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Ossiwan "ossiwan"

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Schlachthof 5
Schlachthof 5
von Kurt Vonnegut
  Taschenbuch

11 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen so it goes, 14. Februar 2006
Rezension bezieht sich auf: Schlachthof 5 (Taschenbuch)
Billy Pilgrim hat ein Problem: Er ist „unstuck in time“. Und das bedeutet, dass er die Zeit nicht chronologisch erlebt, sondern jeden Moment seines Lebens immer wieder erleben kann, egal in welcher Reihenfolge, inklusive Tod und Geburt. Passiert ist ihm das, weil er von Außerirdischen des Planeten Tralfamadore entführt und in ihrem Zoo ausgestellt worden ist. Und so kann Billy Pilgrim das Bombardement von Dresden 1945, bei dem er als blutjunger amerikanischer Rekrut zugegen war immer wieder und wieder erleben. Dieses Ereignis hat sein späteres Leben nachhaltig geprägt und obwohl er reich und zufrieden ist, einen Flugzeugabsturz überlebt hat und auch sonst vom Schicksal nicht verschont geblieben ist, kommt er immer wieder nach Dresden zurück.
Vonnegut hat einen Roman geschrieben, der eigentlich keiner ist. Neben seiner persönlichen Aufarbeitung des Kriegsthemas vermischt er die Grausamkeit des Krieges mit einer obskuren Handlung, in der er kein Thema und keine Abstrusität auslässt. Billy Pilgrim ist ein klassischer Antiheld, den das Leben mitspült und er keine Entscheidungsfähigkeit besitzt. Und obwohl er die Hauptfigur dieses Romans ist, spielt sich die Handlung trotzdem abseits von seinem Sein ab. Er bekommt bloß die Rolle dessen, der anwesend sein muss, damit man davon berichten kann, was um ihn herum passiert. Nebencharaktere übernehmen die Handlung wenn Billy in eine neue Situation geworfen wird, so kann man sicher sein, dass seine Sicht der Dinge bald vernachlässigt wird und der, äußerst sprunghafte Erzähler sich einer anderen Thematik, einer anderen Person annimmt.
„Slaughterhouse Five“ ist ein komischer, ein ernster, ein schockierender und ein skurriler Roman, Science Fiction-, Kriegs- und Entwicklungsroman in einem und der Autor selbst entschuldigt sich bereits im sehr langem Vorwort, dass er diesen Roman über Dresden immer schreiben musste und das er das nun sei. Und er beginnt mit „Listen“ und endet mit „Poo-tee-weet“ und ist jede Seite wert.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 13, 2009 2:46 AM MEST


Der große Meaulnes: Mit einem Essay von Ludwig Harig
Der große Meaulnes: Mit einem Essay von Ludwig Harig
von Henri Alain-Fournier
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,90

12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Pfade des Erwachsenwerdens, 1. Februar 2006
Der Ich – Erzähler Francois Seurel erzählt rückblickend seine Freundschaft mit Augustin Meaulnes, den er bis zuletzt bewundert trotz allem, was er wegen ihm leiden musste. Seurel lebt im Hintergrund, er setzt keine Akzente und trifft kaum Entscheidungen sondern lässt sich vielmehr von anderen treiben. Egal ob als Schüler, wo er sich Meaulnes anschließt, um einen Freund zu haben oder als Erwachsener, der als einsamer Dorflehrer arbeitet und nicht fähig ist eine eigenständige Existenz aufzubauen. Ganz im Gegensatz dazu steht Meaulnes, ein großer, selbstsicherer Bursche, der weiß was er will und der seinen Träumen nicht nur nachhängt, sondern auch versucht sie zu verwirklichen. Als er sich als Schüler auf dem Weg zum Bahnhof verirrt, trifft er auf ein abgelegenes Schlösschen, in dem eine Hochzeit vorbereitet wird. Dort lernt er die Liebe seines Lebens kenne, doch findet er in den darauffolgenden Jahren nicht zu dem Schlösschen zurück. Meaulnes Leben wird eine einzige Suche, er entscheidet für sich alleine was er macht und wann er es macht, ohne Rücksicht auf andere zu nehmen. Und zurück bleibt immer Seurel, der keine Abenteuer sucht, sondern bloß ein unaufgeregtes, ruhiges Leben wünscht.
Alain-Fournier hat in seinem einzigen Roman, bevor er in Verdun gefallen ist, ein traurige Geschichte gezeichnet, über Liebe, Betrug, Erwachsenwerden und Kindsein. Seine Helden sind alle gefangen in gesellschaftlichen Vorgaben und beruflichen Zwängen. Der Träumer Meaulnes wird, obwohl er versucht eigenständig zu sein vom Leben Hin und Her geworfen und findet keine Ruhe, da alles, was auf ihn einwirkt, ihn auch in Bann zieht. Und die rätselhafteste Figur des Romans, Frantz, der Bruder von Meaulnes späterer Frau Yvonne, taucht wie Peter Pan immer wieder auf um die erwachsen werdenden Protagonisten an ihre Jugend zu erinnern. Wie ein Gespenst des jugendlichen Glücks wandelt Frantz durch den Roman, ein Schatten einer Zeit, die längst vorbei ist, aber nicht aufgegeben werden will.
„Der große Meaulnes“ ist zu Recht ein Klassiker und gehört in die gleiche Klasse wie „Peter Pan“, „Kinder der Nacht“ oder „Alice im Wunderland“, ein Buch, dass die Geheimnisse des Älterwerdens beleuchtet und schonungslos aufzeigt.


Kinder der Nacht: Roman
Kinder der Nacht: Roman
von Jean Cocteau
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 13,95

8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Realitätsverlust, 31. Januar 2006
Rezension bezieht sich auf: Kinder der Nacht: Roman (Gebundene Ausgabe)
Paul und Elisabeth leben mit ihrer kranken Mutter zusammen und kümmern sich bloß um ihre eigene Phantasiewelt, die sie das „Spiel“ nennen. Pauls Schulkollege Gerard wird mittels seiner Bewunderung, zuerst Paul, dann Elisabeths gegenüber immer mehr in das Treiben der beiden hineingezogen, genauso wie später Agathe, eine Arbeitskollegin von Elisabeth. Diese vier leben durch glückliche Umstände finanziell sorgenfrei und strudeln immer tiefer in eine Parallelwelt hinein, die nichts mehr mit der eigentlichen zu tun hat. Als Auslöser für diesen Realitätsverlust ist der ehemalige Mitschüler Dargoles, der wegen seiner Aktionen von der Schule geworfen wird und dem Paul mit unterschiedlichen Gefühlen nachtrauert.
Cocteau legt einen eigenwilligen Roman mit eigenwilligen Figuren vor. Paul und Elisabeth sind Zwitterwesen, keine Kinder und keine Erwachsenen, asexuell und ohne alle Standesdünkel. Wie Dämonen aus einer anderen Welt beeinflussen sie Gerard und Agathe, aber auch alle anderen rechtschaffenen Menschen, die in ihre Nähe kommen. Man kann sich ihnen nicht entziehen, obwohl sie sich, außer durch ihre Andersartigkeit, durch nichts auszeichnen.
„Kinder der Nacht“ ist ein kryptischer, metaphorischer Roman, in den man kaum Eingang findet, da alle Vorgänge fremd und seltsam sind. Cocteaus sperrige Sprache erschwert dies auch noch, er springt in Themen Zeiten und Räumen ohne Anschlüsse herum und erklärt nichts dem Leser. Dafür hält er bis zum Ende die Spannung durch, die sich mit jeder Seite intensiviert und das Lesen mehr und mehr unangenehm macht.


Krieg der Welten
Krieg der Welten
von H G Wells
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,90

10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zeitlos, 18. Januar 2006
Rezension bezieht sich auf: Krieg der Welten (Taschenbuch)
Der Inhalt dieses Romans von Wells muss wohl nicht erläutert werden, da er durch Filme, das Hörspiel von Orson Welles und anderen Medien hinlänglich bekannt ist.
Was man aber sehr wohl machen sollte, ist die Struktur dieses Romans zu behandeln.
„Krieg der Welten“ ist auf der einen Seite ein sehr Zeitgebundener Roman, der in England Ende des 19. Jahrhunderts spielt, oder noch genauer in London und Umkreis. Wells gibt ein sehr genaues Bild der damaligen Infrastruktur, der Beschaffenheit der Vororte Londons und der sie umgebenden Dörfer und viele Seiten handeln von der Beschreibung der Landschaft. Außerdem erfährt man viel von der gesellschaftlichen Struktur, dem Leben auf dem Lande und dem Leben allgemein. In dieser Hinsicht ist es ganz festgefahren ein Roman aus dem 19. Jahrhundert.
Wenn aber erst mal die Marsmänner ihren Krieg gegen die Menschheit begonnen haben, merkt man, wie zeitlos „Krieg der Welten“ eigentlich ist. Die sozialen Phänomene, die Wells beschreibt, Massenpanik, religiöse Verwirrung, fundamentalistische Strömungen, die Präpotenz und Arroganz des Menschen im allgemeinen und die immer auf das Geld ausgerichtete Handlungsweise, dann ist das nicht auf die Zeit, in der der Roman spielt beschränkt.
Mit der Figur des Kurators hat Wells einen psychologisch ganz hart erfassten Charakter erschaffen, den einfachen Menschen, der die Realität nicht wahrhaben will. Und die Gier nach Geld ist andauernd vorhanden, sei es, dass Schiffskapitäne, trotz der bereits drohenden Gefahr der Marsmänner erst dann ablegen, wenn das Schiff heillos überladen ist oder nur mit kleinen Hinweisen, wie dem Obstkarren, der verlassen in einem zerstörten Dorf steht und immer noch mit dem Namen des Besitzers prangt.
„Krieg der Welten“ ist ein sehr unangenehmes Buch, besonders auch wegen der Sprache des philosophierenden Ich-erzählers, bei dem man bald merkt, dass bei ihm auch nicht mehr alles richtig tickt. Wells zeigt die Dummheit und die Schwächen schonungslos auf und verpackt das in eine spannende Sci-Fi-Geschichte, so dass er nicht zur moralischen Keule greifen muss.
Fazit: zeitloses Werk


Hasenherz
Hasenherz
von John Updike
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

32 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen intelligent - berührend - gewaltig, 17. Januar 2006
Rezension bezieht sich auf: Hasenherz (Taschenbuch)
Gleich vorweg: ich brauchte sehr lange um mich in das Buch einzulesen, aber dann war es umso faszinierender. Zuerst Unverständnis und auch Langeweile gegenüber des Inhaltes, ein Mann verlässt seine Frau und zieht zu einer Prostituierten und ein episkopalischer Reverend versucht ihn zu seiner Frau zurückzubringen. Das alles in einer amerikanischen Kleinstadt der 70er Jahre.
Auch die Erzählweise Updikes, sein gemächlicher, genauer Blick und seine manchmal ausufernden Beschreibungen, machen das Buch anfangs schwer verdaulich. Aber wenn man dann merkt, wie da ganz unscheinbar Fäden gesponnen werden, wie die Hauptfigur Harry „Rabbit“ Angstrom mit der Zeit alles auf sich bezieht und er von einer Sonne, die alles um ihn herum nur bescheint, ein schwarzes Loch wird, dass die Schicksale in sich aufsaugt, dann gewinnt das Buch mit jeder Seite mehr an Spannung und Updikes Sprache lässt einen bald, ob dieses Variantenreichtums, den Mund offen stehen.
Denn nicht nur „Rabbit“, sondern auch seine Frau Janice, deren Eltern, Reverend Eccles, der ehemalige Basketballtrainer Tothero und die Prostituierte Ruth haben Schicksale, an denen „Rabbit“ zwar nur peripher beteiligt zu sein scheint, doch entwickelt er sie, bis zum Klimax. Er selbst hingegen läuft unschuldig durch die Welt, folgt Gefühlen und Stimmungen, wie sie gerade kommen und will niemanden Böses.
Der geruhsame Stil Updikes, führt den Leser jedoch zusehends aufs Glatteis, er wird nie laut oder dramatisch sondern behält immer seine genaue Beobachtung und die phantasievollen Beschreibungen bei und versetzt damit den Leser mitten in die Geschichte. Alle Geschehnisse berühren, die Figuren sind wirkliche Menschen, mit denen man leidet und hofft.
Ein unwahrscheinlich nahegehendes Buch, unbedingte Empfehlung.


Wie werde ich ein verdammt guter Schriftsteller?: Berichte aus der Werkstatt (edition suhrkamp)
Wie werde ich ein verdammt guter Schriftsteller?: Berichte aus der Werkstatt (edition suhrkamp)
von Josef Haslinger
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,00

19 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Nichts Wesentliches, 16. Januar 2006
Schon im Vorwort der Herausgeber negieren sie den Titel, da diese Sammlung von Essays auf keine Fall einen Leitfaden zum erfolgreichen Schreiben versprechen möchte. Die Essays, alle von Lehrern bzw. Abgängern des Literaturinstituts Leipzig verfasst handeln vielmehr vom eigenen Schreiben und dies mit unterschiedlicher Qualität, so gibt es Beschreibungen der eigenen Gewohnheiten, detaillierte Darstellungen von Schreibseminaren oder auch bloß Reflexionen der eigenen Tätigkeit, wie auch Zusammenfassungen der literarischen Situation im deutschsprachigen Raum oder Phänomene im Literaturbetrieb von Leuten, die darinnen verwickelt sind, beleuchtet.
Alles in allem ist dieses Büchlein eine nette Zusammenstellung, manche Beiträge hätte man auslassen können, aber andere sind für alle am Schreiben interessierten durchaus interessant. Als Vorlage, wie man selbst schreiben soll, ist es aber überhaupt nicht geeignet und es gibt auch keine Literaturliste, wie man sich in dieser Richtung weiter bilden könnte. Deshalb, ein zusammengestückeltes, vom Suhrkampverlage netterweise verlegtes Bändchen, dass man aus reiner Interesse lesen kann.


Eine andere Welt
Eine andere Welt
von Philip K. Dick
  Taschenbuch

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Totalitarismus in Frage gestellt, 15. Januar 2006
Rezension bezieht sich auf: Eine andere Welt (Taschenbuch)
Jason Taverner ist ein erfolgreicher TV-Showmaster, reich, von den Frauen begehrt und führt ein sicheres, luxuriöses Leben. Außerdem ist er ein genetisch veränderter Mensch, der langsamer altert als die anderen und auch intelligenter und emotional stärker ist. Alles in seinem Leben ist perfekt und ihm ist selbst überlassen, was er machen will. Umso mehr trifft es ihn, dass er nach einem Attentat und der erforderlichen Narkose in einem fremden Hotelzimmer aufwacht und feststellen muss, dass seine Ausweise verschwunden sind. In den totalitären USA der Zukunft ist ein Mensch ohne Ausweise eine Unperson und ohne Überlebensmöglichkeiten. Einer von denen, die dieses System lenken ist Felix Buckman, General bei der Polizei, ebenso mit sich selbst zufrieden und an den Schalthebel der macht. Doch die Unperson Taverner bringt sein sicheres und geregeltes Leben genauso durcheinander wie das von Taverner selbst aus den Fugen geraten ist.
Dick legt hier einen kompakten, geschlossenen und inhaltlich sehr tief gehenden Roman vor, in dem er die Machtspiele von Polizeistaaten und Militärdiktaturen aufzeigt und ebenso ihre Schwächen ergründet. Aber es ist nicht nur das, was diesen Roman so faszinierend macht. Dick zeichnet auch ein realistisches Gesellschaftsbild, dass er im Jahr 1988 angesiedelt hat. Und so weit weg scheint er damit heute nicht zu liegen, Zwar ist nichts so offensichtlich wie in dem Roman und es gibt auch keine fliegenden Autos und Kolonien am Mars, aber die Struktur der Gesellschaft sind erschreckend nahe an der unseren. Die Macht von Wirtschaft und Politik und ihre Spielereien werden schonungslos gezeigt und wie ein Einzelner ein ganzes System in Unruhe bringen kann, weil er nicht so funktioniert, wie es gewollt wird. Alle Elemente, die bei Dick sich durch seine Romane ziehen, kommen auch hier vor. Der Drogenkonsum, das Handwerk, die Propaganda. Aber anders als bei „Simulacra“ oder „Zeit aus den Fugen“ ist „Eine andere Welt“ ein stilistisch durchkonzipierter und von der Figurenpsychologie sehr genau durchdachter Roman, der bis zur letzten Seite fesselt und keine Sinnfragen offen lässt, wie es sonst bei Dick passieren kann.


Portnoys Beschwerden. Roman
Portnoys Beschwerden. Roman
von Philip Roth
  Taschenbuch

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Roths Aufschrei, 11. Januar 2006
Rezension bezieht sich auf: Portnoys Beschwerden. Roman (Taschenbuch)
Alexander Portnoy, seines Zeichens Jurist der New Yorker Stadtverwaltung, erzählt in einer Tirade seinem Psychiater Dr. Spielvogel von seinem Leben und da vor allem von seinen sexuellen Vorlieben. Dabei kommt er auch immer wieder auf seine Eltern zurück, denen er vorwirft ihn selbst in jüdischer Kleinkariertheit erzogen zu haben, die in ihm ein lebenslanges gestörtes Verhältnis zu gojim, Nichtjuden, hinterlassen hat. Doch selbst seine verzweifelten Versuche, „schicksen“, also nichtjüdische Frauen zu bekommen, hilft ihm nicht aus seiner Krise und als er dann in einer Kurzschlussreaktion nach Israel fliegt, muss er erst recht eine unangenehme Überraschung erfahren.
Portnoy verknüpft die elterliche Forderung, dass er ein Genie werden müsse mit seinem pubertär nicht gestilltem Verlangen nach immer wieder neuen Frauen und seinem schwelendem Vorurteil als Jude den anderen Menschen untergeordnet zu werden. Was im Erscheinungsjahr des Romans, 1960, Philip Roth nicht nur schlagartig berühmt machte, sondern ihm auch die Vorwürfe einbrachte, er schreibe, obwohl selbst Jude, antisemitisch, ist heute schon ein zeitgeschichtliches Relikt. Die Psychoanalysegläubigkeit der damaligen USA wirkt heute befremdend und die detailliert beschriebenen Sexszenen, die damals so schockten wie jene von Henry Miller, sind heute bestenfalls nur mehr witzig. Die Neurosen Portnoys, die seinem Psychiater ein eigens Syndrom wert sind, werden heute als solche gar nicht mehr wahrgenommen, geschweige denn, dass man deswegen zu einem Psychiater laufen würde.
Weiter aktuell bleibt aber Roths Stil, der in diesem Monolog eine Kapriole nach der anderen schlägt, Kapitel beginnt, um ins Tausendste abzuschweifen um schließlich wieder zum Ausgangspunkt zurückzufinden. Und die Beschreibungen in denen Portnoy plötzlich nachdenklich wird und ins Genaueste sein Menschwerden beschreibt, enthalten so viel Stimmung und Gefühl, dass sie unabhängig von der Zeit in der sie geschrieben worden sind bestehen bleiben.


Wächter der Nacht: Roman (Der Wächter-Zyklus, Band 1)
Wächter der Nacht: Roman (Der Wächter-Zyklus, Band 1)
von Sergej Lukianenko
  Taschenbuch
Preis: EUR 13,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Fantasy aus Russland, 7. Januar 2006
Spätestens seit dem Kinofilm in Herbst 2005 ist das Buch Lukianenkos auch außerhalb von Russland bekannt und findet eine immer größere Lesergemeinschaft. Und das auch zu recht. Denn abgesehen von einer spannenden Geschichte, in welcher lichte und dunkle Mächte das Schicksal der Menschheit bestimmen, bringt Lukianenko auch sehr viele Überlegungen zur Gesellschaft ein. Das ist zwar nicht in hoher Literatur verfasst und kann manchmal auch ein wenig tröge wirken, aber trotzdem leicht und locker zu lesen. In dem Buch, das eigentlich aus drei Teilen besteht, passiert nicht allzu viel und manches ist auch für den Leser nicht nachvollziehbar. Aber durch eine genaue Figurenzeichnung werden die Charaktere sehr sympathisch und genau an den Leser herangetragen und bilden das Grundgerüst, des mit über 500 Seiten dicken Buches. Wer sich eine genau Wiedergabe des Films erwartet wird jedoch enttäuscht sein. Wie der Film sehr gut die Atmosphäre von Lukianenkos Welt wiedergibt, macht das das Buch mit seinen Mitteln, die funktionieren aber ein wenig anders.


Faserland: Roman
Faserland: Roman
von Christian Kracht
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,90

12 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Generationenbeschreibung, 3. Januar 2006
Rezension bezieht sich auf: Faserland: Roman (Taschenbuch)
Ein namenloser Ich-erzähler reist innerhalb weniger Tage von Sylt zum Bodensee ohne dabei wirklich aktiv zu werden. Er lässt sich gehen, stolpert von einem „Event“ in das nächste, vergisst zu essen und wird von sogenannten Freunden immer wieder abgefangen. Dabei reflektiert er die ganze Zeit selbst seine eigene Person, sein Handeln, seine Vergangenheit, seine Vorsätze. Und gibt erstaunlich wenig dabei preis, man weiß nichts über sein Alter, seinen Beruf, seine Hobbys, seinen Familienstand. Er vergleicht sich mit seinen Freunden, mit der Gesellschaft im Allgemeinen und mit der Zeit in der er leben muss.
Kracht hat ein trauriges Buch geschrieben, über eine Generation, die in ihren eigenen Vorgaben und denen der Vergangenheit und der Wirtschaft sich selbst verliert. Sie besitzt keine Identität mehr, hat keine Anhaltepunkte und muss ihren Charakter genauso schnell ändern, wie es die Hochglanzmagazine vorgeben. Dabei verlernt sie zu unterscheiden, was Sinnvoll und was Sinnlos ist, was man tun darf oder nur machen sollte.
Der Erzähler ist weder Identifikationsfigur noch Hassobjekt, er ist eine Chimäre, deren Handeln man nicht versteht, doch insgeheim nachvollziehen kann. Er ist ein armer Mitläufer, beeinflusst von allem, was ihn umgibt. „Faserland“ ist ein bisschen Ellis, ein bisschen Houellebecq, ein bisschen Illies, zusammengemixt, gerüttelt, geschüttelt und mit einer Prise Stuckradt-Barre bestäubt. Und doch ein eigenständiges Werk, das mit einer Schonungslosigkeit, die weh tut, die Generation vor „Sex and the city“ Ende der 90er Jahre zeichnet.


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