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Arthur Gordon Pym
Arthur Gordon Pym
von Michael Farin
  Gebundene Ausgabe

9 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein toller Witz!, 19. März 2009
Rezension bezieht sich auf: Arthur Gordon Pym (Gebundene Ausgabe)
Wer diesen Roman ernst nimmt, hat schon verloren, denn er wird vom Autor getäuscht, von der ersten bis zur letzten Seite.

Poe hat sich in der Romanform nicht wirklich wohl gefühlt, das verrät schon die interessante Entstehungsgeschichte des Buchs: Es ist geschrieben worden, um damit Geld zu verdienen. Die Kurzgeschichten, die er für gewöhnlich schrieb, brachten nicht genügend ein. Was geschieht nun, wenn ein Autor wie Poe den Versuch unternimmt, einen kommerziell erfolgreichen Roman zu schreiben?

Der Ich-Erzähler schifft sich aus Abenteuerlust als blinder Passagier ein und muss sich tagelang unter Deck in drangvoller Enge und bei Dunkelheit verstecken. Man begegnet einem für Poe typischen Motiv, der Angst vor dem Lebendigbegrabensein. Es folgen eine Meuterei, schweres Gemetzel, Seenot und glückliche Rettung. Dann ein merkwürdiger Bruch in der Erzählung: Plötzlich liest man naturkundliche Beschreibungen, nautische Fachsimpeleien, Seefahrtshistorie. Eigentlich hat der Autor seine Geschichte zu Ende erzählt, aber er schreibt trotzdem weiter. Und weil ihm grade nichts mehr einfällt, kopiert er ganze Textstrecken aus anderen Büchern. Dabei kann er noch nicht einmal auf eine besonders große Referenzbibliothek zurückgreifen. Poe ist ein armer Mann, und die paar Bücher über Seefahrt, die ihm zur Verfügung stehen, müssen reichen. Sie werden bedenkenlos geplündert. Die Lustlosigkeit ist so offensichtlich, dass man davon ausgehen muss: Sie wollte bemerkt werden.

Schließlich, im dritten Teil des Romans, nähert sich die Reise mehr und mehr dem Südpol an. Ein unbekanntes Volk taucht auf: schwarze Menschen mit schwarzen Zähnen, die in Erdlöchern hausen. Sie zeigen sich erst freundlich, erweisen sich dann aber als grausame Meuchler. Den Ich-Erzähler verschütten sie unter einer Gerölllawine. Die Art, wie er dort eingeschlossen ist, erinnert erneut an die Situation des Lebendigbegrabenseins. Es folgen merkwürdig ausführliche Landschaftsschilderungen, sogar mit Skizzen illustriert, die an Buchstaben einer unbekannten Sprache erinnern.

Vögel, die einen geheimnisvollen Laut von sich geben, den auch die Eingeborenen in ihrer Sprache verwenden, merkwürdige Zeichen, die in die Landschaft geschrieben sind, all das ist Humbug, es ist ein Witz.

Dann Befreiung, Weiterfahrt in Richtung Südpol, merkwürdige Lichterscheinungen am Himmel, Ascheregen und gegen Ende eine übergroße Gestalt, die sich aus dem Meer erhebt.

Zunächst möchte man annehmen, hier würde eine besonders rätselhafte und verworrene Geschichte geschildert. Durch die Deutung der Hinweise und Indizien, müsste es möglich sein, hinter den Sinn zu kommen. Aber einen Sinn gibt es nicht. Der Roman ist ein schlechter Witz, der Witz eines Schriftstellers, der sich über seine unterhaltungsuchenden Leser lustig macht. Das, und nur das ist die Stärke des Buchs. Im Nachwort heißt es, die letzten drei Kapitel der Erzählung seien verloren gegangen. Es werden Gründe genannt. Aber die Vermutung, Poe hätte eine Fortsetzung geplant, ist falsch. Er hat vielmehr die Schraube so lange angedreht, bis nichts mehr geht. Seine Geschichte lässt sich überhaupt nicht sinnvoll zu Ende erzählen. Er hat sie absichtlich gegen die Wand gefahren.

Wenn dieses Buch eine Botschaft hat, dann Provokation: "Ihr wollt einen spannenden Roman lesen? Hier habt ihr ihn!" Aber der Leser bekommt nicht das, was ihm versprochen wird. Er erhält eher eine verkappte Satire. Man könnte auch von absichtsvollem Scheitern reden, oder von einem literarischen Lausbubenstreich.

Vermutlich gibt es viele Interpreten, die sich ausführlich mit der in den letzten Kapitel auftauchenden Symbolik beschäftigt und Deutungsversuche angestellt haben. Diese Leute, muss man leider sagen, haben sich von Edgar Allan Poe veralbern lassen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 3, 2011 3:46 PM MEST


Zeiten des Aufruhrs: Roman
Zeiten des Aufruhrs: Roman
von Richard Yates
  Taschenbuch

7 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein gutes Roman, aus dem ein etwas dröger Film wurde, 7. Februar 2009
Rezension bezieht sich auf: Zeiten des Aufruhrs: Roman (Taschenbuch)
Die Verfilmung des Romans "Revolutionary Road" läuft gerade in den Kinos mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio in den Hauptrollen, dem Traumpaar aus "Titanic". Regie führt Winslets Ehemann Sam Mendes. Wenn man der Presse glauben darf, hat sie ihren Mann dazu bewegt, diesen Film zu machen, weil ihr das Buch so am Herzen liegt.

Der Roman aus dem Jahr 1961 war der Erstling des hochgelobten aber vergleichsweise erfolglosen amerikanischen Autors Richard Yates.

Es geht um die Wheelers, ein Ehepaar, das an der eigenen Eitelkeiten zu Grunde geht, indem es sich einen erbarmungslosen Ehekrieg führt. Erbarmungslos geht auch der Autor mit seinen Romanfiguren um, indem er die innere Leere dieser Menschen schonungslose offenbart. Dieses Ehepaar sucht nach einem diffusen Glück, von dem es nicht weiß wie es aussehen könnte. Nur eines scheint ihnen sicher, nämlich ihr Familienleben mit zwei Kindern im eigenen Häuschen in einer New Yorker Vorstadt nicht das ist, worauf es ihnen im Leben wirklich ankommt.

Frank und April Wheeler sind gefangen in den Rollen, die sie sich gegenseitig zugedacht haben. In ihrem unausgegorenen Plan, nach Europa auszuwandern, versinnbildlicht sich ihre Unfähigkeit, dem Lebensgefühl ihrer Epoche etwas Eigenes, Echtes entgegenzusetzen. Der Plan muss scheitern, und damit auch die Ehe. Beiden fehlt das, was sie vom jeweils anderen so sehr erhoffen, der Zugang zu eigenen, echten Gefühlen, fernab von Pose und Heuchelei, und das gesunde Selbstbewusstsein.

Was bleibt, wenn zwei Menschen merken, dass ihnen ihr Leben entgleitet und nichts mehr da ist, womit sie sich wirklich identifizieren können, das demonstriert dieser Roman: Hass und Selbstzerstörung.

Die Klasse des Romans steht außer Frage. Das Ehedrama wird auf eindringliche, differenzierte Weise geschildert. Dabei ist die Geschichte nicht mit den amerikanischen Fünfzigern verhaftet. Das psychologische Drama der Wheelers könnte sich vor einem anderen Hintergrund heute genau so ereignen. Im Grunde geht es darum, wie eine seelenlose Kindheit im Erwachsenenleben eins Ehepaars fortwirkt. Beide haben in ihrer Erziehung offenbar nichts mitbekommen woran sie sich hätten orientieren können. April hütet wie einen Schatz die wenigen Erinnerungen an ihre Eltern, die sie früh weggegeben haben. Frank hat in seinem Vater nie einen Menschen sehen können, zu dem er hätte aufschauen, an dem er sich hätte ausrichten können. Was beide früher nicht bekommen haben, können sie sich gegenseitig in der Ehe auch nicht geben.

Gerade die Qualitäten des Romans machen die Lektüre zu einem bedrückenden, um nicht zu sagen frustrierenden Erlebnis. Hier gibt es keinen Hoffnungsschimmer, schon gar keine Ausweg. Manchmal scheint es, als habe der Autor eine grausame Freude daran gefunden, den amerikanischen Durchschnittsbürger bloßzustellen. Aber dabei überschreitet er nie die Grenze zur Satire, sondern bleibt stets realistisch. Und damit wird es für den Leser unmöglich, eine wohltuende Distanz zwischen sich und dem Erzählten aufzubauen. Das Lachen bleibt ihm im Halse stecken.

Vielleicht ist diese Schonungslosigkeit auch einer der Gründe, warum dem Autor der ganz große Durchbruch zu Lebzeiten verwehrt geblieben ist. Der Roman ist zu dicht dran am echten Leben, als dass er als Unterhaltungslektüre durchgehen könnte. Er erfüllt seinen Zweck eher dann, wenn man sich mit ihm auseinandersetzt, ihn als Spiegel fürs eigene Dasein benutzt, oder einfach, wenn man ihn als Anregung zum Nachdenken sieht.

Natürlich wäre aus einem solchen Stoff ein Film mit Intensität und Atmosphäre machbar gewesen. Sam Mendes ist das nicht gelungen. Seine Hauptdarsteller spielen gut, ja, und sie scheinen die Idealbesetzungen zu sein. Genau so muss man sich Frank und April Wheeler wohl vorstellen. Aber dem Film fehlt jeder Schwung bei der Umsetzung vom Buch auf die Leinwand. Die Romanhandlung ist fast eins zu eins umgesetzt, aber sie bekommt auf der Leinwand kein Leben eingehaucht. In den ersten zwei Dritteln ist der Film fast langweilig und gewinnt dann nur deshalb an Fahrt, weil das Ehedrama unweigerlich seinem Finale entgegensteuert.

Für mich ist das ein Film, der viel zu sehr Papier geblieben ist. Die Macht der Bilder kann sich nicht entfalten. Die Fünfzigerjahre-Kulisse wirkt wie eine Bühnendekoration, einfallslos in Szene gesetzt. Einen solchen Film können auch die Hauptdarsteller leider nicht retten.


Universal-Bibliothek Nr. 4813: Anton Reiser: Ein psychologischer Roman
Universal-Bibliothek Nr. 4813: Anton Reiser: Ein psychologischer Roman
von Wolfgang Martens
  Broschiert
Preis: EUR 9,40

11 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der erste psychologische Roman, 1. Februar 2009
[buch]3150048133[/buch]Der Anton Reiser gilt als der erste "psychologische" Roman. Das Buch ist sehr autobiographisch und deshalb so etwas wie eine Selbstanalyse des Autors. Als solche ist sie äußerst beachtlich, bis heute hochaktuell und äußerst lesenswert. Auch den modernen Leser macht das Schicksal Anton Reisers unmittelbar betroffen. Die Psyche des Protagonisten, seine innere Zerrissenheit wird so differenziert und eindringlich geschildert, dass wir darin viele Muster entdecken können, die auch heute noch in der Entwicklungspsychologie wichtig sind.

Es geht um einen jungen Menschen, Anton Reiser, der ohne Liebe und ohne Wertschätzung aufwachsen muss. Seine Eltern sind Quietisten, eine heutzutage unbedeutende Frömmigkeitsrichtung aus dem siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert. Sie ist am ehesten noch mit dem Pietismus vergleichbar. Im Quietismus sind Selbstkritik und Selbstverzicht die höchsten Werte. Dem Kind wird dieser radikale Glaube aufgezwängt, es wird ihm durch ständige Wiederholung die Doktrin eingepflanzt, dass das eigene Selbst keinen Wert hat.

Dennoch lässt Anton schon früh große Begabungen erkennen. Er interessiert sich für Philosophie und Literatur, lernt schnell und gut die alten Sprachen, dichtet, und hätte offenbar eine vielversprechende Zukunft vor sich, wenn er gefördert werden würde. Erst durch die offensichtlichen Begabungen Antons wird sein Schicksal tragisch. Der Roman protokolliert nun genau, wie der Mangel an Eigenliebe verhindert, dass Anton seiner Bestimmung folgen und zu sich selbst finden kann. Es wird zwar zugelassen, dass er studiert, allerdings nur, weil sein Talent von Lehrern erkannt wird. Von seinen Eltern erfährt er keine Unterstützung, auch keine finanzielle. Das ist zu dieser Zeit nichts Ungewöhnliches. Normal ist vielmehr, dass Studenten bettelarm sind und als Kostgänger darauf angewiesen sind, dass sie bei mehr oder minder menschenfreundlichen Gönnern endgeltlos essen oder schlafen dürfen.

Zunächst scheint es, als sei Anton ein Opfer der Zeitumstände, der Roman eine soziale Anklageschrift à la Oliver Twist. Dann wird klar, dass Anton nicht nur gegen die sozialen Probleme seiner Zeit zu kämpfen hat, sondern auch gegen sich selbst. Zu groß ist die Sehnsucht nach Anerkennung, die ihm in der Kindheit verwehrt worden ist. Sie sorgt dafür, dass er immer wieder vom Weg abkommt. Wenn er Zuspruch erfährt, wenn er Gönner hat, macht ihn das euphorisch, aber mit Ablehnung kann er nicht umgehen.

Es gelingt ihm nicht, sein Studium "durchzuziehen", wie man heute sagen würde. Die unstillbare Sucht nach Anerkennung kondensiert sich in dem Wunsch, Schauspieler zu werden. Zum Schauspieler ist er nicht geboren, es fehlen ihm sowohl das Äußere als auch das Talent. Dennoch glaubt er von einem bestimmten Punkt an, nur als Schauspieler glücklich sein zu können. Er bricht sein Studium ab, begibt sich mehrmals ohne ausreichend Geld auf planlose Wanderschaften, die ihn physisch und psychisch schwer belasten. Er reist einer Schauspielertruppe nach, um sich ihr anzuschließen, nimmt dafür vielen Entbehrungen in Kauf, nur um am Ende erfahren zu müssen, dass sich die Truppe aufgelöst hat. Das aber ist fast ein Glück, denn in einer mittelmäßigen Theatertruppe wäre es um sein Talent endgültig geschehen gewesen.

Der Roman bleibt unvollendet und wirkt doch rund, denn am Ende ist klar, was Reiser tun müsste und warum er es nicht kann. Der Wunsch, Schauspieler zu werden ist Ausdruck einer falschen Identität, die sich in ihm herangebildet hat in den Jahren emotionaler Vernachlässigung. Mit der Schauspielerei hält er an dem einen Wunsch fest, der ihm in seiner Jugend hatte ausgetrieben werden sollen, dem Wunsch, als ein Mensch mit eigenen Gefühlen wahrgenommen und wertgeschätzt zu werden. Tragisch ist diese Lebensgeschichte dadurch, dass sich aus einer berechtigten Sehnsucht heraus ein Irrtum entwickelt, ein falsches Bild von sich selbst und der Realität. All seine Klugheit und seine Fähigkeit zur Selbstanalyse versetzen ihn nicht in die Lage, seinen Irrtum zu durchschauen.

Die Existenz dieses Romans beweist, dass der Autor Karl Philipp Moritz im Gegensatz zu seiner Romanfigur irgendwann verstanden hat. Erst dadurch war er in der Lage, diesen Roman zu schreiben, den ersten, der die Bedeutung der menschlichen Psyche bei der Sozialisierung des Individuums thematisiert.


Der Stechlin: Roman
Der Stechlin: Roman
von Theodor Fontane
  Taschenbuch

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wahrhaft ein Alterswerk, 8. Januar 2009
Rezension bezieht sich auf: Der Stechlin: Roman (Taschenbuch)
Ein Alterswerk im wahrsten Sinne des Jahres. Der Hintergrund sind das Brandenburg und das Berlin des ausklingenden neunzehnten Jahrhunderts. Fontane schreibt in seinen letzten Lebensjahren einen Roman über den alten Junker Stechlin, der ebenfalls an der Schwelle zum Tod steht, über seinen Sohn, sein Herrenhaus ("Schloss Stechlin"), den Pfarrer, den Schulmeister, den brandenburgischen Landeadel, eine in Berlin ansässige Grafenfamilie ...

Es ist ein mildes, ein ruhiges Buch über Vergangenes und Neues. Für uns Heutige ein Fenster in eine vergangene Zeit. Zur Zeit seiner Niederschrift ein Gegenwartsroman. Das ist das zentrale Thema des Romans: Das Spannungsfeld zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Die Personen blicken zurück und vergleichen ihre Gegenwart mit dem, wie es früher gewesen ist. Dem alten Stechlin ist eine tiefe Sehnsucht nach der "guten alten Zeit" anzumerken. Dennoch sind weder er noch das ganze Buch rückwärtsgewandt. In allen spürt man stets Fontanes eigenes Streben nach einer versöhnlichen Antwort auf die Frage nach Neuerung und Vergänglichkeit.

Darüber, welche neue Mode oder welche gesellschaftliche Entwicklung gutzuheißen ist, wird in diesem Roman viel diskutiert, auf eine harmlose, beinahe friedliche Art und Weise. Ein Buch fast ohne Handlung. Familienausflüge, Besuche, Spaziergänge bieten Anlass für ausgedehnte Plaudereien und Anekdoten. Oder wie Fontane selbst es ausgedrückt hat: "Zum Schluß stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich; - das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht". Ganz so schlimm ist es dann doch nicht. Gegen Ende, als klar , dass der alte Stechlin seinem Ende entgegengeht, gewinnt das Buch an Spannung.

Überall spürt man die Sorgfalt, mit der der Roman geschrieben ist. Die kommentierte Ausgabe, herausgegeben von Walter Keitel und Helmuth Nürnberger, enhält Varianten und gestrichene Textpassagen, die erahnen lassen, wieviel Arbeit in der Niederschrift der scheinbar so beiläufigen Plaudereien steckt, die den Großteil des Romans ausmachen. Es ist hier eben nichts beiläufig, alles absichtlich.

Welche tiefere Absicht nun aber dahintersteckt, da scheiden sich dann schon wieder die Geister. Fontane selbst hat von einem politischen Roman gesprochen, und tatsächlich spielt die Politik eine Rolle, zu Fontanes Zeit noch geprägt von Adel und Königtum. Die Sozialdemokratie ist hier noch eine unbequeme neue Strömung, die von manchen als Modeerscheinung abgetan.

Trotzdem, Hauptthema des Romans ist nicht die Politik. Es ist - wie bereits ausgeführt - ein Buch über Vergänglichkeit, über Moral und Sittlichkeit im Wandel der Zeit. Dies geschieht nicht abstrakt und theoretisch, sondern durch pure, leise Erzählung. Hier hat einer in seine Gegenwart hineingelauscht und berichtet nun, wie die Eruptionen der großen Welt auf dem kleinen Stechliner See Wellen werfen, und wie ein paar Menschen staunend davor stehen.


Gefährliche Geliebte
Gefährliche Geliebte
von Haruki Murakami
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

24 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Flach und unglaubwürdig, 22. Juli 2007
Rezension bezieht sich auf: Gefährliche Geliebte (Taschenbuch)
Auf der Vorderseite des Buchdeckels wird Reich-Ranicki zitiert: [i]Ein
hoch erotischer Roman. Ich habe eine solche Liebesszene seit Jahren
nicht mehr gelesen.[/i] Reich-Ranickis Erotik muss sich hauptsächlich
im Kopf abspielen, denn auf den Seiten dieses Romans ist sie nicht zu
finden. Die deutsche Ausgabe ist aus dem Englischen übersetzt, die
Englische wiederum aus dem Japanischen. Vielleicht ist die Erotik ja
irgendwo beim Übersetzen verloren gegangen. Und doch hat dieser Roman
Millionen auf der ganzen Welt "bezaubert" hat. Wir zählen
inzwischen die siebzehnte deutsche Ausgabe, und es geht weiter. Woran
liegt das?

Es ist nun einmal so: Der gemeine Leser muss lesen und für gut finden,
was ihm von Presse und Kritik für gut verkauft wird, und was ganz
vorne in den Bücherregalen steht. Wie soll er sich auch selbst zurecht
finden im Bücherdschungel? Wenn dies nun Murakami ist, dann ist das
einfach so, denn Murakami ist Murakami, den kennt man, und der ist ja
so gut! Aber was haben wir denn da eigentlich vor uns liegen, wenn wir
etwas genauer hinschauen?

Wir haben Shimamoto, die hinkende Jugendliebe eines jungen
Japaners. Sie soll irgend etwas Geheimnisvolles haben, aber was,
bleibt nur angedeutet. Die Jugendliebe verschwindet und taucht später
wieder auf. Sie hinkt nicht mehr, weil sie sich hat operieren lassen,
aber der Roman hinkt weiter. Uns wird erklärt, dass diese Frau
nichts von ihrer Vergangenheit erzählt, immer mal wieder "eine
Zeitlang" verschwindet, um dann "wahrscheinlich"
wiederzukommen. Es wird versucht, dieses Banale Vokabular: "eine
Zeitlang" ... "vielleicht" ... mit Bedeutung
aufzuladen. Schließlich ist sie ja die große Liebe des Erzählers, und
deshalb [b]muss[/b] sie einfach geheimnisvoll sein. Aber die
gefährliche Geliebte Shimamoto bleibt ein flacher Charakter,
unglaubwürdig, ohne echtes Leben. Die Geschichte wirkt ausgedacht,
auf den Effekt hin aufgebaut. Die üblichen dramaturgischen Tricks
werden aufgefahren, um Romantik zu suggerieren: Gemeinsam Musik
trinken, Cocktails schlürfen, den Inhalt einer Urne über dem Wasser
verstreuen, mal schnell sterbenskrank werden und dann vom Geliebten
gerettet werden, den gemeinsamen Freitod planen und so weiter ...

Das hat es alles schon gegeben, und zwar besser, und mit
glaubhafteren Charakteren. Aber es verkauft sich gut, also kann es doch
so schlecht nicht sein, oder?

Übrigens: Die Frage, welches Schicksal die "Gefährliche Geliebte"
denn nun in ihrem Leben erfahren hat, wird nicht beantwortet. Der Leser
darf Rätseln und Tiefsinn vermuten, wo keiner ist. Somit finden wir
nicht nur keine Erotik, wir finden nicht einmal die Auflösung, also
auch keine Befriedigung.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 28, 2010 11:15 AM CET


Der dunkle Schirm
Der dunkle Schirm
von Philip K. Dick
  Taschenbuch

10 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Drogenroman, kein SF, aber sehr gut!, 22. Juli 2007
Rezension bezieht sich auf: Der dunkle Schirm (Taschenbuch)
"Der dunkle Schirm" ist ein Roman über Drogenmißbrauch. Dick hat
ihn von 1972 bis 1975 verfasst, nachdem er selbst eine schwere Krise,
einen Selbstmordversuch und einen Aufenthalt in einem
Rehabilitationszentrum für Drogenkranke überstanden hatte. Der Roman
steht eindeutig in der Tradition der 68er. Er verarbeitet die dunkle
Seite dieser Zeit, die Desillusionierung, die Zerstörung von Hoffnung
und Idealen im Drogensumpf.

Einmal mehr stellt Dick unter Beweis, dass er keine
Science-Fiction-Autor im eigentlichen Sinne ist: Er schreibt über die
Gegenwart, seine Zeit, sein Leben und nutzt die Stilmittel der Science
Fiction zu Entfremdung und Überzeichnungen. Inzwischen ist das Buch
längst als das erkannt worden, was es tatsächlich ist, nämlich ein
gesellschaftskritischer Gegenwartsroman.

Worum geht es? Bob Arctor arbeitet als Undercover-Agent im
Drogenmilieu. Längst ist er selbst abhängig und verliert mehr und mehr
den Bezug zu seiner Identität. Bald hält er sich in seiner
Undercover-Identität und in seine Ermittlerrolle für zwei verschiedene
Personen. Er beobachtet sich selbst, ja wird sogar dazu
beauftragt. Die Grenzen zwischen dem Drogenmilieu und dem Staatsapparat,
der den Drogenhandel bekämpfen soll, sind aufgehoben. Die
Ermittlungsbehören mit ihren verdeckten Ermittlerin sind längst selbst
Teil der Drogenszene geworden. Die Ermittler dealen und konsumieren
genau wie diejenigen, die sie hinter Gitter bringen sollen. Jeder
Dealer könnte genau so gut ein verdeckter Ermittler sein.

Den größten Raum nehmen Schilderungen ein, in denen auf komische Weise
das absurde Verhalten der Junkies beschrieben wird, die zu keinem
klaren Gedanken mehr fähig sind. Es gibt absurde Unterhaltungen,
irrsinnige Anekdoten traurigen Zerfall. Schon die ersten Seiten geben
den Ton an. Auf ihnen wird geschildert, wie Jerry Fabin eine
Wahnvorstellung bekommt. Er glaubt sich von Wanzen
befallen. Waschzwang, Insektenvertilgungsmittel, eingebildete
Schmerzen, verrückte Suchaktionen, das ganze Programm. Jerry Fabin ist
einer, der ganz am Ende steht. Sein Gehirn hat sich "zersetzt",
er wird bald sterben oder in einer Drogenklinik vor sich hin
vegetieren. So wird dem Leser schon auf ganz am Anfang vor Augen
geführt, wohin der Weg des Protagonisten Bob Arctor unaufhaltsam
führt. Auch er landet in einer Drogenklinik. Am Ende erfährt man, dass
er immer noch, inzwischen ohne sein Wissen, als Undercover-Agent
eingesetzt wird. Er soll die wahren Ziele der Hilfsorganisation
"Neuer Pfad herausbekommen." Auf den letzten Seiten des Buchs
sieht Arctor die Wahrheit und wir sehen uns endgültig einer Welt
gegenüber, in der es nichts anderes mehr gibt, als den Anbau, den
Verkauf und den Konsum von Drogen. Eine Welt, die sich selbst ad
absurdum geführt hat.

Man kann den Roman guten Gewissens als einen Anti-Drogenroman
bezeichnen, geschrieben von einem, der die Szene von innen kennt. Dick
streitet das jedoch ab. Das Buch enthält ein sehr interessantes
Nachbemerkung des Autors, in dem er auf die autobiografischen Bezüge des Romans
hinweist und fast so etwas wie eine Deutung gibt. Auch das Nachwort
von Christian Gasser ist lesenswert.

Der Roman bleibt erträglich durch seinen absurden Humor. Etwas schwer
erträglich scheint mir die Übersetzung zu sein. Sie wirkt manchmal
hölzern. Wer kann, sollte Dick vielleicht lieber im Original lesen.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 21, 2012 7:27 AM MEST


Mutmaßungen über Jakob. SZ-Bibliothek Band 18
Mutmaßungen über Jakob. SZ-Bibliothek Band 18
von Uwe Johnson
  Gebundene Ausgabe

23 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein spröder Klassiker der Moderne, 5. Juli 2007
Diesen Roman hat Uwe Johnson im Jahr 1958 geschrieben, im Alter von 24
Jahren. Es wurde 1959 in Westdeutschland veröffentlicht, im gleichen
Jahr wie "Die Blechtrommel" von Günter Grass.

Fast möchte man es ein Jugendwerk nennen, besäße es nicht schon in
vollem Umfang jene Abgeklärtheit, Strenge und Distanziertheit, die
Johnsons Prosa überhaupt auszeichnet.

Das Buch erschließt sich äußerst schwer. Es gibt ständige
Perspektivewechsel, sogar innerhalb derselben Szene. Oft ist nicht
klar, wer denn nun gerade spricht und seine Sicht der Dinge auf den
DDR-Eisenbahner Jakob Abs schildert. Jakobs Freundin Gesine ist mit
zwanzig Jahren in den Westen gegangen und arbeitet dort als
Übersetzerin. Im Verlaufe des Romans flüchtet Jakobs Mutter ebenfalls
in den Westen, Gesine kommt zu Besuch, und Jakob erstattet einen
Gegenbesuch. All dies geschieht unter den Augen der "Staatsmacht"
in Gestalt des des Herrn Rohlfs von der Spionageabwehr und seiner
Kollegen.

Warum ist dies nun ein Roman, der in den Kanon der deutschen Literatur
eingegangen ist? Der Autor Johnson war sehr überzeugt davon, dass sich
mit Sprache Wahrhaftigkeit ausdrücken lässt. Genau das ist die Stärke
auch dieses Romans. Er ist verdichtete, intensivierte DDR-Realität,
ein Zeitdokument von großer Authentizität und Glaubwürdigkeit. Die
Charaktere wirken echt und lebendig, und das obwohl die Prosa trocken
und ereignisarm daherkommt. Wer verstehen will, wie in der DDR des
Jahres 1965 Schicksale einfacher Menschen geprägt wurden durch den
Absolutheitsanspruch einer bis tief ins Privatleben vordringenden
Ideologie, der liest diesen Roman.

Jakob ist ein unpolitischer Mensch, zuverlässig, arbeitsam, mit einem
unkomplizierten, geradlinigen Gemüt ausgestattet. So einer
"funktioniert" im besten Sinne des Wortes. Er ist ein nützliches
Mitglied der Gesellschaft, was versinnbildlicht wird durch seinen
Beruf als Eisenbahner. Indem er den Zugverkehr koordiniert, hilft
Jakob dabei, einen wichtigen Teil der Infrastruktur des Landes
aufrecht zu erhalten. Wenn so einem staatsfeindliche Tendenzen
unterstellt werden, dann führt sich die Staatsmacht selbst ad
absurdum. Sie untergräbt ihre eigene Basis, indem sie das zerstört,
was sie selbst am Leben hält: den Fleiß und die Loyalität des gemeinen
Mannes.

Der Geheimdienstmann Rohlfs bekommt in diesem Roman selbst menschliche
Züge. Er setzt sich gedanklich und emotional mit den Personen
auseinander, die er observiert. Seine politische Argumentation
gegenüber seinen Opfern ist differenziert, intelligent und persönlich.
Letztlich bleibt er dennoch grausam und unerbittlich.

Einer wie Jakob kann nicht über Grenzen hinweg lieben. Seine Liebe zu
"verwestlichten" Gesine ist zum Scheitern verurteilt. Das Hin und
Her seiner völlig normalen Liebesgeschichte geschieht unter den Augen
der Staatsmacht, die ihm kein Geheimnis lassen möchte. Am Ende bleibt
sein Tod ungeklärt. Im Sterben entzieht sich Jakob der
Überwachung. Mit dem Ableben endet das Wissen über seine Person, es
beginnen die Mutmaßungen. Er ist quer über die Gleise gegangen, ein
Eigensinniger, der sich nicht mehr an die Spur hielt. So befreit er
sich, indem er sich entzieht.

Der Roman setzt der Individualität des Menschen ein Denkmal. Es gibt
immer einen Punkt im Leben eines Menschen, der sich nicht ausleuchten,
nicht kontrollieren lässt. Dort gibt es dann nur noch die Mutmaßungen,
die Mutmaßungen über Jakob.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 5, 2010 1:32 AM MEST


Jahrestage: Aus dem Leben von Gesine Cresspahl. Einbändige Ausgabe
Jahrestage: Aus dem Leben von Gesine Cresspahl. Einbändige Ausgabe
von Uwe Johnson
  Gebundene Ausgabe

57 von 59 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Muss für Literaturinteressierte, 15. Juni 2007
Johnson hat für den Roman 15 Jahre gebraucht, wobei eine zehnjährige Schreibblockade mit einberechnet ist. Auch das Lesen des Buchs ist ein Ausdauerleistung. Ich möchte an dieser Stelle die ermutigen, die zwar bereit sind, Zeit zu investieren, aber noch zweifeln, ob sich die Mühe lohnt. Sie lohnt sich!

Johnson verfugt übergangslos zwei Zeitebenen ineinander: Das New York von 1968 und das Mecklenburg-Vorpommern der Dreißiger- und Vierzigerjahre. Die Übergänge sind nahtlos, sie erfolgen abrupt von einem Absatz zum nächsten. Nur aus dem Kontext ist zu erkennen, auf welcher Zeitebene man sich gerade befindet. Da dieses Prinzip aber konsequent und sauber durchgehalten wird, ist die zeitliche Orientierung das geringste Lesehemmnis.

Ein größere Barriere stellt die Detailfülle dar, und die damit einhergehende Handlungsarmut, besonders auf der New Yorker Zeitebene, wo es nichts weiteres zu berichten gibt, als den Alltag der Angestellten Gesine Cresspahl und ihrer zehnjährigen Tochter.

Dies ist kein Spannungsroman, sondern eine Gesellschaftsstudie. Erst wenn man mit dieser Erwartungshaltung an das Buch herantritt, wird man ihm gerecht. Wir lesen hier eine literarisches Modell aller wichtigen Staatsformen des zwanzigstens Jahrhunderts: Faschismus, Kommunismus und Kapitalismus. Dieser gesellschaftpolitische Hintergrund nimmt einen weitaus breiteren Raum ein, als die Geschichte selbst. Die Geschichte, das sind Kindheit und Jugend der Gesine Cresspahl im mecklenburgischen Kleinstädtchen Jerichow. Das ist darüber hinaus die Cresspahlsche Familiengeschichte und viele weitere Einzelschicksale.

Ein Unzahl von Biographien wird geschildert. Ihr Verlauf wird vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg, bis in die Erzählergegenwart der 68-er hinein ausgebreitet. Johnson schafft das, was große Epen ausmacht: Er spannt den Bogen über eine ganze Epoche, entwirft das Gesamtbild einer und legt einen geschlossenen erzählerischen Rahmen um die Einzelschicksale aller seiner Figuren. In dieser Hinsicht ist dieser Roman gelungen. Er bricht nicht auseinander, scheitert nicht an seinem großen Umfang, enthält keine Stilbrüche, keine (jedenfalls keine mir erkenntlichen) Inkonsequenzen oder Schwankungen.

Das erzählerische Konzept ist komplex, aber exakt definiert und wird konsequent durchgehalten: 365 Einträge, einer für jeden Tag vom 19. August 1967 bis zum 20. August 1968. Der Autor grenzt sein Format explizit ab gegen die Tagebuchform. Die einzelnen Abschnitte sind ihrem Wesen nach nicht Tagebucheinträge, sondern gehen darüber hinaus. Zwar beziehen sie sich auf den Kalendertag und zitieren oft aus der Tagespresse, enthalten aber auch stets Rückblicke in die Vergangenheit. Es sind "Einträge für den täglichen Tag", oder eben "Jahrestage".

Die Erzählperspektive ist nicht einfach diejenige Gesine Cresspahls, sondern es spricht die Erinnerungsstimme Gesines durch die Feder eines mit ihr befreundeten Autors, der nicht näher benannt und beschrieben wird. Gesine hat mit diesem Schriftsteller, der wohl Johnson heißen könnte, ein Abkommen getroffen: Er soll ihr Leben innerhalb eines Jahres in dieser Form zu Papier bringen.

Die Rückblicke in Gesines Kindheit erhalten ihren Rahmen dadurch, dass Gesine im Verlaufe des Jahres ihre gesamte Kindheit der Tochter Marie berichtet. Der Autor Johnson zeichnet diese Berichte auf. Wir haben also eine Dreieckssituation: Gesines Tochter ist die Zuhörerin. Gesine selbst ist die Sprecherin. Der Autor agiert als Protokollant im Auftrag und nach der Vorstellung Gesine Cresspahl. Er ist lediglich das ausführende Organ für die sprachliche Manifestation des Ganzen.

Warum kompliziert Johnson die Erzählperspektive, indem er einen auktorialen Erzähler hinzufügt? Warum beschränkt er sich nicht völlig auf die Perspektive Gesines, wo doch einzig ihr Erinnerungsmaterial und ihre Gegenwart Gegenstand sind? Der Text wirkt dadurch objektiver, glaubwürdiger! Johnson hat den Anspruch, eine Gesamtschau mehrerer Gesellschaftsformen abzuliefern. Das erfordert erzählerische Authorität. Diese Authorität würde leiden, spräche lediglich die kleine Angestelle Gesine Cresspahl über weltpolitische Ereignisse. Kurz: Der Erzähler im Hintergrund bewirkt eine Distanzierung von und eine Objektivierung der Protagonistin.

Genauso übergangslos wie zwischen den Zeitebenen wechselt der Text von der Ich-Form in die dritte Person, je nachdem ob das Subjekt Gesine Cresspahl oder der imaginäre Schriftsteller das Wort führt.

Damit wird das über mehrere Zeitebenen reichende gesellschaftliches Panorama erlebbar und fühlbar, ohne zur trockenen Sozialstudie zu verkommen. Gesine Cresspahls Erinnerung ist das emotionale Fluidum, welches dem Text das Leben einhaucht. Ohne sie hätten wir es mit einem trockenen Konvolut aus Einzelepisoden zu tun, dem der dichterischen Fluß fehlen würde.

Es gibt noch weitere solcher verbindender Elemente. Zu Beispiel ist Gesine Cresspahl akribische Leserin der Tageszeitung "New York Times.". Dort findet sie die tagesaktuellen Nachrichten, die ihr Anlass geben, über ihre Gegenwart zu reflektieren. Von dort schlägt sie den Bogen zu ihrer Vergangenheit, und weil wir durch die raffinierte Erzählweise an ihrer Erinnerung teilnehmen, nimmt sie den Leser mit auf eine Zeitreise und schlägt ihn in ihren Bann.

Johnsons Recherchen müssen akribisch gewesen sein. Das spiegelt sich in der Detailgenauigkeit wieder, mit der die gesellschaftlichen Verhältnisse in Gesines Heimatort Jerichow geschildert werden, und zar bis hinein in die lokalpolitischen Hahnenkämpfe. Wenn man sich darauf einlässt und die nötige Geduld und Ausdauer mitbringt, dann wird das Lesen irgendwann (nach ein paar hundert Seiten) zu einem berauschenden Erlebnis. Wer durchhält, dem wird klar: Hier hat einer Wirklichkeit in Sprache gefasst. Das Ganze ist so vielfältig, dass es in ein paar feuilletonistischen Absätzen nicht vollständig erfasst werden kann.


Doktor Shiwago: Roman
Doktor Shiwago: Roman
von Boris Pasternak
  Taschenbuch

25 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das ist Russland, 2. Januar 2007
Rezension bezieht sich auf: Doktor Shiwago: Roman (Taschenbuch)
Es nicht gelesen zu haben, ist eine jener Bildungslücken gewesen, die

ich ungern offen lasse.

Was für ein Land! Was für Menschen! Dr Schiwago entstammt der

Oberschicht des vorrevolutionieren Russland. Er ist ein sensibler,

universell begabter Mann mit Interesse sowohl an Poesie und

Naturbeobachtung, als auch an den Naturwissenschaften. Sein Verhalten

und sein Charakter wird von ethischen und humanitären Maßstäben

bestimmt. Folgerichtig wird er Arzt.

Die grausame Geschichte Russlands verhindert eine glanzvolle

Karriere, die seinen Begabungen entsprochen hätte. Er wird im ersten

Weltkrieg als Frontarzt zwangsverpflichtet, dann bricht die russische

Revolution aus. Es gibt bittere Hungersnöte in kalten Wintern. Er

flüchtet mit seiner Familie in den Ural, wird von Partisanen

entführt und gezwungen, ihr Feldarzt zu werden und und und ...

Der Roman ist auch ein Liebesgeschichte, aber er ist vor allem eine

Geschichte Russlands. Tragik ist nicht der richtige Ausdruck für das

Geschehen, weil ihm dazu die Unvermeidlichkeit fehlt. Es sind stets

Menschen, die entscheiden, und sie könnten auch anders. In der Weite

langer kalter Winter bewegt sich eine leidgeprüften Volksseele auf

einen Abgrund zu.

Langsam zieht die Revolution herauf, der Bürgerkrieg. Er kündigt sich

erst durch unheilvolle Vorzeichen an, wird dann allmählich stärker,

grausamer allumfassender. Der Krieg verbündet sich mit der Tundra und

ihrer Winterkälte, mit den Eitelkeiten und den Dummheit der Menschen,

er zerstört uralte Traditionen und gewachsene Strukturen.

In alledem versucht Schiwago, sich seine Menschlichkeit zu

bewahren. In einem Güterwaggon reist er nach Sibirien, muss die

Geleise vom Schnee freischaufeln und kann dabei (einer völlig

ungewissen Zukunft entgegensehend) dennoch die Schönheit der

Scheelandschaft genießen und Gedichte schreiben.

Er liebt Lara, die er von Jugend auf kennt und mit der er erst viel

später zusammenkommt. In dieser Liebe findet der Roman seinen Höhepunkt,

denn sie kann sich in der neuen nachrevolutionären Zeit nicht erfüllen:

Regimeterror und Denunziantentum lassen nicht mehr zu, dass blüht, was

blühen möchte. Seine nicht-proletarische Herkunft und sein lebenslanges

Ringen um Familienglück, ja nur ums nackte Überleben, haben genügt, ihn

zu einer unerwünschten Person werden zu lassen, die jederzeit mit

ihrer Verhaftung rechnen muss.

Lara und Schiwago lieben sich trotzdem. Sie leben den unmöglichen

Traum, flüchten in die Einsamkeit, Wölfe schleichen ums Haus und

es ist klar, es wird nicht gehen. Letztlich ist es Laras Wunsch,

einfach nur zu überleben, der beide wieder auseinandertreibt.

Sie sind noch nicht mal vierzig Jahre alt. Da ist es einfach noch zu

früh zum Sterben.

Lara ist der schöne Engel in diesem Roman, aber sie ist auch ein Opfer

ihrer Weiblichkeit und der Willkür eines Mannes, der sie in jungen

Jahren verführt und manipuliert. Tugendhaftigkeit und Sinnlichkeit

vereinen sich in ihr, ohne zu einem Widerspruch zu führen: Letztlich

strebt auch sie wie Schiwago nur nach Normalität und Liebe. Auch sie

ist ein Spielball der Zeitgeschichte, der immer dann wieder

fortgetragen wird, wenn er gerade einmal zur Ruhe gekommen ist.

Die Hauptfiguren des Romans wollen einfach nur leben, die Betonung

liegt auf einfach. Das korreliert mit der Aussage Pasternaks, der sich

schon früh vorgenommen hatte, ein "ganz einfaches" Buch zu schreiben.

Damit wollte er wohl auch ausdrücken, dass es vom theoretischen

Ballast des Zeitgeistes frei sein sollte. Es sollte ein Buch sein,

dass die Geschichte so erzählt, wie sie gewesen ist, und wie sie

empfunden worden ist, und nicht mehr. Das ist ihm sicher gelungen,

obwohl Pasternaks poetisches Naturell ihn daran hindert, zum

vollkommenen Realisten zu werden.

Trotzdem gibt es Stellen in dem Buch, in denen Weltanschauliches und

explizit Politisches einfließt. Das macht das Buch erst Recht zu einem

russisches Buch, denn es verankert sich dadurch in der Tradition

russischer Romanliteratur: Diese hatte immer schon eine Tendenz, das

menschliche Einzelschicksal in einen geschichtlichen oder

gesellschaftlichen Kontext einzubinden. Man denke nur an Tolstois

"Krieg und Frieden", man denke auch an Dostojewski.

Die großen Romane Russlands sind immer Romane, in denen man

gewissermaßen durch ein mit Eisblumen der Fantasie bewachsenes Fenster

einen Blick auf das dunkle kalte Land und seine warmen Menschen

werfen kann.

Ja, in Doktor Schiwago brennt die Glut des eisernen Ofens im

russischen Haus. Der Sturm der Zeit weht das Dach davon, und darunter

frieren die Menschen. Sie haben es schwer, sie leiden, sie lieben und

kämpfen. Der Ofen brennt weiter und Schneeflocken fliegen darauf. Das

ist für mich Russland.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 11, 2012 6:03 PM MEST


Tauben im Gras. Roman
Tauben im Gras. Roman
von Wolfgang Koeppen
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,00

30 von 55 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Nein, es ist nicht so gut, wie Reich-Ranitzki behauptet, 1. Januar 2007
Rezension bezieht sich auf: Tauben im Gras. Roman (Taschenbuch)
Nicht nur ich beschäftige mich mit der Frage, wie man den Großkritiker

vom Thron stoßen kann, der in Deutschland über Jahrzehnte bestimmt

hat, was gute Literatur ist, und was nicht.

Zu diesem Zweck habe ich "Tauben im Gras" von Wolfgang Koeppen

gelesen. Der Großkritiker schreibt über dieses Buch:

"Wer diesen Roman nicht gelesen hat, der solle nicht glauben, er kenne

die deutsche Literatur nach 1945"

Ich habe wissen wollen, ob er Recht hat und ob das nun DIE große

Literatur schlechthin ist.

"Tauben im Gras" ist ein Panorama der Nachkriegszeit. In der Tradition

von Joyce' Ulysses wird ein einziger Tag in München 1949

beschrieben. Die Lebenswege verschiedener Personen, die alle mehr oder

minder stark unter den Folgen des 2. Weltkriegs leiden, überschneiden

sich.

Die Grundstimmung des Buches ist düster bis depressiv. Alle leiden,

keinem gehts gut, eine Zukunftsperspektive scheint niemand zu haben,

und es gibt offenbar nichts Problematischers als schwarze

Besatzungssoldaten. Die Frauen, die mit diesen ins Bett gehen,

schämen sich natürlich und leiden ganz füchterlich unter der

Situation.

Das Buch ist sprachgewaltig, aber ich finde, man merkt ihm die Mühe

an, mit der es vermutlich geschrieben wurde. Die allgegenwärtige

Trostlosigkeit scheint mir allzu sehr eine Trostlosigkeit des Autors

zu sein, dessen ausdrucksarme Visage passenderweise die Titelseite

ziert. Der Stil ist "substantiv-lastig", es gibt endlose Reihungen,

die dazu dienen, die Alltagsmühsal der Figuren detailreich zu

illustrieren.

Eigentlich erfährt man das, was man sich über die Nachkriegszeit schon

hat denken können: Alter Tafelschmuck musste verkauft werden, so er

denn noch zu finden gewesen ist, die Amis allüberall, niemand weiß

wies weitergeht, unterschwelliger Fremdenhass u.s.w.

Ich kann nicht beurteilen, ob die Zeit damals wirklich so gewesen ist,

M R-R schon, denn er gehört dieser Generation an, um die es

geht. Deshalb lese ich dieses Buch mit anderen Augen, als ein

Zeitgenosse. Hier mein Urteil als einer, der im 21 Jahrhundert

angekommen ist:

Ich finde, dass man Koeppen sein Joyce-Epigonentum anmerkt. Aber

während Joyce unglaubliche lyrische, um nicht zu sagen poetische

Qualitäten hat, kommt die Prosa eines Koeppen trocken und schwerfällig

daher.

Das Buch wirkt staubig und trostlos. Ich finde nicht, dass es den

Sprung ins nächste Jahrtausend geschafft hat. Besonders den

Handlungsstrang mit der deutschen Carla, die von einem kräftigen

Schwarzen Ami-Sportler beschlafen wird, wirkt auf mich plakativ und

klischeebeladen. Carla will unbedingt abtreiben, weil sie die

Vorstellung nicht mehr ertragen kann, dass dieser Mischlingsbalg in

ihrer heranwächst. Ähnliches könnte man sich auch gut in einer

heutigen Daily-Soap vorstellen. Natürlich: Koeppen wird nicht trivial,

aber in meinen Augen ist seine Literatur nicht nur NICHT im neuen

Jahrtausend angekommen, sondern hat schon früher nicht den Sprung in

die Nachkriegszeit geschafft. Für mich ist es das Buch eines

Miesepeters, der sich im Leben nie wohl gefühlt hat. Koeppen hat in

einer Zeit voller Umwälzungen zwar modern geschrieben, aber er hat die

verengte Sicht eines vom Leben enttäuschten Greises in alle Winkel

getragen.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 17, 2010 9:39 AM MEST


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