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Wirtshausberater (Dresden)

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Das katholische Abenteuer
Das katholische Abenteuer
von Matthias Matussek
  Gebundene Ausgabe

41 von 66 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Himmelsqualen und Höllenfreuden, 25. Juni 2011
Rezension bezieht sich auf: Das katholische Abenteuer (Gebundene Ausgabe)
Bereits der uralte Seneca wusste: "Der gemeine Mann betrachtet die Religion als richtig, der Weise als falsch und der Politiker als nützlich." Folglich kann Matthias Matussek, Chef-Feuilletonist des Mehrwissermagazins "Der Spiegel", mit "ein katholisches Abenteuer" nur einen Witz gemacht haben. In einem Land, dessen Strafgesetzbuch sich noch einen Blasphemie-Paragraphen leistet, wählt er den folgerichtigen Untertitel "eine Provokation". Matussek löst sie ein, die herrlich bigott geheuchelte Provokation, indem er mit beelzebübischem Schalk ausplaudert, wie er den ironiefreien Aufklärungs-Indoktrinierern der Spiegel-Redaktion spaßhaft Wolfgang Ambros entgegenzitiert hat ("Mir geht es wie dem Jesus, mir tut das Kreuz so weh.") Und so feuern und flammen die mit dem Wortschwert vorgetragenen Anekdoten zwischen Himmelsqualen und Höllenfreuden durch die 386 sorgfältig nummerierten Seiten. Am Ende verblasst die johannessche Apokalypse dagegen zum drögen Landregen. Man liest Empörendes über den Antichrist im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ("Peter Hahne muss gegen den Sonntagsbraten anreden"), Versponnenes aus dem Nähkästchen des TV-Talk ("Jörges glaubt an Meerschaum-Pfeifenfilter") und Köstliches über die katholisch geprägten Vorlieben der Maischberger-Redaktion ("Kutteln mit Spargel").

In einem Detail jedoch, und das schmerzt den Rezensenten in Anbetracht der Fulminanz des vorliegenden Werks, verdient Matusseks Kritik. Nicht nur der Bildwitz, bei dem Jesus Paulus darüber aufklärt, dass er Jude und nicht Christ sei, ist von Uwe Becker, sondern alles andere auch. "An ihren Witzen sollt ihr sie erkennen" (1. Johannes 2,1-6). Im christlichen Sinne der Erbsünde ist davon auszugehen, dass Matussek wie seine unseligen Vorbilder von CSU und FDP willentlich abgeschrieben hat. Schade.


Good Food, Bad Food - Anleitung für eine bessere Landwirtschaft
Good Food, Bad Food - Anleitung für eine bessere Landwirtschaft
DVD ~ Coline Serreau
Preis: EUR 11,49

28 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die perfide Saat der Landwirtschaftsmafia, 31. Januar 2011
Warum droht auch der ersten Welt eine Hungerkatastrophe, spätestens sobald das Erdöl versiegt? Warum sind unsere Böden tot? Was ist der Zusammenhang zwischen Pestiziden und dem Militär? Auf welch vielfältige und perfide Weise werden die Bauern über das Saatgut von der Landwirtschatsindustie unterjocht? Woher rührt der angebliche Bedarf an genmanipulierten Pflanzen? Warum braucht eine nachhaltige Landwirtschaft Tiere wie Pflanzen?

Diese und andere Fragen beantwortet "Good Food - Bad Food" über die Stimmen fein ausgewählter Weltverbesserer auf pointierte und oft verblüffende Weise. Die Protagonisten der sog. "konventionellen" Landwirtschaft kommen nicht zu Wort, was jedoch berechtigt ist, hört man deren Propagandalügen ohnehin ständig aus den Mündern ihrer omnipräsenten Lobbyisten, "Journalisten" und Politiker. Was an dem Film vor allem zu loben ist: Er zeigt sehr dezidiert, wie es besser ginge und in Ansätzen bereits besser geht. Pflichttermin im Kino.


Schräge Heimat: Abgefahrene Sehenswürdigkeiten in Hessen
Schräge Heimat: Abgefahrene Sehenswürdigkeiten in Hessen
von Ute Friesen
  Broschiert

13 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die besten B-C-Attraktionen Hessens, 12. Oktober 2010
Mit Sehenswürdigkeiten und Denkmälern ist es ja so eine Sache. Die einen haken sie im Akkord ab mit der Illusion, danach eine Stadt gesehen zu haben; die anderen stiften ihnen einen Sinn, indem sie dem Drängen ihres blasenschwachen Vierbeiners nachgeben. Nun haben es kleinere Orte schwerer, vom großen Reisestrom zu trinken und den Besucher in spe anzulocken. Daher müssen sie sich eine Geographie ausdenken, nach der sie exakt in der Mitte Europas lägen oder einen sinnfreien Rekord aufstellen wie den, die mit 2 Metern achtzig längste Pfeife der Welt auszustellen.

Den B-C-Attraktionen waren Ute Friesen und Jan Thiemann quer durch Hessen auf der Spur und haben 63 Ziele entdeckt, die man nicht besuchen muss. Aber kann. Zum Beispiel, wenn man das Grab eines illustren Dackels besichtigen, die stinkendste Blüte der Welt beschnuppern möchte oder sich für dilettantische Eroskunst aus Elfenbein interessiert. Andere mögen sich dafür begeistern, wie man Schrumpfköpfe ohne menschliches Material herstellt und in welch vielfältigen Vegetationszonen Menschen Schneekugeln herstellen.

Friesen und Thienemann sind solchen Dingen akribisch auf den Grund gegangen und präsentieren in ansprechendem Layout jedes Ausflugsziel mit gelehrigen Details und nicht direkt im Alltag verwertbaren Hintergrundinformationen. Sie tun es launig, kurzweilig und mit Kennerblick für den netten Blödsinn. Sprachlich könnte die eine oder andere Nuance noch besser geschliffen sein, aber das sind die Exponate, um die es geht, ja auch nicht alle. Ich bin schon auf den Bayern-Band dieser Reihe "Schräge Heimat" gespannt.


Macht und Missbrauch: Von Strauß bis Seehofer. Ein Insider packt aus
Macht und Missbrauch: Von Strauß bis Seehofer. Ein Insider packt aus
von Wilhelm Schlötterer
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

91 von 95 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Organisierte Kriminalität in in der CSU, 20. September 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Wer über Jahrzehnte die Berichterstattung zum lustigen Treiben in der CSU in den parteiferneren Medien verfolgt hat, mag trotz allem Betrug und "Intrigantenstadel" (Christian Ude) den Eindruck haben, die bekanntgewordenen Vorkommnisse seien Ausnahmen gewesen oder gar Ausdruck bayrischer Folklore und Bauernschläue. Einer, der es besser wissen muss, ist Wilhelm Schlötterer, ein Finanzbeamter, der es Ende der '70er-Jahre durch redliche Arbeit und Rechtschaffenheit an die Spitze des für die großen Steuerfälle zuständigen Referats im Bayrischen Finanzministeriums geschafft hat. Schlötterers Redlichkeit prallte freilich auf einen Amtschef namens Lothar Müller, einen Intimus von Strauß, dessen Aufgabe es offenbar war, den Straußschen Spießgesellen die Steuerfahndung vom Leib zu halten. Schlötterer berichtet, wie er jahrelang genötigt worden sei, seine Pflicht in den Fällen Beckenbauer, Hendl-Jahn, Bäderkönig Zwick usf. zu unterlassen, wie man ihn verleumdet und verklagt habe und gar für geisteskrank erklären lassen wollte, als er sich beispielsweise an den Landtag gewandt habe. Dabei sei Strauß noch nicht mal ansatzweise so intelligent vorgegangen, wie man es ihm nachsagt. FJS, den fast alle Übrigen in der Partei (Schlötterer war ebenfalls Mitglied) fürchteten, habe einfach soviel Macht besessen, dass er in der Lage gewesen sei, sowohl die Finanzbeamten wie die Strafjustiz zu manipulieren.

Auch wer glaubt, Strauß, der gemeinhin als Übervater der CSU gilt und noch immer von vielen Mächtigen in der Partei als Vorbild genannt wird, sei ein großer konservativer Politiker mit ein paar leidlichen Schwächen (Begünstigung von Amigos, Frauen, Alkohol und gelegentliche cholerische Ausfälle) gewesen, den widerlegt Schlötterer gründlich: Strauß habe wahrscheinlich in seiner Amtszeit ein Vermögen von über 400 Millionen D-Mark zusammengerafft, u.a. durch Provisionen für Waffengeschäfte und Schmiergeld für Steuergeschenke - alles freilich verteilt auf ein halbes Dutzend Schweizer Konten. Schlötterer berichtet von den charakterlichen Widersprüchen von Strauß' Helfern, die Täter wie Opfer Strauß' gewesen seien, z.B. denen seines Nachfolgers, des damaligen Finanzministers Max Streibl. Interessanterweise habe das System Strauß nicht mit dessen Tod geendet, denn die Günstlinge Stoiber, Tandler, von Waldenfels, Erwin Huber und wie sie alle heißen seien in die Schweinereien seiner Amtszeit bzw. deren Folgen verwickelt, später dadurch erpressbar gewesen und hätten ihrerseits die gleichen Methoden angewandt. Dass manches aufflog, so kann man aus Schlötterers Aufzeichnungen schließen, lag nur darin, dass niemand nachher soviel Macht konzentrieren konnte wie Strauß und sie derart despotisch ausübte.

Schlötterers Zeitdokument ist dermaßen detailliert, dass die geschilderten Vorkommnisse schwer erfunden sein können. Dabei ist einiges unnötig ausführlich, und auch viele Kommentare des Autors hätte es angesichts der Fülle der offenbaren Fakten nicht gebraucht. Gerhard Polt hat einmal den Witz erzählt, der Unterschied zwischen der CSU und der Mafia sei, dass die Mafia einen Ehrenkodex habe. Man mag ergänzen, dass die CSU ihre Gegner in all den Jahren immerhin nicht erschossen hat. Insofern liegt Bayern noch vor Italien. Andererseits ist der Unterschied Bayerns gegenüber Musterländern der Korruptionsbekämpfung wie Griechenland oder Bulgarien eher ein quantitativer.

Seehofer hat seiner Partei offenbar auferlegt, das Buch totzuschweigen. Dabei ist "Macht und Missbrauch" ein Werk, das nicht nur jeder Bayer kennen sollte, und es wäre begrüßenswert, wenn nicht nur die Strauß-Nachkommen dumm genug wären, Schlötterer zu verklagen. Wenn nur ein Bruchteil in dem Buch wahr ist, haben sich die Großkopferten der CSU über Jahrzehnte des organisierten Verbrechens in Finanzangelegenheiten und der Strafvereitelung schuldig gemacht. Im Grundsatzprogramm der Partei heißt es: "Bürgerrechte und Bürgerfreiheiten müssen vor Gewalt, Kriminalität, Rechtsbruch und Radikalismus geschützt werden." Genau!
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 14, 2013 10:13 AM MEST


Sieben verdammt lange Tage: Roman
Sieben verdammt lange Tage: Roman
von Jonathan Tropper
  Gebundene Ausgabe

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wuchtiger, kluger Männerroman, 13. September 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
In einem Männerroman ist der Protagonist meist auf Sinnsuche zwischen einer eingeschlafenen Dauerbeziehung, sexuellen Verlockungen, dem Austesten des verbliebenen eigenen Marktwerts nach verlorenen Jahren und der Sinnlosigkeit des beruflichen Schaffens. Bei Jonathan Tropper kulminiert das Grundmuster jedoch in der kuriosen Situation, dass Judd Foxman eine Woche lang mit Mutter und Geschwistern in einem engen Raum die jüdische Totenwache für seinen soeben verstorbenen Vater abhalten muss, um dessen letzten Willen zu erfüllen. Täglich kommen Dutzende anteilnehmende Freunde und Bekannte der Familie, die Judd auch dazu kondulieren, dass er gerade von seiner Frau zugunsten seines Chefs, einem schmierigen Radioproduzenten und -moderator verlassen wurde. Immer mehr familiäre Abgründe, kaputte Beziehungen und ungelöste Konflikte tun sich auf wie der um Judds Mutter, die als Autorin von Erziehungsratgebern ihre Muttersorgen unverblümt zu Papier gebracht und damit Judd in der Schule der Lächerlichkeit preisgegeben hat. Judd versucht, dem Schauspiel zwischen Kondulenz, überbordenden Buffets und gegenseitiger Demütigung zu entfliehen, indem er sich mit seiner unerfüllten Jugendliebe Penny trifft, während er erfährt, dass Jen von ihm schwanger ist.

"Sieben verdammt lange Tage" ist ein raffiniert konstruierter Familienreigen, ein kluger Männerroman, der durch viele feine Formulierungen und Einsichten überrascht. Tropper gelingt es, all die Widersprüche des Protagonisten und der Übrigen glaubhaft und wuchtig in eine Vielzahl zwar plackativer, aber schön ausgedachter Szenen zu setzen. Kritisieren könnte man einige Längen in der Mitte und das zwar gute Ende, das aber nicht hundertprozentig zu den Geschehnissen davor passt. Unter dem Strich auf jeden Fall ein überdurchschnittliches Lesevergnügen.


Tiere essen
Tiere essen
von Jonathan Safran Foer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

22 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Perverser Fleischkonsum, 17. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Tiere essen (Gebundene Ausgabe)
Ich habe nur das amerikanische Original gelesen, kann also nichts über die deutsche Übersetzung sagen.

Nach seinen spektakulären Erstlingsromanen "Everything Is Illuminated" und "Extremely Loud and Incredibly Close" hat sich Jonathan Safran Foer (Jahrgang 1977) drei Jahre lang dem Thema Fleischessen gewidmet und ein Buch darüber geschrieben.

"Tiere essen" beginnt harmlos, biographisch, Foer erzählt von seiner Kindheit und seiner Oma, die ihm beigebracht habe, dass alles, was auf den Teller komme, ein Geschenk sei, und dass gutes Essen in Fleisch großer Tiere gipfle. Später habe er zwischen Omnivor- (Allesesser) und Vegetariertum alterniert, wobei die Fleischverweigerung mehr der Identitätssuche gedient habe als wirklich fundiert gewesen zu sein. Foer gibt vor, kein flammendes Plädoyer für Vegetarismus vorlegen zu wollen. Stattdessen rührt er in den Widersprüchen, die jeder von sich kennt, den Gegensätzen zwischen Problembewusstsein, -ausblendung und Bequemlichkeit.

"Tiere essen" ist jedoch nur insofern keine Streitschrift gegen Fleischkonsum, als Foer zwischen Fleisch von vormals artgerecht gehaltenen Tieren und dem von Geschöpfen aus Massentierhaltung unterscheidet. Zunächst widerlegt er gründlich diejenigen unter den Lesern, die Tieren Intelligenz, Bewusstsein, Emotionen und Leidensfähigkeit absprechen wollen; Hühner und Fische seien da keine Ausnahme. Nun stamme 99% allen in den USA verzehrten Fleisches aus Fleischfarmen, in denen die Tiere nicht nur zusammengepfercht würden, wie es ihr Körperumfang gerade noch zulasse, mit Wachstums-, sonstigen Hormonen und Antibiotika vollgestopft würden, sondern genetisch dermaßen degeneriert seien, dass sie sich auf natürlichem Wege gar nicht mehr fortpflanzen könnten. Foer begibt sich in die Hühner-, Schweine- und Rinderfabriken und die Industriefischerei, spricht mit vielen Angestellten, Farmern und Experten und lässt einige im Wortlaut Klartext reden. Ihre Berichte zeigen beispielsweise, dass es in den industriellen Zucht- und Schlachtanlagen nicht mehr die Spezies Huhn gibt, sondern nur mehr die sich stark unterscheidende Eier- und die fleischgenerierende Kreatur (bei ersterer werden natürlich die Männchen vernichtet, sobald feststeht, dass sie welche sind). Die Tiere sind durch Züchtung und Medikamente dermaßen verkommen, dass die fleischreichen Körperteile in einem Bruchteil der von der Natur dafür vorgesehenen Zeit wachsen; es gibt Schweine, denen das Bauchgewicht die Beine bricht und Abertausende kranke Tiere, die als Abfallprodukt in Kauf genommen und unter großen Qualen vernichtet werden. Die Massenschlachtung der Überlebenden folgt freilich unter minimalen Kosten für die Fabrikanten und damit großer Pein für die Tiere. Und damit nicht genug, mutieren viele der Angestellten, die teilweise mehrere tausend Kälber pro Tag töten müssten, häufig zu Sadisten, und die Tiere dienen als wehrlose Opfer ihrer geistigen Abstumpfung und Verrohung.

Wem die Ethik und Philosophie um den Tierschutz, die Foer ebenso beleuchtet, als Argumente nicht reichen, dem rechnet er vor, dass der Massentieranbau für mehr Treibhausgasausstoß verantwortlich sei als der gesamte Verkehr. Darüber hinaus züchte man sich Abermilliarden Wirte von Viren heran und mache die Menschheit antibiotikaresistent, ganz abgesehen von den Fäkalienmassen, die über Böden, Grundwasser und Regen in den Nahrungskreislauf gerieten. Am Ende stellt Foer noch ein paar redliche Farmer vor und zeigt Wege auf, wie man zurück zu gesünderem, besserem Fleisch finden könne. Und wenn nicht, dann wenigstens zu einer minimalen Ethik, die den Konsum von Fleisch aus perversen Fabriken verbiete.

Foer hat "Tiere essen" mit der gleichen Energie, der gleichen sprachlichen Zuspitzung und tiefgründigen Klugheit geschrieben wie seine Romane. Man mag der Ansicht sein, trotz Massentierhaltung seien die Zustände nicht allzu schlimm und die Quote validen Fleisches in Europa um ein paar Prozentpunkte höher als in den USA. Doch wenn man nicht komplett naiv ist, wird man kaum daran zweifeln, dass so ziemlich alles, was hierzulande bei Lidl, Aldi und Co. im Fleischregal liegt, die Produkte von bedauernswerten Frankenstein-Geschöpfen sind. Die Fleischindustrie hat zum Zweck der Gewinnmaximierung (und nicht der Massenspeisung, die auch anders funktionierte) die Natur pervertiert. Man mag gerne weiter die Reste industriell verstümmelter Tiere essen. Aber vorher sollte man "Tiere essen" lesen.


Die Fremde
Die Fremde
DVD ~ Sibel Kekilli
Preis: EUR 7,99

37 von 44 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Authentisch wirkendes Drama, 18. Juli 2010
Rezension bezieht sich auf: Die Fremde (DVD)
Sechs Jahre nach ihrer spektakulären Leistung in Fatih Akins "Gegen die Wand" sieht man Sibel Kekelli zum ersten Mal wieder in der Hauptrolle einer größeren Filmproduktion. Sie spielt Umay, eine Frau, die offenbar von Berlin aus in eine trostlose Istanbuler Vorstadt verheiratet wurde. Die Geschichte kennt man eigentlich zu Genüge, obwohl sie in "Die Fremde" anfangs nicht sehr drastisch dargestellt wird: Der Zwangsehemann schlägt Frau und Kind, die Frau flüchtet mit ihrem kleinen Jungen zur Familie nach Deutschland. Doch eine Frau fern von ihrem Ehemann bringt selbst in Berlin-Kreuzberg Schande über ihre türkische Familie, weshalb der Vater und Patriarch beschließt, dass der kleine Junge zum Vater zurückmüsse. Umay flieht unter Polizeischutz mit ihrem Steppke in ein Frauenhaus, doch die Brüder, insbesondere der ältere - der zusammen mit dem Vater aus dem anfangs sanften, jüngeren, Umay nahestehenden, eine tragische Figur macht - spüren ihn auf. Umay beginnt, sich ein eigenes Leben aufzubauen, doch sie hängt an ihrer Familie, kämpft gegen die Verdammung, was bis zum Ende für zunehmend dramatische Szenen sorgt.

Das Debut von Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin Feo Aladag weist handwerklich (Kameraführung, Dramaturgie, Tempo) einige Schwächen auf, dennoch und vielleicht sogar deshalb wirkt "Die Fremde" von Anfang an authentisch. Auf jeden Fall gelingt es Aladag, die himmelschreiende Ungerechtigkeit, die der Heldin widerfährt, nachdrücklich ins Bild zu setzen. Sibel Kekelli spielt vielschichtig, sensibel, wütend, obwohl die Rolle nicht ganz die Wucht wie die in "Gegen die Wand" hat. Dennoch bringt die Figur Umay durch ihre Hartnäckigkeit tiefe Brüche in den Familienmitgliedern zutage, was dem Thema einen neuen Aspekt verleiht. Das Ende ist bitter und erwischt den Zuseher hundsgemein und sehr konsequent auf dem falschen Fuß. Da würde man fast einen hanebüchenen Logikfehler nicht bemerken.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 7, 2011 7:52 PM CET


Der Bernsteinbund: Historischer Roman
Der Bernsteinbund: Historischer Roman
von Heike Wolf
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schöne Brüdergeschichte um Geld und echte Werte, 14. Juli 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Norddeutschland in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts: Die Hanse blüht, und weitgehend krisenlose Zeiten bescheren Kaufleuten gute Geschäfte. So auch dem Bremer Händler Lambrech, der allerdings höher hinaus möchte und mit der Kontrolle des Bernsteinhandels großen Reichtum anstrebt. Als "Bernsteinbund" haben Lambrech und seine drei Kinder der Mutter am Sterbebett unter dem Symbol von deren Bernsteinkette versprochen immer zusammenhalten. Freilich interpretiert Lambrech den Bund so, dass die Kinder sich seinen Zielen zu opfern hätten: Der älteste Nachkomme Henric wird optimal fürs Geschäft verheiratet und bekommt die beste Händlertochter der Stadt Christine zur Frau, die jedoch mit Henrics Bruder Daniel in platonischer Liebe verbunden ist. Der talentierte Daniel eckt in dem Kloster, für das er vorgesehen ist, mit seinem Interesse für weltliche Genüsse an, wird von seinem Mentor zum Medizinstudium nach Italien geschickt und begegnet bei seiner Wiederkehr Christine als seine Schwägerin. Henric ist weitaus anständiger als sein Vater Lambrech, und als er dessen Intrigen und Verbrechen auf die Schliche kommt, wendet er sich von ihm ab, geht mit Christine nach Lübeck und wird dort aus eigenen Stücken ein erfolgreicher Geschäftsmann. Da sich überdies die kleine Schwester Mette ihm anschließt, um ihrer Verheiratung mit einem alten Geldsack ("Pfeffersack") zu entgehen, schwört Lambrecht Rache. Auf Henrics Bitte zieht Daniel ebenfalls nach Lübeck; zu dem Konflikt mit dem skrupellosen Vater kommt noch der zwischen Brudersolidarität und unerfüllter Liebe.

"Der Bernsteinbund" entwickelt schnell einen Sog, so flüssig und stilsicher ist der Roman geschrieben, so gut ist er erzählt und so weitgehend kurzweilig bleibt auch die Handlung über 650 Seiten. Die Figuren und die Umstände der Zeit könnten noch etwas plastischer sein, aber bei dem historischen Rahmen ist es mehr die Geschichte von pekuniären und richtigen Werten, die hier eben zu Beginn der Blütezeit der Hanse spielt. Ein paar Konstruktionen im Plot sind ein wenig als solche erkennbar und vorauszuahnen, aber insgesamt ist "Der Bernsteinbund" ein rundes, schön zu lesendes Werk.


Die Friseuse
Die Friseuse
DVD ~ Gabriela Maria Schmeide
Preis: EUR 7,99

6 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Sympathisch, aber etwas dürftig, 16. Juni 2010
Rezension bezieht sich auf: Die Friseuse (DVD)
Dorris Dörrie ist ein Name, der mich bei einem Film erstmal skeptisch macht, hat sie doch mit dem Film "Männer" eine weitgehend ziemlich unseelige Welle deutscher Mann/Frau-Schenkelklopfkömodien ausgelöst, die bis heute nicht ausgestanden ist. Freilich ist das ihr nur sehr bedingt anzulasten, und den Trailer von "Die Friseuse" fand ich sehr erfrischend wie auch Kritiken, die ich las, sehr positiv ausfielen.

Kathi (Gabriela Maria Schmeide) liebt es, Menschen frisurtechnisch "aufzuhübschen", blitzt aber - selbst gerade joblos - bei einer arroganten Friseursaloninhaberin ab, weil sie stark übergewichtig ist. Sie fasst den Entschluss, in dem leeren Laden direkt daneben ihren eigenen Saloon aufzumachen. Freilich hat sie von dem Geschäftlichen keine Ahnung, versucht dies aber mit erfrischendem Berliner Charme und Humor zu kompensieren, etwa wenn sie sich bei einem Bankschnösel über dessen unfreundliche Begrüßung mokiert. Als Mitstreiterin findet sie eine dünne Friseurin, die Equipment besitzt: Zusammen frisieren sie in Altenheimen, um das nötige Geld zu beschaffen. Dieses kommt hauptsächlich jedoch von einem zwielichtigen Kreditgeber, der Kathi überdies mit illegalen vietnamesischen Arbeitern versorgt, die wiederum bald Zuflucht in Kathis kleiner Wohnung in Berlin-Marzahn suchen. Dazu hat Kathi noch eine Tochter im jungen Teenageralter, die kaum mit ihr kommuniziert, aber einen Haufen Geld hat, was ihr der Vater zusteckt.

Lustig und in dieser Form noch nicht gesehen ist an vielen Stellen die Kameraführung, die Kathis Figur so plastisch ins Bild setzt, dass es manchmal weh tut. Schön gesetzt sind auch die nicht zu dichten Pointen, obwohl manches Motiv (z.B. ein bei der Kopfwäsche Kathis Ausschnitt ansichtiger und dabei onanierender Senior) überstrapaziert wird. Die Figur Kathi in der glänzenden Interpretation von Gabriela Maria Schmeide ist mit ihren Stimmungswechseln und ihrer Natürlichkeit gut genug, um den Film zu tragen. Nach hinten raus wird das Drehbuch von Laila Stieler etwas dünn und weist ein kaum kaschiertes logisches Problem auf, aber als sympathische Kinounterhaltung taugt "Die Friseuse" allemal.


Boxhagener Platz
Boxhagener Platz
DVD ~ Jürgen Vogel
Preis: EUR 7,99

11 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schöne Milieustudie Ostberlins, 16. Juni 2010
Rezension bezieht sich auf: Boxhagener Platz (DVD)
Es gibt nicht viele Filme, die man gerne ansieht, obwohl es lange kein richtiges Thema gibt, das die Szenen zusammenhält. Zu diesen Filmen gehört fraglos "Boxhagener Platz", eine Milieustudie des gleichnamigen Viertels in Ostberlin-Friedrichshain im Jahr 1968. Der Alltag der Menschen wird zunächst von politischen Ereignissen wie dem Einmarsch der sowjetischen Gruppen in Prag und der Studentenunruhen in der BRD nur gestreift. Thema ist anfangs noch am ehesten Oma Otti (Gudrun Ritter) und ihr Schlag bei Männern, von denen allerdings schon fünf im Grab liegen; und auch der aktuelle siecht bereits dahin. Meist begleitet sie der zwölfjährige Enkel Holger (Samuel Schneider), bei dessen Eltern, einem ehrgeizigen Volkspolizisten (eine etwas unschlüssige Figur, gemimt von Jürgen Vogel) und einer Friseurin mit Westgedanken (wirkt unglaublich authentisch: Meret Becker), der Haussegen schief hängt. Brisanz bekommt die Geschichte sehr schleichend über den Mord an einem Altnazi und Kneipenwirt und noch mehr über Ottis Verehrer Karl Wegner (Michael Gwisdek), der sich immer deutlicher als Anhänger des Spartakus-Bunds entpuppt und auf seine Rententage noch mal aktiv wird, um für sein altes Ziel eines wahrhaften, ehrlichen Kommunismus a la Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zu kämpfen. Holger beginnt daraufhin manches in Frage zu stellen und begegnet in der Oberschule einem System, das dabei keinen Spaß versteht.

Regisseur Matti Geschonneck und Drehbuchautor Torsten Schulz (auch Romanvorlage) lassen den Zuseher wohltuend langsam und tief eintauchen in eine kleine Großstadtwelt zwischen dem heimeligen Charme abgewetzter Tapeten und hochprozentiger Eckkneipen und einem System, das zwar jedem eine heile Welt mit bescheidenem Wohlstand bietet, aber nur solange, wie man die Dinge nicht hinterfragt. Die empathischen Hauptdarsteller Gudrun Ritter und Michael Gwisdek überspielen mit ihrer Berliner Schnauze zwischen Alltagssarkasmus und Weltverständnis manche Schwächen in der Dramaturgie. Dazu gibt es fein ausgedachte Nebenfiguren wie einen Jugendlichen, der regelmäßig von seinem Vater verprügelt wird und alles dafür tut, damit dieser lange ins Gefängnis kommt. Besonders toll ist die Szene von der Beerdigungsfeier von Ottis derzeitigem Mann, bei der die Gäste die wohlmeinende Rede des Pfarrers auseinandernehmen, so dass man im Kino jedes Bild und Wort im Gedächtnis speichern möchte.

Ein schöner, sympathischer DDR-Milieufilm, der die Themen treffend anspricht, ohne dabei eine anstrengende Haltung einzunehmen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 7, 2011 8:01 PM CET


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