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Therapeutin "Krimiliebhaberin" (Bremen)

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Jenseits des Vorstellbaren: Therapie bei Ritueller Gewalt und Mind Control
Jenseits des Vorstellbaren: Therapie bei Ritueller Gewalt und Mind Control
von Alison Miller
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 49,00

11 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zuerst unvorstellbar, dann nachvollziehbar., 26. Mai 2014
Wer dieses Buch liest, bewegt sich in Bereichen „Jenseits des Vorstellbaren“. Diese Wahrnehmung bleibt bestehen, auch wenn Professionelle seit Jahren mit Betroffenen organisierter Ritueller Gewalt, ihren Ausstiegsprozessen aus Täterkontakten hinaus und langjährigen Traumatherapien befasst sind. Was Menschen anderen Menschen anzutun in der Lage sind, vollzieht sich nicht nur in Kriegsgebieten, sondern unter uns. Miller schreibt über die Situation und ihr therapeutisches Angebot für Betroffene in den USA. Ihre Erfahrungen und ihre erarbeiteten therapeutischen Methoden und Techniken sind in erstaunlicher Weise denen ähnlich bis gleich, die erfahrene TraumatherapeutInnen hierzulande mit Betroffenen machen. Diese Erkenntnis macht aufmerksam und tröstet – aber nicht über das immer wiederkehrende Erschrecken über die Grausamkeiten solcher Täterkreise hinweg.
Miller stellt ein komplexes Fachbuch vor, das sich vorwiegend an die therapeutische Fachwelt richtet, aber ebenfalls für andere Professionelle geeignet ist, die mit Betroffenen arbeiten. Auch wenn sich nicht alles aus Millers Ideen-Sammlung für alle Arbeitsaufträge eignet, so eröffnen sich doch auch für andere Professionelle gute Einblicke in die Lebensgeschichten und Veränderungsprozesse Betroffener. Ein Verständnis entsteht über das Verstehen. Dazu tragen auch zahlreiche Fallbeispiele sowie Insider-Informationen Betroffener bei, die diese mutig veröffentlicht haben. Eindrucksvoll ist dabei insbesondere die Beschreibung der Konditionierung und Programmierung von in die Täterfamilien geborenen Kindern durch eine ehemalige Kabbala-Trainerin. Um jeder möglichen spontanen Empörung vorzubeugen: die Darstellungen sind detailliert genug, um die Vorgehensweise nachvollziehen zu können, aber wiederum nicht so detailliert, dass sie modellhaft für weitere Täter wirken könnten.
Im ersten Teil des Buches will Miller zum Verstehen der Phänomene Rituelle Gewalt und Mind Control und die Auswirkungen auf Menschen und die mit ihnen arbeitenden TherapeutInnen beitragen. Sie beginnt mit einem historischen Abriss zur Entwicklung der Definitionen von Ritueller Gewalt und Mind Control. Mind Control besteht nach Miller aus einer Mischung von hypnotischer Suggestion, Folter, Drohungen, Double-Binds und sorgfältig und akribisch ausgeführten Täuschungen. Außerdem werden Drogen eingesetzt. Über grundlegende Lügen der Täter werden lebenslanger Gehorsam, lebenslange Treue und das Bewahren der Geheimnisse der Tätergruppe bewirkt. Weitere Lügen bewegen Persönlichkeiten dazu, Aufgaben auch gegen ihren eigentlichen Willen und gegen ihre Überzeugungen auszuführen. Lügen bilden die Basis für die installierten Programme zur Rückkehr zur Tätergruppe, zum Einhalten von Treffen und Daten, zur Verschwiegenheit und weitere. Diese Lügen zerstören weiterhin die Fähigkeit, Beziehungen zu anderen Menschen aufzunehmen. Betroffene erwarten, verraten, verlassen und gehasst zu werden und dass man ihnen nicht glaubt.
Ein generelles Ziel der Täter besteht darin, einen in der Alltagswelt normal funktionierenden Menschen für ihre kriminellen und Geld und Macht einbringenden Aktivitäten einzusetzen. Kinder werden von klein auf in zwei Seiten gespalten: eine alltagsfunktionale Seite mit verschiedenen Persönlichkeiten auf dem Hintergrund einer Dissoziativen Identitätsstörung sowie eine andere Seite mit Persönlichkeiten, die ohne Wissen des Menschen im Alltag in die Prostitution geschickt, für Pornografie und Rituale ausgenutzt, als Drogenkuriere oder Mörder eingesetzt werden können. Persönlichkeiten entstehen laut Miller durch einen biologischen Prozess, über den wir bisher nicht genug wissen, und bilden im Gehirn getrennte neuronale Netzwerke. Miller schreibt, dass sich die „Trainer“ der Täterkreise mit verschiedenen Methoden auskennen, die Persönlichkeit eines Menschen aufzuspalten, über hohe technologische Ausrüstungen verfügen und klare Ziele verfolgen. Technologien seien von Tätern bereits verwendet worden, lange bevor sie für andere Zwecke in der Öffentlichkeit bekannt wurden (z. B. Chips für Hunde). Wenn Täter mit den Ergebnissen ihrer Gehirnwäsche nicht zufrieden sind, ändern sie ihr Vorgehen. Dazu berichtet Miller über die Mind Control Experimente in den USA, die von Nazis unterstützt worden sein sollen. Sie schreibt, dass es eine Zusammenarbeit zwischen militärischen, paramilitärischen und religiösen okkulten Gruppen gegeben zu haben scheint, deren Kinder bereits dissoziativ waren. Diese Informationen zur Erklärung, wie all das tatsächlich möglich war und ist, helfen dabei, die Betroffenen und ihre Symptome zu verstehen, und sich vorstellen zu können, was „Jenseits des Vorstellbaren“ in jenem Bereich unserer Welt vor sich geht.
Anschließend führt Miller auf einfühlsame und verständliche Weise in die Erlebniswelt verschiedener Persönlichkeiten in der Innenwelt eines betroffenen Menschen ein. Sie beschreibt deren unterschiedliche Funktionen im Alltag, im Rahmen der Aufträge der Täter sowie die inneren Steuerungsmechanismen für das System der vielen Persönlichkeiten. Dabei wird deutlich, dass die für den Alltag „trainierten“ Persönlichkeiten keinen Einfluss auf diese Steuerung haben. Innensysteme von Menschen, die in diesen Täterkreisen aufgewachsen sind, sind hierarchisch strukturiert. Im Inneren gibt es eigene Welten, in denen die Persönlichkeiten sich aufhalten und leben, wenn sie nicht aktiv im Körper sind. Diese Innenwelten werden laut Miller in der Kindheit durch die Täter über Bilder und Inszenierungen installiert.
Miller stellt in ihrem Buch eine Symptomliste mit Elementen vor, die auf einen Hintergrund von Ritueller Gewalt und Mind Control bei KlientInnen hinweisen können. Miller betont selbst, dass daraus keine eindeutigen Schlussfolgerungen abgeleitet werden können. Diese Symptome liefern aber eine Grundlage, in der TherapeutInnen-Rolle aufmerksam zu sein.
Zum Streitpunkt der Fachwelt zu den Gedächtnisfunktionen schreibt Miller, dass jede Persönlichkeit über Gedächtnisleistungen zu den eigenen fragmentierten Erfahrungen verfüge, und bestätigt damit aus ihrer langjährigen Erfahrung, was auch hierzulande phänomenologisch in der therapeutischen Arbeit mit Betroffenen immer wieder deutlich wird.
Der zweite Teil des Buches beinhaltet ein Behandlungsprogramm der Autorin, das von ihr auf der Grundlage einer 20-jährigen Arbeit mit Betroffenen entwickelt und erprobt wurde. Miller weist nachdrücklich darauf hin, dass jeder therapeutische Weg bei allen Aspekten, die Betroffene gemeinsam haben, immer individuell ist und aus der Zusammenarbeit der spezifischen Betroffenen mit der jeweiligen Therapeutin entsteht. Miller empfiehlt, die Kommunikationsform im therapeutischen Kontakt auf die Art und den Entwicklungsstand der jeweiligen Persönlichkeiten abzustimmen, mit denen gearbeitet wird. Dabei kann der Kontakt direkt mit der Persönlichkeit stattfinden oder mit einer anderen Persönlichkeit, die in einer Mittlerposition zwischen der Therapeutin und der betreffenden Persönlichkeit mit der Therapeutin kooperiert. Emotionen müssen ausgedrückt werden, damit Heilung möglich wird. Jede Persönlichkeit sollte freundlich behandelt werden, unabhängig davon, wie sie sich darstellt. Ein inneres dissoziatives System sei wie eine Familie mit Polaritäten und Grenzen. Eine Aufgabe der Therapeutin besteht darin, Kommunikation, Verhandlungen und Kooperation der Persönlichkeiten untereinander zu unterstützen. Miller setzt kognitive Methoden zur Realitätsprüfung von Erwartungen, Befürchtungen und Denkstrukturen ein, die durch die Täter geprägt wurden. In den Traumabearbeitungen beschreibt sie gute Erfahrungen mit zuvor abgesprochenen und klar definierten Berührungen. Über eine Kommunikation und Kooperation der Persönlichkeiten können Lügen der Täter aufgedeckt werden. Über ein Verstehen der Aufgaben und Hierarchien der Persönlichkeiten sowie ihrer Fähigkeiten und Begabungen kann all dies für eine gemeinsame Lebensgestaltung eingesetzt werden. Miller betont, dass die Arbeit mit Täterpersönlichkeiten nicht ausgelassen werden darf. Diese haben ihre Aufgaben letztlich immer zum Selbstschutz für den betroffenen Menschen oder zum Schutz anderer Menschen erfüllt und werden als Beschützerpersönlichkeiten bezeichnet. In der therapeutischen Arbeit mit den Persönlichkeiten arbeitet Miller sich in der inneren Hierarchie von unten nach oben. Sie erarbeitet mit Betroffenen einen Blick auf die innere Systemstruktur. Miller setzt mit Erlaubnis der Betroffenen erkannte und benannte Trigger gezielt ein, um die dadurch ausgelösten Programme gezielt zu löschen. Sie meint, dass die meisten Programme innerhalb der Systeme selbst gestoppt werden können. Bei der Bearbeitung können die Fähigkeiten und Eigenschaften aller Persönlichkeiten hilfreich sein. Beispielsweise kann eine Persönlichkeit, die keine Schmerzwahrnehmung hat, in Situationen körperlich präsent sein, wenn durch Traumabearbeitung ausgelöste Schmerzen anders nicht ausgehalten werden können. Programmaufgaben können durch kleine Interventionen in ungefährliche Handlungen umgewandelt werden. So kann ein Arm rot angemalt werden, statt zu schneiden und das Rot über Blut zu sehen. Deprogrammierung ist nach Miller dann erreicht, wenn alle Erinnerungen mit den beteiligten Persönlichkeiten durchgearbeitet sind. Die dissoziativen Barrieren müssen aber langsam abgebaut werden, um einer Überflutung vorzubeugen. Programme können bei Ausstiegsversuchen Betroffener von den Tätern oder auch durch die therapeutische Arbeit ausgelöst werden. Miller betont, dass die Bearbeitung der sexuellen Konditionierungen wichtig ist, die insgesamt zu einer sexuellen Fehlentwicklung geführt haben und über die die Betroffenen ungern sprechen. Es kann pädophile, nymphomanische, vermeidende Persönlichkeiten geben und vieles mehr. Ursächlich dafür benennt sie Konditionierungen von erzwungener sexueller Lust eines Kindes mit Schmerz und Hass.
Miller benennt, dass viele Betroffene sich noch in aktuellen Täterkontakten befinden und dass der erste Schritt einer Lösung im Abbruch der Beziehungen zu allen täterzugehörigen Menschen im Alltag besteht. Meistens sind dies Mitglieder der Familie und/oder Freunde. Leider beschreibt Miller kein eigenes Vorgehen einer Ausstiegsbegleitung im Rahmen der Traumatherapie. Dieser Aspekt ist aber der einzig fehlende in diesem inhaltsreichen und informativen Buch. Nach einer Bearbeitung der Traumatisierung müssen Nachwirkungen bearbeitet und behandelt werden: Scham- und Schuldgefühle, Wut, Selbsthass, Essstörungen und ein in der Regel schlechter Gesundheitszustand. Ein Trauerprozess um Verlorenes und nie Gehabtes folgt.
Miller rät von Gruppentherapien mit Betroffenen ab, da sie sich gegenseitig triggern und zu den Tätern zurückbringen können. Denselben Effekt können Kontakte Betroffener im Rahmen stationärer Aufenthalte haben.
Miller weist auf die Auswirkungen der False Memory Bewegung hin, die im Übrigen auch hierzulande in Fachkreisen zurzeit sehr aktiv geworden ist. In Bezug auf Rituelle Gewalt und Mind Control brachte diese Bewegung in den USA schon vor vielen Jahren Vorwürfe an TherapeutInnen auf, diese würden den Betroffenen ihre Erlebnisse suggerieren. In den 90-er Jahren war diese Bewegung auch in Deutschland recht aktiv, als behauptet wurde, sexuelle Gewalterfahrungen würden Kindern durch Professionelle suggeriert. In den USA zogen sich laut Miller viele TherapeutInnen von der Arbeit mit Betroffenen aus Angst zurück. Unter anderem in der Folge davon haben sich in den USA ebenso wie inzwischen in Deutschland mehrere professionelle Netzwerke gebildet, in denen sich Professionelle austauschen können. Letztlich ist nach Miller die Arbeit mit Betroffenen von Ritueller Gewalt und Mind Control nicht mehr aufzuhalten, zumal sich Betroffene zunehmend selbst nicht nur im Rahmen professioneller Unterstützung äußern und internes Wissen verbreiten. Dennoch sollte in der therapeutischen Arbeit auch mit Blick auf diese Bewegung besonders sorgsam gearbeitet und Inhalte von den Betroffenen selbst benannt werden. Die Argumente der False Memory Bewegung werden durch Strategien der Täter unterstützt, indem sie absichtlich Deckerinnerungen durch Täuschungssituationen schaffen (z. B. Entführung durch Außerirdische). Millers beschreibt, wie Symptome anderer Störungen von den Tätern gezielt bei einzelnen Persönlichkeiten verursacht werden und die über das Antriggern der Persönlichkeit auch in der Außenwelt erkennbar werden. So beschreibt sie beispielsweise psychotische Persönlichkeiten, die bei einer Aktivierung eine Fehldiagnose auslösen können – dann ist nicht der gesamte Mensch psychotisch, sondern nur eine einzelne Persönlichkeit, was für Fachleute nicht erkennbar wird, wenn sie keine Wechsel von Persönlichkeiten wahrnehmen oder erleben. Die immer wieder schnell auftauchende Frage nach dem Wahrheitsgehalt von Berichten Betroffener beantwortet Miller: darauf kann die Betroffenen nur selbst die Antwort finden. Eine Wahrheit werde dann identifizierbar, wenn alle Erinnerungen der an einer Situation beteiligten Persönlichkeiten zusammengetragen wurden.
Miller macht einen Exkurs zur spirituellen Komponente der Rituellen Gewalt und zeigt eine erfreulich pragmatische Sichtweise. Persönlichkeiten, die von den Betroffenen als Dämonen, böse Wesen wie Satan, böser Gott, Hohepriester oder auch Hitler oder Stalin wahrgenommen werden, sind Persönlichkeiten wie alle anderen auch. Miller beschreibt, wie Täter solche Bilder entstehen lassen, indem sie Persönlichkeiten über Täuschungen, Rollenspiele u. Ä. eine solche Identität annehmen lassen. Sie betont, dass jede Persönlichkeit zum inneren System dazu gehört und ihre menschliche Würde wiederfinden kann. Miller beschreibt die Effekte der zahllosen Nahtoderfahrungen Betroffener als hilfreich und tröstlich. Eine Betroffene schreibt, dass die Täter bestimmen können, wie oft und durch was sie ein Kind in Todesnähe bringen können – aber nicht, welche Erfahrungen das Kind auf der anderen Seite macht. Die Erfahrungen dort sind hilfreich, tröstend und heilend.
Die Therapeutin ist in ihrer Arbeit immer mit ihrem eigenen Weltbild präsent. Miller betont, dass eigene Weltbilder und Glaubenssysteme nicht auf die Betroffenen übertragen werden dürfen, sondern deren eigene respektiert werden müssen. Auch das Ziel der Therapie sollte der Betroffenen überlassen werden: ob eine Kooperation der Persönlichkeiten oder eine anteilige bis ganzheitliche Integration. Dazu beschreibt sie jeweils verschiedene Vorgehensweisen, Verarbeitungsformen und Gestaltungsweisen für das „Leben danach“. Neue schöne innere Orte können aufgebaut werden, eine Art Familienleben im Inneren ist vorstellbar, wobei sich alle Persönlichkeiten frei in verschiedenen inneren Welten bewegen können. Persönlichkeiten brauchen neue Aufgaben und einen selbst definierten Sinn ihres Daseins, wenn sie nicht mehr die Aufgaben der Täter erfüllen. Bei einer Integration schlägt Miller die Integration kleinerer Persönlichkeiten durch größere vor. „Bei Überlebenden von Mind Control ist das Ziel, die Fremdsteuerung ihres Selbst zu entfernen, um sie vollständige Menschen sein können – damit sie frei über ihr Leben entscheiden und ihre eigenen Lebensziele selbst wählen können.“ (S. 400)
Miller beschreibt die Probleme von TherapeutInnen in der Gegenübertragung zu den belastenden Berichten Betroffener und rät zu professionellem Austausch und Supervision bei zum Thema erfahrenen KollegInnen. TherapeutInnen können sich von den Berichten Betroffener überwältigt fühlen. Miller benennt Achtsamkeit für sich selbst, Ehrlichkeit den Betroffenen gegenüber, ein Berücksichtigen eigener Bedürfnisse seitens der Therapeutin als wichtig. Die von ihr selbst im Buch realisierte Öffentlichkeitsarbeit beschreibt sie als entlastend. Die ungefilterten kindlichen Bedürfnisse der Betroffenen treten in der therapeutischen Situation auf und bringen schmerzhafte Reinszenierungen mit sich. Bedürfnisse können stattdessen innerlich erfüllt werden. Machtdynamiken müssen verstanden und dürfen nicht persönlich genommen werden. Therapieprozesse sind langandauernd und erfordern Zuverlässigkeit, Empathie und klare Grenzen seitens der Therapeutin. Wesentlich ist das allmähliche Entstehen einer Vertrauensbeziehung, die Vorerfahrungen einer Therapeutin sind nicht so wichtig. Miller beschreibt die gemeinsam von Betroffener und Therapeutin erlebte Situation, die am Ende eines langen Bearbeitungsweges liegt – der das Bewusstsein bei beiden Beteiligten nachhaltig verändert.
Betroffenen rät Miller mit gutem Grund vom Lesen dieses Buches ab. Zu viele Inhalte würden Traumata antriggern und unnötig belasten. Außerdem irritiert das Lesen der Erfahrungen anderer die eigene Bearbeitung Betroffener, die unvoreingenommen und im eigenen Tempo stattfinden sollte.
Am Ende des Buches fasst Miller gut verständlich die wichtigsten Aspekte der therapeutischen Arbeit mit Betroffenen noch einmal zusammen.
Das Buch ist in seiner Komplexität und darüber hinaus durch die Haltung von Alison Miller als Therapeutin und als Mensch unbedingt empfehlenswert für Professionelle, die mit Betroffenen von Ritueller Gewalt und Mind Control arbeiten. Miller: „Hören Sie niemals auf zu lernen. Es wird immer wieder neues Wissen geben und unser Verständnis dieses relativ neuen Problems wird sich kontinuierlich weiter entwickeln.“ (S. 408)


Im schwarzen See. (Maria Kallios siebter Fall)
Im schwarzen See. (Maria Kallios siebter Fall)
von Leena Lehtolainen
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,95

5.0 von 5 Sternen wie immer gut, 12. Juli 2010
Der siebte Band von Leena Lehtolainen mit Maria Kallio als engagierter, gesellschaftskritischer, mutiger und gleichwohl weiblicher Kommissarin ist so gut gelungen wie alle anderen Bände dieser Reihe. Jeder Band enthält einen eigenen Kriminalfall, der die menschlichen Abgründe und die Wirren der menschlichen Spezies gut darstellt, die polizeiliche Recherche realitätsnah - wo weit ich das beurteilen kann - beschreibt und die Menschlichkeit aller Beteiligten beibehält. Auch der eigene kriminalistische Spürsinn ist gefordert - es dauert bei Leena Lehtolainen zumindest bei mir eine ganze Weile, bis ich eine Hypothese zu den Hintergründen von Tat und TäterIn entwickeln kann. Parallel zu den einzelnen Fällen findet die lebensgeschichtliche Entwicklung der Kommissarin ausreichend Platz. Leena Lehtolainen beschreibt typische Probleme einer Frau in einem traditionell männlichen Berufsfeld, ihre Probleme, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen - was ihr ebenso wenig gelingt wie jeder Frau, die diesen Drahtseilakt versucht. Immerhin ist Maria Kallio mit einem emanzipierten Mann und guten Vater gesegnet, was einerseits seufzen lässt, denn wo findet sich solch ein Exemplar - andererseits wird ein Vorbild für männliche Leser gezeichnet, was eine Leserin denn freut. Auch dieser Band der Reihe zu Maria Kallio ist uneingeschränkt empfehlenswert - insbesondere für die weibliche Leserschaft, finde ich.


Norwegian Woods. Psychologischer Roman.
Norwegian Woods. Psychologischer Roman.
von Johannes A Reb
  Taschenbuch

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Politischer Roman, 17. Mai 2010
Johannes A. Reb als Mann schreibt über das Erleben eines Jugendlichen im 2. Weltkrieg in Deutschland, der auf seinen Vater wartet und nach dessen Rückkehr ein seelisches Wrack erlebt. Der jugendliche Lutz wächst zum Mann heran, ohne sich der Spuren der Vaterlosigkeit, fehlender Vorbilder, des Krieges und des Deutschseins als besonderes Erbe in der Weltgeschichte bewusst zu sein. Die Mutter lebt innerlich vereinsamt ohne emotionale Beziehung zu ihrem Sohn. Niemand spricht im Nachkriegsdeutschland über die Schrecknisse, über individuelle oder gemeinschaftliche Schuld, über die Spuren in sich und untereinander. Der junge Lutz begegnet im Nachkriegsweimar einer Französin, und diese Begegnung löst bei beiden in wenigen wertvollen Momenten alle Lebenssehnsüchte aus, unbewusst und unausgesprochen. Sie ziehen in den Heimatort der Französin an der Küste der Normandie. Marianne hat innerlich nie Abschied von ihrer ersten großen Liebe, einem amerikanischen Soldaten, genommen. Sie hat sein Fortgehen nie betrauert und trägt das emotional und körperlich wertvolle Erlebnis der ersten zärtlichen Liebe wie einen Schatz verschlossen in sich. Der junge Deutsche weiß nicht, dass seine eigene Sehnsucht nach unbekannter Liebe und Geborgenheit Marianne nicht erreichen kann und dass seine eigene Liebe blockiert und überlagert ist von unverarbeiteter Enttäuschung, Leere, Haltlosigkeit und Beziehungslosigkeit. Kinder werden geboren, wie Kinder eben geboren werden ' trotz allem. Enttäuschung übereinander, eigentlich über das eigene Leben, eskaliert in einem Streit, bei dem Marianne unglücklich stürzt und zu Tode kommt. Lutz ergreift emotional betäubt und wie getrieben die Flucht und nimmt die beiden Kinder mit. Er fährt auf das Meer hinaus auf seinem Schiff, das zum ersten und einzigen sicheren Ort seines Lebens geworden ist. Er hat nicht wie sonst sorgsam auf das Wetter geachtet, das Schiff gerät in einen Sturm und geht unter. Die Kinder kommen ums Leben und Lutz gerät nach Norwegen. Dort schreibt er ein Tagebuch über seine Erlebnisse, als er sich bewusst wird, dass er sich um die Spuren der tragischen Ereignisse in sich selbst kümmern muss. Das Tagebuch gerät auf seltsamen Wegen an einen Journalisten, der über die Hintergründe des Verschwindens einer ganzen Familie aus der Normandie schreiben will. Lutz hat inzwischen viele Jahre allein gelebt und sich auf eine eigene Weise als Fremder in die Gemeinschaft der schweigsamen Norweger eingefügt. Seine Kunstwerke haben international Interesse geweckt. In seinen Figuren aus norwegischem Holz spiegeln sich die Menschen und Geschehnisse seines Lebens. Er kann sie nicht vervollkommnen, weil er immer wieder an eigene Grenzen gerät. Erst im Kontakt mit dem Journalisten Martin erkennt Lutz die Spuren des Krieges und der Vaterlosigkeit in sich und die Hintergründe, weshalb weder er noch Marianne sich jemals mit Liebe begegnen konnten. Der Journalist bleibt von der Auseinandersetzung des Künstlers nicht unberührt und sieht sich ungewollt seinen eigenen unverarbeiteten Problemen ausgesetzt. Lutz wählt den Journalisten als Richter für seine ungelöste Schuldfrage, die ihn sein Leben lang getrieben hat. Wie sollte er auch die Schuldfrage klären? Ist die Schuldfrage von Kriegen weltweit je geklärt worden? Wie viel Schuld trägt jeder aus der eigenen Familie und dem eigenen Land in sich? Und wer richtet auf welchem Hintergrund? Eindeutige Antworten auf Schuldfragen sind wohl schwierig, wenn man über die Generationen hinweg blickt, und so gibt es auch kein eindeutiges Ende des Buches. Die vom Autor vorgeschlagenen Endereignisse zeigen die beiden Lösungsansätze auf, die jeder Mensch trotz aller individuellen Belastungen in jeder Situation zur freien Entscheidung hat. Der Autor Johannes A. Reb folgt den inneren Wirren seiner Figur Lutz mit fein geschliffener und warm abgerundeter Sprache. Der Leser muss den Wogen der Ereignisse und Emotionen der Figuren folgen und kann das Buch allenfalls aus der Hand legen, wenn er eine Pause zum Durchatmen braucht und die eigenen Gedanken und Gefühle sortieren muss. Der Leser kann Eigenes aber nicht zu Ende bringen, bevor er auch das Buch zu Ende gelesen hat. Diese inneren Wogen werden sprachlich und durch die unterschiedlichen Darstellungsformen erzeugt. Ob der Roman psychologisch ist, mag dahingestellt sein. Für mich ist er eher aus der Feder eines bewussten Mannes geflossen, der aus einem männlichen Erleben heraus über Menschen und insbesondere Männer schreibt, über die Begrenzungen, die durch Sozialisation und Gewalt entstehen, aber auch über die menschliche Sehnsucht nach Frieden und Liebe. Johannes A. Reb schreibt über die Traumatisierung in Kriegen und ihre Folgen über Generationen und Nationen hinweg, über die Unfähigkeit und den Unwillen von uns Menschen, einfach über uns selbst und miteinander zu sprechen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen, damit wir einander verzeihen und wieder lieben können. Für mich ist 'Norwegian Woods' ein zutiefst politischer Roman.


Zeit zu sterben
Zeit zu sterben
von Leena Lehtolainen
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

5.0 von 5 Sternen Fesselnde Verbindung zwischen den Opfern und verschiedenen Professionellen um Umgang mit Frauen, die Opfer von Männern wurden, 1. Oktober 2009
Rezension bezieht sich auf: Zeit zu sterben (Taschenbuch)
Das Buch von Leena Lehtolainen stellt eine fesselnde Mischung aus Kriminalroman und einer sowohl realistischen als auch emotioanal packenden Darstellung der Situation von Frauen dar, die zu Opfern von Männergewalt werden. Die Schilderung aus der Sicht der engagierten Mitarbeiterin eines eher Gewalt duldenden Frauenhauses ist sowohl vom Verstand als auch vom Gefühl gut nachvollziehbar und zeigt die Verquickung professionell helfender Frauen mit der Situation der Opfer. Wie leicht man von einer Helfenden zu einer Täterin werden kann, ist eine gute Darstellung der Gefahr, als helfende Professionelle in die Dynamik der Täter und der Opfer verwickelt zu werden. Leena Lehtolainen hat einen sprachlich packenden Stil, diese explosive Mischung von Emotionen so darzustellen, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Nach diesem ersten Werk von ihr habe ich gleich das nächste bestellt...


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