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Rezensionen verfasst von
W. Öschelbrunn (Berlin)

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Arbeit und Struktur
Arbeit und Struktur
von Wolfgang Herrndorf
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

3 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Anstelle einer Rezension - Ein Gang in Gedenken, 9. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Arbeit und Struktur (Gebundene Ausgabe)
Berlin - Novalisstraße - Zuhause in schweren Zeiten. Die schicke Mitte ist woanders. Zukunftsängste? Zweifel. Der Ort der Panik nach der Diagnose. Die eigene Zukunft ist eine statistische Frage. Hier werden Tschick und Sand zu dem, was sie heute sind. Hier fällt die Entscheidung, jahrzehntelanges Tagebuchschreiben aufzulösen. Die Blick auf die Person vor 2010 bleibt nur den engsten Freunden vorbehalten.

Kein Rabe in der Einfahrt. Wo mag der jetzt sein? Die Torstraße ist gleich um die Ecke. Der eigene Kiez. Hier wurde nach dem Fußball eingekehrt, solange bis die Touristen überhand nahmen. Die Bergstraße ist nicht weit. Die Fußballmannschaft ist wieder komplett. Zahlenmäßig. Keiner steht am Spielfeldrand und deckt die Augen mit der Hand ab, um Trauer für sich zu behalten.

Nicht weit der Dorotheenstädtische Friedhof. Ganz nah beim alten Kiez. Ein passender Ort. Der Grunewald ist nicht hier.

Einige Minuten zu Fuß. Die Charite. Auch heute gibt es hier Menschen, die um ihr Ende wissen. Lesen sie Arbeit und Struktur?

Bis zum Nordufer 12 ist es weiter als erwartet. Im Internet sieht man die Dachterasse. Der Blick muss schön sein. Berliner Idylle. Wasser, Industrie, krüppelige Bäume. Wohnt hier wieder jemand? Was weiß wer auch immer hier heute wohnt über die Monate bis August 2013? Kann man hier wohnen, wenn man Arbeit und Struktur gelesen hat?

Das Nordufer entlang, am Virchow vorbei. Der Weg der Wege. Solange aufgeschoben, bis es nicht mehr ging. Gedanken bei C. Über die Seestraße bei Grün. Kein Verrückter, der die Entscheidung abnimmt.

Der Plötzensee. Ein besonderer Ort. Niemand im Wasser. Die Sonne bricht durch die Wolken. Unglaublich kitschig. Jogger, Jogger, Jogger. Nachts ist hier vermutlich nichts los. Warum nicht hier? Um den See rum oder den direkten Weg am Nordufer? Was war größer? Trauer, Verzweifelung, Angst es nicht zu schaffen oder doch Erleichterung?

Der Hohenzollernkanal. Jetzt nur noch den Kanal entlang. Den Ort wiedergefunden. Die Spundwände sind noch weiter geradeaus. Aber hier gibt es einen Baum. Der Baum im Rücken, das Wasser vor Augen. Hoffentlich kein Ort für Nachahmer. Ein stümperhaft zusammengeschweißtes Metallkreuz. Der Wunsch war nicht vermessen.


Winter Journal
Winter Journal
von Paul Auster
  Gebundene Ausgabe

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Speak now before it is too late ...", 29. September 2012
Rezension bezieht sich auf: Winter Journal (Gebundene Ausgabe)
"... and then hope to go on speaking until there is nothing more to be said. Time is running out, after all".

Ja, das Leben ist endlich. Das Ende kann überraschend kommen, keiner weiß es besser als Paul Auster, dessen Vater und Mutter jeweils ohne lange Leidenszeit von jetzt auf gleich starben. Was sich für viele wie ein Traum vom schmerzfreien plötzlichen Ende anhört, hat für Paul Auster aber auch eine bedrückende Seite: keine Chance mehr haben, Abschied zu nehmen, Dinge geradezurücken oder zu ordnen. Was wenn der Autounfall vor einigen Jahren weniger glimpflich ausgegangen wäre? Was wenn die Gräte vor vielen Jahren nicht auf halber Strecke im Hals stecken geblieben, sondern sich tiefer in Austers Innereien eingegraben hätte? Auster will nicht leiden und schon gar nicht seinen Lieben zur Last fallen, Joubert gibt die Richtung vor: "one must die lovable (if one can)".

"Winter Journal" ist Austers äußerst persönliche Reflektion über sein Leben. Sein 64zigstes Lebensjahr geht zu Ende. Seit Jahrzehnten glücklich verheiratet, schreibt er schon lange nicht mehr nur zum Broterwerb. Man könnte sagen, Auster ist ein glücklicher Mensch und ist sich dessen auch bewußt. Umso mehr als im Rückblick die Weichenstellungen seines Lebens keinesfalls alternativlos gewesen scheinen. Es sind die kleinen Zufälle des Lebens, die absichtlosen Handlungen, die wie riesige Schmetterlingsflügel den Lauf seines Lebens in glückliche Bahnen lenkten. Auster springt durch die Zeiten, erinnert sich der Orte seines Lebens, der Menschen, die sein Leben prägten. Und kommt doch immer wieder in die Gegenwart zurück, in der er fast schon staunend auf sein Leben zurückschaut.

Die Stimmungslage in Auster "Winter Journal" ist dabei keineswegs nur melancholisch. Nicht von ungefähr beginnt auf den letzten Seiten von Austers Werk der Frühling, Auster freut sich auf die neuen Blüten, auf die Rückkehr der Zugvögel. Und der Leser freut sich mit ihm. Hier schreibt ein Autor, der sich seiner Vergänglichkeit bewußt aber zugleich mit sich selber im Reinen ist. "You ask yourself: How many mornings are left? A door has closed. Another door has opened. You have entered the winter of your life."


Micro
Micro
von Michael Crichton
  Gebundene Ausgabe

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Liebling, auch Michael hat die Kinder geschrumpft, 12. August 2012
Rezension bezieht sich auf: Micro (Gebundene Ausgabe)
"Numquam obliviscemur Michaelis Crichtonis" (Niemals werden wir Michael Crichton vergessen)

Das Motto, welches sich etwas versteckt in der Skizze des Romanschauplatzes findet, könnte auch als Motto des Geschehens in Michael Crichton's postum erschienenem letzten Roman "Micro" dienen, denn in ihm werden ein letztes Mal all diejenigen Elemente zusammengeführt, die als Erfolgsmerkmale der Romane Crichtons gelten könnten: Eine Storyline um skrupellose geldgierige Verbrecher, die sich einen wissenschaftlichen Durchbruch zunutzen machen wollen. Eine Gruppe ahnungsloser Studenten, die den Verbrechern in die Quere stolpert und folglich nun um ihr Leben kämpfen muss. Reichlich hollywoodfähige Actionelemente, Twists und Turns und am Ende ein Finale furiosum.

Zugegebenermaßen bleibt Micro "wissenschaftlich" betrachtet hinter vielen der Vorgängerromane zurück, da die Basis des Plots wenig originell daherkommt: Mittels starker Magnetfelder ist es einer kleinen Biotechfirma auf Hawaii gelungen, Menschen und Maschinen auf Miniaturformat zu schrumpfen. Offiziell soll diese Technologie nun zur Ausbeutung des natürlichen Reichtums der Flora und Fauna Hawaiis eingesetzt werden, um so Wirkstoffe zur Heilung der großen Menschheitskrankheiten zu gewinnen. Inoffiziell gibt es natürlich auch weniger menschenfreundliche Anwendungsgebiete, nicht zuletzt militärischer Natur. Es resultiert eine Verfolgungsjagd durch die Fauna und Insektenwelt Hawaiis, bei der sich die auf Zentimetergröße zusammengeschrumpften Menschen riesenhafter Ameisen, Wespen und sonstigem Kriechgetier erwehren müssen. Was sich niedlich anhört, ist tatsächlich nicht unbedingt für zartbehütete Gemüter geeignet. Die Natur ist keine Puppenküche will uns der Autor vermitteln und opfert die Mehrzahl seiner Romanprotagonisten äußerst anschaulich dieser These. Sollte es zur Filmadaption kommen (wovon ich ausgehe), bin ich schon heute gespannt, welche Altersfreigabe die Leinwandversion erhalten wird, denn "schön" ist es nicht, wenn ein Minimensch vor den Eingang eines Ameisenbaus stolpert und von den Bewohnern als Zwischenmahlzeit auf zwei Beinen wahrgenommen wird.

Natürlich ist die Romanidee wenig originell. Menschen, die gewollt oder ungewollt zusammengeschrumpft worden sind und dann von Kriechgetier verfolgt durch den eigenen Garten stolpern, haben schon so manchen Hollywoodfilm bevölkert. Zugegebenermaßen fehlt dem Roman auch der wissenschaftliche Unterbau, für den die Crichton Romane sonst bekannt sind. Warum zum Beispiel sollte es auf Miniaturformat geschrumpfte Menschen brauchen, um Pflanzen und Insekten zu sammeln und deren Inhaltsstoffe als Medikamente zu testen? Es braucht ja auch keine geschrumpften Mini-Menschen, um die DNA aus einer Blutprobe zu isolieren.

Trotz dieser Schwächen bekommt "Micro" von mir dennoch 5 Sterne! Ich habe "Micro" in knapp zwei Tagen verschlungen, begeistert von der Spannung der Handlung. "Micro" hat mich an die vielen schönen Lesemomente erinnert, die mir Crichton mit seinen phantasievollen Romanen (besonders Congo, Jurassic Park und Prey) bereitet hat. Es ist auch bemerkenswert, dass ich keinen Bruch im Plot oder im Erzählstil wahrgenommen habe. Richard Preston hat es offensichtlich geschafft, ganz "Crichton"-like den Roman zu vollenden. Zurück bleibt das Bedauern, dass es nach "Micro" kein nächstes Mal mehr geben wird, kein erneutes Eintauchen in die Ideenwelt des Michael Crichton. Umso mehr gilt: Numquam obliviscemur Michaelis Crichtonis.


Sunset Park
Sunset Park
von Paul Auster
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Über Väter und Söhne - kein ganz typischer Auster-Roman - und doch ein gutes Buch!, 11. August 2012
Rezension bezieht sich auf: Sunset Park (Gebundene Ausgabe)
"Until you are wounded, you can not become a man". In "Sunset Park" schreibt Auster über Verwundungen, die nicht durch Waffen verursacht werden, und doch genauso lange nicht verheilen wollen, und über die mühsame Rückkehr zur Normalität.

Paul Austers neuester Roman ist kein "gewöhnlicher" Auster: Es fehlen die so Auster-typischen Erzählstränge, die eben noch den Roman dominieren und wenige Seiten später im Off verschwinden. Auch die (für Neu-Austerianer schwierig zu verstehenden) Querbezüge zu früheren Auster-Romanen sucht der Leser in "Sunset Park" vergeblich. Und dennoch - oder vielleicht gerade deswegen - ist "Sunset Park" ein richtig gelungener Roman, am ehesten vergleichbar mit Austers "Man in the dark". "Sunset Park" ist dabei auch für Nicht-Muttersprachler im amerikanischen Original geeignet.

In einem heruntergekommenen Haus angrenzend an Brooklyns großen Friedhof Green-Wood Cemetery treffen die Lebenswege von vier äußerst unterschiedlichen Personen aufeinander: Bing Nathan, der heimliche Hausherr, Gelegenheitsmusiker, Geschäftsführer des "Hospital of Broken Things" und erklärter Technik-Verachter lebt davon, die Devotionalien vergangener, prämoderner Tage zu reparieren. Ellen Brice, Immobilienmaklerin und erfolglose Künstlerin im Zweitberuf, versucht in ihrem tristen Alltag die drohenden Angstzustände und depressiven Phasen auf Distanz zu halten. Alice Bergström kämpft sich tagein, tagaus durch ihre Doktorarbeit, in der sie sich mit der Re-Integration der Soldaten des Zweiten Weltkrieges in die amerikanische Zivilgesellschaft beschäftigt. Vierter im Bunde - und Hauptfigur des Romans - ist Miles Heller, der sich seitdem er vor fast 8 Jahre das College und sein damaliges Leben von heute auf morgen verlassen hatte, mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten hat.

Was hatte Miles ins selbstgewählte Exil getrieben? Warum brach er sämtliche Kontakte zu seiner Familie ab? In eingestreuten Rückblenden entfaltet Auster das volle Geflecht der Hellerschen Familiengeschichte. Vater Morris Heller, Besitzer eines kleinen New Yorker Verlags, leidet unter dem Verschwinden seines Sohnes, auch wenn er ihn nie ganz aus den Augen verloren hat. Dass auch Miles heimlich immer über die Geschehnisse zuhause informiert war, weiß hingegen Vater Morris nicht. Was hat Miles nun zurück nach New York getrieben und wird ihn der Weg auch zu seinem Vater führen?

Das neue Domizil der vier vom Leben Verwundeten ist allerdings nur eine Heimat auf Zeit. Die vier Freunde hatten das leerstehende und verwahrloste Haus kurzerhand in Besitz genommen. Nun droht täglich die Vertreibung aus ihrem neuen Heim. Wird die verbleibende Zeit reichen, um die anstehenden Herausforderungen des Lebens zu meistern?

"Sunset Park" ist trotz seiner "nur" 300 Seiten ein sehr reichhaltiger Roman: Nicht nur die Familiengeschichte der Hellers, sondern auch die Lebenswege und Verirrungen der anderen Haus-Bewohner füllen die Seiten. Ich denke, dass z.B. Fans von Franzens "Freedom" sehr viel Freude an "Sunset Park" haben werden. Mit den Figuren des Verlegers Morris Heller und des Erfolgsautors Renzo ermöglicht Paul Auster als Bonus interessante Einblicke in die Alltagsleiden dieser beiden Berufsgruppen, mit denen sich Auster ja bestens auskennen dürfte.

Schade, dass es nun wieder warten heißt - bis zum nächsten Auster-Roman. Aber wie heißt es doch in "Sunset Park": "There is always room in the brain for another story".


Mit Konfuzius zur Weltmacht: Das chinesische Jahrhundert
Mit Konfuzius zur Weltmacht: Das chinesische Jahrhundert
von Stefan Aust
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Der Osten ist rot, die Sonne geht aus" (Mao Zedong), 11. August 2012
In "Mit Konfuzius zur Weltmacht - Das chinesische Jahrhundert" liefern Stefan Aust und Adrian Geiges einen Reportage-Ritt auf dem chinesischen Drachen. Gleichermaßen kompetent wie unterhaltsam führen die Autoren ihre Leser kreuz und quer durch ein Land, dessen Entwicklung der letzten zwei Jahrzehnte auch sie selbst immer wieder staunen läßt. Eine besondere Qualität resultiert daraus, dass die Autoren nicht nur eine historisch-politische Einordnung ihrer Beobachtungen anbieten, indem sie vermeintliche Parallelen zwischen dem untergegangenen chinesischen Kaisertum und der heutigen Rolle der "kommunistischen" Parteiführer in Peking diskutieren sowie die Rückbesinnung der chinesischen Gesellschaft auf die Lehren des Meisters Kong (Kong Fuzi, lateinisiert Konfuzius) beleuchten. Darüberhinaus kommen viele Chinesen zu Wort, denen die Autoren auf ihren Reisen begegnet sind. Aus den Schilderungen des Lebensalltags unterschiedlichster Zeitzeugen entsteht ein vielschichtiges Bild des heutigen Chinas.

Zur wirtschaftlichen Konkurrenz zwischen China und Europa:
"Der Kontrast könnte größer nicht sein. In Stuttgart protestieren "Wutbürger" gegen einen neuen Bahnhof, der seit 15 Jahren geplant ist. Monatelang dreht sich alles um den Protest der "Wutbürger" gegen das Projekt. Der Schutz des Juchtenkäfers, welcher zur Unterfamilie der Rosenkäfer gehört, wird vorgeschoben, um die Bauarbeiten zu stoppen. (...) In eineinhalb Jahrzehnten stampfen die Chinesen andererseits ganze Mega-Citys aus dem Boden. Während an Berliner Schulen der Unterricht im Chaos versinkt, erreicht Shanghai bei der Pisa-Studie Platz 1." (S. 12)

"Die deutsche Spaßgesellschaft ist unterlegen. Während man schon in chinesischen Kindergärten Englisch lernt, erheben Lehrerinnen an deutschen Vorschulen es zum Klassenziel, bis zehn zählen und den eigenen Namen schreiben zu können." (S. 85)

Natürlich sind diese Aussagen polemisch (wie man es von Aust auch nicht anders erwarten würde). Aber der Kern der Thesen wird dadurch nicht weniger wahr. Aust und Geiges liefern mit ihren Zuspitzungen hoffentlich Diskussionsanstöße, denn ohne Zweifel fehlt es uns in Deutschland an einem selbstkritischen Diskurs über die Herausforderung für unseren Wohlstand, welche aus dem chinesischen Aufstieg bereits heute resultiert. Westliche Überheblichkeit (als Folge von Unwissen) ist sicherlich die schlechteste Voraussetzung, um sich dieser Herausforderung zu stellen.

Zum Thema der Menschenrechte:
"Bei der Niederschlagung des sogenannten Boxeraufstands eroberten und plünderten Deutsche Peking, gemeinsam mit Japanern, Briten und weiteren westlichen Mächten. Aufgrund solcher Erfahrungen stoßen westliche Reden über Moral und Menschenrechte in China auf taube Ohren. Die Engländer etwa machten sich dort im 19. Jahrhundert vor alem als Drogendealer einen Namen." (S. 29) Aust und Geiges thematisieren Tibet, allerdings sicherlich nicht mit dem aus westlicher Sicht zu erwartenden Zungenschlag: "... die angebliche chinesische Besetzung Tibets ..." (S. 129).

Die Umweltsituation als Folge des wirtschaftlichen Aufstiegs wird an vielen Stellen des Buches betrachtet, am eindrücklichsten durch den Besuch des Dreischluchten-Staudamms und der größen Stadt der Welt Chongqing. Vielleicht wird in der Umweltpolitik die Schwarz-Weiß-Vermischung in der Bewertung des chinesischen Status quo am deutlichsten: Einerseits die totale Abhängigkeit Chinas von der Energieproduktion aus Kohle mit den daraus resultierenden katastrophalen Umweltfolgen, andererseits der Hinweis auf eine Investitionssumme von 540 Milliarden Euro (!) im 5-Jahresplan zur Förderung regenerativer Energien.

Das einzig aus meiner Sicht fehlende Thema dieses Reportage-Buches ist der schwelende Nationalitätenkonflikt in den zentralasiatischen Regionen Chinas, z.B. der immer wieder auflodernde Freiheitskampf der Uiguren, der den Autoren ein Besuch wertgewesen hätte sein sollen. An anderer Stelle merkt man dem Buch an, dass auch die Autoren der Geschwindigkeit der Entwicklung nur schwerlich folgen können. So wird eine Pekinger Universität mal mit ihrem chinesischen Namen, mal mit dem verwestlichten Namen bezeichnet, als wenn es sich um unterschiedliche Orte handeln würde. An anderer Stelle wird ein seit Jahren nicht mehr existentes DAX-Unternehmen als prominenter Kunde chinesischer Klimaanlagen angeführt.

Ich bin erst kürzlich durch China gereist und habe in Aust und Geiges Schilderungen vieles von dem wiederentdeckt, was mir anläßlich meiner eigenen Reise durch den Kopf gegangen ist. Allerdings ist die Perspektive der Autoren eine viel breitere als man sie als Privatreisender erlangen kann. Darüberhinaus waren gerade die Bezüge auf Konfuzius für mich sehr interessant, dessen Ideenwelt mir bisher unbekannt gewesen ist. Ich empfehle dieses Buch daher insbesondere China-Interessierten als Vorbereitung auf eine (erste) China-Reise.


Sand. Roman
Sand. Roman
von Wolfgang Herrndorf
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

13 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Ein Roman völlig entgegen aller Erwartungen: Ein routinierter Politthriller mit wenig Originalität, 2. April 2012
Rezension bezieht sich auf: Sand. Roman (Gebundene Ausgabe)
Irgendwie hatte ich bei Wolfgang Herrndorfs Roman "Sand" schon vor dem Kauf zwiespältige Gefühle: Zwar war mir der Autor bereits bekannt (aufgrund der sehr gelungenen Bühnenadaption seines Romans "Tschick" am Deutschen Theater Berlin), Umschlagstext und Rezensionen von "Sand" überzeugten mich aber nicht, so dass ich erst nach vielfachem Wiederzurücklegen den Roman doch noch gekauft habe. Dieses Bauchgefühl nachträglich bestätigend hat "Sand" in keiner Weise meine Erwartungen erfüllt.

"Sand" ist ein Politthriller, in dem Herrndorf (zugegebenermaßen routiniert) typische Versatzstücke dieses Literaturgenres zu knapp 480 Seiten arrangiert hat, wobei das beste am Gesamtwerk der durchaus gelungene Spannungsbogen ist. Um diesen für zukünftige Leser nicht zu unterminieren, lassen sich hier nur wenige Elemente des Inhalts verraten. Der Leser erlebt das klassische Szenarium eines "Romanhelden", der sich ohne Erinnerungen an das Davor mit einer veritablen Kopfverletzung in einer Schnapsbrennerscheune am Rande der Wüste wiederfindet. Schnell muss er feststellen, dass unterschiedlichste Gruppen auf ihn Jagd machen und von ihm etwas zurückhaben wollen. Was genau er aber besitzen soll, ist ihm genauso schleierhaft wie seine gesamte Identität. Robert Ludlum läßt freundlich grüßen ...

Der Leser muss sich zunächst ähnlich verwirrt wie die Hauptfigur durch das Geschehen lesen bis sich nach und nach die Sandschwaden etwas (allerdings nie vollständig) verziehen. Dem Metier treu bleibend tritt auch bald eine rätselhafte blonde Schönheit auf die Bühne, die in bester James Bond Manier unserem Romanhelden zur Seite zu stehen scheint. Bleibt eigentlich nur noch die Frage, wann unser Held mit ihr das Bett teilen und ob die holde Schöne noch ein zweites Gesicht zeigen wird? Bleibt noch zu erwähnen, dass das ganze Geschehen vor dem Hintergrund des palästinensischen Überfalls auf das olympische Dorf in München 1972 stattfindet, auch wenn diese Information für das Romangeschehen völlig ohne Relevanz bleibt.

Überhaupt bleibt vieles ohne Relevanz, so auch einige der im ersten Drittel des Romans detailliert aufgebauten Romanfiguren. In einzelnen Fällen scheinen sie überhaupt nur dafür erdacht worden zu sein, um etwas seltsame Meinungen vertreten zu können. "Lundgren hatte schon viel Elend gesehen in dieser Welt, und er hatte irgendwann herausgefunden, was das Problem des Trikonts und seiner Bewohner war. Neben vielem anderen fanden sie Gehirntätigkeit unmännlich." Oder im weiteren: "Konntest Du einer Frau hundert Dollar geben, und sie stampfte eine Näherei mit acht Angestellten aus dem Boden. Konntest Du einem Mann hundert Dollar geben: Bürgerkrieg. Und am schlimmsten die Araber. Was ihnen im Blut lag, war Nichtstun, Intrige und Fanatismus. Aber Nachdenken war für Frauen, und Frauen, das war auch klar, waren für Nachdenken bekanntlich zu dumm." (S64) Nun gut, Lundgren verläßt nach diesen tiefsinnigen Überlegungen die Romanbühne ohne wesentliche Spuren zu hinterlassen.

Führt man sich die Vehemenz der Diskussion um Krachts "Imperium" vor Augen, verwundert es etwas, dass Herrndorfs "Sand" bisher keinen Anstoß erregt hat. Wollte man einem Autor die Aussagen seiner Figuren um die Ohren hauen, wäre in "Sand" einiger Anlaß dafür zu finden.

Insgesamt ist "Sand" ein routiniert runtergeschriebener Politthriller mit einem gewissen Kinopotential, allerdings auch ohne jegliche Originalität. Von dieser Sorte gibt es viele Romane, allerdings stehen die im sortierten Buchhandel nicht im Regal "Romane/Literatur", sondern unter "Krimi/Thriller" und bekommen auch in aller Regel keine Buchpreise verliehen.
Kommentar Kommentare (6) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 28, 2012 3:52 PM MEST


Das Paradies des August Engelhardt: Roman
Das Paradies des August Engelhardt: Roman
von Marc Buhl
  Gebundene Ausgabe

10 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Häuptling Kabua und seine Männer sitzen ums Feuer. Der Hund ist bald gar.", 23. März 2012
Genauso grandios wie diese zwei Einstiegssätze erhoffen lassen, geht es in Marc Buhls "Das Paradies des August Engelhardt" 236 Seiten lang weiter. Allerdings ist es ein fragwürdiges Paradies, welches sich der deutsche Nudist und Vegetarier August Engelhardt da im hintersten Winkel der kaiserlich-deutschen Südsee als persönliches Refugium ausgewählt hat: Seine einheimischen Inselnachbarn wundern sich doch sehr über den nackten Weißen, der sich da auf ihrer Insel niedergelassen und lediglich kistenweise Bücher mitgebracht hat. Da unklar ist, mit welchen geheimen Kräften der Neuankömmling in Verbindung steht, sehen sie ersteinmal davon ab, ihn bei erster Gelegenheit zu verspeisen. Wobei Weiße sowieso nicht ganz oben auf ihrem Speisezettel stehen, ist deren Fleisch doch zumeist recht salzig. So hat Engelhardt bis auf weiteres nur mit Regenzeit, Tropenfieber und der selbstgewählten Kokosnuss-Diät zu kämpfen und muss sich lediglich gelegentlicher Besuche der Bewohner des nahegelegenen deutschen Gouverneurssitz erwehren. Aber bald schon haben sich Berichte über sein Nudisten-Paradies bis in die Heimat verbreitet und vorbei ist es mit Engelhardts Einsiedler-Dasein.

In geschickten Rückblenden setzt Buhl den Lebensweg seiner skurrilen (allerdings historisch verbürgten) Romanfigur zusammen, die auch im Zentrum von Christian Krachts aktuellem Roman "Imperium" steht. Im Unterschied zum unvergleichlich lauteren Krawall, den Christian Krachts Roman im Blätterwald des deutschen Feuilletons ausgelöst hat, ist Marc Buhls Buch praktisch ohne öffentliche Kenntnisnahme bereits vor 12 Monaten erschienen. So bietet sich dem Leser das fast einmalige Schauspiel, dass zwei sehr unterschiedliche Autoren sich in engem zeitlichen Zusammenhang dem selben Romanthema gewidmet haben. Bemerkenswerterweise sind dabei zwei grundverschiedene, aber beide auf ihre Art gelungene Romane entstanden.

Während Kracht sich der Figur August Engelhardt mit dem Stilmittel der Sartire widmet und so aus sicherer, teilweise fast überheblicher Distanz dessen Irrungen schildert, arbeitet Buhl sich an den tragischen Aspekten von Engelhardts Lebensweg ab. Buhl läßt sich dabei auf die Ideen Engelhardts ein, kommt seinem Romanprotagonisten dadurch viel näher als es Kracht gelingen kann. Es resultiert ein ausgeprägterer Spannungsbogen, während Kracht es bei gleichförmig routiniertem (allerdings ebenso unterhaltsamem) Erzählhandwerk beläßt. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass Buhl sich am Ende so sehr auf August Engelhardt eingelassen hat, dass ihm sein Romanprotagonist geradezu ans Herz gewachsen ist. So gönnt er ihm - trotz des von Seite 1 an feststehenden Scheiterns seiner Utopien, wenigstens ein kleines Happy-End am Strand der Insel Kabakon.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 31, 2012 2:11 PM MEST


Die Glücksparade
Die Glücksparade
von Andreas Martin Widmann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,95

10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Endstation Campingplatz: Wenn Hoffnungen und Jugend dort enden, wo andere unbeschwerte Tagen verleben., 18. März 2012
Rezension bezieht sich auf: Die Glücksparade (Gebundene Ausgabe)
"Es kann immer noch schlimmer kommen, solange man noch nicht tot ist, dachte ich, und ich fand den Gedanken auf eine merkwürdige Weise schön, als läge ein Ausweg darin." So denkt der 15jährige Simon, Protagonist und Ich-Erzähler von Andreas Martin Widmanns Romandebut "Die Glücksparade". Die Stimmungslage dieses Zitats macht bereits deutlich, dass der Romantitel eher zynisch denn wörtlich den Romaninhalt widerspiegelt, denn Glücksmomente erlebt Simon nur sehr spärlich, während sich um ihn herum die Lebenswelt (vor allem seiner Eltern) in einer stetigen Abwärtspirale befindet.

Simons Eltern finden kein Glück im Leben. Wirtschaftlich haben diverse Hilfsjobs in eine Sackgasse geführt und die ständigen Mißerfolge das Fundament der elterlichen Beziehung gefährlich unterspült. Der von Simons Vater forcierte Umzug auf einen einsam vor der Stadt gelegenen Campingplatz ist der letzte Hoffnungsfunken für die kleine Familie. Als Platzwart betreut der Vater die Dauergäste, während Mutter und Simon sich auf knapp 30 Quadratmetern in einem Containerwagen zurechtfinden müssen. Simon erlebt Frühling und Sommer in einem Umfeld, in dem andere Leute Urlaub machen. Dass auch diese Unternehmung seines Vaters zum Scheitern verurteilt ist, ist schon wenig später klar als Schuldeneintreiber die Tür des Wohncontainers einzutreten versuchen.

Der Romaneinband zeigt einen etwas schmächtigen Jugendlichen, der nackt mit geschlossenen Augen im Schneeregen steht: Simon, der ungeschützt den Gezeiten ausgesetzt ist. Allerdings hat Simon ganz und gar nicht die Augen geschlossen. Er beobachtet zum Teil bemerkenswert klarsichtig, was um ihn herum geschieht. Der Leser begleitet Simon dabei, wie die alles andere als lebensfreundlichen Verhältnissen seine Kindheit beenden und ihn zum phasenweise reifsten Familienmitglied werden lassen. Genau wie die Mutter sieht er das Scheitern seines Vaters kommen, bleibt aber klaglos bis zuletzt an dessen Seite und liebt ihn umso mehr. So wird "Die Glücksparade" zu einem atmosphärisch-dicht erzählten Vater-Sohn Roman.

Romanfortsetzungen bergen grundsätzlich die Gefahr der Enttäuschung. Simons Geschichte erscheint mit aber noch nicht zu Ende erzählt, zu viele Erzählfäden bleiben nur ausgelegt. Vielleicht kehrt Widmann zu den Figuren seines Erstlingromans ja noch einmal zurück, zu wünschen wäre es.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 4, 2013 12:57 PM MEST


Bugatti taucht auf: Roman
Bugatti taucht auf: Roman
von Dea Loher
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Lohers erfolgreicher Tauchgang in die Welt der Romane, 17. März 2012
Rezension bezieht sich auf: Bugatti taucht auf: Roman (Gebundene Ausgabe)
Mit "Bugatti taucht auf" begibt sich Dea Loher, eine der zur Zeit meistgespielten deutschsprachigen Theater-Autorinnen, erstmals in das Romanmetier. Kennt man Lohers Bühnenstücke, läßt sich in ihrem ersten Roman ihr typischer Stil wiederentdecken. "Bugatti taucht auf" ist eher eine Roman-Collage. Loher verbindet unterschiedliche Ereignisse und Lebenswege, die sich zum Teil eng miteinander verschlingen, in anderen Fällen dann wieder nur zufällig einmal kurz begegnen. Wie in ihren Theaterstücken gibt es nicht die eine zentrale Romanfigur, sondern eine Vielzahl von Figuren, die mit ihren Träumen, Wünschen und Verzweifelungen mal kürzer, mal länger im Rampenlicht ausgeleuchtet werden.

"Bugatti taucht auf" umfaßt auf gerade einmal 200 Romanseiten zwei weitgehend unabhängige Ereignisstränge, die beide auf realen Begebenheiten beruhen. Auf der historischen Seite erzählt Loher die Geschichte des legendären Autobauers Ettore Bugatti, den verzweifelt kurzen Lebensweg seines Bruders Rembrandt Bugatti sowie die Lebensgeschichte des französischen Rennfahrers René Dreyfus. Aus der Gegenwart entwickelt sich ein Erzählstrang, an dessen Ausgangspunkt die Ermordung eines jungen Schweizers durch drei Jugendliche bosnischer Abstammung während der Fasnacht in Locarno steht. Loher rekonstruiert aus den vielstimmigen Zeugenaussagen das Geschehen, welches hochaktuell die Geschehnisse auf Münchener und Berliner U-Bahn-Höfen reflektiert. Beide Erzählstränge begegnen sich vor Locarno in den Tiefen des Lago Magiore, wo seit Jahrzehnten ein geheimnisvoller Bugatti-Rennwagen darauf wartet, zurück ans Tageslicht befördert zu werden.

Wie in ihren Bühnenstücken schafft es Loher, die Vielzahl der Romanfiguren (be)greifbar zu machen, ohne dass der Romanfluß oder Lesespaß ins Stocken gerät. Erfreulicherweise vermeidet es Doher auch, einen Theatertext lediglich zum Roman auszuweiten. "Bugatti taucht auf" lebt mindestens so sehr von Beschreibungen und Nacherzählungen wie von den (eher bühnentypischen) Dialogszenen. Dass Loher mit Sprache umgehen kann, überrascht weit weniger. Es resultiert ein bemerkenswert abwechslungsreicher und packender Erstlingsroman. Liebe Dea, sollte Dir das Schreiben für die Theater dieser Republik zu eintönig werden, würden sich Deine Leser bestimmt über weitere Romane freuen.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 29, 2012 11:25 AM MEST


Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten: Roman
Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten: Roman
von Christian Kracht
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,90

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen 150 vollgestopfte Seiten purer Fabulier- unf Formulierlust, 12. März 2012
Knapp drei Jahre habe ich einen Bogen um Krachts "Sonnenschein" gemacht, zu sicher war ich mir, dass dieser Kauf nur in einer Enttäuschung würde enden können. 150 raumgreifend gesetzte Seiten eines Autors, der für gute Verkaufszahlen steht. Da ist ein Verlag schnell dabei, aus einer etwas länglich geratenen Kurzgeschichte eine Romanveröffentlichung zu machen. Erst das Lesevergnügen, dass mir Kracht mit seinem jüngsten Roman "Imperium" bereitet hat, veranlaßte mich alle Vorurteile über Bord zu werfen.

Christian Krachts "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" reicht vom Umfang tatsächlich kaum mehr als für einen naßkalten Sonntag Nachmittag. Allerdings sind die 150 Seiten fast schon im Übermaß vollgestopft mit Handlung und Ideen. Kracht liefert auf 150 Seiten, woraus so manch anderer Autor eine Trilogie im vierstelligen Seitenzahlbereich gestaltet hätte.

Kracht entwickelt ein alternatives Geschichtsszenario: Lenin entscheidet sich gegen die Fahrt im verplombten Zug durchs kriegsführende deutsche Kaiserreich und verbleibt stattdessen in der Schweiz. Knapp 100 Jahre später tobt der Weltkrieg unverändert weiter, allerdings hat die Geschichte einige unvermutete Wendungen genommen, die Kracht zum Teil ausführt, zumeist aber nur mit wenigen Pinselstrichen skizziert. Klar ist, dass die Schweizer Sowjetrepublik bestürmt wird von deutschen und englischen Armeen, Rußland ist nach einem unerklärlichen Biounfall unbewohnbare Steppe geworden, stattdessen drängen u.a. koreanische Truppen in die europäische Kampfzone. Die Schweizer Alpen sind durchzogen von einem uneinnehmbaren Stollengewirr, in dem zahlreiche Legionäre aus der Schweizer Musterkolonie im Süden Afrikas für das Vaterland kämpfen. Ein Politkommissar solch afrikanischer Abstammung verfolgt einen zwielichtigen (eventuell mit den Deutschen kolaborierenden) Polen aus dem gerade zurückeroberten Bern in die sagenumwobene Alpenfestung.

Man kann es eigentlich nur Übermut nennen, dass es Kracht angesichts dieser Inhaltsfülle bei knappen 150 Seiten beläßt. So vieles in "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" hätte sich weit ausführlicher entwickeln lassen, Kracht deutet nur an, wirft mehr Fragen auf, als er Erklärungen liefert. Natürlich werden die Figuren des Romans nur angedeutet, einzig der Politkommissär bekommt etwas Tiefenschärfe. Fast wirkt das Buch wie eine Romanskizze, dessen Autor nur noch keine Zeit gefunden hat, die Langversion seines Romans zu Papier zu bringen.

Nein, an den fein ziselierten Sätzen Krachts wird dann doch deutlich, dass der Autor es genau so gewollt hat. Allerdings findet sích sowieso kaum ein Autor der Gegenwart, der ein leichtfüssigeres, geradezu spielerisches Deutsch schreibt als Christian Kracht. Großes Kino. Allerdings im Kurzfilmformat ...


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