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pollo

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Die Tribute von Panem. Flammender Zorn
Die Tribute von Panem. Flammender Zorn
von Suzanne Collins
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,95

123 von 141 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Unübersehbare Schwächen - gewohnte Stärken, 11. September 2012
Ich muss der eigentlichen Rezension vorausschicken, dass ich die ersten beiden Bände der Panem-Trilogie wirklich genossen und innerhalb kürzester Zeit verschlungen habe. Suzanne Collins hat in diesen Bänden ein solch feines Gespür für liebenswerte (und dennoch komplexe) Charaktere, glaubhafte Welten und stimmiges Erzähltempo bewiesen, dass ich keinen Zweifel daran hatte, dass "Flammender Zorn" der Trilogie zu einem würdigen Abschluss verhelfen würde.

Enthält Spoiler

Leider krankt "Flammender Zorn" an Stilbrüchen und Schwächen, die unübersehbar sind. Die beinahe kammerspielartige Atmosphäre der Duelle in den Arenen muss im dritten Band einem lärmenden und blutigen Kampf gegen die anonymen Heerscharen des Kapitols weichen. Und auch wenn die Charaktere in Collins' Roman ständig Parallelen zwischen den Hungerspielen und dem Krieg gegen das Kapitol bemühen, ist letzterer doch weit weniger atmosphärisch dicht als der Kampf gegen den "vertrauten Feind" in der Arena. So zieht die Protagonistin Katniss in der ersten Hälfte des Romans stumpf von Distrikt zu Distrikt, schiesst gesichts- und namenlose Feinde vom Himmel und dreht Propagandavideos zur Stärkung der Truppenmoral. Das wird von der Autorin alles gewohnt flüssig erzählt und ist auch nicht wirklich langweilig, aber zum emotionalen Mitfiebern regt es nicht an.

Doch nicht nur der Umstand, dass hier Subtilität gegen den Holzhammer und Spannung gegen brachiale Action getauscht worden ist, hinterlässt Fragen. Auch die generelle Motivation von Katniss' Handeln wird nicht deutlich herausgearbeitet. Ja, sie äußert leise Zweifel an ihrer Rolle als Postergirl der Revolution, ja sie lässt sich unter anderem in diese Rolle drängen, weil ihr dafür Straffreiheit für Peeta zugesichert wird - trotzdem bleibt der Leser irritiert zurück, wenn Katniss sich von den Rebellen wie eine willenlose Schachfigur von A nach B und wieder zurück schieben lässt. Collins hat ja bereits geäußert, dass sie ihre Trilogie durchaus als ernste, zeitgenössische (Kriegs-, Medien-, Gesellschafts-) Kritik verstanden wissen will. Deshalb ist es im Sinne der Authentizität auch absolut plausibel, dass allzu plumpe Gut-Böse Gegensätze vermieden werden und die "guten" Rebellen in Katniss ebenfalls nur eine notwendige Spielfigur zum Erreichen ihrer Ziele sehen. Dadurch dass Katniss diese Rolle aber widerstandslos annimmt und sich mehr oder weniger passiv und lethargisch in ihr Schicksal fügt, scheint sie nur noch wenig mit der Figur gemein zu haben, die man in den ersten beiden Bänden der Trilogie kennengelernt hat.

Wenn Katniss dann aber doch mal aktiv wird, zeigt sich, dass "Flammender Zorn" noch ganz andere Probleme als eine inkohärente Figurenzeichnung hat. Nämlich Probleme mit einer nachvollziehbaren Plotentwicklung. Im letzten Drittel des Buches beispielsweise, führt Katniss einen kleinen Soldatentrupp auf eigene Faust tief ins Herz des Kapitols, um ... ja, warum eigentlich? Angeblich, weil sie diejenige sein will, die Präsident Snow das Leben nimmt. Dies ist ihr zu jenem Zeitpunkt allerdings schon längst zugesichert worden! Nichtsdestotrotz schickt sie ihren kleinen Trupp auf eine verlustreiche Selbstmordmission durch die Abwasserkanäle des Kapitols - nur um zu sehen, dass die Rebellenarmee die Stadt sowieso schon fast eingenommen hat und ihre kleine Schwester sogar vor ihr am Ziel der Mission, dem Präsidentenpalast, eingetroffen ist. Der Sinn von Katniss' Harakiri-Aktion, durch welche mehrere Charaktere ihr Leben lassen müssen, wird nie wirklich klar. Die Beiläufigkeit und Lieblosigkeit mit der erwähnte Charaktere von Collins über den Jordan geschickt werden, soll eventuell die Grausamkeit des Krieges verdeutlichen, der keine Zeit lässt, etwaige Opfer zu betrauern. Trotzdem scheint es wenig angemessen, dass Figuren, die von der Autorin über einen langen Zeitraum behutsam aufgebaut wurden, in einem knappen Nebensatz den Tod finden und anschließend nicht mehr erwähnt werden.

In den ersten beiden Bänden hielten sich die Grausamkeiten in der Arena und intime, zarte, hoffnungsvolle oder reflexive Momente stets die Waage. In solchen dialoglastigen Momenten wurden dann die Beziehungen zwischen Ich-Erzählerin Katniss und den anderen Figuren vertieft, was nicht nur für die Figurenentwicklung förderlich war, sondern auch eine willkommene Abwechslung für den Leser darstellte. Auch die Schlachtplatte in "Flammender Zorn" wäre wohl leichter zu verdauen, wenn es diese Form der Abwechslung gäbe, wenn die ersten 200 Seiten nicht überwiegend repetitive Kriegsszenarien abarbeiten würden. Leider sind die meisten jener Charaktere, mit denen Katniss die oben erwähnten Momente in den ersten beiden Bänden teilen konnte, in "Flammender Zorn" abwesend oder an die Leine gelegt. So einleuchtend die Gefangennahme Peetas war, um Katniss' Handeln und ihre Labilität verständlich zu machen, so sehr fehlt Peeta ihr als Interaktions- und Gesprächspartner. Mit Gale gibt es zwar zunächst einige, wenige intime Momente, allerdings wird Gale in den Augen des Lesers im Laufe des Romans zunehmend dekonstruiert. Wenn er beispielsweise dafür plädiert, die Bewohner von Distrikt 2 unter den Trümmern des Berges sterben zu lassen, lässt ihn dies herzlos und beinahe grausam erscheinen. Analog dazu dient die Szene, in der Gale die perfide Bombentaktik (Helfer anlocken und dann sprengen) befürwortet, die später eventuell Prim das Leben kostet. Solche Sequenzen sind wohl erzählerische Kniffe, die Katniss' Wahl für Peeta und gegen Gale vorbereiten. Aber sie disqualifizieren Gale gleichzeitig als den notwendigen Gesprächspartner auf moralischer Augenhöhe, der "Flammender Zorn" gut getan hätte. Durch die Abwesenbheit/Dekonstruktion Peetas und Gales wird also nicht nur der Entwicklung der Dreiecksgeschichte der Wind aus den Segeln genommen, es bedeutet auch, dass sich Katniss zunehmend in ausschweifenden Monologen verliert, die - trotz der grausamen Situation, in der sich die Protagonistin befindet - teilweise unangenehm selbstmitleidig und weinerlich wirken.

Das Ende an sich misfällt mir eigentlich gar nicht. Dass Teenager, die einen Krieg erlebt haben, zum Töten gezwungen wurden und geliebte Menschen verloren haben, nicht ohne seelische Narben davonkommen können, ist kaum verwunderlich. Im Gegenteil, wie lächerlich hätte wohl ein Ende gewirkt, in der sich alle fröhlich die Hände reichen und optimistisch in die Zukunft schauen. Was mich aber am Ende stört, ist, wie lieblos, beiläufig und lapidar es abgearbeitet wird:

Katniss' Mutter? Die arbeitet jetzt in einem anderen Distrikt und lässt ihre labile Tochter - ihr einziges verbliebenes Familienmitglied - allein. Kein aufklärender, abschließender Dialog mehr zwischen den beiden. Keine weiteren Erklärungen Sie ist einfach weg.
Gale? Ihre älteste Bezugs- und Vertrauensperson (außerhalb der Familie), ihr bester Freund, mit dem sie eine so lange Vergangenheit teilt, hat in Distrikt 2 eine neue Arbeit gefunden und "küsst jetzt wahrscheinlich die Lippen einer anderen". Keine dialogische Szene zwischen den beiden, keine Verabschiedung, kein Abschluss.
Peeta? Ja, der ist irgendwann auf einmal wieder da, ist nicht mehr verrückt und jetzt liebt Katniss ihn auch.

Nicht falsch verstehen, ich hab Peeta während der ganzen Lektüre "die Daumen gedrückt" und gehofft, dass Katniss ihn wählt, aber dass die Auflösung, warum sich Katniss für ihn entscheidet (sie braucht Peetas Güte und nicht Gales Feuer...), der Autorin nicht mehr als einen Satz Wert ist, erscheint schon eher schwach.

Dass manchen Leser solch ein unmotivierter, wenig detaillierter Abschluss im Zeitraffer eher unbefriedigt zurücklässt, darf nicht verwunden. Es muss ja nicht unbedingt ein episches, hundertseitiges Herr der Ringe Ende sein, aber ein wenig mehr Informationen oder einen "romantischen Showdown" zwischen Katniss-Peeta-Gale hätte man sich schon gewünscht. Dieser (Haupt)handlungsstrang, das Schicksal der drei Hauptcharaktere wird, wie gesagt, leider innerhalb einiger weniger Sätze abgehandelt. Dies verwundert vor allem deshalb, weil Suzanne Collins auch immer dann am stärksten ist, wenn sie ihren Charakteren genügend Raum gibt, die passenden Worte auszusprechen: Peeta, der Katniss auf dem Dach erzählt, er wolle diesen Moment einfrieren und für immer in ihm leben. Peeta, der Katniss gesteht, dass seine Albträume immer nur davon handeln, dass er sie verliert - und alles wieder in Ordnung sei, wenn er sie neben sich liegen sieht. Peeta, der Katniss davon überzeugen will, dass er in der Arena sterben müsse, da sie sein ganzes Leben sei und er ohne sie nie wieder glücklich werden könne. Das alles schrammt zwar haarscharf an der Grenze zum Kitsch vorbei, aber Collins schafft es, solche Sätze trotzdem rührend und vor allem glaubhaft klingen zu lassen. Umso unverständlicher, dass Collins ihre Charaktere hier nicht selbst sprechen lässt, um deren Entscheidungen, Gefühle und Motivationen glaubhaft, erfahrbar und nachvollziehbar zu machen, sondern dass der Leser alles nur retrospektiv und stark abgekürzt aus Katniss' Mund erfährt. Da kann dann auch der niedliche Dialogschnipsel "You love me. Real or not real? - Real!" nichts mehr daran ändern, dass das Ende einen eher durchwachsenen Eindruck hinterlässt. Die behutsame Charakterentwicklung aus den ersten beiden Bänden wird durch den abrupten Tempowechsel einfach zu sehr konterkariert.

Warum bei all der Kritik trotzdem drei Sterne? Weil ich das Buch spannend fand. Weil ich die Welt, die Collins geschaffen hat, faszinierend finde. Weil ich Collins' Schreibstil und ihr Gespür für Timing und Tempo bewundere. Weil auch Band 3 emotionales Achterbahn-Lesevergnügen bietet - wenn auch nicht in dem Maße, wie die ersten beiden Bände. Weil mir die Figuren mittlerweile ans Herz gewachsen sind. Weil ich die Kritik an Medien, Gesellschaft und Krieg, die die Autorin übt, treffend finde. Weil ich "Flammender Zorn" nicht für einen fehlerfreien, aber trotzdem einigermaßen runden Abschluss der Trilogie halte.

Und letztendlich darum, weil ich auch dieses Buch kaum aus der Hand legen konnte, nachdem ich einmal angefangen hatte zu lesen. Und das ist für mich einfach ein untrügliches Zeichen dafür, dass "Flammender Zorn" - bei aller Kritik - eine Lektüre war, die ich nicht bereue.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 10, 2014 2:29 PM CET


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