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captain cow

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Giraffen in Finnland - E-Book inklusive
Giraffen in Finnland - E-Book inklusive
von Kari Ehrhardt
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Offen, ehrlich und unterhaltsam, 28. April 2014
"Hi Marc. Ich bin es, Marion. Die von Thomas‘ Party. Ich wollte nur kurz sage, dass ich noch deinen Flaschenöffner habe. Und ich bin schwanger von dir. Aber dreh bitte nicht durch. Wir können ja noch mal reden wenn du Lust hast. Ich geb dir mal meine Nummer…"

So beginnt “Giraffen in Finnland”; ein Buch, in dem es um die fünfzehnjährige Finn geht, die sowohl in der Männer-WG ihres Vaters aufwächst als auch bei ihrer Mutter, wo sie den Haushalt schmeißt und sich beim Abendessen Geschichten aus deren Urologenpraxis anhören darf. Eine schüchterne beste Freundin, ein fieser Halbbruder und ein gar nicht so schlecht aussehender Stiefbruder machen das Chaos perfekt.

Zu allererst muss ich gestehen, dass ich eine ganz falsche Erwartung an das Buch hatte. Ich dachte nämlich, es ginge um die Person, die schwanger ist und auf den Anrufbeantworter spricht und nicht um das Kind, das dadurch zustande kommt. Aber was soll’s, ich gewöhnte mich schnell daran, denn Finn beschreibt und kommentiert das Geschehen um sie herum ungeheuer lustig und sarkastisch. Die Arme hat schon viele missglückte Silvesterfeiern hinter sich und auch sonst läuft nicht immer alles ganz rund, aber sie nimmt es auf die lockere Schulter und findet sich damit ab. Deshalb war sie mir auch sofort sympathisch – sie verhält sich sehr erwachsen für ihr Alter, mäkelt nicht rum, ist aber auch nicht verstockt. Ich glaube, mit ihr als Freundin kann man wirklich eine ganze Menge Spaß haben.

Ihre beste Freundin Collie hingegen ist das komplette Gegenteil von Finn und doch kommen die beiden gut miteinander aus. Ich fand es sehr schön über die beiden zu lesen, besonders weil alle Facetten ihrer Freundschaft dargestellt wurden: Gemeinsames Gackern, Streits und Phasen, in denen man seine eigenen Sorgen ein bisschen runterschlucken muss, um für die andere da zu sein.

In dem Buch wird kein Blatt vor den Mund genommen – wie auch, bei einer Mutter als Urologin und einem Vater, der sich mit den Jungs aus seiner WG gerne sehr offen unterhält?! Ich fand es äußerst erfrischend, dass Sex und das einander Näherkommen nicht totgeschwiegen, sondern von der Autorin sehr vernünftig behandelt werden. Und auch die Bedeutung des Internets für Jugendliche unserer Zeit wird hervorgehoben, einerseits in der Geschichte selbst, andererseits in Ausschnitten aus E-Mails, Blogposts und Kommentaren der Figuren aus dem Buch. Manchmal konnte ich das Ausmaß nicht ganz nachvollziehen (wenn es um Online-Liebe ging, beispielsweise), fand es aber doch interessant zu lesen.

Leider verzweigt sich die Handlung ungefähr ab der Hälfte in einen riesigen dramatischen Knoten, den das Buch gar nicht nötig gehabt hätte. Ein Streit hier, ein Missverständnis da und dort noch ein Geheimnis. Da driftete das Buch für mich leider in eine Richtung ab, die ich höchst unglaubwürdig und übertrieben fand. Lustig kommentiert war das ganze zwar immer noch und man bekam auch mal Finns empfindlichere Seiten zu Gesicht, aber dieses viele aufgebauschte Drama hätte man sich auch sparen können.

Schlussendlich ist „Giraffen in Finnland“ ein buntes Wirrwarr aus Fantasien, Problemen, Freundschaften, gewürzt mit einer Portion Drama. Bis etwa zur Hälfte hat mir das gut gefallen, dann nur noch mäßig – abraten will ich von diesem Roman aber trotzdem nicht, weil er weitaus offener und amüsanter ist, als viele seiner amerikanischen Alters- und Artgenossen.


Phantasmen
Phantasmen
von Kai Meyer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

0 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ungewöhnlich, gruselig und spannend, 20. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Phantasmen (Gebundene Ausgabe)
Wenn Kai Meyer eins kann, dann ist das spannende Geschichten mit ungewöhnlichen Kreaturen zu schreiben. „Phantasmen“ ist da ein Paradebeispiel. Denn in dem Buch bevölkern Geister die Erde – sie tauchen überall dort auf, wo in den vergangenen Tagen und Monaten Menschen gestorben sind und machen nichts, außer sich mit der Sonne zu drehen. Bis zu einem Tag, an dem sie plötzlich anfangen zu lächeln – und damit eine Welle von Menschen in den Tod reißen.

Aus Rains Perspektive irrt man durch diese seltsame Welt voller Geister und erlebt Schlag um Schlag mit, wie es immer gefährlicher wird und mehr mysteriöse Dinge passieren. Wirklich nah war ich ihr dabei nicht, auch wenn man besonders zur Mitte des Romans einiges über sie erfährt. Viel interessanter fand ich da ihre kleine Schwester Emma, die ziemlich abgeklärt ist, viel nachdenkt und immer etwas unkonventionell und doch sehr vernünftig handelt. Dieses Zweiergespann war eine echt tolle Mischung, deren Geschichte mich sehr mitgerissen hat. Dennoch sollte man bei dem Roman nicht erwarten, dass der Fokus auf Entwicklung und Vielschichtigkeit der Figuren liegt. Die Spannung und Handlung stehen da weit mehr im Vordergrund.

Und die haben es wirklich in sich. Mit Innehalten und Lesepausen machen war da nicht viel, denn sobald eine Frage beantwortet ist, stellen sich einem schon gleich wieder drei neue. Die Idee ist so originell, dass ich auch gar keine richtigen Vermutungen anstellen konnte. Mit Vorhersehbarkeit war da also auch nichts. Und besonders zur zweiten Hälfte des Romans hin nahmen die Gänsehautmomente immer weiter zu. Durch die Geister gewinnen viele Szenen eine total schaurig-schöne Vergänglichkeit.

Etwas schade finde ich die Begründung hinter diesem Geisterphänomen. Da hat mir die Logik hinter dem ganzen gefehlt oder einfach die Zeit, um die wenigen Fakten, die man geliefert bekommt, verdauen zu können. Es muss ja nicht immer alles aufgelöst werden. Vor allem, wenn sich die Figuren in einer Apokalypse befinden, ist es nur realistisch, dass sie nicht über alle Gründe informiert sind. Aber etwas mehr als eine beiläufige Bemerkung hätte schon sein können. Ich fand es als Leser etwas unbefriedigend, nicht richtig aufgeklärt zu werden.

Ansonsten aber mal wieder ein rasanter, fantasievoller Roman aus der Feder Kai Meyers, den ich gerne gelesen hab und an alle Fans weiterempfehlen kann. Ich bin gespannt, was der werte Herr noch so aus dem Hut zaubern wird.


Wie ein leeres Blatt
Wie ein leeres Blatt
von Pénélope Bagieu
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,90

4.0 von 5 Sternen Inspirierend aber nicht belehrend, 26. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Wie ein leeres Blatt (Gebundene Ausgabe)
Ihr kennt das vielleicht, dass ihr euch manchmal fragt, was euch eigentlich zu dem macht, was ihr seid. Was euch von anderen abgrenzt und besonders macht. Die gleiche Frage stellen sich Boulet und Pénélope Bagieu in dieser Graphic Novel, nur dass die Hauptfigur dafür nicht auf eine lange Reise der Selbstfindung geht, sondern ihren Alltag genauer unter die Lupe nimmt.

Die Herangehensweise hat mir sehr gut gefallen. Mit Eloise durch ihr Leben zu forsten und zu gucken, was an ihr außergewöhnlich und besonders ist, war total spannend, brachte aber auch einige Aha-Momente mit sich. Eloise probiert mithilfe ihrer Kleidung und ihrer Bücher mehr über sich herauszufinden, stellt aber schnell fest, dass sie das keinen Schritt weiterbringt, weil sie das anzieht, was es eben in den typischen Läden so gibt, und das liest, was alle anderen auch lesen. Diese Erkenntnis fand ich einerseits traurig, andererseits aber auch ermutigend, mal ein bisschen anders zu sein und gegen den Strom zu schwimmen.

Komischerweise fand ich Eloise trotz ihrer weitgehend fehlenden (materiellen) Identität total sympathisch. Sie ist selbstironisch, experimentierfreudig, weitestgehend optimistisch und total fantasievoll. Während sie versucht, mehr über ihr bisheriges Leben herauszufinden, schleichen sich immer wieder komische Szenarien in ihre Fantasie, wie sie an diesen Punkt gekommen sein könnte. Ob nun als ehemalige Geheimagentin oder von einem Irren verfolgte Frau – Eloises Kopfkino ist reich an Fantasien, bei denen ich oftmals laut auflachen musste.

Diese Fantasien – sowie der Rest der Graphic Novel – sind zeichnerisch wunderbar umgesetzt. Besonders gut gefallen hat mir Eloises Mimik. Wie sie ihr Gesicht verzieht, ist komisch und süß, gibt aber gleichzeitig Aufschluss über ihre Gedanken und Gefühle in den diversen Szenen. Außerdem ungewöhnlich ist, dass die Graphic Novel durchgehend in Farbe gehalten ist. Dieses Bunte, Verspielte passt ganz wunderbar zu Eloise und ihrer Geschichte.

Was man bei „Wie ein leeres Blatt“ nicht erwarten sollte, ist eine bahnbrechende Auflösung, die einem in fertig gebutterten Häppchen hingeschmissen wird. Die Geschichte läuft viel leiser ab, viel subtiler und alltäglicher, sodass man sich als Leser selber Gedanken machen kann. Die Autoren käuen dem Leser nichts vor oder versuchen, ihn mit erhobenem Zeigefinger von etwas zu überzeugen. Das ist gut so und macht das Buch auch noch überzeugender – schließlich geht es hier darum, so zu sein, wie man ist und wie man sein möchte und nicht, wie andere es einem vorschreiben.


Das Meer, in dem ich schwimmen lernte
Das Meer, in dem ich schwimmen lernte
von Franziska Fischer
  Broschiert
Preis: EUR 9,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Für alle, die chronisches Fernweh haben, 5. Juli 2013
Manche Bücher nehmen mich so richtig mit. Sie sind spannend oder dramatisch und ich leide mit den Figuren. Sie bringen mich zum Lachen und zum Weinen. Aber manche berühren mich auf ganz andere Art und Weise – stiller, nicht so offensichtlich. Während der Lektüre kommt es nicht zu einem Gefühlsausbruch, aber noch lange nach dem Zuklappen des Romans beißt sich die Geschichte in den Gedanken fest. Im Kopf bin ich noch tief versunken in dieser Welt, noch immer gedanklich und emotional verbunden mit der Hauptfigur und komme einfach nicht davon los. Ich fühle mich verstanden und inspiriert. Solche Bücher begegnen mir nicht oft, deshalb ist ihre Wirkung umso stärker. Und genau das war auch bei „Das Meer, in dem ich schwimmen lernte“ der Fall.

Als Mensch mit chronischem Fernweh wollte ich unbedingt mit Ronja durch Mexiko reisen. Ihre Ankunft in dem so fremden, fernen Land sog mich sofort in ihren Bann. Ronja ist verunsichert, die Menschen reden ihr zu schnell und sie erleidet einen Kulturschock. Konnte ich alles sehr gut nachvollziehen. Glücklicherweise läuft sie aber Julia über den Weg, einer anderen deutschen Backpackerin, die sich schon etwas besser auskennt und Ronja ein wenig an die Hand nimmt. Zwischen den beiden baut sich allmählich eine Freundschaft auf – ganz ohne Drama und viel Klimbimm. Kurz vor Julias Abflug reisen die beiden an einen Küstenort; von dort aus muss Ronja alleine weiter.

Aber dass sie in diesem riesigen Land gar nicht alleine ist, bemerkt sie auch bald. Auch hier werden wieder langsam Beziehungen aufgebaut, auf eine ruhige, stille Art. Ich mag es, wie das Näherkommen verschiedenster Figuren in diesem Roman geschildert wird. Als Leser muss man viel zwischen den Zeilen lesen, weil einem nicht alles vorgesagt und vorgedacht wird. Gleichermaßen wirkt die Handlung dadurch aber viel natürlicher. Mal ganz im Ernst, wie oft reden wir im wahren Leben mit unseren Freunden oder Bekannten explizit über die Beziehung, die uns mit ihnen verbindet? Wie oft denken wir so richtig darüber nach? Ab und zu vielleicht, aber so oft, wie das in manchen Büchern thematisiert wird, sicherlich nicht. Das ist hier zum Glück ganz anders. Hinzu kommt, dass diese stille Art wunderbar zu Ronja passt, die insgesamt ein sehr ruhiger, ausgeglichener und nachdenklicher Mensch ist.

Auch der Stil passt zu ihr – poetisch angehauchte Beschreibungen, die die Atmosphäre der verschiedenen Orte und Situationen, die Ronja auf ihrer Reise miterlebt, sehr gut einfangen und widerspiegeln.

In Ronjas Gedankenwelt abzutauchen fiel mir überhaupt nicht schwer. Sie ist Anfang 20, hat ein paar Semester des Biologiestudiums hinter sich und fragt sich nach dem Sinn des ganzen. Ich denke, viele Menschen in diesem Alter durchleben so eine Phase, in der der Alltag einfach nicht genug ist, in der man ausbrechen möchte und doch wieder Kind sein will; sich gleichermaßen nach der Vergangenheit und der Zukunft sehnt, dabei aber Angst vor falschen Entscheidungen hat. Womöglich treffen nicht all diese Zwiespälte auf Ronja zu, doch auch sie macht sich viele Gedanken über die verschiedenen Facetten des Erwachsenseins.

„Das Meer, in dem ich schwimmen lernte“ ist von der Struktur her aber auch wie eine Backpacking-Tour. Etwas ziellos, mit einem Abstecher hier- und dorthin. Das könnte nach hinten losgehen, klappt hier aber total gut. Im Fokus stehen Ronja und ihre Entwicklung – und weil sich Menschen auf Reisen nun mal stetig verändern, geht das gut mit den restlichen Erlebnissen einher, die Ronja auf dem Weg durch Mexiko sammelt. Manch einem Leser mag das vielleicht zu wenig Spannung bieten; ich mag solche Bücher aber sehr, weshalb ich mich über diesen eher uneindeutigen roten Faden nicht beschweren will.

Genauso still endet das Buch auch – und bleibt dadurch umso länger in Gedanken. Lange nach dem Zuklappen des Buchs machte ich mir noch Gedanken um diese Geschichte. So abgedroschen es klingen mag: „Das Meer, in dem ich schwimmen lernte“ hat mein Leben irgendwie bereichert. Und genau deshalb kann ich es auch nur weiterempfehlen: Sicherlich gibt es noch weitere Menschen, denen dieses unscheinbare Buch etwas bringt – ob es nun Inspiration, ein paar schöne Lesestunden oder die gedankliche Reise in ein fernes Land sind.


Briefsteller: Roman
Briefsteller: Roman
von Michail Schischkin
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Nachdenklich und wortgewaltig, 3. Februar 2013
Rezension bezieht sich auf: Briefsteller: Roman (Gebundene Ausgabe)
Sascha und Wolodja verbindet eine Sommerliebe. Dann jedoch trennt sie der Krieg und ihre Kommunkation findet nur über Briefe statt – Briefe, in denen sie ihre Gedanken zu diesem und jenem austauschen, in denen sie von Erlebtem berichten und ihre Gefühle bis zum kleinsten Teilchen beleuchten.

Bei der Lektüre ist mir zuallererst der Stil aufgefallen. Sascha und Wolodja schreiben sich Briefe in einer Sprache, die alles andere als gewöhnlich und einfach ist. Verrückt klingende und dennoch eingängige Metaphern kommen darin vor, Alltägliches wird auf eine besondere Art und Weise geschrieben, sodass man gerne darüber liest – und Wolodjas schreckliche Ereignisse aus dem Krieg bilden mit dieser schönen Sprache eine seltsame Allianz und lassen das Grauen echt erscheinen. Auf der anderen Seite werden aber auch Gedanken der Hauptfiguren so verpackt, dass man sie nachvollziehen kann.

Diese Gedanken tauchen sowohl bei Sascha als auch Wolodja auf. Sie schreiben einander von Überlegungen, die sie haben; was einem als Leser allerdings nicht nur einen guten Einblick in ihre Köpfe verschafft. Man fängt ebenfalls an, sich über die verschiedensten Dinge Gedanken zu machen, angeregt von den Sätzen in dem Buch.

Deshalb berührt der Roman auf zwei Ebenen – einmal mit diesen Gedankenanstößen, andererseits aber auch mit den Geschehnissen, von denen die beiden berichten. Oftmals sind das eher traurige oder gar brutale als fröhliche Erzählungen, was das Lesen manchmal nicht ganz leicht macht. Dennoch versucht der Autor hier nicht auf mitleiderregende Weise zu schildern, was die Figuren erleben, sondern vielmehr neutral – und das macht das Ganze noch echter. Darüber hinaus bleibt dem Leser viel Raum zum selber Nachdenken und Interpretieren. Anfangs war ich davon etwas verwirrt, weil mir der Zusammenhang zwischen den Briefen fehlte, sowie ein roter Faden und ich das Buch einfach nicht verstanden habe – doch nach und nach kommt auch das. Es ist schön, wenn man als Leser auch ein bisschen über die Geschichte mitbestimmt und sie auf eigene Faust interpretieren kann.

Sascha und Wolodja kommt man als Leser auf eine seltsame Weise nahe und doch irgendwie nicht. Man erfährt von ihren innersten Gedanken, liest über ihre Erinnerungen – und all das wirkt authentisch und passend. Gleichermaßen wird jedoch genug weggelassen, sodass sie beliebige Personen auf der Straße sein könnten, denen man begegnet. Diese Mischung war es, die mir besonders gut gefallen hat: Sie sind Menschen wie du und ich, die etwas für sie sehr besonderes erlebt haben, aber gleichermaßen wie jeder andere von einer Hürde zur nächsten stolpern und zusehen müssen, wie sie auf die andere Seite kommen. Das macht ihre Geschichten authentisch – aber gleichermaßen auch besonders.

„Briefsteller“ ist ein Roman, der alles andere als gewöhnlich ist. Dennoch dreht er sich um zwei ziemlich normale Hauptfiguren mit Gefühlen und Gedanken, die man als Leser gut nachvollziehen kann. Erzählt wird das ganze auf besondere Art und Weise, die einen fast vergessen lässt, dass man einen Briefroman liest. Empfehlen kann ich das Buch allen Lesern, die auf einen klaren roten Faden verzichten können, um sich in die Gedankenwelten zweier Figuren zu stürzen. Die Reise lohnt sich!


Vier Beutel Asche: Roman
Vier Beutel Asche: Roman
von Boris Koch
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,99

3 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Voller Gegensätze, die höchst unglücklich aufeinander prallen, 7. Januar 2013
Rezension bezieht sich auf: Vier Beutel Asche: Roman (Gebundene Ausgabe)
„Vier Beutel Asche“ setzte ich sofort auf meine Wunschliste, als ich von dem Roman zum ersten Mal las. Contemporary YA, die Thematik rund um den Tod und ein Roadtrip durch Deutschland und Frankreich – das klingt doch nach einer rundum gelungenen Kombination, oder nicht?

Gerechnet hatte ich leider nicht mit Jan, dem Protagonisten. Als Leser lernt man ihn in einer äußerst ungewöhnlichen Situation kennen – voller Wut und Rachegedanken lauert er vor dem Haus desjenigen, mit dem Jans bester Freund Christoph in einen Unfall geraten und dann gestorben ist. Weil man als Leser noch gar nicht richtig weiß, was los ist, fällt es schwer, sich in Jan hineinzuversetzen und die Lage nachzuvollziehen. Die immer wieder eingestreuten Rückblicke zu Zeitpunkten vor und nach Christophs Tod helfen einem da schon besser auf die Sprünge.

Ich hatte erst gehofft, Jan im Alltag zu erleben, würde mir helfen, mich an seine Art zu gewöhnen. Doch das war mir dank seines arroganten und kindischen Charakters unmöglich. Er ist so unglaublich selbstbezogen, lehnt jegliche Ratschläge oder Hilfeversuche ab und ist der Meinung, die ganze Welt sei nur gegen ihn. Kein Wunder bei seiner ätzenden Art und Weise. Meine Ablehnung gegen ihn und vor allem mein Unverständnis gegenüber seinen Handlungen ging irgendwann so weit, dass mich sein Fortkommen – und damit die Handlung des Romans – kaum noch interessierte, so aufregend sie auch klang. Wesentlich besser kam ich mit den Bekanntschaften klar, die Jan im Lauf des Buchs schließt, auch wenn mich keine von ihnen besonders begeistern konnte.

Geschrieben ist das ganze in einer äußerst seltsamen Mischung aus Kraftausdrücken und Jugendsprache und hochtrabenden Metaphern und Vergleichen. Die Mischung ging für mich nicht ganz auf, ebenso wenig wie Jans kindisches Verhalten, das sehr oft von (pseudo)philosophischen Gedanken unterbrochen wurde, die sich um Themen und Überlegungen drehen, die in jedem zweiten Jugendroman mit dem Thema Tod auftauchen. Abgesehen davon, fällt es schwer, solche Überlegungen ernst zu nehmen und nachzuvollziehen, wenn sie von einem sich sonst wie ein Riesenidiot verhaltenden Typen geäußert werden.

Leider war „Vier Beutel Asche“ für mich nichts als eine riesige Enttäuschung! Die unsympathischen, uninteressanten Figuren und der seltsame Stil, dessen Beschreibungen durch prollige Jugendsprache zerstört werden, machten für mich die anfangs so interessant klingende Idee zu einem Reinfall. Einen Punkt gibt es für die Idee und einen für die Figuren rund um Jan, zu mehr kann ich mich aber nicht durchringen.


Die schönsten Dinge: Roman
Die schönsten Dinge: Roman
von Toni Jordan
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen (2.5 Sterne) Nicht gerade die schönsten Dinge, 17. Dezember 2012
Della Gilmore ist in eine Familie hineingeboren worden, die sich das Betrügen zum Beruf gemacht hat. Vom Täuschen von Passanten auf der Straße bis zum Verscherbeln erfundener Grundstücke ist an Missetaten alles mit dabei. Und auch Della hat mit ihrer Betrügerkarriere früh angefangen und demnach schon vieles miterlebt. Jetzt aber steht sie vor einem Fall, der ertragreicher ist, als die bisherigen – aber auch aufwendiger. Und gerade ihr Täuschungsopfer Daniel Metcalf ist es, der ihr Herz plötzlich höher schlagen lässt. Schafft sie es da trotzdem, den großen Coup zu landen?

Schon als ich zum ersten Mal die Inhaltsangabe von „Die schönsten Dinge“ las, war ich begeistert. Das tolle Cover hat dann erst recht meine Aufmerksamkeit erregt, sodass ich mich bei der Lektüre dieses Romans nicht zurückhalten wollte. Skeptisch war ich dennoch – vor allem weil ich sehen wollte, ob die Autorin es schafft, mich mit den gerissenen Täuschungsmethoden der Figuren zu überzeugen.
Der Leser wird sofort ins Geschehen hineingeworfen: Della in Aktion. Auf den ersten Seiten wird der erste Akt des Täuschungsmanövers eingeleitet – auf sehr amüsante Art und Weise. Ich schwankte stetig zwischen Unglauben, Belustigung und Verwirrung, schließlich konnte ich mir kaum vorstellen, dass man andere Menschen so an der Nase herumführen kann. Allerdings ist es doch recht glaubwürdig dargestellt – besonders Dellas Beobachtungen und Überlegungen während der gesamtem Aktion geben Aufschluss über ihre Erfahrung mit derartigen Geschichten und zaubern das ein oder andere Schmunzeln aufs Gesicht.

Weniger lustig sind dann allerdings Rückblicke in Dellas Kindheit, in denen beschrieben wird, wie sie bereits in jungen Jahren kleine Aufträge erledigen musste. Ihre Einsamkeit, gleichzeitig aber auch das Glück in einer großen und immer wieder zusammenhaltenden Familie aufgewachsen zu sein, konnte ich sehr gut nachvollziehen. Besonders ihre Art, die irgendwo zwischen tough und ganz schön sensibel liegt, fand ich von Toni Jordan gut dargestellt – Della ist eben eine menschliche Hauptfigur, die viele Macken hat und Fehler macht, ohne dabei zu weinerlich zu wirken. Das restliche Figurenensemble gefiel mir in dieser Hinsicht ebenfalls sehr gut, da sie nicht den Stereotypen entsprechen und für die eine oder andere Überraschung sorgen konnten.

Allerdings hört es da mit der Lobhudelei auch schon auf – denn oftmals hatte ich das Gefühl, die Figuren seien nicht um die 30 Jahre alt sondern erheblich jünger. Besonders bei Della und ihren Cousins war das häufig der Fall. Sie verhielten sich so absolut kindisch und unreif, dass ich nicht verstand, wie sie bereits mehrere große Coups hatten landen können. Hinzu kommz eine unglaubliche Naivität, die so gar nicht zu dem Job passt, den Della ausübt. Sie ist aufmerksam, kann gut Reaktionen einschätzen, lässt sich in manchen Situationen aber enorm schnell verwirren. Diese Mischung ging für mich nicht ganz auf und erschwerte es mir, das Buch wirklich zu genießen. Auch der Schreibstil unterlag dieser merkwürdigen Kombination – hin und wieder gab es unglaublich atmosphärisch geschriebene Passagen, die dann aber von Abschnitten durchbrochen wurden, die von einer Jugendlichen hätten geschrieben sein können.
Genauso wenig konnte ich mir im weiteren Verlauf der Handlung vorstellen, dass Menschen mit solchen Aktionen, wie Della und ihre Familie sie vorführen, tatsächlich durchkommen. In ihren Plänen traten für mich einige Lücken auf – vielleicht waren ihre „Opfer“ aber auch so unglaublich beschränkt, dass die diese nicht sehen konnten. Ich jedenfalls habe der Autorin die Geschichte nicht so ganz abgenommen.

„Die schönsten Dinge“ ist ein kurzweiliger, unterhaltsamer Roman um ein interessantes Thema, der aber erhebliche Schwächen aufweist. Die Figuren sind nicht ganz rund und auch die Handlung scheint teilweise unglaubwürdig. Wer sich berieseln lassen möchte und einige Minuspunkte in Kauf nehmen kann, ist bei „Die schönsten Dinge“ nicht an der falschen Stelle. Ansonsten sollte man sich aber zweimal überlegen, ob man es mit diesem Buch wirklich probieren möchte.


Sturmherz
Sturmherz
von Britta Strauß
  Broschiert
Preis: EUR 14,90

4.0 von 5 Sternen Stürmisch und packend!, 19. November 2012
Rezension bezieht sich auf: Sturmherz (Broschiert)
Tosende Wellen, sturmgraues Wasser, Muschelbänke, Legenden von Wesen, die zwischen Menschen- und Tiergestalt wechseln können? Mit Geschichten über das Meer, seine Weite, Legenden und Launen kann man mich immer locken. Kein Wunder also, dass „Sturmherz“ sofort von mir verschlungen werden musste. Schon der Klappentext lässt auf eine bittersüße Geschichte schließen, dennoch konnte ich mir nie ganz die Befürchtung aus dem Kopf schlagen, Britta Strauß hätte hier eine dieser typischen paranormalen Liebesgeschichten für Jugendliche produziert.

Das hat sie aber nicht. Keinesfalls. Die Hauptfigur ist zwar im Teenageralter und allgemein macht das Buch auch den Anschein, als würde es sich vornehmlich an junge Erwachsene richten. Doch eine zweite Erzählung von Bella und Edward (oder irgendein anderes dieser unzähligen Paare in derartigen Büchern) kriegt man nicht zu lesen. Welch ein Glück!

Mari lebt gemeinsam mit ihrem Vater auf den Orkney Inseln. Sie hat ein eher ruhiges, nachdenkliches und auch öfter mal melancholisches Gemüt. Ihre träumerische, trotzdem aber auch immer auf dem Boden gebliebene Art hat mir auf Anhieb gut gefallen, was nicht zuletzt daran liegt, dass die Autorin Maris Gedanken wunderbar transportieren kann. Schon gleich zu Beginn der Geschichte tauchte ich in ihren Kopf ein und konnte das Chaos, das im Lauf der Handlung auf sie zukommt, wunderbar mitfühlen.

Aber auch Louans Gedanken blieben mir nicht verschlossen. Er stellt im Roman den Verbindungspunkt zum Meer dar, und die Mischung aus menschlichem und tierischem Wesen habe ich ihm sehr gut abgenommen. Etwas gestört hat mich allerdings, dass er so gut in allem ist. In dem Roman wird auch oft der Neid der Menschen auf die ihnen eigentlich überlegenen Selkies angesprochen und bei Eigenschaften wie Louan sie hat, kann man sich das auch gut vorstellen. In dieser Hinsicht war es also vielleicht gar nicht so schlecht. Dennoch hätte ich es interessanter gefunden, wenn er weniger perfekt gewesen wäre.

Allgemein sind die Figuren meiner Meinung nach aber sehr gut ausgearbeitet. Bis auf Louan und Mari gibt es auch noch andere, aus deren Sicht man liest, und auch diese hatten ihre guten und weniger guten Seiten, Ticks und Eigenheiten. Besonders den Fischer MacMuffin habe ich schnell ins Herz geschlossen, wegen seiner knurrigen und doch liebevollen Art, dem Seemansgesang, den er hin und wieder anstimmt, und der kindlichen Naivität, die immer mal wieder hervorbricht.

Ein ganz großer Pluspunkt an „Sturmherz“ ist allerdings auch der Stil der Autorin. Oftmals wollte ich gerade deshalb weiterlesen – denn Britta Strauß schreibt atmosphärisch und bildhaft, aber nicht zu übertrieben. Die Sätze klingen schön, trichtern dem Leser aber auch Gedankenbilder ein, weil sie noch immer natürlich und nicht zu komplex klingen. Dennoch: Hätte ich jeden ihrer schönen Sätze markiert, würden die Seiten meines Exemplars von „Sturmherz“ wahrscheinlich in allen Farben eines Korallenriffs leuchten. Zum Anstreichen bin ich aber leider viel zu selten gekommen, denn mich packte auch der Rest des Buchs so sehr, dass ich mich so selten wie möglich unterbrechen wollte.

Das Buch ist spannend aufgebaut, denn es erwartet einen viel mehr als „nur“ eine traurig-schöne Liebesgeschichte. Der Mensch als wissbegieriges Wesen möchte natürlich alles bis zum letzten Detail erklären können, was den Konflikt in der Geschichte antreibt. Aber auch der Konflikt von Technik und Natur wird von der Autorin miteingeflochten, von der zerstörerischen Ader des Menschen nicht zu schweigen. Dass diese Themen angesprochen werden, finde ich toll, zumal an ihnen auch viel Wahres dran ist. Mir persönlich war das manchmal zwar etwas zu viel Schwarzmalerei, doch wenn man der Gejagte ist, sieht man das wahrscheinlich ganz anders. Auf jeden Fall haben mich diese Punkte zum Nachdenken angeregt – was will man mehr?!

Der Hauptgrund, weshalb ich auf das Buch aufmerksam wurde, ist aber natürlich das Meer. Und das ist gut dargestellt. Aber wie! Die vielen Launen der See, die besonderen Landstriche, die es umgeben – all das ist wunderschön beschrieben. Beim Lesen strandete ich irgendwo zwischen Faszination und Sehnsucht, die Bilder immer genau vor Augen.

„Sturmherz“ ist eine traurige, schöne, mitreißende und nachdenkliche Geschichte über das Schicksal zweier Liebender, die verschwindende Magie in einer von Wissenschaft, Geld und Technologie getriebenen Welt und die kleinen Ausnahmen und Lichtpunkte, die einen trotz dieser Schlechtigkeit noch hoffen lassen. In meinen Augen hat das Buch zwar auch ein paar kleine Schwächen, die aber von der atmosphärischen Beschreibung der See, den liebenswerten Figuren und der packenden Handlung wieder wett gemacht werden. Wer noch eine träumerische Geschichte für kalte Winterabende sucht, sollte bei „Sturmherz“ unbedingt zugreifen und sich verzaubern lassen!


Der Gefangene des Himmels: Roman
Der Gefangene des Himmels: Roman
von Carlos Ruiz Zafón
  Gebundene Ausgabe

78 von 84 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Lange nicht so verzwickt wie die Vorgängerbände, 9. November 2012
Seit ich gemeinsam mit Daniel und seinem Vater in "Der Schatten des Windes" das erste Mal den Friedhof der vergessenen Bücher betreten habe, war ich hin und weg von den magisch-realistischen Geschehnissen vor der Kulisse des historischen Barcelonas. Individuelle Figuren, ein spannender Handlungsverlauf, mysteriöse Ereignisse und der sehr intensive und atmosphärische Schreibstil des Autors formen das Gesamtpaket, das diesen Roman - und seinen Nachfolger - so beliebt machen. Kein Wunder also, dass ich zum Erscheinungstermin des dritten Teils der Reihe, "Der Gefangene des Himmels", völlig aus dem Häuschen war. Abgesehen von einem weiteren Ausflug in die Vergangenheit stellt er nämlich eine Verknüpfung zwischen den sehr unterschiedlichen Vorgängerbänden her.

Gefangen genommen wird der Leser sogleich wieder von Zafóns typischem Stil, der manchmal etwas zu blumig und überzogen ist, insgesamt aber eine sehr authentische Kulisse aufbaut und mit ungewöhnlichen, aber nicht unbeholfenen Worten das Innenleben und die Umgebung der Figuren beschreibt. Schon gleich im ersten Kapitel geschieht etwas Merkwürdiges, das sogleich auf einen verzwickten Handlungsverlauf schließen lässt. Das Wiedersehen mit Daniel und Fermín wird dadurch aber kaum getrübt, schließlich stellen die beiden ein selten vorhandenes Duo dar. Ich war entzückt, gebannt und voller Vorfreude.

Aber dann kam der Bruch. Auf den ersten hundert Seiten häufen sich verschiedenste Hinweise, sodass man zu knobeln und raten anfängt und – möglicherweise – notdürftige Erklärungen findet. Doch dann kommt ein Sprung in die Vergangenheit. Der liefert Begründungen – aber viel zu früh! Die Spannung kommt nur immer mal wieder zustande, weil es noch viel zu wenige Fragen, dafür aber schon gleich Antworten gibt. Den Ausgang vieler Situationen kann man sich bereits denken. Die Länge dieses Zeitsprungs bewirkt, dass zum Ende des Buchs hin nur ein mickriges Finale stattfindet, das für mich eher wie ein Lückenfüller wirkte. Plötzlich scheinen viele Probleme gelöst, die Figuren sind putzmunter und alles funkioniert so, wie es soll. Für Zafóns sonst eher dramatische Plots ist das viel zu blass, zu gutmütig, zu einfach und unkompliziert.

Darüber hinaus fehlte es mir an der Liebe zur Literatur, die in den beiden Vorgängerbänden auf fast jeder Seite zu spüren war. Die Magie des Geschichtenerzählens oder -lesens wurde in "Der Gefangene des Himmels" jedoch weitestgehend außer Acht gelassen und auch der Friedhof der vergessenen Bücher kommt wesentlich zu kurz. Klar, den Buchladen von Daniel und seinem Vater gibt es noch immer und einige Autoren und Bücher werden erwähnt, doch sie sind keine zentralen Gegenstände der Handlung und werden auch nicht besonders ausgiebig und liebevoll beschrieben.

Diese beiden Punkte sorgten bei mir für große Enttäuschung. Dass Daniel wie eh und je ein angenehmer, nachdenklicher und natürlicher Protagonist ist, der eine glaubwürdige Wandlung durchgeht; dass Fermín nachwievor immer einen klugen Spruch auf den Lippen hat und eine ganz besondere Figur ist - all das ist toll und ein Beweis für Zafóns literarisches Talent. Aber meine Begeisterung für das Buch wieder anfachen, konnten sie trotzdem nicht.

Ich habe das Gefühl, dass Zafón es sich mit dem Buch leicht gemacht hat. Dass er zwei Handlungsstränge zusammen führen wollte, einen guten Weg gewählt hat, aber sich für die weitaus einfachere Variante entschieden hat. Weil aber genau das nichts ist, was man von ihm erwartet, flacht die Magie ab und entsteht nur durch den tollen Stil. "Der Gefangene des Himmels" ist ein Buch, das man als treuer Anhänger der Reihe lesen kann - aber man muss es nicht. Hinter den beiden Vorgängerbänden bleibt es weit zurück.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 6, 2013 2:11 PM MEST


White Horse: Roman
White Horse: Roman
von Alex Adams
  Broschiert

4.0 von 5 Sternen Fesselnder post-apokalyptischer Roman fernab von gängigen Klischees, 24. September 2012
Rezension bezieht sich auf: White Horse: Roman (Broschiert)
Wer hätte es gedacht?! Es gibt sie tatsächlich noch, die Geschichten, die in nicht allzu ferner Zukunft spielen und durch eine gewisse Andersartigkeit begeistern können. Wovon ich spreche? Von "White Horse", natürlich. Alex Adams' Debütroman spielt in einer post-apokalyptischen Welt, die durch Krieg und vor allem Krankheit zerstört ist. Die Protagonistin Zoe - zur Abwechslung mal eine Erwachsene - kämpft in dieser Welt ums Überleben, um ihre Menschlichkeit und um die Wahrheit.

Als ich den Klappentext von "White Horse" zum ersten Mal las, hatte ich die leise Hoffnung, dass es genau die richtige Art Zukunftsroman für mich sein könnte. Die große Pampe aus vorhersehbaren Romanen, in denen Held und Heldin für eine bessere Gesellschaft kämpfen oder irgendein Familienmitglied finden müssen und sich dabei ganz zufällig ineinander verlieben, hatte ich langsam satt. Eine erwachsene Hauptfigur, die in dieser verkorksten Welt auch noch ihr ungeborenes Kind schützen muss, klingt da schon nach etwas ganz anderem.

Natürlich hat Alex Adams das Rad nicht komplett neu erfunden. Einige Abläufe tauchen in post-apokalyptischen Romanen immer wieder auf, aber das ist ja gar nicht verwerflich. Auch Zoe hat die Hoffnung, einen jemanden wiederzufinden und nimmt dafür eine harte Reise auf sich. Aber die läuft nicht nach dem üblichen Schema ab, was vor allem daran liegt, dass der Roman auf zwei Zeitebenen spielt: Dem "Damals" und dem "Jetzt".

Alex Adams verleiht dem Plot damit eine unglaubliche Spannung. Die Passagen sind recht kurz gehalten und lassen den Leser oftmals mit den Zähnen knirschen, weil ihre Enden ziemlich schroffe Cliffhanger sind. In den Abschnitten aus dem "Jetzt" erfährt man bruchstückhaft Dinge über die Vergangenheit, kann sie aber erst richtig zusammensetzten, wenn man alle Teile über "Damals" gelesen hat. Man sitzt also fast die ganze Zeit auf heißen Kohlen, will wissen, was damals geschehen ist und wie es dazu kommen konnte, dass die Welt so ist, wie sie jetzt ist. Und natürlich will man wissen, wie Zoe auf ihrer Reise vorankommt. Denn die wird nicht nur durch fehlende Technologie und Nahrung erschwert. "White Horse" hat Massen von Menschen abgeschlachtet und droht alle weiteren zu infizieren. Menschlichkeit ist ein seltenes Gut geworden.

Aber Zoe möchte sich diese ihr und ihrem Kind zuliebe bewahren. Schon allein das hat mich Bewunderung für diese junge Frau empfinden lassen, die ansonsten gar keine typische Sympathieträgerin ist. Zoe kann ziemlich schroff und uneinsichtig sein, aber ihre Gedankengänge und Handlungen haben mich sofort in ihren Bann gezogen. Sie ist unkonventionell, aber authentisch. Das gilt auch für viele andere Figuren, obwohl ich mit dem Großteil erhebliche Sympathieprobleme hatte. Diese sind aber ganz klar beabsichtigt, schließlich wäre es unlogisch wenn in einer zerstörten Welt alle höflich und gut sein würden. Trotzdem wurde mir beim Lesen mancher ihrer Taten übel.

Wenn "White Horse" eins nicht ist, dann ist es ein Buch für schwache Nerven. Alex Adams beschreibt nicht jeden Blutspritzer detailliert, aber sie beschönigt die kalte Brutalität auch nicht. Manchmal fand ich es fast heftiger die Brutalität nur knapp beschrieben zu lesen, weil meine Vorstellung dadurch um so verrückter spielen konnte. Manches wollte ich auf den ersten Blick einfach nicht nachvollziehen, aber gerade diese Grausamkeit hat das Buch noch realistischer gemacht.

Alex Adams‘ prägnanter Schreibstil trägt zur Intensität und Spannung des Buchs bei. Stellenweise waren mir die Sätze etwas zu abgehackt - das kann aber auch daran liegen, dass solche Sätze im Englischen einfach natürlicher klingen. Dennoch transportieren diese knappen Sätze Zoes Gefühle fast immer sehr gut und beschwören im Kopfkino Momentaufnahmen und Gedankensplitter herauf. Besonders gut gefallen haben mir dabei Alex Adams‘ Vergleiche und Metaphern, die meine Vorstellungskraft zu Höchstleistungen angetrieben haben.

"White Horse" ist eine post-apokalyptische Geschichte, die mich durchgehend überzeugen konnte. Mit realistischen Figuren, einer spannenden und glaubwürdigen Handlung, sowie einem intensiven Schreibstil gehört dieser Roman zu den für mich besten seines Genres. Ich kann nach diesem gelungenen Roman nur begierig auf den zweiten Teil warten und euch diesen Trilogieauftakt ans Herz legen. Aber Achtung - zartbesaitete Leser sollten lieber die Finger davon lassen!


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