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Rolf Staufenbiel

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Macht und Ohnmacht: Amerika und Europa in der neuen Weltordnung
Macht und Ohnmacht: Amerika und Europa in der neuen Weltordnung
von Robert Kagan
  Taschenbuch

9 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Schwäche des "Westens", 10. August 2004
Spätestens seit dem Irakkrieg ist eine starke Entfremdung zwischen Amerika und Europa offenbar geworden. Der aufmerksame Beobachter konnte Anzeichen hierfür allerdings schon seit längerer Zeit erkennen, insbesondere nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion.
Robert Kagan versucht den Ursachen der Entfremdung auf den Grund zu gehen. Er kennt beide Welten, hat für amerikanische Zeitungen gearbeitet und war Berater des US-Auflenministeriums. Seit einiger Zeit lebt er in Brüssel.
Seine Studie ist in 7 Kapitel gegliedert.
1) Machtgefälle
Seit dem Zusammenbruch der SU sind die USA die unbestrittene Weltmacht No. 1. Sie haben im Wettrüsten den Zusammenbruch der SU herbeigeführt und die Wiedervereinigung Deutschlands ermöglicht. Im kalten Krieg hat Amerika ein Bedrohungspotential und ein Gleichgewicht der Kräfte realisiert, das Westeuropa als Schutzschild diente. Die Europäer haben nach dem 2. Weltkrieg auf wirtschaftlichem und "innen"poltischem Gebiet wahre Wunder bewirkt. Nach dem Ende des kalten Krieges haben sie ihre ohnehin geringe militärische Schlagkraft systematisch abgebaut und konnten eine "Friedensdividende" kassieren. Heute sind die Europäer höchstens in der Lage, Friedenstruppen stellen; für den Einsatz von Kampftruppen selbst auf dem eigenen Kontinent (Bosnien, Kosovo) fehlen ihnen derzeit die finanziellen und technologischen Mittel.
2) Psychologie von Macht und Ohnmacht
Das große Machtgefälle zwischen den USA und Europa mußte zwangsläufig zu einer unterschiedlichen strategischen Sichtweise führen, gemäß dem Sprichwort: „Wenn du einen Hammer hast, fangen alle Probleme an, wie Nägel auszusehen." Natürlich besteht auch die gegenteilige Gefahr: „Wenn du keinen Hammer hast, wirst du nirgends einen Nagel sehen." Bei allen wichtigen Krisenherden (u.a. Bosnien, Afghanistan, 1. Golfkrieg) haben die USA ihre Schlagkraft entscheidend und mit Entschiedenheit eingesetzt. Europa hat eine differenzierte Strategie (der Ohnmächtigen) entwickelt: es übt Geduld und Nachsicht, arbeitet mit Versprechungen und Lockmittel und versucht, wirtschaftliche und politische Bindungen zu knüpfen.
3) Die Super-Weltmacht
Die Position als unbestrittene Weltmacht war und ist sicherlich für die USA ein Anlaß zur Genugtuung, führt aber immer wieder auch zu arroganten Verhaltensweisen gegenüber dem schwachen Europa - insbesondere unter der Regierung Bush. Gelegentlich geäußerte Pläne Eusopas, die Abhängigkeit von den USA durch eine EU-Streitmacht zu mindern, blieb stets in den Kinderschuhen stecken. Die unterschiedlichen Strategien der beiden Erdteile haben sich insbesondere in der Auseinandersetzung um den Kosovo gezeigt. Die Entmachtung Milosevic ist allein dem energischen Eingreifen der USA zu verdanken, während die Europäer in der vergeblichen Hoffnung auf die Vernunft des Gegners überaus vorsichtig agierten und den Amerikanern auf die Nerven gingen.
4) Das postmoderne Paradies
Derzeit genießt Europa die Vorteile globaler Sicherheit "kostenlos". Die Europäer haben sich nach dem 2. Weltkrieg von der Machtpolitik verabschiedet. Diese Strategie ist jüngeren Datums und nach einem Jahrhundert furchtbarer europäischer Kriege. Sie betont Verhandlungslösungen, Vorrang des Völkerrechts vor Gewalt, Überzeugen vor Zwang. Die Europäer sind überzeugt, dass ihre positiven Erfahrungen mit dieser Strategie routinemäßig auf die restliche Welt übertragen werden können. So wie Deutschland früher ein "Land des Bösen" war, könnten nicht auch die sog. "Schurkenstaaten" durch Verhandlungen auf einen friedlichen Weg gebracht werden? Diese Hoffnung ist der Grund dafür, daß Europa keinerlei Ehrgeiz entwickelt, militärisch mit den USA mitzuhalten.
5) Die amerikanische Weltordnung
Die USA steht vor der paradoxen, schwierigen Aufgabe, die friedlichen Gesetze der "fortgeschrittenen" zivilisierten Gesellschaft zu befolgen und zu fördern, gleichzeitig aber militärische Gewalt gegen jene anzuwenden, die sich weigern, diesen Regeln zu folgen. Dies bedeutet, daß die USA nicht in das postmoderne Paradies der Europäer eintreten können, obwohl sie entscheidend zu diesem Paradies beigetragen haben. Sie besetzen die Schutzmauern, können aber das Tor ins Paradies nicht selbst durchschreiten.
6) Ist das überhaupt noch "der Westen"?
Den USA erscheint die Gewährleistung internationaler Sicherheit als unabdingbare Voraussetzung für weltweite Prosperität. Diese Überzeugung verlangt auch den Einsatz militärischer Mittel, insbesondere wenn nationale Interessen der USA bedroht sind. Bei diesem Ziel hat die Einheit des Westens nicht mehr höchste Priorität. Als Gegenleistung für die Bewachung der Mauern der postmodernen Ordnung erwartet die USA eine gewisse Aktionsfreiheit, die Europa und UNO immer wieder einengen wollen. Dies erscheint Kagan das Kernproblem im Verhältnis zwischen den USA und den Europäern zu sein.
7) Anpassung an die Vormachtstellung der USA
Die Amerikaner können sich keine Weltordnung vorstellen, die nicht mit militärischen, insbesondere mit amerikanischer Macht verteidigt wird. Sie können München und Pearl Habour nicht vergessen, der 11.Sept. hat dieses amerikanische Weltbild weiterhin vertärkt und bestätigt, daß wir weit von der Realisierung des kantischen Traumes "vom ewigen Frieden" entfernt sind. Die aufbrechenden ideologischen Gräben zum Islam lassen die Hoffnung auf Kompromisse sehr zweifelhaft erscheinen, derartige Hoffnungen haben auch bei Hitlerdeutschland getrogen.
Bei aller Betonung der Machtpolitik hegen die Amerikaner dennoch die idealistische Hoffnung, daß sich die Welt vervollkommnen lasse. Sie haben allerdings keine Erfahrung mit erfolgreicher supranationaler Politikgestaltung, meint Kagan.
Nachdem als Folge des 2. Weltkriegs Amerika sein Engagement auf Europa und Ostasien - nicht freiwillig - erweitert hat, wird der 11. Sept. zu einer dauerhaften amerikanischen Militärpräsenz auch in der Golfregion und in Zentralasien führen. Ob allerdings Amerika den Kampf gegen den Terrorismus - trotz technologischer Überlegung - gewinnen kann, steht vorerst in den Sternen.
Wie soll sich Europa in dieser Situation verhalten? Kagan weiß Rat.
1) Die Europäer sollten sich an die Realität einer amerikanischen Vorherrschaft anpassen und ihre Ursachen verstehen,
2) sie sollten sich militärisch in die Lage versetzen, auch militärische Expeditionen „in den Dschungel" durchführen zu können. Dies erscheine eine unabdingbare Voraussetzung für eine Stärkung der derzeit schwachen geopolitischen Bedeutung Europas.
Die Hoffnung Kagans, daß "etwas mehr an gegenseitigem Verständnis noch immer eine Menge bewirken könnte" erscheint allerdings recht naiv. Hierzu wäre ein Kompromiss erforderlich zwischen dem naiven Optimismus Europas mit ihrem gewaltfreien Diplomatismus und der realistisch/pessimististen Weltsicht der USA mit einer „schlagkräftigen" Machtpolitik.
Trotz offener Fragen, liefert Kagan einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Entfremdung zwischen Amerika und Europa. Er verliert sich nicht in Details der Tagespolitik sondern versucht, die langfristigen Entwicklungen in den Blick zu nehmen. Er teilt nicht die in Europa verbreitete Meinung, daß die Entfremdung überwiegend der Regierung Bush zuzuschreiben sei (und mit einer Abwahl beendet sei). Seine Analyse ist ausgewogen und fair, sie könnte dazu dienen, Therapien zu entwickeln für eine Verbesserung der Beziehungen zwischen den USA und (nicht nur) Europa. Sein Buch ist Pflichtlektüre für jeden, der nicht schon alles im voraus weiß - wie etwa die Kritik von "derwanderer".


Das Methusalem-Komplott: Die Menschheit altert in unvorstellbarem Ausmaß, Wir müssen das Problem unseres eigenen Alterns lösen, um das Problem der Welt zu lösen
Das Methusalem-Komplott: Die Menschheit altert in unvorstellbarem Ausmaß, Wir müssen das Problem unseres eigenen Alterns lösen, um das Problem der Welt zu lösen
von Frank Schirrmacher
  Gebundene Ausgabe

184 von 210 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Ein Baby-Boomer rüstet zur Machtübernahme, 5. Juli 2004
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In Eurem Kopf liegt Wissenschaft und Irrtum
geknetet, innig wie ein Teig zusammen:
Mit jedem Schnitte (jeder Seite) gebt Ihr mir von beidem.
(Kleist, Der zerbrochene Krug)
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Frank Schirrmachen, 45, Mitherausgeber der FAZ (der Zeitung mit dem klugen Kopf irgendwo im Hintergrund), hat ein Buch über das Alter geschrieben, Er hat zu diesem Thema viel gelesen. Mit stolzen, aber nutzlosen 142 Literaturhinweisen, die wir in den Anmerkungen zu seinem Buch finden, will er die Leser wohl beeindrucken und einen wissenschaftlicher Anspruch erheben.
Die Zielsetzung des Buches ist im Klappentext folgendermaßen zusammen gefasst:
"Dieses Buch will anhand neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse zu einem Komplott gegen den biologischen und sozialen Terror der Altersangst überreden, weil nur so die Jungen eine Chance bekommen".
Meine Frau (70) und ich (75) haben uns das Buch wechselseitig vorgelesen und wurden von Seite zu Seite ärgerlicher. Welches waren die Gründe?
1) Schirrmacher hat ein "journalistisches" Buch geschrieben; er mischt Tatsachen und Theorien, Wissen und Meinung so innig zusammen, dass der Leser bald den Überblick verliert. Das Buch liebt Provokation und Zuspitzung, es ist alles andere als ausgewogen und präzise (wie J. Vaupel im Klappentext behauptet).
2) Die Schwierigkeiten, mit denen die Gesellschaft durch steigende Lebenserwartung und eine geringe Geburtenrate konfrontiert wird, will Sch. durch ein Komplott (eine Revolution) der Alten beseitigen. Er will dadurch das Selbstbewußtsein der Alten stärken und die "Diskriminierung der Alten" abbauen.
3) In einer mehrfach von Sch. zitierten "Berliner Altersstudie" haben die Teilnehmer - zwischen 70 und 100(!) - übereinstimmend angegeben, sich um 12 Jahre jünger als ihr wirkliches Alter zu fühlen. Will Schirrmacher das Selbstbewußtsein der Alten noch weiter steigern (auf 15 oder 20 Jahre?).
4) Wenn Schirrmachers recht hätte mit den Stereotypen über ältere Menschen: "vergesslich, krank, schwach, egoistisch, phantasielos, langweilig, hässlich, müde, faul, verbraucht, hartherzig, böse" , wie ist dann zu erklären, daß 50% unserer Bundestagsabgeordneten über 55 Jahre alt sind und 25% bereits das 60. Lebensjahr erreicht haben. Zyniker könnten behaupten, daß die genannten Stereotypen gar keine sind, sondern die Wirklichkeit darstellen. Wie wäre es dann mit einem Komplott der unter 50-jährigen zum Wohle unseres Staates?
5) Die Altersverteilung in der Politik wird mit dem Eintritt der Baby-Boomern (also auch von Sch.) in den Ruhestand weiter zugunsten der Alten verschoben (mit Sch. natürlich auch in den Parlamenten). Wozu dann aber ein Komplott. Wann und wo hätten Machtinhaber je eine Revolution angezettelt?
6) Gott erhalte Sch. die Hoffnung, daß Körper und Geist mindestens bis zum 80. Lebensjahr unvermindert funktionieren. Glaube soll angeblich Berge versetzen.
7) Schirrmachers Buch muß Alten wie Jungen Angst machen. Plant er schon heute eine Partei der "grauen Panther", die - basierend auf ihrer Überzahl und ihren erheblichen finanziellen Ressourcen - ihre Interessen selbstbewußt und rücksichtslos durchsetzen wird (mehr Geld für Renten, Pflege und Vergnügen der Alten mit dem Ziel, bald die Altersgrenze Methusalems überschreiten zu können).
8) Nachdem die Väter in den letzten 40 Jahren sich auf den Wege zu mehr Partnerschaft mit ihren Kindern gemacht haben - wie auch die Großväter mit ihren Enkeln -, will Sch. die Zeit zurückdrehen. Er lese Kafkas "Brief an meinen Vater" (bei Reclam für 3€ zu bekommen). um Leid und Verzweiflung einer Jugend unter selbstbewusster Autorität kennenzulernen.

9) Ich habe vergeblich nach einem Abschnitt gesucht, der die "Chancen der Jugend" als Nebenwirkung des Methusalem-Komplotts aufzeigt. Auch habe ich das Wort Solidarität nirgends gefunden. Wie wäre es, wenn die geistig und körperlich so fitten Alten ihren Kindern und Enkeln helfen (Leihgroßmütter und -großväter), wenn sie mit "warmer Hand" geben, anstatt nur ihr Alter zu pflegen.
10) Natürlich kann ein "gesundes" Selbstbewusstsein helfen, die Leiden des Alters zu bewältigen. Selbstbewußtsein kann aber nicht durch ein Komplott eingeführt werden, es hängt ab von der Persönlichkeit, die man Zeit seines Lebens entwickelt hat.
11) Unerträglich ist der Zynismus, mit dem Sch. den "politische Slogan", dass wir an unsere Enkel denken müssen, mit Gottfried Benns "Enkel .. die große Ablenkung der Ahnen von ihrem eigenen Tun" abtut. Natürlich beantwortet Sch. die Frage von Max Frisch "Sind sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts ... wirklich interessiert?" mit einem klaren NEIN.
Dieses Buch kann mit allen Vorbehalten vier Gruppen empfohlen werden:
- denjenigen, die die Ausführungen des Buches ironisch interpretieren,
- den Kindern der Babyboomer; sie ahnen nun, was ihnen blüht,
- der Gruppe, die insbesondere ein schlechtes Buch zum Anlaß nehmen will, über ein ernsthaftes Thema ernsthaft nachzudenken,
- denjenigen, denen es Spaß macht, mit Hilfe eines Satzes von Rotstiften aus einem schlechten Buch ein Schlachtfeld zu machen (Fehler geordnet nach sachlichen, stilistischen und logischen Fehler - Geld zurück bei mehr als 3 Fehler pro Seite)
Tief enttäuscht bin ich über Elke Heidenreichs Beurteilung in der ZDF-Sendung "Lesen!"
"Das Buch ist wunderbar zu lesen ... es ist polemisch, witzig, gescheit, und ohne großen statistischen Quatsch."
Hat sie das Buch wirklich gelesen. Bitte nochmals lesen!
Schirrmacher hat ein dummes, unreifes, überflüssiges und ärgerliches Buch geschrieben.
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 22, 2014 7:42 PM CET


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