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Rezensionen verfasst von
W. Öschelbrunn (Berlin)
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Im Spiegel der Sprache: Warum die Welt in anderen Sprachen anders aussieht
Im Spiegel der Sprache: Warum die Welt in anderen Sprachen anders aussieht
von Guy Deutscher
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

19 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Liebeserklärung an die Sprache - das bildende Organ der Gedanken, 15. Januar 2011
Warum sind in Homers Ilias der Honig grün und die Schafe violett? War nur Homer blind oder unsere Vorfahren generell nur eingeschränkt in der Lage Farben zu sehen? Oder hatten die Farben in der Sprache jener Zeit einfach andere Bedeutungen? Warum verfügen selbst scheinbar primitive Völker bereits über einen Begriff für die Farbe "rot", nicht aber für das Blau des Himmels? Handelt es sich hier um eine kulturelle oder gar eine biologische Beschränkung?

Ist das Deutsche als Sprache eigentlich komplexer als das Englische? Warum hat das Deutsche zum Beispiel 14 Formen für das Verb "haben", wohingegen das Englische mit "has", "had" und "have" auskommt? Bedeutet diese tiefere Feinstruktur des Deutschen, dass es auch besser für haarspalterische philosophische Betrachtungen geeignet ist? Oder sind nicht alle Sprachen am Ende gleich komplex, das Französische genauso wie die Sprache der Ureinwohner Australiens?

Im Mittelpunkt von "Im Spiegel der Sprache" steht die Frage, ob unsere Sprache die Art unseres Denkens beeinflußt. Denkt ein Navajo-Indianer anders als ein Berliner Döner-Verkäufer? Ist jemand, der einen komplexen Satz nicht unfallfrei über die Lippen zu bringen vermag, überhaupt zu komplexen Gedanken befähigt? Guy Deutscher liefert drei Beispiele, die überraschende Erkenntnisse über die Bedeutung von Sprache für das Denken mit sich bringen.

Wenige Autoren sind wie Guy Deutscher mit der Gabe gesegnet, wissenschaftliche Zusammenhänge, seien sie auch noch so komplex und umstritten, für den Laien verständlich, spannend, ja sogar außerordentlich unterhaltsam darzustellen. Guy Deutscher verläßt hierfür den Elfenbeinturm universitärer Forschung und breitet Anekdoten, Theorien und Widersprüche wie in einem Bauchladen auf dem Flohmarkt der Kuriositäten aus. Er tut dieses allerdings nicht auf Kosten einer klaren Kernthese: Viele sprachliche Phänomene sind mehr durch kulturelle Konventionen und Entwicklungen erklärbar als durch die Annahme von genetischen Limitierungen der Sprecher.

Guy Deutscher erhebt nicht den Anspruch der Unfehlbarkeit seiner Interpretationen. Er schildert Kontroversen und weist auf abweichende Sichtweisen in der Welt der Linguisten hin, so dass dem Leser am Ende vor allem auch die Erkenntnis darüber bleibt, wie wenig wir die Grundlagen unseres Sprechens bisher entschlüsselt haben. "Doch ihr Leser der Nachwelt, vergebt uns unsere Unwissenheit, wie auch wir vergeben denen, die vor uns unwissend waren." (S. 272)


Americana
Americana
von Don DeLillo
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,60

2.0 von 5 Sternen Der zähe Versuch der Selbstfindung eines 28jährigen Yuppies - Ein papierener Road-Movie, 29. Dezember 2010
Rezension bezieht sich auf: Americana (Taschenbuch)
"Americana" ist bereits der dritte Roman Don DeLillos, den ich gelesen habe. Weder "White noise" noch "Falling Men" hatten mich zuvor überzeugt. Don DeLillos Erstlingsroman aus dem Jahr 1971 sollte nun mein erneuter Anlauf auf diesen allgemein hochgelobten Autor sein. Doch auch "Americana" hat mich nicht überzeugt.

In den vier Teilen von "Americana" schildert DeLillo den langen Weg der Selbstfindung des 28jährigen David Bell.

Teil 1 ist eine bemerkenswert aktuelle Satire auf das Alltagsleben in einem New Yorker Fernsehsender zu Ende der 60er Jahre. David ist ein aufstrebender, selbstverliebter und höchst oberflächlicher Yuppi; der eigenen Reputation gilt sein primäres Augenmerk, Kollegen werden mißtrauisch belauert, Teamwork steht nicht auf seiner Agenda. "I had been my team's leading scorer in prep school; first in scoring, last in assists." (S 91)

In Teil 2 blendet DeLillo ein Jahrzehnt zurück und läßt den 16jährigen David einige Schlüsselmomente seiner Jugend durchleben. "We are what we remember." (S 299) Dieser Teil des Romans ist erzählerisch am überzeugensten gelungen.

In Teil 3 wirft David sein bisheriges Leben über Bord. Es beginnt ein Road Movie mit David im Zentrum. Mit einer Kamera bewaffnet reist er gen Westen. Zunächst weiß er nicht, was er eigentlich filmen will. Nach und nach beginnt er Szenen seiner Jugend nachzustellen, indem Zufallsbekanntschaften in die Rollen von Davids Vater, Schwester und Ex-Frau schlüpfen. "That what I was engaged in was merely a literature venture, an attempt to find pattern and motive, to make of something wild a squeamish thesis on the essence of the nations' soul." (S 349)

In Teil 4 schließlich endet Davids Flucht ins Nirvana der US-amerikanischen Weite mit der Rückkehr nach New York. Was ihn dort erwarten wird, bleibt der Imagination des Lesers überlassen.

In der Zusammenfassung wirkt "Americana" sehr viel linearer und klarer als der Roman tatsächlich geschrieben ist. Insbesondere Teil 3 des Romans wirkte auf mich sehr langatmig, zum Teil wirr und unverständlich und auch einige Seiten zu lang. "The movie functions best as a sort of ultimate schizogram, an exercise in diametrics which attempts to unmake meaning." (S 347) ...???

Es mag sein, dass mir die Bedeutung dessen, was DeLillo schreibt, größtenteils entgangen ist, da ich kulturelle Bezüge und sprachliche Feinheiten einfach nicht verstanden habe. Vermutlich muss man ein intimer Kenner der amerikanischen Kulturszenen (Film, Literatur, Musik) der späten 60er Jahre sein, um diese Bezüge verstehen zu können. Diese Tatsache schränkt den Kreis geeigneter Leser dieses Romans allerdings massiv ein.

Leider opfert DeLillo die frühen Erzählstränge des Romans (Davids berufliche und familiäre Situation) dem Roadmovie-Aspekt und kehrt auch nicht zu ihnen zurück. Trotz der abschnittweise stimmungsvollen Beschreibungen des amerikanischen Mittleren Westens ergibt "Americana" für mich keinen runden Roman und wird nun endgültig mein letzter Anlauf auf diesen Autor bleiben.


The Feast of the Goat
The Feast of the Goat
von Mario Vargas Llosa
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,10

5.0 von 5 Sternen Der reale Kampf gegen die Diktatur - lateinamerikanische Weltliteratur, 27. Dezember 2010
Rezension bezieht sich auf: The Feast of the Goat (Taschenbuch)
"Tony did not know what that was like. Perhaps as a child he knew, but he had forgotten. It must be nice. Your cup of coffee or glass of rum must taste better, the smoke of your cigar, a swim in the ocean on a hot day, the movie you see on Saturday, (...) everything must leave a more pleasurable sensation in you body and spirit when you had what Trujillo had taken away from Dominicans thirty-one years ago: free will."

Mario Vargas Llosa, Literaturnobelpreisträger 2010, erzählt in seinem 2002 erschienenen Roman "The feast of the goat" (Das Fest des Ziegenbocks)- eng entlang der historischen Fakten - die Tage bis zum und die Zeit nach dem Attentat auf den dominikanischen Diktaor Rafael Trujillo Molina 1961. Trujillo hatte sich 31 Jahre zuvor an die Macht geputscht und seitdem die Dominikanische Republik mit zunehmend eiserner Hand regiert. Umgeben von einem Hofstaat unterwürfiger Gefolgsleute steuerte er einen stramm katholisch-antikommunistischen Kurs, der ihn lange an der Seite der USA und des Vatikans hielt. Doch die Entführung und Ermordung zahlreicher Regimekritiker ließ auch die letzten Verbündeten auf Distanz gehen. Als auch die Vertreter der katholischen Kirche sich von der Kanzel herab an die Spitze der Freiheitsbewegung setzten, fand sich eine bunte Allianz Entschlossener zur Ermordung des Diktators zusammen.

So sind es überwiegend ehemaliger Anhänger des Diktators, die am 30. Mai 1961 Trujillo auflauern. Sie alle sind entweder selber in Ungnade gefallen oder haben erleben müssen, wie Angehörige verschleppt oder weggesperrt worden sind. Verbündete finden Sie bis in die höchsten Ebenenen der Staatsorgane. Ist der Diktator erstmal tot, soll ein Militärputsch den Anfang des Übergangs zur Demokratie bilden. Aber werden die Verschwörer sich auf die hohen Generäle und Regierungsvertreter verlassen können?

In ständig wechselnder Perspektive erzählt Vagas Llosa die Stunden und Tage vor dem Attentat. Er schildert die Lebenswege der Attentäter und schlüpft auch in die Haut des Diktators und seiner wichtigsten Paladine. Fast noch beklemmender als die spannende Schilderung der Ereignisse vor dem Attentat sind die Beschreibungen dessen, was danach passierte. Das Attentat gelingt zwar, danach läuft aber wenig nach Plan. Die Attentäter erleben den unbändigen Hass der Anhänger des Diktator als sie diesen schutzlos ausgeliefert werden. Sie bezahlen einen hohen Preis dafür, dass Ihre Heimat den Weg zurück in die Demokratie gehen kann. Andere werden die Früchte ihres Martyriums ernten.

Vaga Llosa bettet die Geschehnisse der frühen 60er Jahre in eine zweite Erzählebene zum Ende des Jahrtausends ein. Senator Augustin Cabral, ehemaliger engster Vertrauter Trujillos, vegetiert nach einem Schlaganfall dem Tod entgegen. Seine Tochter Urania kehrt erstmals in Ihre Heimat zurück, die sie nur Tage vor dem Attentat auf Trujillo fluchtartig verlassen hatte. Beim Zusammentreffen mit ihren verbliebenen Familienangehörigen kehren die Erinnerungen an die letzten Tage der Diktatur zurück. Was war über 30 Jahre zuvor geschehen, so dass Urania mit ihrer Familie und Heimat brechen mußte? Welche Rolle spielte ihr Vater am schlimmsten Tag ihres Lebens?

"The feast of the goat" ist äußerst spannend geschrieben. Selten ist eine Geschichtsstunde so packend gewesen. Für einen europäischen Leser, der mit der Dominikanischen Republik wenig mehr als ein Urlaubsparadies verbindet, öffnet sich eine historische Perspektive, die ein für Lateinamerika bedrückend typisches Bild zeichnet. Vargas Llosas Schilderungen nehmen viele Romane jüngeren Datums vorweg, die sich mit den Geschehnissen in den Jahren der argentinischen oder chilenischen Militärdiktaturen auseinandersetzen. Die Stärke von "The feast of the goat" liegt allerdings darin, dass von realen Personen mit ihren echten Namen erzählt wird. Ein herausragendes Werk, Pflichtlektüre für politisch-historisch interessierte Leser.


Die Predigt von La Victoria
Die Predigt von La Victoria
von Eduardo Belgrano Rawson
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

2.0 von 5 Sternen Sich langweilen, ruhig schlafen - Ein guter Stoff macht noch keinen guten Roman aus., 27. Dezember 2010
"Die Predigt von La Victoria" von Eduardo Belgrano Rawson gehört zur Schwemme argentinischer Romane, die im Zuge des Gastlandstatus Argentiniens bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesser den deutschen Buchmarkt überflutet. Wie die Mehrzahl dieser Werke widmet sich auch Rawson der argentinischen Vergangenheitsbewältigung, indem er die Willkürjustiz und die Entführungen Oppositioneller in den Jahren der Videla-Diktatur thematisiert.

Was macht einen guten Roman aus? Zuallererst die Wahl eines Themas oder Ereignisses, welches hinreichend Substanz besitzt, um einen Roman zu tragen. Ferner braucht es einen Autor, der in der Lage ist, ein Thema in einen Roman zu übersetzen, d.h. der Erzählung eine Struktur zu geben und Figuren zu entwickeln, die den Erzählstoff lebendig werden lassen. Diese Struktur muss nicht linear sein, sondern kann durchaus komplex angelegt sein; ab einem gewissen Punkt des Romans sollte sie aber für den Leser erkennbar werden. Last not least, zeichnet sich ein gelungener Roman durch seine Sprache aus, die sich aus dem Alltagseinerlei hervorheben sollte und im Idealfall den Autor bzw. sein Werk wiedererkennbar macht.

Rawson hat ein Thema gewählt, welches einen Roman tragen könnte. Er erzählt von zwei realen Begebenheiten aus seiner westargentinischen Heimat zu Zeiten der Militärdiktatur in den 70er Jahre. Zum einen thematisiert Rawson das Verschwinden eines jungen Mädchens und den daraus resultierenden Justizskandal, der die Rechtlosigkeit dieser Jahre widerspiegelt. Durch brutale Folter zu einem Geständnis getrieben, wird der Freund des Mädchens sowie die von ihm beschuldigten Freunde und Familienangehörigen des Mordes schuldig gesprochen. Als Jahre später das Mädchen wieder auftaucht, beginnt der mühsame Weg der Rehabilitation der zahlreichen zerstörten Lebenswege. In einem zweiten Erzählstrang verfolgt Rawson das Schicksal eines entführten Kindes von Regimegegnern. Er beschreibt die Arbeit der "Großmütter der Plaza de Mayo", die es sich zum Ziel gesetzt hatten, dass Schicksal solcher Kinder aufzuklären und sie wieder in Kontakt mit ihren leiblichen Angehörigen zu bringen.

Trotz dieser breiten inhaltlichen Substanz schafft es Rawson nicht, dem Roman eine Struktur zu geben. Der Roman ist ein wirres Flickwerk aus inhaltlich und zeitlich unzusammenhängenden Mosaikteilchen. Beiden Romanteilen ist jeweils ein kurzer Abstrakt vorweggestellt, der die wesentliche Erzähllinie bereits zusammenfaßt, so dass der Leser das folgende Erzählchaos etwas besser entwirren kann. Ein Spannungsbogen kann dadurch natürlich nicht mehr entstehen.

Aus der Vielzahl der auf- und abtretenden Figuren bleibt kaum eine Person länger im Spotlight des Erzählers. Die häufige Verwendung von Spitznamen, die im Spanischen eine Bedeutung haben mögen, ist für den europäischen Leser zusätzlich verwirrend. Rawson springt durch die Zeitebenen und zur Hälfte des Buches abrupt in den zweiten Erzählstrang. Das ganze Durcheinander wird durch logische Widersprüche weiter gesteigert. Sollen diese Widersprüche in den Beschreibungen des Geschehens (z.B. zeitliche Abläufe betreffend) die allgemeine Unsicherheit über die Wahrheit widerspiegeln oder hat Rawson selber irgendwann den Überblick über seine Erzählstränge verloren? Beides scheint möglich.

Was läßt sich über die Sprache eines übersetzten Romans überhaupt aussagen? "Unmittelbar nach den Morden wirkte alles wie immer. Es schien Sonntag zu sein, aber es war Sonnabend." Die Beschreibungen sind kurz und prägnant, unkompliziert und ohne Kanten, an denen der Leser hängenzubleiben droht. Man könnte auch sagen belanglos.

Insgesamt ist dieser Roman trotz des wichtigen Themas somit eine Enttäuschung. "War das nicht das Glück? Sich langweilen, ruhig schlafen." (S. 90) "Die Predigt von La Victoria" wird dieses Glück nicht gefährden.


Die Unperfekten: Roman
Die Unperfekten: Roman
von Tom Rachman
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,90

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Eine Sammlung Kurzgeschichten als Roman verpackt - kurzweiliger Lesespaß aber nicht mehr., 19. Dezember 2010
Rezension bezieht sich auf: Die Unperfekten: Roman (Taschenbuch)
Tom Rachmans "Die Unperfekten" ist in meinen Augen kein Buch, welches ich normalerweise als "Roman" betiteln würde. Es erinnert mich etwas an Daniel Kehlmanns "Ruhm", indem eine Sammlung kurzer Erzählungen um ein gemeinsames Thema angeordnet ist. Tom Rachman porträtiert die Macher einer in Roman ansässigen internationalen Zeitung: Auslandsreporter, Text-Redakteure, den Chefkorrektor, die Chefredakteurin, den Herausgeber und nicht zuletzt auch eine Leserin. Zwar kreuzen sich einige dieser Erzählungen im Alltagsgeschäft der Zeitung, dennoch könnte man sie auch einzeln als Kurzgeschichten lesen. Bemerkenswert dabei ist sicherlich die Phantasie, mit der Rachman die Vielzahl der zumeist leicht skurrilen Figuren ausgeschmückt hat.

Da wäre zum Beispiel der 70jährige Auslandreporter Lloyd Burke, der seit Jahrzehnten als Freelancer (und passionierter Womanizer) aus Paris berichtet und nun nicht nur als Reporter aufs Altenteil geschoben wird, sondern auch mit ansehen muss, dass sein Frau vor seinen Augen fremd geht und sein Sohn sich als totaler Versager heraustellt. Oder Kulturredakteur Arthur Gopal, der zuständig für das Verfassen von Nachrufen ist und dessen besondere Glückssträhne darin besteht, 9 Tage in Serie keinen solchen mehr verfaßt zu haben. Oder die junge Wirtschaftsreporterin Hardy Benjamin, die sich parallel zu ihrer Dauer-Diät von einem schmierigen irischen Überlebenskünstler ausnutzen läßt, um nicht völlig allein durchs Leben gehen zu müssen. Oder der jüdisch-stämmige Chef-Korrektor Herman Cohen, der in den 30 Jahren seines Wirkens im Kampf für den journalistischen Perfektionismus eine redaktionsinterne Stil-Bibel mit 18000 Einträgen erschaffen hat. Und nicht zuletzt die treue Leserin Ornella de Monterecchi, die seit Jahrzehnten kein gedrucktes Wort der Zeitung übersprungen hat und darüber ca. 13 Jahre in Rückstand zur Gegenwart geraten ist. Nun muss sie feststellen, dass ihr die Ausgabe vom 24.04.1994 fehlt und damit der Lauf der Welt zu stoppen droht.

Diese und weitere skurille Personenskizzen sind eingebettet in ein lose Schilderung der Entstehung, der kurzen Phase des Blühens und schließlich des langen Niederganges der Zeitung, dessen finales Verschwinden nicht nur die Mitarbeiter ihren Job kostet, sondern auch einem Hund sein Leben (die übrigens erzählerisch und atmosphärisch mit Abstand stärkste Szene des Romans).

Im Gegensatz zur Fabulierlust, mit der Rachman seine Figuren ausgestaltet hat, bleibt die Handlung dessen, was er erzählt, enttäuschend oberflächlich. Die Kurzgeschichten kreisen zumeist um unerfüllte Hoffnungen, gescheiterte Beziehungen und die Haßliebe zu den Kollegen im Angesicht der Zumutungen des Berufsalltags. In schneller Folge treten die Figuren auf die Bühne und weniger später wieder aus dem Rampenlicht heraus. Dass Rachman in einem sehr flotten, gut lesbaren Stil schreibt, dürfte den kommerziellen Erfolg dieses Buches erklären. Insgesamt ein "Roman", der trotz seiner 390 Seiten im Zuge eines Wochenendes zeitlich und inhaltlich gut zu bewältigen ist.

Noch eine Anmerkung zur Übersetzung: Der Roman heißt im englischen Original "The Imperfectionists". Die Übersetzung in "Die Unperfekten" hat mich sehr verwundert. Der englische Titel liefert meiner Meinung nach eine mehrschichtige Interpretation: Menschen, die - im Unterschied zu Perfektionisten - sich damit arrangiert haben, in nicht optimalen Umständen leben zu müssen, vielleicht sogar gerade das Leben im Unperfekten für sich perfektioniert haben. Ferner ist der "Imperfect" im Englischen diejenige Zeitform, die Handlungen in der Vergangenheit beschreibt, die weiterhin andauern. Viele der Figuren des Romans hadern mit Entscheidungen, die sie einmal getroffen haben und deren Folgen nun ihr Leben bestimmen. Diese zwei Deutungsebenen gehen im deutschen Titel komplett verloren. Ich hoffe nur, dass die Übersetzung des Romantextes nicht noch mehr solche Bedeutungsebenen verunstaltet hat.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 1, 2012 6:32 PM MEST


This Side of Brightness
This Side of Brightness
von Colum McCann
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,95

3.0 von 5 Sternen "Lord, I ain't seen a sunset since I come on down", 11. Dezember 2010
Rezension bezieht sich auf: This Side of Brightness (Taschenbuch)
"This side of brightness" erzählt die Geschichte zweier Männer, deren Leben untrennbar mit den Tunneln unter Manhattan verbunden sind.

Nathan Walker ist 1916 als junger Mann dabei als ein Tunnel zwischen Brooklyn und Manhattan gebaut wird. An vorderster Front gräbt er sich mit seinen Kumpeln Con O'Leary, Rhuberb Vannucci und Sean Power durch den unsicheren Untergrund. Nur hier unten ist der farbige Nathan genauso viel (oder wenig) wert wie der irisch-stämmige Con oder der Italiener Vannucci. Sobald er den Tunnel verläßt, führt ihn der Weg zurück in die Unterkunft für Farbige und in ein Leben als Minderwertiger. "It is only underground that colour is negated, that men become men." Ist das die Freiheit, auf die er gehofft hatte, bevor er seine Heimat im Süden der USA verließ?

Treefrog (= Laubfrosch) lebt in einem Eisenbahntunnel in Manhattans Untergrund. Seinen Spitznamen verdankt er den Tagen als er noch leidenschaftlich Mundharmonika spielend in schwindelerregender Höhe als Stahlarbeiter Wolkenkratzer mitbaute. Aber diese Zeiten liegen lange zurück. Nun schleppt er sich durch die Tage, seine Leber schmerzt vom jahrelangen Alkoholmißbrauch und den Tunnel verläßt er nur noch, um seinen in Flaschen gesammelten Urin zu entsorgen und notdürftigste Erledigungen zu verrichten. Was hat sein Leben so aus der Bahn geworfen und welche Verbindung gibt es zwischen Treefrog und Nathan Walker?

Konzipiert wie ein Tunnelbau bewegen sich die beiden Erzählstränge aus Vergangenheit und Gegenwart aufeinander zu. Es entwickelt sich ein Roman über das Leben mit dem alltäglichen Rassismus, mit Drogen und Gewalt im New York des zwanzigsten Jahrhunderts. McCann schildert gewöhnliche Personen mit ihren großen Alltagssorgen und kleinen Freuden und Hoffnungen. "This side of brightness" ist ein homogener Roman, bis McCann dem Geschehen auf den letzten 30 Seiten eine überflüssige zusätzliche Wendung gibt, die ich mit Rücksicht auf zukünftige Leser hier natürlich nicht verraten werde. Wie beim Kochen ein überflüssiges Aroma, verwirrt dieses zusätzliche Element die Textur des Romans. Nach meinem Empfinden passen nun die Elemente der Erzählung nicht mehr zusammen. Die den Roman tragende Figur ist nicht mehr in sich schlüssig.

"This side of brightness" reicht nicht an McCanns bekanntesten Roman "Let the great world spin" ("Die große Welt") heran. Sprachlich ist dieser Roman aufgrund der breiten Slang-Verwendung nicht einfach zu lesen. Insgesamt gibt es von mir drei Sterne für einen zwar lesenswerten, aber nicht komplett zufriedenstellenden New York Roman.


Globalisierung, Demokratie und Terrorismus
Globalisierung, Demokratie und Terrorismus
von Eric Hobsbawm
  Taschenbuch

10 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Nach dem Zeitalter der Extreme: Hobsbawms Abrechnung mit der Weltpolitik des 21. Jahrhunderts, 11. Dezember 2010
"Was können Historiker (...) beitragen? Ihre Hauptaufgabe besteht nicht nur darin, an das zu erinnern, was andere vergessen haben oder vergessen möchten, sondern auch so weit wie möglich zurückzutreten gegenüber der Gegenwart und sie in einem breiteren Kontext sowie in längerer Perspektive zu betrachten".

Kaum ein berufenerer Kopf ist denkbar für diese Aufgabe als Eric Hobsbawm, zählt er doch ohne Übertreibung zu den bedeutensten Historikern des 20sten Jahrhunderts und gehört sein "Zeitalter der Extreme" zur Pflichtlektüre jedes geschichtlich wie politisch interessierten Lesers. "Globalisierung, Demokratie und Terrorismus" umfaßt zehn neuere Aufsätze Hobsbawms, in denen er das Gesicht der Welt zu Beginn des neuen Jahrtausends in Augenschein nimmt.

Die Thesen dieser zehn Aufsätze lassen sich zu 4 Kernaussagen kondensieren:

1. Die zunehmend beschleunigte Globalisierung hat die Ungleichheit zwischen Staaten und innerhalb solcher vergrößert. Dass lediglich die Politik selber der Globalisierung widerstanden hat und weiter in nationalstaatlichen Dimensionen handelt, begründet politische Handlungsunfähigkeit.

2. Das Ende des Kalten Krieges führte zum Wegfall einer effektiven Machtbalance und begründete mit der resultierenden singulären Hegemonialstellung der USA eine neue Ära. Dass der bekennende Kommunist Hobsbawm den Kern allen Übels im Größenwahn Washingtons sieht, ist wenig überraschend. Der Furor, mit dem er die Außenpolitik Georg W. Bushs brandmarkt ("die Verrückten in Washington", "egoistische, rücksichtslose, streitsüchtige Macht") läßt nicht einmal den Verdacht von Altersmilde aufkommen. Es sind zugleich die zwei tiefgründigsten Kapitel dieser Aufsatzsammlung (Kapitel 3 & 10), in denen Hobsbawm die Rolle der USA im Vergleich zum Britischen Empire des 19. Jahrhunderts analysiert. Dass Washington nicht Rom ist, hatten bereits andere vor Hobsbawm herausgearbeitet, dass aber auch der Vergleich mit London nicht trägt, wird nun überzeugend dargestellt.

3. Wir erleben gegenwärtig die Krise bzw. den Untergang der klassischen Nationalstaaten, deren Ursache in der galoppierenden Globalisierung zu suchen ist. Dass sich Bürger jenseits von Fußballweltmeisterschaften zunehmend weniger loyal "ihrem" Nationalstaat gegenüber verhalten, stellt Hobsbwawm als eine der direktesten Folgen heraus. Die steigende Zahl an "failing states" und daraus resultierende Instabilitäten seien ebenfalls ein Charakteristikum unserer Zeit. Sehr ausführlich befaßt sich Hobsbawm mit den Aussichten der Demokratie westlicher Prägung (Kapitel 6 & 7) und kommt dabei zu höchst fragwürdigen Schlußfolgerungen: "Unter diesen Umständen besteht die zweckdienlichste, mitunter sogar einzige Lösung für demokratische Regierungen darin, so viele Entscheidungen wie möglich dem Einfluß der Öffentlichkeit und der Politik zu entziehen oder zumindest dem Prozeß repräsentativer Regierung aus dem Weg zu gehen, also sowohl der Wählerschaft als auch den Aktivitäten der von ihr gewählten Versammlungen und Instanzen".

4. Wir erleben ferner gegenwärtig die Wiederkehr der Massenkatastrophen sowie eine Barbarisierung der Gesellschaften. Dass Hobsbawm den Terrorismus neueren Datums für eine weitgehend überschätzte Bedrohung hält, führt er in gesonderten Kapiteln aus. Die zunehmende Brutalisierung auch der westlichen Gesellschaften beunruhigt Hobsbawm hingegen wesentlich mehr. Dabei entwickelt er ein soziologische "broken window theory", indem er eine direkte Linie vom epidemischen Verfall der Sitten hin zur Akzeptanz von Folter als Mittel der Terrorbekämpfung zieht.

Leider wird schnell deutlich, dass Hobsbawm entgegen seiner einleitenden Maxime nur zu selten die Perspektive vergrößert und daher kaum über reine Problembeschreibungen hinausgeht. So handelt es sich in weiten Teilen weniger um geschichtswissenschaftliche Essays als vielmehr um politische Kampfschriften mit einer recht einseitigen antikapitalistischen, antimarktwirtschaftlichen, antiimperialistischen und antiamerikanischen (sofern es sich um die USA der Bush-Jahre handelt) Ausrichtung. Dass Hobsbawm kaum eine Zeile möglichen Lösungsstrategien für die herausgestellten Fragen widmet, erkennt der Autor selber: "Und da Historiker zum Glück keine Propheten sind, bin ich von Berufs wegen nicht verpflichtet, ihnen eine Antwort auf diese Frage zu geben." (S.76) Diese Selbstbeschränkung reduziert "Globalisierung, Demokratie und Terrorismus" - mit Ausnahme der oben genannten zwei Kapitel zum Vergleich der USA mit dem britischen Empire - leider auf eine Bestandsaufnahme der Weltpolitik im frühen 21. Jahrhundert, die wenig neue Aspekte für den Leser bereithält.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 2, 2011 5:54 PM MEST


Dinge, die wir heute sagten: Roman
Dinge, die wir heute sagten: Roman
von Judith Zander
  Taschenbuch
Preis: EUR 16,90

20 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Dinge, die wir heute sagten" - Ein Roman, den sie heute nicht verpassen sollten!, 4. Dezember 2010
"Ich trinke (...) auf alles, was mir jetzt nicht einfällt, und den Pickel an meinem Kinn und Bresekow, was weiß ich. Wenn alles literaturfähig ist, dann ist erst recht alles trinkfähig, oder?" (S.471)

Es wird viel getrunken in Bresekow, über Generationen schon, von den Großeltern, den Eltern und jetzt erst recht von den mehrheitlich perspektivlosen Jugendlichen, die sich auf dem stillgelegten LPG-Gelände mitten im Dorf treffen. Aber was soll man auch sonst tagein tagaus in diesem Provinzkaff im hintersten Vorpommern machen? Bis eines Tages die alte Anna Hanske stirbt und zu ihrer Beerdigung ihre Tochter Ingrid aus Irland in den Heimatort zurückkehrt, 20 Jahre nachdem sie aus diesem geflohen war. Sie kommt nicht allein, ihr irischer Ehemann Michael nutzt den Besuch zur soziokulturellen Millieustudie am lebenden Objekt. Und dann ist da noch Sohn Paul, der dem jungen Paul McCartney zum Verwechseln ähnlich sieht und nicht nur den weiblichen Dorfnachwuchs in seinen Bann zieht. Mit Ingrid kehrt aber auch die Erinnerung an die Vergangenheit zurück, an die Geschehnisse in den 70er Jahren. Was hat es mit dem geistig zurückgebliebenen Henry auf sich und warum hat Ingrid damals die Beerdigung ihres in West-Berlin gestorbenen Vaters genutzt, um selber nicht in die DDR zurückkehren zu müssen?

Judith Zander zeichnet ein atmosphärisch dichtes Bild der vorpommerischen Provinz vor und nach dem Untergang der DDR nach. Kapitelweise wechselt die Erzählperspektive. Sind die Kapitel zu Beginn noch kurz und knapp, wie es dem eher maulfaulen Bewohner dieses Landstrichs entspricht, ändert sich dieses im Verlauf des Romans. Nach und nach kommen die Figuren ins Erzählen und irgendwann gibt es kein Halten mehr. Judith Zander paßt die Erzählsprache den jeweiligen Figuren an. Mal jugendlich flappsig, mal plattdeutsch und dann wieder hochdeutsch wandert der Leser durch die Gedankenwelt der Bresekower und erfährt langsam, welche Abgründe hinter den friedlichen Dorffassaden lauern.

20 Jahre ist die DDR bereits Geschichte und es scheint, dass je länger die DDR zurückliegt, die literarische Bewältigung ihrer Existenz an Qualität gewinnt. Vielleicht ist es das Element des eigenen Erlebens (bzw. der familiären Betroffenheit) kombiniert mit einer längeren Phase der Reifung des Stoffes, die es jüngeren Autoren nun erlaubt, sich in Romanen vielschichtig mit der deutsch-deutschen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Romane wie Tellkampfs "Turm" und nun Judith Zanders "Dinge, die wir heute sagten" schaffen es, eine Welt auferstehen zu lassen, die Lesern aus dem Westen der Republik fern und unbekannt sein dürfte.

Wieviel eigenes Erleben in diesen Roman eingeflossen ist, vermitteln die gefühlt-authentischen Beschreibungen von Personen, Ereignissen und Stimmungen. Eine beeindruckende Leistung einer gerademal 30jährigen Autorin. Aber was kann nach einem solch fulminanten Debutroman noch kommen? Wird Judith Zander "ihrer Heimat" erzählerisch treu bleiben oder begibt sie sich auf den Weg zu neuen (Erfahrungs-)Welten? Es wird sehr spannend bleiben, den weiteren literarischen Weg dieser sehr begabten jungen Autorin mitverfolgen zu dürfen.


The Smile Of The Lamb
The Smile Of The Lamb
von David Grossman
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,07

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein gelungener, allerdings sprachlich sehr anspruchsvoller Erstlingsroman, 28. November 2010
Rezension bezieht sich auf: The Smile Of The Lamb (Taschenbuch)
Bereits in seinem Erstlingsroman "The smile of the lamb" thematisiert David Grossman die israelische Besatzungspolitik in der West Bank, ein im Jahr 1982 bemerkenswertes Unterfangen für einen damals unbekannten israelischen Schriftsteller.

Im Mittelpunkt des Romans steht der Soldat Katzman, der das Kommando über die Besatzungstruppen in einem verschlafenen Nest im Westjordanland führt. Sein Freund Uri arbeitet für die zivile israelische Verwaltung der besetzten Gebiete. Als Uri von einem für verrückt gehaltenen Einsiedler, der in einer Höhle oberhalb des Dorfes haust, als Geisel genommen wird, glaubt Katzman nicht eine Sekunde lang an dieses Geschehen. Was hat Uri wirklich vor? Katzman befiehlt seinen Soldaten zurückzubleiben und macht sich allein auf den Weg zu Uri.

Kennengelernt hatten sich die beiden bei einem freiwilligen Einsatz in einem italienischen Erdbebengebiet. Nachdem der nach außen so kalte Katzman Uri im Laufe einer Nacht seinen Lebensweg geschildert hatte, der in einem Kellerversteck im von den Nazis besetzten Polen seine wesentliche Prägung bekommen hatte, verbindet die beiden ein Band der Freundschaft. Uri sucht noch nach seinem Platz im Leben, den Katzman mit dem vorbehaltlosen Dienst am Vaterland bereits gefunden zu haben scheint.

Dass Uri in Shosh hingegen bereits die Frau seines Lebens getroffen hat, ist für ihn selber das erstaunlichste Wunder, stammt Shosh doch aus einem Intellektuellenmilieu, zu dem Uri aus eigenem Antrieb nie Zugang gefunden hätte. So war es dann vor allem Shoshs Einfluß (und der ihres Vaters), der Uri zurück auf die Schulbank geführt hat, um seinem bis dahin antrieblosen Leben eine neue Richtung zu geben. Der Dienst an der Seite Katzmans in den besetzten Gebieten war allerdings überhaupt nicht in Shoshs Sinn. Was führt Uri im Schilde?

Shosh selber arbeitet als Sozialtherapeutin in einer Jugendanstalt. Nur langsam ist es ihr gelungen, dem übermächtigen Schatten ihres Vaters zu entkommen. Ihre so kontrollierte Fassade verbirgt ungeahnte Abgründe, wie Katzman und Uri erst kürzlich erfahren mußten.

Grossman entspinnt in "The smile of the lamb" ein komplexes Dreiecksgebilde zwischen Katzman, Shosh und Uri, welches in der Konfrontation in der Höhle des Einsiedlers seinen Höhepunkt findet.

Der Roman ist besonders auf den ersten 100 Seiten sehr schwierig zu lesen. Grossman verwendet extensiv arabische Begrifflichkeiten und Redewendungen, deren Bedeutungen sich erst im größeren Zusammenhang für den Leser ergeben. Das English des Romans ist ebenfalls durchsetzt mit Vokabeln, die meinen Wortschatz (und den meines Wörterbuches) überschreiten. Ob hier der Übersetzer die Tiefen seines Thesaurus austesten wollte oder diese Komplexität auf das Original zurückgeht, vermag ich nicht zu beurteilen.

Wie es so häufig ist, entwickeln aber gerade solche Bücher, in die man sich als Leser erst hineinkämpfen muß, eine besondere Faszination. Genauso ist es mir bei "The Smile of the lamb" auch ergangen. Der Roman bietet eine bemerkenswerte Vielschichtigkeit, indem eine Beziehungsgeschichte mit einem zutieft politischen Thema (die israelische Besatzungspolitik) verbunden wird.

Deutschen Lesern würde ich angesichts der geschilderten Schwierigkeiten zur Vorsicht bei der Wahl der englischsprachigen Ausgabe des Romanes raten.


Der Sturz des Friedrich Voss: Roman
Der Sturz des Friedrich Voss: Roman
von Ralph Hammerthaler
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,95

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Zeitenwende - Wendezeiten ... ein gelungener Wenderoman 20 Jahre danach, 21. November 2010
Braucht es 20 Jahre danach noch Romane über die Wendezeit? Ja, es braucht, sofern diese sich nicht in oberflächlicher Reminiszenz und platten Betroffenheitsschilderungen erschöpfen. Ralph Hammerthaler schafft dieses, indem er in "Der Sturz des Friedrich Voss" zahlreiche Momentaufnahmen aus der Zeit vor, während und nach der Zeitenwende von 1989 zum Gesamtbild eines mecklenburgischen Familienschicksals verknüpft.

Friedrich Voss hatte sich wohlig eingerichtet: Er war angesehener ärztlicher Direktor eines kleinen Krankenhauses in einem ebenso kleinen mecklenburgischen Ostseestädtchen. Mit den staatlichen Organen hatte er sich arrangiert, die obligatorischen Besuche der Parteigranden anläßlich seiner Geburtstage ließ er routiniert über sich ergehen. Was bei diesen (und anderen) Gelegenheiten geredet wurde, ging niemanden etwas an. Im Kollegenkreis fühlte er sich wohl, genossen sie doch alle gemeinsam die relative Freiheit, die ihnen das Leben im abgelegenen Ostseestädtchen ermöglichte.

Friedrich Voss war sich seiner besonderen Stellung durchaus bewußt. Da ließ sich schon mal eine neue Couch-Garnitur des Krankenhauses mit der eigenen heruntergekommenen Wohnzimmereinrichtung tauschen. Und als ein besonders arbeitswütiger Untergebener die Habilitation anstrebte, sprangen für ihn als Chef auch noch genügend wissenschaftliche Erkenntnisse ab, um seinem Namen zukünftig das "Herr Professor" voranstellen zu können. Dass auch die Frauen ihm nicht nur sprichwörtlich zu Füßen lagen, störte nur insofern, als dass seine eigene Frau gelegentlich davon Wind bekam und mit gleicher Münze heimzuzahlen versuchte.

Erste Risse bekam die heile Welt des Friedrich Voss erst, als einer seiner Söhne sich in der Schule zu einer "konterrevolutionären" Aussage hinreißen ließ. Auch Prof. Dr. Voss konnte Sohn Hermann nicht vor der Relegation von der Oberschule bewahren. Dass auch der jüngere Bruder damit die Chance auf ein Studium verlor, komplettierte das Ende der Voss'schen Glücksträhne. Wirklich ins Wanken gerät die Welt des Friedrich Voss aber erst mit dem Untergang der DDR. Danach ist nichts mehr wie zuvor und sein persönlicher Sturz übertrifft selbst die schlimmsten Befürchtungen.

Aus einer Vielzahl unterschiedlicher Perspektiven entwickelt Ralph Hammerthaler die Geschichte der Familie Voss über einen Zeitraum von fast 50 Jahren. Dabei schildert er nicht nur den Aufstieg des Friedrich Voss, sondern auch seinen nachwendlichen Niedergang und den Weg seiner Frau und Kinder in die gesamtdeutsche Realität des Jahres 2009. Im Unterschied zu einem der anderen Rezensenten finde ich die Differenziertheit, mit der sich Ralph Hammerthaler den unterschiedlichen Romanfiguren nähert, durchaus bemerkenswert. Der Autor arbeitet die Zerrissenheit der Familie Voss bei der Bewertung der Ereignisse heraus. So zum Beispiel die Söhne, die in der DDR keine Zukunft mehr hatten, mit der Wende zwar eine neue Freiheit gewonnen, wenig später aber den Vater verloren haben.

Dass angedeutete Gleichnis der gehbehinderten alten Dame, die sich auf den letzten Seiten des Romans zunächst aus ihrem Rollstuhl erhebt und einige eigene Schritte geht, um dann wenig später Hermann Voss aufzufordern, endlich etwas aus seinem Leben zu machen, ist vielleicht etwas dick aufgetragen. Hier vermittelt Hammerthaler dann doch den Eindruck des Besserwessis, der die Brüder und Schwestern aus den östlichen Bundesländern zu etwas mehr Initiative aufrufen möchte. Dennoch komme ich insgesamt zu einer positiven Bewertung dieses gelungen, lesenswerten Wenderomans.


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