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Amazon Customer (Switzerland)

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Naked Economics: Undressing the Dismal Science
Naked Economics: Undressing the Dismal Science
von Charles J. Wheelan
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,95

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Streifzug durch die freie Marktwirtschaft, 22. Mai 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Das Buch positioniert sich als eine "neutrale" Einführung in die Wirtschaftslehre und schafft es auch, einen spannenden Überblick über grundlegende Begriffe wie Anreize, Inflation, Geldpolitik usw zu geben und etwas Makroökonomie darzustellen.

Das Problem des Buches ist, dass es dies scheinbar "neutral" tut. Der Autor weist mehrmals darauf hin, dass wirklich alle Ökonomen jeweils der Meinung sind, die er als ökonomische Fakten präsentiert. Das stimmt aber nicht. Der Autor ist Anhänger einer Denkschule, die äusserst grossen Wert auf freien Handel ohne jegliche Schranken, freies Spiel des Marktes etc. legt. Die Hinweise auf die Wichtigkeit von regulativen Kräften oder der Hinweis, das utility nicht gleichbedeutend mit Geld ist, wirken dünn und und aufgesetzt. Aussagen wie z.B. asiatische Sweatshops seien gut, da sie Geld und damit Entwicklungspotential in Drittwelt/Schwellenländer bringen und die Alternative für Sweatshop-Arbeiter noch schlimmer (z.B.Prostitution) sind, lassen mich eine tiefere Analyse vermissen, z.B. was genau mit dem Geld geschieht, welches so ins Land kommt, welche Verantwortung westliche Firmen tragen, welche solche Arbeiter indirekt beschäftigen, warum es nicht möglich sein sollte, grundlegende Vorschriften zur Arbeitssicherheit etc zu erlassen usw. Der Autor präsentiert die Lehrbuch-Theorie seiner Wahl und redet die realen Auswirkungen dieser Theorien schön, da sie ja längerfristig immer dazu führen (sollen), alle Beteiligten reicher zu machen. Was in der Zwischenzeit mit den Menschen passiert, scheint nebensächlich. Diese Art der Darstellung wirtschaftlichen Funktionierens ist mir zu einfach und unreflektiert.

Der Prozess der kreativen Zerstörung ist nach seiner Ansicht immer zu begrüssen, da er Ineffizienz im Markt beseitigt. Seine Lösung, die Arbeiter, die ihren Job verlieren, neu auszubilden, tönt gut, hat aber einen Haken: Nicht alle Menschen sind fähig, Fähigkeiten zu erlernen, welche mehr Intelligenz benötigen als die vorher ausgeführten Arbeiten. Nicht alle Menschen sind überhaupt noch bereit oder fähig, in fortgeschrittenem Alter etwas ganz neues zu lernen. Und nur wenige Firmen stellen noch 50jährige Neulinge auf einem Job ein. All diese praktischen Probleme werden mit keinem Wort erwähnt.

Ähnliche Probleme ziehen sich durchs ganze Buch. Ein weiteres Beispiel sind seine Ansichten zur Schulbildung, die er gerne dem Markt aussetzen möchte. Seiner Meinung nach müsste man gute Schulen und gute Lehrer belohnen und schlechte bestrafen (über den Lohn), um die richtigen Anreize im Bildungssystem zu
schaffen. Dass diese Ideen sehr umstritten sind, erwähnt er mit keinem Wort. Er ignoriert auch die realen Probleme dieser Ideen, z.B. wie man die Qualität eines Lehrers oder einer Schule überhaupt messen kann oder wie man dann verhindert, dass Lehrpersonen ihre "utility" maximieren, wie er immer wieder betont, und das Hauptaugenmerk nicht mehr auf die Ausbildung der Schüler, sondern auf die Maximierung ihres Lohns legen, indem sie die relevante Messgrösse optimieren.

Besonders störend finde ich dieses Übergehen der praktischen Probleme seiner Ideen, weil der Autor an anderer Stelle immer wieder das Gefühl vermittelt, es sei naiv, sich nicht mit ökonomischen Realitäten abzufinden (wie z.B. damit, dass der Sweatshop-Job die beste Alternative für den Arbeiter dort darstellt, was sicherlich richtig ist).

Sieht man von der Darstellung einer subjektiven Ansicht von ökonomisch "richtigem" Verhalten als objektiver Wahrheit einmal ab, ist das Buch aber sehr spannend, amüsant und schafft die angestrebte Vermittlung von Grundkonzepten.


Ready Player One
Ready Player One
Preis: EUR 7,55

3 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Katastrophale Soapbox, 30. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Ready Player One (Kindle Edition)
Eine leider ganz grauenhaftes Geschreibsel. (Achtung: Enthält einige kleinere Spoilers)

Zur Handlung: Die wäre eigentlich ganz nett, ich mochte die virtuelle Abenteuergeschichte beziehungsweise das virtuelle Quest und das hätte mehr als einen Stern verdient. Leider wird sie durch all die anderen Unzulänglichkeiten so belastet, dass nichts gutes dabei rauskommen kann. Beispielsweise weiss der Autor nicht, wie Spannung erzeugt wird ausser dadurch, dass der Erzähler im Dunkeln gelassen wird. Die Welt fügt sich zudem praktischerweise genau so, dass sie in Wade's Bild von ihr passt. Beispielsweise spielt es keine Rolle, dass ihn eine Mitschuld am Tod seiner Familie trifft, weil die Familienmitglieder sich als egoistische Ausbeuter herausstellen - wie praktisch.

Charaktere: Aus Pappkarton. Wade, der ich-Erzähler, ist völlig unsympathisch -- siehe oben -- er verschwendet keinen zweiten Gedanken an die Toten -- und macht auch keinerlei Wandlung zum Besseren durch, es ist also kein Entwicklungsroman, der eine ich-Perspektive und einen zu Beginn unsympatischen Helden verlangen würde. Die Motivationen sämtlicher Charaktere, aber insbesondere die von Wade sind kindisch oder jedenfalls sehr einfach gestrickt. Der Sieg Wades am Ende bringt deshalb auch keinerlei Befriedigung.

Zur Mechanik: Mein grösstes Problem war die Wahl der ich-Perspektive für eine Geschichte, die eigentlich in der dritten Person erzählt wird. So gibt es beispielsweise keinen Grund, dass wir uns in Wade's Kopf aufhalten, weil dort nichts relevantes geschieht. Ausserdem verheimlicht Wade immer mal wieder etwas vor dem Leser, was in der ersten Person schlicht geschummelt ist. Schliesslich wirken Teile der Geschichte infantil. Das Ende der Geschichte ist ein gutes Beispiel. Auch die mögliche Vermarktung als Jugendbuch ist keine Entschuldigung dafür, da viele Jugendbücher hervorragend geschrieben sind und Jugendliche bessere Bücher verdient haben als solche mit dem Niveau von Ready Player One.


Omega 2 im Bannkreis der Venus
Omega 2 im Bannkreis der Venus
von Bo Anders
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen SF, die im Gedächtnis bleibt, 8. Februar 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ich habe dieses Buch als Zwölfjähriger aus der Schulbibliothek ausgeliehen - ungefähr fünf oder sechs Mal. Die Geschichte von den drei ausgesetzten Kindern und dem gequälten Weltraumpiraten, der den Befehlen des Meisters gehorchen muss, hat mich damals tief beeindruckt und ist mir noch zwanzig Jahre später lebhaft im Gedächtnis geblieben.

Es gibt eine Fortsetzung (Planet der Verschollenen?). Ausserdem interessant: Bo Anders ist ein Pseudonym, das Buch stammt aus der gleichen Feder wie die Mark Brandis-Romane (die ich als Kind ebenfalls verschlungen habe, ohne zu wissen, dass sie vom gleichen Autor stammen)


What We Do Is Secret
What We Do Is Secret
von Thorn Kief Hillsbery
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,91

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schwer verständlich aber lohnend, 13. Januar 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: What We Do Is Secret (Taschenbuch)
Ein spannender Einblick in die Punk-Szene Hollywoods um 1980, aber (wie auf der ersten Seite bereits klar gestellt wird) mehr die Geschichte des fiktionalen Rockets, dem Punk seine Identität stiftet. Erzählt werden die Geschehnisse der Nacht unmittelbar vor Rocket's dreizehntem Geburtstag, immer wieder durchzogen mit Rückblenden und Geschichten aus seiner Vergangenheit.

Das Bild einer verlorenen Seele, das dabei entsteht, ist dunkel und traurig, gespickt mit Missbrauch und Verlust, das setzt sich auch bis zum Ende fort, und obwohl das Ende wohl eigentlich auf die Vermittlung eines Hoffnungsschimmers abzielte, stellte sich dieser bei mir nicht ein.

Ich bin immer wieder erstaunt, wie Autoren es schaffen, die Leser so in den Bann zu ziehen, dass sie bereit sind, sich auf ihre Distopien einzulassen. Auch hier schafft dies der Autor: Man fragt sich z.B. erst Dutzende Seiten später, in welch merkwürdiger Welt sich ein Junge unter dem Toben der Masse Industrie-Heftklammern in den Bauch jagen kann. Während Rockets die Szene beschreibt, wirkt sie jedoch völlig plausibel und authentisch.

Die Sprache ist über weite Strecken kaum verständlich bzw. löst sich in für mich bedeutungslose Satzfragmente auf. Das verleiht Rockets, dem Erzähler, zwar einen sehr eigenen Charakter - aber leider auf Kosten des Lesers. Deshalb nur 4 Sterne. Die vielen unerklärten Referenzen auf die Punk-Szene, abgekürzte Band- und Ortsnamen etc helfen ebenfalls nicht, wenn man sich in dieser Subkultur nicht bereits auskennt; man muss sich alles in mühseliger Kleinarbeit zusammenpuzzlen.


Coffret intégrale sans famille [FR Import]
Coffret intégrale sans famille [FR Import]
DVD ~ Jean Franval
Wird angeboten von Sales-For-U
Preis: EUR 18,00

8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hervorragende Kinderserie aus den 80ern, 6. Januar 2012
Ich trug seit meiner Kindheit die Bilder aus dem Bergwerk im Kopf, in dem Remi durch einen Wassereinbruch eingeschlossen wurde, und habe jahrelang nach dieser Serie gesucht, ohne ihren Namen zu kennen. Wer in den 80er Jahren Kind war und ferngesehen hat, wird sich vielleicht noch dunkel an die Geschichte erinnern: Remi wird als Kind von seinem Pflegevater an einen gutmütigen wandernden Schausteller verkauft und zieht fortan mit ihm, Hunden und Affen durch Frankreich. Doch bald kommt es zur Katastrophe, Remi kommt bei einer Diebesbande unter, bevor ihn der Schausteller rettet und kurz darauf stirbt. Remi wird in eine arme Gärtnerfamilie aufgenommen, die aber auch bald in den Ruin stürzt; fortan treibt er mit einem Freund allein als Schausteller durch die Welt, überlebt ein Minenunglück und geht nach England, wo er seine richtige Familie vermutet. Am Ende des Films findet er gleich mehrmals nach Hause.

Leider scheint die deutsche Tonspur verloren gegangen zu sein, die DVDs enthalten nur die französische Originalversion und in meinem Fall auch eine ziemlich clever gemachte englische Quasi-Synchronisation (da die Geschichte am Ende in England spielt, wo Remi die Sprache eigentlich nicht verstehen dürfte, wurden die englischen Dialoge zum Teil komplett umgeschrieben).

Das macht es schwierig, die Serie Kindern zu zeigen, für die sie eigentlich gemacht wurde (auch wenn Amazon hier darauf hinweist, dass keine FSK-Empfehlung vorliegt: Millionen Familien hat diese Serie in den 80ern vor die Fernseher geholt, mich hat sie als ca 8jährigen tief beeindruckt). Schade! Die Darstellung des Schicksals des kleinen Helden übertrifft meiner Ansicht nach qualtitativ das meiste, was heutzutage an Kinderfilmen produziert wird, um ein mehrfaches.

Die Serie beruht auf dem gleichnamigen Buch von Hector Malot, das zu seiner Publikationszeit als Sozialkritik verstanden werden sollte. Der Film hält sich im Grossen und Ganzen an die Buchvorlage und transportiert somit auch die sozialkritischen Elemente (Armut, Elend, fehlende soziale Einrichtungen, Gewalt gegen Kinder, Kinderarbeit, schreckliche Arbeitsbedingungen etc) des 19. Jahrhunderts eindrücklich und für Kinder verständlich, löst allerdings als Produkt des 20. Jh die Geschichte anders (m.E. sehr viel zufriedenstellender) auf als das mittlerweile doch recht in die Jahre gekommene Buch: Remi findet sein Glück nicht wie im Buch in den Armen seiner reichen englischen Familie, sondern bei seiner armen französischen Pfegemutter, Mere Barbarin. Sowohl Buch und Film sind Kinder ihrer Zeit.

Übrigens: Die Serien-DVDs hier bei amazon.de von Drittanbietern zu kaufen, ist unsinnig, bei amazon.fr ist sie direkt und sehr viel günstiger zu haben (Stand 2012).
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 30, 2014 9:51 PM MEST


Why The West Rules - For Now: The Patterns of History and What They Reveal About the Future
Why The West Rules - For Now: The Patterns of History and What They Reveal About the Future
von Ian Morris
  Taschenbuch
Preis: EUR 13,80

40 von 43 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Interessante Zusammenfassung von Geschichte, aber erklärt nichts, 13. Oktober 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ich wollte dieses Buch mögen, weil mir der Anfang sehr gut gefiel und ich die Schreibweise des Autors mochte.

Nachdem ich es nun gelesen habe, bin ich sehr enttäuscht. Es kriegt 3 Sterne, weil es mir eine spannende Zusammenfassung der Geschichte Chinas und der Vorgeschichte der Menschheit geboten hat und weil ich den Aufwand zu schätzen weiss, der die Sammlung der Daten für den Index bedeutet hat. Die Verfügbarkeit der Daten allein ist für Historiker wertvoll, auch wenn der Index selbst meiner Ansicht nach wohl nur bedingt brauchbar ist.

Wären diese beiden Faktoren nicht, würde das Buch 1 Stern erhalten. Der Grund dafür: Es beantwortet in keiner Weise die gestellte Frage. Der Westen herrscht, weil der fünfte Reiter der Apokalypse getötet wurde? Er herrscht, weil der Atlantik weniger breit ist als der Pazifik? Das ist schon alles?

Morris erzählt Geschichten, um die Bewegungen seines Index zu erklären, aber es bleiben Geschichten, da er für viele seiner Erklärungen keine überzeugenden Argumente liefern kann. Er arbeitet häufig mit "Was wäre wenn"-Szenarios; er müsste aber als Wissenschaftler wissen, dass mit solchen Szenarios nicht argumentiert werden kann; sie sind reine Spekulation. Viele seiner Erklärungen sind ebenso wilde Spekulationen; beispielsweise finde ich es völlig unbefriedigend, dass er die europäische Entwicklung nach der Renaissance nur mit den Bedürfnissen einer sehr einfach skizzierten atlantischen Ökonomie erklärt. Das Bedürfnis nach genauen Uhren für die Positionsbestimmung auf See soll dazu geführt haben, dass der Westen ein mechanisches Weltbild entwickelte und der Osten nicht? Das scheint mir doch etwas zu simpel zu sein, auch wenn es in eine vernünftige Richtung zielt und vielleicht Teil einer Erklärung sein könnte.

Ähnlich problematisch ist für mich die Idee, dass sich Geschichte nur an äusseren Faktoren orientiert und dass Kultur und die Entscheidungen einzelner Menschen keinen Einfluss auf die Weltgeschichte haben sollen, auch wenn sie mikroskopische Änderungen bewirken können. Was die "Grosse Männer"-Theorie betrifft, so bin ich mit Morris einverstanden, dass Menschen die Geschichte nicht ganz allein zu schreiben vermögen, dass also die Strukturen, in denen sie leben, ihnen bestimmte Handlungsspielräume eröffnen und andere verschliessen. Dass aber die Entscheide, die innerhalb dieser Handlungsspielräume getroffen werden, für die weitere Geschichte nicht relevant sein sollen, bezweifle ich doch sehr stark. So mag es sein, dass neben Kolumbus noch eine Reihe anderer Menschen bereit gewesen wären, seine Entdeckungen satt seiner zu machen, und dass dies für viele anderen Fälle auch zutrifft. Das lässt aber die zeitlichen Abhängigkeiten völlig unbeachtet. Hätte sich die Geschichte langfristig genau gleich entwickelt, wenn Amerika 50 Jahre später entdeckt worden wäre, oder von England? Ich bezweifle es. Warum wäre die Welt die gleiche geblieben, wenn Europa in die Hände von Nomadenvölkern gefallen wäre oder umgekehrt, wenn keine Angriffe aus der Steppe die Aufmerksamkeit der Habsburger gebunden und damit indirekt eine Reformation ermöglicht hätten? Wie kann Morris sich auch nur zutrauen, über eine solche Frage eine verlässliche Aussage zu machen? Hätte es eine europäische Renaissance geben können, wenn die Spartaner bei den Thermophylen die Perser nicht lange aufgehalten hätten oder wenn die Athener nicht auf Themistokles gehört hätten? Es wäre ja dann kaum zu einer Blüte griechischer Klassik gekommen, Morris scheint aber anderer Meinung zu sein. Hätte Europa in den 1930er Jahren einen zweiten Hitler präsentiert bekommen, wenn der erste Künstler geworden wäre? Hätte Mussolini seine Rolle übernommen? Hätte es den Holocaust so oder so gegeben? Ungefähr zur gleichen Zeit? Morris ist überzeugt davon, dass solche Details in der grösseren Geschichte keine Rolle spielen; mich überzeugt das nicht.

Moris widerspricht sich hier auch oft selbst. So erklärt er beispielsweise, solche Änderungen hätten zwar sehr wohl lokale Unterschiede zur Folge, z.B. hätte Frankreich sich statt England industrialisieren können, für den westlichen Kern wären sie aber insgesamt nicht relevant, da es immer noch der Westen gewesen wäre, der zuerst industrialisiert hätte, und nicht der Osten. Später schreibt er, die Welt würde über ein ähnliches ökonomisches System China-Amerika ("Chimerika") verfügen, auch wenn China und nicht der Westen herrschen würde. Also scheint es für ihn nicht einmal eine Rolle zu spielen, welcher Kern herrscht. Ich frage mich also, was den für Morris überhaupt eine Rolle spielt? Damit löst sich für mich die Frage, *warum* ein Kern herrscht, in Luft auf. Alles ist egal und kommt ohnehin so, wie es eben kommen soll, und nichts, was Menschen tun, hat irgendeinen wichtigen Einfluss auf den Verlauf der Geschichte. Auch Ideologien und Überzeugungen entwickeln sich nach Morris immer automatisch aus den jeweiligen Bedürfnissen einer Epoche, sie sind nie mitbestimmend, sondern immer nur Reaktionen. Das alles tönt für mich doch sehr nach eben jenen simplen deterministischen Weltbildern, die Morris am Anfang des Buches kritisiert.

Für Morris ist alles auf Geographie zurückzuführen, getrieben von den soziologischen Motoren Angst, Faulheit und Gier, welche letztlich die Bedeutung der geographischen Begebenheiten immer wieder neu definieren. Das Argument mit der Geographie hat Jared Diamond bereits sehr viel überzeugender präsentiert als Morris, wenn auch in etwas einfacherer Form; Morris gebührt die Ehre, die lange Lock In - Theorie wiederlegen zu können und sie durch eine andere Form von Determinismus zu ergänzen.

Schliesslich möchte ich noch etwas zum letzten Kapitel des Buches sagen. In ihm versucht Morris die Zukunft vorauszusagen. Er extrapoliert dazu seinen Index die nächsten hundert Jahre in die Zukunft. Dass er ernsthaft erwartet, dadurch eine in irgendeiner Weise relevante Beschreibung zukünftiger sozialer Entwicklung zu erhalten, die er dann "erklären" kann, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Das ist aber nur sein erster Schritt; er beschreibt dann mögliche Zukunftsszenarien in etwa der Weise, in der ich mir einen Höllentrip eines Heroinsüchtigen vorstelle. Seine Szenarien sind gelinde gesagt pure Spekulation. Morris sollte wissen, dass gerade Historiker nicht viel von Zukunftsvorhersagen halten; vielleicht würde ihm auch die Lektüre von Karl Poppers 1. Band der "offenen Gesellschaft" gut tun.

Fazit: Das Buch ist lesenswert wegen seiner oft humorvoll geschriebenen Zusammenfassung menschlicher Geschichte seit den Anfängen der Menschheit. Es erklärt jedoch praktisch gar nichts, insbesondere nicht die Frage, weshalb der Westen herrscht, obwohl es einige interessante Fragen aufwirft.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 17, 2012 9:15 PM CET


Die Frühreifen
Die Frühreifen
von Philippe Djian
  Gebundene Ausgabe

3 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Wohl kaum, 16. September 2006
Rezension bezieht sich auf: Die Frühreifen (Gebundene Ausgabe)
Das ist mein erstes und wahrscheinlich auch letztes Buch von Philippe Djian. Seine Porträtierung einer Gruppe privilegierter Jugendlicher scheint mir doch sehr missraten, frühreif hin oder her. Das Buch beschreibt keine Realität, die mir auch nur im entferntesten bekannt vorkommt, und für eine Phantasiewelt fehlt das Kreative. Letztendlich geht es in diesem Buch um wenig bis nichts, keiner der Charaktere ist liebenswert, der realste Mensch im ganzen Buch vielleicht noch der Grossvater. Die Charaktere kämpfen mit Problemen, mit denen man sich nicht identifizieren kann; die Darstellung einer Familie, die durch den Tod einer Tochter bzw Schwester in Stücke zerbröckelt, funktioniert nicht, da überhaupt alles in der porträrtierten Gesellschaft disfunktional ist.

Letztendlich fragt man sich: Na und, was solls? Ich konnte mit diesem Alptraum einer disfunktionalen Gesellschaft nichts anfangen. Auch die Sprache schien mir nicht besonders originell oder schön zu sein. Immerhin habe ich das Buch aber zu Ende gelesen, weil ich trotzdem wissen wollte, wie's ausgeht, deshalb 2 Sterne.


»Bleib übrig«: Eine Kriegsjugend in Deutschland
»Bleib übrig«: Eine Kriegsjugend in Deutschland
von Ulrich Frodien
  Taschenbuch

7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Hautnah, 15. November 2002
Eine sehr persönliche Erzählung einer missbrauchten Jugend während der letzten Kriegsjahre im 2. WK.
Was mich sehr beeindruckte, war die Unmittelbarkeit, mit welcher der Author erzählte. Man schlüpft fast in die Haut des Authors, denkt sich: und wenn das ich gewesen wäre?
Die Handlung beschreibt den Fronteinsatz, die Verwundung und die Genesung und Flucht des Authors nach Westen, schliesslich seine Gefangennahme bei Kriegsende. Man erhält dabei einen immer stärkeren Eindruck vom inneren, physischen und psychischen Zerfall "Grossdeutschlands". Fein damit verknüpft die langsame Desillusionierung des Authors. Er versucht darzustellen, in welcher Gedankenwelt er gefangen war und wie er erst viel zu spät daran zu zweifeln begann. Dann die Leere und die Verwirrung, die nach dem Zusammensturz seines Gedankengebäudes zurückblieb, als er mit dem Kriegsende erkannte, was die Nazis wirklich gewesen waren, und die Frage nach der persönlichen Schuld. Der Author beschreibt eindrücklich die damals herrschenden Ansichten und Einstellungen, die heute mitunter schwer verständlich sind.
Es ist aber nicht nur eine sehr persönliche Erzählung, sondern es spielt auch eine Anklage mit an ein nihilistisches Regime, dass zehntausende von Jugendlichen durch seine Propaganda- und Gehirnwäsche-Maschinerie zu willigen Helfern unmenschlichen Verbrechertums gemacht hat.


The Wrong Boy
The Wrong Boy
von Willy Russell
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,95

13 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Herrlich traurig!, 4. März 2002
Rezension bezieht sich auf: The Wrong Boy (Taschenbuch)
Raymond, fanatischer Morrissey-Fan, ist ein Durchschnittsmensch wie du und ich - ausser, dass er von einer phänomenalen Pechsträhne verfolgt wird. Sein Leben wird durch äussere Umstände - d.h. vor allem durch Erwachsene, die alles, was um ihn und mit ihm passiert, völlig missverstehen - zu einer einzigen Katastrophe, er rutscht von einer deprimierenden Situation in die nächste, immer Opfer einer Ungerechtigkeit. Wenn er in seinem Elend nicht so herrlich komisch wäre, möchte man weinen.
Kein Wunder, das der Junge Probleme hat. Da kann ihm auch Psycho The Rapist (der Psychotherapist) nicht helfen. Seine alleinerziehende Mutter ist überfordert; mit seinem sprichwörtlichen Pech kommt in eine psychiatrische Anstalt, wo er seine einzigen beiden Freunde kennen lernt, die einzigen Menschen, die ihm etwas bedeuten neben seiner Mutter, seinem Vater, der mit einem Banjo durchgebrannt ist, dass er nicht spielen konnte, und seiner verrückten Grossmutter, die immer seniler wird. Wenigstens endet seine Irrfahrt durch Kindheit und Jugend zum Schluss doch noch einigermassen glücklich.
Raymonds Sinn für trockenen Humor macht das Buch zu einem Schmuckstück. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als über sein Schicksal und die Art, wie er es nach und nach aufrollt, zu lachen, auch wenn es eigentlich himmeltraurig ist.
Übrigens: Wer Angelas Ashes (Die Asche meiner Mutter) mochte, findet hier vielleicht Ähnlichkeiten.


Infinity Hold
Infinity Hold
von Barry Longyear
  Taschenbuch
Preis: EUR 26,95

5.0 von 5 Sternen Recht und Gesetz, 2. März 2002
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Infinity Hold (Taschenbuch)
Die Story ist ziemlich simpel: Gefangene werden auf einen wilden Planeten abgeschoben, ins Exil.
Die Geschichte befasst sich damit, wie sich eine Gruppe Abgeschobener mit der neuen Situation zurechtfindet. Wie verhält sich die Population eines Hochsicherheitsgefängnisses, wenn sie sich plötzlich auf freiem Fuss wiederfindet, ohne Gitter und Wächter, um die ehemaligen Insassen voreinander zu schützen?
Im Verlaufe des Buches erleben wir die allmähliche Transformation der Ex-Häftlinge, von unberechenbaren Mördern zurück zu zivilisierten Menschen.
Wie alle anderen Geschichten von Barry B. Longyear ist auch diese mehr als lesenswert. Wer die Enemy-Mine-Reihe gelesen hat, kommt auch hier auf seine Kosten, obwohl wir hier keine Aliens haben, sondern nur auf sich selbst gestellte Menschen auf einem lebensfeindlichen Planeten.


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