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Rezensionen verfasst von
Turmvilla

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Plan D
Plan D
von Simon Urban
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

8 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Die DDR lebt!, 3. August 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Plan D (Gebundene Ausgabe)
Das Rezept ist erfolgsversprechend. Eine irreale Situation wird realistisch erzählt.

Die DDR wird 1990 "wiederbelebt". Mit Hilfe eines ihr gewogenen westdeutschen Bundeskanzlers Lafontaine - an seiner Seite Frau Ypsilanti - und EU-Geldern wird sie zum wichtigen Transitland für russische Gas-Pipelines. Egon Krenz hatte die Grenzen bei einer Einwohnerzahl von etwas über 14 Mio. wieder geschlossen. Die Stasi behauptet, noch rechtsstaatlicher geworden zu sein, als sie schon immer gewesen sein will. Es gibt Luxusherbergen für westliche Manager in Ostberlin und ostdeutsche Handys. Die besten Versionen, mit vorinstallierter Abhöreinrichtung, werden nur von der Stasi benutzt und sind auch Exportschlager im Westen. Der antifaschistische Schutzwall ist jetzt ein anti-kapitalistischer. Ansonsten ist das Land die gleiche erbärmliche Diktatur wie vor 1989: "Der Geruch von altem Fritierfett" wabert durch die Ostberliner Straßen.

Für einen, auch noch jungen Wessi als Autor wird erstaunlich kenntnisreich und einfühlsam erzählt. Die Personen wirken glaubhaft. Die alte DDR wird allerdings zum running gag. Margot Honecker singt im SED-Altersheim Lieder von Biermann, Christa Wolf residiert nur ein paar Zimmer weiter. Sahra Wagenknecht und Peter Sodann spielen in einem Blockbuster.

Der ostdeutsche Ermittler Wegener räsonniert in langen Gesprächen, Selbstgesprächen und Zwiegesprächen mit seinem verschwundenen Ausbilder über seinen Staat, seine verflossene Liebe und seinen mondänen BND-Kollegen Brendel.

Der Fall eines geheimnisvollen Weltverbesserers mit West- und Ostkontakten, der in der Nähe einer neuen Transitpipeline ermordet aufgefunden wird, wird immer verworrener und eskaliert, es gibt am Schluss vier oder fünf Mordopfer, und - eher beiläufig berichtet - Sprengstoffanschläge auf den Palast der Republik und das Kino, in dem die Schauspielerin Wagenknecht Premiere feiert.

Wer sich bisher noch nie mit der DDR befasst hat, wird in dem Buch viel über ihre traurige Realität erfahren. Vielleicht kriegt man U-30 -Leser/-innen, die weder Döblin noch John Le Carré kennen, so. Vorausgesetzt, sie halten den unaufhörlichen inneren Monolog, die metaphernreichen Schilderungen von nächtlicher Stadt und Fahrten über Schlaglöcher durch. Zwischendurch darf sexuell Anzügliches nicht fehlen.

Was bei der Aufarbeitung der realen DDR zu Tage tritt, ist schon abenteuerlich und manchmal auch kriminell genug. Da bedarf es eigentlich nicht des Fiktionalen. Auch wenn es hier realistisch erzählt wird. Ob Jüngere, weniger mit der DDR vertraute Leser die Anspielungen verstehen?


Mark Brandenburg
Mark Brandenburg
von Beatrix Langner
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 15,00

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Brandenburg-Lyrik, 20. April 2011
Rezension bezieht sich auf: Mark Brandenburg (Gebundene Ausgabe)
"Ein poetischer Genuss wie eine Reise auf einer sonnenbesprenkelten Allee", verspricht der Waschzettel. Die Verfasserin, Lyrikerin und promovierte Germanistin, kennt das Land von Sonntagsausflügen als Kind und wohnt jetzt auch hier.

Man taucht schnell in die liebevolle Schilderung der Flämingdörfer und -städtchen ein, mit denen das Büchlein beginnt. Dr. Langner ist eine exzellente Kennerin der Geschichte der Burgen und Schlösser, der mittelalterlichen Handelswege nach Berlin. Gelegentlich brummt einem der Kopf, wenn z. B. penibel alle Nebenflüsse der Oder notiert werden oder schier endlos die Namen slawischer Völker, ihrer Götter und Adligen. Hundert Seiten, eine einzige Liebeserklärung an Brandenburg.

Dann bin ich bei Seite 26: Wiesenburg im Fläming. Nach der Wende sind die LPG-Scheunen verfallen, der Kuhstall "blinzelt" mit "zerbrochenen Fenstern" auf die "leere Weide". Dagegen hätte im November 1989 Vollbeschäftigung in der LPG geherrscht und die Kühe hätten gerade einen neuen Kuhstall mit modernem Melkkreisel bekommen sollen. Der Waschzettel hatte mir suggeriert, dass die Verfasserin kunstsinnigen Grafen nachspüre.

Hätte man die friedliche Revolution verschieben sollen, weil die LPG in den Tagen der Wende eine nagelneue Melkanlage bekommen sollte? Statt der LPG Typ III nachzutrauern, hätte sie doch Gut Schmerwitz erwähnen können, wo kein leerer Kuhstall blinzelt, sondern ein ökologisch ausgerichteter Bauernhof entstanden ist. Aber die Ökos aus der Stadt mag sie nicht. Die Geschichte der Beelitzer Spargelbauern kennt sie nicht. Die geht genau andersherum.

Diese Art der Beschreibung durchzieht das ganze Buch. Während jede von einem deutsch-polnisch-dänischen Heer im Hochmittelalter niedergebrannte Ortschaft aufgezählt wird, ständig daran erinnert wird, dass die Schlösser und Burgen sichtbares Zeichen jahrhundertelanger feudalistischer Unterdrückung der Bevölkerung seien, bleibt die DDR-Zeit fast völlig im Reich der Poesie. Sie scheint eher das Gegenbild zur vorherigen Vergangenheit zu sein, ein gemütlicher Kleine-Leute-Staat, den sie nur bei Sonntagsausflügen kennengelernt hat. "Weglassen ist eine einfache Form der Lüge", sagt Christoph Hein dazu.

Schloss Wiesenburg ist heute von Besserverdienenden aus Berlin bewohnt, die das Gebäude aufwändig renoviert haben. In der DDR-Zeit befand sich hier, mitten in der Provinz, ein Eliteinternat, eine Sprachschule für Russisch.

"So thront (das Schloss; Verf.) wieder mitten im Dorf, vorn demokratisch auf Augenhöhe mit der Gemeindeverwaltung,.." Hinten auf der Terrasse sonnen sich die Stadtmenschen und "wissen wenig davon, was im alten Dorf vorgeht" Das war wohl zu Zeiten des DDR-Eliteinternats anders.

Der Autorin gefällt die Renovierung der Schlösser und Burgen, der Renaissancestädtchen, ihrer Kirchen und Marktplätze nicht: Sie zählt die Fördergelder auf, den sündhaft teuren Granit, mit dem Marktplätze bepflastert wurden. Sie bedauert den Verlust der "Poesie des Verfalls" (p 57), die Fontane noch spüren konnte. Hat sie Ende 80er Jahre nie Quedlinburg besucht oder das Holländische Viertel in Potsdam? Hätte ihre Seele, und nicht nur die, sich da wohl gefühlt? Hat sie es nicht gestört, dass im Kleine-Leute-Idyll DDR die Herrschenden Busbahnhöfe auf mittelalterliche Marktplätze setzten, in Schlossparks Schrebergärten und in Sichtachsen Garagenschuppen?

"Verrückte", "Lebenskünstler" oder "Ärzte", hätten nach der Wende Backsteinbahnhöfe und Kossätenhäuser billig aufgekauft, die Dörfer leerten sich. Dieser Absatz wird zusammengefasst in einem letzten Satz: "Innerhalb von 20 Jahren ist die Mark Brandenburg zurückgefallen zu einem agrar-industriellen Entwicklungsland" (p 59). Richtig, die DDR war angeblich der zehntgrößte Industriestaat der Welt. Was ist mit "agrar-industriellem Entwicklungsland" gemeint? War etwa der Bezirk Potsdam - Brandenburg gab es ja in der DDR gar nicht- agrar-industriell auf der Höhe der Zeit? Die LPG die Vollendung der Agrargeschichte? Anstelle Maße und Gewichte von Eiszeit-Gestein in den Urstromtälern zu studieren, hätte sie sich mit der Bodenreform auseinandersetzen sollen. Entgangen scheint ihr anfänglich auch, dass in Brandenburg die agrar-industrielle Struktur der DDR fortbesteht. Die LPG ist jetzt eine GmbH, Geschäftsführer der frühere Leiter, der den Betrieb allerdings mit arg verkleinerter Belegschaft steuerbegünstigt weiterführt. Das beklagt sie weiter hinten im Buch dann doch und nennt aber auch ausländische Agrarkonzerne als Zerstörer der landschaftlichen Idylle des agrar-industriellen Entwicklungslandes.

Die blühende DDR-Wirtschaft wurde "kalkuliert" ruiniert (p 62) oder gar "zerschlagen" (p 62), will sie herausgefunden haben. So also spürt man kunstsinnigen Grafen nach. Immerhin gesteht sie zu, dass die "Diktatur des Proletariats" aus Blutwurst und Pellkartoffeln keine gebratenen Tauben und Honigbier gemacht hätte (p74).

Zu allem Unglück kehrt auch noch der märkische Adel zurück, wie etwa die Familie Lynar, die - natürlich ökologischen - Landbau betreibt (und ein Hotel). Sie macht auch kulturelle Veranstaltungen. Das wird von der Lyrikerin im nächsten Satz nieder geknüppelt: OObwohl Kultur weiß Gott das Letzte ist, was Brandenburg fehlt" (p 76/77).

Es geht gegen renovierte Marktplätze, ökologischen Landbau, gegen Starkstromleitungen durch Naturschutzgebiete. Im agrar-industriellen Entwicklungsland verschwinden Alleen, Hecken und Feuchtwiesen, in denen Bienen, Insekten, Singvögel, Hasen oder Füchse Nistplätze, Schutz und Futter finden. Richtig gelesen. Nach der Wende verschwänden sie. Die Autorin hat wohl noch nie einen LPG-Acker gesehen.

Dann konstatiert sie aber auch befriedigt, dass der Urenkel eines feudalen Junkers ein "eindrucksvolles Beispiel uckermärkischer Neogotik" wieder herrichten lässt. Ein paar Seiten vorher hat sie die historistischen Villen wilhelminischer Großbürger verdammt. Dann beklagt sie, dass zu wenig ökologischer Ackerbau betrieben würde (p 106) und schimpft noch einmal auf die genannten ausländischen Agrarkonzerne mit ihren Mastanlagen für fünfzigtausend Schweine. Da wäre die Wiesenburger LPG mit ihrere modernen Melkanlage wohl fast ein ökologischer Musterbetrieb gewesen.

"Wo findet man in Brandenburg noch Natur pur?" fragt sie verzweifelt. Jedenfalls nicht im agrar-industriellen, kalkuliert deindustrialisierten Nachwende-Entwicklungsland Brandenburg. Dass der Tagebau die Lausitz-Dörfer nicht mehr verschlingt, auch ein verschwundenes Ökodorf(!) beklagt sie, ist gut, dass aus den Tagebaugebieten Seen werden mit Beachbars und Tauchcentern, ist nicht richtig. "Es ist totenstill, kein Vogel singt."

Vielleicht lese ich das Büchlein falsch, als Reiseliteratur. Vielleicht ist es eher als Liebeserklärung einer Zuwanderin an die alteingesessenen Brandenburger zu lesen, die 800 Jahre bis 1945 feudalistisch unterdrückt und nach der Wende noch einmal gebeutelt wurden. Das bleibt der Grundton des Buches, darüber helfen auch poetische Landschaftsbilder - "Smaragdaugen eines versteckten Waldsees" - nicht hinweg.


Eine Kindheit in vormaurischer Zeit
Eine Kindheit in vormaurischer Zeit
von Christine Brinck
  Gebundene Ausgabe

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Erinnerung statt Ostalgie, 4. November 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Weglassen ist eine einfache Form der Lüge, sagt Christof Hein. So gesehen wird im Osten gelogen, dass sich die Balken biegen.

Fast vergessen ist die Erinnerung an die Aktion 'Ungeziefer', die Umsiedlung nicht regimetreuer Bewohner der Grenzgebiete, an die antisemitischen Waldheim-Schauprozesse, an die Unterstützung von Terroristen in der ganzen Welt durch Waffenlieferung, Geldspenden und Asylgewährung, an die Enteignungs- und Vertreibungsaktionen bei Bauern, Unternehmern, Hotel- und Pensionsbesitzern, an die Oberschul-, Studier- und Berufsverbote, an die fehlende Meinungsfreiheit und die Zuchthausstrafen für Auswanderungswillige, den alltäglichen Antisemitismus, den vergleichsweise hohen Lebensstandard der DDR-Oberschicht, der Bonzen und Kader, an die kleinen Machthaber Handwerker, Kellner, Bückware-Verkäuferinnen, die Allgegenwart der hoch bezahlten Heerscharen des MfS.

Stattdessen gibt es Bestseller über die schreckliche Kindheit während der "Wende" 1989 und die gute alte DDR.

Wie gut, dass es Menschen gibt, die anders vom Aufwachsen in der DDR erzählen. Die sich an schöne Kindheitstage, an Radtouren und Baden im See erinnern, die die DDR nicht schönreden oder die Katastrophe erst in der Wende und der Treuhand sehen.
Sie erzählen unglaubliche Geschichten von dem, was man ihnen und ihren Familien angetan hat. Man kann verstehen, dass sie eine Rückkehr in die Heimat Mecklenburg wieder rückgängig gemacht haben, dass einer in Österreich bleibt, weil er Sarah Wagenknecht nicht ständig in Talkshows ertragen kann.

Da die Geschwister der Erzählerin alle ohne Ausnahme in der Schule keine Aussicht haben, Abitur machen zu dürfen, bleibt die Ausreise unabwendbar. Auf der Flucht wird die vaterlose Großfamilie auseinander gerissen. Zwei ältere Geschwister, 13 und 14, werden alleine zu westdeutschen Verwandten geschickt. Die Autorin kommt mit anderen DDR-Abiturientinnen in einem Hamburger Rot-Kreuz-Heim unter, wechselt in ein weiteres Heim. Die Telefonzelle ist die einzige Verbindung zur Familie. Auch eine 'Wende'. Daneben wirkt das Gejammer einer Jana Hensel in ihrem Bestseller 'Zonenkinder' über ihren Wendeschock 1989 peinlich. Frau Hensel schlief vor und nach der Wende im selben Bett.

Das schmale Bändchen enthält den Bericht der Verfasserin über ihre Kindheit in einem christlichen Elternhaus in Mecklenburg bis zur Flucht in den 50er Jahren.
Er endet mit zwei grotesken Kapiteln: Dem Versuch, einen Grabstein aus der DDR zu exportieren, und dem Einblick in ihre Stasi-Akte. Auch noch 10 Jahre nach ihrer Flucht haben sich Stasi-Spitzel und MfS-Offiziere um Einschätzungen und Personenbeschreibungen in 'mieser Prosa' bemüht.

Daran schließen sich Interviews mit fünf 'Flüchtlingen, Freigekauften, Festgehaltenen' über deren Kindheit in der DDR an. Christine Brinck vermag einfühlsam zu fragen und bringt die Interviewten dazu, sich zu erinnern.
Das Bändchen wird beschlossen mit einem Augenzeugenbericht vom Streik Greifswalder Medizinstudenten 1955 und einem Kommentar der Verfasserin zu aktuellen ostdeutschen Befindlichkeiten.

Man muss das Buch immer wieder aus der Hand legen, so wuchtig kommen manche Sätze an. Dabei lesen sie sich, wie Louis Begley im Klappentext zitiert wird, 'unaufgeregt', sachlich, fast beiläufig.

Aus den Interviews:

"Wirklich unbeschwert war die Kindheit in der DDR nicht, ..."

"Wir konnten lügen und uns verstellen, den Lehrern nach dem Mund reden und doch unschuldige Fragen stellen, in die wir unser Wissen aus dem Westradio unauffällig einbauten. Mal sehen, ob der Lehrer sich verhedderte, ..."

"An meinem Unterricht zu Effi Briest bemängelten sie, dass ich die Rolle der Unterdrückten, der Vertreterin des vierten Standes, also die des Kindermädchens Roswitha, nicht genug herausgearbeitet hatte. An meinem Englischunterricht zum Thema Camping vermissten sie einen Verweis auf die Vorzüge von FDGB-Ferienplätzen an der Ostsee."

"An der Oberschule nahm meine Wahrnehmung der Ungereimtheiten zu. Wieso trugen die Kinder von Funktionären auch nach dem Mauerbau Westklamotten? Wieso sperrten sie die Grenze und holen sich doch Westklamotten?"

Nicht zuletzt wird der Blick auf die 50er Jahre durch diese Berichte geschärft. Werden doch inzwischen gerade die Anfangsjahre als die Zeit des begeisterten Aufbruchs, des Aufbaus einer besseren Gesellschaft gepriesen.

Die Erinnerung lässt sich nicht vertreiben und nicht vernebeln. Wir sehen das gerade beim Auswärtigen Amt. Wie schön, dass uns Christine Brinck diese Berichte nicht länger vorenthalten hat.


Die 101 wichtigsten Fragen - DDR
Die 101 wichtigsten Fragen - DDR
von Ilko-Sascha Kowalczuk
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

7 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fast ein DDR-Lexikon, 2. Februar 2010
Von Sacha-Ilko Kowalczuk stammt "Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR". Er ist Historiker in der Birthlerbehörde.

Auf Grund seiner breit gefächerten Forschungsarbeit hat Kowalczuk eine fundierte Kenntnis der DDR. Das Büchlein "Die 101 wichtigsten Fragen" ist fast ein akzentuiertes, unmissverständliches Lexikon der DDR geworden. Knappe Antworten von jeweils einer Taschenbuchseite auf Fragen, die er auch im "Endspiel" aufwirft: "War die DDR ein Unrechtsstaat?", "Gab es soziale Ungleichheit?", "Machte das Gesundheitssystem krank?", "Warum waren Uniformierte und Funktionäre so unfreundlich?","Warum gibt es Ostalgie?"

Die Antworten unterscheiden sich wohltuend von den verklärenden, revisionistischen, verharmlosenden Texten und Sprüchen der ExDDR-Sportreporter, Alltagskulturmuseumsverfechter und Versöhnungspolitker.

Von den selbsternannten Sachwaltern "der" Ostdeutschen werden solche Kleinigkeiten gerne vergessen: Dass die Rente im gelobten Land sehr niedrig war, dass man an heilbaren Krankheiten viermal häufiger als im "faschistisch-kapitalistischen" Westdeutschland starb, dass die gewendete SED/PDS die schlechte Versorgungslage im Winter 1989 in ihren Medien nicht der Jahreszeit und nicht ihrer Wirtschaftspolitik zuschrieb, sondern den Polen, dass die Frauen nicht wirklich emanzipiert waren.

Es ist anregend geschrieben, enthält zahlreiche Fragen, auf die man anderswo keine Antwort erhält: "Warum gab es eine Reichsbahn?","Warum war die Olsenbande so beliebt?" Der sehr überschaubare Frageanlass entwickelt sich fast beiläufig zum Überblick über ein größeres Thema, Sprache z.B. oder Fernsehen.

Wer die 150 Seiten durchliest,dürfte am Schluss ein realistisches DDR-Bild haben.


Black Box DDR: Unerzählte Leben unterm SED Regime
Black Box DDR: Unerzählte Leben unterm SED Regime
von Ines Geipel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 20,00

6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Erlösung liegt in der Erinnerung, nicht in der Verklärung, 3. Dezember 2009
Es gibt ein Mittel, das gegen Ostalgie garantiert hilft. Das sind die Erzählungen von Einzelschicksalen, Erzählungen von kleinen Leuten, Erzählungen über Menschen, die glaubten, eine gerechte Gesellschaft aufzubauen und sich enttäuscht abwandten, als sie erkannten, dass die neuen Eliten auch nicht besser sind als die alten.
Das Mittel immunisiert gegen die, die das Menschen-Experiment schon wieder wagen möchten oder es alles in allem gar nicht so schlecht fanden.
Es ist wie in der Geschichte von Siegfried Lenz, 'Ein Freund der Regierung': All das saubere Neue, das die Regierung den Journalisten präsentiert, der fabrikneue Reisebus, die Bauern im Sonntagsstaat, die frisch getünchten Häuser, die schönen Reden des Regierungssprechers und die auswendig gelernten Sätze der vorgeführten Bauern, sie werden in dem Moment wertlos, als einer der Bauern einem Journalisten heimlich einen ausgeschlagenen Zahn in die Hand drückt.
So ein Mittel gegen die Verklärung der DDR ist das Buch von Ines Geipel und Andreas Peterson, 'Black Box DDR. Unerzählte Leben unterm SED-Regime', Marix-Verlag.
Es sind 33 Porträts aus den unterschiedlichsten Berufen und Bevölkerungsschichten, aufgeschrieben von Journalisten, Autoren und Historikern, die den Menschen zuhörten.
In einer der Geschichten geht es um das zerstörte Leben einer Frau, die als 16Jährige Internatsschülerin mit Duldung ihrer Erzieher alle 14 Tage ' so der Titel dieses Porträts ' in der Datsche ihres Führungsoffiziers verschwindet, sich begrabschen lassen und über ihre Mitschüler berichten musste. Als sie Studentin und verheiratet ist, macht sich die Universitätsparteileitung an sie heran und verlangt erneut Spitzelberichte. Sie wird darüber krank und ihre Ehe geht kaputt. Sie will ausreisen und wird deswegen zu Kriminellen ins Gefängnis gesteckt. Dann wird sie aus der DDR geworfen. Im Westen versucht sie einen neuen beruflichen Anlauf und wird Logopädin. Beim Schreiben von Patientenberichten kriecht die Vergangenheit hervor. Sie bricht zusammen, wird arbeitsunfähig und nach vielen Therapien frühpensioniert.
Ihr Onkel, ein Ex-DDR-Diplomat, trifft sich derweil mit früherer DDR-Prominenz wie Krenz und Kessler und 'debattiert unerbittlich über eine gerechtere Gesellschaft'. Mit diesem Satz lässt Ines Geipel das Porträt enden.


Terror und Traum: Moskau 1937
Terror und Traum: Moskau 1937
von Karl Schlögel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,90

9 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Endlösung der Klassenfrage, 10. Juli 2009
"Terror und Traum" von Karl Schlögel entfaltet ein Panorama Moskaus in den Jahren 1937/38. Es macht die Faszination des Sowjetkommunismus spürbar. 20 Jahre nach dem Putsch der Bolschewiki ist eine Bilderbuchwelt entstanden, ein Land mit modernsten Auto- und Traktorenfabriken, Erschließung der entlegensten Landesteile, künstlichen Wasserstraßen, monumentalen Gebäuden, Schulen und Universitäten. Mit Radio, Film, Musik, gigantischen Paraden und Kongressen wird im riesigen Imperium und im Ausland die Botschaft von der neuen klassenlosen Gesellschaft, dem neuen Menschen und den herausragenden technischen Leistungen verkündet.
Aber nicht nur deswegen ist das Land im permanenten Ausnahmezustand. Die eine Seite der Medaille ist der Traum vom Paradies auf Erden, dem man näher gekommen zu sein glaubt. Die andere Seite ist der unfassbare Terror, der 1937/38 seinen Höhepunkt erlebt. Die Putschisten von 1917 waren sich keinen Tag ihrer Herrschaft sicher.
Die von Anfang an chaotische Planwirtschaft brachte Versorgungsmängel und Fehlentwicklungen mit sich. Die Wohnungsnot muss wegen der Landflucht infolge der Kollektivierung, aber auch wegen des Bedarfs an Industriearbeitern in den Städten unbeschreibbar gewesen sein.
Stalin hatte eine neue Verfassung geschrieben und wollte den Sozialismus mit freien Wahlen krönen. Das konnte er sich aber nur trauen, wenn es als Wähler nur noch den neuen, sozialistischen Menschen gab, keine Oppositionellen, Schädlinge, Saboteure, alte Intelligenzja, alle vereint unter dem Sammelbegriff Trotzkisten.
Was jetzt, 1937, als Abschluss eines Jahrzehnts unaufhörlicher Säuberungen, in Angriff genommen wurde, nennt Schlögel die 'Endlösung' der Klassenfrage: Eine 'Säuberungsarbeit', der vorsichtig geschätzt zwei Millionen Menschen zum Opfer fielen, davon 800000 durch Erschießen, die andern infolge der Haftbedingungen. Für alles, was im Lande schief ging, wurden Schuldige gefunden: Zug- oder Bergwerksunfälle, fehlendes Brot, kaputte Traktoren und Produktionsausfälle, Missernten und Seuchen.
Das Buch ist eine imponierende Leistung des Darmstädter Osteuropafachmannes Karl Schlögel. Was in Bulgakows Satire "Der Meister und Margerita" nur erahnt werden kann, wird hier offen berichtet. Manche Seiten sind nur schwer zu lesen, so entsetzlich ist das Geschehen.
Ich empfehle das Buch als Ergänzung zur, nein, als Ersatz der allermeisten DDR-Aufarbeitungsliteratur. Man sollte sich nicht verlieren in Diskussionen über den "Rechtsstaat" DDR, die Alltagskultur von Eisenhüttenstadt, die Frauenemanzipation und darüber, ob es eine 'Wende' oder eine Revolution war. Statt Fußnoten der Geschichte sollte man Schlögel lesen.
Es waren Menschen, die den Terror von 1937/38 in Moskau überlebt haben, die Zeit in der jeder jeden denunzierte, um die eigene Haut zu retten, die elf Jahre danach mit einem Fackelzug die DDR gegründet haben.


Klick: Strategien gegen die digitale Verdummung
Klick: Strategien gegen die digitale Verdummung
von Susanne Gaschke
  Gebundene Ausgabe

6 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Kritischer Gebrauch des Internets, 11. Mai 2009
Susanne Gaschke hat nichts gegen Computer und Internet, aber etwas gegen die Apologeten des digitalen Paradieses, gegen Microsoft im Kindergarten, gegen Medienpädagogen im Dienste der Softwarekonzerne. Die Rhetorik mancher Netzgurus erinnert sie an neoliberale und marxistische Heilsversprechen.

Man kann dieses flüssig geschriebene Buch der Journalistin mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendliteratur lesen und sich die gelehrten internetkritischen Texte von Manfred Spitzer, Stefan Weber, Stanley Wilder, Nicolas Carr und auch den quirligen Clifford Stoll ersparen. (Oder als Vertiefung durcharbeiten.)

Das richtige Buch, um zu einem kritischen, rationalen Gebrauch von Computer und Internet zurückzukehren.


Endspiel: Die Revolution von 1989 in der DDR
Endspiel: Die Revolution von 1989 in der DDR
von Ilko-Sascha Kowalczuk
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

18 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Leuchtturm, 19. April 2009
Das Buch ist eine gut lesbare Gesamtdarstellung der Zustände und Ereignisse in der DDR ab den 70er Jahren. Erfrischend ist, dass Kowalczuk gelegentlich auch DDR-Witze als historische Quelle nutzt.
Angesichts der wachsenden Schönfärberei und Verharmlosung der SED-Diktatur, nicht zuletzt auch durch Geschichtswissenschaftler ("Fürsorgediktatur", "Konsensdiktatur",) ist es gerade rechtzeitig erschienen.
Es liefert keine neuen wegweisenden Erkenntnisse oder Interpretationen, würdigt aber deutlich Helmut Kohl, der den deutschlandpolitischen Entspannungskurs, den die SPD begonnen hat, nicht nur fortsetzt, sondern, anders als Bahr oder Lafontaine es wollen, sich nicht vor der gigantischen Aufgabe der Vereinigung drückt, die die alte Bundesrepublik an die Grenzen der Leistungsfähigkeit führt. Auch Mielke wird nüchtern als einer der wenigen SED-Politiker gesehen, die die Brisanz der Lage richtig einschätzen. Und (wieder einmal) zu lesen, dass hohe Kirchenfunktionäre mit den Machthabern Kontakt halten konnten, ohne in den Verdacht zu geraten IMs zu sein, ist auch nicht verkehrt.
Alles in allem ein Leuchtturm im anschwellenden Meer der "Es war nicht alles schlecht"-, "Der Westen hat gesiegt"-, "Wir hatten aber den besseren Sex"- Literatur.


Die DDR: Eine Dokumentation mit zahlreichen Biografien und Abbildungen
Die DDR: Eine Dokumentation mit zahlreichen Biografien und Abbildungen
von Hermann Vinke
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

23 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Vorsicht, Rezension!, 20. Dezember 2008
Hermann Vinkes Buch über die DDR wird von der Kinderbuchjury der Zeit und Radio Bremen zu Recht empfohlen. Allerdings muss man es gegen den Rezensenten Volker Ulrich in der "Zeit" verteidigen.

Ulrich sieht in der Aufarbeitung der SED-Diktatur einen eifernden Ton der Abrechnung, eine zunehmende Gleichsetzung der DDR mit dem 'Dritten Reich' und liest in das in der Tat sachliche Buch seine DDR-Sicht hinein. Bisher hatte ich eher wahrgenommen, dass die DDR zunehmend verklärt wird, man wäre nett zueinander gewesen, die Luft wäre gesünder und die Mieten billiger gewesen.

Die political correctness verbietet es, auf Parallelen zwischen den beiden Diktaturen hinzuweisen. Dass Potsdam etwa 1953 erneut "judenrein" war, behält man besser für sich. Die DDR war ja angeblich nie antisemitisch, höchstens antizionistisch.

Ulrich zitiert aus Vinkes Buch 'die höchste Frauenerwerbsquote der Welt' als SED-Errungenschaft. Bei Vinke steht vorher der Satz, wem das geschuldet war, nämlich dem Arbeitskräftemangel (p. 65). Die DDR-Paschas feierten die Doppelbelastung ihrer Frauen auch noch mit dem Weltfrauentag.

Ulrich lobt das in mancher Hinsicht angeblich vorbildliche DDR-Schulsystem. Vinke ist da vorsichtiger.

Das rigide DDR-Schulsystem wird von Journalisten zunehmend verklärt. Als ob es nie eine Odenwaldschule, integrierte Gesamtschulen oder die Laborschule gegeben hätte. Während der friedlichen Revolution war man sich noch einig, dass die DDR-Schule die Menschen deformiert habe, wie Christa Wolf es formulierte.

Und was die Leistungen angeht, so konnten sich die westdeutschen Lehrer während der Ausreisewelle davon überzeugen, dass die im rezeptiven Unterrichtssystem der Diktatur hervorragend benoteten Übersiedlerkinder ganz schnell in der Mitte der Notenskala ankamen.

Es macht auch sicher einen Unterschied, ob eine Diktatur ihren gesamten Repressionsapparat gegen Jeans- und Rock'n-Roll-Liebhaber einsetzt oder eine westliche Vätergeneration darauf aggressiv reagiert. Ulrich setzt das gleich, Vinke nicht.

Vinkes Buch ist ein gut geeignetes Nachschlagewerk für Jugendliche, besonders lesenswert sind die biographischen Texte.


Die Mauer steht am Rhein: Deutschland nach dem Sieg des Sozialismus
Die Mauer steht am Rhein: Deutschland nach dem Sieg des Sozialismus
von Christian von Ditfurth
  Gebundene Ausgabe

4 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Erschreckend realistisch, 17. Juli 2008
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ditfurth erzählt plausibel von einer "Wende" unter umgekehrten Vorzeichen.
Was passiert, wenn der Sozialismus siegt? Richtig, die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln klappt nicht mehr so richtig. Aber die sozialistische Rhetorik läuft zu Hochform auf.
Es ist beklemmend zu lesen, wie sich die Anpassung in die Zeitungsredaktionen und die Schulen einschleicht.
Trotz gelegentlicher Längen sehr lesenswert.
Angesichts der Erfolge der Partei "Die Linke" entsteht ein Hauch von Unwohlsein.
Wer die Nachkriegsgeschichte kennt, liest mit Entzücken die Biographien gewendeter westdeutscher Politgrößen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 9, 2008 9:29 PM MEST


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