Profil für Thomas Gebauer > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Thomas Gebauer
Top-Rezensenten Rang: 12.091
Hilfreiche Bewertungen: 167

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Thomas Gebauer (Kirchberg)
(REAL NAME)   

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3
pixel
Caspar David Friedrich (25)
Caspar David Friedrich (25)
von Norbert Wolf
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen „Die Vereinzelung im Unermesslichen“, 3. Januar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Es wird kaum einen Deutschen geben, der nie – und wenn auch ohne sich dessen bewusst zu sein – ein Bild von Casper David Friedrich gesehen hat. Im Gegenteil: Sehr vielen Menschen wird bei den Titeln „Der Wanderer über dem Nebelmeer“, „Der Mönch am Meer“ oder „Das Eismeer“ recht klar vor Augen stehen, was auf den jeweiligen Bildern zu sehen ist. Fragt man sich zugleich, wer das war, dieser Caspar David Friedrich – wann er geboren wurde, wo er lebte, ja, wie er eigentlich aussah – steht vieles schon nicht mehr so klar vor Augen. Die Kunst also ist im kollektiven Gedächtnis verankert. Der Künstler selbst aber kommt im kollektiven Gedächtnis kaum vor. Er scheint regelrecht unter seinem Werk verschüttet. Ein Buch über den Maler Casper David Friedrich hätte so besehen zwei Hauptaufgaben. Zunächst natürlich müsste es dem Leser jenen großen Unbekannten, jenen Caspar David Friedrich als lebendigen Menschen nahebringen. Und weiterhin müsste es erklären, wie dieser Künstler die (einzigartige?) Leistung vollbrachte, seine Werke im Bewusstsein ganzer Generationen zu verankern. Es ist ein Glück, dass Norbert Wolf und dem Taschen-Verlag mit diesem Buch beides gelingt.

„Mystiker mit dem Pinsel“?

Betrachtet man Porträts von Casper David Friedrich, so kann man den Künstler nicht recht mit seiner Kunst überein bringen. Das Gesicht Friedrichs spiegelt keineswegs jene, in seinen Bildern vorhandene, Gleichmut und Weisheit – vielmehr wirkt er mal skeptisch, bald rauflustig, ja fast dämonisch. Wer also war dieser Caspar David Friedrich eigentlich?

Zunächst: Jene Porträts, die Friedrich als Eiferer zeigen, entsprachen durchaus seinem Lebenslauf – der von Politik mindestens so sehr wie vom Glauben geprägt war. So nennt er seinen Sohn nach dem Schwedenkönig Gustav Adolf, der gegen Napoleon und für die Einheit Deutschlands eintrat. Mehr noch: Im französisch besetzten Dresden findet die wahrscheinlich erste Lesung von Kleists „Hermannschlacht“ statt – und zwar in Casper David Friedrichs Atelier. In den Jahren der Befreiungskriege wird er nicht nur Geld zur Ausrüstung der Truppen spenden (für’s Kämpfen fühlt er sich zu alt), sondern auch künstlerisch auf das Motiv des Hermannsgrab zurückkommen.

So überwältigend Caspar David Friedrichs Bilder also sind – die Überwältigung kann statt metaphysischem stets auch politisch-propagandistischen Charakter annehmen. Etwa, wenn ein französischer Kavallerist, seines Pferdes verlustig in einem Fichtenwald irrend, den unausweichlichen Niedergang des napoleonischen Imperiums symbolisiert. Insofern erscheint Friedrich in Norbert Wolfs Buch lange als ein (wenn auch aus seiner Zeit zu begreifender) starrhalsiger Deutschnationaler. Dass Friedrich dennoch keinesfalls als Bestandteil des verhängnisvollen deutschen „Sonderweges“ angesehen werden darf, beweist just das Ende Napoleons. Von der Restauration frustriert, notiert der Maler: „Wo das Volk keine Stimme hat, wird dem Volk auch nicht erlaubt, sich zu fühlen und zu ehren.“ Politisch eigensinnig also bleibt er. Die Dresdner Professur für Landschaftsmalerei bleibt ihm deshalb verwehrt. Er muss sich mit einer außerordentlichen Professur ohne Lehrauftrag zufriedengeben. Eins seiner späten und berühmtesten Bilder – „Das Eismeer“ – wird folgerichtig auch eine Abrechnung mit dem „Deutschen Winter“ sein, der sich nach dem Wiener Kongress über das Land legte. Die Hoffnung auf Einheit und Freiheit, sie ist verunglückt. Und Casper David Freidrich darüber verbittert.

„...was ich im Bilde selbst zu finden hoffte, fand ich erst zwischen mir und dem Bilde.“

...so drückte es wiederum Heinrich von Kleist in einer Besprechung von „Der Mönch am Meer“ aus. Einen Künstler nur aus seiner Zeit und Biografie heraus zu verstehen, heißt, ihn in Zeit und Biografie gefangen zu halten. Genau das aber kann man von Caspar David Friedrich nicht sagen – ein unvoreingenommener Betrachter würde wohl selbst seine dezidiert politischen Bilder nicht als solche erkennen. Mehr noch, er würde in ihnen wahrscheinlich mehr sehen als auf ihnen abgebildet ist. Im Buch heißt es einmal, „daß der Beschauer von den Werken des Künstlers gezwungen wird, selbst zu dichten, um sie zu ergänzen“ (S. 10)

Ähnliches könnte man über einen Dichter des 20. Jahrhunderts sagen: Es heißt, dass Samuel Beckett bei seinen Besuchen in deutschen Museen die Bilder Casper David Friedrichs besonders gern betrachtete. Und fraglos lassen sich zwischen den Künstlern Verbindungen herstellen: So wirken Becketts Figuren oftmals genauso hilf- und machtlos wie Friedrichs Mönch am Meer – der kleine, ausgesetzte Mensch inmitten einer übermächtigen Welt. Und dass man bei Friedrichs Bildern nie so recht weiß, ob die Sonne gerade auf- oder untergeht, hat Samuel Beckett sicherlich auch gefallen. Die vielleicht entscheidende Parallele aber ist, dass sich die Kunst beider Männer beharrlich jeder akademischen, das heißt vom Betrachter unabhängigen Deutung entzieht.

Welche Deutung schlägt nun Norbert Wolf vor? Man könnte sagen: Einen betont sachlichen Mittelweg. So arbeitet er verbreitete religiöse Deutungen der Bilder recht leidenschaftslos ab. Ganz im Sinne des Freud’schen Diktums „Manchmal ist eine Zigarre einfach nur eine Zigarre“ etwa erteilt er religiösen Deutungen des von Friedrich immer wieder aufgegriffen Hafen-Motivs eine Absage – so zeigten etwa die Werke des Niederländers van de Velde, dass Hafendarstellungen unter dem Rubrum „Stille See“ seit dem Barock ganz einfach beliebte Motive waren.

Gleichwohl ist der Autor kein totaler Relativist: Doch statt symbolistischer Analysen verweist er auf Friedrichs kompositorisch-symmetrische Leistungen, mit deren Hilfe er die „Vereinzelung im Unermesslichen“ visualisiert habe. So verlieh er im Sinne von Novalis „dem Bekannten die Würde des Unbekannten“. Und zwar, indem seine Bilder eben keine bloße „Naturwahrheit“ wiedergeben (S. 9). Vielmehr erweisen sie sich als streng entlang von Symmetrien und Bildachsen konstruiert. Wenn sie also eine Wahrheit enthalten, dann jene der menschlichen Seele, die sich in einer artifiziellen Natur spiegelt. Nicht umsonst also wünschte Friedrich, dass seine Bilder „seelenvoll“ sein mögen. Darüber wurde er zum Mystiker – und Romantiker.

Oft und gern rekurriert Wolf auch auf die biographischen Ursprünge des Werks – ob nun, wie erwähnt, im politischen oder auch im privaten Sinne. Zufall ist es demnach nicht, dass auf Friedrichs Bildern nach seiner Hochzeit 1818 vermehrt Frauen – und häufig genug seine Frau Caroline Brömmer – zu sehen sind. Es ist etwa die gemeinsame Hochzeitsreise nach Rügen, die Friedrich zu seinem wohl berühmtesten Bild „Kreidefelsen auf Rügen“ inspiriert. Ja, eine gängige Deutung erkennt in dem Bild gar ein Sinnbild der Liebe Friedrichs zu seiner Frau. Und wer wollte in seinen späten Bildern, die vermehrte Friedhöfe zeigen, nicht Ahnungen seines nahenden Tods sehen?

„Diese verführerischen Bücher“

Nun dürfte es vielen kunstinteressierten Laien gehen wie Caspar David Friedrichs Wanderer über den Nebelmeer: Beeindruckt und womöglich eingeschüchtert stehen sie vor der unendlichen Vielfältigkeit der Kunst – und damit vor einer Welt, die sich häufig nur mit teuren Museumskatalogen oder mindestens ebenso teuren Prachtbänden erschließen lässt. Die Markteintrittshürden sind, ökonomisch gesprochen, extrem hoch. Umso dankenswerter ist es, dass die „Kleine Reihe Kunst“ des Taschen-Verlags eine ganz eigene, staunenswerte Ökonomie aufweist: Schließlich bietet man hier hochwertige Bücher mit, zwischen Anspruch und Zugänglichkeit gut austarierten, Begleittexten an. Und zwar zu Preisen, die keinen Interessierten ausschließen.

Und so bietet sich Jedermann die Gelegenheit, mit jeder Seite dieses Buches Werk und Leben Caspar David Friedrichs etwas besser zu verstehen. Norbert Wolf ist dabei klug genug, die Frage nach Gründen für fortwährende Faszination des Künstlers weitgehend unbeantwortet zu lassen. Denn diese Wahrheit liegt im individuellen Resonanzraum zwischen Bild und Betrachter. Die Wahrheit des Rezensenten steht hierbei nah bei einer vielsagenden Anekdote über Caspar David Friedrich: Der mit ihm gut bekannte Goethe wünschte sich vom Dresdner Künstler Illustrationen zu einem meteorologischen Fachbuch. Dies wies Caspar David Friedrich entschieden von sich. Es empörte ihn die Wolken „optisch-wissenschaftlich auf Gesetzmäßigkeiten hin zu systematisieren.“ (S. 62)

Nun kann man nicht sagen, dass die Rationalitäts- und Wissenschaftsgläubigkeit mit Goethe ihren Höhepunkt gefunden hätte. Im Gegenteil, sie steigern sich immer weiter. Man liest von japanischen Eremiten, die sich selbst als Roboter nachbauen. Und schaudert. Und findet Trost bei Caspar David Friedrichs Bildern, die beweisen, dass kein Fotohandy, kein Roboter und keine künstliche Intelligenz das reproduzieren kann, was altmodische Leute als Seele bezeichnen. Die Welt könnte sanfter sein, würde seltener auf Displays und öfter auf jene Bilder eines Mannes gesehen, der die Unendlichkeit bereiste ohne Dresden kaum je zu verlassen. Dessen Bilder dem Betrachter das vermitteln, was Kierkegaard womöglich mit seiner Forderung „Schaffe Schweigen.“ wünschte: „Es ist eine stille Andacht in Dir, Du selbst verlierst Dich im unbegrenzten Raume, Dein ganzes Wesen erfährt eine stille Läuterung und Reinigung.“


Faserland: Roman
Faserland: Roman
von Christian Kracht
  Taschenbuch

8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Finsterland, 12. August 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Faserland: Roman (Taschenbuch)
Es ist wirklich nicht erstaunlich, warum dieser Roman, „Faserland“, bei seinem Erscheinen 1995 auf ein geteiltes, in der Tendenz negatives Echo stieß. Da kommt dieser junge Christian Kracht, aus offenbar wohlhabendem Hause stammend und ist für den in Eindeutigkeit verliebten deutschen Literaturbetrieb eine einzige Irritation. Konventionelles Autorengehabe verweigert er ebenso wie konsistente und daher leicht verdauliche Selbstauskünfte in Interviews. Er provoziert. Und zwar zuallererst durch seinen Erstlingsroman, in dem er einen Endzwanziger durch ein wohlstandskaputtes, tatsächlich widerwärtiges Deutschland bis hinunter in die Schweiz reisen lässt. Hilflos attributierte man den Roman mit Oberflächlichkeiten wie „Schnöseltum“, „Markenfetischismus“ oder, allen Ernstes, „nicht gesellschaftskritisch“. Vor allem aber eins war der Roman angeblich, damals, 1995: „Pop-Literatur“.
Nun gibt es bei Christian Kracht keine Zufälle. So zupft er sich etwa für jeden Fernsehauftritt säuberlich den rechten Hemdkragen in Unordnung. Und wenn auf dem Klappenumschlag der gebundenen Ausgabe zu lesen ist „Als Geburt der Popliteratur in Deutschland wurde Krachts schnoddrig-verzweifeltes Debüt bezeichnet. Es war nicht ihre Geburt, es war ihre Hinrichtung“, dann nur, weil der Autor es so wünschte. Vielleicht wünschte er es, weil es wahr ist. Und vielleicht auch, weil es belegt, dass Christian Kracht den auf ihn folgenden Pop-Literaten intellektuell schon enteilt war, als diese gerade mal zur Startlinie schritten. Dass Kollegen wie Kritiker dies nicht bemerkten, hängt mit einer spezifischen Qualität aller Bücher Christian Krachts zusammen: An ihrer Oberfläche sind sie Unterhaltungsliteratur, und zwar im Wortsinne. Sie unterhalten. Doch je tiefer man gräbt und bohrt, desto brüchiger werden alle Gewissheiten, die man über Text und Autor zu haben meint.

Schulliteratur
„Faserland“ hat eine geradezu einmalige Rezeptionsgeschichte erfahren: Vom Totalverriss zur Abiturlektüre. Und das in wenigen Jahren. Vielleicht wurde die grandiose Rollenprosa von „Faserland“ erst registriert, als Christian Kracht mit „1979“ bewies, das vielleicht eleganteste Deutsch unserer Gegenwartsliteratur zu schreiben. Und vielleicht musste es eben Jahre dauern, bis die Rezeption dieses Buches – ganz so, als wäre es mit einem Zeitzünder versehen – nicht mehr dessen Oberflächlichkeit bemängelte, sondern sich an dessen, potenziell endloser, Vielschichtigkeit die Zähne ausbiss. Das beginnt schon beim Titel. Er enthält Anklänge an den Roman „Fatherland“. Ebenso kann man an die Fasern der distinguierenden Kleidungsstücke denken. Das Wort „faseln“ liegt nahe. Und was heißt das eigentlich, wenn eine ganze Gesellschaft „zerfasert“?
Man möchte auf viele Aspekte eingehen. Sei es die Konstruktion des unzuverlässigen, sich in Widersprüche verwickelnden Ich-Erzählers. Das verwinkelte Verwirrspiel aus Hoch- und Popkultur, das sich schon in den vorangestellten Zitaten spiegelt. Die Sexualität des Ich-Erzählers. Die verdrängte Nazi-Vergangenheit, die fortwährend in die Gegenwart sticht wie der Dolch Görings. Oder die bereits in diesem Buch versammelten Leitmotive der späteren Bücher Krachts: Die Reise; die Abstinenz von oder die Suche nach Autoritäten; das Motiv des Verschwindens, oder (und dazu gibt es bei „Faserland“ wahrlich Grund) um es mit Thomas Mann zu sagen: Das der Welt abhanden kommen.
Wichtiger aber erscheint mir, auf zwei Aspekete einzugehen, die für meinen bescheidenen Literaturverstand in „Faserland“ aufkommen und als Konstanten das Werk Christian Krachts durchziehen, weil er sie – und das will etwas heißen bei ihm – noch nicht relativiert hat: Die Ambivalenz als Prinzip und das Motiv der scheiternden Moderne.

Ambivalenz
Im Buch taucht Wim Wenders mit dem Film „Der Himmel über Berlin“ auf. Der Ich-Erzähler findet den Regisseur ziemlich unerträglich – und die Eröffnungsszene seiner filmischen Großtat erinnert ihn an Leni Riefenstahls „Triumph des Willens“. Und so fragt er den Maestro, ob er „sich das bei Riefenstahl abgeguckt hat, oder ob er das irgendwie ironisch meint.“ Es ist geradezu gespenstisch, dass im Zuge des Literaturskandals um „Imperium“ exakt diese Frage an Christian Kracht gestellt wurde: Wenn der Autor mit Deutschtum, Kolonialismus oder Nazi-Sekten kokettiert, meint er das dann ernst oder ironisch?
Und wie ist das, wenn er in „Faserland“ SPD-Nazis, Betriebsräte, politisch engagierte Frauen, Taxifahrer, Werbefuzzis, Rentner, Junkies oder eben Wim Wenders beschimpft? Ist das ästhetisch motivierter Amoralismus? Oder ein Spiel? Die für mich tauglichste Antwort: Beides zugleich.
Die meisten Leser werden die Anklagen des Ich-Erzählers teilweise verstehen. Die beigefarbenen Gewerkschaftersakkos, unerträgliche Weltverbesserer, Sprachkatastrophen wie „Bord-Treff“ oder „Eskalationsspirale“ – all das existiert bis heute fort. Und zugleich werden die meisten Leser die offensichtliche Amoralität des Ich-Erzählers – der ganz selbstverständlich klaut, säuft und „Freunde“ dem Tod überantwortet – nicht teilen, nicht ernst nehmen können. Das Buch entzieht sich also einer eindeutigen Aussage. Und zwar genauso, wie Christian Kracht sich jeder eindeutigen Aussage entzieht. Etwa, wenn er Interviews dann besonders gelungen findet, wenn sie „ein bestehendes Bild“ von ihm „zertrümmern“.

Scheiternde Moderne
Und dennoch sucht man bei aller Ambivalenz nach einer Kontinuität in Werk und Leben des Autors. Für mich liegt sie im zweiten Aspekt verborgen: Der unkonstruktiven Absage an die Moderne. Einer Absage, die sich bereits in „Faserland“ abzeichnet. Denn das Deutschland dieses Buches, das moderne Deutschland, ist von Grund auf kaputt – allen voran das geschilderte Milieu: Fortwährend wird geredet, aber nichts gesagt. Einmal heißt es: „Das ist das Gute an ihr, dass man hinhören kann oder nicht, und beides ist genau gleich viel wert, im Endeffekt.“ Folgerichtig werden uns die Nigels, Alexanders und Rollos dieses Buches zwar als „Freunde“ vorgestellt, aber keiner von ihnen bleibt es länger als ein Kapitel. Diese private Tristesse korrespondiert mit der gesellschaftlichen: ICE’s, Flughäfen, Taxis, Industrie, Marken, guter Geschmack, schlechter Geschmack – alles da. Und alles nichts.
Es wäre ganz einfach gewesen, den Ich-Erzähler vor diesem Hintergrund als Ästheten zu etablieren, der sich aus diesem Moloch mit Kunst, Kultur und Aufrichtigkeit befreit. Und zugleich wäre es vollkommen unglaubwürdig gewesen. Der Protagonist steht selbst in dem Sumpf, dessen Gestank ihm unerträglich ist. Wie wir alle. Es sei denn, wir klammern uns hilflos an Weltverbessererutopien wie die klägliche Romanfigur Varna.
Und eben hierin liegt die werkimmanente Kontinuität: In „1979“ wird die westliche Moderne von der Theokratie im Iran und dem Kommunismus in China abgelöst. In „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ wird die Entwicklung der Moderne in einer Parallelweltgeschichte kurzerhand abgebrochen. Genauso wie in „Imperium“, und zwar von August Engelhardt auf der Insel Kabakon.
Allein: All diese Versuche aus der westlichen Moderne auszusteigen, sind nicht nur zum Scheitern verurteilt – sie potenzieren die Schrecken der Moderne sogar noch weiter. Es ist daher kein Wunder, dass der Protagonist von „Faserland“ eine Gegenwelt nur mithilfe seiner Fantasie (etwa als Rückblick in die Kindheit oder mit Aussteigerfantasien wie einem Leben in den Bergen) imaginieren kann. Dass er sich nicht, wie ebenjene Varna, im Dienste einer scheiternden Utopie gegen die Moderne auflehnt. Kurzum: Dass er lieber auf den dunklen Zürichsee hinausrudert und aus der Moderne verschwindet. Ganz so wie Christian Kracht, wenn er sagt: „Ich persönlich habe mich immer eher bemüht, zu verschwinden, leise zu sein und zum Beispiel nicht Auto zu fahren, aus Protest.“

Fazit
„Faserland“ ist aus zwei Gründen zu empfehlen. Erstens, weil es ein durch und durch faszinierendes Buch ist, das zahllose Spuren auslegt, denen man nachgehen kann. Oder auch nicht – dann allerdings hat man jedenfalls einen äußerst kurzweiligen und gut geschriebenen Text gelesen.
Und zweitens, weil man mit einer Lektüre Christian Krachts als Zeitgenosse an der Entstehung eines Werks teilhaben kann, das womöglich einmal kanonischen Charakter annehmen wird. Christian Krachts literarische Bedeuting ist schon heute kaum zu überschätzen. Und wer sich persönlich von ihr überzeugen will, sollte„Faserland“ zum Ausgangspunkt nehmen. Denn die meisten Schlüsselmotive der folgenden, gleichfalls empfehlenswerten Romane sind hier bereits enthalten.
Im Übrigen sei noch auf den Film „Finsterworld“ verwiesen, den Christian Kracht mit seiner Frau Frauke Finsterwalder geschrieben hat. Er stellt in vielerlei Hinsicht eine Anknüpfung zu „Faserland“ dar und ist jedem zu empfehlen, der noch immer unsicher ist, ob er an den literarischen Reisen Christian Krachts teilnehmen soll. Es lohnt sich – und das nicht nur, weil all die anderen, „weil solche wie Wim Wenders eh nur große A*****säcke“ sind.


Herz der Finsternis
Herz der Finsternis
von Joseph Conrad
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 3,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen „Das Grauen! Das Grauen!“, 29. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Herz der Finsternis (Gebundene Ausgabe)
1865 besteigt Leopold II. den belgischen Thron. Der Monarch – Spekulationsgewinne am Suez-Kanal machten ihn vermögend – träumt von einem Kolonialreich. Allein: Weite Teile der Welt sind bereits aufgeteilt, es gibt kaum mehr weiße Flecken auf den Landkarten. In Conrads Buch wird der Protagonist sagen: „Aber einen (Fleck) gab es noch, den größten, den weißesten sozusagen, nach dem mir der Sinn stand.“ (S. 11) Ganz ähnlich ergeht es Leopold. Ihm steht der Sinn nach genau diesem, von den Briten zuvor verschmähten, weißen Fleck entlang des Flusses Kongo. Und tatsächlich wird ihm auf der Kongo-Konferenz 1884 der weiße Fleck zugesprochen – und zwar als sein Privatbesitz. Wie aber soll er diesen Landstrich erschließen, der doch 75-mal größer als Belgien selbst ist? Leopolds Antwort: Er verkauft Nutzungskonzessionen an Gesellschaften, die sodann auf eigene Rechnung die Schätze des Territoriums ausplündern.

Wahrheit und Dichtung

1890 heuert der damals 33-jährige Konrad Korzeniowski bei einer solchen Gesellschaft an. Bald erkrankt er an Fieber und kann fortan seine Tätigkeit als Kapitän nicht weiter fortführen – stattdessen wird er als Schriftsteller unter dem Namen Joseph Conrad weltberühmt. Besonders sein Roman „Herz der Finsternis“ hat durch diverse Verfilmungen Eingang ins kollektive Bewusstsein des 20. Jahrhunderts gefunden. Und just dieser Roman ist in besonderer Weise autobiographisch geprägt.
Denn auch der englische Protagonist Marlow wird – gefördert von seiner einflussreichen Tante (auch dies wohl autobiographisch) – Kapitän auf einem belgischen Dampfschiff. Eine 30-tägige Reise führt ihn zur Mündung jenes Flusses, der unschwer als Kongo zu erkennen ist. Tatsächlich hatte das belgische Königshaus 1891 einen schmalen Atlantikzugang erworben. Von dort aus bricht Marlow ins Landesinnere auf. Zunächst erreicht er die Hauptstation der Gesellschaft. Der Direktor (alle Figuren bis auf Marlow und Kurtz bleiben namenlos) eröffnet ihm, dass er sein Schiff zunächst reparieren müsse. Anschließend gehe es zur inneren Station, wo ein Mann namens Kurtz arbeite, der so viel Elfenbein liefere, wie alle anderen Agenten der Gesellschaft zusammen. Bald wird sich zeigen, mit welch schaurigen Methoden der einst hoffnungsvolle junge Mann Kurtz diese Leistung vollbringt.

Zivilisation

Tatsächlich ist Kurtz eine Chiffre für den Endpunkt des kolonialen Wahnsinns. Einmal heißt es: „Ganz Europa hatte bei der Erzeugung von Kurtz mitgeholfen.“ (S. 82) Zugleich wird er als Universalgenie beschrieben: Er ist Journalist und Redner, musisch wie geschäftlich begabt. Er ist ein Container europäischer Tugend, die – bei ihm freilich in besonderer Weise – in der finsteren Wildnis total entgleist. Für genau dieses Entgleisen findet Conrad beeindruckende Bilder: Einmal liegt vor der Küste ein französischer „Kreuzer da, unverständlich, und feuerte in einen Erdteil hinein.“ (S. 22) Bei der Hauptstation soll eine Eisenbahnverbindung errichtet werden – tatsächlich aber sprengt man nur unnütz in der Gegend herum. Ein Uniformiert beaufsichtigt inmitten der Wildnis die Instandhaltung einer Straße, die es gar nicht gibt. Ein besonders nachhaltig wirkendes Bild für das Scheitern jedes zivilisatorischen Anspruchs sind Dränagerohre, die – sämtlich kaputt – achtlos in eine Schlucht geworfen wurden.
Dabei war Marlow von seiner Tante doch als „ein Sendbote des Lichts. Nicht viel weniger als ein Apostel.“ (S. 19) verabschiedet worden. Damals, so versichert Marlow, sei solche koloniale Sinnstiftung in „Druck und Rede“ (ebenda) gewesen. Ganz zu Anfang – später kann dies nur noch als Ironie gelesen werden – beschreibt Marlow, was seine Zeitgenossen von den Römern unterscheidet, die einst Britannien eroberten: „die Idee und ein selbstloser Glaube an diese Idee“. (S. 10) Warum zerschellen diese hehren Worte jedoch an der Wirklichkeit? Der Grund ist wohl die Gier. Tatsächlich hocken die europäischen Herrscher meist beschäftigungslos, von allerlei Krankheiten geplagt herum. Wenn sie nicht gerade gegeneinander intrigieren, schikanieren sie zur Zwangsarbeit verpflichtete Eingeborene, die wahlweise als Feinde, Verbrecher, Arbeiter oder Rebellen bezeichnet werden. (Tatsächlich hatten sich die eingeborenen Stammeshäuptlinge in den Kaufverträgen, die sie gegenüber Leopold II. eingingen, unwissentlich zur Abstellung von Zwangsarbeitern verpflichtet.) „Das einzig echte Gefühl war die Sehnsucht, auf eine Station im Innern zu kommen, wo Elfenbein zu holen und also auf Prozente zu rechnen war.“ (S. 39) Das gilt für alle Weißen – vom Direktor bis hin zu Kurtz, der wohl nur nach Afrika ging, um zu einer besseren Partie für die Familie seiner Braut zu werden. Und dessen wahnwitzige Praktiken der Direktor (seine größte Kompetenz ist seine robuste Gesundheit) nicht um ihrer selbst willen verurteilt, sondern weil sie eine „ungesunde Methode“ seien und „die Zeit für schärferes Vorgehen noch nicht gekommen war.“ (S. 103)

„Kongogräuel“

Das Treiben in der belgischen Kolonie wird später unter „Kongogräuel“ in die Geschichte eingehen. Und doch ist „Herz der Finsternis“ mehr als eine Anklage kolonialen Unrechts. Marlow bemerkt einmal, er habe das Gefühl nicht in das Innere eines Kontinents, sondern in das Erdinnere einzudringen. Mit anderen Worten: Er dringt nicht nur die Finsternis der Wildnis, sondern auch die Finsternis der menschlichen Seele ein. Und die kann sich, wie im Falle Marlows, dem „Reiz des Grauens“ (S. 9) nicht entziehen. Nach und nach wird er beginnen, den schrecklichen Kurtz zu idealisieren – bis hin zu dem Satz: „Es war unmöglich, ihn nicht zu lieben.“ (S. 124)
Und so ist dieser Text zugleich historischer Bericht, Psychodrama und düsterer Abenteuerroman. Warum sollte man ihn heute noch oder wieder lesen? Zunächst aufgrund Conrads herausragender Beobachtungsgabe und seiner Fähigkeit, Beobachtungen sparsam und eben deshalb prägnant zu schildern. Und wegen des Geschicks, mit dem er eine durchgehend bedrohliche Stimmung erzeugt – wenngleich das stetig wiederkehrende Aufrufen des Motivs „Wildnis = Finsternis“ zeitweilig etwas redundant wirkt. Vor allem aber sollte man den Roman lesen, um sich an das koloniale (Schreckens)Erbe zu erinnern, das die meisten europäischen Nationen teilen und das mittlerweile doch sehr von technokratischen Entwicklungshilfedebatten überlagert wird.
Nach der Lektüre von Conrads „Herz der Finsternis“ jedenfalls werden die eigenen Überzeugungen hinsichtlich „westlicher Werte“ und zivilisatorischen Fortschritts ins Wanken geraten. Man wird eine Vorstellung davon haben, was Gewinnstreben anrichten kann, wenn es sich mit einer nahezu unbeschränkten Macht verbindet – und das selbst bei den edelsten, vorgeblich zivilisiertesten Menschen. Es ist in diesem Zusammenhang geradezu gespenstisch, wenn Conrad im Jahr 1899 einen befreundeten Journalisten über Kurtz sagen lässt: „Er hatte den Glauben. Er konnte sich dazu bringen, alles zu glauben, einfach alles. Er hätte für eine extreme Partei einen glänzenden Führer abgegeben.“ (S. 120)
Ganz am Ende, auf der letzten Seite, wird Marlowe Kurtz’ Braut hinsichtlich der letzten Worte ihres Geliebten belügen. Ausgerechnet der wahrheitsliebende Marlowe beweist damit, dass manche Wahrheiten zu stark sind, als dass man sie aushalten könnte.


Bartleby, der Schreiber
Bartleby, der Schreiber
von Herman Melville
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 3,95

5.0 von 5 Sternen "Unser aller Bruder", 13. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Bartleby, der Schreiber (Gebundene Ausgabe)
Handlung
Der Ich-Erzähler, später wird er uns als „B.“ vorgestellt, betreibt Mitte des 19. Jahrhunderts eine Anwaltskanzlei – direkt an der sich beharrlich zum Finanzzentrum entwickelnden Wall Street. Da er zusätzlich eine Stelle als Rechtspfleger angetreten hat, benötigt er einen vierten Mitarbeiter – Bartleby. Wie seine drei Kollegen soll er als Kopist arbeiten, also als jemand, der juristische Schriftstücke vervielfältigt. Nachdem er diese Aufgabe anfangs stoisch und penibel erledigt, steigert er sich in den kommenden Wochen ebenso stoisch und penibel in eine Verweigerung hinein. Sie nimmt ihren Ausgang damit, dass er sich weigert, einmal kopierte Schriftstücke Korrektur zu lesen. Bald weigert er sich, überhaupt noch Schriftstücke zu kopieren. Die Kanzlei verlassen aber mag er auch nicht. Sanft, aber energisch beharrt er auf seinem Wahlspruch: „Ich würde vorziehen, das nicht zu tun.“ – „I would prefer not to.“ Und diesem Wahlspruch wird er bis zu schrecklichen Ende seines Lebens – und der Erzählung – treu bleiben.

Absolute Metapher
Es war 1853, als Bartleby mit dieser seiner Maxime die literarische Welt betrat. Und er hat sie seither nicht wieder verlassen. Sein „I would prefer not to...“ ist ein ähnliches Schlagwort wie „Warten auf Godot“ geworden. Oft wurde „Bartleby, der Schreiber“ als eine Art Vorstudie zum Werk Kafkas gesehen. Und das stimmt, erinnert Bartlebys wundersamer Einbruch in die Alltagswelt – „bleich und ordentlich, bemitleidenswert und anständig – und hoffnungslos verloren“ (S. 17) – sehr stark etwa an Kafkas „Verwandlung“. Allein: Wir erhalten keinerlei Einblick in Bartlebys Innenleben. Was wir erfahren, erfahren wir von „B.“ und der räumt gleich eingangs der Geschichte ein, dass er (fast, ein anrührendes Gerücht gibt er dem Leser gegen Ende mit auf den Weg) nur Selbsterlebtes über den seltsamen Kopisten zu berichten wisse. Für die Geschichte also ist konstitutiv, dass wir über Bartlebys Verhalten, seine Geschichte, seine Motive, seine Gedanken nichts erfahren. Und in dieser Mischung aus Verschrobenheit und Unerklärlichkeit, der Vorstellung des Lebens als einziges Gefängnis scheint er mir fast eher in Becketts denn in Kafkas Figurenkabinett zu gehören. Es liegt jedenfalls auch deshalb eine seltsame Ironie darin, dass Samuel Beckett von seiner Pariser Wohnung aus auf ein Gefängnis blickte.
Aber nicht nur deshalb ist dieser Umstand wichtig: Eine bald 150 Jahre alte, dazu noch literarische Figur hat scheinbar bis heute nichts von ihrer literarischen Bedeutung und Aussagekraft verloren. In der Erzählung liegt also eine Zeitlosigkeit, die es mir wahrscheinlich erscheinen lässt, dass auch in weiteren 150 Jahren Menschen Bartlebys Geschichte lesen werden, sich mit ihm identifizieren werden. Und das liegt eben nicht nur daran, dass sein merkwürdiges Verhalten zu immer neuen Spekulationen über eine Beweggründe verleitet. Es liegt auch und vor allem daran, dass diese Figur eine Metapher der Verweigerung, der Verneinung, des Ausstiegs, kurz: eine absolute, immer gültige Metapher ist.

„Unser aller Bruder“...
...so hat Gilles Deleuze Bartleby einmal genannt. Und es sind auch fast brüderliche Gefühle, die Erzähler „B.“ für seinen Bartleby empfindet. Natürlich ist er häufig wütend auf den widerborstigen Gehilfen – doch zugleich möchte er ihm dringend helfen: Sei es mit einer anderen Tätigkeit in der Kanzlei, sei es mit einer stattlichen Abfindung. Schlussendlich ist er gar bereit, ihn bei sich zu Hause aufzunehmen. Er, „B.“, ist uns Lesern sehr ähnlich. Er ist keineswegs ein Ausbeuter oder Menschenschinder. Natürlich, er lässt Menschen für sich arbeiten, doch er behandelt sie gut und nachsichtig. Natürlich wünscht er sich Wohlstand, aber zum berühmten und gestressten Strafanwalt möchte er deswegen nun auch nicht werden. Und natürlich würde er Bartleby gerne retten. Ja, vielleicht wird ihm – genau wie uns – klar, was die aufziehende Moderne aus dem Menschen macht: Jemanden, der nicht mal mehr produziert, sondern nur noch reproduziert, kopiert.
„Ach Bartleby, ach Menschheit“ (S.70), das wird „B.“ schlussendlich seufzen. Und damit seine – und unsere – widersprüchlichen Gefühle auf den Punkt bringen: Kein Zweifel, eine Menschheit, die nur aus Bartlebys bestünde, wäre zur Katastrophe verdammt. Und kein Zweifel auch, dass wahrscheinlich niemand die Kraft aufbringen könnte, sich wie Bartleby zu verhalten. Und doch berührt sein Verhalten uns: Weil es uns die Möglichkeit eines anderen, nicht gelebten Lebens aufzeigt. Weil wir uns seinem „Ich mache nicht mehr mit“ in Zeiten der permanenten, beruflichen wie privaten Selbstoptimierung zwar von Herzen anschließen – aber es niemals für uns selbst übernehmen könnten. Und weil uns sein Vorbild, die Tatsache, dass er wenigstens in der Literatur lebte, genau darüber hinweg tröstet.

Fazit
„Bartleby, der Schreiber“ stellt eine zu allen Zeiten gültige und deshalb kanonische Erzählung der Weltliteratur dar. Denn solange es mit der Welt überforderte Menschen gibt (und die wird es immer geben), werden sie in Bartleby einen Bruder finden. Und wenn er ihnen schon nicht als direktes Vorbild taugt, so können sie sein Verhalten doch nachvollziehen, es nach allen Seiten interpretieren. Im Kern aber werden sie immer eine Figur vorfinden, die den denkbar konsequentesten Widerstand leistet, indem sie eben nichts will – nicht teilhaben, nicht verändern, nicht reformieren, nicht revoltieren. Eine Figur, die beschließt, nichts mehr wollen zu wollen. Und die auf diese Weise eben doch eine Utopie begründet. Die utopischste, und damit souveränste, aller Utopien: "Gegenwärtig würde ich vorziehen, mich nicht endlich vernünftig zu verhalten." (S.40)
Ihre Kürze, ihre brillante Sprache und ihre völlige Zeitlosigkeit machen Herman Melvilles Erzählung „Bartleby, der Schreiber“ so zu einem Stück Weltliteratur, das wirklich jedem Menschen zu empfehlen ist.
Ein Wort zur Ausgabe im Ananconda-Verlag: Sie ist äußerst lohnenswert. Denn für wenig Geld erhält man das besagte Stück Weltliteratur und stellt es zugleich sehr gerne in seinen Bücherschrank. Sehr viel günstiger kann man ein gebundenes Buch kaum anbieten. Ein Buch, das zudem erstklassig von Felix Mayer übersetzt wurde. Der übertragt das berühmte „I would prefer not to“ mit „Ich würde vorziehen, das nicht zu tun“ und legt damit eine Übersetzung vor, die angesichts ihrer Stilsicherheit und Eleganz vergessen lässt, dass dieser Text vor anderthalb Jahrhunderten erstmals veröffentlicht wurde.


Die Zone: Ein Buch über einen Film über eine Reise zu einem Zimmer
Die Zone: Ein Buch über einen Film über eine Reise zu einem Zimmer
von Geoff Dyer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,80

4 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Renzension über ein Buch über eine Reise über..., 8. Januar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ich weiß noch sehr genau, wie und wann ich den Film „Stalker“ von Andrej Tarkovskij erstmals sah. Es war vor etwa sechs Jahren im Nachtprogramm von 3sat. Die Fernsehzeitschrift murmelte nur etwas von „Science Fiction, Russland“. Drei Männer in Ruinen? Science Fiction? Das schien eine realsozialistische Mogelpackung zu sein. Und doch konnte ich nicht wegschalten. Es war etwas an diesem Film, das mich nicht loslassen wollte. Dieses Etwas veranlasste mich dann wohl auch bis in die frühen Morgenstunden das Internet nach Informationsschnipseln über diesen Film zu durchsuchen.

„Zum Preis eines Leichenhaufens und dreifacher Dreharbeiten“
Mein erster Wunsch an Geoff Dyers Buch war daher etwas mehr Klarheit in die für mich trübe Entstehungsgeschichte des Films zu bekommen. Und das gelang. Wir lernen, dass der Film gar nicht in Estland, sondern in Tadschikistan gedreht werden sollte. Dass Tarkovskij Kameraleute wie Drehbuchtautoren verschliss oder beinahe in den Wahnsinn trieb. Dass der seltsame „Einführungstext“ eine Bedingung des Filmstudios war, um den Verdacht zu zerstreuen, die „Zone“ könne in der Sowjetunion liegen. Dass der (in Zeiten von Instagram nur scheinbar triviale) ölige Sepiafarbeffekt gelang, indem man in Farbe drehte und den Film anschließend in schwarz-weiß entwickelte. Dass die 142 Einstellungen des Films auffallend wenige sind. Dass die imposante Farbe des Flusses in der „Zone“ einer nahe liegenden Chemiefabrik geschuldet war. Kurzum: Das Buch enthält sehr viele aufschlussreiche Informationen darüber, wie der Film zu dem wurde, was er heute ist: Ein Klassiker, der bezeugt, „dass das größte Verdienst der Lumiére-Brüder darin besteht, diesen Film ermöglicht zu haben.“ (S. 196)

Indirekte Erfahrung
Damit ist zugleich klar, welch hohe Meinung Geoff Dyer von Stalker hat – und das führt zu einem zweiten Wesenskern des Buches: Es ist ein Erfahrungsbericht. Das verrät schon der Titel, der eben nicht „Der Film „Stalker“ und seine Position in der Filmgeschichte“ lautet und somit auch nicht auf einen (unvermeidlich langatmigen) kulturwissenschaftlichen Beitrag schließen lässt. Vielmehr berichtet Dyer, wie er mit diesem Film lebte seit er ihn in der 1980’er Jahren erstmals sah. Handwerklich tut er das, indem er den Film chronologisch nachverfolgt, wichtige Passagen in Absätzen zusammenfasst und den Erzählfluss mit seinen Assoziationen durchsetzt (die, wenn sie sich allzu weit vom Film entfernen, auch bisweilen seitenlange Fußnoten ergeben). Daran sind zwei Aspekte bemerkenswert. Zunächst nimmt sich Dyer größte Freiheiten bei seinen Assoziationen. Das kann natürlich manchmal alles etwas zu weit hergeholt erscheinen lassen. Aber wer „Stalker“ verinnerlicht hat, wird ihn ständig – und bisweilen vielleicht auch zu Unrecht – in anderen Kunstwerken wiedererkennen. Zur Illustration ein prägnantes Beispiel: Dyer führt in einer langen Fußnote die Parallelen zwischen „Stalker“ und Lars von Triers „Antichrist“ aus. In einer Rezension klang die Frage an, warum Dyer uns denn unbedingt seine Meinung über letzteren Film mitteilen muss. Ich für meinen Teil verstehe den Autor hier nur allzu gut. Auch ich saß im (Programm)Kino, sah „Antichrist“ und dachte fortwährend „Das ist Tarkovskij - der Wald, die Kameraarbeit, die Hintergründe der Kapiteltafeln!“. Und tatsächlich: Lars von Trier widmete seinen Film ausdrücklich dem russischen Regisseur. Und er war nicht der einzige, der sich von Tarkovskij inspirieren ließ. Immer wieder zieht Dyer Paralellen zu anderen Werken der Kunst-, Literatur- und Filmgeschichte. Man kann das als Bildungshuberei abtun. Man kann dem Autor aber auch einfach das Recht zugestehen, seine Eindrücke vom Film und dem Einfluss, den er auf alles Spätere ausübte, zu formulieren.

„Schließlich ist die beste Art, über das, was man liebt, zu sprechen, wenn man es leichthin tut.“
Kein Zweifel, das Buch ist durch und durch subjektiv - das ist der zweite wichtige Aspekt. Etwas Anderes wird dem Leser aber auch von Beginn an nicht versprochen. Und zu dieser Subjektivität gehören Werturteile (Godards „Außer Atem“? Nicht anzuschauen. Tarkovskijs Spätwerk? Mist.) ebenso wie ein sehr salopper Schreibstil. Da werden die Protagonisten des Films schon mal zu enttäuschten Pauschaltouristen, die einander provozieren und verarschen. Auch diesen Aspekt kann man verurteilen. Allein: Es ist und bleibt nun einmal Dyers Erzählung vom Film. Und Dyer hält nun mal nicht viel von Ehrfurcht und Verehrung. Lieber möchte er diesen Film erden, nahbar machen. Das mag für Tarkovskij-Gläubige (zu denen ich gehöre) bisweilen schwer erträglich sein. In einer Zeit allerdings, die sich im Trash mit Sätzen wie „Das ist so schlecht, dass es schon wieder gut ist“ eingerichtet hat, ist es auch ein Verdienst so über Kunstfilme mit allerhöchstem Anspruch zu schreiben wie Dyer es tut. Schließlich ist das Problem in der „Idiotenzeit (...), in der nichts länger dauern darf (...) als zwei Sekunden“ (S. 19/20), dass allzu viele vom hohen Anspruch des Autorenfilms ver- und deshalb abgeschreckt werden. Bücher wie dieses könnten daher, indem sie den Kunstfilm ins Verhältnis zu Banalem und Alltäglichem setzen, den Menschen eine Brücke zurück zum (wirklichen) Kino sein.

Fazit
Und die übrige Tarkovskij-Gemeinde kann sich an anderen Teilen des Buches erfreuen. Genannt wurden schon die profunden Erläuterungen zur Entstehungsgeschichte. Eine nicht minder lohnenswerte Lektüre sind Dyers feinsinnige Beobachtungen zur Auflösung von Raum und Zeit. Zu Tarkovskijs Technik des atmenden, lebenden Films. Zum Charakter des Zimmers und der Wünsche, die darin in Erfüllung gehen - oder auch nicht. Natürlich, bisweilen droht der Text in seinem saloppen Ton zu ertrinken. Auch geht Dyer meiner Ansicht nach Tarkovskijs Äußerungen, die jeden symbolisch-metaphorischen Gehalt der Bilder verneinen, etwas vorschnell auf den Leim. Er achtet mir zu wenig auf das, was die Protagonisten sagen – und das obwohl Tarkovskij doch so häufig und intensiv am Drehbuch herumschrieb. Allein: Der saloppe Ton erwies sich letztlich ebenso wenig als Mogelpackung wie Tarkovskijs „Stalker“ selbst, damals, vor sechs Jahren. Auch Dyers Buch folgte ich atemlos durch zwei Abende hindurch. Denn es brachte mich auf neue Gedanken zu einem altbekannten Film – und dazu, ebenjenen Film mit Begleitung des Buches wieder anzuschauen. Er war wieder schön. Er war wieder anders. Und wenn ich ihn zum nächsten Mal sehe, wird er noch schöner und noch anders sein. Und gewiss werde ich auch dann an Geoff Dyers Worte denken - genau wie diejenigen, die Tarkovskij schon sehr gut oder noch gar nicht kennen. Ihnen allen wird dieses Buch ein Gewinn sein, wenn sie den "Stalker" sehen. Einen Film, der nicht etwa zum Nachdenken anregt. Sondern der zum Nachdenken zwingt.
(Eine abschließende Bemerkung zu Verlag und Übersetzung: Wenn die Existenz der „Zone“ ein Wunder ist, dann ist es die Existenz dieses Buches nicht minder. Dem Verlag SchirmerMosel gebührt Dank dafür, ein solches Buch – und dann auch noch in so liebevoller Aufmachung – zu verlegen. Und der Übersetzerin Marion Kagerer gebührt Dank für ihre rundum gelungene, jederzeit angemessene Übertragung, die bei Büchern dieses Genres und dieser Auflage erfahrunsgemäß alles, aber nicht selbstverständlich ist.)


Die Inszenierung
Die Inszenierung
von Martin Walser
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,95

14 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Unglücklich sind die, die nicht mehr lieben können.", 7. Oktober 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Inszenierung (Gebundene Ausgabe)
Inhalt

Augustus Baum ist Theaterregisseur. Er blickt auf geglückte Engagements in deutschsprachigen Stadttheatern zurück. Mit einer Inszenierung der „Antigone“ brachte er es immerhin bis zu den Salzburger Festspielen. Bei den Proben zu seiner neuesten Aufführung – Tschechows „Möwe“ – erleidet Baum einen Schwächeanfall. Vom Krankenbett aus will er seine Inszenierung fortsetzen. Und beginnt bei der Gelegenheit gleich eine zweite, nun private Inszenierung.
In letzterer übernimmt er selbst die Hauptrolle. Das passt ohnehin gut zu seiner Einschätzung, dass niemand Theaterregisseur ist – sondern bestenfalls, das heißt: glaubwürdig, einen Theaterregisseur spielt. So wird sein Krankenhausaufenthalt schlechthin zum Schauspiel. Obwohl er längst genesen ist, gelingt es ihm seine Entlassung durch geschicktes Simulieren aufzuschieben. Nur so kann er die stürmische Affäre mit der Nachtschwester Ute-Marie aufrechterhalten. Kaum hat sie allabendlich die übrigen Patienten ruhiggestellt, lauscht sie den schwärmerischen „Arien“ des Regisseurs – obwohl sie ihrerseits mit dem Softwareentwickler Vince liiert ist.
Das bleibt Baums Ehefrau Gerda freilich nicht verborgen. Sie tritt ihrerseits jeden Morgen auf, um ihrem Mann ein Frühstück zu servieren, das „alles enthält, was er braucht.“ Stets in der Hoffnung, sie sei alles, was er braucht. Kein Zweifel: Gerda ist eifersüchtig. Britta, Carla, Lavinia...für jede seiner Inszenierungen beginnt Baum eine inspirierende Affäre. Was er brauchen kann, so urteilt er über eins seiner Intermezzi, leitet er dann in die jeweilige Theaterproduktion. Kein Wunder, dass er sich mit dieser Einstellung in eine Linie mit Goethe und Brecht stellt. Dennoch relativiert Gerda Baums Gefühle für Ute-Marie. Die Krankenschwester reihe sich doch ohnedies nur in die Reihe seiner Arbeitsaffären ein. Sie stille allenfalls das sexuelle Verlangen. Mit Liebe habe die Affäre daher noch lange nichts zu tun.
Aus dem spannungsreichen Dreieck Gerda – Augustus – Ute-Marie – ergibt sich die so spannende wie alles entscheidende Frage des Romans: Wie wird es Baum gelingen, die verfahrene Situation aufzulösen? Wie begegnet er dem Exklusivitätsanspruch des „Ich will die Einzige sein“, wenn er doch Gerda und Ute-Marie gleichermaßen liebt? Verraten sei nur so viel: Das Ende überrascht. Es wird sich zeigen, dass dies gar nicht Baums Inszenierung war.

Spiegelkabinett

Verschiedentlich wurde darauf hingewiesen, dass dieser Roman einem Kammerspiel gleiche. Diese Interpretation ist so richtig wie erklärungsbedürftig. Fraglich ist zunächst, ob es sich eigentlich um einen Roman handelt. Zwar verspricht der Buchumschlag einen ebensolchen, jedoch scheint ein Erzähler allenfalls in Form von Regieanweisungen auf. Die Geschichte vermittelt sich allein über die Gespräche der Protagonisten. Das Spiel von Rede und Gegenrede wird lediglich in zwei Kapiteln unterbrochen. Hier erhält Baum Post von seinem verloren geglaubten Freund Hans-Georg. Hier knüpft der Walser an die Struktur des Vorgängerromans an, der wesentlich aus einem Briefwechsel bestand. Es mag darüber hinaus kein Zufall sein, dass auch „Die Inszenierung“ just dreizehn Kapitel enthält. Im Übrigen finden sich in den beiden Briefkapiteln auch Anklänge an die von Günther Grass ausgelöste Israel-Diskussion, zu der sich Walser persönlich nicht wirklich äußern wollte – und zwar mit Verweis auf seine Skepsis gegen das „Rechthabenmüssen“, die wiederum auch in Hans-Georgs Briefen anklingt.
Zurück zum Ausgangssatz. Der Ausdruck „Kammerspiel“ ist richtig gewählt. Das gesamte Buch spielt in Baums Krankenhauszimmer, das ob der halb-dramatischen Form des Textes zur Bühne wird. Zugleich aber hat der Leser es hier mit einem Spiegelkabinett zu tun. Das fängt bei den besagten Briefen des Hans-Georg an. Walser variiert hier das Grundmotiv des Romans und hievt es zugleich auf eine noch komplexere Ebene. Auch Philosophieprofessor Hans-Georg ist in eine Dreierkonstellation geraten, die er gern auf Dauer stellen würde. Allein: Er liebt neben seiner Frau Ursula den Mann Berti. Im Theaterstück „Die Möwe“ wird gleichfalls eine Dreierkonstellation beschrieben. Dasselbe ließe sich über Goethes „Stella“ sagen, die zugleich Baums erste, prägende Inszenierung war. Zwischen Augustus und Gerda entspannt sich später eine Diskussion über das Verhältnis von Sexualität und Liebe. Hier ruft Walser Shakespeares „Maß für Maß“ auf. Diese literarischen Verweise sollen jedoch nicht die literaturhistorischen Kenntnisse des Autors belegen. Das Lesevergnügen hängt auch keineswegs von der Kenntnis dieser Stücke ab. Im Gegenteil: Martin Walser scheint bemüht, auch dem ahnungslosen Leser jedenfalls im Ansatz klarzumachen, worauf es ihm in der jeweils zitierten Dramenliteratur ankommt. Wichtig ist etwas ganz Anderes: Die Konstellation des Romans soll auf verschiedenste Weise gespiegelt werden. Sei es über die Parallelführung mit Hans-Georg, sei es mit dem Rückgriff auf die literarischen Klassiker. Aus verschiedensten Perspektiven zeigt sich, dass Liebe über gewöhnliche Paarkonstellationen hinausgeht.

Wahrhaftigkeit

Über die „Möwe“ weiß Baum zu berichten: „Ein Stück, in dem die Menschen einander nicht die Wahrheit sagen können“. In Walsers „Inszenierung“ ist es ähnlich. Die längste Zeit verbarg Augustus Baum seine Affären notdürftig. Er spielte nicht nur die Rolle des Regisseurs, sondern auch die des treuen Ehemanns. Doch nun, bei Ute-Marie, legt er die Karten offen auf den Tisch. Seiner Frau mutet er den Satz „Gerda, sie passt gut zu uns“ zu. Offen will er seine Liebe zu den beiden Frauen leben dürfen. Und stößt damit unweigerlich auf Unverständnis. Sein Sohn etwa schämt sich nur noch für die Schürzenjägerei des Vaters. Baum wiederum lästert über das „Moralmilieu“: „Immer rechtzeitig und ordentlich geschieden. Affären niemals!“
Gegen dieses Milieu schreibt Walser im Roman an. Er verurteilt die Bigotterie des bürgerlichen Zweisamkeitsidylls. Sie verurteilt die Menschen zur fortwährenden Schauspielerei. Entweder haben sie vorzuzeigen, dass sie nur ihren Partner – und sonst niemanden! – lieben. Oder aber sie haben über ihre Affären hinwegzutäuschen. Auf diese Weise wird das Theater, wird „Die Inszenierung“ zur conditio humana. Die alltägliche Unaufrichtigkeit im Namen einer fragwürdigen Moral – sie ist es, über die Regisseur Baum hinauszuwachsen wünscht. Er hinterfragt die angeblich Normalität der exklusiven Zweisamkeit mit Trauschein, zu der sich gerade junge Menschen – man denke an seinen Sohn – hingezogen fühlen. Sowohl die vielen literarischen Verweise als auch die Briefe Hans Georgs belegen, dass die Wirklichkeit dem gesellschaftlich Anerkannten Hohn spricht. Dass eine konventionelle Vorstellung von Liebe sich als untauglich erweisen könnte, wenn die Gesichtsmaske des Buchumschlags abgelegt wird. Und eben hierin liegt die Spannung des Romans: Ist es wenigstens noch für eine exaltierte Künstlerpersönlichkeit wie Baum möglich, eine andere Normalität herzustellen? Kann ausgerechnet ein Theatermann mit der Absage an jedwede Schauspielerei durchkommen?

Fazit

„Die Inszenierung“ ist ein Plädoyer, es sich mit der Liebe nicht zu einfach zu machen. Martin Walsers Spätwerk, das hoffentlich noch lange fortgeschrieben werden wird, kreist somit weiterhin um „Das seriöseste Leiden: Liebe“. Es gelingt abermals dem so häufig wie unbedacht ausgesprochenem Wort „Liebe“ neue Facetten zu entlocken. Dies ist die erste und wichtigste Ebene des Romans. Auf den zweiten Blick ist das Buch zugleich ein Künstlerroman. Man erfährt eine Menge über die erschreckende Brutalität des Theaterbetriebs, die Selbstherrlichkeit von Großschauspielern und über den Preis, den jeder Künstler für seine Kunst zu zahlen hat. Und schließlich finden sich im Text zahllose literarische Assoziationen, denen jeder Leser gewinnbringend nachgehen kann. „Die Inszenierung“ ist in Struktur und Inhalt eine Liebeserklärung an das Theater. Eben weil dort mehr auf dem Spiel steht als kulturelles Kapital und Auslastungszahlen. Weil das Theatralische, Schauspielerische jedem Menschen zueigen ist. Weil es zu unserem Leben gehört – und es wohl oder übel prägt.
Eben deshalb ist das Buch kein klassischer Roman. Mehr noch, man könnte es unbearbeitet als Theaterstück auf die Bühne bringen. Der Text ist daher nicht immer ganz einfach zu lesen. Und natürlich fehlt die herrliche Erzählstimme Martin Walsers. Allein, zu dieser Geschichte passt kein Erzähler. Sie vermittelt sich über die Aussagen und Handlungen ihrer Protagonisten. Es braucht keine ordnende, erklärende oder wertende Stimme. Einmal ist im Buch gar die Rede vom „moralischen Verstummen“. Man muss nur den Menschen in diesem Roman zuhören. Ist die erste Irritation über die Textstruktur überwunden, ergibt sich allein daraus ein enormes Lesevergnügen. Martin Walser ist abermals ein großartiger Roman über die Liebe gelungen. Wer sich für deutsche Gegenwartsliteratur interessiert, kommt an diesem Autor nicht vorbei – und er wird mit diesem Buch auch nichts falsch machen. Ich jedenfalls freue mich schon jetzt auf dem kommenden Walser-„Jahrgang“.


Toner für Brother TN2005 HL 2035 2037 HL2035 HL2037 High Capacity - Schwarz, 5.000 Seiten, kompatibel.
Toner für Brother TN2005 HL 2035 2037 HL2035 HL2037 High Capacity - Schwarz, 5.000 Seiten, kompatibel.
Wird angeboten von Tintendienst - Druckerverbrauchsmaterial
Preis: EUR 24,90

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Großartig!, 16. Juli 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Nachdem ich mich jahrelang an den Kassen verschiedener Elektronikmärkte über die horrenden Preise der Ersatztoner von BROTHER geärgert hatte, war ich es leid. Jetzt werde ich es versuchen, dachte ich heldengleich, mit einem Toner vom Drittanbierter. Entschlossen bestellte ich diesen Toner, der schließlich deutlich weniger als die Hälfte eines Originalteils kostet.
Der Toner kommt genauso gut verpackt wie ebenjenes Originalteil an. Er hat gleichfalls den obligatorischen Plastikschutz an der Seite. Diese Sicherheitsvorrichtung schnell abgenommen, passt der Toner perfekt auf Druckerschiene und verschwindet bald im Laserdrucker. Zunächst druckte ich eine Testseite - kein Unterschied zum Original. Mittlerweile habe ich locker 100 Seiten Material für meine Abschlussarbeit ausgedruckt - noch immer kein Unterschied zum Original. Stellt man die ohnehin geminderte Qualität von Laser - Druckern gegenüber solchen mit Tintenstrahl in Rechnung, gibt es hier wirklich keinen Grund zur Klage. Wer sich ein solches Laser - Gerät anschafft, legt es ja vermutlich ohnehin eher auf die Quantität als auf die Qualität der Ausdrucke an.
Das spricht für das Preisbewusstsein der Laser - Drucker - Nutzer. Dieses Preisbewusstsein sollten sie auch beim Ersatztonerkauf zur Richtschnur machen. Dann nämlich müssen sie sich, genau wie ich, von nun an nie mehr über die horrenden Preise der Toner von Brother ärgern.


Kein Titel verfügbar

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Erstaunlich gut., 16. Juli 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Soeben zeigt mir das Akku - Analyse - Programm "Coconut Battery" an, dass mein MacBook 60 Monate alt ist. 5 Jahre also - man kann sich nicht beschweren, wenn nach so langer Zeit der Original - Akku den Geist aufgibt. Nach endlosen Transporten lud die Batterie zwar noch zuverlässig, jedoch hatte sich das Gehäuse bedrohlich verbogen. Um das Gehäuse des Laptop unter dieser Akkudeformation nicht weiter leiden zu lassen, entschloss ich mich Ersatz zu beschaffen.
Ebenjenes "Coconut Battery" zeigt mir nun, dass mein neuer Akku tatsächlich die gleiche Ladekapazität wie der alte hat. Nach drei Ladungen ist somit noch alles wunderbar bei dem Ersatzteil. Den Ausschlag für den Kauf dieses Geräts gab natürlich der Preis. Der Akku ist lediglich halb so teuer wie ein Originalteil von Apple. Soviel Preisaufschlag war mir der aufgedruckte angebissene Apfel denn doch nicht wert. Da der Hersteller zugleich zwei Jahre Garantie verspricht, schien mit das Drittanbieterrisiko überschaubar.
Fristgerecht nach zwei Tagen war der neue Akku bei mir angekommen - fast schon zu gut verpackt. Natürlich hatte ich nach dem Auspacken Bedenken, das Teil könne nicht in mein MacBook passen. Tatsächlich aber glitt der Akku in den Laptop als wäre er eingegossen. Der minimal vom Laptop abweichende Farbton ist auch schon der einzige sofort sichtbare Unterschied zum alten Originalteil.
Allein: Einen Wermutstropfen gibt es doch. Ist der Akku leer, schaltet der Laptop nicht in einen "Schlafmodus" und ist bei neuerlicher Stromzufuhr mit allen geöffneten Fenstern und Programmen wieder aktiv. Ist der Ersatzakku leer, schaltet das MacBook sich sofort aus. Darauf sollte man sich, etwa bei der Bearbeitung Word - Dokumenten, einstellen.
Wer mit diesen kleinen Nachteilen jedoch leben kann, wird für sein altes MacBook hier ein sehr preiswertes Ersatzteil bekommen, dass seinen Zweck voll und ganz erfüllt. Da über kurz oder lang jeder Laptop - Akku ersetzt werden muss, sollte man sich wirklich überlegen, ob es wirklich das Originalteil von Apple sein muss. Hier, mit diesem Gerät von Lavolta, hat man jedenfalls eine sehr gute Alternative.


"Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter": 48 Geschichten für Fritz Bauer
"Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter": 48 Geschichten für Fritz Bauer
von Alexander Kluge
  Taschenbuch
Preis: EUR 16,95

13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen In Beobachtung und Erinnerung nicht erlahmen, 16. April 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Der Titel des Buches ist ein Zitat von Bazon Brock, im Kontext lautet es: „Der Tod muß abgeschafft werden, diese verdammte Schweinerei muß aufhören. Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter.“ Den Tod abschaffen? Das würde Alexander Kluge vermutlich nicht fordern, dafür ist sein Denken zu existenziell. Einen Tod aber würde er gewiss aus der Welt bringen wollen – den durch die Verfolgung von Menschen. Und wer in diesem Sinn ein Buch schreibt, der darf ihm auch einen pathetischen Titel geben. Die so überschriebenen 48 neuen Geschichten von Alexander Kluge handeln von der Judenverfolgung.
Der Titel verrät es: Alexander Kluge ist untröstlich. Gewiss über die deutsche Geschichte, doch dazu später. Untröstlich ist er auch über den Tod von Fritz Bauer, dem 1968 verstorbenen Generalstaatsanwalt Hessens. Dieser Jurist erzwang, am deutlichsten mit den Auschwitz – Prozessen, die Aufarbeitung der Judenvernichtung im Dritten Reich in der jungen Bundesrepublik. Ihm widmet Kluge dieses Buch. Diese Entscheidung erklärte im Bayrischen Rundfunk: Wenn er Geschichten schreibe, dann müsse er sich jemanden vorstellen, dem er sie erzähle. In diesem Fall ist das Fritz Bauer. Außerdem jährten sich die Auschwitz – Prozesse im vergangen Jahr zum fünfzigsten Mal. Das Jahr 1962 weckt Kluges Interesse. Reflexionen Kluges an Fritz Bauer halten dieses Buch zusammen. Es endet mit einer Widmung an Bauer. „Monströse Verbrechen haben eine Eigenschaft, sagte Fritz Bauer, daß sie, sobald sie in die Welt treten für ihre Wiederholung sorgen.“ Kluge urteilt: Die Attraktoren des Bösen „dürfen nicht wirkmächtiger werden als unsere Erfahrung.“ Erfahrungen können durch Strafprozesse so gut entstehen wie durch Literatur. Macht eine Gesellschaft richtige Erfahrungen, besteht die Möglichkeit, dass sie sich gegen das wiederkehrende Böse immunisiert. Das trieb den Jursiten Bauer ebenso an wie den Literaten Kluge.

Gegen jede Vernunft
Noch stärkeren Eindruck aber hinterlässt das Eingangskapitel. Kluge schildert die Beisetzung Fritz Bauers – „Zu leben ein angenehmer Tag.“ Adorno hat die Musik ausgewählt. Eine ordnende, womöglich tröstende, Rede hat der Verstorbene testamentarisch untersagt. Betrüblich wenige nehmen Abschied. Entfernten Verwandten aus Schweden wird eine Anekdote erzählt. Ein Fünfjähriger geht fortwährend in die Schule - für die er doch eigentlich zu jung ist. Ein Regierungspräsident möchte das Kind aus der Schule entfernen. Seine Anwesenheit widerspreche einem Erlass. Fritz Bauer erklärt, dass ihn niemand für diesen Gesetzesverstoß anklagen werden, denn „Die Erlasse sind von Vernünftigen im Interesse von Vernünftigen gemacht.“
Alexander Kluge sagt, dass Menschen Zugänge zur Vernunft haben. Die Judenverfolgung widerspricht nicht nur der Moral oder der Gerechtigkeit – sie widerspricht der Vernunft. So gebietet etwa die Vernunft des Krieges alle wehrfähigen Männer einzuziehen. Kluge widmet dem Gedanken zwei Geschichten. Die erste – sie spielt 1937 - zeigt, dass Juden im Kriegsfall zweifellos unter „Ausnahmegesetz“ zu stellen seien. Direkt folgend stellt der Autor den Statistiker Burgdörfer vor. Jener errechnet, dass 1935 308.000 wehrpflichtige Juden in Deutschland lebten. Sie hätten 18 Divisionen und 2 Armeen bilden können. Unvernünftig ist es auch Juden zu töten, die in der kriegswichtigen Produktion hätten arbeiten können. Kluge erzählt von Gefangenen, die noch auf dem Weg zum Arbeitseinsatz in einer Mine erschossen werden. Oder von Zwangsarbeitern, die 1943 in den Fabriken schon gar nicht mehr angenommen werden (krank, minderjährig), weil schon allzu viele deportierte Arbeitsfähige verheizt wurden. Der in Frankreich stationierte Ernst Jünger sieht die waltende Unvernunft bei einer Racheaktion aufgrund des Mordes am deutschen Feldkommandanten in Nantes, der hunderte Juden zum Opfer fallen.
Eine der Schlüsselfragen des Buches lautet: Wie ist es möglich gegen die Kräfte der Menschlichkeit (wie in der bewegenden Schilderung des Falls Helbronner) und der Vernunft ein kolossales Verbrechen zu begehen?

Rom, 1944
Wenig verwunderlich: Kluge beantwortet diese Frage mit einer Geschichte. Im besetzten Rom entscheidet die Stadtkommandantur die Deportationszüge nicht etwa mit Juden zu bestücken, sondern mit Carabinieri. Obwohl unbewaffnet stellen sie diese schließlich eine Gefahr für die Besatzer dar. Die Juden ihrerseits sollten ihrerseits eine „Sühnegeld“ leisten und Schanzbataillone stellen. „Der Sicherheitschef badete in jenen Tagen in einem See des Einvernehmens.“ Offensichtlich war eine Lösung gefunden, die die Juden zwar nicht schonte, aber zugleich im Einklang mit den Kriegsinteressen stand. 25 SS – Offiziere, von Kaltenbrunner geschickt und „Relativ untergeordnete Ränge“, werden dennoch reichen, um 1007 römische Juden zu deportieren. Eine Konferenz unserer Zeit versucht in Kluge’s Geschichte diesen Widerspruch aufzulösen. Die Erklärung wird von Anselm Haverkamp vorgetrangen. Eine Befehlskette aus dem fernen Berlin könne sich als „rabiater Wille“ durchsetzen – in Form einer Drohung. Die 25 Männer treten stets gemeinsam auf. Ihre Gegenspieler in Rom aber arbeiten vereinzelt. So können die SS - Leute jeden einzelnen von ihnen bedrohen und also ihren Willen durchsetzen. Zur Not gegen eine ganze Millionenstadt. Die 25 arbeiten in einem persönlichen und konkreten Auftrag. Die Stadtverwaltung arbeitet in historischem und zivilisatorischem Auftrag. Kluge’s Fazit ist, „daß der Fanatismus einer Befehlskette, die mit der Drohung der Isolation sich durchsetzt, nur dadurch zu bekämpfen ist, daß man sie zerstört, bevor sie entsteht.“
Wer aber sind diese Täter mit rabiatem Willen? Bei Kluge sind sie keine Ungeheuer. Meist haben sie eine bürokratische Tendenz. Da gibt es eine kleine Gefängnisbesatzung, die – während schon alliierte Kanonen donnern – „Landesverräter“ durch Erwürgen(!) umbringen. Nicht aus Mordlust, sondern um sicherzustellen, dass der festgestellte „Hochverrat“ noch bestraft wird. Beamtenlogik verhindert die Überstellung von 2.000 spanischen Juden aus französischen Lagern nach Marokko. Man wolle keine Präzedenzfälle schaffen. An der Spitze dieses verwalteten Wahnsinns stehen Menschen wie Hitler (der sich in einem Kapitel seiner taktischen Klugheit gegenüber dem jüdischen Feind rühmt) oder Goebbels, dem Kluge gleich drei Geschichten widmet.

„Die Welt sieht zu.“
Das jedenfalls demonstriert der spanische Konsul, als er den Abtransport griechischer Juden offiziell beobachtet. Die Welt sieht eben nur zu. Eine Bombardierung der einzigen Bahnstrecke zur Deportation ungarischer Juden unterbleibt aus fadenscheinigen Gründen. Britische Funker hören den ganzen Mittelmeerraum ab – ohne aus ihren Informationen lebensrettende Taten zu machen. Sie würden sich dadurch verraten. „Allerdings seien wir Menschen für das Ergebnis aller unserer Taten gemeinsam haftbar (...)“ lässt Kluge im drittletzten Kapitel Spinoza sagen.
Die Helden, die Oskar Schindlers, fehlen dem Buch. Und dennoch gibt es Retter. Seien es Bewacher einer Kolonne Juden, die sich angesichts der näher kommenden Front gegen eine Erschießung entscheiden. Oder ein generöser Generalkonsul in Nizza.
Außerdem ist die Judenverfolgung keine Neuigkeit der Weltgeschichte. Immer wieder kommt Kluge auf die Verfolgung iberischer Juden, der Sepharden, im Mittelalter zu sprechen. Fritz Bauer sprach von „gespenstischen Fernwirkungen". So empfiehlt ein Seher aus Salamanca vor den Vertreibungsedikten von 1492 einigen Sepharden die Ausreise, zunächst nach Portugal, bald aber nach Nordafrika (ins tolerante Sultanat) oder in die Niederlande. 1943 werden Nachfahren dieser Auswanderer in Saloniki verhaftet und deportiert. Nur eine Geschichte weiter liegt ihre Rettung: Ein spanischer Arzt verschafft im 15. Jahrhundert vertriebenen Juden das Recht auf die spanische Staatsbürgerschaft im Jahr 1924 – also auf einen Pass, der bald lebensrettend werden kann.

Auswege
Das Buch würde eine negative Schlagseite bekommen, wenn Kluge nicht immer wieder die glücklichen Fügungen zeigen würde. Hier kommt sein Glaube an den Erfindungsreichtum bedrohter Menschen zum Ausdruck. So befreit eine sprachgewandet und intelligente junge Frau ihre jüdische Familie aus der Hand von Piraten. Und ebenso rettet eine jüdische Frau sich und ihr Kind – mit Devisen, die sie in ihre Kleidung einnäht. Weil Nahrungsmitteltransporte vorrangig sind, werden Deportationszüge entladen. Die Gefangen lösen sich in Luft auf.
Bei all den Geschichten weiß man – wie immer bei Kluge – nicht, was Tatsache und was Erfindung ist. Für ein literarisches Buch spielt das aber auch keine Rolle – man denke nur an den phantastischen Golem, der am Ende des Buches auftritt. Es spielt keine Rolle, ob die Legende vom Golem stimmt. Wichtig ist, dass immer wieder Unheil in die Welt kommt. Unheil, das unbedingt zu vermeiden ist. Alexander Kluge erzählt Geschichten aus einer „plötzlich irre gewordenen Welt“, wie im BR – Gespräch sagte. Und er erzählt sie, um die Wiederholung der Geschehnisse zu verhindern. Die Welt sollte so eingerichtet sein, dass die Erfahrung über das Böse siegt. An unserer kollektiven Erfahrung schreibt Kluge mit.

Es ist eine unverschämt lange Rezension entstanden. Das liegt nicht nur an einer, hoffentlich deutlich gewordenen, Begeisterung für das Werk Alexander Kluges. Es liegt auch daran, dass eine lange Rezension praktisch nirgends geschrieben wurde. Vielleicht hat der Rummel um Kluges „Neue Lebensläufe“ aus dem letzten Jahr die Aufmerksamkeit für diesen Autor zeitweilig aufgezehrt. Vielleicht lag es auch daran, dass die äußere Erscheinung – Struktur, Duktus, Stil – sehr typisch für Kluge und zu wenig Neues enthalten ist.
Den Rezensenten ist ein grandioses Buch entgangen. Alexander Kluge ist ein Glücksfall für die Intellektualität in Deutschland. Man kann die spielerisch leichte Assoziationskunst des Autors, die zwischen Zeitaltern so gut wie zwischen Kontinenten springen kann. Er muss nur wenige, nüchterne Worte aufbieten, um beim Leser Gedanken zu erzeugen. Selten sind die Geschichten länger als zwei Seiten – obwohl aus praktisch jeder von ihnen ein veritables Buch entstehen könnte. Zugleich liegt sehr viel zwischen den Geschichten. Fasziniert folgt man den – mal offensichtlichen, mal verborgenen – Beziehungen zwischen den einzelnen Geschichten - und damit zwischen den Ereignissen. Inhaltlich bewegende Geschichten in einer virtuosen Montage werden zu einem großartigen Kunstwerk. Wenn das Buch schon keine große publizistische Aufmerksamkeit erregte, so sind ihm doch wenigstens möglichst viele Leser zu wünschen.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 22, 2014 12:46 AM CET


1 Paar Bergal Schnürsenkel weiss - rund - dünn - Ø 2,5 mm (90 cm)
1 Paar Bergal Schnürsenkel weiss - rund - dünn - Ø 2,5 mm (90 cm)
Wird angeboten von sgabello
Preis: EUR 1,52

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unkompliziert!, 11. April 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Warum kauft der moderne Mensch ein Paar Schnürsenkel? Nun, bei mir war es die Not des verantwortungslosen Konsumenten.
Ich sah bei Primark ein einziges Paar herrlicher Schuhe - und, siehe da, dieses letzte Paar entsprach auch noch meinr Größe. Allein: Ein nicht nur verantwortungsloster, sondern obendrein boshafter Konsument hatte die Schnürsenkel enwendet. Nichtsdestotrotz kaufte ich mein Paar Schuhe und wollte Bosheit nicht mit Bosheit benantworten. Statt also meinerseits aus andersfarbigen Schuhen Schnürsenkel zu entwenden, bestellte ich diese hier.
Etwa eine Woche nach der Bestellung lag ein kleiner Briefumschlag im Briefkasten. Enthalten war das gewünschte Paar Schnürsenkel, das hinsichlicht Länge, Durchmesser und Farbe meinen Vorstellungen entsprach. Dank dieser günstigen Schnürsenkel hatte ich fortan nicht nur ein Paar vollwertiger Schuhe zu Primark - Preis. Nein, ich stellte mir das Zeugnis höchsten Anstands dafür aus, dass ich keine Schnürsenkel geklaut sondern - untadelig - gekauft hatte.


Seite: 1 | 2 | 3