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Rezensionen verfasst von
Estragon
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Hilda und der schwarze Hund
Hilda und der schwarze Hund
von Luke Pearson
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,00

5.0 von 5 Sternen Hilda hält ihren Kurs, 24. Dezember 2014
Luke Pearson spinnt in schneller Folge Hildas Abenteuer weiter. Der Qualität der Bücher schadet das nicht. Das neueste Abenteuer ist ein echter Höhepunkt.

Pearsons Heldin mit den blaugrünen Haaren erlebt ein Abenteuer, in dem mehrere Stränge miteinander verflochten sind. Zum einen will Hilda zu den Pfadfinderinnen und dort Prüfungen bestehen, um mindestens ebensoviele Abzeichen zu machen wie einst ihre Mutter. Doch das mit den Prüfungen ist schwerer als gedacht und die mütterliche Erwartung bald lästig. Zum zweiten begegnet Hilda plötzlich überall Nissen, das sind Hausgeister. Dass Hilda ihnen begegnet, hat damit zu tun, dass dieses Hausgeister von ihren ›Wirtsmenschen‹ vor die Tür gesetzt wurden. Doch warum geschieht dies massenhaft? Und drittens ist da der riesige schwarze Hund, der die Stadt in Angst und Schrecken versetzt und sogar mehrere Menschen verschluckt.

Hilda versucht, der Sache auf den Grund zu gehen. Zunächst dringt sie in die eigenartige ›Zwischenwelt‹ der Nissen ein, und nach und nach entdeckt sie auch, was es mit dem Riesenhund auf sich hat. Die Lösung des Problems erweist sich als recht gefährlich.

Pearsons Zeichenkunst muss ich nicht noch einmal in allen Einzelheiten loben. Ein Hinweis auf die wundervolle sorgfältige Aufmachung des Buchs aus dem Reprodukt Verlag muss aber sein. Noch bevor man den Band aufgeschlagen hat, ist es bereits eine Freude, dieses Buch in der Hand zu halten.


Lulu im Museum
Lulu im Museum
von Posy Simmonds
  Gebundene Ausgabe

5.0 von 5 Sternen Mit Posy Simmonds im Museum, 24. Dezember 2014
Rezension bezieht sich auf: Lulu im Museum (Gebundene Ausgabe)
Posy Simmonds (*1945) ist in Deutschland zuletzt als Autorin von wundervollen Comics für Erwachsene bekannt geworden: »Tamara Drewe« (2010) und »Gemma Bovery« (2011). Zur Bekanntheit dürfte beigetragen haben, dass beide Bücher auch verfilmt wurden. Über diesen schönen Erfolg ist ein bisschen ins Hintertreffen geraten, dass Simmonds auch als Kinderbuchautorin hervorgetreten ist und der Diogenes Verlag diese Bücher seit den 1990er Jahren auch auf Deutsch herausgebracht hat.

Simmonds’ Kinderbücher richten sich an unterschiedliche Altersgruppen, – vom Leselernalter (»Das Bibber-ABC« [1997]) bis hin zu einem Lesealter, in dem man schon mit hintergründiger Ironie und schwarzem Humor umgehen kann (»Matilda, die so schrecklich log . . .« [1993]). Das hier vorliegende Buch »Lulu und die fliegenden Babys« (1990/2007) ist vermutlich für Kinder im ersten Lesealter gedacht. Allerdings dürfte es sich auch zum Vorlesen für etwas Jüngere eignen. Die Geschichte ist kurz und die Sätze in den Sprechblasen sind einfach zu verstehen, womit auch klar ist: Simmonds mischt hier Bilderbuch- und Comicformat.

Ideal ist das Buch für Kinder, die kleinere Geschwister haben und darunter leiden, dass sie manchmal nicht genug Aufmerksamkeit erhalten. So beginnt die Sache nämlich für Lulu. Und dann muss sie auch mit ins Museum. Lulu zetert vor sich. Doch dann findet sie plötzlich zwei eigenartige Begleiter: fliegende Babys. Sie zeigen Lulu, dass in den ausgestellten Bildern echte Abenteuer verborgen sind.

Das Buch lädt ein zum unbefangenen Umgang mit ›hoher Kunst‹. Wenn man nur etwas Geduld zeigt und gute Führer hat, lassen sich Geschichten entdecken, zu deren Verständnis man zunächst einmal noch nichts wissen muss von Kunstgeschichte und Stilkunde. So muss der Zugang sein!


Snowpiercer
Snowpiercer
DVD ~ Chris Evans
Preis: EUR 12,99

3.0 von 5 Sternen Schneekreuzer im Neuschnee, 24. Dezember 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Snowpiercer (DVD)
Regisseur Bong Joon Ho (*1969) hatte von Vornherein gesagt, dass sein Film zwar auf Jacques Lobs und Jean-Marc Rochettes legendärer Graphic Novel »Schneekreuzer / Le Transperceneige« aus den 1980er Jahren basiere, doch keine bloße Verfilmung der Vorlage liefern wolle. Das ist vollkommen legitim, doch ebenso legitim ist es, wenn man als Leser bzw. Betrachter Vergleiche zwischen Buch und Film anstellt.

Lobs Version ist düsterer und fatalistischer angelegt. Das betrifft nicht nur den Schluss, den Bong Joon Ho mit einer kräftigen Portion Hoffnung ausmalt, sondern schon die zentrale Figur des Curtis (in sich gekehrt: Chris Evans) und ihre Motive. Im Film ist eine soziale Revolution der Motor der Handlung. Die strikte Klassentrennung im Zug, die brutalen Unterdrückungsmethoden und die erbärmlichen Lebensumstände der großen Mehrheit der Menschen am Zugende liefern ein einwandfreies Motiv für die Beseitigung der Herrschaft von Wilford, dem der Zug gehört und der die Maschine an der Zugspitze bedient. Curtis ist Teil der revolutionären Bewegung. Er hat Anführerqualitäten, die man ihm auch zubilligt, obwohl er selbst als zögerlich und zurückhaltend charakterisiert wird.

Auch im Comic besteht kein Zweifel an der Legitimität einer Revolution, doch Jacques Lobs Pointe ist eine andere: Seine Hauptfigur, die im Comic den Namen Proloff trägt, will gar kein Teil des Revolutionsgeschehens sein. Ausdrücklich geht es Proloff nur um die Bewahrung seiner eigenen Integrität. An lebenswerte Sozialverhältnisse und den Erfolg eines entsprechenden Umsturzes glaubt er nicht (oder nicht mehr?). Als Gegengewicht und Mitkämpferin wird ihm Adeline zur Seite gestellt, die den Willen zur Revolution repräsentiert (eine ähnlich starke Frau fehlt im Film, wo alles wesentlich testosterongesteuerter abläuft).

Was in der Graphic Novel ein Zwei-Leute-Unternehmen ist, wird im Film zu einer umfassenden Revolution, wobei die Schar der Revolutionäre allerdings zunehmend dezimiert wird. Die Figuren der Gruppe um Curtis sind ebenso wie ihre Gegenspieler erst für den Film erdacht worden. Im Comic finden sie sich nicht.

Die Freiheiten, die sich Bong Joon Ho hinsichtlich der Figuren und der Handlung genommen hat, sind nicht zu beanstanden, zumal die Geschichte kurz vor Schluss, als Curtis mit Wilford redet, ihren eigenartig verzweifelten Fatalismus zurückerhält, der die Grundtendenz des ersten Teils der Graphic Novel war. Erst das, was danach noch passiert, lenkt die Story in eine Richtung, die mit keinem der Teile der Graphic Novel vereinbar ist.

Doch die Neuausrichtung der Geschichte ist respektabel. Problematisch sind andere Aspekte. Die ausgedehnten Actionsszenen erhalten ein Eigengewicht, in denen die Virtuosität der Inszenierung das Ruder übernimmt. Ähnliches gilt für das Dekor der einzelnen Zugabteile. Es wird stolz präsentiert, was man zustande gebracht hat. Der Film wird tendenziell zum ›Snowpiercer‹-Themenpark. Dieses Schwelgen geht spürbar auf Kosten der Erkundung der Motive und der Psychologie der Figuren. Die Figur des Curtis gewinnt zwar hinreichend Tiefe, doch Gilliam (John Hurt) und Wilford (Ed Harris) bleiben allzu oberflächlich in ihrer Charakterisierung. Gern hätte man mehr über sie gewusst. Mason – unter ihrer Maske nicht wiederzuerkennen: Tilda Swinton – und Franco sind letztlich leblose Karikaturen, so dass die Konfrontation der Klassen im Zug auch durchweg etwas sehr Plakatives hat.

Es entsteht der Eindruck, dass der Regisseur sich nicht so recht entscheiden konnte, in welchem Tonfall er seine Geschichte erzählen möchte, – als Action-Story, als Groteske oder als Tragödie. Solange der Film läuft, hält das hohe Tempo die auseinanderstrebenden Elemente des Films einigermaßen zusammen. Doch im Rückblick wirkt die Heterogenität überaus unvorteilhaft.

Fazit: Ein durchaus ambitionierter Film. Als gesellschaftskritische Parabel gibt er allerdings nicht viel her, – dafür sind die Konflikte und das Personal allzu plakativ gestaltet. Gelungen ist dagegen die kontrastive Gegenüberstellung von klaustrophobischem Handlungsort (Zug), den grausamen Lebensbedingungen am Zugende und den dekadenten Lebensräumen weiter vorne. Auch die narrative Pointe, auf die das Gespräch zwischen Curtis und Wilford zusteuert, ist geglückt, obschon dabei einer der zentralen Mängel des Films zum Tragen kommt: Er nimmt sich nicht die nötige Zeit für seine Figuren und seine Erzählung.


Valhardi, 13: Das Duell der Idole
Valhardi, 13: Das Duell der Idole

2.0 von 5 Sternen Vergebliche Jagd auf den Zeitgeist, 23. Dezember 2014
Die Reihe ›Valhardi« ist in Deutschland nie so richtig angekommen. Und wenn man sich das vorliegende Album anschaut, ist man geneigt zu sagen: Kein Wunder. Wir haben es mit einer an den Haaren herbeigezogenen Story zu tun, die auch noch schlecht erzählt wird. Selbst die Zeichungen von Jijé – deretwegen man heute wohl noch am ehesten zu diesem Album greift – fallen bestenfalls mittelprächtig aus.

Im Original erschien die Geschichte im Jahre 1965, und ganz offensichtlich stellt sie einen Versuch dar, sich an den gewandelten Zeitgeist anzupassen. Selbst im Comic-Universum des Dupuis-Verlags (›Spirou‹) konnte man sich eine bestimmte Biederkeit nicht mehr leisten. Die Jugendkultur hatte sich seit den 1950er Jahre radikal verändert, was zu einem Großteil ›Amerikanisierung‹ bedeutete. Rock- und Popmusik, Starkult usw. waren auch in der Provinz keine Randphänomene mehr.

›Moralisch saubere‹ Comic-Geschichten, die von den Wertvorstellungen der Eltern- und Großelterngenerationen imprägniert waren, büßten ihre Zugkraft ein. Seitens der comiczentrierten Kinder- und Jugendperiodika versuchte man, die neuen Jugendkulturphänomene einzubinden. Es wurden ›erwachsenere‹ Comics bzw. Themen geboten, und vermehrt redaktionelle Anteile à la ›Bravo‹ hinzugefügt. In Deutschland hießen die Resultate unter anderem ›MV Comics‹ und ›Lupo modern‹.

Auch der Fünfziger-Jahre-Held Jack Valhardi (im Original: Jean Valhardi) rast im vorliegenden Band verzweifelt dem Zeitgeist hinterher. Doch hinsichtlich der Rockmusik konnte man bei Dupuis damals offenbar noch nicht über den eigenen Schatten springen. Die Popmusikkultur wird der Lächerlichkeit preisgegeben, und Valhardi, der im Comic grundsätzlich die Perspektive der Erziehungsberechtigten repräsentiert, darf die neumodische Musik kopfschüttelnd kommentieren. Demgegenüber bildet der Motorsport die legitme Seite moderner Freizeitkultur.

Die Story ist reichlich wirr. Valhardis Sidekick Ralf (im Original: Gégène) versucht sich als Popmusiker. Offenbar ist er eines der titelgebenden Idole, und er konkurriert mit einem weiteren Idol, das aber vollkommen im Hintergrund bleibt. Keiner der beiden Musiker scheint überhaupt Duellabsichten zu hegen. Doch es gibt eine Gruppe von Dunkelmännern, die Ralfs Karriere sabotieren wollen und ihm deshalb sogar nach dem Leben trachten. Die Motive dieser Gruppe werden ebenso wenig erläutert wie die Tatsache, dass Mord doch ein recht unverhältnismäßiges Mittel im Konkurrenzkampf darstellt, – selbst wenn es um Popmusik geht. Statt irgendetwas zu erläutern, konzentrieren sich Jijé und Mouminoux auf den letzten 12 Seiten auf die Inszenierung einer standardmäßigen Last-Minute-Rescue.

»Das Duell der Idole / Le Duel des idoles« ist eine hastig aus Klischees zusammengezimmerte, inkohärente Story, die an dem fundamentalen Widerspruch leidet, einerseits auf zeitgeistnahe Themen zu setzen und andererseits vor deren verderblichem Einfluss zu warnen.
Ein Comic-Album, das extrem langweilt, und wohl nur noch aus kulturhistorischen Gründen interessant ist. Man wundert sich jedenfalls nicht, wenn man nachliest, dass dieses Album das letzte der Valhardi-Reihe blieb, bevor man in den 1980er Jahren einen Neustart versuchte, der ebenfalls erfolglos blieb.


Camp 1: Magazin für Comic, Illustration und Trivialliteratur
Camp 1: Magazin für Comic, Illustration und Trivialliteratur
von Volker Hamann
  Broschiert
Preis: EUR 15,00

3.0 von 5 Sternen Irgendwo zwischen Camping und Campus, 23. Dezember 2014
Für den happigen Preis von 15 Euro bekommt man immerhin ein exzellent gestaltetes und auf hochwertigem Papier gedrucktes Heft. Was die formalen Qualitäten angeht, bewegt sich das ganze Unternehmen auf dem bemerkenswerten Niveau, das man von den ›Reddition‹-Heften kennt, die im gleichen Verlag erscheinen.

Bei einer Zeitschrift wie ›Camp‹ stellen sich mehrere Fragen. Eine lautet: Ist das wirklich nötig? Andere Fragen sind: Gibt es so etwas wie einen hinreichend gut identifizierbaren inhaltlichen Kern? Gibt es eine einigermaßen kohärente Zielgruppe?

Nach diesem ersten Heft könnte ich keine der Fragen sicher zugunsten von ›Camp‹ beantworten. Der inhaltlich Kern ist sehr unscharf. »Comics, Illustration und Trivialkultur« ist für sich genommen schon eine sehr inkonsistente Reihung. Gehören Comics nicht zur Trivialkultur? Sind jegliche Formen von Illustrationen gemeint (auch Kinderbuchillustrationen)? Und was umfasst überhaupt der Begriff der Trivialkultur? Ist er wirklich so pejorativ gemeint, wie er klingt?
Das Vorwort hilft auch nicht wirklich weiter. Die Lagerfeuermetapher lässt eher an ebenso alt wie sentimental gewordene Pfadfinder denken.

Der erste Artikel im Heft schien mir vom Thema her mit am interessantesten. Das Phänomen ›Lupo modern‹ fällt zwar nicht in meine eigene Rezeptionsbiografie (ich gehöre comicmagazinmäßig zur späten ›Zack‹-Generation), doch ich habe ›Lupo modern‹ anhand damals noch leicht zu erwerbender Althefte als ein in mehrfacher Hinsicht irritierendes Vorläuferprojekt zu ›Zack‹ wahrgenommen. Meine Erwartung ging deshalb in Richtung einer kompetenten historischen und systematischen Einordnung des ›Lupo modern‹-Phänomens.
Doch was Horst Berner da abliefert, ist niedrigstes Schülerzeitungsniveau. Berner schreibt, als seien die 1960er Jahre nie zuende gegangen. Man gewinnt den Eindruck, Rolf Kauka himself sei auferstanden und erteilt den Lesern von ›Camp‹ eine Lektion in Onkelhaftigkeit. Berner schreibt, als sei er nachträglich von einer Werbeagentur beauftragt, ›Lupo modern‹ zu protegieren. Über ›Lupo modern‹ (und das parallele, von Berner typischerweise nicht erwähnte ›MV Comics‹) ließe sich gewiss viel Interessantes sagen. In ›Camp‹ findet man nichts davon.

Doch Berners Artikel repräsentiert nur eine der Tendenzen von ›Camp‹. Die Beiträge von Matthias Hofmann (»Die vielen Leben des Al Feldstein«) und Heinz J. Galle (»Der Erste Weltkrieg im Speigel des Trivialen seiner Zeit«) verweisen in die gegenteilige Richtung. Daneben gibt es manches Belangloses (u. a. Chabon, Seeßlen, Peppel). Der Rezensionsteil überzeugt durchweg.

Schließlich noch der Comic-Teil. Tendenziell belanglos. Jacobs beweist einmal mehr, dass Schwerfälligkeit zu seinen Hauptcharakteristika gehört. Will hat offenbar auch die eine oder andere Arbeit abgeliefert, um die Miete bezahlen zu können. Und Raymond Reding ist, wie auch die hier abgedruckte Story zeigt, niemals über das Mittelmaß hinausgelangt. Milton Caniff ist natürlich immer lesenswert, zumal er in Deutschland bedauerlich unterrepräsentiert ist. Aber Charles M. Schulz? Warum ein Magazinabdruck, wenn Carlsen eine Werkausgabe der ›Peanuts‹ herausgibt?

Fazit: ›Camp‹ lässt in seiner ersten Ausgabe nicht erkennen, wohin die Reise gehen soll. Die Spannbreite der Möglichkeiten reicht von der eher dumpfen Fan-Selbstbeweihräucherung mit der üblichen Früher-war-alles-besser-Tendenz bis hin zur akademisch informierten Analyse. Ein solcher Spagat lässt sich auf Dauer nicht durchhalten. Die windelweiche Ironie des Vorworts kann darüber nur kurzfristig hinwegtäuschen. Die Fokussierung auf das Nostalgielagerfeuer dürfte die falsche Richtung sein.


Steinland
Steinland
von Bernhard Jaumann
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

5.0 von 5 Sternen Der schmutzige Weg zur Gerechtigkeit, 18. Dezember 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Steinland (Taschenbuch)
Über die grundsätzlichen Qualitäten der Namibia-Krimis von Bernhard Jaumann (*1957) hatte ich anlässlich von »Die Stunde des Schakals« (2010), des ersten Bandes um Kriminalinspektorin Clemencia Garises, einiges gesagt. Hier, in »Steinland« (2012), setzt Jaumann qualitätsmäßig noch einen drauf.

Namibia ist, um eine Klischeevokabel zu benutzen, ein zerrissenes Land. Der erste Band ließ erkennen, dass die sozialen und politischen Verwerfungen des vormaligen Apartheidsregimes immer noch den Alltag prägen. Dazu kam in der »Stunde des Schakals«, dass in Bezug auf den Befreiungskampf weder alles so heroisch verlaufen ist, wie die offizielle Geschichtsbuchversion es angibt, noch konnten die vielen Hoffnungen, die mit der Befreiung verbunden waren, eingelöst werden.

»Steinland« spielt ebenfalls vor dem Hintergrund der immensen Schwierigkeiten, eine auch nur halbwegs gerechte Gesellschaftsordnung durchzusetzen. Historisch führt ein Strang der Geschichte diesmal zurück bis in die Zeit des deutschen Kolonialismus um 1900. ›Steinland‹ ist der Name einer jener großen Farmen, die deutsche Siedler einst unter dubiosen Umständen erworben haben. Auf dieser Farm ist ein Verbrechen geschehen, das zunächst recht simpel aussieht: Einige schwarze Männer sind von den Farmern gestellt worden, als sie dabei waren, Sonnenkollektoren zu stehlen. Es kommt anscheinend zu einem Schusswechsel. Der alte Eigentümer von ›Steinland‹ stirbt, sein Sohn scheint entführt zu werden, und einer der fliehenden Täter wird angeschossen.

Clemencia Garises traut jedoch den Aussagen der deutschstämmigen Farmer nicht, und das umso weniger, als sich herausstellt, dass auch ihr Bruder in den Raub verwickelt ist. Allerdings muss sie sich auch die Frage stellen, ob sie nicht selbst ebenfalls rassistischen Denkschablonen zum Opfer fällt. Überdies wird ihr starker Gerechtigkeitssinn auf eine harte Probe gestellt, als es darum geht, dem eigenen Bruder zu helfen.

Der Fall zieht schnell Kreise, weil herauskommt, dass eine Enteignung der Farmen auf der politischen Agenda steht. Der Tod des deutschstämmigen Farmers wird zum Spielball politischer Kampagnen und Interessen. Am Ende ist Clemencia Garises machtlos und ihr Idealismus erleidet schwere Dellen. Doch Jaumann macht es sich auch hier nicht einfach, indem er seine moralische Heldin schlicht den korrupten Verhältnissen gegenüberstellt. Eher beherzigt der Autor jenen berühmten Satz aus Jean Renoirs Film ›Die Spielregel‹: »Und das Schlimmste ist, dass alle ihre Gründe haben.«

Fazit: Ein glänzender Thriller. Kein Sozialkitsch, nicht noch ein Regionalkrimi (mit exotischen Zutaten), sondern eine harte realistische Kriminalgeschichte, die auch ihren Hauptfiguren nichts schenkt.


Die Reise zum Mond (OmU)
Die Reise zum Mond (OmU)
DVD ~ Georges Méliès
Preis: EUR 7,97

5.0 von 5 Sternen Georges Méliès, Zauberer, 18. Dezember 2014
Rezension bezieht sich auf: Die Reise zum Mond (OmU) (DVD)
Georges Méliès (1861-1938) war ein Zauberer aus Leidenschaft. In Paris betrieb er am Ende des 19. Jahrhunderts ein Theater, in dem Varieténummern zur Aufführung kamen. Méliès selbst gehörte zu den Bühnenkünstlern. Er liebte die Illusionskunst, und als er das noch ganz junge Medium Film kennenlernte, sah er die Möglichkeiten, das Medium in diese Richtung weiterzuentwickeln: Der Film als Fortsetzung von Zauberei und Illusionskunst mit neuen Mitteln.

Méliès war ein Pionier des Kinos. Das heißt unter anderem, er musste viele technische Verfahren und stilistische Ausdrucksformen erst erfinden. Welch immensen Einfallsreichtum er dabei unter Beweis stellte, kann man nur angemessen nachvollziehen, wenn man sich seinem Werk etwas intensiver widmet, das allerdings zu mehr als der Hälfte verloren gegangen ist.

»Die Reise zum Mond / Le Voyage dans la lune« entstand 1902, als Méliès sich angesichts zunehmender Konkurrenz gezwungen sah, aufwändigere Filme als zuvor zu produzieren. »Die Reise zum Mond« ist ein für damalige Verhältnisse sehr langer Film (15 Minuten), er ist opulent ausgestattet und voller Special Effects. Und als zusätzliches Plus vertrieb Méliès auch eine handkolorierte Fassung, die lange Zeit als verschollen galt.

1993 fand sich in der katalanischen Cinemathek in Barcelona eine Kopie der kolorierten Fassung. Die Kopie war – wie alles Filmmaterial aus jener Zeit – in einem schlechten Zustand. Von der unglaublich aufwändigen Sicherung und anschließenden Restaurierung des Films erzählt unter anderem die auf der DVD als Extra befindliche Dokumentation »Die außergewöhnliche Reise« (2011; Länge: 63 Minuten) von Serge Bromberg und Éric Lange. Der Rest der Dokumentation sind dem Leben und dem Werk von Georges Méliès gewidmet.

Ich halte die Zusammenstellung von Film und Dokumentation (plus einer Schwarzweiß-Fassung des Films) für sehr geglückt. Wenn man sich die Dokumentation angeschaut hat, sieht man den Film mit anderen Augen, – was durchaus heißt: ehrfürchtiger. Was man bei »Die Reise zum Mond« zu sehen bekommt, ist dem heutigen Kino zugleich sehr fern und sehr nah. Sehr fern ist die Präsentationsweise. Die uns heute geläufigen Erzählkonventionen des Kinos sind noch nicht erfunden. Es gibt keine Auflösung in unterschiedliche Einstellungsgrößen, keine Kamerabewegungen, kaum eine Differenzierung von Handlungsebenen innerhalb einer Einstellung und auch keine dynamische Kombination von Geschehnissen, die an verschiedenen Orten stattfinden. Bei Méliès ist alles noch sehr bühnenhaft. Er konzentriert sich auf die Präsentation von Schauwerten. Doch genau das macht Méliès auch wieder zu jemandem, der dem aktuellen Trend des Hollywoodkinos ganz nah ist, das auf immer neuere und staunenswertere Special Effects setzt.

Zur musikalischen Begleitung: Zur kolorierten Fassung gibt es eine neu komponierte Musik von Air, die Schwarzweiß-Fassung wird von zeitgenössischer Musik von Lawrence Lehérissey begleitet.

Fazit: Ein klassisches Stück Filmgeschichte ist wieder lebendig und verfügbar. »Die Reise zum Mond« ist sicherlich ein Höhepunkt des Mélies-Kinos. Die Zusammenstellung der DVD (Film plus Dokumentation plus Schwarzweißfassung plus unterschiedliche musikalische Begleitungen) ist überaus geglückt.

Wer mehr von Georges Méliès sehen will, der sollte nach der Méliès-Box von Lobster Films Ausschau halten (Georges Melies: First Wizard Of Cinema (5pc) [DVD] [Region 1] [NTSC] [US Import]), die alle momentan als erhalten bekannten Filme vereint.


Die Dinge des Herzens
Die Dinge des Herzens
von Jean-Luc Fromental
  Gebundene Ausgabe

2.0 von 5 Sternen Dinge des Herzens?, 18. Dezember 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Dinge des Herzens (Gebundene Ausgabe)
Die von 1990 bis 1995 erschienene ›Carlsen Lux‹-Reihe bietet nach wie vor bemerkenswerte Perspektiven auf den damaligen Stand der Comic-Kunst, und das fast immer zu Schnäppchenpreisen. Die Reihe brachte nahezu Klassisches (Pratt, Druillet u. a.), Entlegenes (Hunt Emerson u. a.), One-Shots von bekannten Autoren, die eher durch ihre Reihen bekannt waren (Hermann, Cosey u. a.) und vor allem bot ›Carlsen Lux‹ auch eine Plattform für etliche Autoren aus dem deutschsprachigen Raum.

»Die Dinge des Herzens« erschien 1994 und war im Jahr zuvor bei Albin Michel im Original herausgekommen. Das Album ist ein Spätausläufer der Nouvelle-Ligne-Claire-Welle der 1980er Jahre. Jean-Claude Floc’h (*1953) dürfte sein Vorbild in Edgar Pierre Jacobs haben. Die Zeichnungen wirken sehr statisch, im deutlichen Kontrast etwa zum extrem dynamisierten Nouvelle-Ligne-Claire-Stil von Yves Chaland oder Serge Clerc. Um die Figuren herum ist oft sehr viel leerer Raum, der narrativ funktionslos ist. Und anders als bei Jacobs ist Floc’hs Seitenarchitektur überaus spannungsarm. Man ertappt sich schnell dabei, wie man die Seiten rasch überfliegt und weiterblättert. Da auch die Mimik der Figuren stark schematisch angelegt ist, gibt es kaum etwas, auf dem der Blick verweilen müsste.

Etwas, das an Floc’hs Nouvelle Ligne Claire wirklich ›neu‹ wäre, kann ich nicht entdecken. Eher ist es so, dass sein Zeichenstil die Anzeichen eines erschöpften Epigonentums aufweist.

Und die Story? Ist leider auch nicht viel ergiebiger. Jean-Luc Fromental (*1950) siedelt seine Geschichte im Milieu einer dekadenten Upperclass an, deren Angehörige vor allem unter Langeweile und Ziellosigkeit leiden. Also spielt man Intrigenspielchen. Man spannt sich wechselseitig die Frau aus, und die Frau liefert wiederum Mann und Liebhaber der Lächerlichkeit aus. Man amüsiert sich leidlich. Eine Zeitlang erwartet man, dass sich das Ganze in Richtung einer Tragödie à la »Gefährliche Liebschaften« entwickelt. Aber Fromental belässt alles an der Oberfläche, und macht daraus auch keine bissig-ironische Komödie à la Oscar Wilde. Die Idee, dass es in diesem Buch um ›Dinge des Herzens‹ ginge, ist eine unglückliche Zutat desjenigen, der den deutschen Titel ausgesucht hat (im Original: »Jamais deux sans trois«)

Fazit: Eher ein Blindgänger innerhalb der ›Carlsen Lux‹-Reihe. Ein Beispiel dafür, dass die Nouvelle-Ligne-Claire-Welle am Anfang der 1990er Jahre ihren Zenit bereits überschritten hatte.


Das 10. Opfer [Special Edition]
Das 10. Opfer [Special Edition]
DVD ~ Marcello Mastroianni
Preis: EUR 19,99

3.0 von 5 Sternen Wenn das Design das Bewusstsein bestimmt, 18. Dezember 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Das 10. Opfer [Special Edition] (DVD)
Heute würde man Elio Petris Film wohl ›stylish‹ nennen. Und das ist es wohl auch, was an »Das 10. Opfer / La decima vittima« (1965) heute vorrangig fasziniert: Frisuren, Kleidung, Accessoires sind in extremer Weise stilisiert, und zwar im Stil der 1960er Jahre. Das gleiche gilt für den Filmstil: Farbgebung, Einstellungswahl und auch Dialoge entsprechen in übersteigerter Weise dem Stil der damaligen Zeit.

Der Film wirkt, als sei er eine eigenartige Mischung aus Antonionis »Blow up« (1966) und Tatis »Playtime« (1967). Eigenartig ist diese Mischung, weil sie aus Zutaten besteht, die nicht so richtig harmonieren. Antonioni ist ein Modernist, der die Schwierigkeiten beschreibt, die diejenigen haben, die an die grundsätzlich begrüßenswerten Entwicklungen der neuen Zeit noch nicht angepasst sind. In diesem Sinne muss man den oftmals als Irritierend empfundenen Schluss von »Blow up« als eine Art von Happyend auffassen. Tati ist tendenziell ein Modernismus-Skeptiker. Im Sinne einer klassischen Kulturkritik registriert er die Entfremdungsphänomene, die im Kontakt zwischen Menschen und modernistischem Lebensstil entstehen.

Petri und seine Drehbuchautoren sind ganz auf Tatis Seite, wenn sie menschliche Sehnsüchte (nach Liebe, Geborgenheit, Vertrauen usw.) ansprechen, die unter den neuen Bedingungen nicht mehr erfüllbar sind. Doch die Figuren scheinen mehr von Antonioni entlehnt zu sein. Sie sind bereits auf dem halben Wege, Bewohner dieser neuen Welt zu sein.

Die Autoren sparen nicht mit gesellschaftskritischer Satire, und vieles ist durchaus treffend. Doch da ist auch eine starke Verliebtheit ins Dekor, die der satirischen Absicht entgegenarbeitet. Die extreme Stilisierung zieht an statt abzustoßen. Man identifiziert das Ganze mit den Sixties und deren Lebensstil. Das Ganze wirkt mehr cool als kalt.

Dass sich die Autoren irgendwie verzettelt haben, wird zum Ende hin immer deutlicher. Die Ironie wirkt dort zunehmend hilflos. Die Ehe scheint am Ende doch der allein gültige Fluchtpunkt aller Sehnsüchte zu sein. Natürlich eine Liebesheirat (anstelle der reinen Versorgungsehe, die zuvor die Szenerie beherrscht hatte), – doch ohne Ehe scheint es in keinem Fall zu gehen. Ist »Das 10. Opfer« also eine futuristische Gesellschaftssatire mit katholischem Unterbau?

Wie immer man diesen Aspekt beurteilen mag, problematischer scheint mir zu sein, dass der Film eine Faszination von ebenden Dingen ausstrahlt, die zu kritisieren er vorgibt. Der Film möchte soziale Kälte anklagen, schwelgt aber durchweg in Coolness. Diese fundamentale Halbherzigkeit macht den Film zu einem sehr gemischten Vergnügen.

Fazit: Man erkennt am Beginn, dass so etwas wie »Clockwork Orange« vielleicht möglich wäre, und man nimmt dann umso frustrierter zur Kenntnis, dass der anfängliche Schwung mit immer mehr Augenzwinkern à la »Don Camillo und Peppone« verdünnt wird.


L' Ultima diva: Francesca Bertini
L' Ultima diva: Francesca Bertini
Wird angeboten von mogi2000
Preis: EUR 74,99

5.0 von 5 Sternen Francesca Bertini: Norma Desmonds hellwache Schwester, 10. Dezember 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: L' Ultima diva: Francesca Bertini (DVD)
Die vorliegende DVD bietet gleich zwei überaus interessante Filme, wobei die beiden Filme kaum unterschiedlicher sein könnten. Zum einen ist da der italienische Stummfilm »Assunta Spina« von 1914 (Länge: 62 Minuten), zum anderen gibt es als Zugabe die für das italienische Fernsehen produzierte Dokumentation »L’Ultima diva / The Last Diva« (1982; Länge: 85 Minuten) von Gianfranco Mingozzi.

Um »Assunta Spina« einordnen zu könne, muss man auf die filmgeschichtlichen Entwicklungen der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg hinweisen. Am Ende der 1900er Jahre wurde das frühe Kino, das sich noch überwiegend an den Bedürfnissen des Jahrmarkts- und Varietè-Publikums orientiert hatte, abgelöst durch ein neues Kino, das sich das bürgerliche Theater zum Vorbild nahm und es auch auf dessen zahlungskräftiges Publikum abgesehen hatte. Das Spielfilmformat entwickelte sich. Filme wurden länger und enthielten komplexe Erzählungen. Ein Mechanismus der Zuschauerbindung wurde schnell entdeckt und zunehmend perfektioniert: das Starsystem.

Ungefähr ab 1910 verschoben sich auch die geografischen Schwerpunkte populärer Filmproduktionen: Der US-amerikanische Film erhielt eine nachhaltige Prägung durch D. W. Griffith, die dänische Filmproduktion der Nordisk Filmkompanie erlebte eine kurze, aber sehr intensive Blüte und der italienische Film erlangte Weltgeltung durch aufwändig inszenierte Filme nach klassisch-literarischen und historischen Stoffen. Die filmgeschichtliche Wirkmächtigkeit von Giovane Pastrones »Cabiria« (1914) lässt sich kaum überschätzen, – nicht zuletzt wurde Griffith davon zu »Intolerance« (1916) herausgefordert.

An »Cabiria« hatte der heute eher berüchtigte Großdichter Gabriele D’Annunzio (1863-1938) mitgearbeitet. Sein pathetisch-historierender Stil prägte auch im Weiteren das italienische Kino. »Assunta Spina« setzt dazu einen entschiedenen Gegenakzent. Das dem Drehbuch zugrunde liegende Stück von Salvatore Di Giacomo (1860-1934) ist im Milieu kleiner Leute in Neapel angesiedelt. Und so orientiert sich der Film in deutlicher Abgrenzung von der Künstlichkeit der historisierenden Filme am Ideal geografischer und sozialer Authentizität. In »Assunta Spina« agieren zum Teil Laiendarsteller, und gedreht wurde vielfach on location in Neapel. Man kann sogar, wenn man genau hinsieht, bemerken, dass einige Szenen – am Bahnhof, auf dem Markt und auf offener Straße – im Guerilla-Verfahren gedreht wurden: Da und dort schaut jemand schüchtern-überrascht in die Kamera und an einer Stelle wird ganz am Rand ein neugieriger kleiner Junge eilig aus dem Bild gezerrt.

»Assunta Spina« ist ein Melodram, das durch und durch zeitgebunden ist. Am Ende opfert sich die junge Frau Assunta für den einzigen Mann, der ernsthaft um sie wirbt, den sie selbst aber zu dem Zeitpunkt nicht mehr wirklich liebt. Eine solche Feier weiblicher Opferbereitschaft vermag heutige Zuschauer aus guten Gründen nicht mehr zu überzeugen. Nichtsdestoweniger ist der Film in etlichen Aspekten überaus sehenswert. An allererster Stelle steht natürlich der Star des Films: Francesca Bertini (1888-1985). Es ist in mehrfacher Hinsicht ihr Film. Sie brilliert in der Hauptrolle, sie hat den Stoff ausgesucht, den Film produziert und offenbar auch zusammen mit Gustavo Serena Regie geführt. Letzteres scheint zunächst zweifelhaft, wenn Bertini in Mingozzis Dokumentation die Regie selbstbewusst für sich in Anspruch nimmt. Denn der Vorspann von »Assunta Spina« nennt nur Serena als Regisseur. Doch wenn Bertini dann in der Dokumentation zusammen mit Mingozzi »Assunta Spina« wiedersieht und kommentiert, ist man schnell davon überzeugt, dass sie in der Tat auch Regie geführt haben muss.

Francesca Bertini kann mit ihren damals 94 Jahren und fast 70 Jahre nach der Veröffentlichung von »Assunta Spina« über einzelne Szenen und Einstellungen, über Drehbuchentscheidungen und über Einzelheiten von Inszenierungsfragen mit einer Detailgenauigkeit Auskunft geben, dass es einem die Sprache verschlägt. Bertini erinnert sich mit einer Präzision, als seien die Dreharbeiten erst vor Wochen oder Monaten zuende gegangen. Und dabei reflektiert sie stets auch noch den historischen und filmästhetischen Abstand mit. Bertini ist in ihrem Habitus auch im hohen Alter noch ganz die Diva von einst, doch außerdem ist sie hellwach und sich über das, was ihre Zeit als großer Star von der Gegenwart trennt, vollkommen im Klaren. An einer Stelle spricht Bertini über den Stil der Inzenierung vor Ort und mit Laien. Mit großem Ernst stellt sie die Behauptung auf, sie habe damit den italienischen Neorealismus weit vor seiner Zeit erfunden. Sie hält kurz inne und lässt dann ein feines ironisches Lächeln über ihr Gesicht huschen, das allein schon den Kauf dieser DVD rechtfertigt.

»Assunta Spina« ist noch ganz im Tableau-Stil inszeniert. Die Übergänge zwischen den einzelnen Szenen sind oft sehr holprig, wobei man allerdings in Rechnung stellen muss, dass womöglich auch Filmmaterial verloren gegangen ist. Die hohe Inzenierungskunst jener Zeit wird aber auf beeindruckende Weise in einer zentralen Szene deutlich. Gegen Ende des Films erwartet Assunta zuhause ihren neuen Liebhaber, als jener Mann plötzlich auftaucht (gespielt von Koregisseur Serena), der ihr einst aus Eifersucht eine üble Verletzung zugefügt hat und für den sie sich dennoch vor Gericht eingesetzt hat. Er ist vorzeitig aus der Haft entlassen und will nun sein Leben mit Assunta fortsetzen. Die Szene ist lang und in einer einzigen halbtotalen Einstellung gedreht. Doch sie ist ungeheuer aufwühlend. Das liegt zum einen an Bertinis Spiel, das auf beeindruckende Weise eine Spannbreite von Freude, Scham, Verzweiflung und Angst umfasst. Zum anderen wird innerhalb der starren Einstellung ein geradezu hitchcockartiger Suspense erzeugt durch die wechselnden Positionen der beiden Darsteller sowie durch die stets im Hintergrund sichtbare Tür, durch die der neue Liebhaber jederzeit eintreten könnte. Das alles hat seine Wirkung über die Jahre hinweg nicht eingebüßt.

Im Mittelpunkt von Mingozzis Dokumentation steht die Begegnung mit Bertini. Dazu kommen zahlreiche Ausschnitte aus Filmen mit Bertini sowie informative Statements von zwei Filmhistorikern.

»Assunta Spina« liegt hier in einer von David Shepard verantworteten restaurierten Fassung vor. Das verwendete Material stammt offenkundig aus unterschiedlichen Kopien, – die Differenzen in der Bildqualität sind unübersehbar. Etwas irritierend ist der Umstand, dass bei zwei Szenen die Qualität der Kopie, die sich Bertini in der Dokumentation ansieht, besser ist als die Version auf dieser DVD (besonders deutlich ist das in der Marktszene). In Sachen Restaurierung ist also die Shepard-Fassung möglicherweise noch nicht das letzte Wort. Die von Rodney Sauer aus zeitgenössischen Quellen zusammengestellte und vom Mont Alto Motion Picture Orchestra eingespielte Musik ist dagegen wohl kaum zu übertreffen.

Wer mehr von Francesca Bertini sehen will, der sei auf Sangue bleu. DVD. Con libro (1914) verwiesen sowie auf Bernardo Bertoluccis 1900 (2 Discs, Ungekürzte Fassung) (1976), für den der Regisseur die Bertini noch einmal zu einem Auftritt überreden konnte.

Fazit: Eine großartige DVD. »Assunta Spina« ist in gewisser Weise ein solitäres Werk, das sich dezidiert von jenem Stil abgrenzt, der das italienische Kino jener Zeit dominiert. Bertinis Behauptung, hier liege ein Vorläufer des Neorealismus vor, sollte man nicht voreilig von der Hand weisen. Zu einer meiner Lieblings-DVDs im Stummfilmbereich wird diese DVD aber vor allem dadurch, dass der Stummfilm in Mingozzis fabelhafter Dokumentation reflektiert wird. Das ist wirklich vorbildlich. Die hoch betagte Bertini in dieser Weise erleben zu können, ist zugleich hochgradig informativ und zutiefst berührend.


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