch eine 'Wende'. Daneben wirkt das Gejammer einer Jana Hensel in ihrem Bestseller 'Zonenkinder' über ihren Wendeschock 1989 peinlich. Frau Hensel schlief vor und nach der Wende im selben Bett.

Das schmale Bändchen enthält den Bericht der Verfasserin über ihre Kindheit in einem christlichen Elternhaus in Mecklenburg bis zur Flucht in den 50er Jahren.
Er endet mit zwei grotesken Kapiteln: Dem Versuch, einen Grabstein aus der DDR zu exportieren, und dem Einblick in ihre Stasi-Akte. Auch noch 10 Jahre nach ihrer Flucht haben sich Stasi-Spitzel und MfS-Offiziere um Einschätzungen und Personenbeschreibungen in 'mieser Prosa' bemüht.

Daran schließen sich Interviews mit fünf 'Flüchtlingen, Freigekauften, Festgehaltenen' über deren Kindheit in der DDR an. Christine Brinck vermag einfühlsam zu fragen und bringt die Interviewten dazu, sich zu erinnern.
Das Bändchen wird beschlossen mit einem Augenzeugenbericht vom Streik Greifswalder Medizinstudenten 1955 und einem Kommentar der Verfasserin zu aktuellen ostdeutschen Befindlichkeiten.

Man muss das Buch immer wieder aus der Hand legen, so wuchtig kommen manche Sätze an. Dabei lesen sie sich, wie Louis Begley im Klappentext zitiert wird, 'unaufgeregt', sachlich, fast beiläufig.

Aus den Interviews:

"Wirklich unbeschwert war die Kindheit in der DDR nicht, ..."

"Wir konnten lügen und uns verstellen, den Lehrern nach dem Mund reden und doch unschuldige Fragen stellen, in die wir unser Wissen aus dem Westradio unauffällig einbauten. Mal sehen, ob der Lehrer sich verhedderte, ..."

"An meinem Unterricht zu Effi Briest bemängelten sie, dass ich die Rolle der Unterdrückten, der Vertreterin des vierten Standes, also die des Kindermädchens Roswitha, nicht genug herausgearbeitet hatte. An meinem Englischunterricht zum Thema Camping vermissten sie einen Verweis auf die Vorzüge von FDGB-Ferienplätzen an der Ostsee."

"An der Oberschule nahm meine Wahrnehmung der Ungereimtheiten zu. Wieso trugen die Kinder von Funktionären auch nach dem Mauerbau Westklamotten? Wieso sperrten sie die Grenze und holen sich doch Westklamotten?"

Nicht zuletzt wird der Blick auf die 50er Jahre durch diese Berichte geschärft. Werden doch inzwischen gerade die Anfangsjahre als die Zeit des begeisterten Aufbruchs, des Aufbaus einer besseren Gesellschaft gepriesen.

Die Erinnerung lässt sich nicht vertreiben und nicht vernebeln. Wir sehen das gerade beim Auswärtigen Amt. Wie schön, dass uns Christine Brinck diese Berichte nicht länger vorenthalten hat.


Die 101 wichtigsten Fragen - DDR
Die 101 wichtigsten Fragen - DDR
von Ilko-Sascha Kowalczuk
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

7 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fast ein DDR-Lexikon, 2. Februar 2010
Von Sacha-Ilko Kowalczuk stammt "Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR". Er ist Historiker in der Birthlerbehörde.

Auf Grund seiner breit gefächerten Forschungsarbeit hat Kowalczuk eine fundierte Kenntnis der DDR. Das Büchlein "Die 101 wichtigsten Fragen" ist fast ein akzentuiertes, unmissverständliches Lexikon der DDR geworden. Knappe Antworten von jeweils einer Taschenbuchseite auf Fragen, die er auch im "Endspiel" aufwirft: "War die DDR ein Unrechtsstaat?", "Gab es soziale Ungleichheit?", "Machte das Gesundheitssystem krank?", "Warum waren Uniformierte und Funktionäre so unfreundlich?","Warum gibt es Ostalgie?"

Die Antworten unterscheiden sich wohltuend von den verklärenden, revisionistischen, verharmlosenden Texten und Sprüchen der ExDDR-Sportreporter, Alltagskulturmuseumsverfechter und Versöhnungspolitker.

Von den selbsternannten Sachwaltern "der" Ostdeutschen werden solche Kleinigkeiten gerne vergessen: Dass die Rente im gelobten Land sehr niedrig war, dass man an heilbaren Krankheiten viermal häufiger als im "faschistisch-kapitalistischen" Westdeutschland starb, dass die gewendete SED/PDS die schlechte Versorgungslage im Winter 1989 in ihren Medien nicht der Jahreszeit und nicht ihrer Wirtschaftspolitik zuschrieb, sondern den Polen, dass die Frauen nicht wirklich emanzipiert waren.

Es ist anregend geschrieben, enthält zahlreiche Fragen, auf die man anderswo keine Antwort erhält: "Warum gab es eine Reichsbahn?","Warum war die Olsenbande so beliebt?" Der sehr überschaubare Frageanlass entwickelt sich fast beiläufig zum Überblick über ein größeres Thema, Sprache z.B. oder Fernsehen.

Wer die 150 Seiten durchliest,dürfte am Schluss ein realistisches DDR-Bild haben.


Black Box DDR: Unerzählte Leben unterm SED Regime
Black Box DDR: Unerzählte Leben unterm SED Regime
von Ines Geipel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 20,00

6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Erlösung liegt in der Erinnerung, nicht in der Verklärung, 3. Dezember 2009
Es gibt ein Mittel, das gegen Ostalgie garantiert hilft. Das sind die Erzählungen von Einzelschicksalen, Erzählungen von kleinen Leuten, Erzählungen über Menschen, die glaubten, eine gerechte Gesellschaft aufzubauen und sich enttäuscht abwandten, als sie erkannten, dass die neuen Eliten auch nicht besser sind als die alten.
Das Mittel immunisiert gegen die, die das Menschen-Experiment schon wieder wagen möchten oder es alles in allem gar nicht so schlecht fanden.
Es ist wie in der Geschichte von Siegfried Lenz, 'Ein Freund der Regierung': All das saubere Neue, das die Regierung den Journalisten präsentiert, der fabrikneue Reisebus, die Bauern im Sonntagsstaat, die frisch getünchten Häuser, die schönen Reden des Regierungssprechers und die auswendig gelernten Sätze der vorgeführten Bauern, sie werden in dem Moment wertlos, als einer der Bauern einem Journalisten heimlich einen ausgeschlagenen Zahn in die Hand drückt.
So ein Mittel gegen die Verklärung der DDR ist das Buch von Ines Geipel und Andreas Peterson, 'Black Box DDR. Unerzählte Leben unterm SED-Regime', Marix-Verlag.
Es sind 33 Porträts aus den unterschiedlichsten Berufen und Bevölkerungsschichten, aufgeschrieben von Journalisten, Autoren und Historikern, die den Menschen zuhörten.
In einer der Geschichten geht es um das zerstörte Leben einer Frau, die als 16Jährige Internatsschülerin mit Duldung ihrer Erzieher alle 14 Tage ' so der Titel dieses Porträts ' in der Datsche ihres Führungsoffiziers verschwindet, sich begrabschen lassen und über ihre Mitschüler berichten musste. Als sie Studentin und verheiratet ist, macht sich die Universitätsparteileitung an sie heran und verlangt erneut Spitzelberichte. Sie wird darüber krank und ihre Ehe geht kaputt. Sie will ausreisen und wird deswegen zu Kriminellen ins Gefängnis gesteckt. Dann wird sie aus der DDR geworfen. Im Westen versucht sie einen neuen beruflichen Anlauf und wird Logopädin. Beim Schreiben von Patientenberichten kriecht die Vergangenheit hervor. Sie bricht zusammen, wird arbeitsunfähig und nach vielen Therapien frühpensioniert.
Ihr Onkel, ein Ex-DDR-Diplomat, trifft sich derweil mit früherer DDR-Prominenz wie Krenz und Kessler und 'debattiert unerbittlich über eine gerechtere Gesellschaft'. Mit diesem Satz lässt Ines Geipel das Porträt enden.


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