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Ein Kunde

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Zaun
Zaun
Preis: EUR 14,99

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Immer noch ein Erlebnis, 20. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Zaun (Audio CD)
Groß war die Begeisterung, als vor zwei Jahren das Debüt der vier südbajuwarischen Musikanten erschien. Eine wahre „Kofimania“ zog durch Land und erfaßte – zumindest in ihren Ausläufern – auch einige von uns hier oben im fernen Preußen. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte man wieder aktuelle Musik im Player, bei der die Referenzmaschine versagte: Sowas hatte man noch nicht gehört, sämtliche Vergleiche hinkten mitleiderregend, die Versuche einer eindeutigen Klassifizierung scheiterten kläglich. Am besten gefiel mir noch die Kombination „Biermösl Blosn und Can vertonen Texte von Valentin und Fichte“, aber wirklich angemessene Beschreibungen für diese ebenso seltsame wie wunderbare Musik gab es schlichtweg nicht – konnte es nicht geben.
Nun also liegt mit „Zaun“ der Nachfolger vor. Stilistisch hat sich im Prinzip nicht viel geändert – das Instrumentarium besteht weiterhin aus exotischem Blechgebläse, Akkordeon und Gitarre (wenn auch diesmal kurz ein Klavier auftaucht, aber das stört nicht weiter). Dennoch muß man feststellen, daß die Gruppe nicht einfach nur eine modifizierte Neuauflage des Erstlings abgeliefert hat. Eine Weiterentwicklung ist deutlich zu erkennen, sowohl musikalisch als auch textlich. Ob man die Veränderungen als eher erfreulich empfindet, hängt wohl vom individuellen Geschmack ab. Mir persönlich gefällt das Debüt nach wie vor besser – ich finde, die Gruppe hat bei „Zaun“ ausgerechnet diejenigen Elemente etwas in den Hintergrund treten lassen, die früher ihre eigentlichen Stärken waren. Das fängt bei den Texten an: Die neuen Lieder haben zum großen Teil „richtige“ Songtexte, mit Inhalt und Sinn, teilweise sogar mit klaren politischen und gesellschaftlichen Bezügen. (Wahrscheinlich liegt deshalb diesmal auch ein Textblatt bei.) Die typischen, weitgehend sinnfreien und absurden Wortspielereien, die das Debütalbum so einzigartig machten, fehlen auf der neuen LP fast völlig. Ebenso fehlt weitgehend das vielzitierte „repetitive“ Element, die mantraartigen Wiederholungen kurzer Melodieteile, die damals Vergleiche mit Can und minimalistischer Musik hervorriefen. Die neuen Songs hingegen haben oft ausgearbeitete Strophen und Refrains, ganz im Sinne der „klassischen“ Liedform. Besonders bedauere ich aber das Fehlen der eingängigen Melodielinien, der hymnischen, folkloristisch angehauchten, oft mehrstimmig vorgetragenen Refrains, die viele Stücke des ersten Albums zu wahren Ohrwürmern machten. Solche einprägsamen Melodien findet man auf „Zaun“ nur höchst selten – dafür aber ausgedehnte Instrumentalpassagen und viel Sprechgesang, letzterer möglicherweise eine Konzession an den Geschmack des jüngeren Publikums. (Oder sind ihnen da keine passenden Melodien eingefallen?) Und eine zweite „Wäsche“ findet man hier ebenso wenig wie eine weitere „Verlängerung“ – aber das war auch nicht zu erwarten; solche Geniestreiche schüttelt man nicht so einfach aus dem Ärmel.
Wie gesagt, das ist alles Ansichtssache, und ich habe auch schon mit Leuten gesprochen, die dieses zweite Album ebenso begeistert wie damals das Debüt. Um nicht mißverstanden zu werden: Die Platte enthält wunderbare Songs („Blume“ oder den „Zahnputz-Walzer)“, ist insgesamt grandios und unbedingt zu empfehlen – sie verblaßt lediglich ein wenig im Vergleich zum Vorgänger, der allerdings auch nicht zu überbieten war und jetzt schon als Klassiker gelten kann. Hoffen wir, daß den vier Ausnahmetalenten aus Oberammergau für ihr drittes Album wieder ein paar einprägsame Melodien einfallen, daß sie ihre Songs wieder mehrstimmig singen statt sie zu sprechen und daß ihnen auf diese Weise ein weiteres Meisterwerk gelingt. Denn eins ist sicher: Die Kofis sind nach wie vor das Beste, was der deutschsprachigen Musik in den letzten Jahren passiert ist.


Geschichte der Rockmusik: Die komplette Übersicht von ACDC bis ZZ Top
Geschichte der Rockmusik: Die komplette Übersicht von ACDC bis ZZ Top
von David Roberts
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Vorsicht!, 13. November 2014
Ein beeindruckender Wälzer, viele Seiten, guter Druck, tolle Fotos. Allein: Der Text ist praktisch nicht lesbar. Offenbar hat man, statt in eine hochwertige Übersetzung und in ein kompetentes Lektorat zu investieren, ein Übersetzungsprogramm verwendet - jedenfalls sind etliche Passagen nicht ohne weiteres als der deutschen Sprache entstammend zu erkennen. Sätze sind unvollständig und ergeben keinen Sinn, Wörter fehlen oder stehen an der falschen Stelle, inhaltliche Zusammenhänge, die im Original möglicherweise vorhanden waren, lösen sich auf. Durch die unkorrekte Übersetzung von Begriffen ergeben sich sachliche Fehler, die Aussagen ganzer Absätze werden verfälscht. So wird etwa der Eindruck erweckt, Ringo sei während der Aufnahmen zum "Weißen Album" 1968 bei den Beatles ausgestiegen - daß er wenige Tage später seinen "Ausstieg" rückgängig machte, wird verschwiegen. Ich kann nicht genau sagen, ob auch in diesem Fall die Übersetzung verantwortlich gemacht werden muß, jedoch gibt es zahllose Beispiele dieser Art. (Viele sachliche Fehler scheinen aber auch dem Originaltext zu entstammen.) Mit anderen Worten: Man kann sich auf die Richtigkeit der Angaben absolut nicht verlassen, daher ist das Buch als Informationsquelle nicht zu gebrauchen.
Interessant sind aber die Angaben über Plattenverkaufszahlen einzelner Bands und Interpreten. Hier erfährt man, wie hoch die Auflagen der erfolgreichsten Alben der jeweiligen Künstler waren. Dabei gewinnt man teils erstaunliche Erkenntnisse: So erfährt man, daß beispielsweise Bands aus der "zweiten Reihe" wie Journey oder Def Leppard viel mehr Einheiten von bestimmten LPs absetzen konnten als etwa Klassiker wie Deep Purple oder The Who. Aber ob man zur Gewinnung solcher Informationen unbedingt dieses Buch braucht, erscheint doch eher zweifelhaft.


Tatort - Das Buch: 999 x Krimi, Kult & Kurioses
Tatort - Das Buch: 999 x Krimi, Kult & Kurioses
von Francois Werner
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,95

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Bahnfahrt, 21. Oktober 2014
Der Autor Francois Werner gehört unbestritten zu den führenden TATORT-Experten. Als langjähriger Macher der Webseite "tatortfundus.de" - wohl die beste, umfassendste und verläßlichste Seite, die es in Deutschland zu einer Fernsehreihe gibt - hat er sich einen vortrefflichen Ruf als sachkundiger Fachmann erarbeitet. Allerdings: Mit einer Webseite allein läßt sich bekanntlich nur selten Geld verdienen, und so hat sich Francois Werner wohl entschlossen, Teile seines enzyklopädischen TATORT-Wissens in Form eines Buchs unters Volk zu bringen. Prinzipiell ist das in Ordnung. Ich warte ja schon seit langem auf DAS große Standardwerk zum Thema, herausgegeben von den "tatortfundus"-Machern, umfassend und möglicherweise sogar mehrbändig, mit allen Infos, die man zu fast 45 Jahren TATORT-Geschichte zusammentragen kann. So lange wir auf diese "TATORT-Bibel" warten (vielleicht ist sie ja schon in Arbeit und kommt zur 1000. Folge), müssen wir uns mit kleinen Häppchen wie dem vorliegenden Band begnügen, der, wie andere Rezensenten schon bemerkt haben, bestenfalls als Zwischendurch-Lektüre bei Bahnfahrten taugt.
Francois Werner weiß selbst ganz genau, daß dieses Büchlein kein ernstzunehmender Beitrag zur TATORT-Literatur ist: Auf seiner eigenen Webseite, dem "tatortfundus", wird es ebensowenig erwähnt wie das gleichzeitig erschienene "TATORT-Quiz" und andere Spielereien - obwohl der "tatortfundus" normalerweise alle Veröffentlichungen zum Thema sachkundig rezensiert und teils sehr kritisch unter die Lupe nimmt. Wahrscheinlich ist dem Autor klar, daß sein eigenes Buch nach den selbst gesetzten Standards mit Pauken und Trompeten durchfallen würde.
Übrigens: Ich scheine ja so ziemlich der einzige hier zu sein, der das Buch nicht als umsonstenes Vorab-Exemplar bekommen hat. Dennoch sind die meisten Rezensionen eher negativ, was sich der Verlag gewiß anders gedacht hatte, als er die Leseexemplare herausgegeben hat. Das bestätigt eine Beobachtung, die man immer wieder macht: Wenn jemand sein teures Geld für einen Artikel ausgegeben hat, dann ist er viel eher bereit, diesen Artikel auch wirklich gut finden zu wollen. Bei einem "Geschenk" ist das offenbar weniger der Fall - man redet sich das Teil nicht künstlich schön, sondern bildet sich eine objektive Meinung. Beruhigend .....


Müllhalde (Paul Lenz 13)
Müllhalde (Paul Lenz 13)
Wird angeboten von Audible GmbH

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schlüsselroman, 11. September 2014
Rezension bezieht sich auf: Müllhalde (Paul Lenz 13) (Hörbuch-Download)
Als Krimi ist das Buch - wie auch die übrigen Teile der Reihe - eher guter Durchschnitt; nicht übel, aber auch nicht herausragend. Zum Vergnügen ersten Ranges wird der Roman aber, wenn man ihn als "Schlüsselroman" liest. Voraussetzung dafür ist, daß man sich in bestimmten Aspekten der Kasseler Kommunalpolitik auskennt und in den letzten zwei Jahren mitverfolgt hat, was sich im Zusammenhang mit der historischen Kasseler Salzmannfabrik zugetragen hat. Die Ereignisse im Buch beziehen sich in weiten Teilen auf reale Vorbilder. So ist etwa das Opfer Dominik Rohrschach dem windigen Immobilienhai und zeitweiligen Eishockeysponsor Dennis Rossing nachempfunden, der in der Tat mit seinen Machenschaften und mit seinen Kontakten ins Rathaus einiges an Unheil in der Stadt angerichtet hat. Ein denkmalgeschütztes Gebäude hat er dem Verfall preisgegeben, eine vielfältige und blühende Kulturszene hat er durch seine Aktivitäten zerschlagen - alles mit Unterstützung der Stadtpolitik, mit der er aber inzwischen aufs heftigste verfeindet ist. Zwar fährt er nicht, wie im Roman, Porsche, sondern Ferrari, und er wohnte auch nicht in Eschwege, sondern in Bad Hersfeld (zumindes ist dort sein Büro). Aber seine Charakterzüge und die Handlungen sind eindeutig zu erkennen..Bislang hat man ihn noch nicht als Wasserleiche aus der Fulda gefischt (dafür wäre es jetzt eh zu spät, er hat sein zerstörerisches Werk schon vollbracht), aber die Müllhalde, von der im Buch die Rede ist, gibt's wirklich: Auf dem Gelände der alten Fabrik, die der "Investor" eigentlich sanieren wollte und die jetzt zur Ruine verfällt, türmen sich seit zwei Jahren die Schutthaufen, und es ist bis heute völlig unklar, ob und durch wen sie irgendwann beseitigt werden. Wahrscheinlich werden das die Gerichte entscheiden müssen.
Dem kundigen Leser bereitet es viel Freude, immer wieder Verbindungen zwischen Fiktion und Realität zu entdecken, so daß man das Buch (das entsprechende Wissen vorausgesetzt) gar nicht so sehr als Krimi, sondern eher als gelungene Satire liest.


Deckname Adler: Klaus Barbie und die westlichen Geheimdienste
Deckname Adler: Klaus Barbie und die westlichen Geheimdienste
von Peter Hammerschmidt
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

2 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Ärgernis, 27. August 2014
Gewiß ist es ungerecht, das Buch mit einem einzigen Stern abzubügeln - inhaltlich ist die Arbeit sicherlich ein bedeutender Beitrag zur Bewertung der Nachkriegsgeschichte und zudem eine spannende Lektüre. Ich freue mich darauf, zumal mich das Thema sehr interessiert.
Trotzdem mußte ich mich ziemlich ärgern, als ich das Buch auspackte: Schon wieder ein Band, der zu einem Viertel aus dem sogenannten "Anhang" besteht. Es ist immer dasselbe: Man erwirbt ein Buch mit (in diesem Fall) 550 Seiten und stellt dann fest, daß 160 davon größtenteils Quellenhinweise und Zitate beinhalten. Wann endlich merken die Sachbuchverlage, daß der "normale" Leser an ein solches Werk andere Anforderungen stellt als ein Wissenschaftler? Ich will einen möglichst unterbrechungsfreien Text lesen und nicht alle paar Zeilen mühsam nachschlagen müssen, was sich denn hinter den Anmerkungsziffern verbirgt. Klar, wir wissen inzwischen alle, daß korrektes Zitieren im Wissenschaftsbetrieb unerläßlich ist, und ich will auch niemandem, der sich dafür interessiert, die Möglichkeit nehmen, sich über die exakten Quellen zu informieren. Allerdings sollte man seitens der Verlage endlich einmal darüber nachdenken, ob es da nicht leserfreundlichere Lösungen gibt. Besonders wenn - wie im vorliegenden Fall - die Anmerkungen nicht nur Quellenangaben, sondern teilweise auch ergänzende Zusatzinformationen zum Text enthalten, ist man gezwungen, praktisch bei JEDER Ziffer langwierig im Anhang nachzuschlagen. Dies wird noch dadurch erschwert, daß - ebenfalls im vorliegenden Fall - die Anmerkungen nicht von 1 bis x durchnumeriert sind, sondern jeweils kapitelweise zusammengefaßt werden. Mag sein, daß die Verlage der Ansicht sind, dies erleichtere die Auffindbarkeit. Das Gegenteil ist der Fall: Ich muß zunächst ermitteln, in welchem Kapitel ich mich gerade befinde, dann muß ich das entsprechende Kapitel im Anmerkungsapparat suchen, um schließlich nach der richtigen Ziffer zu fahnden. Auch die Option, die Anmerkungen VOR der Lektüre des jeweiligen Kapitels durchzusehen, um festszustellen, ob es sich lohnt, an der entsprechenden Stelle nachzublättern, führt uns hier nicht weiter.
Kurz und knapp: Niemand hat etwas gegen einen überschaubaren Anhang,mit Register, Literaturliste, Abkürzungsverzeichnis oder Zeittafel. Aber ein Viertel des Gesamtumfangs eines Buchs für Anmerkungen und Quellenangaben zu verschwenden, ist ganz einfach nicht mehr zeitgemäß. Warum stellt man die Quellenangaben nicht ganz einfach ins Netz? Mit den richtigen Suchfunktionen versehen, wäre das für Interessierte mit Sicherheit die beste Lösung. Und ergänzende Erläuterungen, die oft in den Anhang verbannt werden, gehören an die entsprechende Stelle im Text - notfalls in Klammern oder als Fußnote!
Diese Anmerkungen könnte ich praktisch unter jedes aktuelle Sachbuch schreiben - die Neigung zu exzessiven Anhängen ist weit verbreitet. Sorry, daß es nun dieses Buch trifft - aber vielleicht dringen die Bitten ja auf diesem Weg mal an das geneigte Ohr eines Verantwortlichen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 9, 2014 11:11 PM MEST


Heimatschutz: Der Staat und die Mordserie des NSU
Heimatschutz: Der Staat und die Mordserie des NSU
von Stefan Aust
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

17 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Verläßlich?, 22. Mai 2014
Hab das Buch heute gekauft und - als Kasseläner - zunächst mal nachgeschaut, was die Autoren über den Kasseler Mord schreiben. Das Entsetzen ist groß: Daß sie aus unserer historischen Königsstraße "eine Einkaufsmeile" machen, läßt sich ja mit etwas gutem Willen noch verschmerzen. Daß aber die Wolfhager Straße zur "Wolfhagener Straße" mutiert und daß die Holländische Straße, wo der Mord geschah, zur "Holländischen Reihe" wird, schürt den Verdacht, die Autoren hätten sich mit den Gegebenheiten vor Ort gar nicht richtig befaßt. Klar, das können Flüchtigkeitsfehler sein, und das Buch ist ja wohl auch in ziemlicher Eile entstanden. Aber zwei derartige Fehler auf wenigen Seiten? Man fragt sich unwillkürlich: Wenn schon die allgemein bekannten Straßennamen nicht stimmen, wie sieht es dann mit der Zuverlässigkeit der übrigen, teils ja neu recherchierten und für Außenstehende nicht nachprüfbaren Informationen aus?
Wie gesagt, ich habe bisher nur drei oder vier Seiten gelesen, und ich bin gepannt auf den Rest. Aber der erste Eindruck war nicht sonderlich positiv.


30 Years
30 Years
Preis: EUR 29,99

10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Schrott mit Pappe, 6. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: 30 Years (Audio CD)
Eine dringende Empfehlung: Finger weg! Das Teil ist absoluter Schrott und zu diesem Preis eine Frechheit - aber selbst die Hälfte wäre noch zu viel! Man bekommt eine Pappschachtel mit den CDs in Papphüllen, auf denen man die abgedruckten Songtexte nur mit Hilfe einer Lupe entziffern kann. Booklet gibt's keins, also auch keine Informationen. Aber der größte Skandal ist die Tatsache, daß man hier nicht etwa die vorbildlichen CD-Editionen mit Bonus-Tracks bekommt, die vor einigen Jahren bereits veröffentlicht wurden, sondern lediglich CDs mit dem Inhalt der Original-Alben von damals. Jeder Pogues-Fan weiß aber, daß die Band in den 80er Jahren etliche ihrer besten Songs nur auf Singles, Maxis, oder EPs herausgebracht hat. Kaum zu glauben, aber wahr: Auf dieser angeblichen "Jubiläumsedition" fehlen einige der größten Pogues-Klassiker wie "Irish Rover", "Yeah Yeah Yeah Yeah" oder "Jack's Heroes" ebenso wie all die anderen tollen Tracks, die damals als B-Seiten oder auf EPs erschienen sind. Kurz: Die Box ist wie eine Geburtstagsfeier, auf der es statt Erdbeertorte nur trocken Brot gibt. Wie gesagt: Finger weg - wer sich für die Pogues interessiert, sollte besser ein paar Euro mehr anlegen und die Einzel-CD-Versionen der Alben MIT den Bonus-Tracks erwerben!
Fazit: Kandidat für den Preis "ärgerlichstes Box Set 2013"
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 13, 2014 4:12 PM CET


Jahreszeiten 1967-2013 (Limited Edition)
Jahreszeiten 1967-2013 (Limited Edition)
Preis: EUR 199,99

63 von 107 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Tiefkühltorte, 2. Januar 2014
Groß ist sie, die Box. Groß und dick und schwer: Vier Kilo wiegt das Monstrum, das nur mit Mühe ins Plattenregal paßt. Abteilung Vinyl-LPs, obwohl es doch eigentlich CDs sind - aber das Format gebietet die Einordnung in den Schrank mit den großformatigen Langspielplatten. Sieht beeindruckend aus, erinnert ein wenig an die Verpackung einer Tiefkühltorte, einschließlich der Papp-Banderole. Man braucht beide Hände, um das Paket unfallfrei bewegen zu können. Macht schon was her - selbst in einem Plattenschrank, in dem an umfangreichen und dickleibigen Boxen kein Mangel herrscht.
Das will ich auch hoffen, schließlich habe ich satte 220 E für das Teil angelegt. Zweifel plagten mich aber von Anfang an: Muß ich tatsächlich eine CD-Box haben, deren Inhalt ich zum größten Teil bereits besitze? Nachdem ich mich über die Feiertage intensiv mit den Jahreszeiten" befaßt habe, kann die Antwort nur lauten: Nein!
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, meinen Ärger für mich zu behalten und die Angelegenheit schnellstmöglich als Fehlkauf" abzuhaken. Nach Lektüre der meisten übrigen Rezensionen auf dieser Seite möchte ich aber doch den Jubelarien eine etwas kritischere Würdigung entgegensetzen. Ich bin nämlich der Auffassung, daß wir es hier mit einem völlig mißratenen, überflüssigen und - am Ergebnis gemessen - maßlos überteuerten Produkt zu tun haben, vor dem man anbeträchtlich des Gefälles zwischen Anspruch und Wirklichkeit nur warnen kann.
Im Gegensatz zum ersten Rezensenten (der übrigens einen Postboten haben muß, der mitten in der Nacht anliefert, und zudem offenkundig über die Gabe verfügt, innerhalb kürzester Zeit eine ebenso umfang- wie kenntnisreiche, brillant formulierte und fast schon literarische Besprechung zu verfassen. Wie sonst kann es zugehen, daß der Text bereits am Tag der Veröffentlichung der Box frühmorgens auf der Seite steht? Es sei denn, der Rezensent hatte bereits VOR der VÖ Zugriff auf das Produkt. Jaja, ich weiß - Presseexemplar. Aber hat Universal tatsächlich kostenlose Promos einer derart hochwertigen Edition verschickt? Sollte mich sehr wundern .....). Nun ja, zurück zum Thema: Im Gegensatz zum ersten Rezensenten (und in völliger Übereinstimmung mit den Besprechungen von Silkyway" und Fiesli") bin ich überhaupt nicht der Ansicht, daß man auf hohem Niveau" jammert, wenn man das Fehlen der Singles, B-Seiten, sonstiger verstreuter" Tracks und unveröffentlichter Aufnahmen beklagt. Die Hoffnung auf genau diese Titel war für mich ein Anlaß, die Box zu bestellen. Natürlich ist mir klar, daß lediglich eine Edition der Original-Alben angekündigt war und daß ich nicht erwarten konnte, mehr zu bekommen als versprochen. Dennoch: Was denkt sich eine Plattenfirma, wenn sie einen Interpreten vom Rang eines Reinhard Mey zu seinem Dienstjubiläum" mit einer Mammut-Box würdigt und die für echte Fans interessantesten Stücke nicht berücksichtigt? Was hielt sie davon ab, noch zwei oder drei weitere CDs beizulegen und damit dann auch wirklich das GESAMTwerk des Künstlers abzudecken? Die Alben gibt's seit Jahren in jedem Plattenladen - die frühen Singles und EPs hingegen fehlen selbst langjährigen Fans. Und diese sind es doch wohl, an die sich eine solche Edition richtet.
Die der Box beigefügte (wenn auch unvollständige) Diskographie belehrt uns, daß auch während der Zeit bei Intercord, also nach Veröffentlichung der ersten Alben, weiterhin Singles erschienen sind, die nicht auf den LPs enthalten waren. Mann aus Alemannia" ist hier nur das prominenteste Beispiel - kaum zu glauben, daß man diesen Klassiker und viele weitere Tracks, darunter wohl auch eine frühe Version der Heißen Schlacht am kalten Büffet", einfach unterschlägt! (Immerhin: Mann aus Alemannia" gibt's als TV-Aufzeichnung auf der beigefügten DVD mit alten Fernsehauftritten.) Die in einigen Kommentaren zu lesenden Hinweise auf die Veröffentlichung mancher Raritäten auf diversen Samplern helfen uns nicht weiter - es kann ja wohl nicht wahr sein, daß man für teures Geld eine elefantöse Box erwirbt und sich dann trotzdem etliche Songs anderweitig zusammenkratzen muß.
Unterschlagen hat man auch - wie der Vorrezensent zu Recht anmerkt - fast sämtliche unveröffentlichten Aufnahmen (abgesehen von einigen Coverversionen aus der späteren Phase). Es ist bei solchen Luxus-Ausgaben üblich, daß man die Archive sichtet und interessante Fundstücke der Öffentlichkeit zugänglich macht: Alternativ-Takes, Demo-Versionen, unveröffentlichte Songs, abweichende Arrangements usw. Es wäre sehr spannend gewesen, einen Blick in Reinhard Meys Werkstatt" werfen zu können, nachvollziehen zu können, wie sich Songs entwickeln, verändern, wie sie im Studio - mit Band oder Orchester - erarbeitet werden. Der Vorrezensent Silkyway" (auf dessen Text ausdrücklich verwiesen sei) bringt es auf den Punkt: Es ist sehr unwahrscheinlich, daß von einem Künstler, der seit 50 Jahren Platten aufnimmt, keine Outtakes existieren.
Liveaufnahmen? Ebenfalls Fehlanzeige! Gut, es gibt reichlich Mey-Live-LPs, und daß diese bei der Zusammenstellung der Box außen vor gelassen würden, war bekannt. Aber was ist mit all den historischen, bisher unveröffentlichten Konzertdokumenten? Warum fehlen wieder einmal die kompletten Burg-Waldeck-Mitschnitte? (Die Waldeck-Box, die vor einigen Jahren bei Bear Family erschienen ist, enthält nur Auszüge.) Und auch die Aufnahmen aus dem November 1989 von den ersten Auftritten im Osten würden sicherlich nicht nur die damaligen Augen- und Ohrenzeugen gern (noch) einmal vollständig hören.
Über das Fehlen der französischen, englischen und holländischen Aufnahmen will ich mich jetzt nicht gesondert aufregen - ebensowenig wie über die Abwesenheit der Instrumental-Alben. Ich stelle nur fest: Alles, worauf die Fans seit Jahren warten, weil die Sachen nirgends zu kriegen waren und nie auf CD erschienen sind, glänzt auf der Box durch Abwesenheit. Hingegen findet man ausschließlich diejenigen Aufnahmen, die ohnehin schon immer erhältlich waren. (Zugegeben: Das Remastering der frühen Platten ist durchaus gelungen und eine deutliche Verbesserung gegenüber den alten CD-Ausgaben.)
Stellt sich die Frage: Warum? Juristische Gründe? Kaum anzunehmen - soweit bekannt, hat die Intercord (heute zu Universal gehörend) bereits Anfang der 70er Jahre die Rechte an den frühen Aufnahmen übernommen und damals auch einen Sampler veröffentlicht. Und noch vor wenigen Jahren fand man Die Mädchen in den Schenken" auf der 4-CD-Werkschau Über den Wolken". Rechtliche Hindernisse sind also eher unwahrscheinlich.
Oder ob der Künstler womöglich selbst die Veröffentlichung verhindert hat, so wie er die Herausgabe von Biographien verhindert und Fan-Webseiten abschalten läßt? Jedenfalls ist ihm bewußt, daß die Box Lücken aufweist - im Editorial schreibt er einschränkend, es sei so ziemlich alles" enthalten, was er je gesungen habe. Andererseits beteuert er, nichts verschämt weggelassen" zu haben - aber diese Aussage betrifft offenkundig wieder nur das Material der Original-Alben. Über die Gründe für das Fehlen der übrigen Stücke schweigt er sich aus. Ob ihm einige seiner Jugendsünden" doch peinlich sind? Oder ob es ihn stört, daß die Songs teilweise von anderen Autoren stammen? Befürchtet er, daß sein Bild in der Öffentlichkeit und bei seinen Fans Schaden nehmen könnte? Fragen, die wohl nur der Meyster selbst beantworten kann.

Kommen wir zum nächsten Ärgernis: dem Begleitbuch. 100 Seiten in LP-Größe bieten nicht etwa, wie man erwarten sollte, endlich eine halbwegs vollständige und aussagekräftige Mey-Biographie, sondern - neben vielen Fotos - lediglich eine praktisch informationsfreie Festrede des Jubilars, der auf seine Karriere zurückblickt und erstaunt feststellt, daß ihn das Publikum nach all den Jahren immer noch mag und daß ihm seine Lieder allesamt ans Herz gewachsen sind - die einen mehr, die anderen weniger. Auch Hannes Waders Laudatio" ist nichts als eine Lobhudelei, ein Heraufbeschwören der guten alten Zeiten und der ewigen Freundschaft. Warum hat man nicht einen fähigen Journalisten beauftragt, einmal eine wirklich umfassende, gut recherchierte, faktenreiche, möglicherweise auch stellenweise kritische Biographie beizusteuern? So etwas gibt es nämlich bis heute nicht - wirklich informative Literatur über Reinhard Mey sucht man vergebens. Schon seltsam, daß einer der populärsten Musikanten der letzten Jahrzehnte immer noch nicht mit einem umfassenden biographischen Werk gewürdigt wurde. Woran liegt's? Vielleicht an ihm selbst: Er weist derartige Ansinnen immer mit dem Hinweis zurück, er sei ja noch am Leben. Außerdem hat er vor Jahren die Veröffentlichung einer geplanten (und bereits angekündigten) Biographie verhindert. Möglicherweise kontrolliert Mey gern selbst, was über ihn verbreitet wird - so hat er ja bereits 2005 sein Bild in der Öffentlichkeit durch den weitgehend substanzlosen Erzählband Was ich noch zu sagen hätte" ein weiteres Mal in seinem Sinne beeinflußt. Befürchtet er, das Image des freundlichen, bodenständigen, bescheidenen Sympathieträgers, das ihn seit Jahrzehnten kennzeichnet, könnte Schaden nehmen?
Aber zurück zum Buch, das der CD-Edition beiliegt. Die größte Frechheit ist die angebliche Mey-Chronik", die den überwiegenden Teil der 100 Seiten einnimmt. Das ist nicht etwa eine kommentierte Diskographie, in der die verschiedenen Songs und Alben (oder auch andere Stationen von Meys Karriere) in chronologischer Reihenfolge ausführlich erörtert werden (was ich erwartet hätte). Nein, es handelt sich schlicht und einfach um eine höchst oberflächliche, stichpunktartige Auflistung politischer, historischer und sonstiger mehr oder weniger bedeutender Ereignisse aus den Jahren 1964 bis 2013, die die Politikerin Antje Vollmer zusammengestellt hat. Man erfährt u.a., daß Willy Brandt 1969 Bundeskanzler wurde und daß 1989 die Mauer fiel. (Ja guckmalachneesiehmalda, das hätte ich jetzt gar nicht gedacht ....) Das Ganze erinnert eher an die Zeitleiste" am Ende des Geschichtsbuches für die achte Klasse - mit dem Unterschied allerdings, daß dort die Fakten in der Regel stimmen. Die Mey-Chronik" strotzt jedoch vor sachlichen Unrichtigkeiten: Die runden Todestage von Schiller bzw. Ibsen 2005 und 2006 werden zu Geburtstagen" umfunktioniert, Zooprofessor Bernhard Grzimek wird in Gerhard Grzimek" umbenannt, und Rudi Carrells Hit "Wann wird's mal wieder richtig Sommer" von 1975 wird mal eben ins Jahr 1978 verfrachtet. Ach ja, und daß nicht England, sondern Großbritannien" 1966 Fußballweltmeister wurde, wird sicherlich die Schotten und Nordiren nachträglich sehr freuen. Erbsenzählerei? Mag sein, aber wie sagte schon (leicht abgewandelt) mein alter Bio-Lehrer? Zu viele Erbsen verderben den Mey!" Was letzterer mit all dem zu tun hat, erschließt sich nur schwer - immerhin werden für die jeweiligen Jahre die aktuellen Mey-Alben und die Tourneen angeführt.
(Übrigens war im Vorfeld die Rede davon, die Veröffentlichung der Box habe sich verzögert, weil sich Fehler ins Booklet eingeschlichen hätten, die korrigiert werden mußten. Wenn das stimmt, dann sind offenbar auch unkorrigierte Exemplare in den Verkauf gelangt - ich hab jedenfalls eins. Oder, was noch schlimmer wäre: das IST bereits die korrigierte Version. Kaum auszudenken, wie die ursprüngliche Fassung ausgesehen haben mag.)
Neben dem großen" Begleitbuch gibt's noch vier kleine, die jeweils in den Papp-Köfferchen mit den CDs stecken. Inhalt: Die Songtexte. Auch hier fragt man sich, was das soll. Wozu braucht jemand, der die Platten hört und halbwegs der deutschen Sprache mächtig ist, die gedruckten Liedtexte? Zum Mitsingen vielleicht? Hätte man hier nicht detaillierte Erläuterungen und Kommentare zu den einzelnen Songs, zur Entstehungsgeschichte, Produktion, Aufnahmedaten, beteiligten Musikern und weitere Infos liefern können? All dies fehlt in der kompletten Box völlig; man erfährt auch nach fast 50 Jahren nicht, wer alles an den frühen Aufnahmen beteiligt war und wie sich beispielsweise die Kooperation mit den Studiomusikern und mit Produzent Walther Richter im einzelnen gestaltete.
Apropos nicht erfahren: Der Box liegt eine Extra-CD mit Songs anderer Komponisten bei, die Reinhard Mey bearbeitet und eingespielt hat. Wann und unter welchen Umständen diese (teils bisher unveröffentlichten) Aufnahmen entstanden sind, darüber schweigt sich das Booklet ebenso aus wie über den Ursprung der Originale.

Weitere Quengeleien (beispielsweise zur beigefügten Video-DVD) spare ich mir jetzt. Man ist ja bekanntlich gehalten, in den Rezensionen auch zum Inhalt der besprochenen Platten Stellung zu nehmen. Das will ich mal versuchen.
Ich hatte die Alben seit langer Zeit nicht gehört und bin nun, beim erneuten Anhören des alten Materials, das ich eigentlich seit Jahrzehnten kannte, zu erstaunlichen Ergebnissen gelangt. Kann sein, daß sich auch meine persönliche Wahrnehmung im Lauf der Zeit verändert hat, aber nach einem intensiven feiertäglichen Check" der Mey-Alben habe ich plötzlich den Eindruck, meine langjährige Zuneigung zu dem prominenten Barden könnte vielleicht doch ein Mißverständnis gewesen sein. Oder hab ich früher bestimmte Songs, bestimmte Textzeilen, bestimmte Aussagen nicht zur Kenntnis genommen? Jedenfalls stießen mir beim Wiederhören etliche Passagen sauer auf, und ich frage mich, ob die allgemeine Beliebtheit Meys nicht auch seiner Fähigkeit zuzuschreiben ist, immer irgendwie auf der Seite des gesellschaftlichen Mainstreams zu stehen. Wenn man sich die Texte anhört und den jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Kontext mitdenkt, dann stellt man schon fest, daß Mey immer so etwas wie den gesunden Menschenverstand" vertritt, sich opportunistisch bestehenden Strömungen anpaßt und sich an einem oft auch nur diffusen Mehrheitskonsens orientiert. Das konsequente Vertreten widerständiger oder nonkonformistischer Positionen ist ihm immer fremd gewesen. Wenn er sich etwa in pazifistischem Sinne äußert, dann entweder ganz allgemein oder im Rahmen eines weitgehenden gesellschaftlichen Konsens (z.B. im Zusammenhang mit der Aufrüstung Anfang der 80er oder mit dem Irak-Krieg).
Problematischer erscheint mir aber, daß er immer wieder auch ganz offensiv den Stammtisch bedient hat, wenn es ihm opportun erschien. Beispiele gefällig? Bitte: Zwei Hühner auf dem Weg nach vorgestern" von 1974 ist eine satirisch verpackte, diffamierende Attacke auf das (damals) zeitgenössische Regietheater, möglicherweise auch auf bestimmte Formen des modernen Theaters generell (Absurdes Theater etc.). Man kann sich gut vorstellen, wie sich die gutbürgerlichen Traditionalisten" damals vor Vergnügen auf die Schenkel klopften, weil endlich einmal einer die Wahrheit" sagt. Ähnliches gilt für die berühmt-berüchtigte Annabelle" - sie wird wahrscheinlich auch heute noch in jedem männerdominierten Aufsichtsrat zur moralischen Erbauung und als Bollwerk gegen die unbarmherzig dräuende Frauenquote abgespielt.

Im Buch zu Box schreibt Reinhard Mey, er habe jedes einzelne Lied geliebt", nehme auch heute kein Wort zurück" und sei für jeder Zeile eingestanden". Also auch für die folgenden:
Dafür hat man einen Künstler aus Grönland engagiert,
der dort mit Schmieröl und Walfischkot experimentiert.
Ich hab nichts gegen Eskimos, ich frag mich nur: Warum
laufen bei uns so viele arbeitslose Bildhauer rum?
Wie dem auch sei, das Kunstamt hat auch für mein Steuergeld
die Plastik ,Kind und Chaos` auf dem Rasen aufgestellt."
Zitat Ende.
Ironisch gemeint? Keineswegs. Im Refrain heißt es, auf den Künstler aus Grönland" bezogen:
Was mich betrifft, ich hab die Faxen satt.
Sieht denn hier keiner, daß der Kaiser keine Kleider an hat?
Das ist weder neu noch originell, das ist nur beknackt ...."

Kann nicht sein, sowas würde er niemals veröffentlichen. Wirklich nicht? Doch - nachzuhören in Des Kaisers neue Kleider" von 1980. Der gefeierte Sprachkünstler Mey bringt es hier tatsächlich fertig, in eine einzige Strophe gleich drei der beliebtesten Stammtischweisheiten zu packen:
-Moderne Kunst ist Schund
-Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg
-Die öffentliche Verwaltung verschwendet unsere Steuergelder
(Durchaus bemerkenswert, daß ihm das heute offenbar nicht peinlich ist - Geh und fang den Wind" aber schon.)
Dieser Hang, dem Volk aufs Maul zu schauen" und diffuse Ängste und Ressentiments zu bestätigen, zieht sich durch große Teile seines Werks. Ich habe in den letzten Tagen viele der Alben (teilweise erstmals nach etlichen Jahren) erneut angehört, und mir fiel doch auf, wie oft Reinhard Mey in wohlige Nostalgie abgleitet, in eine Früher war alles besser"-Haltung, verbunden mit einer Tendenz zu latenter Fortschritts- und Technikfeindlichkeit. (Als ein Bespiel von vielen sei hier Ein Stück Musik von Hand gemacht" angeführt.) Und selbst Klassiker wie Was kann schöner sein auf Erden als Politiker zu werden" oder Ein Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars" sind von der Machart natürlich genial, von der Aussage aber hemmungslos populistisch.
Problematisch wird's auch, wenn Mey in dem (damals schon heftig kritisierten) Müllmänner-Blues" von 1981 eine Gruppe von Menschen, die - sicherlich nicht immer freiwillig - die unangenehmste und mit dem niedrigsten Sozialprestige ausgestattete Arbeit verrichten, als fröhliche Gesellen darstellt, die, immer an der frischen Luft, tanzend und singend eine ruhige Tonne" schieben und vor allem - so die Botschaft - absolut keinen Grund haben, sich über ihre Arbeitsbedingungen zu beschweren.

Solcherlei Beispiele für fragwürdige Aussagen lassen sich in Meys (Fast-)Gesamtwerk viele finden, und wenn die Jahreszeiten"-Box zu etwas gut ist, dann vielleicht als Anlaß, das Bild des Künstlers Mey in der öffentlichen Wahrnehmung möglicherweise etwas zu modifizieren. Zugegeben: Diese Vorhaltungen sind ein ganz alter Hut. Bereits in den 70er Jahren wurde Mey für seine teils indifferente, teils offen populistische Haltung gerügt und geschmäht. Damals zumeist von Polit-Aktivisten, die nicht einzusehen vermochten, daß ein Liedermacher nicht zwangsläufig ein revolutionärer Agitator sein muß. Die Kritik ist - auch aus Mangel an Polit-Aktivisten - schon lange verstummt, und ich muß zugeben, daß ich damals über die Angriffe auf den netten, witzigen und liebenswerten Reinhard, dem man ja nun wirklich nicht böse sein konnte, auch nur milde gelächelt habe - getreu dem Motto was ein Baum tun würde, wenn ein Schwein sich an ihm kratzt". Aber jetzt, beim Wiederhören, fragt man sich doch, ob man die Kritik damals nicht vielleicht etwas voreilig vom Tisch gewischt hat.

Ein Fazit? Versuchen wir`s: Wer ein repräsentatives Coffee Table Book" benötigt, um Besuchern zu imponieren, der ist mit der Box möglicherweise gut bedient. (Allerdings sollte der Coffee Table" hinreichend stabil sein.) Allen, denen an den Original-Alben gelegen ist, seien die vier separat erhältlichen kleinen CD-Boxen empfohlen - sie enthalten sämtliche 26 Alben und sind zusammengenommen deutlich günstiger als die Groß-Edition. Und alle Fans, die gern den kompletten Mey hätten - nun, die müssen sich weiterhin gedulden. (Aber Kopf hoch: In vier Jahren wird er 75, es besteht also Hoffnung!)
Wer die Box (oder auch einzelne Alben) hat, sollte sich vielleicht einmal die Zeit nehmen, die Texte - jenseits des zweifellos vorhandenen Wortwitzes und der sprachästhetischen Qualität - auf die inhaltlichen Botschaften hin abzuklopfen. Man kommt zu bemerkenswerten Resultaten.

PS: Ach ja - Die Zeit des Gauklers ist vorbei" bleibt einer der wunderbarsten Abschiedssongs überhaupt.
Kommentar Kommentare (14) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 23, 2014 9:27 AM CET


The Complete Album Collection, Vol. 1
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Preis: EUR 124,99

76 von 111 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Vertane Gelegenheit, 4. November 2013
Ich weiß, es ist lächerlich, das Gesamtwerk des größten Songschreibers der vergangenen 50 Jahre mit einem einzigen Sternchen abzufertigen. Aber die Bewertung bezieht sich natürlich nicht auf die Musik, für die sind die hier zur Verfügung stehenden fünf Sterne eh viel zu wenig. Ich ärgere mich nur maßlos, daß es die Plattenindustrie wieder einmal - wie bereits öfter in letzter Zeit - verabsäumt hat, eine wirklich vollauf befriedigende Gesamtedition eines Künstlers vorzulegen, obwohl dies doch eigentlich sehr leicht möglich gewesen wäre. Ein Vorrezensent hat bereits auf das Problem hingewiesen: Es fehlen eine ganze Reihe Tracks, die man der Vollständigkeit halber mit hätte dazu nehmen MÜSSEN - insbesondere auch deshalb, weil ausgerechnet die fehlenden Stücke von vielen Fans seit Jahren sehnsüchtig erwartet werden. Die in der Rezension des Koillegen nachzulesende Liste läßt sich noch erweitern: Wo sind Dylans Beteilungen an Tribute-Samplern (Jimmie Rodgers, Hank Williams), wo seine Kollaborationen mit anderen Künstlern (z.B. Doug Sahm)? Was denkt sich eigentlich ein Großkonzern wie Sony, was ein Käufer erwartet, der bereit ist, 150 E für ein Produkt auszugeben? Wieso schafft es eine Kleinfirma wie Bear Family immer wieder, absolut perfekte, vollständige Editionen zu veröffentlichen, während Multis regelmäßig an dieser Aufgabe scheitern?
So, genug Galle in die Tastatur geschüttet - hoffen wir auf den nächsten Versuch!
Kommentar Kommentare (11) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 12, 2014 11:40 AM CET


Der Glückliche schlägt keine Hunde: Ein Loriot Porträt
Der Glückliche schlägt keine Hunde: Ein Loriot Porträt
von Stefan Lukschy
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Autobiographie?, 31. Oktober 2013
Gelungene Zusammenstellung wunderbarer Texte - eine angemessene Hommage an den größten deutschen Humoristen der letzten 40 Jahre!
Aber auf die Autobiographie muß man offenbar noch warten. Es gab nach Loriots Tod Gerpüchte, er habe die letzten Jahre hauptsächlich mit dem Verfassen seiner Lebenserinnerungen zugebracht. Ob dies stimmt und ob eine Veröffentlichung geplant ist, ist unklar - vielleicht kann ein "Insider" (z.B. der Herausgeber des Sammelbands) mehr dazu sagen. Möglicherweise weiß er auch, ob irgendwo die große, allumfassende Loriot-Biographie in Arbeit ist.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 13, 2014 8:41 PM CET


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