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Saku "Antique Garden"

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Angelfall: Roman (Heyne fliegt)
Angelfall: Roman (Heyne fliegt)
von Susan Ee
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 12,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Geschichte von Krieg und Hoffnung, 3. September 2013
Ich muss sagen, dass mich der Hype, der in den Staaten um dieses Buch betrieben wird, relativ kalt ließ, bis ich das nahezu perfekte 5-Sterne-Rating auf Amazon.com sah. Das, gepaart mit den Tatsachen, dass ich ein Nerd für alles bin, was Flügel hat, und sich die Prämisse für mich insgesamt sehr interessant anhörte, machten mich dann doch neugierig. Der ausschlaggebende Punkt war wohl, selbst von Leuten, deren Meinung über die Panem-Reihe und den derzeit im Young Adult-Genre um sich greifenden Engel-Wahn - besonders im Bereich der Paranormalen Romanzen - mit der meinen (nicht sehr positiven) überein stimmte, zu hören, dass Angelfall ein geniales Werk sei.

Ich habe mir das Buch fast sofort bestellt und wurde nicht enttäuscht. Es ist DAS Buch für all jene, die dystopische Jugendromane und/oder Engel lieben, von Werken wie Die Tribute von Panem, Die Bestimmung, Engel der Nacht und Engelsnacht (Die Kreativität der Titel verblüfft mich immer wieder, aber das nur am Rande) aber völlig kalt gelassen bis heftig enttäuscht waren. Wobei ich allerdings auch nicht sagen will, dass das Buch Panem-Liebhaber und Fans der Paranormal-Romance-Engel nicht gefallen würde - Frau Ee ist offenbar selbst Panem-Fan. Während mich die Idee der entführten kleinen Schwester doch wieder etwas abgeschreckt hat, weil ich schreckliche tragisch rosarote Katniss-Prim-Flashbacks hatte, ist es hier doch weit eleganter umgesetzt. Paige wird nicht als übertrieben heilig, nett und brav dargestellt, dass sie Vegetarierin ist, wurde von ihrer Familie zunächst belächelt, bis sie es ihr infolge der Apokalypse und der daraus resultierenden Nahrungsknappheit ausgetrieben haben.
Auch das bloße Konzept der starken, weiblichen Protagonistin war nichts, was mich zunächst lockte. Die meisten dieser ach-so-starken Persönlichkeiten sind dumm, sexistisch gegenüber ihrem eigenen Geschlecht, manipulativ denen gegenüber, die sie lieben, selbstsüchtig, oft soziopathisch veranlagt und genau so lange stark, bis der gutaussehende männliche Protagonist die Szene betritt, zu welchem Zeitpunkt sie sich in sabbernde, heulende und zutiefst inkompetente Nervenbündel verwandeln, die 100 IQ-Punkte auf einmal verlieren, sobald sie nur an ihn denken, auch wenn sie vorher Vampire, Nekromanten oder Dämonen gejagt und auf all die "schwachen" Frauen hinab gesehen haben. Wie gut, zu sehen, dass es auch anders geht! Schon früh in der Geschichte etabliert sich, dass Penryn für ihre siebzehn Jahre sehr reif ist, dass sie Verantwortung trägt, ihre Familie liebt und beschützen will, und vor allem, dass sie nachdenkt, bisweilen Opportunismus anwendet und auf die wesentlichen Dinge achtet.

Penryn ist verdammt cool. Penryn ist kompetent. Penryn ist gerissen. Penryn weiß, was sie tut. Ich habe immer wieder den Mangel an starken weiblichen Charakteren in Medien bedauert, die speziell für ein weibliches Publikum geschaffen wurden (Wobei ich damit nicht andeuten will, Angelfall sei ein Frauenroman - Ich kann durchaus auch Männer und Jungen sehen, die ihn genauso genießen wie Frauen, und zwar für das, was er ist, nicht "trotzdem"), weswegen ich unendlich dankbar bin, in einem Buch aus dem YA-Bereich, in dem Mädchen im Teenageralter in den letzten Jahren zu einer weinerlichen, stolpernden, männerbesessenen und besserenfalls zickigen und schnoddrigen Spezies mutiert sind, die ohne ein maßgeschneidertes Männchen an der Seite keinen Schritt wagen können, ohne hinzufallen, fast vergewaltigt zu werden, entführt zu werden oder in besonders schlimmen Fällen einfach nur keinen Zusammenbruch zu erleiden, so traurig es auch ist.
Mit Penryn hingegen hat Frau Ee eine Protagonistin erschaffen, die sowohl fähig und intelligent ist, als auch zutiefst menschlich. Sie hat "normale" Sorgen, sie verliert faire Kämpfe und Schlagabtäusche besonders mit Raffe genauso oft, wie sie sie gewinnt, sie ist mutig und stark, dabei aber zugleich verletzlich und nicht soziopathisch oder übermäßig aggressiv. Sie weint keinem in den Himmel gelobten Vater hinterher und hat keine konstanten PMS. Ich konnte mich sehr gut in sie hinein versetzen. Ein Punkt, der mir an ihr besonders gefallen hat, war, dass sie zwar Erfahrung in allen möglichen Kampfsportarten besaß, dies aber nicht übertrieben wurde und außerdem einen wichtigen Grund im Plotverlauf hat, ganz im Kontrast zu Katniss und ihrem ollen Mary-Sue-Bogen. Auch war es schön, zu sehen, dass der männliche und der weibliche Protagonist gleich stark sind - natürlich ist Raffe körperlich kräftiger als Penryn und sie braucht ihn, um Paige zu finden, aber zugleich braucht er auch sie, ihre Erfahrung mit dem Leben unter Menschen, und ihre Fähigkeiten.

Womit wir bei Raffe wären. Ich war begeistert von Raffe. Er geht weit, weit über das Klischee des großen, düstere und gutaussehenden übernatürlichen Love Interest heraus, er hat seine eigenen Motive und ist wie Penryn ein von anderen unabhängiger Charakter. Raffe ist cool und wirklich mögenswert, er verhält sich anfangs weder freundlich noch gewalttätig gegenüber Penryn (Zu letzterem kommt es auch später nie, dankenswerterweise - Frau Ee scheint zu den letzten Exemplaren ihrer Art zu gehören, die Gewalt, Androhung derselben, Unterdrückung und Kontrollsucht nicht für romantisch halten), sondern sieht in ihr kaum mehr als ein Mittel zum Zweck, um sich vorläufig unter Menschen durchschlagen zu können, das er gerade so zuvorkommend behandelt, wie er muss.
Es wird toll dargestellt, wie er auf den Verlust seiner Flügel reagiert. Zunächst sind da natürlich die körperlichen Einschränkungen: Nicht nur das Offensichtliche, dass er nicht mehr fliegen kann, wird dabei angesprochen, sondern er hat am Anfang auch Schwierigkeiten, sein Gleichgewicht zu halten, weil sein Körpergewicht ganz anders verlagert ist, außerdem kann er beispielsweise nicht auf Bäume klettern und kriegt schon nach kurzen Märschen Blasen an den Füßen. Es gibt eine sehr süße Szene, in der Penryn diese versorgt. Auch seelisch nimmt ihn der Verlust seiner Flügel mit, die Penryn rasch herausfindet und einmal sogar für sich ausnutzt. Das macht ihn sehr greifbar, lässt ihn natürlich und menschlich und gleich so viel stärker wirken als all diese gruseligen, weinerlichen Edward-Klone.

Auch die Nebenfiguren waren großartig ausgearbeitet. Ich hatte die Befürchtung, Penryns Mutter könnte nur dann schizophren sein, wenn es gerade bequem ist, aber sie war wirklich konstant unberechenbar. Nicht einmal Penryn selbst konnte meistens ausmachen, inwieweit sie mental da war. Wie schon angesprochen, war auch Paige kein perfektes leuchtendes Wesen, das zu gut für diese sündenreiche Erde ist. Gerade, was am Ende mit ihr geschah, hat mich ziemlich starren lassen. Dass sie im Rollstuhl saß, hat sogar einen plotrelevanten Grund und ist nicht nur zur Betonung von Heiligkeit und Hilflosigkeit da.
Auch unter den Engeln gab es einige Nebencharaktere, die ich wirklich mochte. Allen voran steht da Josiah. Es ist schwer zu erklären, was an ihm so mögenswert ist, man muss es gesehen haben. Er war einfach süß. Ich hoffe, dass speziell Laylah noch tiefere Ausarbeitung erhält, zweifle aber mittlerweile nicht mehr daran. Der Charakter hatte sehr interessante Ansätze. Erwähnenswert ist auch der Rebellenführer Obi, der gegen die Engel vorgehen will und somit gegen Raffe arbeitet, aber tatsächlich gesunden Menschenverstand und Durchsetzungskraft besitzt. Er ist sehr charismatisch und man kann es Penryn unmöglich verdenken, dass sie so fasziniert von ihm ist.

Frau Ee hat ihre Hausaufgaben in Bezug auf Recherche eindeutig gemacht. Besonders stachen mir hierbei die Engel ins Auge. Damit meine ich in diesem Falle nicht nur den religiösen Bezug, der weder so aufgespielt wurde, dass man den Roman als "christlich" bezeichnen könnte, noch völlig außer Acht gelassen. Sie fand eine gesunde Mischung, die jeden zufrieden stellen dürfte. Jedoch meine ich damit auch etwa anatomische Differenzen. So stellt Penryn, als sie Raffe verarztet, fest, wie leicht sein Körper ist - was logisch ist, denn zum Fliegen braucht man hohle Knochen und andere Faktoren, die das Körpergewicht reduzieren. Kurz darauf merkt sie an, sie sei sich nicht sicher, ob der scheinbar überhitzte Raffe Fieber habe oder nicht, da dies ebenso gut seine normale Körpertemperatur sein könnte - und auch das ist durchaus stimmig, da fliegende Wesen einen höheren Metabolismus aufweisen und daher auch eine höhere Körpertemperatur haben. All diese kleinen Details haben in meinen Augen große Pluspunkte geliefert. Ein für mich ganz wichtiger Punkt ist auch, dass die Engel verdammte Biester sind. Mythologisch gesehen sind sie nun einmal keine netten geflügelten Menschen mit Heiligenschein, sondern schön und schrecklich und allem, was es auf der Erde je geben könnte, weit überlegen. Die Engel in Frau Ees postapokalyptischer Welt sind dekadente Bastarde, die auf die Menschen herab blicken. Die Nephilim in dieser Welt sind ebenfalls keine hübschen, magischen Halbmenschen, sondern gruselige Bestien, viel näher an denen in der Bibel dran als die so manch anderer fiktiver Werke. Hurrah für realistische und schöne Engel!

Es entwickelt sich, wie es nicht anders zu erwarten war, eine Romanze zwischen Penryn und Raffe, aber das geht langsam und subtil. Man sieht nicht so wenig davon, dass es uninteressant wäre, noch so viel, dass es den Plot verschlucken würde - denn das hätte dieser nun wirklich nicht verdient. Viel von ihren Interaktionen ist wirklich genuin süß, und sie verhalten sich zueinander nicht wie Idioten. Keiner spürt ein "Kribbeln", obwohl er/sie in der Überzeugung ist, den anderen zu hassen, keiner geht ohne Zusammenhang von einer Sekunde auf die nächste von einer Prügelei zu Sex über, keiner leugnet ab, Erfahrungen mit grundlegenden Emotionen wie Hingezogenheit zu haben. Und das ist schön. Die Schlagabtäusche, die die beiden führen, sind auch wirklich witzig und werden unter gleich starken Partnern geführt, statt dass sie in kindische Zickereien und Nörgeleien ausarten, die keiner über 14 noch lustig finden sollte.
Frau Ee hat einen angenehmen, schnörkellosen Stil, der sich im postapokalyptischen Setting sehr gut macht. Penryns Erzählerstimme ist angenehm und einem Menschen ihren Alters sowohl angemessen als auch nicht übermäßig simpel oder schnoddrig. An das verwendete Präsens musste ich mich erst gewöhnen, kam damit aber nach einiger Zeit gut zurecht. Es wird mehr auf den Plot als auf irgendwelche Emotionen oder die schöne Landschaft geachtet, was auch ein absoluter Pluspunkt ist. Wenn man einen so coolen Plot hat wie diesen, sollte man ihn nicht verschwenden.
Das Setting ist wirklich großartig umgesetzt, es ist dreckig, hart und gefährlich, oder, anders gesagt, realistisch. Da die Übernahme durch die Engel erst sechs Wochen her ist, als die Handlung beginnt, sieht man noch deutliche Spuren der Zerstörung: So merkt Penryn etwa an, dass überall Handys herumliegen, die viele Menschen als eine Art Opfergabe oder weiße Fahne aufgegeben haben. Auch stehen überall Autos herum, Elektrizität gibt es nur noch sehr selten, Nahrung ist knapp, viele Häuser verlassen uns ausgeraubt. Die Menschen leiden Hunger, sie sind schmutzig, gewalttätig und opportunistisch. Im dystopischen Genre ist die Umsetzung des Settings von bedeutsamer Wichtigkeit, und seit Panem kümmert sich kaum noch ein Autor darum, ob seine dystopische Welt Sinn macht. Diese tut es. Und wie sie es tut.

Das deutsche Cover finde ich leider nicht so top, es erinnert mich unangenehm an Dan Brown-Romane. Auch die deutsche Übersetzung finde ich nicht ideal, habe aber keine schlimmeren Patzer finden können.
Angelfall ist sicher kein Buch, das mein Leben verändert hat. Aber es ist verdammt cool, verdammt unterhaltsam und eins der besten Bücher, die ich seit langem gelesen habe. Auch scheint Frau Ee ernsthaft um ihre Fans bemüht, so merkte sie etwa an, sie freue sich, dass die neu erscheinende Version des Buchs günstig sei, sodass sie mehr Menschen erreichen könne. Sie scheint ihre Leser wirklich genuin zu mögen, und das ist toll. Ich freue mich schon auf November, wenn der zweite Band erscheint.


Perdido Street Station
Perdido Street Station
von China Mieville
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,53

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Underdog-Fantasy vom Feinsten, 23. April 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Perdido Street Station (Taschenbuch)
Dieses Buch ist nicht für jeden. Es ist ein sehr unkonventioneller Roman, der zu unkonventionellen Stilmitteln greift und von unkonventionellen Charakteren handelt. Die Welt, in der diese Fantasy spielt, ist kein blühendes, harmonisches Pseudomittelalter inmitten grüner Hügel und Elfenwälder, es ist eine versumpfte, verdreckte, verdorrte, verwahrloste Großstadt mitten auf einem wüsten, unfreundlichen Kontinent. Alles scheint dagegen zu arbeiten, dass es dort Leben gibt.

"Perdido Street Station" ist eine Geschichte von herbem Charme, die sich sicher nicht jedem erschließt. Aber für mich macht exakt das seinen Reiz aus.

Der Plot lässt sich schwer zusammenfassen, ohne gleich zu viel zu verraten. Auch ist fragwürdig, ob der Fokus der Geschichte wirklich auf dieser Handlung liegt - statt auf der Entwicklung, die jeder einzelne Charakter durchmacht, indem er mit aller Kraft kämpft, scheitert, wieder aufsteht und eine Entscheidung fasst. Statt auf der Gehirnsinnlichkeit dieser sehr komplexen Welt, in der so viele verschiedene und für Menschen oft schwerlich nachvollziehbare Moralitäten und Weltanschauungen aufeinander treffen. Statt auf der wilden, hintergründigen Schönheit, die einen in New Crobuzon, dem Ort der Handlung, umgibt. Statt auf philosophischen Fragen, die das Buch einem stellt - oder die sich einem beim Lesen selbst stellen. Vielleicht muss jeder Leser seinen Fokus für sich selbst finden.
Damit will ich nicht sagen, dass die Handlung uninteressant wäre, keineswegs. Sie ist in einem rasanten, aber nicht hastig voran eilenden Tempo verfasst, setzt sich auf jeder einzelnen Seite - verdammt, vielleicht sogar in jedem einzelnen Absatz - fort und hat alles, was man sich von der Handlung eines Fantasyromans wünschen könnte: Es gibt Intrigen, Spannung, Action, Gefahr, Missverständnisse, Magie, schieren Horror und sogar eine Liebesgeschichte. Ständig tun sich neue, unerwartete Wendungen auf, Herr Miéville schöpft die Möglichkeiten des New Weird-Subgenre voll aus.

Die Prosa ist schlicht und ergreifend bezaubernd. Nicht Zuckerfeen-Einhorn-Regenbogen-bezaubernd, im Gegenteil. Nichts wird verschwiegen, nichts wird beschönigt, man starrt auf die Seite und alles ist schrecklich, aber diese Geflechte aus Worten, die sich zu kunstvollen Mustern zusammenwinden, sind zu schön, um wegschauen zu können, so sehr auch alles schimmelt, stinkt, im Elend versinkt. Es ist, als würde man beobachten, wie ein noch lebendes Baby seziert wird. Man kann nicht wegschauen, so furchtbar es auch sein mag. China Miéville ist derjenige, der dieses Baby aufschlitzt. Und er singt dabei. Es ist abartig - aber, Himmel, ist es schön! Diese Prosa wird nicht jedem gefallen. Sie ist wild, beengend, komplex wie ein Spinnennetz. Ich habe mir sagen lassen, dass selbst Muttersprachler das eine oder andere Wort im Wörterbuch nachschlagen mussten. Es ist keine echte rosa Prosa; zwar ist sie gespickt mit haufenweise deskriptiver Adjektive, Einwürfe, Beschreibungen, die sich in sich selbst verlieren und den Leser mit sich reißen, aber nichts daran ist kitschig, nichts wirkt unnötig. Es ist, als würde New Crobuzon auf diese Weise aus Worten gebaut: All diese "Hässlichkeit" bordet so sehr über, dass sie den Leser unter sich begräbt und völlig mühelos auf die Stufe der Charaktere bringt.

Das Worldbuilding ist eine von Herrn Miévilles großen Stärken. New Crobuzon ist eine einzige eiternde, verrottende Masse, in der die Menschen (Und Cactacae, Khepri, Vodyanoi...) leben wie Maden auf dem Müll, dominiert von der titulären Perdido Street Station. Alles das - das gesamte von menschlicher oder wenigstens fühlender, denkender Hand errichtete Monstrum von einer Stadt - bricht unter seinem eigenen Gewicht zusammen. Die Atmosphäre ist beklemmt, verzweifelt, resigniert. Niemand versucht, aus diesem dreckigen Loch einen besseren Ort zu machen, allen ist klar, dass es unmöglich ist, und die meisten haben zwischen Armut, Korruption, Gewalt, Rassismus, Drogenverkehr und dem Verlust der eigenen Integrität wohl auch gar nicht mehr die Energie, die Faust zum Himmel zu heben, höchstens, um die Götter zu verfluchen, an die sie vielleicht einstmals glaubten.
Aber New Crobuzon lebt. New Crobuzon als Setting hat mehr Charakter, scheint mehr zu atmen und zu sprechen, als so mancher Protagonist aus einem weniger gut verfassten Roman. Diese Stadt, die scheinbar aus Alpträumen gemacht ist, die all die Sünden großer Städte auf dicht gedrängtem Raum in sich vereint, vibriert, pulsiert, erschließt sich dem Leser und erklärt sich ihm. Sie ist laut und angsteinflößend und manchmal wünscht man sich, dass sie nur halb so faszinierend wäre, weil sie einem so viele Dinge zeigt, die man nicht sehen will. Aber letzten Endes bereue ich nichts - absolut nichts!

Die Charaktere sind einfach wundervoll. Keiner von ihnen ist ein Held im eigentlich Sinn, keiner von ihnen ist jemand, der man sein will, vielleicht nicht einmal jemand, den man kennen will. Da ist es umso erstaunlicher, dass man als Leser mitfiebert, weil man um jeden Preis erfahren will, wie es weitergeht mit Isaac, dem dicken, nicht ganz legal arbeitenden Wissenschaftler mit perversen Neigungen, mit seiner Freundin Lin, einer verbitterten Künstlerin, auf deren humanoiden Körper statt eines menschlichen Kopfes ein riesiger Skarabäus sitzt, mit Yagharek, dem anthropomorphen Vogel, dem man die Flügel abgeschnitten hat und der redet wie ein altes Buch, mit Derkhan, der mittelalten, militant linken Lesbe. Sie sind alle so unglaublich... menschlich. Ihre Geschichten gehen einem unter die Haut, weil sie Leute sind, denen man in der Fußgängerzone begegnen könnte. (Davon abgesehen, dass zwei von ihnen keine Menschen sind, versteht sich.)
Überhaupt, Yagharek. Er ist vielleicht der wichtigste, der definitive Schlüsselcharakter des Romans. Einige Abschnitte sind aus seiner Ich-Perspektive geschrieben, verschnörkelt, poetisch und traurig. Yagharek ist, wie ich finde, der sympathischste Charakter des gesamten Romans, derjenige, den man am leichtesten mögen kann, was den Grund für den Verlust seiner Flügel nur umso erschreckender macht. Hier wird jetzt natürlich nichts verraten, obwohl viele Leser aus seinen Anspielungen vermutlich eine düstere Ahnung ziehen werden.
Auch Lin ist ein Charakter, den ich rasch gern haben konnte. Die Geschichte ihrer traurigen Kindheit wirkt aufgrund der Un-Menschlichkeit, der schieren Andersartigkeit ihrer Kultur zunächst nicht ganz leicht zu durchschauen, aber eigentlich greift sie Themen auf, die heutzutage auch in dieser Kultur eine ebenso große und erschreckende Rolle spielen können. Und Hurrah für Künstler-Charaktere, die auch authentisch als solche dargestellt werden! Generell ist es wundervoll, dass Herr Miéville auch die Ansichten und Vorstellungen nichtmenschlicher Rassen weder "vermenschlicht" noch als übermäßig undurchsichtig darstellt. Das Thema des Anthropozentrismus wird direkt aufgegriffen: Lin bemerkt, dass sie nicht findet, dass Khepri wie Menschen mit Käfern als Köpfen aussehen - sie findet, dass Menschen wie Khepri mit den Köpfen rasierter Affen aussehen.

Und dann fährt alles zur Hölle (Nicht wörtlich zu verstehen: Es wird so brisant, dass es selbst der Hölle Angst macht!) und die wenigen Charaktere, die nicht sterben, erleiden Schicksale, denen der Tod vorzuziehen wäre.

Was passiert, wie und warum es passiert, wird natürlich nicht verraten. Gesagt sei nur, dass alles damit begann, dass die Regierung von New Crobuzon sich mit einem Drogenboss eingelassen hat (Hier und an diversen anderen Stellen erkennt man gut Miévilles starke sozialistische Neigungen, aber es sei gesagt, dass diese Neigungen niemals Überhand nehmen), dass neben der Stadt auch Motten, Spinnen und Träume gewaltige Rollen spielen und dass die meisten Leute noch niemals eine Fantasy gelesen haben, die diesem Meisterwerk auch nur ähnelt.
Leuten, die von konventioneller Fantasy die Schnauze voll haben oder sich einfach nur in ein Leseabenteuer stürzen wollen, bei dem sie nie wissen, was sie als nächstes erwartet, kann ich "Perdido Street Station" nur ans Herz legen. Dieses Buch braucht mehr Liebe.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 28, 2014 9:30 PM MEST


Amy und die Wildgänse [Special Edition]
Amy und die Wildgänse [Special Edition]
DVD ~ Jeff Daniels
Preis: EUR 5,97

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen I'll go 10000 miles or more..., 22. Januar 2013
"Amy und die Wildgänse" ist ein Film, der mich als Kind jedes Mal zum Heulen gebracht hat. Mittlerweile tut er es nur noch fast :)

Die Geschichte der dreizehnjährigen Außenseiterin Amy, die nach dem Tod ihrer Mutter und ihrem Umzug von Australien nach Kanada verständlicherweise am Boden zerstört ist und die mit der Aufzucht von Kanadagänsen wieder ins Leben zurückfindet, ist wunderbar erzählt, atmosphärisch und emotional, ohne kitschig oder melodramatisch zu werden.
Die Schauspieler – besonders die Hauptdarsteller – sind toll gewählt: Protagonistin Amy wird von Anna Paquin dargestellt, einem sehr natürlich, fast etwas burschikos wirkendem Mädchen, das so alltäglich wirkt, als könnte man es kennen. Ich bin sehr glücklich, dass man für die Rolle kein zartes Püppchen gewählt hat. Paquins Blick ist entschlossen, ihre Statur gesund, sie hat ein ausdrucksstarkes Gesicht. Ihr Vater wird von Jeff Daniels gespielt, der die Rolle des exzentrischen Künstlers mit seinem wirren Haar und seinem Dreitagebart einfach wunderbar darstellt.

Eine besondere Erwähnung verdient die Subtilität, mit der die Filmemacher ans Werk gegangen sind: So ist die Anfangssequenz kurz und ohne Dialoge, aber die nächtliche Autofahrt durch die große Stadt stellt einen unglaublichen Kontrast zur wilden, lichtdurchfluteten Natur Kanadas dar, die Amy nach dem Autounfall, der im Intro ihre Mutter tötet, erwartet.
Diese übrigens wird während des Films mit wenig mehr als einer kurzen Erinnerung und beiläufigen Tätigkeiten Amys und einem einzigen Lied charakterisiert: "10 000 Miles" von Mary Chapin Carpenter, zugleich das Titellied des Films, und ich könnte mir keines denken, das besser passt. Die Implikation ist, dass im Film Amys Mutter, eine berühmte Sängerin, dieses Lied aufgenommen hat. Dass sie Sängerin war, weiß man nur durch einige Dinge, die Amy nebenher tut, wie mit einer CD-Hülle zu spielen oder sich schicke Kleidung ihrer Mutter anzuziehen, wohl Bühnenoutfits.
Umso kraftvoller dann das Erkennen (welches bei mir einige Jahre gedauert hat ;)), wenn die dreizehnjährige Amy ganz allein, weit weg von daheim und ihrem Vater, der ihr noch sagte, ihre Mutter sei bei ihr, in ihr und den Gänsen, in ihrem Ultraleichtflieger an der Küste entlang fliegt, gefolgt von ihren Gänsen, auf der Mission, diese in den Süden zu bringen und dabei ein Naturschutzgebiet vor der Bebauung zu retten, und eine weiche, aber kraftvolle Frauenstimme intoniert: "Die Felsen mögen schmelzen und die Meere brennen, wenn ich nicht wiederkehre..."

Der Film weckt großartige Emotionen ohne große Action – nichts geht plötzlich in Flammen auf, nichts explodiert, niemand zieht eine Pistole und zielt dramatisch, man liefert sich keine Verfolgungsjagden im Auto. "Amy und die Wildgänse" braucht solche dramatischen Mittel nicht, um seine Wirkung zu erzielen.
Dass er traurig und rührend sein kann, sagte ich schon. Es gibt jedoch auch spannende Szenen, wenn etwa Amy und ihr Vater die gefangen genommenen Gänse befreien und mit ihnen wegfliegen, während ihr Onkel den zuständigen Wachtmeister ablenkt. Der Film hat zudem einen schönen, subtilen Humor, weder kindisch noch vulgär, so beispielsweise, als Amy und ihr Vater auf dem Flug unwissentlich auf einem Militärstützpunkt landen und verhaftet werden und die Offiziere daraufhin verzückt mit den Gänsen spielen.
Die Vögel selbst sind ebenfalls schön realistisch dargestellt. Sie legen niemals plötzlich überraschend menschliche Verhaltensweisen an den Tag, sondern benehmen sich wie ganz normale Gänse. Sie folgen Amy und allein Amy, weil sie sich vogeltypisch auf sie geprägt haben und sie als Mutter ansehen, sie lernen von ihr, was man frisst und sie brauchen auch Hilfe dabei, den richtigen Weg auf dem Flug in den Süden zu finden. Trotz dieser Darstellung treten sie niemals in den Hintergrund.
(Ich muss zugeben, dass diese Rezension eventuell nicht so ganz objektiv ist. Durch meine Liebe zu allem, was fliegt, bin ich natürlich vorbelastet.)

Überhaupt ist der Naturalismus etwas, was man dem Film insgesamt sehr zugute halten kann. "Kollege Computer" wurde kaum bis gar nicht in Anspruch genommen, so sind etwa die Aufnahmen aus der Vogelperspektive, in der die Gänse V-Aufstellung beziehen und Amys Flugzeug folgen, tatsächlich auch so entstanden. Die kraftvollen Farben und das goldene Licht, die den Film durchziehen und so wunderbar die urtümliche Schönheit von Kanadas ländlicher Natur unterstreichen, geben der (ebenfalls nicht aufs Aug gedrückten) Umweltschutzthematik zusätzliche Prägnanz.

Der einzige Kritikpunkt, wenn man es überhaupt so nennen kann, ist, dass der originale und so bezaubernde Titel "Fly Away Home" nicht treffender übersetzt worden ist.

Ein Kinderfilmklassiker, den man gesehen haben sollte!


Eau De Parfum "Süsses Blut"
Eau De Parfum "Süsses Blut"
Wird angeboten von DarXity, Preise inkl. MwSt
Preis: EUR 15,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schlicht, aber ungewöhnlich, 22. Januar 2013
Rezension bezieht sich auf: Eau De Parfum "Süsses Blut" (Misc.)
Zunächst einmal sei gesagt: Der Duft ist ziemlich günstig und es steht keine große Firma voller talentierter Parfümeure dahinter, weswegen man hier einfach per se keine mächtige Qualität erwarten kann.

Das heißt aber noch längst nicht, dass das Eau de Parfum "Süßes Blut" billig röche.

Basisnote hierbei ist natürlich Patchouli, welches, sofern Leser dieser Rezension es nicht wissen, ein herber, rauchiger Duft ist. Meiner Meinung nach riecht es so ähnlich wie frische Blumenerde oder Terrariensubstrat, nur etwas harziger und süßlicher.
Auf diesen erdigen Odor legen sich bei "Süßes Blut" die zarten Gerüche verschiedener süßer Blumen und Früchte. Dies, vermischt mit dem Patchouli, ergibt einen Duft, der an einen Cocktail erinnert und meiner Meinung nach unisex ist. Frauen können ihn im Alltag tragen, für Männer jedoch würde ich ihn eher für den Abend empfehlen.

Der Duft ist so ungewöhnlich, wie er simpel ist, typisch Teufelsküche eben.
Man kann ihn mehrere Stunden lang deutlich wahrnehmen (ca. 4-5), das Patchouli schwach sogar noch länger.

Die Aufmachung mit dem eigenen Logo auf dem simplen Flakon (Chanel No. 5 lässt grüßen ;)) ist hübsch, das Foto darauf zeigt eine blutbefleckte Rosenblüte, also perfekt auf den Namen zugeschnitten.

Obwohl sowohl das Logo als auch der Name des Herstellers (und eingeschränkt auch der des Parfüms) anderes vermuten lassen würden, ist "Süßes Blut" keineswegs ein reiner Gothic-Duft. Auch "Muggles" können ihn tragen, ich finde ihn - wohl dank des Patchoulis - sogar recht hippiemäßig.
Der Versandt erfolgte in einer gut mit zerknüllten Zeitungen ausgelegten Schachtel, sodass nichts schief gehen konnte. Wenn man direkt auf ihrer Seite bestellt, kann man sogar kostenlos verschiedene Duftproben anfordern, was man sich bei so viel Auswahl nicht entgehen lassen sollte!

Ich kann "Süßes Blut" nur empfehlen!


Schwarzes Prisma: Roman - [Die Licht-Saga 1] (Licht-Saga (The Lightbringer))
Schwarzes Prisma: Roman - [Die Licht-Saga 1] (Licht-Saga (The Lightbringer))
Preis: EUR 11,99

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Einer der ersten großen Fantasyromane unseres Jahrhunderts, 19. Januar 2013
Okay. Was muss ich tun, damit ihr dieses Buch lest? Was wird euch dazu überreden? Wollt ihr Welpen und Kätzchen? Einen Flohzirkus vielleicht? Einen kleinen Motivationstanz?
[Hier bitte Saku einfügen, wie sie einen Motivationstanz tanzt.]
Kommt schon. Welche harte Seele könnte dazu Nein sagen? Habe ich euch überzeugt, diesen Roman zu lesen? Nicht? Dann werde ich es tun, koste es, was es wolle!

"The Black Prism" steckt voller cooler Charaktere, hat eines der interessantesten und einzigartigsten Magiesysteme aller Zeiten, eine Menge Flair und ist einfach nur verdammt cool. Für Leute wie mich, die auf (trotzdem intelligente) Fantasy voller Action stehen, die (trotzdem fähige und mögenswerte) Bastarde als Protagonisten den noblen Rittern vorziehen, die auf (trotzdem auf moralische Rassismus-Zeigefinger verzichtende) multikulturelle, gut durchdachte, plastische Welten stehen, auf (trotzdem nicht überhastete) Plots voller Spannung, Verrat und cooler Leute, die sich durch diese Netze aus Intrigen schlagen - manchmal wörtlich -, für den ist dieser Roman genau das richtige.

Im Vergleich zur "Night Angel"-Trilogie hat Herr Weeks erfreulicherweise einige Schwächen ausgeglichen, und wo Mydciru schon eine vielschichtige und zutiefst interessante Kulisse geboten hat, übertrifft sich Weeks mit den Sieben Satrapien selbst.
Jede einzelne hat eine (teils nur lose auf einer irdischen basierende) eigene Kultur, eine eigene Mentalität, ein eigenes Recht, zu existieren. Ich hätte Stunden damit zubringen können, nur über diese großartigen Kulturen zu lesen und mehr über sie zu erfahren, weil jede einzelne von ihnen so gottverdammt interessant war. Mein inneres Fangirl für gut durchdachte Fantasy hat himmelhoch gejauchzt. Wie lange ist es her, dass ich eine Fantasy mit einem so großen kulturellen und ethnischen Reichtum gesehen habe? Wie lange?
… Okay, schließen wir die "Night Angel"-Bücher mal aus.

Wo machen wir weiter? Die Charaktere. Himmel noch eins, die Charaktere.
Gavin Guile ist gutaussehend, intelligent, charismatisch, witzig, charmant, der Kaiser der Sieben Satrapien und der mächtigste lebende Zauberkundige, das so genannte Prisma. Er hätte ein Gary Stu sein müssen, einer jener unausstehlichen Charaktere, für die sich alles positiv auswirkt, deren Wahrnehmung mit der objektiven Realität übereinstimmt und denen generell nie irgendetwas wirklich Schlimmes passiert. Aber irgendwie hat es Herr Weeks geschafft, mit Gavin einen Charakter zu schaffen, der so weit weg vom bloßen Konzept des Gary Stu ist, wie man nur sein kann.
Dann war da Dazen, sein Zwillingsbruder und zugleich größtes Geheimnis. Er ist gefangen in einem maßgeschneiderten Gefängnis aus Luxin, dessen blaue Farbe ihn beruhigt. Er wird gefüttert, manchmal besucht, aber niemand außer Gavin weiß, dass er überhaupt noch lebt. Je mehr man über ihn erfährt, desto weiter reißt man die Augen auf, weil man diese ganze Geschichte (Nicht nur, was ich jetzt geschildert habe. Das ist erst der Anfang. Mann, ist das erst der Anfang!) kaum glauben kann.
Kip, Gavins Bastardsohn. Kip ist speziell anfangs ein ziemlicher Loser, dabei aber so putzig und irgendwie bemitleidenswert, dass man ihm unmöglich böse sein kann. Zugleich liebt man es, ihn ab und an einfach auszulachen. Kip wird von einem Moment auf den nächsten von seiner dörflichen Heimat als Sohn einer Alkoholikerin in die Situation des einzigen Kindes des Prismas geworfen, das Magie wirken kann und darin ausgebildet wird.
Ebenfalls ein toller Charakter ist Karris, Gavins Exfreundin, die fast seine Frau geworden wäre. Es ist erfrischend, in einem Fantasyroman, der noch dazu von einem Mann geschrieben wurde, über eine Frau zu lesen, die nicht standardmäßig jung und knackig ist, das aber mit einem Sturschädel, Grips, Kompetenz und sowohl charakterlicher als auch körperlicher bzw. magischer Stärke wieder wett macht.
Zuletzt sollte man noch Liv erwähnen, einer jungen Schülerin der Magie, die dazu erpresst wird, Gavin hinterher zu spionieren, ihn gar zu verführen und deren Vater ihr seinerseits alles verschweigt. Mitgefühl mit Liv zu haben, fällt einem sehr leicht, wie viel Mist sie auch bauen mag.
Man kann keinen dieser Charaktere ohne Vorbehalte lieben und sich auch in keinen eins zu eins projizieren. Aber noch weniger kann man einen von ihnen hassen. Sie sind so vielschichtig, so tiefgründig, so schlicht und ergreifend realistisch wie Menschen, denen wir im alltäglichen Leben begegnen könnten, haben ihre individuellen Stärken und Schwächen, Geheimnisse, Hintergründe, Träume, Vorstellungen, Hoffnungen und Wesenszüge. Manchmal ist man sauer auf sie, weil sie sich blöd benehmen, manchmal feuert man sie innerlich an, manchmal ist man geschockt von etwas, was sie tun, oder lacht erleichtert über ihre Genialität.
Vor allem Gavin ist - und ich entschuldige mich hier für meine jämmerliche Vulgärsprache, die ich aber brauche, um meinen Gefühlen für diesen fiktiven Mann Ausdruck zu verleihen - eine coole Sau.

Der Plot ist erstaunlich, bar fast jeglicher Klischees des Genres, erfrischend, hat Potential in alle nur erdenklichen Richtungen und nutzt es auch erfolgreich aus, nimmt überraschende Wendungen, geht rasant voran und reißt den Leser mit sich wie ein Malstrom. Er kann kaum zusammengefasst werden, ohne dass zu viel verraten wird, aber ein Zitat aus dem Buch selbst beschreibt ihn ganz vortrefflich: "Moments of beauty sustain us through hours of ugliness.” Damit will ich keineswegs andeuten, dass der Plot hässlich wäre. Nichts liegt mir ferner. Aber er versucht nicht, zu verschweigen, zu verheimlichen oder zu beschönigen, dass das, was in den Leben der Protagonisten und in den Satrapien selbst vor sich geht, angenehmer oder weniger schlimm wäre, als es eigentlich ist - und zwischen all dem Dreck, dem Blut und dem Elend gibt es dann wieder einen Augenblick, in dem man vor Glück aufseufzt.
Man kann sagen, dass der Plot unglaublich intensiv ist, dass er einen nach links, rechts, oben und unten schüttelt, bis man Sterne sieht, dass er einen dazu bringt, schreien, weinen und lachen zu wollen, und das meine ich so positiv, wie man es nur meinen kann.
Der Schreibstil passt wunderbar zu diesem zackigen Plot und diesen großartigen Charakteren, er ist deskriptiv, verzichtet auf jegliche Schnörkel und besticht dadurch, wie "glatt" und fließend er ist, er packt all diese großartigen Dinge unter einen Hut und schlängelt sich mühelos zwischen ihnen hindurch. Die Präzision, mit der Herr Weeks es schafft, die Waage zwischen Plotfortgang, Worldbuilding, Charakterisierung und ab und an einfach nur purer, schnittiger Unterhaltung zu halten, ist bemerkens- und für andere Autoren wie mich durchaus auch beneidenswert.
Die Kampf- und sonstigen Actionszene verdienen hier ein besonderes Lob, es wird mit Taktik vorgegangen, nachgedacht und man erfährt erstaunlich viele kreative Arten, Leute zu verletzen, zu töten oder ihnen schlimmeres anzutun.

Das natürlich hängt eng mit dem Magiesystem zusammen. Die Magie, die so genannte Chromaturgie, der Sieben Satrapien ist in Farben unterteilt, blau, grün, gelb, orange, rot, sub-rot und ultraviolett. Die meisten Magiebegabten, genannt Drafter, haben nur eine einzige, maximal drei Farben, mit denen sie umgehen können. Gavin als das Prisma hat Macht über sie alle (und ich gönne sie ihm! Ich gönne sie ihm, wie man jemandem etwas nur gönnen kann! Das tue ich :D!). Jede Farbe hat andere Eigenschaften, so ist Rot beispielsweise leicht entzündlich und grün ist fest und flexibel. Auf diese Weise hat die Magie klar festgelegte Grenzen, nichts kann plötzlich "aus dem Nichts" erscheinen und dann vom Autor mit Erfolg so behandelt werden, als wäre es schon immer so gewesen.
(Bitte lasst mir einen Moment, mich über billige, schlechte Magiesysteme zu ärgern, in denen die Anwender der Magie sich aus dem Arsch ziehen können, was auch immer sie in diesem Moment brauchen. ...So, fertig.)
Wo war ich? Richtig: Ebenso haben die unterschiedlichen Farben auch Auswirkungen auf die Persönlichkeit des Anwenders und werden ihrerseits durch diese begünstigt. So sind blaue Drafter logisch und rational, orangene sind kreativ und empathisch. Das zeigt sich besonders dann, wenn einer zu viel Magie benutzt, denn dann zerspringt die entsprechende Farben in den Iriden des Drafters und er wird zum Colour Wight, einer Art Zombie, der von den Eigenschaften seiner Farbe charakterisiert, geradezu überrannt und infiltriert wird, und der folglich schreckliche Dinge mit sich selber und allen um ihn herum tut.
Das durch Magie entstehende Luxin wird nicht nur für das "normale" Zaubern verwendet, sondern ebenso werden damit oder zumindest mit dessen Hilfe Bauwerke errichtet und es findet in Waffen Verwendung. Die Drafter unterstützen ihre Fähigkeiten durch diverse geeignete Mittel, wie Brillen mit getönten Gläsern.
In Anbetracht dieses, nun, farbigen Magiesystems ist es zusätzlich witzig, wenn man bedenkt, dass nicht nur erstaunlich viele farbige Charaktere in dem Roman vorkommen, sondern farbig zu sein sogar von Vorteil ist ;) Es ist ein wahnsinnig faszinierendes, überraschendes, komplexes System, das in mir die volle Breitseite an Begeisterung selbst dann hervorgerufen hätte, wenn der Rest des Buches nur mittelmäßig oder gar schlecht gewesen wäre.

Gut, dass es das nicht war!
Ich denke, wir können uns in dem Punkt einigen, dass gute Bücher einen entweder zum Denken oder zum Fühlen anregen. Es gibt von uns für gut befundene Bücher, die sprechen einfach unsere inneren Leidenschaften an, unsere Interessen, unsere Liebe zu bestimmten Dingen, Eigenschaften, Einrichtungen, Personen, was auch immer, und andere lassen uns innehalten und nachdenken, rauben uns den Schlaf, weil wir uns ständig vorstellen müssen, wie Charakter XY aus dieser und jener vertrackten Situation in Anbetracht aller übrigen Umstände wieder raus kommt.
"The Black Prism" schaffte es völlig mühelos, quasi nebenher mit der linken Hand, beides in mir hervorzurufen, Denken und Fühlen, und das so intensiv, dass ich es mir nur mit Mühe verbeißen konnte, im Unterricht nicht einfach weiterzulesen. Die Emotionen und ratternden Gedankengänge, die sich beim Lesen in mir abspielten, waren ebenso grellbunt und energiegeladen wie die farbige Magie und das Licht der Drafter im Roman selbst.

Und als wäre das alles nicht schon [Wenn es ein Wort für dieses absolut positiv gemeinte Mittelding aus "schrecklich" und "großartig" gibt, so möge man es sich an dieser Stelle denken] genug, haut einen das Ende auch noch vollkommen von den Socken. Dieses Buch muss mich nicht überreden oder durch einen dreckigen Cliffhanger erpressen, die Fortsetzung zu lesen. Es ließ mich zähneknirschend zurück und ich habe es mit Tränen in den Augen angeschrien, wieso es schon - und noch dazu zu solch einem prekären Zeitpunkt - zu Ende war.

Wie, das alles hat euch immer noch nicht überzeugt, den Roman lesen zu wollen? Dann bitte, lest mal die Selbstbeschreibung des Autors:
"Brent Weeks was born and raised in Montana. After getting his paper keys from Hillsdale College, Brent had brief stints walking the earth like Caine from Kung Fu, tending bar, and corrupting the youth. (Not at the same time.) He started writing on bar napkins, then on lesson plans, then full time. Eventually, someone paid him for it. Brent lives in Oregon with his wife, Kristi. He doesn’t own cats or wear a ponytail."
Kann jemand, der so etwas über sich selber schreibt, überhaupt ein schlechter Mensch, geschweige denn ein schlechter Autor sein? Weeks ist nicht der neue Tolkien. Aber das versucht er nicht zu sein und hat es auch nicht nötig, denn er ist Brent verflucht noch eins Weeks.
So als Randbemerkung ist der "What Color Is Your Magic"-Test auf Herrn Weeks offizieller Seite ein witziges und geistreiches kleinen Extra zu dem Buch.
Laut dem Test bin ich ein superchromatischer Orange-Drafter. Wenn ihr das Buch also nicht lest, dann werde ich herausfinden, wo ihr wohnt, und dann wisst ihr ja, was euch blüht! Oder auch nicht, weil ihr das Buch nicht gelesen und es nie herausgefunden habt, in welchem Fall ihr es dann hautnah erfahrt... hehehehehehe...

Nein, ernsthaft: Für jeden Fan origineller Fantasy ist dieser Roman eine reine Wonne.
Lest ihn.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 21, 2013 7:02 PM CET


The Black Prism: Book 1 of Lightbringer (English Edition)
The Black Prism: Book 1 of Lightbringer (English Edition)
Preis: EUR 7,49

10 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Einer der ersten großen Fantasyromane unseres Jahrhunderts, 19. Januar 2013
Okay. Was muss ich tun, damit ihr dieses Buch lest? Was wird euch dazu überreden? Wollt ihr Welpen und Kätzchen? Einen Flohzirkus vielleicht? Einen kleinen Motivationstanz?
[Hier bitte Saku einfügen, wie sie einen Motivationstanz tanzt.]
Kommt schon. Welche harte Seele könnte dazu Nein sagen? Habe ich euch überzeugt, diesen Roman zu lesen? Nicht? Dann werde ich es tun, koste es, was es wolle!

"The Black Prism" steckt voller cooler Charaktere, hat eines der interessantesten und einzigartigsten Magiesysteme aller Zeiten, eine Menge Flair und ist einfach nur verdammt cool. Für Leute wie mich, die auf (trotzdem intelligente) Fantasy voller Action stehen, die (trotzdem fähige und mögenswerte) Bastarde als Protagonisten den noblen Rittern vorziehen, die auf (trotzdem auf moralische Rassismus-Zeigefinger verzichtende) multikulturelle, gut durchdachte, plastische Welten stehen, auf (trotzdem nicht überhastete) Plots voller Spannung, Verrat und cooler Leute, die sich durch diese Netze aus Intrigen schlagen - manchmal wörtlich -, für den ist dieser Roman genau das richtige.

Im Vergleich zur "Night Angel"-Trilogie hat Herr Weeks erfreulicherweise einige Schwächen ausgeglichen, und wo Mydciru schon eine vielschichtige und zutiefst interessante Kulisse geboten hat, übertrifft sich Weeks mit den Sieben Satrapien selbst.
Jede einzelne hat eine (teils nur lose auf einer irdischen basierende) eigene Kultur, eine eigene Mentalität, ein eigenes Recht, zu existieren. Ich hätte Stunden damit zubringen können, nur über diese großartigen Kulturen zu lesen und mehr über sie zu erfahren, weil jede einzelne von ihnen so gottverdammt interessant war. Mein inneres Fangirl für gut durchdachte Fantasy hat himmelhoch gejauchzt. Wie lange ist es her, dass ich eine Fantasy mit einem so großen kulturellen und ethnischen Reichtum gesehen habe? Wie lange?
… Okay, schließen wir die "Night Angel"-Bücher mal aus.

Wo machen wir weiter? Die Charaktere. Himmel noch eins, die Charaktere.
Gavin Guile ist gutaussehend, intelligent, charismatisch, witzig, charmant, der Kaiser der Sieben Satrapien und der mächtigste lebende Zauberkundige, das so genannte Prisma. Er hätte ein Gary Stu sein müssen, einer jener unausstehlichen Charaktere, für die sich alles positiv auswirkt, deren Wahrnehmung mit der objektiven Realität übereinstimmt und denen generell nie irgendetwas wirklich Schlimmes passiert. Aber irgendwie hat es Herr Weeks geschafft, mit Gavin einen Charakter zu schaffen, der so weit weg vom bloßen Konzept des Gary Stu ist, wie man nur sein kann.
Dann war da Dazen, sein Zwillingsbruder und zugleich größtes Geheimnis. Er ist gefangen in einem maßgeschneiderten Gefängnis aus Luxin, dessen blaue Farbe ihn beruhigt. Er wird gefüttert, manchmal besucht, aber niemand außer Gavin weiß, dass er überhaupt noch lebt. Je mehr man über ihn erfährt, desto weiter reißt man die Augen auf, weil man diese ganze Geschichte (Nicht nur, was ich jetzt geschildert habe. Das ist erst der Anfang. Mann, ist das erst der Anfang!) kaum glauben kann.
Kip, Gavins Bastardsohn. Kip ist speziell anfangs ein ziemlicher Loser, dabei aber so putzig und irgendwie bemitleidenswert, dass man ihm unmöglich böse sein kann. Zugleich liebt man es, ihn ab und an einfach auszulachen. Kip wird von einem Moment auf den nächsten von seiner dörflichen Heimat als Sohn einer Alkoholikerin in die Situation des einzigen Kindes des Prismas geworfen, das Magie wirken kann und darin ausgebildet wird.
Ebenfalls ein toller Charakter ist Karris, Gavins Exfreundin, die fast seine Frau geworden wäre. Es ist erfrischend, in einem Fantasyroman, der noch dazu von einem Mann geschrieben wurde, über eine Frau zu lesen, die nicht standardmäßig jung und knackig ist, das aber mit einem Sturschädel, Grips, Kompetenz und sowohl charakterlicher als auch körperlicher bzw. magischer Stärke wieder wett macht.
Zuletzt sollte man noch Liv erwähnen, einer jungen Schülerin der Magie, die dazu erpresst wird, Gavin hinterher zu spionieren, ihn gar zu verführen und deren Vater ihr seinerseits alles verschweigt. Mitgefühl mit Liv zu haben, fällt einem sehr leicht, wie viel Mist sie auch bauen mag.
Man kann keinen dieser Charaktere ohne Vorbehalte lieben und sich auch in keinen eins zu eins projizieren. Aber noch weniger kann man einen von ihnen hassen. Sie sind so vielschichtig, so tiefgründig, so schlicht und ergreifend realistisch wie Menschen, denen wir im alltäglichen Leben begegnen könnten, haben ihre individuellen Stärken und Schwächen, Geheimnisse, Hintergründe, Träume, Vorstellungen, Hoffnungen und Wesenszüge. Manchmal ist man sauer auf sie, weil sie sich blöd benehmen, manchmal feuert man sie innerlich an, manchmal ist man geschockt von etwas, was sie tun, oder lacht erleichtert über ihre Genialität.
Vor allem Gavin ist – und ich entschuldige mich hier für meine jämmerliche Vulgärsprache, die ich aber brauche, um meinen Gefühlen für diesen fiktiven Mann Ausdruck zu verleihen – eine coole Sau.

Der Plot ist erstaunlich, bar fast jeglicher Klischees des Genres, erfrischend, hat Potential in alle nur erdenklichen Richtungen und nutzt es auch erfolgreich aus, nimmt überraschende Wendungen, geht rasant voran und reißt den Leser mit sich wie ein Malstrom. Er kann kaum zusammengefasst werden, ohne dass zu viel verraten wird, aber ein Zitat aus dem Buch selbst beschreibt ihn ganz vortrefflich: "Moments of beauty sustain us through hours of ugliness.” Damit will ich keineswegs andeuten, dass der Plot hässlich wäre. Nichts liegt mir ferner. Aber er versucht nicht, zu verschweigen, zu verheimlichen oder zu beschönigen, dass das, was in den Leben der Protagonisten und in den Satrapien selbst vor sich geht, angenehmer oder weniger schlimm wäre, als es eigentlich ist – und zwischen all dem Dreck, dem Blut und dem Elend gibt es dann wieder einen Augenblick, in dem man vor Glück aufseufzt.
Man kann sagen, dass der Plot unglaublich intensiv ist, dass er einen nach links, rechts, oben und unten schüttelt, bis man Sterne sieht, dass er einen dazu bringt, schreien, weinen und lachen zu wollen, und das meine ich so positiv, wie man es nur meinen kann.
Der Schreibstil passt wunderbar zu diesem zackigen Plot und diesen großartigen Charakteren, er ist deskriptiv, verzichtet auf jegliche Schnörkel und besticht dadurch, wie "glatt" und fließend er ist, er packt all diese großartigen Dinge unter einen Hut und schlängelt sich mühelos zwischen ihnen hindurch. Die Präzision, mit der Herr Weeks es schafft, die Waage zwischen Plotfortgang, Worldbuilding, Charakterisierung und ab und an einfach nur purer, schnittiger Unterhaltung zu halten, ist bemerkens- und für andere Autoren wie mich durchaus auch beneidenswert.
Die Kampf- und sonstigen Actionszene verdienen hier ein besonderes Lob, es wird mit Taktik vorgegangen, nachgedacht und man erfährt erstaunlich viele kreative Arten, Leute zu verletzen, zu töten oder ihnen schlimmeres anzutun.

Das natürlich hängt eng mit dem Magiesystem zusammen. Die Magie, die so genannte Chromaturgie, der Sieben Satrapien ist in Farben unterteilt, blau, grün, gelb, orange, rot, sub-rot und ultraviolett. Die meisten Magiebegabten, genannt Drafter, haben nur eine einzige, maximal drei Farben, mit denen sie umgehen können. Gavin als das Prisma hat Macht über sie alle (und ich gönne sie ihm! Ich gönne sie ihm, wie man jemandem etwas nur gönnen kann! Das tue ich :D!). Jede Farbe hat andere Eigenschaften, so ist Rot beispielsweise leicht entzündlich und grün ist fest und flexibel. Auf diese Weise hat die Magie klar festgelegte Grenzen, nichts kann plötzlich "aus dem Nichts" erscheinen und dann vom Autor mit Erfolg so behandelt werden, als wäre es schon immer so gewesen.
(Bitte lasst mir einen Moment, mich über billige, schlechte Magiesysteme zu ärgern, in denen die Anwender der Magie sich aus dem Arsch ziehen können, was auch immer sie in diesem Moment brauchen. ...So, fertig.)
Wo war ich? Richtig: Ebenso haben die unterschiedlichen Farben auch Auswirkungen auf die Persönlichkeit des Anwenders und werden ihrerseits durch diese begünstigt. So sind blaue Drafter logisch und rational, orangene sind kreativ und empathisch. Das zeigt sich besonders dann, wenn einer zu viel Magie benutzt, denn dann zerspringt die entsprechende Farben in den Iriden des Drafters und er wird zum Colour Wight, einer Art Zombie, der von den Eigenschaften seiner Farbe charakterisiert, geradezu überrannt und infiltriert wird, und der folglich schreckliche Dinge mit sich selber und allen um ihn herum tut.
Das durch Magie entstehende Luxin wird nicht nur für das "normale" Zaubern verwendet, sondern ebenso werden damit oder zumindest mit dessen Hilfe Bauwerke errichtet und es findet in Waffen Verwendung. Die Drafter unterstützen ihre Fähigkeiten durch diverse geeignete Mittel, wie Brillen mit getönten Gläsern.
In Anbetracht dieses, nun, farbigen Magiesystems ist es zusätzlich witzig, wenn man bedenkt, dass nicht nur erstaunlich viele farbige Charaktere in dem Roman vorkommen, sondern farbig zu sein sogar von Vorteil ist ;) Es ist ein wahnsinnig faszinierendes, überraschendes, komplexes System, das in mir die volle Breitseite an Begeisterung selbst dann hervorgerufen hätte, wenn der Rest des Buches nur mittelmäßig oder gar schlecht gewesen wäre.

Gut, dass es das nicht war!
Ich denke, wir können uns in dem Punkt einigen, dass gute Bücher einen entweder zum Denken oder zum Fühlen anregen. Es gibt von uns für gut befundene Bücher, die sprechen einfach unsere inneren Leidenschaften an, unsere Interessen, unsere Liebe zu bestimmten Dingen, Eigenschaften, Einrichtungen, Personen, was auch immer, und andere lassen uns innehalten und nachdenken, rauben uns den Schlaf, weil wir uns ständig vorstellen müssen, wie Charakter XY aus dieser und jener vertrackten Situation in Anbetracht aller übrigen Umstände wieder raus kommt.
"The Black Prism" schaffte es völlig mühelos, quasi nebenher mit der linken Hand, beides in mir hervorzurufen, Denken und Fühlen, und das so intensiv, dass ich es mir nur mit Mühe verbeißen konnte, im Unterricht nicht einfach weiterzulesen. Die Emotionen und ratternden Gedankengänge, die sich beim Lesen in mir abspielten, waren ebenso grellbunt und energiegeladen wie die farbige Magie und das Licht der Drafter im Roman selbst.

Und als wäre das alles nicht schon [Wenn es ein Wort für dieses absolut positiv gemeinte Mittelding aus "schrecklich" und "großartig" gibt, so möge man es sich an dieser Stelle denken] genug, haut einen das Ende auch noch vollkommen von den Socken. Dieses Buch muss mich nicht überreden oder durch einen dreckigen Cliffhanger erpressen, die Fortsetzung zu lesen. Es ließ mich zähneknirschend zurück und ich habe es mit Tränen in den Augen angeschrien, wieso es schon – und noch dazu zu solch einem prekären Zeitpunkt – zu Ende war.

Wie, das alles hat euch immer noch nicht überzeugt, den Roman lesen zu wollen? Dann bitte, lest mal die Selbstbeschreibung des Autors:
"Brent Weeks was born and raised in Montana. After getting his paper keys from Hillsdale College, Brent had brief stints walking the earth like Caine from Kung Fu, tending bar, and corrupting the youth. (Not at the same time.) He started writing on bar napkins, then on lesson plans, then full time. Eventually, someone paid him for it. Brent lives in Oregon with his wife, Kristi. He doesn’t own cats or wear a ponytail."
Kann jemand, der so etwas über sich selber schreibt, überhaupt ein schlechter Mensch, geschweige denn ein schlechter Autor sein? Weeks ist nicht der neue Tolkien. Aber das versucht er nicht zu sein und hat es auch nicht nötig, denn er ist Brent verflucht noch eins Weeks.
So als Randbemerkung ist der "What Color Is Your Magic"-Test auf Herrn Weeks offizieller Seite ein witziges und geistreiches kleinen Extra zu dem Buch.
Laut dem Test bin ich ein superchromatischer Orange-Drafter. Wenn ihr das Buch also nicht lest, dann werde ich herausfinden, wo ihr wohnt, und dann wisst ihr ja, was euch blüht! Oder auch nicht, weil ihr das Buch nicht gelesen und es nie herausgefunden habt, in welchem Fall ihr es dann hautnah erfahrt... hehehehehehe...

Nein, ernsthaft: Für jeden Fan origineller Fantasy ist dieser Roman eine reine Wonne.
Lest ihn.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 8, 2013 2:04 PM MEST


Das Vermächtnis der Feen
Das Vermächtnis der Feen

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Zurück zur Natur und zurück zu Twilight, 13. Januar 2013
Rezension bezieht sich auf: Das Vermächtnis der Feen (Kindle Edition)
Das Buch beginnt damit, dass Josie am Flughafen von ihrem lange nicht gesehenen Vater abgeholt wird. Sie ist jetzt in einer völlig neuen (und deutlich kühleren) Umgebung. Ihr Vater ist zwar freundlich und um sie bemüht, weiß aber nicht so recht, wie er sich ihr gegenüber verhalten soll. Dafür erfahren wir gleich, was für ein Auto er fährt.
… Hurrah. Ich habe die Twilight-Anleihen mit der Subtilität eines Napalmangriffs schon vermisst.

"Das Vermächtnis der Feen" ließ mich auf der Stelle vollkommen unbeeindruckt zurück und eigentlich habe ich es nur zu Ende gelesen, um dieses Review schreiben zu können. Der Stil ist infantil, die Sprache langweilig, man merkt Frau Endres ihre Vergangenheit als Kinderbuchautorin deutlich an. Entweder hat sie nicht erkannt, dass das mit diesem Roman angestrebte Publikum andere schriftstellerische Bedürfnisse hat als ihr bisheriges, oder es war ihr einfach egal. In jedem Fall hätte der Lektor einschreiten müssen. Ich finde, es ist eine wahre Schande, dass so viele Bücher gerade im Jugendbuchbereich nur veröffentlicht werden, weil sie einem populären Genre entsprechen, nicht weil sie schriftstellerisch qualitativ hoch sind.

Und als wäre all das nicht schon schlimm genug, geht es an dieser Stelle sogar gleich mit den Twilight-Anleihen weiter. Ich weiß auch nicht. Das bezieht sich nicht nur auf dieses Buch, ich sehe diese merkwürdigen Parallelen viel zu oft. Sollen das niedliche Hommagen sein? Sind das mittlerweile beliebte Tropen und Klischees? Was auch immer: Weg damit, es nervt!
Wir haben gleich auch mit Biologie zu tun, zwar nicht dadurch, dass Josie im Unterricht desselben einen sexy, sexy Jungen kennen lernt, sondern dadurch, dass ihr Vater Biologe ist, aber das ist egal, denn unter Beweis stellen, wie wahnsinnig klug und gebildet sie ist, kann sie dadurch trotzdem. Und was macht sie als eins der ersten Dinge, sobald sie in Chicago ist? Klar, eine Email an ihre Mama schreiben!
Wie Bella kann Josie außerdem nicht aufhören, zu jammern und aus kleinsten Anlässen halb hysterisch zu werden. "Yippie-ya-yay, ich bin wieder bei meinem Papa, den ich so lang vermisst habe - aber dafür fehlt mir jetzt meine Oma, buhuuuu!" "Ich weiß zwar, dass mein Vater jeden Tag arbeiten gehen und mich alleine lassen muss - aber er geht einfach jeden Tag arbeiten und lässt mich allein, buhuuuu!"
Kurz darauf sieht sie eine Amsel mit einem weißen Brustfleck, die sich in einen kleinen Hominiden verwandelt und singt. Das findet sie gar nicht seltsam - aber dass die (ein gutes Stück entfernte) Amsel sich dann nicht verscheuchen lassen will, bringt sie dazu, zu flüchten. Daraufhin fragt sie ihren Vater, ob so etwas überhaupt möglich ist: Eine Amsel mit einem weißen Brustfleck. Er bejaht und dennoch ist sie nicht überzeugt. Wieso? Weil sie so ein Gefühl hat. So ein... nun, Gefühl eben. Spätestens an diesem Punkt (Seite 14) dachte ich mir: "Dann frag nicht so dämlich! Wenn dein Gefühl dir ohnehin sagt, dass..."

Überhaupt, das Gefühl. Das Gefühl, mit dem die Geschichte ja auch ihren Anfang nimmt. Das ~*~Gefühl~*~ (Emphasis mine), ohne das keines dieser speziellen Spezialmädchen komplett wäre. Denn Josie ist natürlich auch noch etwas ganz Besonderes. Hätte es anders kommen können? Hätte sie einfach durch einen liebenswerten, tiefgehenden Charakter überzeugen können? Nein, denn außer "Feenblut" hat sie nicht wirklich etwas, was auch nur annähernd an Charaktereigenschaften erinnert. Dafür wurden ganze Seiten nur verheulten Monologen - später auch Dialogen mit Amy - gewidmet, in denen sie den Lesern einbläute: "Ich bin ja sooo anders als normale Menschen! Dies und das macht mich total anders, weil ich ja so anders bin! Und weil ich so anders bin, ist an mir auch dies und jenes anders und ich mache das und das anders! Das liegt daran, dass ich so anders bin als alle anderen! Habe ich übrigens erwähnt, dass ich anders als alle anderen bin? Ich bin nämlich total anders als alle anderen!"
Ohne besondere Haar- und Augenfarben scheint ebenfalls keine moderne Jugendbuchheldin mehr auszukommen. Allein in den ersten zwanzig Seiten wurde zweimal betont, wie sehr Josies lange, überaus rote Haare leuchten und strahlen. Außerdem sind ihre Augen strahlend grün. Selbiges trifft auf ihre Kommilitonin Amy zu.
Dann wird beschrieben, wie sehr sich Josie von allen anderen unterscheidet, wie unglaublich anders sie ist, dass sie sich nie irgendwo daheim und akzeptiert gefühlt hat, auf der Grundlage dessen, dass sie - halten Sie sich fest - Synästhetikerin ist. An dieser Stelle wird es persönlich. Ich bin nämlich ebenfalls Synästhetikerin und kann auf jeden Fall bestätigen, dass das nichts ist, was mich je irgendwie von allen anderen abgegrenzt hätte, schon, weil es schließlich unterbewusst abläuft und nach Außen hin keineswegs sichtbar ist. Ich dachte lange Zeit, alle Leute hätten diese gekoppelte Wahrnehmung. Ich konnte nicht anders, als an dieser Stelle mit den Zähnen zu knirschen und zu sagen: "Ach Mädel, heul doch!" Es kam mir vor, als würde sie verbissen nach Merkmalen suchen, die sie von allen anderen unterscheiden, damit sie dann darüber jammern kann, wie sehr sie sich unterscheidet.
Auch nennt Josie ihre Verwandten nicht etwa bei den altbekannten Anreden. Ihre Mutter war "Mum", ihr Vater ist "Taddy" (In Anspielung auf seinen Vornamen Thaddäus) - oder doch Dad? Das Buch kann sich nicht entscheiden - und ihre Großmutter, die sie aufgezogen hat, nennt sie "Moma", ein Portmanteau aus "Mama" und "Oma", weil Josie einfach so schlau und originell und eben speziell ist und das dem Leser ja zu diesem Zeitpunkt definitiv noch nicht laut genug ins Gesicht gebrüllt worden ist.
Ferner wird belegt, wie speziell Josie ist, indem beschrieben wird, dass sie eine Einzelgängerin ist und gern liest, statt sich mit den Dingen zu beschäftigen, die anderen Mädchen in ihrem Alter wichtig sind (Hallo, Bella Swan, lange nicht gesehen! Du hast dich aber gut verkleidet, mit deiner feuerroten Perücke!). Auch dies wird übermäßig betont und so geschildert, als würde es sie über alle anderen Menschen stellen. Dabei wird jedoch nie spezifiziert, was für Dinge andere Mädchen denn tun, und welche anderen Mädchen überhaupt gemeint sind. Alle? Sicher nicht. Die meisten? Wäre ziemlich traurig für Frau Endres, dann wäre ihre Leserschaft ja nur sehr klein! Hier liegt eine unzulässige Generalisierung vor, die der geneigten Leserin des Buches wohl das Gefühl geben soll, sie sei etwas ganz besonderes, weil sie so gern liest, was natürlich völlig lächerlich ist. (Und nein, das ärgert mich nicht, weil ich mich angesprochen fühle, ich bin nämlich wie Josie eigenbrötlerisch, belesen und auch noch rothaarig :P)

Allerdings ist es natürlich ein guter Basispunkt für die nicht eben subtile Zurück-zur-Natur-Thematik, die teilweise schon haarscharf an Propaganda grenzt. Schon früh merkt Josie an, dass alles, was im Fernsehen läuft ("Werbung, ein Wrestlingkampf, Werbung, ein Western, eine Horrorserie" - im amerikanischen Vormittagsprogramm? Sicher die Saturday Morning Cartoon-Version von Ghostbusters oder so.) nur "negativer Mist" sei (Seite 14). Auch Amy macht es gar nichts aus, dass bei ihr daheim der Fernseher abgestellt wurde, hat sie doch ohnehin nie gern fern gesehen. Wieder und wieder wird betont, wie viel besser es doch ist, zu lesen, als fernzusehen - es geht doch nichts darüber, potentielle Leser zu vergraulen! Auch als sie und Amy im Park laute Rockmusik hören, verspüren die Mädchen durch ihre gekoppelte Wahrnehmung "Zacken", fügen aber auch gleich an, dass es auch schöne Musik gibt, wohl, weil Rockmusik so "unnatürlich" ist.
"Unnatürlich" auch Amys Gothic-Outfit - welche Art von Mädchen würde so etwas schon tragen, weil es ihm gefällt? (Ironischerweise nicht die "andere Mädchen", die da von Josie als oberflächlich und banal im Vergleich zu ihrer speziellen Besonderheit dargestellt werden, und denen Fernsehen Spaß macht und die nicht gern lesen!) Nein, Amy tut das nur zur Tarnung, quasi als Verkleidung, denn tief in ihrem Inneren ist sie ebenso "natürlich" wie Josie.
Ständig dachte ich mir augenrollend: "Ja, Josie, wir kapieren es! Du und deine Moma sind also allen Menschen haushoch überlegen und ihr seid viel besser und überhaupt total speziell! Zufrieden jetzt? Gut, dann halt die Klappe und lass den Plot weitergehen!"
Ich will an dieser Stelle anmerken, dass ich absolut nichts gegen ein Natur-versus-Kultur-Motiv, Umweltschutz als Thematik etc. habe, ganz im Gegenteil, ich beteilige mich selbst am Umweltschutz und finde es wichtig und richtig, dass sich Autoren auch von Kinder- und Jugendbüchern mit diesem wichtigen Thema befassen. Aber in diesem Buch artete es bisweilen ins Lächerliche aus, gerade auf Josies und Amys Überempfindlichkeit (und weil das so negativ klingt, nannten sie selber es "Sensibilität") allem "unnatürlichen" und also schlechten gegenüber - Solange es nicht bequem war, versteht sich! Das alles las sich eher wie eine Schwarzmalerei von Frau Endres selbst darüber, wie schlecht doch moderne Musik und das aktuelle Fernsehprogramm seien, und stank stark nach moralischem Zeigefinger.
Sollten die Namen Josie und Amy eine Anspielung auf "Little Women"/"Betty und ihre Schwestern" sein, dessen Autorin Transzendentalistin war, so ist es keine besonders gelungene.

Da sind wir bei einem weiteren Thema, das mich sehr genervt hat: Amy ist, ebenso wie Josie, etwas ganz dolle Besonderes - aber eben nicht ganz so besonders wie Josie. Sie ist nicht so rothaarig wie Josie, ihre Oma ist nicht so cool wie Josies, sie besitzt nicht Josies Liebreiz, ist nicht so gebildet wie Josie und so weiter und so fort. Kurzum, Amy ist Josie für Arme.
Auch andere Charaktere, sofern sie nicht einfach nur langweilig waren, weckten Unbehagen in mir. Aus irgendeinem Grund hielt es Frau Endres offenbar für nötig, sich in Gestalt von Moma (und begrenzt auch Edna) selbst ein Denkmal zu setzen. Moma ist eine berühmte Jugendbuchautorin und schreibt nach eigenen Worten gegen "das wirkliche Leben" und "Endzeitstimmung" an, die sich schließlich schon durch die Nachrichten genug verbreitet, Edna eine Drehbuchautorin, der Dark Fantasy viel zu düster und bösartig ist. Jaaah, ich sehe absolut keine Parallelen. Dass Moma fast genauso speziell ist wie Josie, macht das in keiner Weise besser und weckt in mir leichten Fremdscham.

Okay, über die nervig "speziellen" Protagonistinnen habe ich mich jetzt genug ausgelassen. Wie sieht es mit der Geschichte als solcher aus? Zunächst geschehen mehrere für den Leser verwirrende Dinge. Als Josie etwa (im Buch) das erste mal die Amsel sieht, hat man das Gefühl, es wäre tatsächlich ihre erste Begegnung. Später jedoch erzählt sie Amy, sie habe sie schon seit mehreren Monaten gesehen. Außerdem geschehen genug Zufälle für fünf Romane.
Wie bereits mehrere Rezensenten angemerkt haben, ist es außerdem spätestens in der Feenwelt klar, dass es sich hierbei absolut nicht um ein Jugendbuch handelt: Alles ist zuckrig-süß, die Feen sind klein und geflügelt. Entweder hat man sich mit der Altersgruppe verschätzt, oder Frau Endres hat den Sprung von der Kinder- zur Jugendbuchautorin einfach nicht geschafft. Den Zufall, dass die Feenwelt vom Vergessen bedroht ist ebenso wie Phantásien in der "Unendlichen Geschichte", die zufälligerweise Josies Lieblingsbuch ist, fand ich speziell hässlich.

Auch der Stil insgesamt kann da nicht mehr viel wettmachen: Schon auf der ersten Seite war ich sehr, sehr unbeeindruckt von den nichtssagenden Vater-Tochter-Dialogen.
"Lass dich ansehen, Josefinchen! - Du heiliger Bimbam, du bist vielleicht gewachsen!"
Josie zog die Augenbrauen hoch. "Wäre es dir lieber, ich würde schrumpfen?"
Taddy lachte. "Tatsache ist, dass du mir bald über den Kopf wächst."
"Das fehlte noch! Ich will doch nicht als Leuchtturm herumlaufen!"
"Warum nicht? - Mit deinen feuerroten Haaren ..."
(Das Vermächtnis der Feen, Seite 6)
Wirklich, reden normale Menschen heutzutage so? Und dann auch noch ein Mädchen im Teenageralter, zumal eines, das soeben seinen Vater zum ersten Mal nach Monaten sieht? Tatsache ist, ich fand die Dialoge insgesamt unnatürlich (Wie ironisch!) und albern.
Zwischen deutsche Sätze wurden ständig englische Bemerkungen geworfen. Besonders Amys andauerndes "Gosh" ging mir rasch auf den Senkel. Früh in der Geschichte unterhält sich Taddy kurz auf englisch mit einer Rezeptionistin, worauf Josie anmerkt, sie würden sich duzen. Erstaunlich, mir war bislang nicht gewusst, dass das auf Englisch geht. Auch, als Josie versucht, Amy zu erklären, was Synästhesie ist, merkt die Narration an, sie kenne das englische Wort dafür nicht - also hat sie bislang entweder das deutsche in einer englischen Erklärung verwendet, oder Amy verstand plötzlich Deutsch.
Die Narration ist, wenn sie nicht gerade langweilig ist, teilweise kitschig, etwa, wenn die weißbrüstige Amsel ein Lied singt, das "sich in purpurroten Wellen in das gläserne Licht des frühen Tages ergoss." Puh! Einmal Spüli und einen Lappen, bitte. Hier tropft der Schmalz.
Ab und an wurde es auch onomatopoetisch, etwa wenn die Amsel die Gewandfibel, die sie bei sich trug, "[m]it einem Klack" fallen lässt. Dass die Feen in Reimen reden, macht dann endgültig klar, dass wir es hier auf keinen Fall mit einem Buch für Fünfzehnjährige zu tun haben.

Und von den magischen Fibeln mit ihrem Kristallherz an der Spitze fange ich jetzt gar nicht an.
Das einzige, was ich an dem Buch gut fand, war die Idee der Umweltschutzthematik als solche, denn, hey, wieso sollten nicht auch Fantasyautoren sie aufgreifen?, und zweitens die recht detaillierten und mythologienahen Schilderungen keltischen Kulturguts. (Einige andere Rezensenten merkten an, sie hielten es für unwahrscheinlich, dass so viele Iren Gälisch sprechen, doch das ist durchaus legitim: Vielerorts ist Gälisch dort noch immer die Muttersprache neben oder sogar statt Englisch, und das Erlernen der Sprache gilt zunehmend als cool.) Für jüngere Mädchen mag dieses Buch ganz nett sein, vielleicht sogar spannend. Es gibt durchaus Kinderbücher, die ich als das, was sie sind, mag und schätze, aber dieses gar so arg aufs Aug gedrückte Gerede vom "bösen" Fernsehen und dem "tollen" Lesen der ach so "speziellen" Josie, vermischt mit der infantilen Sprache, hat verhindert, dass ich das Buch in irgendeiner Form genießen konnte. Zweieinhalb Sterne.
Kommentar Kommentare (6) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 18, 2013 12:56 PM CET


Das Herz der Nacht
Das Herz der Nacht
von Ulrike Schweikert
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Jetzt bitte die "Sendung mit der Maus"-Titelmelodie auflegen!, 12. Januar 2013
Rezension bezieht sich auf: Das Herz der Nacht (Gebundene Ausgabe)
Ich habe es nicht über mich gebracht, dieses Buch zu Ende zu lesen, zu langweilig war es, zu uninteressant.
Angefangen beim schmalzigen und nichtssagenden Titel, ist dieses Buch auch nicht, wie im Rückentext überheblich beschrieben, ein "Sittengemälde" der dargestellten Zeit. Ich weiß gar nicht, wie jemand auf diese Folgerung kommen könnte. Zwar wurde uns eine Menge über das Wien des 19. Jahrhunderts erzählt, darüber hinaus jedoch kamen relevantere Elemente wie die Charakterisierung zu kurz.

Was jedoch sollen das für Informationen sein, die uns da bergeweise präsentiert werden? Von jedem einzelnen verdammten Gebäude, das auch nur in einer einzigen dödeligen Szene im ganzen Roman vorkommt, erfährt man, wer es wann und zu welchem Zweck gebaut hat, wozu es in all den Jahren zwischen seinem Baujahr und dem, in welchem der Roman spielt, verwendet worden ist, wann es wie zerstört und wieder aufgebaut wurde, an wen es wann wieso verpachtet wurde, welche historisch relevanten Leute mal zufällig in seine Richtung geguckt haben, die Anfahrt aus sämtlichen Himmelsrichtungen und so weiter und so fort, aber nie irgendwas, was den Text wirklich bereichern und dem Leser, der mit der Stadt nicht absolut vertraut ist, helfen würde – wie das grundlegende Aussehen des verdammten Dinges.
Frau Schweikert, schreiben Sie eine historische Vampirromanze, die zur Unterhaltung dient, oder schreiben Sie einen Reiseführer? All diese unnötigen, nutzlosen und uninteressanten Ausführungen und Sachinformationen ließen es fast wirken, als würde die Autorin dafür bezahlt werden, quasi Schleichwerbung zu machen, die allerdings etwa so subtil ausfiel wie ein Bulldozer. An was haben mich all diese trockenen Aneinanderreihungen von Fakten nur gleich noch erinnert...? Ach ja! Geschichtsunterricht in der achten Klasse. Wie ich ihn vermisst habe...

Während wir von dieser schieren Flut an vollkommen unnützen Informationen begraben werden, haben wir leider nicht viel Gelegenheit, uns mit den Charakteren auseinander zu setzen. Das könnte allerdings auch daran liegen, dass die weniger Persönlichkeit besitzen als die so detailreich beschriebenen Gebäude. Sie sind blasse Stereotypen, keiner von ihnen zeigt auch nur den Hauch einer Persönlichkeit, die über ein altbekanntes Klischee hinaus ginge, keiner ist irgendwie interessant, mit keinem kann ich mich identifizieren, keiner besitzt eine eigene Stimme. Entsprechend gab es auch keinen, der mich dazu treiben konnte, weiterzulesen.
Was die Handlung war, habe ich hingegen nach etwa der Hälfte des Buches irgendwie vergessen oder verdrängt, also kann es nicht so wichtig gewesen sein. Und wenn die Handlung zur Nebensache wird, dann hat das Buch ein Problem. Aber nein, wirklich, ich kann mich nicht erinnern – was, wenn man bedenkt, wie mager schon die Darstellung der Charaktere war und wie unansehnlich der billige, langatmige Versuch, eine historisch authentische Atmosphäre durch die Beschreibung aller Gebäude in ganz Wien zu schaffen, ist das ganz und gar kein gutes Zeichen. Es kann aber auch damit zu tun haben, dass mich die Charaktere einfach nicht genug gekümmert haben, als dass es mich interessiert hätte, wie es mit ihnen weitergeht.


Plötzlich Fee - Sommernacht: Band 1 - Roman
Plötzlich Fee - Sommernacht: Band 1 - Roman
von Julie Kagawa
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,99

32 von 40 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Plot per Idiotie, 12. Januar 2013
Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass man das zugegeben wirklich hübsche Cover der englischen Originalausgabe gegen dieses scheppse und kitschige eingetauscht hat, man hat den Titel "The Iron King" auch noch grandios passend übersetzt mit "Plötzlich Fee". Sämtliche Englischlehrer, die ich je hatte, hätten mich für diese Übersetzung übers Knie gelegt, während sie vor Seelenpein laut geheult hätten. Außerdem lässt es das Buch klingen wie eine belämmerte Crossover Fantasy-Version von "Plötzlich Prinzessin" von einem dummen Teenager, der nicht begriffen hat, was Chiasmus ist. Der Titel beschwört rosarot-schnörkelige Kitschbilder vor meinem geistigen Auge, eine seichte Geschichte ohne Tiefgang, praktisch eine Daily Soap in einer Fantasywelt.
Oh, Moment. Recht bedacht, passt das sehr gut.

Was das Buch für mich ruiniert hat, waren nicht nur der übermäßig schlichte Schreibstil, der in meinem Kopf einfach nicht "geklungen" hat, das alberne, mit Gewalt in die Handlung gestopfte Liebesdreieck, die aus anderen Werken recycelten Plotelemente und die Karikaturen der Charaktere aus dem "Sommernachtstraum", sondern vor allem war es Meghan. Meghan Chase, die bezaubernde Heldin mit dem IQ einer leicht unterdurchschnittlichen Margarine (Marke Lätta).
Lieber Himmel, ich weiß nicht einmal, was ich zu Meghan sagen soll! Also mache ich es mir einfach und stelle ein Regelwerk zusammen, das, wenn es nach mit ginge, fortan für alle Mädchen in ihrer Situation gelten sollte.

1. Sei niemals 16!
Wenn es irgendwas gibt, was für Protagonistinnen in Jugendbüchern gefährlich ist, dann, 16 zu sein oder, schlimmer noch, zu werden. Wenn, wie hier, im Rückentext damit geworben wird, wie wahnsinnig 16 die Protagonistin doch ist, dann weiß man, dass eigentlich nur alles in die Hose gehen kann.

2. Wenn sich die gesamte weitere Handlung durch eine einzige Entscheidung von dir revidieren würde, dann sag nicht, dass du das nicht machen kannst, weil Keks!
Später im Buch heult Meghan herum, sie hätte all das ja gar nicht gewollt! Das Problem ist: Doch, das hat sie. Als Puck ihr erklärte, ihr Bruder sei durch ein Wechselbalg ausgetauscht worden, bis es ihr einleuchtend erschien, meint er, neben der gefährlichen Reise nach Nimmernie, um ihren wahren Bruder zu finden, gäbe es noch die Möglichkeit, den Wechselbalg in den Ofen zu stecken, bis es schreit und so seine Feen-Eltern anlockt.
Aber Meghan kann das nicht, weil das ja sooo schrecklich wäre, also lieber wochenlang von daheim weg bleiben, in ein fremdes magisches Land gehen, vor dem man spezifisch gewarnt worden ist und sein eigenes verdammtes Leben riskieren! Das ist viel weniger schrecklich, als das bissige, sadistische, verfressene Monster, das zufälligerweise die Form ihres Bruders hat, mal eben einen Moment lang ohne bleibende Schäden zu foltern.
Zackbumm, der ganze weitere Fortgang des Buches hätte verhindert werden können, hätte Meghan auch nur das kleinste bisschen Mumm in den Knochen (oder zwei graue Zellen hinter der Stirn) gehabt. Das macht natürlich gleich, dass man sie als Protagonistin super-ernst nehmen kann, man sieht gut, wie heldenhaft und vernünftig sie ist und wie sehr man sich mit ihr identifizieren will - nämlich gar nicht.

3. Wenn du jemanden dabei hast, der sich in der Fantasywelt, in der du gelandet bist, besser auskennt als du, dann hör auf ihn!
Wirklich, Meghan. Puck ist kein Dekorationsgegenstand und seine Ratschläge kein entspannender Track für autogenes Training. Wenn er sagt, dass es eine gute Idee wäre, xyz (nicht) zu tun, dann probier nicht aus, was passiert, wenn man es doch (nicht) tut. Du musst ja nicht darauf hören, wenn er dich auffordert, dir die Unterhose über den Kopf zu ziehen und dich mit Senf zu beschmieren, aber wenn es vernünftig klingt, was er sagt, dann hör auf ihn, verdammt.

4. Habe etwas mehr Allgemeinbildung als eine Fünfjährige!
Es ist doch eigentlich Allgemeinwissen, dass man z.B. kein Essen von Feen zu sich nehmen sollte. Genauso bekannt dürfte sein, dass man mit Feen nicht einfach einen Deal eingeht, dass man mit Feen nicht tanzt und dass man Feen nicht dafür dankt, wenn sie einem etwas Gutes tun.
Meghan hingegen rennt munter, aber dämlich quer durch das Buch und bricht bei jeder sich bietenden Gelegenheit sämtliche bekannte Regeln im Umgang mit Feen, die jedem, der schon ein, zwei irische Märchen gehört hat, bekannt sein dürften. Natürlich kommt sie ständig in ungute Situationen und dann heißt es: "Glarbglarb, hab ich ja gaaar nicht gewusst! Einmal Rettung von dem gefährlichen Monster, das ich mir mit meiner eigenen überwältigenden Ignoranz der Größe Alaskas auf den Hals gejagt habe, bitte, mit einer Kirsche obendrauf!"
Oh, bitte. Wie kann man jemanden, der so inkompetent ist, als Heldin ernst nehmen?

5. Verzichte nicht auf ein funktionsfähiges Gehirn!
Wie schon in einem anderen Review beschrieben wurde, ist Meghan so dumm, dass es weh tut, und definitiv so dumm, dass es unmöglich ist, mit ihr Mitleid zu haben, wenn sie dann "unverschuldet" in unangenehme Situationen kommt.
Okay, es mag nicht ihre Schuld sein, dass der Quarterback Scott sie erst, weil sie so abgeschieden lebt und aus einer sozial schwachen Familie kommt, lächerlich findet und dann angepisst von ihr ist, beides ausgedrückt mit recht farbigem Vokabular. Aber es ist definitiv ihre Schuld, dass sie seine Einladung zum Mittagessen ohne weiteres akzeptiert und sich nichts Böses dabei denkt. Es ist ihre Schuld, dass sie auf Pucks Einwurf, man wolle sie nur in eine Falle locken, mit dem Vorwurf der Eifersucht reagiert (Siehe hier auch Punkt 3), weil sie auch unbedingt jemand ist, um den man eifersüchtig sein müsste. Es ist ihre Schuld, dass sie schließlich vor allen "coolen Kids" bloßgestellt und lächerlich gemacht wird.
Kurz gesagt: Es ist ihre Schuld, dass sie zu blöd ist, um zu sehen, dass zwischen "Ich hasse dich, du hinterlistiges Miststück!" und "Lass uns doch zusammen nett etwas essen gehen!" eine leichte Dissonanz besteht und diesen Leuten vollkommen auf den Leim geht.

6. Nimm, wenn du schon nicht mehr geistige Leistung als ein Meter Feldweg erbringst, wenigstens nicht an, dass die Leser genauso dumm sind wie du!
Du hast den Sommernachtstraum gelesen und kommst nicht darauf, dass sich "Robbie Goodfell" und "Robin Goodfellow" merkwürdig ähnlich anhören? Dass die beiden sich merkwürdig ähnlich verhalten? Dass du dich nicht mal mehr erinnern kannst, wann und wie du ihn kennen gelernt hast? Dass es doch auch irgendwie merkwürdig ist, dass du nicht mal weißt, wo dein allerallerbestester Freund, der dir von allen Leuten der wichtigsteste ist, wohnt?!
Jaah, richtig. Lass es wenigstens nicht wie die Große Enthüllung erscheinen, wenn es dann so weit ist, dass uns die Sache erklärt wird.

7. Wenn du etwas Ganz Besonderes (TM) bist und alle praktisch besessen von dir sind, dann zeig dem Leser, wieso.
Meghan ist etwas Besonderes, weil sie die Tochter von Oberon ist und die einzige ist, die Nimmernie retten kann. Das Buch behandelt sie praktisch wie einen Erzengel. Alle Charaktere behandeln sie wie einen Erzengel. Es ist, als würde die Autorin hoffen, dass die Leser sie auch als Erzengel sehen (Wenn auch einen, mit dem sich Teeniemädels gut identifizieren können - huh?).
NEIN. Einfach NEIN.
Meghan hat nicht nur den Intellekt einer Türklinke, sondern auch noch einen grässlich kindischen, pseudosarkastischen Sinn für Humor, und nebenher ist sie weinerlich, undankbar und leichtsinnig. Als wäre all das nicht schon schlimm genug, hält sie es auch noch für nötig, sich dem Leser ab und an als putzeliges kleines Mädilein zu präsentieren.
Ich kann Meghan nicht als tapfere Heldin und liebende große Schwester sehen, ich kann sie nicht als Person in einem gefährlichen Spiel zwischen den Königshöfen der Feen sehen, ich kann sie nicht mal irgendwie nett finden. Für mich ist und bleibt sie ein unsympathisches Dummchen.

8. Wenn du etwas tun willst, dann tu es!
Nein, liebste Meghan, es ist wirklich und wahrhaftig nicht nötig, über jeden einzelnen Gedanken, der völlig unerwartet in dein hübsches Feenköpfchen purzelt, seitenlang nachzudenken und herumzujammern, ob man die Idee umsetzen sollte, was das für Konsequenzen hätte (Nämlich 1. dass der Plot voranginge und 2. dass du kompetenter aussähst als eine Dreijährige), was man tun müsste und so weiter und so fort.
Wenn dir eine Idee kommt, was man tun könnte, zieh es einfach durch!

9. Sei nicht diskriminierend deinem eigenen Geschlecht gegenüber!
Der Antifeminismus in all den an Mädchen gerichteten Büchern (spätestens seit Twilight) macht mich wahnsinnig. Der oben beschriebene Scott hat Meghan, wie oben ebenfalls beschrieben, ziemlich übel für Dinge beleidigt, die nicht ihre Schuld waren. Das hält die allerdings nicht davon ab, ihn weiter anzuhimmeln. Ash versucht zwar, sie zu töten, aber das ist okay, denn er ist ja soooo sexy! Und König Oberon, nun, König Oberon ist einfach cool! Vielleicht gefährlich und undurchschaubar, aber doch so cool! Meghans Stiefvater kann nichts dafür, der ist einfach so. Ethan ist so putzig, dass es wert wäre, für ihn zu sterben. Meghans verschwundener (vermeintlicher) Vater ist toll und episch und wird total vermisst. Puck ist der besteste Freund aller Zeiten.
Die Schulzicke Angie hingegen, die mit Scott unter einer Decke steckt, die ist eine miese Schlampe! All ihre Cheerleader-Freundinnen sind auch miese Schlampen! Königin Titania ist auch eine miese Schlampe! Königin Mab ist auch eine miese Schlampe! Ariella ist auch eine miese Schlampe! Überhaupt, jedes Mädchen, das gern schicke Kleidung trägt und sich schminkt, ist eine miese Schlampe! Meghans Mutter... ist vielleicht nicht exakt eine miese Schlampe, aber etwa so mütterlich wie eine Plastiktüte.
Die arme Titania! Was soll sie schon denken, wenn sie sieht, dass ihr Ehemann sie betrogen hat, dann auch noch mit so etwas Niederem wie einer Menschenfrau, und als wäre das alles nicht schon schlimm genug, ihr auch ein Kind gezeugt hat, und um dem noch eins draufzusetzen, dieses Kind dann mit mehr Wärme und Zuneigung behandelt als sie? Wer kann es ihr verübeln, dass sie Meghan nicht lächelnd in die Arme nimmt und sie in die Wange kneift?
Was soll es Mädchen vermitteln, wenn sämtliche weiblichen Charaktere scheiße sind, bis auf die Identifikationsfigur? "Alle Frauen sind miese Schlampen, eifersüchtig, kleinkariert, von niederen Motiven getrieben und verachtenswert - nur du nicht, du bist SPESHIÖL!"? Tolle Botschaft, wirklich.

Okay, das war es von meiner Seite, was dieses Thema angeht. Nicht, dass irgendwer auf mich hören würde, aber man wird ja wohl noch träumen dürfen. Es hört nämlich bei Meghans Versäumnissen nicht auf.
Der so genannte "Plot" besteht nämlich in erster Linie aus einer Reihe willkürlicher Monster, die sich auf Meghan stürzten, nachdem die etwas getan hat, von dem man mir vorher explizit sagte, dass sie sie NICHT tun soll. Aber neeeiiiin, wir sind Meghan Chase, wir machen das trotzdem! Was folgt, sieht aus wie eine Monster-of-the-Week-Anreihung à la amerikanischer Cartoonserien, nur eben an einem langen, zähen Stück. Zäh wie Kaugummi, könnte man sagen, was sehr gut passen würde, denn wie Kaugummi wird der Plot, je länger man ihn zieht, auch immer dünner, und je länger man ihn kaut, immer geschmack- und farbloser. Seit Meghan und Puck in Nimmernie angekommen sind, lässt sich der Plot so zusammenfassen: Etwas Dummes tun, von Monster bedrängt werden, wie ein hilfloses Weibchen so lange heulen, bis jemand einen aus Mitleid rettet, wiederholen. Nach einer Weile ist das nicht mehr so richtig spannend.
Dann war da natürlich die Tatsache, dass teilweise kleinste Details des Plots von "Plötzlich Fee" aus dem von "Labyrinth" entnommen worden sind.* Das haben andere Reviewer schon beschrieben und ich gehe jetzt nicht näher darauf ein. Wenn allerdings die Antwort auf die Frage: "Was hat Frau Kagawa eigentlich nicht aus Labyrinth geklaut?!" lauten muss: "Die Dinge, die Klischees sind, und die, die sie aus Alice im Wunderland, Peter Pan und Narnia geklaut hat.", ist das ein richtiges Armutszeugnis.

Auch die anderen Charaktere, so weit sie entwickelt worden sind, empfand ich als klischeehaft und eher lästig.
Da ist zum einen mal Ash, der gefühlskalte, unnahbare Love Interest. Gähn. Wie spannend. Irgendwie schafft es keine Paranormal Romance-Autorin der Welt, das Konzept des gefühlskalten, unnahbaren Love Interests mal irgendwie abzuändern, damit zu spielen, irgendwas. Nein, nada, niente, nichts. Ash ist Edward ist Damen ist Nick ist Tamani ist Daniel ist Patch ist Sam ist Julien ist jeder gefühlskalte, unnahbare Love Interest aller Zeiten. Das ist besonders insofern schrecklich, dass diese Charaktere dann nicht nur so kalt sind wie eine vereiste Pfütze, sondern genauso sympathisch und genauso tief. Über diese Charaktereigenschaften hinaus werden sie kaum jemals bis gar nicht definiert.
Außerdem ist da natürlich Grimalkin. Ich hätte Grimalkin gerne gemocht, wirklich. Aber mittlerweile frage ich mich, ob Verlage eine Richtlinie vorschreiben, wie sprechende Katzen zu sein haben. Die Grinsekatze aus "Alice im Wunderland" ist eine Sache. Auch den Kater aus "Coraline" mochte ich. Dann allerdings kam irgendwann Solembum aus "Eragon" und jetzt sind wir hier. Wieso sind all diese sprechenden Katzen männlich, mysteriös und sarkastisch? (Wahlweise verschwinden sie auch noch, wann immer es ihnen passt, sprechen in Rätseln und spielen zwischendrin mal den Deus ex Machina, während ihnen immer mal wieder einfällt, dass sie ja Katzen sind und jetzt ganz spontan mit einem Ball oder einer Troddel spielen müssen.) Was auch immer, man hätte viel daraus machen können, hat man aber nicht.
Und Puck. Oh Götter, Puck. Ich muss zugeben, dass Puck an dem ganzen verdammten Buch das Beste war. Zugegeben war das nicht sehr schwierig. Und doch... Puck? Der Puck? Robin Goodfellow aus dem "Sommernachtstraum"? Das soll dieselbe Person sein wie dieser Schuljunge, der bei jeder sich bietenden Gelegenheit sexy und verführerisch war und sich manchmal grübelnd in eine Ecke verkrochen hat? Ahahahahahahaha NO. Wieso?! Nein, ich meine: Wieso?! Wieso muss man unbedingt den armen Puck verunstalten, nur damit man das Liebesdreieck, eins der dümmsten, lästigsten und überflüssigsten Klischees des Genres, bilden kann? Man weiß sowieso immer, wie es ausgeht. Konnte nicht der treue Freund ausnahmsweise mal nur ein treuer Freund sein? Und wenn das Liebesdreieck absolut sein MUSS, kann dann nicht mal derjenige Junge das Mädchen kriegen, der es lieb und zuvorkommend behandelt?
Offenbar nicht. "Lieb und zuvorkommend" scheint das polare Gegenteil von "sexy" zu sein. Wieso den nehmen, den man schon seit Jahren kennt, dem man vertrauen kann und der bisher alles für einen getan hat, wenn man auch den haben kann, der einen töten wollte und einen von einem Moment auf den nächsten ohne Übergang total gern hat? Wäre ja zu einfach. Außerdem sieht der Psychopath viel besser aus, was, wie wir alle wissen, in einer gesunden Beziehung der Hauptfokus ist.
… Hmph. Irgendwie vermute ich ja, dass Meghan Puck vor allem nicht nimmt, damit Leute wie ich Mitleid mit ihm haben und er ihnen sympathischer und tiefgründiger vorkommt, als er eigentlich ist. Miese psychologische Tricks, wohin man schaut.

(So als Randbemerkung fand ich speziell die Beziehung zwischen Meghan und Ethan unnatürlich und nicht nachvollziehbar. Wenn der kleine Bruder einer Fünfzehnjährigen von seinen Eltern geliebt und verhätschelt wird, während die Fünfzehnjährige selbst ignoriert, in den Hintergrund geschoben und sogar völlig übersehen wird, dann erscheint es mir unlogisch, dass diese Fünfzehnjährige ihren kleinen Bruder dann so abgöttisch liebt, statt, wie es nachvollziehbarer wäre, mit Neid zu reagieren, besonders, wenn sie so unreif ist wie Meghan. Ethans diabeteserregende Zuckrigkeit schien nur dazu zu dienen, dass sich Meghan, wie oben beschrieben, dazu entschließt, nach Nimmernie zu gehen. Anders gesagt, war sie ein billiger Plot Device.)

Auch der Schreibstil konnte nichts mehr raushauen. Ich bin schier erstickt unter der Langatmigkeit von Beschreibungen aller möglichen und unmöglichen Dinge, weil alle Details aus Meghans Familienleben unbedingt offenbart werden müssen, auch wenn sie an der Stelle völlig unnötig sind, und es ja sein könnte, dass man als Leser nicht versteht, welche Emotion mit welcher Mimik und Gestik, mit welcher Stimmlage und Ausdrucksweise, in Verbindung gebracht wird. "Ich fühlte mich so-und-so." "Ich sah dies." "Er tat das." "Es war so-und-so." "Es ließ mich so-und-so fühlen." Ewiglich die gleichen nichtssagenden Satzkonstrukte, als könnten wir Leser eine Beschreibung der nach außen getragenen Reaktion nicht verstehen! Seitenlanges, völlig unnötiges Geschwätz, Infodump und Meghans weinerliche Gedankengänge bieten ein perfektes Rezept für Instant-Kopfschmerzen. (Bei empfindlicheren Lesern kann es evtl. auch Brechreiz hervorrufen.)

Mein Fazit: ...Ach, das war jetzt lang genug und eine Sternewertung gibt es auch noch. Wieso zusammenfassen? Ich gehe jetzt jedenfalls und lese den "Sommernachtstraum". Die Fortsetzung(en)** dieses grässlich unterentwickelten Machwerks werde ich mir jedenfalls nicht antun.

* Als beschrieben wurde, dass Ash sein Gesicht "leer" und "nicht deutbar" machen könne, prangte das Wort "Labyrinth" bereits so leuchtend in meinem Hinterkopf, dass ich innehielt und dachte "Pans Labyrinth". Dass Ash in Wahrheit der Pale Man ist, erklärt natürlich sein... unnormales Verhalten, außerdem macht es die "Romanze" mit Meghan in meinen Augen gleich viel unterhaltsamer.

** Die übrigens heißen nach "Sommernacht" auf deutsch "Winternacht", "Herbstnacht" und "Frühlingsnacht", in dieser Reihenfolge. Es gibt keine Möglichkeit, dass das irgendwie verwirrend sein könnte. Keine.
Kommentar Kommentare (8) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 19, 2014 1:13 PM MEST


In maiorem dei gloriam: Zum höheren Ruhme Gottes
In maiorem dei gloriam: Zum höheren Ruhme Gottes
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Preis: EUR 16,50

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Solide Yaoi-Kost, 25. Juni 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Was kann man sagen? Ich bekam, was ich erwartet hatte, nicht mehr und nicht weniger. Ich habe mir "In maiorem dei Gloriam" gekauft, weil ich begonnen hatte, es zu lesen, als es noch auf Animexx zu lesen war, weil ich es nicht schlecht fand und weil ich von hübschen Engeln lesen wollte, die homosexuelle Beziehungen pflegen. Und all das habe ich auch bekommen.
Ich habe an den Roman von vornherein keine hohen Erwartungen gestellt, wollte kein literarisches Meisterwerk mit Charakteren sehen, die so intensiv sind, dass sie ihre ganze Welt erschüttern, sondern einfach nur nett und sexy unterhalten werden. Sprache und Charaktere waren auf einem höheren Niveau, als ich erwartet hatte, und die Engel waren erstaunlich nahe an religiösen Darstellungen. Auch die Illustrationen fand ich sehr hübsch und passend.
Ich werde nicht eines Tages meinen Enkeln erzählen, wie sehr "In maiorem dei Gloriam" meine Sicht auf die Welt verändert hat. Aber es war unterhaltsam und leicht zu lesen. Eben ein Yaoi-Roman. Und mehr wollte ich ja auch gar nicht, daher dreieinhalb Sterne.


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