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Mister Decay "Mr. Decay" (Hochdahl)

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Sherlock Holmes
Sherlock Holmes
DVD ~ Robert Downey Jr.
Preis: EUR 4,99

38 von 52 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen A Drop of the Hard Stuff, 28. Januar 2010
Rezension bezieht sich auf: Sherlock Holmes (DVD)
Kaum hatte ich den ersten Trailer gesehen, war mir klar, dass endlich wieder ein Film ins Kino kommen würde, auf den es sich lohnen würde hin zu fiebern. Sich nicht einfach nur darauf zu freuen, nein, richtig darauf hin zu fiebern. Die ersten paar Ausschnitte waren absolut überzeugend und die Hauptrolle mit Robert Downey Jr. zu besetzen, schien ein echter Glücksgriff oder Geniestreich. Die anderen Glücksgriffe waren zu diesem Zeitpunkt für mich nicht einmal absehbar. Erst nachdem mir in den ersten Berichten über den Film bewusst wurde, dass auch noch Jude Law den Watson gibt und das unter der Regie von Guy Ritchie schien das Kinowunder 2010 perfekt. Eine Legende der Literatur, die auch auf der Leinwand schon einige Glanzpunkte erlebt hatte, wurde nach einigen Jahrzehnten Ruhe und Verbannung ins Fernsehprogramm, fit gemacht für den ganz großen Leinwandauftritt. Könnte hiermit der große Wurf gelingen und endlich wieder einmal ein neuer Kinoheld die Bühne betreten, der sich ins Gedächtnis brennen wird? Vielleicht bin ich durch das ein oder andere Arthur Conan Doyle Buch in meiner Kindheit zu sehr vorbelastet, aber wem würde ich diesen Auftritt mehr gönnen als dem guten, alten Meisterdetektiv Sherlock Holmes?!

Es geschieht selten, wenn dann aber unbeirrt: bei manchen Filmprojekten, weiss man einfach intuitiv im Voraus, dass sie nicht scheitern können. Dies war mir hier diesmal von vornherein klar. Die Voraussetzungen dafür waren der Faible für den Detektiv, rasante Actionfilme, eine gothische Atmosphäre, Blut, Schweiss und Tränen und eine gewisse England-Affinität. Siehe da, meine absolut treue Zuversicht in dieses Projekt, ist um keinen Deut enttäuscht worden.

Alleine die Einführung der beiden Titelhelden durch eine hektische Überwältigungs- und Kampfszene, hat nichts zu wünschen übrig gelassen und in der ungestümen Schnitttechnik fast an die atemlosen Kampfszenen zu Beginn von "Gladiator" erinnert. Das faszinierende an diesem Holmes Film ist, dass ständig Erinnerungen an andere Filme aufkommen und man dabei ständig das Gefühl hat, dieser Film würde alles sogar noch besser machen. Angefangen bei der Atmosphäre und Ausstattung des Films, erinnert wird man an "From Hell" oder "Das Parfüm" und auch hier wirkt das England des ausgehenden 19.Jahrhunderts authentisch und herrlich düster. Ein literarischer Held aus dieser Zeit im Gewande eines Action-Helden lässt sofort an "Die Liga der Außergewöhnlichen Gentlemen" denken, nur vermeidet Guy Ritchie alle Fehler des genannten Streifens. Seine Inszenierung ist näher dran an den Hauptdarstellern, zeichnet ein tiefergehendes Charakterbild seiner Protagonisten, konzentriert sich nicht nur auf Effekte, lässt sie aber auch nicht aus. Er trägt an den richtigen Stellen dick auf und lässt an anderen Stellen lieber etwas weg. Hier ist weniger manchmal mehr und wenn es doch gebraucht wird, fährt Ritchie die richtigen Geschütze auf. In der heutigen Zeit wäre ein steifer, analytischer Dandy im Kino sicher fehl am Platz und dieser Holmes wird glücklicherweise dem Fernsehprogramm überlassen.Im Kino zeigt Robert Downey's Darbietung des Holmes eher die Nähe zwischen Hochbegabung und ADS. Er ist auf ständiger Suche nach Stimulation, lässt sich aber genau so gerne hemmungslos gehen, sobald diese ausbleiben. Seine geistigen Fähigkeiten und kämpferischen Talente heben ihn aus der Masse ab, prädestinieren ihn damit als Projektionsfläche für den Zuschauer, die damit einhergehende Einsamkeit lässt ihn aber zugleich auch sehr menschlich wirken. Diesem Held sind nicht nur Höhen bekannt, er kennt auch die Tiefen des menschlichen Daseins, nimmt diese aber genauso leidenschaftlich an und zelebriert damit das Leben in all seinen Facetten. Alleine das hat ihn in meinen Augen zu einem der sympathischten Leinwandhelden der letzten Jahrzehnte gemacht.
Er erkennt Zusammenhänge in Sekundenbruchteilen, zieht Schlussfolgerungen die anderen unentdeckt bleiben, verlässt sich ganz auf seinen Intellekt, beherrscht Selbstverteidigung und den bloßen Faustkampf gleichermaßen intuitiv, als auch kühl rational und setzt sich über gesellschaftliche Regeln hinweg. Er interessiert sich für die unterschiedlichsten Themen, hat ein immenses, wissenschaftliches Wissen angesammelt, kann fachübergreifende Zusammenhänge erkennen und zieht sich für diverse Experimente auch gerne mal tagelang in seine abgedunkelten, völlig verlebten Gemächer zurück. Was kann man mehr von einem Held des Formates Sherlock Holmes verlangen?

Die Geschichte lasse ich hier unerwähnt, da sie in meinen Augen auch nicht das wichtigste in diesem Film ist. Sie vereint jedoch die wichtigsten Aspekten einer klassischen Holmes Geschichte mit den wichtigsten Aspekten des modernen Actionfilms, im historischen, viktorianischem Ambiente. Geheime Organisationen, kriminelle Bünde, Diebstähle, verschwundene Personen, Drohungen, scheinbar unerklärliche Todesfälle, Staatsinteressen und Bedrohungen der öffentlichen Sicherheit, Serienmorde, Kampfszenen, Schiessereien und Explosionen werden hier zu einer rastlosen Geschichte verbunden. Die Gegenspieler und Bösewichte sind hier Holmes ebenbürtig und erinnern in ihren Charakteren an die Glanzpunkte der Fieslinge aus der Bond-Serie. Allgemein kann man sagen, das Holmes mit diesem Film endlich auf Augenhöhe von Bond spielt, diesen sogar noch überholt. Zum Glück bietet der Film genügend Indizienpunkte, das auch aus diesem Film eine Serie werden könnte.

Weiterhin erwähnenswert ist die Filmmusik, die sich auf einen unaufdringlichen Score von Hans Zimmer an den richtigen Stellen beschränkt. Glücklicherweise beschränkt sich das einzig moderne an der Musik hier auf einen Irish-Folk Einfluss in manchen Stellen des Films und im Abspann. Alles zusammen ergibt einen mehr als angemessenen Umgang mit einem britischen Nationalheiligtum, sehr kurzweilige Kinounterhaltung mit hervorragenden Darbietungen der fzum großen Teil britischen Besetzung und damit verbunden der Wunsch nach mehr Holmes. So bleibt nur zu hoffen, das es einen Directors Cut auf der DVD gäbe.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 17, 2010 4:10 AM CET


Feels [Vinyl LP]
Feels [Vinyl LP]

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Head like a Door, 11. Januar 2010
Rezension bezieht sich auf: Feels [Vinyl LP] (Vinyl)
Während eines der Tracks-Berichte auf Arte über vermeintlich neue Musiktrends war er plötzlich im Bild zu sehen: Panda Bear. Das ganze vorangegangene New-Weird-America Gewäsch des Berichts, nach dem ein paar Monate später kein Hahn mehr krähen würde, war mir schon gehörig auf den Wecker gefallen, doch was ich nun kurz zu sehen bekam, besserte meine Laune augenblicklich wieder erheblich. Mehr in der Nähe von Tortoise oder Dylan Group musizierend, angenehm unaufdringlich und überhaupt nicht weird, präsentierte sich Panda Bear mit Animal Collective als dringend wahrzunehmende Musikhoffnung.
Glücklicherweise stand kurze Zeit später ein Live-Termin in der Weltbühne Hamburg auf dem Programm. Im Vorfeld eine belanglose Kapelle aus Island, was einem mit ihrer gekünstelten Verrücktheit den Besuch eigentlich schonmal hätte verleiden können. Genauso die geschätzte Raumtemperatur von 45 Grad bei etwa 90 Prozent Luftfeuchtigkeit. Die Daunenjacke hat drinnen auch nicht gerade zur Annehmlichkeit beigetragen, aber wohin damit, wenn zwischen alle Besucher kaum noch eine einzige Briefmarke gepasst hat.
Wenn man trotz dieser schlechten Voraussetzungen die Musik der Band trotzdem vom ersten bis zum letzten Ton geniessen kann, sagt das schon genügend über die Qualität der Musik aus. Selten war ich von einem Sound so fasziniert und mitgenommen, wie diesmal. Erst später würden vergleichbare Live-Erfahrungen mit anderen Bands folgen. Das Bild was mir der kurze Auftritt im Fernsehbeitrag vermittelt hat, stimmte heute Abend vorne und hinten nicht. Glücklicherweise wurde es viel besser. Es wurden neue Türen aufgestoßen, die sich nie wieder schließen lassen würden. Die ganze Session schien ineinander über zu gehen. Improvisierte Rhythmen, alle musikalischen Grenzen sprengende Klangteppiche, tribales Getrommel auf dem reduziertesten Schlagzeug, das ich bis dato gesehen hatte, leidenschaftlicher, verzerrter, ununterbrochener Stakkato-Singsang, der auch gerne mal geklaute Zeilen aus Stevie Wonders "I just called..." beinhalten konnte und Harmonie-Strukturen, auf die man nur kommen kann, wenn man in der Jugend mit bewusstseinserweiternden Substanzen experimentiert hat. Offensichtlich kann man die dabei erlebten Dinge, bei entsprechender Begabung und Übung, auch dem nüchternem Konzertbesucher, mithilfe der Musik erfahren lassen. Der Auftritt war wie ein endlos dauernder Trip und eine meditative Übung mit Besuch in einer fremden, aber wunderschönen Welt. Das dies auch eins der Anliegen der Band ist, habe ich erst viel später erfahren und war überrascht, wie erfolgreich sie das umsetzen können. Von der biochemischen Botenstoff-Ausschüttung, die ich an diesem Abend erlebte, konnte ich noch den ganzen Rest des Jahres zehren.
Dankbar und begeistert machte ich mich daran, die Musik auch Zuhause erleben zu können und das erste Album sollte das damals aktuelle "Feels" sein. Natürlich ist die Intensität des Live-Auftritts nicht wirklich auf Platte zu transportieren. ich erkannte die Musik sogar im ersten Moment kaum wieder. Viel aufgeräumter, weniger breihaft, weitaus ausdifferenzierter und eben kein musikalischer ausufernder Bewusstseinsstrom, wie auf der Bühne. Manchmal jedoch nahe dran, wie bei "Grass", "The Purple Bottle" oder "Banshee Beat". Manchmal weniger nahe dran, wie bei "Flesh Canoe", "Bees" und "Daffy Duck". Grandios bleibt die Tatsache, das vielleicht noch logische Rückschlüsse auf Einflüsse möglich sind, das Endergebnis aber unverkennbar eigen bleibt.


Phaedra
Phaedra
Preis: EUR 9,99

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Tales of the Future, 11. Januar 2010
Rezension bezieht sich auf: Phaedra (Audio CD)
Einer meiner besten Freunde ist meiner Einschätzung nach der grösste Tangerine Dream Fan, den es gibt. Persönlich konnte ich dies lange nicht mit ihm teilen. Er hat mir zwar oft und viel darüber erzählt, doch meist klang es wie fremde Welten für mich und das leider noch nicht im musikalischen Sinne. Diese CD habe ich trotzdem von ihm bekommen, vielleicht war er auf einer Art Mission, mich zu bekehren. Als ich es schon fast abgehakt hatte, dass wir da jemals auf einen Nenner kommen werden, nahm ich diese Tangerine Dream CD mit zu einem anderen Freund von mir. Die Abende dort sind meistens mit viel zu starkem Kaffee, zu süßen Energy-Drinks, zu viel Passivrauch, zu abstrakter Elektro-Musik und zu trashigen Filmen einher gegangen. Manche Abende sind in einer Art Seance geendet, wenn wir uns an zwei billige Yamaha-Keyboards gesetzt und uns in improvisierten Klangforschungen ergeben haben. Oft genug wurden das legendäre Sitzungen. Im Gegensatz zu diesen Seancen war die Musik von dieser CD natürlich symphonisch. Phaedra hat uns unvermittelt und unvorbereitet in eine recht psychedelische Stimmung versetzt und wurde ein perfekter Soundtrack für solch einen Abend. Mir kam die ganze Zeit des Hörens über der Klang ungeheuer vertraut und bekannt vor, und ich konnte mir nicht erklären woher.
Erst als ich einige Zeit später eins meiner alten Notizhefte durchgeblättert habe, ist mir aufgefallen, dass ich das Titelstück zehn Jahre zuvor in der Radiosendung Raum und Zeit gehört hatte. Kaum vorstellbar, dass ein einziges Mal unbewusstes Hören ausreichen kann, die Melodien nicht wieder zu vergessen.
Danach konnte ich mich der Faszination der alten Tangerine Dream Platten aus den Siebziger Jahren nicht mehr entziehen. Phaedra war die Eintrittskarte in eine musikalische Welt, die psychedelischer Musik aus den Siebzigern ein ganz neues Gesicht gegeben hat, Assoziationen an düstere Science-Fiction Filme aus den Achtzigern hervorruft und teilweise Ambient und Trance Musik aus den Neunzigern vorweg nimmt. Nicht zuletzt durch die damals brandneu eingeführten Instrumente Moog und Mellotron, die hier von Tangerine Dream noch mit spielerischer und improvisierender Heransgehensweise neu entdeckt und ausprobiert wurden. Der gesamte Sound ist warm, wie es eigentlich nur analoge Synthesizer hinbekommen können, die Kompositionen sind atmosphärisch, teils dynamisch und spannungsintensiv, teils meditativ und futuristisch. Kaum zu glauben, dass dies keine Musik zu einem Film ist, wie so viele andere Arbeiten von Tangerine Dream. Über alle vier Kompositionen verteilt, habe ich das Gefühl einen Film zu sehen, so cinematisch ist der Effekt. Genauso unglaublich, das dieses ausufernde, gesangsfreie und experimentell anmutende Stück Musikgeschichte der Band sogar Chartplatzierungen und einige goldene Schallplatten sicherte. Heutzutage undenkbar, und in der damaligen Zeit wohl auch hauptsächlich dem sensationell neuartigen Sound geschuldet. Für mich bisher uneingeholt auf dem ersten Rang aller Tangerine Dream Veröffentlichungen.


Computer World
Computer World
Wird angeboten von nagiry
Preis: EUR 4,42

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Are friends electric?, 10. Januar 2010
Rezension bezieht sich auf: Computer World (Audio CD)
Gut, dass man einmal sechzehn ist. Vielleicht bekommt man in der Zeit dieses Album von einem Schulfreund in die Hand gedrückt, mit den wärmsten Empfehlungen und den grössten Erwartungen. Zuhause findet man es dann vielleicht gerade mal interessant, hört es sich ein paar mal an, bis Alben von Public Enemy oder den Dead Kennedys einfach mehr begeistern. Gut, dass man nur einmal sechzehn ist. Manchmal müssen einfach zwanzig Jahre vergehen, unzählige Musikrichtungen gehört sein, tausenden Platten gekauft werden, nur um am Ende doch wieder Radio zu hören. Wenn dort plötzlich "Computerlove" in der englischen Version auftaucht und man die unzähligen Keyboard-Lines und Synthie-Melodien am Ende des Liedes sich auftürmen hört, weiss man erst, was damals mit sechzehn so alles hätte sein können.
Wenn ich mir das Album heute anhöre, weiss ich es plötzlich zu würdigen. Erkenne die Einzigartigkeit dieses zeitlosen Sounds, an dem auch all die Jahre Techno spurlos vorüber ziehen. Dieser ungewöhnliche, aber sehr hypnotische Mix aus Sterilität und Wärme, scheint kaum vereinbar und ist daher nur um so erstaunlicher.
Plötzlich möchte man nicht 1990 sechzehn gewesen sein, sondern 1980 um vielleicht doch inmitten von Bands wie The Police oder Queen auf etwas wie Kraftwerk gestossen zu sein. Wie weltverändernd muss solch ein Moment sein? Möchte man sich danach nicht auch sofort einen TX816, Minimoog und Atari ST kaufen um sich auf die Jagd nach der perfekten, elektronischen Melodie zu machen. Ich bin davon ebenso überzeugt, wie von der Tatsache, dass Kraftwerk auf diesem Album mehrfach fündig geworden sind.
Alleine die Tatsache, dass Kraftwerk mir diese gedankliche Zeitreise ermöglicht hat, auch noch so verspätet, lässt mich das Album um so mehr schätzen. Obwohl wir doch längst in einer Zeit leben, die 1981 als Science-Fiction bezeichnet worden wäre, erscheint mir diese Musik unserer Zeit immer noch voraus zu sein. Damals hätte mir die LP sicher ungemein Lust auf die Zukunft gemacht, heute dagegen eher auf die Vergangenheit.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 10, 2011 12:33 AM CET


Spiderland [Vinyl LP]
Spiderland [Vinyl LP]
Preis: EUR 21,98

18 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Deeper Than Inside, 10. Januar 2010
Rezension bezieht sich auf: Spiderland [Vinyl LP] (Vinyl)
Ich hoffe, jeder hat eine Geschichte zu dem Tag, an dem er diese Musik zum ersten Mal erfahren hat. Weiss noch wo er war, was er gemacht hat und wie man darauf gekommen ist oder wer dabei war. Bei solch einem markerschütterndem Moment oder so einen einschneidenden Erlebnis, vergisst man so etwas nicht.
Ich bin heilfroh, dieses Album nicht heutzutage zum ersten Mal zu hören. Es ist inzwischen zu viel passiert in der Musikwelt, was sich eventuell beim Hören aufdrängen oder dazwischen drängen möchte. Bevor Begriffe und Stile wie Postrock, Emo, Independent, Slowcore oder ähnliches in der Musikpresse zu inhaltsleeren Worthülsen und zu oft wiedergekäuten Konzepten verkommen sind. Was in der Zwischenzeit aufgetaucht ist, mit diesem Album verglichen wird und dadurch die unverstellte Sicht verkleistert, ist bildverzerrend und lenkt vom wesentlichen ab.
Anfang der Neunziger taucht diese Platte unvermittelt zwischen verschiedenen Genres auf und kaum einer wusste genau, worum es sich bei dieser seltsamen Musik eigentlich handelt. Was waren Slint denn damals? Im Grunde Nerds, die schon in Squirrel Bait Hardcore spielen wollten, aber eben zu nerdig und musikalisch begabt waren, um einfachen Hardcore spielen zu können. So kam etwas eigenes heraus, von dem selbst der Aufnahmeleiter Brian Paulson oder andere zeitgleiche Musiker, wie Lou Barlow direkt gemerkt haben, dass hier eine ganz neue, unvergleichliche Musik die Bildfläche betreten hat. Selbst wenn noch so oft behauptet wird, diese Platte hätte etliche Musikstile begründet, merkt man heute, das dies so einfach nicht stimmt. Spiderland steht sogar in Slints Oeuvre alleine da, geschweige denn in irgendwelchen Genres. Egal welche Bands ich gehört habe, die man damit vergleichen will oder die in einem Atemzug genannt werden, keine hat ein wirklich vergleichbares Stück Musik geschaffen, selbst wenn ich manche der Bands ähnlich hoch schätze. Bedhead bleiben Bedhead, Low bleiben Low und Mogwai bleiben Mogwai. Und keiner davon kann Slint sein! Ich denke, gerade das macht dieses Album aus! Es ist mehr als nur eine musikalische Formel. Diese wäre reproduzierbar. Nicht jedoch die andere Hälfte der Musik, die sich aus den Persönlichkeiten, der damaligen Zeit und der Dynamik zwischen den Musikern und zwischen den Musikern und ihrer Musik entwickelt hat. Es ranken sich nicht umsonst Mythen um die Aufnahmesession zu dieser Lp. Es wird behauptet, dass mindestens ein Mitglied der Band nach den Aufnahmen psychiatrisch behandelt werden musste. Dem Sänger wird körperlich schlecht, nachdem er ein solch intensives Stück, wie das letzte auf der Platte eingesungen hat. Da sich solch intensive Momente durchs Hören übertragen lassen, lässt "Good Morning Captain" wohl auch kaum einen Hörer kalt. Das lässt sich nicht reproduzieren, wenn es nicht absolut authentisch ist und aus dem Moment heraus entsteht. Die Musik lebt glücklicherweise nicht nur von emotionalen Effekten. Ich könnte mir das ganze Album, auch als Instrumentalversion vorstellen und es blieben selbst dann, kaum Fragen offen. Jeder noch so einfache und simple Ton, jeder Akkord oder akustische Effekt, klingt wie eine logische Konsequenz des ganzen. Egal, wohin man hört, kein Musiker fällt aus dem Rahmen. Jeder Song ist eine Einheit, die Musik selbst, das Album an sich wird quasi zu einer eigenständigen Persönlichkeit. Zu einer, die kaum einem fremd sein kann, der sich auf darauf einlässt. Dieses Stadium zu erreichen, gelingt nur den wenigsten Künstlern. Ob es sich um Schriftsteller, Maler oder Musiker handelt. Wer hinter seinem künstlerischen Werk zurücktritt und etwas hinterlässt, das zeitlos existieren kann, den Künstler an sich auch nicht mehr braucht hat die höchste Form von Kunst erreicht. Da ist es nicht verwunderlich, dass sich so unterschiedliche Musiker wie PJ Harvey, Pavement, Mogwai oder Seefeel bewundernd äußern. Ich kann mir vorstellen, dass Spiderland jeden ansprechen kann, solange er unvoreingenommen an diese Platte herangeht und eine Vorliebe für intensive Klänge hat, egal aus welchem Musikrichtung man auch kommen mag. Ich kann nur jedem Ersthörer wünschen, überrascht zu werden. Kalt erwischt zu werden.
Ich habe diesen Effekt, der ähnliches hervor gerufen hat, höchstens noch bei anderen Bands erlebt, die nicht direkt vergleichbar sind. Sie haben einen ähnlich intensiven Eindruck in meiner Musikwelt hinterlassen: Rites of Spring, Moss Icon und Evergreen. Slint blieben jedoch einzigartig, dunkel, mysteriös, nebulös, monolithisch. Es könnte nur noch besser und passender sein, wenn die Musiker danach nie mehr in anderen Bands gespielt hätten und in Vergessenheit geraten wären. Das hätte den Moment der Platte noch mehr unterstrichen. Ein nicht reproduzierbarer Moment, der in seiner Dynamik auf nahezu perfekte Art und Weise auf Vinyl gebannt worden ist. Auf manchen CD haben Slint nicht versäumt drucken zu lassen: "This Music is meant to be listened on Vinyl. Ich vermisse dabei die Ergänzungen: "alone, by night, in a forest". Danach wird die Musik und das Gefühl, das sie zurück lässt, einen nicht mehr verlassen. Ganz gleich wie viele Jahre vergehen. Ich denke, das definiert wohl einen Klassiker.
Kommentar Kommentare (6) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 15, 2014 5:37 PM MEST


Hot Shit [Vinyl LP]
Hot Shit [Vinyl LP]

4.0 von 5 Sternen Weekends of Sound, 9. Januar 2010
Rezension bezieht sich auf: Hot Shit [Vinyl LP] (Vinyl)
Das siebte Album der beiden Ex-Eheleute und auserdem ELLIOTT SMITH Begleitmusiker Sam Coomes und Janet Weisz, letztere auch gleichzeitig die SLEATER-KINNEY Drummerin. Ist denn ein siebtes Album überhaupt notwendig? Warum nicht, wenn immer weiter am Sound der Band gefeilt wird und das Gute beibehalten. Immer gern! QUASI's Ding ist es Musik zu machen, die eher die fröhliche, fast schon lustige Seite des Independent darstellt. Dazu singt Coomes eher traurige, im besten Falle melancholische Dinge über die eher unlustige Seite des Lebens. Aus allen Bereichen. Seiner Stimme hört man an, dass die Mundwinkel unten hängen, das ulkige dabei ist nur, deine Beine und oder Füße scheren sich darum nicht im geringsten. Alle Körperteile, die auf Musik reagieren können, tun das auch und seltsamerweise wird dein Kopf gleichzeitig auch noch bedient. Man steht also da und denkt beschwingt nach - was eine sehr komische Mischung ist. Das muss man als Band erstmal hinbekommen. Coomes schafft es inzwischen, seiner Stimme sogar etwas an Ausdruck zu verleihen, so dass der Unterschied zwischen seinem Organ und dem der Musik nicht mehr so sehr auffällt. Weisz singt ebenfalls dazu und dieser zweistimmige Gesang verleiht der Musik noch mehr an Pop-Appeal. Sie sind auch auf der siebten Platte immer noch ein Geheimtip des Indie-Pop, der inszwischen so geheim gar nicht mehr ist. Die beiden bleiben dabei noch abgefahren und kantig genug, um ein mehrmaliges Anhören zu verlangen und somit einer richtig großen Hörerschaft weiterhin verwehrt zu bleiben.


Milktrain to Paydirt [Vinyl LP]
Milktrain to Paydirt [Vinyl LP]

4.0 von 5 Sternen Pacemakers Ballroom, 8. Januar 2010
Rezension bezieht sich auf: Milktrain to Paydirt [Vinyl LP] (Vinyl)
Dies ist eine etwas spätere Trumans Water Platte. Sie haben weiterhin eine sehr Kunststudentenhafte Herangehensweise an Musik. Klingt sehr chaotisch und ab und an mit taucht eine wirklich grandiose Melodie aus der Klangcollage auf. Versteht mich nicht falsch: dies ist kein Avantgardekrach wie bei den BOREDOMS oder vergleichbaren Gruppen - es ist Amerikanischer College-Rock, jedoch ungestüm und ohne Grenzen vorgetragen. TRUMANS WATER haben ihre eigene Vision und es gibt kaum eine vergleichbare Band. Schon gar nicht aus der Zeit Mitte der Neunziger. Wenn an einem Ende der Skala PAVEMENT mit ihrem schrägen Independent-Rock stehen würden und am anderen Ende halten sich die BLACK DICE mit ihren experimentellen Klangorgien ihrer Frühzeit auf, dann befindet sich TRUMANS WATER in der Mitte! Seltene Musik, die zu den collagenartigen Covern der Alben passt, wie die Faust in die Magenkuhle!


Rubber [Vinyl LP]
Rubber [Vinyl LP]
Wird angeboten von Media Hessen
Preis: EUR 69,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Walking on the Water, 8. Januar 2010
Rezension bezieht sich auf: Rubber [Vinyl LP] (Vinyl)
Iggy Pop...was macht der Typ da auf dem Cover der Platte? Ist er der Mensch, der zwar nicht übers Wasser gehen kann, dafür über Menschen?! Das sieht mir verdammt nach einem Statement aus! Wir haben hier gerade 1972 und ansonsten regiert eher gefälliger Stadion-Rock mit viel Bombast und immer verspielter werdenden Studioeffekten. Bei anderen Bands wurden Sound und Kostüme immer ausgefallener und was macht Iggy? Zieht sich das Hemd aus und latscht über die Köpfe seiner Fans. Die Musik ist genauso! Sie springt mitten rein in die Zuhörer und trampelt auf ihnen rum. Ich weiss nicht, warum es immer heisst punk sei 1977 entstanden... was ist da denn entstanden? Iros, karierte Hosen und Sicherheitsnadeln als Accessoires vielleicht. Die Musik ist doch im Vergleich zu dem, was die Stooges hier runterprügeln doch eher lahm! Die Stooges haben auf keinen Zug gewartet, auf den sie hätten aufspringen können. Sie klauen einfach eine benzinfressende Riesenkarre und brettern mit durchdrehenden Reifen davon! Die Lieder auf dieser LP sind roh, hart, schnell, aggressiv, packend, energiegeladen bis zum geht-nicht-mehr und in ihrer Schlichtheit einfach nur genial! Dazu der rotzig, angepisste Gesang von Iggy mit seinem ureigenen Themen-kanon. Willkommen zur Geburtsstunde einer Legende und von Hi-Energy Rock! Alle Lieder sind alternative Versionen, Live-Aufnahmen oder unveröffentlicht.

Zum Glück waren die Sechziger doch nicht nur Summer-of-Love, Merseybeat oder psychedelisches driften, sondern auch noch dies: ein Live-Erlebnis, dass seinesgleichen sucht und alles dagewesene an die Wand pustet. Es ist 1968 und die Stooges standen erst in den Startlöchern und waren bereit und willig alles zu geben! Anscheinend am besten Live, wie ich als spätgeborener einfach mal vermute, nach dem anhören dieser Platte. Ein revolutionärer Gestus, ein lauter dreckiger Sound, ein entfesselter Frontmann und überdrehte Energie pur! Mit Einflüssen und Coverversionen, die von Pharoah Sanders, über Sun Ra bis zu James Brown reichen. Alles vermengt in einem versifften Keller-Bottich, auf dessen Boden noch die Reste von Chuck Berry, The Who und Hendrix schwammen. Was dabei herausgekommen ist, schmeckt auch nach beinahe vierzig Jahren immer noch außerordentlich. Prost!


The Fawn [Vinyl LP]
The Fawn [Vinyl LP]
Wird angeboten von paule177
Preis: EUR 32,90

5.0 von 5 Sternen Sun is Down, 8. Januar 2010
Rezension bezieht sich auf: The Fawn [Vinyl LP] (Vinyl)
Mit Sea and Cake ist es eine sichere Bank, wenn man erst einmal Fan geworden ist. Eine Band zum gemeinsam älter werden. Jedes neue Album kann man getrost heiss erwarten und niemals werden die Erwartungen enttäuscht. Der einzige Überraschungsmoment an den ich mich erinnern kann, kam mit der Veröffentlichung dieser Lp. Plötzlich wurden auch elektronische Einflüsse spürbar. Seitdem kann man als Fan nur noch mit jedem neuen Album auf die kleinen Nuancen in der Entwicklung warten. Jedes Album hat klitzekleine Unterschiede, vielleicht auch nur die zeitlichen umstände, die beim hören in die subjektive Wertschätzung mit einfliessen, wer weiß? Persönlich hat mir The Biz am besten von allen Alben gefallen, aber das bedeutet nicht viel, denn jedes Album ist einfach herausragend. Das ist der von mir so gerne beobachtete Stereolab-Effekt: Album um Album - und sie lohnen alle! Wo wir gerade mal bei Stereolab sind, das erste Lied hier erinnert relativ stark daran, es könnte auch ein sea and cake cover einer frühen Stereolab-Nummer sein. Ansonsten fächelt einem der Lautsprecher die luftigen, sonnigen Frühlings-Soundtracks der Band entgegen, meisten eher uptempo. Das gewohnte jazzige Element, das den Indiepop der Band oftmals bereichert hat, steht hier eher hinten an. Das tut der Platte aber sehr gut. Wie immer ist mir auch bei dieser LP von Sea and Cake nach einer kleinen Insel, mit Sandstrand und einer leichten brise, die ein lockeres, weisses Hemd flattern lässt, über der kurzen Leinenhose. Schnell noch die Bootsschuhe ausgezogen, die Füße in den Sand gegraben und entspannt zurückgelehnt. Na, das wäre doch ein Leben! Den Soundtrack dazu, gibt es hier.


Soul Discharge
Soul Discharge
Wird angeboten von EliteDigital DE
Preis: EUR 51,95

4.0 von 5 Sternen Experiment in Terror, 8. Januar 2010
Rezension bezieht sich auf: Soul Discharge (Audio CD)
Die Boredoms schauen auf dem Cover der Vinyl-Ausgabe dieses Albums aus, wie man früher gerne mal auf Familienfesten oder Kindergeburtstagen aussah. Schnell den Kleiderschrank der Eltern, geplündert und alles übereinander angezogen um möglichst Slapstickhaft auszusehen. Ich habe das Gefühl, dass sich diese Herangehensweise auch auf die Musik der Boredoms auf dieser Lp anwenden lässt. Wer beim Anblick des Covers noch amüsiert lacht, wird das vielleicht nach dem ersten Lied schon nicht mehr tun. Allenfalls verdutzt und erstaunt dastehen und sich denken: Was zum Geier...?
Jeglicher Genrevergleich oder Musikbeschreibung spottet dem Stil der Boredoms, bei dem es sich aber immerhin noch um Musik als solche handelt. Ganz im Gegensatz zu vielen anderen japanischen Krach-und-Chaos Kapellen. Ich vermute, es handelt sich hier um Versatzstücke aus jeder nur erdenklichen Musikrichtung, ineinander verschachtelt und zusammengesetzt wie ein riesiges Kartenhaus, gebaut von einem autistischen Kinde. Ungewöhnlich, aber definitiv beeindruckend! Der Frontmann Yamatsuka Eye mit seinem unmenschlichen Organ versucht durch sein Gebrüll das Gebilde wieder zum Einsturz zu bringen. Ist er eventuell der erste Schreihals dieser Welt, der auf die glorreiche Idee kam, sich einen Tonabnehmer an der Innenseite seiner Wange anbringen zu lassen? Wenn es so gewesen ist, war die elektronische Konstruktion womöglich fehlerhaft und die Stromstöße, die daraufhin seinen Rachen durchzuckten, veranlassten ihn möglicherweise zu diesen infernalischen, völlig durchgedrehten Lautäußerungen. Ein unvergessliches Erlebnis ist es allemal und außerhalb Japans musikalisch auch kaum noch einmal da gewesen.


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