Profil für Thaila > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Thaila
Top-Rezensenten Rang: 10.428
Hilfreiche Bewertungen: 135

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Thaila

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7
pixel
Jerusalem: Das Kochbuch
Jerusalem: Das Kochbuch
von Yotam Ottolenghi
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

18 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Großartig!, 15. April 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Jerusalem: Das Kochbuch (Gebundene Ausgabe)
Yotam Ottolenghi und Sami Tamimi sind ja die neuen Stars am Kochbuchhimmel, und wie so viele andere stammen sie aus England und betreiben in London mehrere Restaurants. Ihre kulinarischen Ursprünge haben sie jedoch in der multikulturellen Küche Jerusalems, der sie in diesem Kochbuch ein Denkmal setzten. Dabei ist das Buch mehr als ein Kochbuch. Sehr liebevoll wird auch Jerusalem mit seinen vielen Geschichten, Einflüssen und Kulturen beschrieben. Begleitet wird das ganze von großartigen Bildern, sowohl von der Stadt als auch vom Essen.
Denn das kommt in diesem wunderbaren Kochbuch keineswegs zu kurz! Die Rezeptbildern und die Zutatenzusammenstellung der einzelnen Rezepte sind wirklich ausgesprochen anregend. Die Zutatenlisten sind dabei in den meisten Fällen nicht ellenlang, das Essen oft eher schlicht, besticht aber durch interessante und außergwöhnliche Zutatenkombinationen. Nur bei den Gewürzen gehen die Autoren in die vollen. Für Hobbyköche, die noch nie arabisch oder israelisch gekocht haben, ist die Anschaffungsliste erstmal lang (Kreuzkümmel, Piment, Kardamom, Zumach Za'afar, Koriander sind an fast allen Rezepten) und auch nicht jedes Gewürz einfach zu erhalten. Nach Zumach habe ich mir die Hacken abgelaufen, ein guter Internetversand kann einem das aber ersparen. ;) Das Gute ist aber, dass die meisten Gewürze immer wieder auftauchen, außerdem sind es alles Gewürze, mit denen es sich wunderbar experimentieren lässt, wenn man etwas Exotik in die eigene Küche bringen will.
Ansonsten ist das Kochbuch von frischem Gemüse und Hülsenfrüchten geprägt. Obwohl es kein vegetarisches Kochbuch ist, lohnt sich die Anschaffung meiner Meinung nach auch für Vegetarier. Es gibt wirklich eine Vielzahl vegetarischer Rezepte.
Die Aufwendigkeit der Rezepte ist sehr unterschiedlich.Es gibt ein paar schnelle Gerichte, aber es ist tendenziell eher kein Kochbuch, wenn man abends schnell was auf den Tisch bringen will. Die meisten Gerichte sind doch eher fürs gemeinsame Kochen am Wochenende, wenn man helfende Hände zum Schnippeln hat.
Jedes Rezept wird durch eine Erklärung eingleitet, wie sie in englischen Kochbüchern ja meist üblich sind, in denen die Autoren über die Kulturgeschichte des Gerichts schreiben, oder darüber wie sie dazu inspiriert wurden. Viele Rezepte sind traditionelle Rezepte, vor allem aus der sephardischen Küche, viele sind aber auch eigene Kreationen, die von klassischen Rezepten oder Geschmackskombinationen inspiriert sind.
Bislang habe ich erst ein paar Rezepte gemacht, die alle einwandfrei gelungen sind und wirklich außergewöhnlich und sehr lecker sind. Ein wirklich einladendes Kochbuch!


Ab jetzt ist Ruhe: Roman meiner fabelhaften Familie
Ab jetzt ist Ruhe: Roman meiner fabelhaften Familie
von Marion Brasch
  Gebundene Ausgabe

10 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen bleibt blass, 27. März 2012
Marion Brasch erzählt in "Ab jetzt ist Ruhe" die Geschichte ihrer ungewöhnlichen Familie. Beide Eltern sind jüdischer Herkunft und sind nach dem 2. Weltkrieg aus dem englischen Exil in die DDR gegangen. Der Vater als überzeugter Kommunist, um ein besseres Deutschland aufzubauen, die Mutter, die aus großbürgerlichen Wiener Verhälntissen kam, eher wiederwillig. Marion hat drei ältere Brüder, allemsamt Künstler, am bekanntesten ist wohl ihr ältester Bruder Thomas Brasch, der sich als Schriftsteller und Regisseur einen Namen machte.
Marions Familie ist zutiefst zerissen. Da sind zum einen die Konflikte zwischen den Eltern. Der Vater ist ein dogmatischer Parteifunktionär, die Mutter hat in der kleinbürgerlich-piefigen DDR nie eine Heimat gefunden. Auch zwischen dem Vater und seinen Söhnen setzten sich diese Konflikte fort. Die Söhne rebellieren gegen den Staat ihres Vaters. Der älteste muss ins Gefängnis - er hat illegale Flugblätter verteilt - und verlässt später die DDR. Der mittlere nimmt sich das Leben und der jüngste ist Alkoholiker un lebt davon Kindermärchen zu schreiben, in denen Eltern zwischen den Zeilen eine Kritik am System erahnen können. Für die Konflikte seiner Söhne bringt der Vater keinerlei Verständnis auf, veilleicht auch weil er mit jedem Fehlverhalten seiner Söhne degradiert wird und sich für deren mangelnde Erziehung verantworten muss. Die sehr viel jüngere Marion wird bei Streits meist aus dem Zimmer geschickt. Auch später nimmt sie immer wieder die Position der Vermittlerin ein und leidet zeitlebends unter dem mangelnden Respekt ihrer Brüder.
Marion Brasch beschränkt sich konsequent auf die Erzählperspektive ihres kindlichen bzw. jugendlichen Ichs. Sie versucht ihre damaligen Erfahrungen und Erinnerungen wiederzugeben, fügt diesen jedoch keinerlei nachträgliche Reflektionen hinzu. Besonders auffällig wird das zum Beispiel in einer Szene, in der einer ihrer Brüder ihr erzählt, ihre Mutter habe ihm gesagt, sie könne Marion nicht besonders leiden. Marion wehrt diese Aussage ab, sie sei nicht war. Dass sie diese Episode aufnimmt, zeigt wie bedeutsam sie für sie gewesen sein muss. Sie berichtet jedoch nicht, wie sie sich dabei danach gefühlt hat, wie dieses Ereignis ihr Verhältnis zu ihrer krebskranken Mutter verändert hat oder wie sie als Erwachsene damit umgegangen ist, dass ihre Mutter sie nicht besonders geliebt hat.
Auch ihre Brüder bleiben trotz der zentralen Stellung, die sie im Leben ihren Schwester eingenommen hatten, merkwürdig blass. Dazu passt, dass die engsten Familienmitglieder namenlos bleiben. Marion Brasch hatte offensichtlich wenig Möglichkeiten ihre Brüder wirklich kennenzulernen. Es geschieht aber auch keine nachträgliche Annäherung.
Auch ihr Verhältnis zum Staat reflektiert Brasch nicht im Nachhinein. Marion ist unpolitisch. In die Partei tritt sie ihrem Vater zuliebe ein, ist von pflichtmäßigen Parteiversammlung aber genervt. Das politische System empfindet sie in der Tat eher als nervig, als als bedrohlich oder wirklich einengend. Die mangelnden Konsummöglichkeiten scheine für sie ein größeres Problem zu sein als politische Einschränkungen. Braschs Erzählung ist sehr ehrlich, sie versucht sich nicht im nachhinein eine Widerstandsbiographie zu schneidern. Ihr Verhältnis zum Staat ist sicherlich sehr typisch für das vieler DDR-Bürger und mag sowohl das lange Bestehen der DDR als auch ihr plötzliches Ende besser zu erklären, als die Erinnerungen von Dissidenten, die meist im medialen Fokus stehen.
Trotzdem ist die engesschränkte Perspektive, die Brasch wählt, für den Leser eher unbefriedigend, weil sie sehr an der Oberfläche bleibt, viele Fragen unbeantwortet lässt. Ich hatte das Gefühl, als würde die Autorin sich immer noch klein machen im Vergleich zu ihren intellektuelleren Brüdern. Auch sprachlich ist das Buch kein Meisterwerk, es lässt sich aber gut lesen.
Das Buch ist dennoch lesenswert, weil es die Geschichte einer wirklich ungewöhnlichen, interessanten Familie erzählt. Und weil einige Passagen, die das Verhältnis zu den Eltern beschreiben, herausragen und ein Gefühl für diese schwer beschädigte Familie vermitteln.


Manneskraft per Postversand: Roman
Manneskraft per Postversand: Roman
von Karin B. Holmqvist
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

4.0 von 5 Sternen Geschichte einer späten Emanzipation - anrührend und lustig, 24. März 2012
Die Schwester Elida und Tilda wohnen in einer Kleinstadt in Schweden. Seit dem Tod ihrer Eltern hat sich in ihrem Leben nicht viel geändert. Sie sind äußerst sparsam, leben von der Ernte ihres Gartens und auch ihr Haus bleibt, wie es immer war mit Plumpsklo und nie genutzter guter Stube. Und so schleicht das Leben dahin bis die Schwestern alt sind. Doch eines Tages zieht ein neuer Besitzer ins Nachbarhaus, Alvar ein weltgewandter Städter, der der Schwester exotische Alkoholiker und feine Seidenschals mitbringt. Eine intensive Freundschaft entwickelt sich und Elida und Tilda verändern sich. Auf ihre alten Tage werden sie geradezu frivol, kaufen sich Perlenketten und bunte Kleider und wünschen sich nach all den Jahren eine Innentoilette. Da ihre kleine Rente nicht reicht, kommen sie auf eine geniale Geschäftsidee. Ihnen fällt auf, dass die Tiere im Nachbargarten einem unwiederstehlichen Paarungsdrang unterworfen sind, sobald sie von Alvars Petunien gefressen haben. Warum dies nicht auch für Menschen nutzbar machen? Also gründen sie einen Postversand for Potenzmittel. Und der wirbelt ihr Leben gewaltig durcheinander....

Manneskraft im Postversand ist eine wunderschöne, kleine Geschichte. Mit viel Liebe beschreibt Holmquist die kleinen Macken ihrer Figuren. Vor allem die Beziehung der beiden Schwestern, die ebenso symbiotisch wie spannungsreich ist, erzählt sie sehr zärtlich und sehr genau. Obwohl die Schwestern extrem naiv und lebensunerfahren sind, kommen sie nie dümmlich rüber. Sie sind äußerst liebevoll und sympatisch.

Interessant und zum Nachdenken anregend fand ich auch den Umgang der Schwestern mit Dingen. Da sie immer sparsam gelebt haben und sich nie etwas gegönnt haben, freuen sie sich über den Einkauf einer Badezimmermatte aus Polyester wie kleine Kinder über ihr Lieblingsspielzeug. Mich hat es nachdenklich gemacht, über unser Verhältnis zu Dingen in der heutigen Konsumgesellschaft.

Das Buch liest sich locker-süffig weg, ist dabei aber nicht vollkommen gehaltlos, sondern erzählt die Geschichte einer späten Emanzipation auf anrührende Weise.


Niederland
Niederland
von Joseph O'Neill
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Leben nach dem 11. September, 23. März 2012
Rezension bezieht sich auf: Niederland (Taschenbuch)
New York nach dem 11. September: Der Niederländer Hans lebt mit seiner Familie im Hotel Chelsea, in das sie gezogen sind, als ihre Wohnung in Manhattan evakuiert wurde. Auch nach Ende der Evakueirung gelingt es ihnen nicht ihre Angst zu überwinden und in ihre Wohung zurück zu kehren Ebenso wenig gelingt es ihnen, ihr Leben als Paar und als Familie wieder aufzunehmen. Feine Risse in der Beziehung sind nach 9/11 breite Gräben. Es ist als hätten sie danach keine gemeinsame Sprache mehr, in der sie sich miteinander verständigen können.
Seine zutiefst verängstigte Frau Rachel kehrt mit dem Sohn ins heimatliche London zurück und Hans bleibt alleine im Hotel Chelsea zurück. Er drifftet ziemlich orientierungslos dahin, bis er seine alte Liebe zum Cricket wiederentdeckt und bei einem Spiel Chuck Ramkisson kennenlernt. Chuck stammt aus Trinidad und ist eine schillernde Figur. Er träumt davon, Cricket in den USA populär zu machen und versucht Hans zu überreden als Investor einen Cricket-Stadions einzusteigen. Im Grunde bleibt Chuck für Hans ein Rätsel. Ist er ein Visionär, ein Verrückter, ein Gangster, ein Geschäftsmann? Aber er ist von seiner Energie und seiner Erzählgabe fasziniert.
"Niederland" von Joseph O'Neill hat mich schwer fasziniert. Von allen Romanen, die ich über den 11. September gelesen habe, konnte es mir am eindringlichsten die Atmosphäre der Stadt nach dem Angriff zeigen, ohne dass dies ein besonderer Fokus des Autors gewesen zu sein scheint. Der Autor bleibt ganz im Privaten, im Zwischenmenschlichen, beobachtet dabei sehr genau.
Auch wenn ich die Geschichte von Hans und Rachel interessant zu lesen fand, besticht der Roman vor allem durch sein Arsenal an fast schon phantastischen Nebenfiguren. Da ist Chuck, aber auch ein türkischer Transexueller, den Hans gelegentlich im Hotel trifft, und der stets mit einem Engelskostüm herumläuft und ein einsamer, indischer Restaurantkritiker. Viele Szenen wirken, als stammen sie aus einem surealistischen Traum, sind aber - und das hat mir besonders gefallen - in der Realität verankert. Der Roman zeichent sich aus durch einen feinsinnigen, unaufdringlichen Humor, der Hans' grüblerische Neigungen ausbalanciert.
Wirklich ein außergewöhnliches Buch, mit das beste was ich in letzter Zeit gelesen habe.


Der Mann schläft: Roman
Der Mann schläft: Roman
von Sibylle Berg
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Der Mann schläft... der Leser am Ende auch, 22. März 2012
Rezension bezieht sich auf: Der Mann schläft: Roman (Gebundene Ausgabe)
Die namenlose Hauptfigur dieses Romans ist eine ältere Frau. Von der Liebe ist sie gründlich enttäuscht. In ihren Affären mit jüngeren Männern ist sie immer wieder verlassen worden. Sie hat die Menschen gründlich satt, als sie dem Mann begegnet. Auch er bleibt namenlos, ist immer nur der Mann. Er ist weder schön, noch leidenschaftlich, sondern ebenso wie die Frau der Geschichte ziemlich träge. Der Mann schläft, wie schon der Titel sagt. Aber für die Frau ist er genau der Mann, den sie braucht. Seine Selbstzufriedenheit gibt ihr Sicherheit. Und dann verschwindet er plötzlich auf einer Reise auf einer südchinesischen Insel spurlos ohne eine Nachricht zu hinterlassen und die Frau ist vollkommen verstört.
Sybille Bergs Roman erzählt sehr klug über die Liebe, auch wenn sie dieses Wort nicht einmal benutzt. Die Liebe muss kein loderndes Feuer sein, sondern ist manchmal ganz unspektakulär oder wie die Frau es ausdrückt: "Sie war alt genug zu wissen, dass es ein großen Glück ist, jemanden zu treffen, den man so sehr mag, dass er einen nicht nervt." Diesen Satz habe ich mir dick angestrichen, denn ich finde ihn seiner Schlichtheit absolut zutreffend. Seltern hat ein Buch die Ereignisarmut einer erfüllten Beziehung so gefeiert.
Auch die Erzählweise des Romans ist interessant, nach und nach setzt sich die Lebensgeschichte der Frau zusammen.
Leider trägt Sybille Bergs Erzählung nicht über die Länge des Romans. Eine Erzählung wäre vielleicht angemessener gewesen. So wiederholen sich die Erkenntnisse der Protagonisten, ihr Menschenüberdruss und ihr Bedürfnis nach Ruhe immer und immer wieder, bis man ihrer ebenso überdrüssig ist wie sie den Menschen. Auch die etwas absurde Handlung auf der chinesischen Insel kann darüber nicht hinweghelfen. So fand ich die zweite Hälfte des Romans schlicht langweilig.
Da ich Euch ja schlecht raten kann, den Roman nur halb zu lesen, kann ich keine uneingeschränkte Leseempfehlung geben. Wen jedoch die Liebe interessiert, die Frage wie und warum Beziehungen funktionieren (oder eben auch nicht), dem bieten Sybille Berg eine originelle, kluge Perspektive auf dieses Thema.


Schlechte Neuigkeiten: Roman
Schlechte Neuigkeiten: Roman
von Edward St.Aubyn
  Taschenbuch

3.0 von 5 Sternen kommt nicht an den Vorgänger heran, 14. Februar 2012
Rezension bezieht sich auf: Schlechte Neuigkeiten: Roman (Taschenbuch)
Patrick, das gequälte Kind aus dem Vorgängerroman "Schöne Verhältnisse", ist Mitte Zwanzig, als sein Vater stirbt. Er fährt nach New York um dort die Urne seines Vaters abzuholen. Sein Leben als Erwachsener hat er bislang als reicher Erbe im permanenten Drogenrausch verbracht. Er ist schwer abhängig. Mit dem Tod seines Vaters, der ihn als Kind missbraucht hat, nimmt er sich einmal mehr vor, clean zu werden. Zuerst feiert er jedoch den Tod seines Vaters mit einem gigantischen Drogenrausch.
Wie bereits im ersten Teil reduziert St Aubyn die Handlung des zweiten Bandes auf wenige Stunden, wie eine Art erzählerischer Essenz von Patricks Leben. Was im ersten Roman unglaublich intensiv funktioniert, funktioniert hier nicht. Obwohl der Roman kurz ist, wirkt er redundant. Patricks einziger Gedanke ist die Suche nach neuen Drogen, selbst der Tod seines Vaters verblasst dagegen. Ich fand das irgendwann nur noch anstrengend zu lesen.
Im Grunde ist Patricks Entwicklung eine logische Konsequenz aus seiner Kindheit. Er betäubt seine Erinnerung, er ist ähnlich gefühlskalt und zynisch wie seine Umgebung. Wir erleben Patrick in einem Zustand der Stagnation. Er vermag es nicht, aus der Umklammerung durch seinen Vater zu lösen, auch nach dessen Tod nicht.
Der Roman ist brilliant geschrieben, aber sein Protagonist ist weniger interessant als die Figuren von "Schöne Verhältnisse". Und als Charakterstudie steht und fällt St Aubyns Trilogie mit den Figuren.


Schöne Verhältnisse: Roman
Schöne Verhältnisse: Roman
von Edward St Aubyn
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Phantastisch, 14. Februar 2012
Rezension bezieht sich auf: Schöne Verhältnisse: Roman (Taschenbuch)
Der deutsche Titel "Schöne Verhältnisse" beschreibt schon sehr gut den zynischen Grundton dieses Buches. Schön sind die Verhältnisse in der Familie Melrose nur an der Oberfläche. Sie lebt in einem wunderschönen Landhaus in Südfrankreich, haben Geld und berühmte Freunde. David Melrose, der Vater der Familie, macht diesen Traum jedoch zu einem Alptraum. Sein Sadismus zeigt sich bereits in der grandiosen Eingangsszene, als er eine Hausangestellte zwingt ein freundliches Gespräch mit ihm zu führen, während sie schwere Wäsche trägt. David Melrose Sadismus ist kultiviert und glatt und darum um so schlimmer. Seine Frau zwingt er verdorbene Früchte mit dem Mund vom Boden zu essen und seinen Sohn vergewaltigt er als Strafe für eine Lappalie.
In St Aubyns Roman wird ein einiziger Tag im Leben der Familie beschrieben. Die Figurenkonstellation erinnert an ein Kammerstück. Alles läuft auf ein abendliches Dinner mit Freunden hinaus, wiederum eine einzige Inszenierung von Davids Menschenhass. David Melrose ist der wirklich bösartige Charakter dieses Romans, aber auch die anderen Charaktere sind kaum besser. Fast alle scheinen die Angehörigen der englischen Upper Class vollkommen frei von moralischen Überlegungen zu sein. Einziges Ziel ist es den guten Ton perfekt zu treffen.
St Aubyn zieht einen in eine wahnwitzige Welt von Snobismus, Ennui und vollkommenem Desinteresse an anderen Menschen. So sind die Berichte über Davids Verhalten gegenüber seiner Frau für die Beteiligten nicht viel mehr als pikante Anekdoten.
Das könnte so unerträglich sein, dass man es nicht schafft, dieses Buch zu lesen, aber St Aubyn balanciert seinen Roman aus, mit einem scharfen, bösen Humor. Man schwankt zwischen Lachen und Grauen.
Ein phantastischer Roman, mit das beste, was ich in letzter Zeit gelesen habe.


Nette Aussichten: Roman
Nette Aussichten: Roman
von Edward St Aubyn
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Böse - bitterböse, 13. Februar 2012
Rezension bezieht sich auf: Nette Aussichten: Roman (Taschenbuch)
Nette Aussichten ist der letzte Teil einer Trilogie um Patrick Melrose. Patrick ist Angehöriger der britischen Upper Class. Sein Vater, ein Sprössling einer der ältesten Familien Englands, ist ein Sadist, der die Mutter demütigt und Patrick als Kind missbraucht. Als Erwachsener betäubt Patrick sein Trauma mit Drogen.

Im dritten Band nun stellt sich Patrick seiner Vergangenheit. Seine Drogensucht hat er einigermaßen in den Griff bekommen und zum ersten Mal erzählt er seinem besten Freund ausgerechnet auf einer Party auf einem mondänen Landsitz mit royaler Beteiligung vom Missbrauch durch seinen Vater. Zum ersten Mal in seinem Leben ist Patrick in der Lage so etwas wie einen Schlussstrich zu ziehen.

Der erster Teil der Reihe ist grandios und gehört zu dem bedrückensten und eindringlichsten, dass ich in letzter Zeit gelesen habe. Der zweite Band hingegen fiel ziemlich stark ab. Zum Glück knüpft der dritte Band wieder an den Anfang an, indem St Aubyn das tut, was er am besten kann: über die englische High Society schreiben. Die Welt, die er beschreibt, ist absolut albtraumhaft. Missgunst, Ennui und ein unglaublicher Sobismus verbergen sich kaum unter einer dünnen, hauchdünnen Schicht von Schicklichkeit. In dieses Welt, die von Kaltherzigkeit geprägt ist, ist Kindesmissbrauch eigentlich nur eine logische Konsequenz.

Diese Beschreibungen könnten albtraumhaft zu lesen sein, wenn St Aubyn nicht gleichzeitig so viel Humor hätte. Ein bitterer, ein tiefschwarzer Humor ist es allerdings.


Wie ich mich einmal in alles verliebte: Roman
Wie ich mich einmal in alles verliebte: Roman
von Stefan Merrill Block
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Leichtfüssiger Roman über ein ernstes Thema, 12. Februar 2012
Ein bißchen verwirrend ist der Anfang von Stefan Merill Blocks Roman "Als ich mich einmal in alles verliebte". Da geht es zum einen um einen buckeligen Mann, der sich in die Frau seines Bruders verliebt. Abel erzählt die Geschichte aus der Rückschau, mittlerweile ist er alt und klammert sich mit aller Kraft an seine Farm, die von Enteignung bedroht ist. Zum anderen ist da Seth, ein Junge, dessen Mutter zunehmend verwirrter wird und offensichtlich an Alzheimer leidet. Beide erzählen ihre Geschichte, und man fragt sich, handelt es sich um die selbe Person, in verschiedenen Lebensphasen oder gibt es einen anderen Zusammenhang zwischen ihnen. Und dann gibt es zwischendurch immer wieder märchenhafte Erzählungen über Isidora, das Land des Vergessenes, sowie wissenschaftlich anmutende Abschnitte über die Entstehung einer Variante des Alzheimers, die besonders perfide ist, da sie bereits in den mittleren Jahren auftritt und nicht erst im fortgeschrittenen Alter. Diese Erkrankung zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman und verbindet die verschiedenen Erzählstränge und Erzählweisen miteinander. Sehr kunstvoll verflechtet der Autor diese Geschichten miteinander.

In diesem Roman über Alzheimer geht es weniger um die Betroffenen, als um die Angehörigen und wie sie versuchen, diesen Abschitt auf Raten zu verarbeiten. Dabei fällt es ihnen sehr schwer, die Krankheit zu akzeptieren. Zu traumatisch ist es, das langsame Zerbrösseln des Geistes eines geliebten Menschens zu ertragen. Dazu kommt die quälende Frage, ob man das fatale Gen, das die Krankheit auslöst, womöglich selber in sich trägt. Block erzählt über die Gefühle der Betroffenen sehr einfühlsam.
Wie in jedem guten Buch bedeutet die Krankheit mehr als nur ein Leidensweg. Sie steht im Roman auch als Metapher für eine Gesellschaft, in der nur die Zukunft zählt und alles Alte schnell an Wert verliert, der Geschichte eines Menschens der eines Ortes wenig Wert beigemessen wird.

All das beschreibt Block leichtfüssig und sehr süffig lesbarer Form.


Der Vogel, der spazieren ging: Roman
Der Vogel, der spazieren ging: Roman
von Martin Kluger
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Charmant, 10. Februar 2012
Man könnte Samuel Leiser eine gescheiterte Existenz nennen, er hat es sich in seinem Leben jedoch ganz gemühtlich eingerichtet. Er übersetzt die Romane seines Vater, erfolgreicher Autor einer Krimi-Reihe, ins Deutsche und lebt in einer ziemlich verfallenen Wohnung in Paris, ein Überbleibsel seiner Zeit mit Frau und Kind, die ihn beide verlassen haben. Eines Tages überschlagen sich jedoch die Ereignisse. Seine pubertierende Tochter will zu ihm ziehen, sein Vater und sein Onkel kündigen sich an und zu allem Überfluß verliebt er sich in seine Spanischlehrerin.
Martin Klugers Roman erinnert ein bißchen an Dany Levys Film "Alles auf Zucker" oder "Einfach so" von Lilly Brett. Erzählt wird auf charmantische und witzige Weise die Geschichte einer disfunktionalen jüdischen Familie. Samuels Vater wächst bei seinem Vater und seinem kleinkriminellen Onkel in New York auf, die drei sind unter ziemlich dubiosen Umständen aus dem Europa der Nationalsozialisten geflohen, das Schicksal von Samuels Mutter ist ein Geheimnis. Die jüdische Identität und der Holocaust sind in der Familie Leider kein Thema. Fast agressiv reagiert Samuel als seine Tochter Ashley beginnt sich für jüdische Kultur zu interessieren. Im Verlaufe der Geschichte muss er jedoch einsehen, dass diese Vergangenheit für ihn und seinen Vater sehr wohl eine Bedeutung hat. Die Geschichte wird im Verlaufe der Zeit zunehmend skuriler, jedoch auch düsterer trotz des leichten Grundtons.
Martin Kluger ist mit "Der Vogel, der spazieren ging" ein unterhaltsames, witziges, trauriges und ernsthaftes Buch gelungen, das viel Stoff zum Nachdenken bietet.


Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7