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Beiträge von Christoph Groß...
Top-Rezensenten Rang: 60.379
Hilfreiche Bewertungen: 346
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Rezensionen verfasst von Christoph Große Hartlage
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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Eternal sunshine of the spotless mind!, 3. September 2011
Der Autor Charlie Kaufman zeigt, was mit uns womöglich geschähe, wenn wir unsere Erfahrungen auslöschen könnten. Was sich dabei zunächst wie eine für ihn typische intellektuelle Spielerei ausnimmt, wird - dank der kongenialen Regie von Michel Gondry und einer Riege sehr gut aufgelegter Darsteller (neben Jim Carrey in seiner m.E. besten Rolle und Kate Winslet, die für derlei Partien eine Bank ist, vor allem auch Kirsten Dunst und Tom Wilkinson) - überraschend zu einem wunderbaren Plädoyer, das Leben und die Liebe so anzunehmen, wie sie kommen - und sie auch so zu behalten. "Hi!" - "Wie bitte?" - "Hab mur 'Hi' gesagt!" - "Oh! Hi! Hallo!" Ruhelos wirken die beiden Menschen, die sich hier im Zug das erste Mal unterhalten, wie auf dem Weg zu einem Ziel, das sie nicht kennen. Er findet sie "nett", was sie auf die Palme bringt. Aber offenbar fallen ihm keine anderen Adjektive zu ihr ein - ja, er kennt nicht einmal das alte Lied "My darling Clementine", das sie sich nach Nennung ihres Namens verbittet. "Was ist, wenn es bricht?" - "Wenn was? Interessiert dich das jetzt wirklich?" Die Angst vor dem Unbekannten, vor Verletzung, besonders bei Joel wird sie deutlich. Wann will man sie überwinden, wenn nicht zu Beginn einer Liebesbeziehung? Joel, der sich als nicht impulsiv bezeichnet, braucht offenbar jemanden wie Clementine, die unvermittelt plötzlich von Heirat spricht. Er willigt ein, als habe er grade nichts besseres zu tun. Irgendwie scheinen beide im Moment verhaftet, scheint ihnen jedes Maß verloren gegangen zu sein. "Ich könnte auf der Stelle steben, Clem. Ich bin einfach... einfach glücklich. Sowas habe ich noch nie zuvor gefühlt. Ich bin genau da, wo ich sein will, Clem." Die Erfahrung lehrt uns, dass derlei Liebesrausch leicht in Verbitterung enden kann. Dass das Unwiederbringliche eben das ist: unwiederbringlich. Und dass viele Paare, die zu Beginn nicht voneinander lassen können, sich irgendwann anöden und trennen, wenn sie denn die Kraft dazu aufbringen. Oft fehlt nach einer unglücklichen Liebe die Kraft, eine neue zu beginnen. Wie in Alexander Popes Gedicht, dem der wunderbare Originaltitel entlehnt ist. Dort erwägt eine Frau, ins Kloster zu gehen, weil sie meint, dass nur Gott ihr ihren unerreichbaren Geliebten ersetzen kann: How happy is the blameless vestal's lot! The world forgetting, by the world forgot. Eternal sunshine of the spotless mind! Each prayer accepted, and each wish resigned. Wäre es denn nicht gut, solche unangenehmen Erfahrungen vergessen zu können, um sich mit neuem Mut in eine neue Liebe stürzen zu können? Sicher nicht, denn der ewige Sonnenschein des ungetrübten Geistes bleibt eine Utopie. Wir können das Glück nicht erringen, indem wir das Unglück negieren. "Ich glaub' die Leute wissen gar nicht, wie einsam man als Kind ist. Es ist als ob man gar nicht zählt." Was bleibt von uns, wenn wir unsere Erinnerungen, unsere Erfahrungen löschen lassen? Der Film deutet die ungeahnten Auswirkungen auf die Persönlichkeit an. Befreien wir uns von lästigem Ballast oder sorgen wir nur dafür, dass wir ohne zu lernen alt werden, während alles sinnlos erscheint, wie Clementine sich in einer Szene beklagt? "Vergiss mich nicht!" Statt sie abzuhaken oder auszulöschen sollten wir aus unseren negativen Erfahrungen lernen. Was nützt es denn, am Ende einer Beziehung selbstgerecht dem Partner die Schuld zuzuweisen? Besser wäre es, wenn wir die Stärke hätten, unsere Schwächen selbst zu hinterfragen. Charlie Kaufmans geniales (und hier ist das Attribut mal wirklich wieder angebracht) Skript gibt Joel einen einzigartigen Weg dafür: Es lässt ihn - und uns - die Beziehung rückwärts erleben: vom finalen Streit, der mit einer schlimmen Kränkung in die Trennung mündet, über intime Momente bis zum Kennenlernen. Doch Kaufman wäre nicht Kaufman, wenn er die Szenen dabei einfach rückwärts ablaufen ließe. Dadurch, dass sie sich in Joels Unterbewusstsein abspielen, hat der Film alle Freiheiten - und er nutzt sie sehr sinnvoll. Wenn z.B. Joel Clementine vorwirft, dass sie mit dem Löschen seiner Person begonnen hat, und sie entgegnet, er wisse doch, wie impulsiv sie sei, dann ist das nicht nur ein augenzwinkernder Kommentar auf die Unverbindlichkeit unserer Zeit, sondern vor allem die Absolution Clementines durch Joel. Denn was man durch das intensive Spiel von Carrey und Winslet zu vergessen geneigt ist: Alles, was wir sehen, entspringt lediglich Joels Unterbewusstsein. "Das war's dann, Joel! Es ist bald weg." - "Ich weiß." - "Was soll'n wir tun?" - "Es genießen." Und dieser hat am Ende seine Lektion gelernt: Sich nicht dem Fatalismus zu ergeben, sondern das Leben so zu nehmen und zu geniessen, wie es kommt. "Schön, wenn du dieses Mal bleibst." - "Ich bin doch zur Tür rausgegangen, dazu gibt's keine Erinnerung." - "Komm zurück und wir finden einen Abschied. Wir tun so, als hat es einen gegeben." Wenn man schließlich dem Abschied aus der Erinnerung zu Beginn der Beziehung beiwohnt, der ihr endlich das würdige Ende beschert, das sie verdient hat, mag einem der eine oder andere Gedanke an eigene Beziehungen, die man vielleicht zu leichtfertig abzuhaken bereit war, kommen. Die Rahmenhandlung, die zwischenzeitlich zu erstaunlicher Relevanz gelangt ist, stellt den Zuschauer dann noch einmal auf die Probe und zeigt, wie sehr die Liebe wehtun kann und wie lang die Schatten der Vergangenheit sein können, über die man springen muss. Aber gibt es eine Alternative? Change your heart, look around you. Change your heart, it will astound you. I need your loving like the sunshine. And everybody's gotta learn sometime. Es könnte wohl kein passenderes Titellied zu diesem Thema geben als diesen wunderbaren Song, den man danach ständig im Ohr hat. Die Augen und das Herz offen halten, das sollte man in der Tat. Nicht nur im Leben, sondern auch bei diesem Film, der es in allen Bereichen lohnt. Er ist skurril, brilliant, witzig, ernsthaft, romantisch, groß - und ganz gewiß auf seine Weise einzigartig.
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10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Es fühlt sich so real an, 12. August 2011
"Das wird hart", sagt Bob, bevor er in der Karaoke-Bar Roxy Music's "More Than This" anstimmt. Er schaut zu Charlotte. Sie erwidert kurz seinen Blick, lächelt, scheint zu verstehen. Dass dieser Satz sich nicht nur auf die Intonation bezieht (die zwar nicht trivial ist, wie sich zeigt, aber wir haben Bob vorher schon recht anständig singen hören). Nein, das Lied scheint auszudrücken, in welcher Situation sich Charlotte und Bob befinden. Sie wissen nicht, wie es weitergehen kann - aber sie spüren, dass es nicht mehr viel besser werden wird. Diese intensive Nacht des gemeinsamen Um-die-Häuser-ziehens erfährt eine kurze Zäsur, als beiden der Trubel des Tokioter Nachtlebens endgültig zuviel geworden ist. Auf dem Gang vor dem Karaokeraum, einem der unwahrscheinlichsten Orte um zu sich zu kommen, setzt sich Bob neben Charlotte, zieht an ihrer Zigarette, während sie den Kopf auf seine Schulter sinken lässt. Jedes Wort wäre jetzt zuviel. Später wird Bob die schlafende Charlotte auf ihr Zimmer tragen, wird sie behutsam zudecken, sie wird kurz erwachen, um ihn anzulächeln und endgültig einzuschlafen. Sein Zögern beim Zuziehen ihrer Zimmertür benötigt keine Worte. Drei fast sprachlose Momente aus diesem wunderbar atmosphärischen Film, die schon belegen, dass Sofia Coppola weiß, was sie will, und es auch umsetzen kann: Nämlich uns keine Geschichte erzählen, sondern sie uns fühlen und selbst erleben lassen. So soll Film sein. Eine dichte Atmosphäre schaffen, in die sich der Zuschauer mit seinen eigenen Gefühlen, Erfahrungen und Werten einbringen kann. Nicht das Was zählt, nur das Wie. Und in diesem kleinen Wunder gibt es fast nur das Wie. Beide hat die Isolation in der für sie fremden Welt Tokios, die nur eine Steigerung des Gefühls der Isoliertheit in ihrem Alltag darstellt, zueinander geführt. Ein Blick im Fahrstuhl erst nur, mit einem reflex-artigen Lächeln erwidert, dann ein "Hallo" an der Hotelbar, als beide - nicht nur wegen des Jet-Lags - nicht schlafen können (während Charlottes Ehemann, dem die fremde Umgebung in seiner Geschäftigkeit nichts auszumachen scheint, schnarcht). Alles ganz normal. Doch dann passiert etwas Kostbares: Sie haben nicht nur jemanden gefunden, der endlich in ihrer Muttersprache mit ihnen spricht, sondern jemanden, der überhaupt mit ihnen spricht statt Smalltalk zu betreiben. Jemanden der zuhören kann. Der versteht. Beide befinden sich in schwierigen Phasen ihres Lebens: Charlotte, Mitte 20, hat grade ihr Philosophiestudium in Yale abgeschlossen und sieht sich nun, noch völlig unentschlossen in der Berufswahl, an der Seite ihres Mannes einem Leben ausgeliefert, das sie für oberflächlich hält und das ihr keine Perspektiven bietet. Sie sucht Geborgenheit, Halt und Orientierung. Bob, mindestens drei Jahrzehnte älter, steht eigentlich schon im Leben, sollte man meinen. Zumindest war das mal so sehr der Fall, dass er nun als ehemaliger Filmstar für zwei Millionen Dollar Whisky-Werbespots in Japan dreht. Aber genau das ist sein Problem. Er würde viel lieber zuhause für eine bescheidene Gage Theater spielen. Stattdessen muss er in der Fremde schuften, damit seine Frau daheim das zusätzliche Geld für ein neues Haus ausgeben kann. Der einzige Kontakt in die Heimat ist logistischer Natur: Da hat er lediglich Schränke und Teppichmuster auszuwählen, die per Fax und FedEx geschickt werden. Dabei hat Bob mehrere Kinder. "Es geht ihnen gut. Sie vermissen Dich, aber sie gewöhnen sich daran, dass Du nie da bist", lässt seine Frau ihn wissen. Bob aber möchte gebraucht werden. Und zwar nicht nur für die Werbung von Suntori-Whisky. "Die gute Nachricht ist: Der Whisky wirkt", schließt er sarkastisch, und fragt dann Charlotte, die ganz perplex ob seiner offen eingestandenen Probleme ist, was sie mache: "Ich habe mich noch nicht entschieden". Wie lang er verheiratet sei, will sie wissen. "25 Jahre". Etwa so lang wie sie alt ist und eine Ewigkeit gegen ihre 2 Jahre. Aber davon könne man 1/3 Schlaf abziehen, also wäre er grade 16 Jahre verheiratet, da wäre man ehemäßig also noch ein Teenager, könne zwar schon fahren, aber es könne noch leicht zu Unfällen kommen. Eine charmante Art, beim ersten Flirt mit einer offenbar nicht abgeneigten attraktiven jungen Frau, die einen an der Hotelbar angesprochen hat, einen Seitensprung zumindest als Option anzudeuten. Doch der Flirt und dann immer stärker das Gespräch genießen ganz offenbar bei beiden höhere Priorität. Und wer einmal selbst aus beruflichen Gründen dieses Hotelleben geführt hat, die tristen Abende vor dem Fernseher kennt, die einsamen Essen im vollbesetzten Restaurant, die oberflächliche Höflichkeit der Hotelangestellten, der kann verstehen, was eine solche echte Begegnung mitten in der Einöde bedeuten kann. Die beiden sind nicht auf ein sexuelles Abenteuer aus, auch wenn die Option stets im Raum schwebt. Sie versuchen lediglich ihr Leben im Griff zu behalten bzw. in den Griff zu kriegen. Dazu müssen sie raus aus dem oberflächlichen Trubel, der sie vom Wesentlichen, von sich selbst und voneinander, abzuhalten scheint. "Wissen Sie was?" sagt Bob, "ich plane einen Gefängnisausbruch und kann noch eine Komplizin gebrauchen. Hier ist mein Plan: Zuerst müssen wir aus dieser Bar raus, dann aus dem Hotel, der Stadt und dann aus diesem Land. Sind Sie dabei?" - "Überredet, ich packe meine Sachen" - "Der Mantel genügt" Schon ganz zu Beginn ein sanfter Hinweis auf die Grenzen dieses Abenteuers. Denn alles wäre möglich, alle Optionen sind offen. Bob weiß das oder spürt es intuitiv. Charlotte sehnt sich offenbar so sehr nach jemandem, mit dem sie ihr Leben gestalten kann, dass er sie leicht verführen könnte; sicher zu einer gemeinsamen Nacht, vielleicht -und das macht ihm Angst- zu der Illusion von einem gemeinsamen Leben. Aber er ist auch erfahren genug zu wissen, dass es keine wirklichen Optionen für beide gibt - außer diese kostbaren Augenblicke der intensiven Zweisamkeit, der romantischen Utopie zu genießen. Zu leicht könnte er sie verletzen, zu leicht sein ganzes Leben aufs Spiel setzen. Bob hat bereits gelernt, Utopien zu misstrauen und mit Kompromissen zu leben - eine Lektion, die Charlotte grade durchmacht, was ihr von ihrem Ehemann den Rüffel einträgt, sie sei hochnäsig. Sie hatte sich nämlich über ein mit ihm bekanntes oberflächliches schauspielerndes Fotomodell lustig gemacht, der sie sich gleichzeitig unter- und überlegen fühlte, wie ihre verräterisch befremdet musternden Blicke offenbarten. Eine spätere lustig-traurige Spiegelung der Karaoke-Szene mit ebendiesem Fotomodell wird deutlich machen, wie die wirklichen Kräfteverhältnisse sind, wenn es darum geht, im Leben zu stehen. Denn während ebenjene Kelly Gemeinsamkeiten darin erschöpft sieht, zwei Hunde zu haben und in L.A. zu leben, und bei Tisch nur Themen wie Anorexia und Darmspülungen kennt, bemüht sich Charlotte mit offenen Augen durchs Leben zu gehen. Sie interessiert sich für die fremde Umgebung, für Menschen und Kultur, auch wenn sie wie Bob immer wieder über Sprachbarrieren stolpert. Die wirkliche Bedeutung von Sprache wird ihr eines Tages nach einem Tempelbesuch bewusst. Verstört und unter Tränen erzählt sie ihrer Mutter am Telefon: "Ich habe einen Tempel besucht, aber ich habe die Mönche nicht verstanden. Mom, ich war überhaupt nicht berührt! Und John? Es ist, als ob wir nie miteinander sprechen. Ich weiß gar nicht, mit wem ich verheiratet bin" - "Warte einen Moment, Schätzchen! ... So, was hast Du gesagt?" - "Ach, vergiss es, es war nicht so wichtig" - "Ich muss jetzt auch los. Ruf mich später noch mal an. Du kannst jederzeit anrufen, um mit mir zu sprechen" Dieses Telefon"gespräch" gleicht gespenstisch denen, die Bob mit seiner Frau führt. Überhaupt ist allgegenwärtige Kommunikation ein Dauerthema: nervige Handygespräche, Faxe um 4:20 nachts, all das meistens ohne relevanten Inhalt. Da gleicht eine unter der Zimmertür hindurch geschobene Nachricht "Bist Du noch wach?" als Einladung zum Gespräch fast einem Relikt aus der guten alten Zeit, in der die Menschen vermutlich auch nicht mehr relevante Gespräche geführt haben, dafür aber deutlich weniger irrelevante. Also folgt die Nacht, in der es üblicherweise in romantischen Filmen "funkt". Nicht so hier. Zum einen sind beide bereits längst auf einer Wellenlänge, zum anderen geht es hier von Anfang an weder um Liebe auf den ersten Blick noch um ewiges Zusammensein. Stattdessen gibt es hier noch viel zu lernen. Für Charlotte. Für Bob. Und für den gebannten - und hoffentlich längst schwebenden - Zuschauer. Ob es einfacher werde, will Charlotte wissen. Wenn man wisse, was man wolle und wozu man stehe, lasse man nicht mehr alles an sich ran, erwidert Bob. Aha! "Und in der Ehe, wird es da einfacher?" - "Das ist hart", sagt er mit den gleichen Worten wie zuvor beim Karaoke. "Wenn man Kinder hat, wird das Leben komplizierter" - "Und niemand sagt einem das vorher" - "Richtig! Der erschreckendste Tag ist der, an dem Dein erstes Kind geboren wird. Dein ganzes Leben, wie Du es kanntest, ist vorbei, für immer verloren". Sie sieht ihn empathisch an. Klingt so ein Mann, der im Begriff ist, seine Familie zu verlassen? "Doch dann - fangen sie an laufen und sprechen zu lernen, und Du willst jeden Moment bei ihnen sein. Sie werden zu den zauberhaftesten Wesen, mit denen Du zusammen sein kannst". Er sieht sie an. Sie erwidert seinen Blick und versteht. Er kann auf ein Leben blicken, das sie erst noch führen muss. Ein solches Leben, so vergleichsweise bescheiden es im Moment auch aussehen mag, will erst gelebt sein, mit allen Höhen und Tiefen, mit der nötigen Kontinuität. Man wirft es nicht einfach weg für eine flüchtige Idee von Glück, die man ohnehin zerstört, wenn man versucht sie festzuhalten. Charlotte, selbst noch auf der Suche, muss erkennen, dass Bob als Option für sie ausscheidet. Plötzlich sehen wir die Beziehung der beiden mit anderen Augen: Sieht er sich vielleicht eher als väterlichen Freund denn als potentiellen Geliebten? Das würde eine gewisse Schieflage in der Beziehung erklären, aber auch diese wundervoll-zarte, auf Behutsamkeit bedachte Vertrautheit. Endlich hat er wieder jemanden gefunden, der ihn zu brauchen scheint. Er will Charlotte auf die Füße helfen (ob mit oder ohne verstauchte Zehen), will ihr Mut machen ihren Weg zu verfolgen. Mehr kann und wird er nicht für sie tun. Und das beginnt jetzt auch sie zu realisieren. Gewiss, er will bei ihr sein, er genießt jede Sekunde, jeden Blick, jedes Lächeln ihrer zwischen Kindlichkeit und Sinnlichkeit schwankenden Lippen. Aber viel Zeit bleibt ihnen nicht, das hat Bob viel früher realisiert als Charlotte, die noch im Meer der jugendlichen Freiheit zu treiben scheint. Bei ihm hat sie die vermisste Nestwärme gefunden. Doch bald wird er sie aus dem Nest stoßen müssen, damit sie zurück in ihr Leben kann und er in seins - zu seiner eigentlichen Verantwortung, die wieder zu übernehmen diese Begegnung ihm vielleicht Kraft verliehen hat. Nebeneinander auf dem Bett liegend, sie fast in Fötushaltung, dämmern sie langsam weg, ermattet von der Schlaflosigkeit und von ihren Gefühlen. Ob sie wirklich hochnäsig sei, will sie im Halbschlaf wissen. Er lacht, legt seine Hand wie zum Trost und zur Rückversicherung sanft auf ihren Fuß. Nach einer halben Ewigkeit sagt er: "Grade noch zu ertragen". Nach dieser Nacht kann die Beziehung nicht mehr dieselbe sein. Da hilft auch nicht, dass sie den nächsten Tag aus Termingründen getrennt verbringen. Möge Charlotte helfen, was sie nach der Beobachtung einer Hochzeitszeremonie einem Baum voller Wunschzettel anvertraut (was wohl auch eine kleine Reverenz an Wong Kar-Wais IN THE MOOD FOR LOVE ist, in der sich der unglücklich liebende Mann endlich gegenüber einem Baum in einer Tempelanlage seine Seele erleichtert). Am Abend jedenfalls wartet Bob in der Bar vergebens auf Charlotte. Ihr kommt die Barsängerin zuvor, die selbst wie eine Gestrandete wirkt, was besonders ihr Vortrag von "Scarborough Fair" zeigte, der mittendrin durch Klatschen unterbrochen wurde - Versagen der Kommunikation in der doch gemeinhin für international gehaltenen Musik. Erschrocken und über sich verärgert findet Bob sich am nächsten Morgen mit ihr auf dem Zimmer - und wird prompt von Charlotte "ertappt". Die anschließende "Eifersuchtsszene" in einer Sushi-Bar, bei der beide sich mit ihren Problemen brüskieren (sie ihn mit seinem Alter, er sie damit, dass er in ihrer Einsamkeit nur ein Notnagel sei) zeigt die Verbitterung beider Seiten über die Situation. Es wirkt aber auch schon ein klein wenig wie ein Schutzreflex des trotzigen Wegstoßens vor dem endgültigen Abschied. Dann setzt ein Schweigen ein, das weniger den Anschein stiller Übereinkunft macht als vielmehr das Gefühl vermittelt, den Bogen überspannt, den Moment überreizt zu haben. War doch mehr als der Mantel im Spiel? Die zufällige Begegnung in der letzten Nacht am Rande eines Feueralarms zeigt erschreckend deutlich, wie die beiden sich schon voneinander gelöst zu haben scheinen, jedoch wirkt ihre Beziehung eher abgebrochen denn abgeschlossen. Sie blickt auf seine alten Männer-Füße in den Hotel-Badelatschen und lächelt in sich hinein. Gute-Nacht-Küsse im Fahrstuhl. Verlegen und eher dem schlechten Gewissen als dem Gefühl geschuldet. Es ist zu spät. Eine Mischung aus Trauer und sprachlosem Zorn prägt den halbherzigen Abschied am nächsten Morgen, bei dem übrigens um ein Haar die sonst allgegenwärtige Telekommunikation versagt. Er nimmt eine geliehene Jacke als Vorwand, sie zum Abschied noch einmal sehen zu wollen. In seinem auf ihre Voicebox gesprochen Satz "Enjoy the jacket that you stole from me" kann man nach Belieben auch "heart" oder "life" einsetzen. "Willst Du mir nicht einen guten Flug oder so wünschen?" - "Okay". So traurig verläuft der Abschied dieser beiden Menschen, die über die gemeinsame Sprache zueinander fanden und zwischendurch so wunderbar auch ohne Worte kommunizierten. Wunderbar die Einstellung, als Bob Charlotte aus der Lobby entschwinden sieht und die Spiegeltüren des Lifts sein Reisegepäck an ihre Stelle setzen. Was die Begegnung ermöglichte, erzwingt jetzt ihr Ende. Doch der unsere Leben prägende Zufall schenkt ihnen noch eine Chance, dieser wunderbaren Beziehung, für die die Zeit still zu stehen schien, um dann umso gnadenloser voranzuschreiten, einen würdigen Abschluss zu geben. In einer Masse fremder Menschen entdeckt Bob Charlottes Silhouette. Er lässt den Wagen halten und läuft ihr nach. Endlich einmal traut er sich sie zu umarmen. Er flüstert ihr etwas ins Ohr, das nicht für uns bestimmt ist. Wir schnappen nur die letzten Worte auf: "I'm sure". Langsam sieht sie den erlöst winkenden Bob entschwinden. Sie haben ein winziges Stück gemeinsamen Lebensweges zurückgelegt. Es hat keinen Zweck, sich an der Gabelung aneinander zu krallen. Jeder muss seinen Weg weitergehen. Aber wenn beide einst darauf zurückblicken, werden diese sprachlosen Tage in Tokio mehr sein als eine beliebige Reiseepisode. Was auch immer Bob ihr gesagt haben mag, ich bin mir ebenfalls sicher. Charlotte wird es umsetzen können. Sicher wird sie noch oft verletzt werden, schon weil sie nicht immer auf so behutsame Partner wie Bob treffen wird. Doch wie uns das Sprichwort lehrt: "Ein Schiff ist am sichersten im Hafen, aber dafür sind Schiffe nicht gebaut" (oder wie die Tagline des Films es plakativer ausdrückt: "Manchmal muss man um die halbe Welt reisen, um an seinen Ausgangspunkt zu kommen"). Hoffen wir also mit Bob, dass er für sie - und sie für ihn - ein positiver Impuls war und eher eine schöne Erinnerung denn Trauer hinterlässt. Und dass sie, statt sich zum Schutz ebenfalls in die Hülle der Geschwätzigkeit zu begeben, weiter mit Vertrauen und offenen Augen durch das Leben geht. Im Film findet das seinen wunderbaren Höhepunkt bei einem japanischen Ikebana-Kurs, wo sie sich verblüfft und dankbar an der Hand nehmen und zeigen lässt, wie sie die Blüten zu stecken habe. "Okay" sagt sie immer wieder zart, das einzige Wort, von dessen Verständlichkeit sie ausgehen kann. Dabei reden ihre Augen so viel mehr, erzählen ihrer Lehrerin von Aufmerksamkeit und Dankbarkeit. Und von leiser Enttäuschung und Orientierungslosigkeit, als diese sich anderen Schülern zuwendet. Doch einen Moment später fasst Charlotte sich ein Herz und greift einen weiteren Zweig... Fazit: In LOST IN TRANSLATION scheint die Zeit still zu stehen, während man den Protagonisten zurufen möchte, dass sie unaufhaltsam verrinnt. Für diese desperate bis melancholische Atmosphäre, braucht man kein Dogma und keine Handkamera, sondern einen wirklich begabten Regisseur und Akteure, die auch ohne große Handlung dem Zuschauer jeden Moment das Gefühl geben können, er verstünde, was in ihnen vorgeht. Bill Murray ist zu einem Charakterdarsteller gereift, der nur noch in wenigen und überhaupt nicht deplaziert wirkenden Momenten an den Clown früherer Tage erinnert. Und er hat hier mit Scarlett Johannson eine Partnerin, die schafft, was für diese Rolle essentiell ist: Man möchte sie fast in jeder Sekunde, in der sie auf der Leinwand ist, in den Arm nehmen und trösten. Beide erzeugen Momente von wunderbarer Intensität und Melancholie. Sofia Coppola ist mit ihrer zweiten Regie ein Film von solcher Wahrhaftigkeit gelungen, dass es schon fast schmerzt, sich an ihn zu erinnern. Ihr kommt dabei entgegen, dass ihre bravourösen Hauptdarsteller ihren stets dem Moment gewidmeten Inszenierungsstil kongenial unterstützen. Hervorragende Kamera, Schnitt und ein passender Soundtrack tun ihr übriges. Während uns sonst im Kino überwiegend fantastische Geschichten aufgetischt werden, mag der eine oder andere hier mit dem Gefühl hinausgehen, das könnte ein Teil seines Lebens gewesen sein - oder noch werden. Sicher nicht das schlechteste, was man von einem Film sagen kann.
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14 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Grandiose Western-Oper, 12. August 2011
Wenn man jemandem, der den Film noch nicht gesehen hat, die Empfehlung ausspricht, sich "Spiel mir das Lied vom Tod" anzusehen, ist die erste Frage, die meist darauf folgt "worum geht's denn da?" Und genau da kommt man zum ersten Mal ins Stocken... Ja worum geht's da eigentlich?!...lasst mich versuchen, einige mögliche Antworten zu erörtern: Es geht um einen Mann, dessen Bruder vor langer Zeit ermordet wurde, und der jetzt loszieht, um Rache zu üben...160 Minuten Rache üben? :( so oder so ähnlich dürfte das Gesicht des Gegenübers bei dieser Antwort aussehen..."und das soll ich mir jetzt ansehen?" Versuchen wirs noch mal... Es geht um den Fortschritt der Technik im wilden Westen, und um die aussterbende Rasse "Cowboy", quasi um einen Epochenwechsel in den USA. Dies ließe sich auch schön am Titel dokumentieren, wäre er nicht bei der Übersetzung ins Deutsche verhunzt worden. Aus dem italienischen Original (sinngemäß: "Once apon a time, there was a West") wurde im Englischen "Once Upon a time a Time IN the West" und bei uns kam dann schliesslich nur noch der Titel "Spiel mir das Lied vom Tod" an, was wir wahrscheinlich einem Hirnfurz eines Marketingchefs zu verdanken haben...Aber zurück zum Thema. Es geht also um diesen Epochenwechsel...hm, nicht ganz falsch, aber wenn sie ihrem Gegenüber diese Antwort auftischen, dürfte er noch skeptischer gucken als George W. Bush vor dem öffnen eines tickenden Briefes mit arabischem Absender...das kriegen wir besser hin... Es geht um unerfüllte Hoffnungen, Wünsche und Sehnsüchte. Im Mittelpunkt stehen 5 Charaktere, und ihre jeweiligen Vorstellungen des Begriffs "Lebensaufgabe". Bestes und symptomatischstes Beispiel hierfür ist wohl Morton. Morton hat alles! Ansehen! Geld! Macht! Und Knochentuberkulose. :( Der letzte Wunsch in seinem schon sehr fortgeschrittenen Lebensabend ist es, den Pazifik mit seiner eigenen Eisenbahn zu erreichen, und sein Ableben im Kontrast zu diesem Herzenswunsch gehört zu den eindrucksvollsten Szenen, die ich kenne...filmübergreifend! Frank hingegen träumt davon Mortons Platz einzunehmen, und wird von seiner Vergangenheit dahingerafft... Cheyenne merkt erst gegen Ende, dass sein persönliches Glück in einem Leben mit Jill gelegen hätte...doch als er ihr vorschlägt, bei ihr zu bleiben, zeigt sie ihm die kalte Schulter...und er reitet zum Sterben in die Einsamkeit. Ja, die unerfüllten Sehnsüchte ziehen sich wie ein roter Faden durch den Film, und sind dennoch nur Beiwerk, nicht Anschauungsmittelpunkt..."Um unerfüllte Sehnsüchte??" wird ihr Gegenüber sagen "da guck ich lieber Gute Zeiten, Schlechte Zeiten....noch nicht die gewünschte Antwort, aber wir nähern uns an... Hmm...je mehr ich über den Inhalt des Films nachdenke, desto mehr drängt sich mir ein Gedanke auf: es geht nicht um die Story, die erzählt wird, es geht eher darum, was der Film schafft daraus zu machen...mir fehlt nur noch der treffende Begriff... "eine Oper der Gewalt" ist wohl der Untertitel, den man am häufigsten im Zusammenhang mit "Spiel mir das Lied vom Tod" zu Gesicht bekommt. Und eine Oper ist er wirklich. Leones einzigartiges Talent, immer genau im richtigen Moment auf die grandiosen Gesichtszüge seiner Schauspieler zu fokussieren, zeigt sich in keinem seiner Filme so deutlich wie hier. Er wechselt extreme Nahaufnahmen (Bronsons Augen füllen in einer Schlüsselszene kurz vor Schluss die gesamte Leinwand aus) mit ebenso extremen Weitwinkelshots, die die unendlichen Weiten der Prärie sehr schön einfangen. Er zieht den Fokus an, und lässt ihn locker, und das auf unvergleichliche Art und Weise. Und die Übergänge sind auch nicht ohne, siehe hier Jills Ankunft am Bahnhof, mit dem Zoom über den Bahnsteig durchs Fenster auf die Westernstadt...die Wahl der Schauspieler ist ebenfalls Leone-typisch akribisch bis in die Statistenrollen. Jedes Gesicht unverwechselbar, keiner ähnelt dem anderen, achtet mal darauf! Das übrige zum Opernfeeling tut dann noch Ennio Morricones legendäre Musik. Vier Stücke beinhaltet der Soundtrack, jeder Hauptcharakter hat sein Theme zugeordnet bekommen, und wird dadurch auch immer akustisch eingeführt; Gruß an Star Wars. Diese Methode erlaubt es durch die Musikwahl dem Zuschauer verständlich zu machen, aus wessen Perspektive er die Geschehnisse im Moment wahrnimmt. "Jills West" ist nicht "Cheyennes West", beim mehrmaligen Ansehen fallen einem diese Perspektivenwechsel irgendwann auf. Musik, Kamera, Schauspieler, und vor allem Regie, alles greift ineinander, alles bildet eine Einheit, zusammengehalten durch eine unvergleichliche Liebe zum Detail (Leone hat echten Staub aus der Prärie nach Spanien einfliegen lassen, weil die Farbe des einheimischen Staubs nicht gestimmt hat!). Alles wirkt perfekt inszeniert, nichts sticht, nichts beisst, nichts kneift, und das ist wirklich selten... wenn der Film etwas NICHT schafft, dann hat man den Eindruck er WOLLTE es nicht schaffen. Manche mögen sagen er hat Längen, er erzählt wenig Story in vielen Minuten (der längste Vorspann der Filmgeschichte), aber diese Meinung teile ich nicht, ich sage der Film nimmt sich die Zeit, die er braucht, um das auszusagen, was er will, Zeit für eine perfekte Inszenierung...Inszenierung...das ist es! Genau das ist der fehlende Begriff... Wenn man also mal gefragt werden sollten "worum geht's denn eigentlich in Spiel mir das Lied vom Tod?", könnte man ruhigen Gewissens antworten: "es geht um die Kunst filmischer Inszenierung"!
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Feiner, lakonischer Film, 20. September 2009
Leidenschaftliche Weinliebhaber sind rätselhafte Menschen. Sie trinken nicht, um etwa gepflegt betrunken zu werden, wie etwa der gemeine Bierfreund, sondern praktizieren feierlich bei jedem Glas ihr elitäres Verkostungsritual: skeptisch wird der edle Tropfen im Gegenlicht beäugt, bedächtig wird nach den absurdesten Aroma-Nuancen geschnüffelt, schmatzen der Probierschluck minutenlang als Zahnreiniger missbraucht, um sich danach in einem ausgedehnten Vortrag, gespickt mit Fachvokabular, über den Trank auszulassen. Zur Verblüffung des Unkundigen, der sich vermeintlich vor einem Glas säuerlich schmeckenden Traubensaftes wähnt. Auch Miles zählt zu jenen elitären Feinschmeckern. Aus Prinzip verachtet er jene Menschen, die im Lokal einen Merlot bestellen, weil dies der einzige Wein ist, dessen Name ihnen einigermaßen über die Zunge geht. Es braucht aber nicht viel, um hinter seiner Fassade den Verlierer zu erkennen. Sein Job als Englischlehrer am College füllt ihn nicht aus. Viel lieber würde er von der Schriftstellerei leben, findet aber für seine Bücher keinen Verleger. So auch nicht für seinen aktuellen Roman mit den schön komplizierten Titel "Der Tag nach gestern". Seit seiner Scheidung von seiner Frau vor zwei Jahren ergeht er sich endgültig in Selbstmitleid und Depression und kämpft mit einem Promilleproblem. Ein dicklicher, verkorkster Intellektuelle, der von gutem Wein schwärmen kann, sein eignes Leben aber nicht genießen kann. Ganz anders dagegen sein Freund Jack, ein ehemaliger Zimmergenosse aus Collagetagen. Als Schauspieler längst drittklassig, ergattert er sich im Fernsehen nur noch Kurzauftritte in Werbespots, was ihn aber nicht daran hindert, vor Selbstbewusstsein nur so zu strotzen. Ein braungebrannter Weiberheld, mit einer entwaffnenden Oberflächlichkeit. In der Woche vor seiner Hochzeit lädt Miles ihn zu einem letzten Junggesellen-Trip durch das kalifornische Winzergebiet Santa Barbara County ein. Für Miles heißt das: verkosten, bis der Boden schwankt. Für Jack: auf Weiberfang gehen, bis die Betten wackeln. Je gründlicher die beiden ihre Ziele umsetzen, umso fataler und lustiger wird es. Jack bricht unbekümmert Herzen, ihm selbst wird die Nase gebrochen. Miles trifft auf die Kellnerin Maya, die ihn bereits von früheren Weinproben kennt und eine stille Zuneigung für ihn hegt. Doch leider kann Miles ihre Zuneigung nicht halb so unbeschwert genießen wie einen guten Roten, zum Ärger des schlicht gestrickten Jacks. Virtuos lavieren sie sich aber auch noch aus de größten Misslichkeit und verletzen dabei in beiläufiger Verschlagenheit jede erdenkliche Anstandsregel. Bei allen aberwitzigen Situationen, die Inszenierung bleibt stets von einer wunderbaren Lakonie. Die Kunst des Regisseurs Paynes besteht darin, die Durchschnittsmenschen gänzlich ungeschönt, neurotisch, kindisch, aber so liebevoll zu zeichnen, dass sie einen gerade in den lächerlichsten Momenten ans Herz wachsen. Das Schönste an "Sideways" bleibt aber die umwerfende Darstellerleistung von Paul Giamatti als Miles, dessen Augen Spiegel seiner Seele sind. Von Komik über Ironie bis hin zur echter Seelennot verkörpert er alle Emotionen hinreißend glaubhaft. Und wie er sich als ebenso weinseliger wie weinerlicher Intellektueller ein ums andere Mal ins Unrecht setzt und trotz allem die Schuld für seine Misere bei den anderen findet, ist eines Woody Allen würdig. Und wer selbst dem Weine abgeneigt ist, nach Ansicht dieses kleinen, feinen, atmosphärischen, trefflich beobachteten Filmes kommt man nicht umhin es Miles gleichzutun und ebenso wie er einen Roten liebevoll zu verkosten.
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Sideways
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| DVD ~ Paul Giamatti |
| Preis: EUR 7,97 |
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19 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Feiner, lakonischer Film, 20. September 2009
Leidenschaftliche Weinliebhaber sind rätselhafte Menschen. Sie trinken nicht, um etwa gepflegt betrunken zu werden, wie etwa der gemeine Bierfreund, sondern praktizieren feierlich bei jedem Glas ihr elitäres Verkostungsritual: skeptisch wird der edle Tropfen im Gegenlicht beäugt, bedächtig wird nach den absurdesten Aroma-Nuancen geschnüffelt, schmatzen der Probierschluck minutenlang als Zahnreiniger missbraucht, um sich danach in einem ausgedehnten Vortrag, gespickt mit Fachvokabular, über den Trank auszulassen. Zur Verblüffung des Unkundigen, der sich vermeintlich vor einem Glas säuerlich schmeckenden Traubensaftes wähnt. Auch Miles zählt zu jenen elitären Feinschmeckern. Aus Prinzip verachtet er jene Menschen, die im Lokal einen Merlot bestellen, weil dies der einzige Wein ist, dessen Name ihnen einigermaßen über die Zunge geht. Es braucht aber nicht viel, um hinter seiner Fassade den Verlierer zu erkennen. Sein Job als Englischlehrer am College füllt ihn nicht aus. Viel lieber würde er von der Schriftstellerei leben, findet aber für seine Bücher keinen Verleger. So auch nicht für seinen aktuellen Roman mit den schön komplizierten Titel "Der Tag nach gestern". Seit seiner Scheidung von seiner Frau vor zwei Jahren ergeht er sich endgültig in Selbstmitleid und Depression und kämpft mit einem Promilleproblem. Ein dicklicher, verkorkster Intellektuelle, der von gutem Wein schwärmen kann, sein eignes Leben aber nicht genießen kann. Ganz anders dagegen sein Freund Jack, ein ehemaliger Zimmergenosse aus Collagetagen. Als Schauspieler längst drittklassig, ergattert er sich im Fernsehen nur noch Kurzauftritte in Werbespots, was ihn aber nicht daran hindert, vor Selbstbewusstsein nur so zu strotzen. Ein braungebrannter Weiberheld, mit einer entwaffnenden Oberflächlichkeit. In der Woche vor seiner Hochzeit lädt Miles ihn zu einem letzten Junggesellen-Trip durch das kalifornische Winzergebiet Santa Barbara County ein. Für Miles heißt das: verkosten, bis der Boden schwankt. Für Jack: auf Weiberfang gehen, bis die Betten wackeln. Je gründlicher die beiden ihre Ziele umsetzen, umso fataler und lustiger wird es. Jack bricht unbekümmert Herzen, ihm selbst wird die Nase gebrochen. Miles trifft auf die Kellnerin Maya, die ihn bereits von früheren Weinproben kennt und eine stille Zuneigung für ihn hegt. Doch leider kann Miles ihre Zuneigung nicht halb so unbeschwert genießen wie einen guten Roten, zum Ärger des schlicht gestrickten Jacks. Virtuos lavieren sie sich aber auch noch aus de größten Misslichkeit und verletzen dabei in beiläufiger Verschlagenheit jede erdenkliche Anstandsregel. Bei allen aberwitzigen Situationen, die Inszenierung bleibt stets von einer wunderbaren Lakonie. Die Kunst des Regisseurs Paynes besteht darin, die Durchschnittsmenschen gänzlich ungeschönt, neurotisch, kindisch, aber so liebevoll zu zeichnen, dass sie einen gerade in den lächerlichsten Momenten ans Herz wachsen. Das Schönste an "Sideways" bleibt aber die umwerfende Darstellerleistung von Paul Giamatti als Miles, dessen Augen Spiegel seiner Seele sind. Von Komik über Ironie bis hin zur echter Seelennot verkörpert er alle Emotionen hinreißend glaubhaft. Und wie er sich als ebenso weinseliger wie weinerlicher Intellektueller ein ums andere Mal ins Unrecht setzt und trotz allem die Schuld für seine Misere bei den anderen findet, ist eines Woody Allen würdig. Und wer selbst dem Weine abgeneigt ist, nach Ansicht dieses kleinen, feinen, atmosphärischen, trefflich beobachteten Filmes kommt man nicht umhin es Miles gleichzutun und ebenso wie er einen Roten liebevoll zu verkosten.
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Beschwingendes Wiedersehen, 20. September 2009
Fortsetzungen von perfekten Filmen sind äußerst riskant. Scheitert die Fortsetzung, wirkt sich dies in der Regel auch nachträglich auf den Filmgenuss des Erstlings aus. Im Falle von "Before Sunrise" kann Entwarnung gegeben werden, denn "Before Sunset" ist ein würdiger, faszinierender Nachfolger. In "Before Sunrise" lernten sich zwei wildfremde Studenten, er Amerikaner, sie Französin, während einer Zugfahrt kennen. Voneinander auf Anhieb angezogen, beschlossen sie spontan, ihre jeweilige Reise zu unterbrechen, um einen gemeinsamen Tag und eine Nacht in Wien zu verbringen, bevor er wieder in die Staaten zurückfliegen musste. Die Zeit nutzten sie für einen Streifzug durch die verwinkelten Gassen der Stadt, mit Gesprächen voller Spontaneität und Wortwitz, mitreißenden Herumspinnens, Träumen und Lachen. Man wurde zum Zeugen, wie sich zwei Menschen immer stärker ineinander verlieben, wie sich zwei Seelenverwandte gefunden hatten. Mit "Before Sunrise" gelang Linklater einen der schönsten und wahrhaftigsten Liebesfilme der Neunziger, weit fern gekünstelter Hollywoodstandarts. Das Ende wurde geschickt offengelassen. Es blieb der Phantasie des Zuschauers überlassen, ob sich die beiden Liebenden wie versprochen sechs Monate später in Wien wiedersehen gesehen haben oder eben nicht. Tatsächlich sind aus den sechs Monaten neun Jahre geworden. Zum vereinbarten Treffen ist es nie gekommen. Jesse ist mittlerweile ein erfolgreicher Schriftsteller. Das ihm seine Zufallsbekanntschaft Celine aber nie aus dem Sinn gegangen ist, zeigt sich schon daran, dass sein neuster Roman eben von jenem Zusammentreffen in Wien erzählt. Bei seiner letzten Buchvorstellung in Paris erblickt er sie dann unter den Zuhörern. Knapp eineinalb Stunden bleiben ihm noch, dann geht sein Flieger nach Amerika. Ausreichend Zeit für einen Spaziergang, ein Zusammensitzen im Café und eine kurze Bootsfahrt auf der Seine, aber verdammt wenig Zeit um die vergangenen neun Jahre aufzuholen. In knapp 80 Minuten, die in Echtzeit ablaufen, haben sich die Zwei viel zu erzählen. So läuft die eigentliche Handlung wie schon im Vorgänger im Gespräch und über die Körpersprache ab. Die anfängliche Fremdheit, weicht schnell der alten Vertrautheit. Gemeinsam werden alte Erinnerungen aufgefrischt, Geschichten aus beider Leben ausgetauscht, über verloren gegangene Ideale der Jugend, Gott und die Welt und über die Liebe geredet. Zunächst unverfänglich, später um so offener. Verletzungen werden preisgegeben. Auch wenn sie zunächst versuchen, die neu aufkommenden Gefühle für einander zu überspielen, ein kurzer Blick, eine zarte Geste sagt mehr als tausend Worte. Erstklassig der Dialog. Lebensnah, spontan, intelligent, humorvoll, temporeich und pointiert und mit wunderbaren Timing vorgetragen. Die Dynamik zwischen den beiden Protagonisten springt förmlich über. Wunderbar die fließenden Übergänge der einzelnen Gesprächsthemen. Hier wird eindeutig sichtbar, dass sich zwei gefunden haben, die sich intuitiv verstehen, die sich als echte Einheit präsentieren. Aber werden sie eine Zukunft haben? Wie wird der Film enden? Linklater findet einen Schluss, wie er eleganter nicht sein könnte. Der Film hat jedenfalls eine Zukunft. Die Qualität der Dialoge, die Spielfreude der Darsteller, die Dynamik, der Charme und die Leichtigkeit der Inszenierung sorgen dafür, dass der Film auch langfristig reizvoll bleibt. Zwar nicht für Jedermann, aber für die, die ihre Freude daran haben, wie sich zwei Personen einen ganzen Film über umgarnen. In dieser Hinsicht ist der Film im aktuellen Kino eine absolute Rarität.
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6 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen
Nicht auf dem Level von THE ROYAL TENENBAUMS, 4. März 2007
"Wenn ihr mich entschuldigen würdet. Ich begebe mich jetzt auf Sauftour. Und danach laufe ich aus, um den Hai zu töten, der meinen Freund gefressen hat." Ein Mann, ein Wort. Eine klare Zielvorgabe von Steve Zissou, den einstigen Star der Tiefseefilmerei, der von Bill Murray in der ihm eigenen typischen Mischung aus Lakonismus und Melancholie verkörpert wird. Wie schon mit "The Royal Tenenbaums" hat Anderson auch in dieser Cousteau-Hommage ein Szenario geschaffen, dass immer einen Tick neben dem agiert, was man eigentlich erwartet. Angesichts der zwischenmenschlichen Verwicklungen wirkt das eigentliche Ziel der Reise fast nebensächlich. Aber wie dem auch sei, der Wunsch nach Rache treibt die Geschichte immerhin voran. Bevor die Jagd beginnt, zugleich vielleicht die letzte Expedition des abgehalfterten Forschers, taucht Ned (Owen Wilson) auf, der vielleicht Zissous bislang unbekannter Sohn sein könnte. Ein nicht unkompliziertes Vielleicht-Vater-Sohn-Verhältnis baut sich auf, aber eins, das eine menschliche Komponente in seinen Unterwasserfilm bringen könnte, wie Zissou zufrieden feststellt. Diese Film-in-Film-Situationen sind zugleich als augenzwinkernde Reflexion für die Filme Anderson im Besonderen zu verstehen. Die surreal anmutenden, farbenfrohen Unterwasserlandschaften, bevölkert mit animierten, schillernden Wesen, spiegeln einerseits Andersons Faible für fantasievolle, detailverliebte Ausstattungen wieder, anderseits aber auch seine spezielle Figurenzeichnung. Letztere zeichnet sich durch einen derartigen Lakonismus aus, der Andersons Figuren durchaus als zweidimensionale Konstrukte erlebbar machen kann. In "The Royal Tenenbaums" wurde dieses Problem geschickt unterwandert, indem den Figuren durch zahlreiche Rückblenden, durch ein Geflecht von Interaktion untereinander und eine äußerst stimmungsvolle, punktgenaue Musikuntermalung, Dreidimensionalität, Leben und Emotionalität eingehaut wurde. Man denke nur an Gweneth Paltrows Austieg aus dem Green Line Bus, unterlegt mit Nicos "These Days", die Rückkehr Mordecais zu Richi unterlegt mit "Stefanie Says" von The Velvet Underground oder der unvermittelte Selbstmordversuch Richie zu Elliot Smiths "Needle in the Hay". Momente voller Magie, Momente von denen "The Royal Tenenbaums" geradezu überfließt und die den Film zu einen absolut unwiderstehlichen Ausnahmefilm machen. In "Tiefseetaucher" sind in zwei Punkte ganz entschieden anders. Erstens, die Musik besteht zum großen Teil aus David-Bowie-Songs, vom Bordgitarristen Seu Jorge, der immer irgendwo mit seiner Gitarre sitzt und singt, auf Portugiesisch vorgetragen. Diese Songs vermögen Stimmungen zu erzeugen, aber, nicht jene Magie wie in den Tenenbaums. Zugegeben, Geschmacksache. Zweitens, die Anzahl der Mitwirkenden ist diesmal wesentlich größer, die Vernetzung untereinander weniger intensiv. Entsprechend wird dieses Mal so manche Figur durch ein geschicktes Netz von Interaktionen nicht ihrer Zweidimensionalität entrissen. Ein Handicap, das sich bei der Betrachtung des Films als Ganzes niederschlägt. Im Vergleich zu "The Royal Tenenbaums" ist "Die Tiefseetaucher" somit ein Schritt zurück. Zwar ein hübsches Sammerlsurium von Ideen und Absurditäten, aber ohne durchgehende emotionale Verkettung. Schade, wenn man weiß, welch großartiges Filmerlebnis Anderson schaffen kann.
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Antikörper
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| DVD ~ Wotan Wilke Möhring |
| Preis: EUR 6,97 |
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2 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen
Neues aus Uhlenbusch, 21. Dezember 2006
Die Einganssequenz, in der eine Berliner Spezialeinheit den gesuchte Serienmörder Gabriel Engel stellt, als jener gerade damit beschäftigt ist seinem aktuellen Opfer Blut für ein skurriles Kunstwerk abzuzapfen, ist furios. Um so größer der Schock, wenn kurz nach dem viel versprechenden, energiegeladenen Anfang in die triste Uhlenbusch-Ästhetik eines Dörfchens gewechselt wird, in dem die Hauptperson des Filmes, ein junger Dorfpolizist (Wotan Wilke Möhring als Martens) auf Teilzeit seinen Job nachgeht. Sein schwerster Fall: Der nicht aufgeklärte Mord eines jungen Mädchen, der das ganze Dorf einschließlich des Polizisten traumatisiert hat. Obwohl das Mädchen nicht in das Täterprofil Engels passt, deuten Indizien daraufhin, dass er den Mord begannen hat. Martens macht sich auf nach Berlin. Das Hauptproblem von "Antikörper" ist, dass keine Klarheit besteht, was der Film eigentlich sein möchte. Zu einer stilistischen Unausgewogenheit, gesellt sich ein inhaltliches Konglomerat, was nicht zu einem stimmigen Ganzen verknüpft wird, sondern im Gegenteil, jederzeit als unausgegorenes Konstrukt fühlbar ist. Der Todesstoß für einen Film. Da wird auf der einen Seite Berlin als Sündenpfuhl überzeichnet. Eine düstere Farbgebung herrscht vor, der Regen prasselt unentwegt nieder, am Bahnhof fahren die Ankommenden durch ein Spalier von Prostituierten. Die Dienstgespräche des Berliner Kommissars (von Heinz Hönig aufgesetzt gespielt), der mit der Akte Gabriel betraut ist, finden auch prompt im Bordell statt. Und irgendwo in der Stadt sitzt in irgendeiner Gefängniszelle Engel, der Teufel in Menschengestalt. Der einzige bleibende Eindruck des Filmes wird, dank André Hennicke, die starke Präsenz sein, mit dem diese Figur ausgestattet ist. Auf der anderen Seite als ebenso alberner Kontrast "Klein-Uhlenbusch", religiöse Provinz, mit dem unscheinbaren, verklemmten, strengreligiösen Martens, der in der Dorfgemeinschaft eine schwache Position einnimmt und dessen Familienleben dabei ist vor die Wand zu laufen. Nach der starken Eröffnung verharrt der Film zunächst in diesem Milieu. Aber alle Optionen die sich in dieser Phase anbieten, sei es die ernste Schilderung eines Familiendramas, die Beschreibung einer traumatisierten Dorfgemeinschaft, oder die Auseinandersetzung mit Glaubensproblemen werden nach Ansätzen fallengelassen. Letztlich wird doch der Weg des Psychothrillers eingeschlagen und die Frage nach dem Täter des Mädchens rückt in den Mittelpunkt. Hierbei schreckt das Drehbuch nicht vor der Auslegung von kruden Finten zurück, die die Glaubwürdigkeit mehrer Figuren zerstören. Die Sequenz, in der ein zuvor als unbedarfter Erzkatholik verkaufter Protagonist urplötzlich sexuell alle Hemmungen verliert, wird in ihrer Skurrilität nur noch von einer unheilschwangeren alttestamentarischen Off-Textpassage übertroffen, in der animierte! Bambis platten religiösen Symbolismus bedienen. Blasse Hauptfigur, krude Drehbucheinfälle, gewürzt mit plattem Symbolismus. Am Ende des Filmes Läuft die Produktion von körpereigenen Antikörpern auf Hochtouren, gegen den Film.
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11 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen
Momente abseits der Strecke, 21. Dezember 2006
Sicher erzählt Erich Zabel, sobald er gemütlich im Hotelzimmer sitzt, halte er es auch nicht für eine clevere Idee, auf schmalen Reifem mit über 90 Sachen in Serpentinen einen Berg herunter zu sausen und nie zu wissen, ob nicht hinter der nächsten Kurve ein Hindernis lauert. Wohl wahr. Er und Rolf Aldag müssen selbst ein bisschen über den selbstmörderischen Irrsinn schmunzeln, den sich die Radfahrer bei der "Tour de France" aussetzen. Der Regisseur Pepe Danquart hat den beiden Zimmergenossen und langjährigen Freunden im Dienste von Team Telekom bzw. jetzt T-Mobile ein filmisches Denkmal gesetzt.. Im wesentlichen verfolgt Danquart ihr Schicksal auf den 20 Etappen. In den Unterhaltungen, die während Massagesitzungen, im Mannschaftsbus, in Hotelzimmern und gar unter Dusche beim Rasieren der Beine aufgenommen wurden, funkelt jede Menge gesunder Mutterwitz, staubtrockener Humor und sehr viel Selbstironie auf. Man erfährt von ihren Hoffnungen, aber auch düstere Gedanken, wie Versagungsängste und sportliche Enttäuschungen werden nicht vorenthalten. Es sind diese privaten, intimen Aufnahmen abseits der jährlich gewohnten Fernsehbilder, die den eigentlichen Reiz der Dokumentation ausmachen. Für beide wird es eine Tour der Leiden werden. Beide werden in Stürze verwickelt, tragen Hautabschürfungen davon, die nach Radfahrersitte daheim im Hotelzimmer noch einmal mit der Drahtbürste bearbeitet werden, damit die erneute Blutung, den letzten Dreck aus den Wunden herausspült. Kollege Klöden trifft es noch schlimmer. Nach einem Sturz am Steißbein verletzt, hält er noch einige Etappen durch, bis er dann schließlich trotzdem aufgrund unerträglicher Schmerzen aussteigen muss und die bittere Erfahrung des Besenwagens machen muss. Tyler Hamilton bringt es gar fertig, mit angebrochenen Schlüsselbein in Paris anzukommen. Jeder Tag wird zum Kampf gegen Blessuren und dem inneren Schweinehund. Schmerzverzerrte Gesichter bei den Bergfahrten, leere Blicke nach den Zeitfahrten gehören zum Geschäft. Die Etappenfahrten der Radfahrer werden immer wieder durch ungewöhnliche Kameraperspektiven eingefangen. Kameraschwenks zeigen atemberaubende Panoramenbilder ein. Allerdings sind die Farben generell blasser, als es der Realität entspricht. keine Ahnung was sich Danquart hier gedacht hat. Der Zweikampf zwischen Lance Armstrong und Jan Ullrich findet am Rande statt, wenngleich die entscheidenden Höhepunkten durchaus kurz gezeigt werden. Aber viel stärker als der genaue Verlauf der Tour 2003, liegt Danquart die Historie der Tour am Herzen. Immer wieder werden Anekdoten aus den ersten Jahrzehnten der Tour in die Dokumentation eingeflochten. Ansonsten widmet sich Danqauert auch dem Publikum, das geduldig und in Feuerlaune auf ihre Helden wartet, um sie innerhalb weniger Augenblicke an sich vorbeizusehen, den Sicherheitskräften und der täglichen Wanderschaft des technischen Tross der Tour von Ort zu Ort. Für Radsportfans ist die "Dokumentation" sicherlich interessant. Für einen, der sich bisher nicht sonderlich für die Materie begeistern konnte, werden die zwei Stunden höchstwahrscheinlich zu lang geraten sein.
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27 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen
Nowhere Man, 20. Dezember 2006
Wer kennt nicht folgendes Phänomen aus seinem Bekanntenkreis? Jahre vor dem Eintritt in den Ruhestand, wird dieser bei vielen durchaus erwartungsvoll entgegengesehen. Ewiger Urlaub! Ist der Ernstfall aber eingetreten, fallen viele erst einmal in ein tiefes Loch. In der Regel jene, die ihr Leben ganz auf ihren Beruf ausgerichtet und dort die Quelle ihres Selbstwertgefühl gefunden haben. Haben sie sich gestern noch für unentbehrlich gehalten, müssen sie schmerzlich feststellen, wie schnell ein Mensch ersetzbar ist. Die beruflichen Kontakte, die auch emotionale Stütze waren, schlafen schnell ein. Der Ratgeber von gestern, füllt sich auf einmal wertlos. Von so einem Menschen erzählt "About Schmidt". Der Film startet mit seinem Ausscheiden aus dem Berufsleben und zeigt seine ersten Schritte in die vermeidliche Freiheit, die sich für ihm als große Leere entpuppt. Der Ex-Statistiker, der nie Hobbys oder einen echten Freundeskreis gepflegt hat, sitzt nun den ganzen Tag zu Hause herum ohne im Grunde mit seiner Zeit etwas anfangen zu können. Da wäre zwar noch seine Frau, mit der er 42 Jahre durchs Leben gegangen ist, dies aber allen Anschein nach eher nebeneinander, als miteinander. Er fühlt sich von seiner omahaften Ehefrau sichtlich genervt und fragt sich gar: "Wer ist diese alte Frau eigentlich, die in meinem Haus wohnt?" Eine Antwort findet er nicht, wie er auf so manche Frage keine Antwort finden wird. Kurze Zeit später stirbt seine Frau, womit er seine tägliche Kontaktperson verloren hat. Nach der Beerdigung versinkt er in Trauer und nach und nach in seinem Hausmüll, weil er sich nun völlig gehen lässt, verwahrlost. Nur der Fernsehapparat begleitet ihn durch die nächsten Wochen. Aus seiner Lethargie reißen erst die zufällige Entdeckung einer langzurückliegenden Liebesaffäre seiner Frau mit seinem besten Freund. Mit einem überdimensionierten Wohnmobil macht er sich auf die Reise zu seiner einzigen Tochter, die kurz vor ihrer Hochzeit steht. Da diese ihren unangemeldeten Vater aber noch nicht um sich haben möchte, macht er sich notgedrungen auf eine mehrtägige Reise durch das ländliche Amerika. Aber auch die Reise zu Stätten seiner Kindheit und Jugend erweist sich als desillusionierend, ebenso wie eine falsch aufgefasste Geselligkeit auf einem Campingplatz. Die unangenehmste Zeit erwartet ihn aber noch ihm Hause der resoluten liebestollen Schwiegermutter in spe. Seine zaghaften Versuche, seiner Tochter die Hochzeit mit einem erfolglosen Wasserbettverkäufers auszureden sind ebenso erfolglos, wie seine Bemühungen, das eigene Leben sinnvoll neu zu gestalten. Die Geschichte hört sich trostlos an, ist aber nicht für den Zuschauer. Denn dieser Warren Schmidt ist nicht irgendjemand, Jack Nicholson ist Warren Schmidt. Mit Nicholson zieht eine Tragikkomik in den Film ein, die den Film zu einem unterhaltsamen Erlebnis werden lässt. Auch wenn Nicholson für diese Rolle sein sonst gewohntes, aber auch geliebtes Overacting deutlich zurück fährt (kein Haifischgrinsen, kein Hochziehen der Augenbraunen) ist sein Gesicht alles andere als leer. Im Gegenteil, es lebt. Seine Augen sind ein ständiges Spiegelbild zu der Seele von Warren Schmidt und es macht wahnsinnig Spaß ihn zu beobachten. Ständig findet er sich in Situationen wieder, in der er gute Miene zum bösen Spiel macht, in der seine Blicke, Körpersprache eindeutig signalisieren, dass er am liebsten an einem anderen Ort wäre. Sei es auf seiner Entlassfeier, in Gegenwart seines Schwiegersohns in spe, auf einem Campingplatz, wo wildfremde Leute mit ihm Kontakt aufnehmen oder in einem Whirlpool, in dem sich plötzlich eine splitterfasernackte Kathy Bates befindet (Ja, es gibt auch Oscarnominierungen für Nacktauftritte). Geringschätzigkeit, Konsterniertheit, Zorn, aber auch Freunde, kurz die ganze Gefühlspalette wird von Nicholson ausgedrückt. Eine Besonderheit im Leben von Warren Schmidt ist eine Patenschaft über einen sechsjährigen Jungen in Tansania. Ständig schreibt er Briefe an sein Patenkind, ungeachtet der Tatsache, dass diese wahrscheinlich nie von ihm gelesen werden. Der Zuschauer erfährt durch Nicholsons Off-Stimme den Inhalt dieser Briefe. Mit Hilfe dieses Kniffs, erhält der Zuschauer zusätzlichen Einblick in sein Innenleben. Drollig formuliert, erzählen die Briefe einerseits wahrheitsgetreu was ihm bewegt, anderseits aber auch geschönte Umschreibungen seiner Lebenssituation, die sofort durch konträre Filmbilder wiederlegt werden. Alexander Payne gelingt "About Schmidt" das Kunststück eine einfühlsame, anrührende Charakterstudie mit absurd komischen Situationen, wie sie das Leben schreibt, nahtlos zu verknüpfen. Großes Kompliment an Jack Nickolson, der den Balanceakt zwischen der Tragik und Komik seiner souverän meistert. Wer gerne Menschen beobachtet, über den Wahnsinn des Alltags herzhaft lachen kann und Nicholsons Schauspielweise schätzt, wird den Film lieben und sich glänzend unterhalten fühlen.
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