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Rezensionen verfasst von
W. Öschelbrunn (Berlin)

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42: Roman
42: Roman
von Thomas Lehr
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Erzählerische Phantasie trifft auf sprachlichen Bombast - Kein Roman für Jedermann, 26. Februar 2011
Rezension bezieht sich auf: 42: Roman (Taschenbuch)
Eine Gruppe Journalisten und Politiker aller Herren Länder besichtigen einen Teilchenbeschleuniger in den Schweizer Alpen. Als sie aus den unterirdischen Katakomben zurück in die Sonne des Alltags treten, müssen sie eine erschütternde Beobachtung machen: Die Welt um sie herum ist stehengeblieben. Vögel und Flugzeuge verharren in der Luft, die Mitmenschen sind erstarrt. Die Uhren stoppten in der 42igsten Sekunde der 47igsten Minute der 12ten Stunde. Nur die Armbanduhren der kleinen Gruppe, die gerade den Fahrstuhl verlassen haben, ticken weiter, genauso wie Ihre Herzen weiter schlagen. Sie können sich bewegen und - wenn sie sich nahe genug einander annähern - auch miteinander sprechen. Den sie umgebenden "chronifizierten" Mumien können sie, indem sie sie berühren, einmalig für den Bruchteil einer Sekunde Leben einhauchen. Danach verharrt alles wieder in einer endlosen von der Sonne überstrahlten Bewegungslosigkeit und Stille.

Thomas Lehr entwirft ein bedrückendes Szenario und schildert die Versuche der verbleibenden Menschen sich in ihrer neuen Lebensrealität zurechtzufinden. "Der zerbrochene Goliath der Zivilisation liegt zu unseren Füßen, und wir können ihn bemalen, schänden oder auffressen, ganz wie es uns beliebt." (S 270)

"42" ist ein äußerst spannender und zugleich sehr phantasievoller Roman. Thomas Lehr bedient sich der Quantenphysik, um die Relativität der Zeit zu einem Romanthema zu entwickeln. Zugleich liefert er einen Spannungsbogen, an dessen Ende eine erschütternde Erklärung für das Geschehen auf den Leser wartet. Thomas Lehrs Roman "42" sticht heraus aus der Masse belangloser Zukunftsphantasien.

Allein Lehrs Sprachstil reicht aus, um Lesermeinungen zu polarisieren. Lehr überstrapaziert für meinen Geschmack den Leser, wenn er sich von Metapher zu Metapher schwingt und seine Satz- und Gedankenkonstruktionen teilweise ins Unverständliche (bzw. Unlesbare) fortspinnt. "Den gewölbten Hügel des Arrangements übersteigend, vorschriftswidrig den Rasen betretend und uns durch Büsche schlagend, stießen wir auf die so genannte Fontäne, einem enormen umgekippten Kronleuchter, der mit tausenden von Sonnenreflexen im Strass und Eis, hinter den Juwelenschnüren seines Wasserkranzes vollkommen still auf der wellig gefrorenen Unterlage stand." (S 93) Kann ich mich im Einzelfall noch an solchen Satzejakulaten begeistern, wird die Aneinanderreihung solcher Ungetüme schnell ermüdend. Zusätzliche Komplexität resultiert aus Lehrs exzessiver Beschreibung der regionalen Begegebenheiten, die für Nicht-Schweizer nur schwer nachvollziehbar sind. Es resultiert ein phasenweise schwer verständlicher Text, der allerdings den durchhaltewilligen Leser mit Spannung und punktueller sprachlicher Brillianz entlohnt.

Wem kann ich diesen Roman empfehlen? Sicherlich nur solchen Lesern, die über - im zum Roman passenden Sinne - unendlich viel Zeit verfügen, um einzelne Formulierungen mehrfach zu lesen, sich das Zurückblättern erlaubern, um Unverständliches zu entwirren. "42" ist kein Werk für Gelegenheitsleser, die sich einen spannenden Science Fiction Roman á la Michael Crichton erhoffen. "42" ist kein Roman für nebenbei, für die tägliche S-Bahnfahrt oder mal eben für ein verregnetes Wochenende. Aber all dies kann auch als Qualitätsmerkmal verstanden werden.


Gelb oder Grün?: Kleine Parteiengeschichte der besserverdienenden Mitte in Deutschland (X-Texte zu Kultur und Gesellschaft)
Gelb oder Grün?: Kleine Parteiengeschichte der besserverdienenden Mitte in Deutschland (X-Texte zu Kultur und Gesellschaft)
von Franz Walter
  Broschiert
Preis: EUR 14,80

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wie RTL und SAT1 zum Erstarken der FDP und Grünen beitrugen ..., 19. Februar 2011
Franz Walter, Göttinger Politikwissenschaftler, gehört ohne Zweifel zu den scharfsinnigsten und zugleich scharfzüngigsten Analysten der bundesrepublikanischen Parteienlandschaft. Lieblingsobjekte seiner sezierenden Beobachtungsgabe sind einerseits die im Niedergang befindlichen Volksparteien SPD und CDU und andererseits die scheinbaren Krisenprofiteure von FDP und Bündnis 90/Die Grünen. In seinen zwei im Jahr 2006 erschienenen Essaysammlungen "Die ziellose Republik" und "Träumen von Jamaika" hatte Franz Walter seine Grundthesen zum Wesen der grünen und freidemokratischen Parteien bereits vorweggenommen, führt diese nun in "Gelb und Grün" aber noch einmal in mehr Details aus.

Walter liefert zunächst einen knapp-prägnanten Abriß der fast 150 Jahre währenden liberaldemokratischen Parteigeschichte, von den Anfängen im Bismarck-Reich bis zur Tagesaktualität der Westerwelle-Partei. Dass Franz Walter nicht zum Fan-Club unseres aktuellen Außenministers gehört, kommt wenig überraschend, die Verve, mit der er die Entwicklungen in der Westerwelle-FDP brandmarkt, überrascht dann aber doch: "Selten sonst in der Geschichte des Parlamentarismus und der Parteien hat sich ein Einzelner seine Partei in einem solchen Ausmaße untertan gemacht, auf sich selbst zu- und ausgerichtet. Mitunter hat es gar etwas Sektenhaftes, wie die FDP (...) ihrem Fahnenträger und Lautsprecher ganz oben zu Füßen liegt und ihm enthusiastisch zujubelt." (S 60) Mit seiner Analyse trifft Walter den Kern der gegenwärtigen Westerwelle-Malaise: "Die Soundbites verschlissen sich; man wurde der Parolen überdrüssig; man konnte sein Gesicht nicht mehr sehen, die schrille Tonlage seiner Statements kaum mehr ertragen. Medienvirtuosität birgt in sich - je erfolgreicher sie zunächst wirkt - alle Keime des Scheiterns." (S 61)

Steht Walter in Bezug auf die FDP geradezu das Bedauern über den Niedergang des sozial-liberalem Parteiflügels ins literarische Gesicht geschrieben, verfolgt er die frühen grün-fundamentalistischen Wirrungen und Irrungen mit unverhohlener Sympathie. Der Transformation der Grünen von der Protest- zur Eigenheim-Partei kann allerdings auch Walter nur mit einer gehörigen Portion Häme begegnen: "Der Protest verbeamtete. Damit begann der Abschied aus der Wohngemeinschaft. (...) Die Haare der Männer wurden kürzer, die der Frauen oft länger. Die Kleidung war nun teurer und modischer; die Latzhose verschwand aus den Kleiderschränken, ersetzt durch den Markenblazer italienischer Herkunft." (S 77) Diese Analyse ist zwar geradezu schmerzhaft stereotypenhaft, dadurch allerdings nicht weniger treffend. Walter liefert treffende Analysen, welche Rollen das grüne Führungspersonal (Fischer, Trittin, Roth) gerade in dieser Transformationsphase übernahmen. "Ihre Talente, gleichsam von Fischer bis Trittin, drangen mit harter Entschlossenheit nach vorne. Sie waren wuchtige Rhetoriker, oft verwegen, von bedenkenloser Wendigkeit, hatten immer unbeirrt das Ziel einer nicht zuletzt für sie selbst besseren Zukunft vor Augen." (S 88)

Walters Ansatz, die volksparteiliche Dominanz von CDU und SPD in den 50er und 60er Jahren mit der Einheitlichkeit öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu korrelieren und entsprechend das Aufkommen des Privatfernsehens als Brandbeschleuniger für das Zersplittern des Parteienspektrums heranzuziehen, erscheint mir nicht schlüssig. Ist es wirklich mehr als eine Gleichzeitigkeit zweier Symptome gesellschaftlicher Veränderungen, gar ein wirklicher kausaler Zusammenhang? In gleicher Weise könnte man auch argumentieren, dass die grüne Parteibewegung offensichtlich von der Verbreitung der Haushalts-Mikrowellen profitiert habe, sind doch letztere im selben Zeitraum wie die grüne Partei aufgekommen.

Mit besonderem Interesse habe ich die Seiten über die schwarz-grüne Annäherung gelesen, in denen Walter durchaus über die üblichen Oberflächenanalysen der politischen Sonntagszeitungen hinausgeht und sich mit den Unterschieden in Wählerschaft und Sozialisation zwischen diesen Parteiformationen befaßt. "Grüne und Schwarze überschneiden sich nicht, sondern ergänzen sich, können durch Komplementarität im besten Fall an Stärke und Breite gewinnen." (S 106) Hingegen: "Es ist fast überraschend, wie wenig sich die Anhängerschaften dieser Parteien auf der unteren Ebene der deutschen Provinz angenähert haben. (...) Im breiten Geflecht ihrer Traditionssphären haben sich die Gegensätze indes mit erstaunlich zäher Konstanz gehalten." (S 107)

Ähnlich pointiert befaßt sich Walter wenige Seiten später mit der Distanz zwischen FDP- und grüner Wählerschaft. "Auf den Schulhöfen standen die beiden Gruppierungen sorgfältig getrennt in verschiedenen Ecken." (S 124) Und: "In der wohlhabenden Mitte der Gesellschaft haben sich zwei eigene und konträre Lebenswelten entwickelt, nicht in materieller Hinsicht, aber in Hinsicht von Prinzipien, von Einstellungen, in der Sichtweise von dem, was man für wichtig hält." (S 127)

Insgesamt liefert Walter eine pointierte, gut lesbare Analyse, die nicht nur für Wahlstrategen in den bundesdeutschen Parteizentralen von Interesse sein dürfte.


Der Sprachverführer: Die deutsche Sprache: was sie ist, was sie kann
Der Sprachverführer: Die deutsche Sprache: was sie ist, was sie kann
von Thomas Steinfeld
  Gebundene Ausgabe

47 von 50 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt" (Wittgenstein), 12. Februar 2011
"Es gibt unendlich viele Formen von 'guter' Sprache, und gemeinsam ist ihnen vor allem, dass sie genügend Spannung besitzen, um die Lektüre voranzutreiben und doch, in kraftvoller Schönheit, den Leser zum Verweilen in einem jeden Satz einladen." (S 241) Steinfelds "Sprachverführer" ist randvoll gefüllt mit solchen Sätzen und liefert eine schonungslose Stilkritik der modernen deutschen Sprache (und ihrer Sprecher).

Beginnend bei der Phrasendrescherei Josef Ackermanns macht Steinfeld auch vor Günter Grass nicht halt, ganz im Gegenteil, entwickelt sich letzterer sogar geradezu zu Steinfelds Lieblingsvorführobjekt. Kapitel für Kapitel seziert Steinfeld die Elemente mal mehr, mal weniger gelungener Sätze. Er vergleicht die Entstehungsgeschichte der deutschen Schriftsprache mit der des Französischen oder Englischen. Steinfeld wandert durch die Jahrhunderte und besucht die historischen Schlüsselmomente der deutschen Sprache, die Luthersche Bibelübersetzung, die Literatur des Sturm und Drang, die Phasen wortschöpferischer Fruchtbarkeit sowie zentralstaatlicher Formalisierung und Bürokratisierung.

Steinfeld reiht sich dabei nicht in den Chor der linguistischen Zukunftspessimisten ein. " ... das kann nur heißen: etwas als Lebendiges übernehmen, zum Pflegen und Weiterbilden, nicht zum Zweck der Verteidigung, nicht als Besitz, nicht als hilfloser Glauben an eine Heilsgemeinschaft in der Muttersprache, sondern als gewußte Veränderung". (S 243) Sprache lebt und - wie der Berliner ergänzen würde - das ist auch gut so. "Selbstverständlich kann man die deutsche Sprache lieben. Aber man sollte sie nicht auf die unfruchtbare Weise lieben, die auf einem bestimmten Zustand insistiert und ihn gegenüber aller Veränderung behaupten will - nicht pedantisch, sondern leicht und mit einem Blick für das Komische." (S 244)

Im Unterschied zu Guy Deutscher schert sich Steinfeld wenig um seine philologiefernen Leserschichten. Steinfeld setzt die Kenntnis des kompletten Kanons deutschsprachiger Klassiker voraus, wenn er leichtfüssig durch die Jahrhunderte der Entstehung der deutschen Kulturnation tänzelt. Absatzweise scheint er sich primär an solche Leser zu richten, die regelmäßig mit dem Feuilleton der FAZ unter dem Kopfkissen einschlafen und somit bei "Prosodie" oder "Hypotaxe" nicht zum Lexikon greifen müssen.

Überhaupt fehlt es Steinfelds Werk - trotz aller Stilsicherheit - auf geradezu absurde Weise an jeglicher Struktur. Bei aller Detailverliebtheit, mit der Steinfeld seine Sätze geradezu zelebriert, scheint eine steife Windböe dem Autor sein Gesamtmanuskript durcheinander geweht zu haben. Für einen Naturwissenschaftler geradezu körperliche Schmerzen verursachend, springt Steinfeld von Thema zu Thema, vorwärts, seitwärt und wieder zurück, reißt einzelne Thesen kurz an, um andere mantraartig x-fach zu wiederholen.

Gelegentlich kreist Steinfelds Weltsicht arg um den eigenen Bauchnabel und so verliert er darüber den Blick für seine Umwelt. So erfährt der Leser mit Erstaunen, dass der Begriff "der Schwarze" eindeutig dem verpönten "der Farbige" vorzuziehen sei und dass im übrigen die 68er Bewegung die einzig echte Revolte auf deutschem Boden gewesen sei. Letzteres wird vermutlich nicht nur ostdeutsche Gesichtszüge in Falten legen.

Trotz dieser Schwächen macht "Der Sprachverführer" trotzdem Lust auf mehr. Steinfelds feine Klinge, mit der er Sätze filetiert, seine Begeisterung für die Sprache mit all ihren Feinheiten, Unregelmäßigkeiten und unendlichen Variationsmöglichkeiten ist ansteckend. "Doch ist das Nachdenken über die Sprache, genauer: das Schreiben mit Bedacht, die Voraussetzung für eine gute Sprache." (S 103)

Und: "Denn wie einer redet und auch, wie einer schreibt, gehört ja zum Innersten eines jeden Menschen. Die Sprache offenbart mehr, viel mehr von ihm als sein Gesicht oder seine Kleidung." (S 46)
Oder: "Überläßt man sich den Phrasen, kann man sich das Denken sparen." (S 47)
Und zu guter Letzt: "Und wie ist es erst (...) bei 'copy and paste', wenn die Sprache aus dem einen elektronischen Dokument in das andere fließt, in unkontrollierten Mengen, und dazwischen keinen Augenblick in einem Kopf verweilt ...". (S 107)

Noch viele Zitate wären es wert, hier aufgeführt zu werden, aber die Rezension ist schon jetzt um ein Vielfaches zu lang geraten.

Schreibe ich nun besser, nachdem ich von Steinfeld auf 240 Seiten in die Geheimnisse gelungener Sätze eingeführt worden bin? Die Antwortet lautet: Leider nicht, aber zumindest bin ich mir der eigenen sprachlichen Mängel nun etwas bewußter. Auch das ist mir vier Sterne wert.


Lisa: Roman
Lisa: Roman
von Thomas Glavinic
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,90

17 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen "... wieso kocht man Kasachen?", 12. Februar 2011
Rezension bezieht sich auf: Lisa: Roman (Gebundene Ausgabe)
Als bekennender Thomas Glavinic Fan habe ich mich auf das Erscheinungsdatum von "Lisa" gefreut, versprachen doch die Vorabankündigungen einen neuen Glavinic-Klassiker. Und tatsächlich verbindet "Lisa" ein typisches Glavinic-Thema (die Auseinandersetzung mit der Welt der modernen Medien) mit einem buchspezifischen Sprachstil (das Wortprotokoll eines Internet-Livestreams). Das Resultat ist aber dennoch eine literarische Enttäuschung.

Kurz zum Inhalt: Tom, der Sprecher eines Internet Livestreams, hat sich mit seinem achtjährigen Sohn Alexander in einem einsamen im Wald gelegenen Ferienhaus versteckt. Vor Jahren wurde nach einem Einbruch in die familiäre Wohnung die DNA einer Massenmörderin ("Lisa") am Tatort identifiziert. Seitdem steigerte sich Tom in den Wahn hinein, das nächste Opfer Lisas sein zu können. Die entstehende Freundschaft zum ermittelnden Kommissar Hilgert, der Toms wahnhafte Lisa-Fixierung teilte, tat ein übriges. Inzwischen ist Hilgert seit Tagen verschwunden und die Abgeschiedenheit des Zufluchtortes steigert Toms Verfolgungswahn stündlich.

Toms Nächte werden bestimmt durch Koksen, Saufen und dem Internet Livestream. "Jeden Abend schreibe ich meinen Namen mit Kokain auf den freien Schreibtisch, saublöde Angelegenheit, ich weiß, und jeden Abend ist schon um Mitternacht nichts mehr davon übrig, obwohl ich einen langen Namen habe und die Buchstaben sehr groß sind." (S9)

Er monologisiert über Gott und die Welt: über Beziehungen, über das Wesen der Taxifahrer, die Zurückgebliebenheit Rumäniens und die Abartigkeit der Performancekunst. "Es ist, als ob mir nichts passieren könnte, solange ich hier sitze und rede, rede, rede." (S 116) Dass Political Correctness nicht im Vordergrund steht und Tom (Glavinic) sich auch in zahlreichen Ausritten ins Vulgäre gefällt, gehört zum Stil dieses Romans. "Es hilft nichts, ihr könnt einen Bauern aus seinem Stall holen und ihm das Feuilleton zu lesen geben, aber er wird trotzdem ein Bauer bleiben." (S 106) Fragmentarisch setzen sich für den Leser langsam die Geschehnisse um Lisa zusammen, wird Tom nicht gerade durch Nasenbluten nach zu intensivem Koksen vom Weiterreden abgehalten.

Problematisch an "Lisa" ist, dass die inhaltliche Basis dieses Romans den allermeisten Lesern aus den Medien als "Das DNA-Phantom von Heidelberg" bekannt sein dürfte und so keine Spannung aufkommen kann, da früh klar ist, dass "Lisa" gar nicht existiert. Glavinics Ansatz, auf den letzten Seiten "Lisa" doch wieder auferstehen zu lassen, erscheint als recht verzweifelter Versuch den Spannungsbogen seines Romans zu retten.

Thematisch setzt Glavinic seinen Trend zum Minimalismus fort, indem er eine Vielzahl erzählerischer Fäden auslegt, die allesamt im Nichts verlaufen. So erfährt der Leser nicht, warum Toms Ex-Frau und Alexanders Mutter keine Rolle mehr spielt und was wirklich mit Hilgert geschehen ist. Der Roman liefert keine Auflösung, sondern endet im Ungewissen.

Ähnlich dem "Kameramörder" ist der Leser wieder ganz nah am Geschehen, gefühlt sitzt er am Computer und hört Tom zu. Sprachlich empfand ich das Nachlesen eines gesprochenen Livestreams als äußerst ermüdend. Zwar ist dieser ungewöhnliche Stil zunächst interessant, weil ungewohnt, schnell resultiert aber eine sprunghafte, abgehackte und somit unruhige Lesestimmung. Der Roman kommt an keiner Stelle in Fluß, da er immer wieder von Internetausfällen oder Toms menschlichen Bedürfnissen unterbrochen wird.

"Lisa" erscheint mir als Vorlage eines Theaterstücks (mit einem monologisierenden Ben Becker auf einer nur durch eine Tischlampe erleuchteten Bühne). Als Roman ist "Lisa" ein Flop.


Die Pythagoras-Morde: Roman
Die Pythagoras-Morde: Roman
von Guillermo Martínez
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Keine Angst vor der höheren Mathematik - auch wenn sie gelegentlich tödlich ausgehen kann., 11. Februar 2011
Guillermo Martinez scheint es bei der Themenwahl für seinen ersten Kriminalroman nicht um den kommerziellen Erfolg gegangen zu sein, sonst hätte er sich wohl kaum für die höhere Mathematik entschieden; verbreitet doch kein zweites Schulfach wie die Mathematik bei vielen Menschen noch lange nach dem Ende der eigenen Schulzeit derartig Furcht und Schrecken. Aber was blieb Martinez anderes übrig, kennt er sich doch als Mathematiker in keinem anderen Fachgebiet besser aus? "Die Pythagoras-Morde" beweist derweil zum wiederholten Mal, dass es einem Debutroman durchaus zugute kommen kann, wenn ein junger Autor sich zunächst einem Thema widmet, mit dem er inhaltlich intim vertraut ist.

Eigentlich lese ich selten Krimis. Dass sich "Die Pythagoras-Morde" überhaupt auf meinem Lesestapel wiedergefunden haben, ist einem dieser eigentlich wenig willkommenen, wenn auch gutgemeinten Geschenke zu verdanken, die der weihnachtliche Familienbesuch gelegentlich mit sich bringt. Entsprechend lange hat es gedauert, bis ich Martinez eine Chance gegeben habe. Das er nun doch zum Zuge gekommen ist, hat vor allem daran gelegen, dass ich zwischenzeitlich - ohne den Zusammenhang zu bemerken - Martinez neuesten Roman "Roderers Eröffnung" gelesen habe und von diesem einigermaßen angetan gewesen bin.

"Die Pythagoras-Morde" ist das, was man vermutlich als intelligent-konzipierten Krimi bezeichnen könnte. Ein junger argentinischer Mathematik-Student verbringt ein Auslandssemester in Oxford. Kaum in der neuen Umwelt angekommen, findet er eines Nachmittags seine Vermieterin tot auf dem Sofa vor. Als wenig später ein weiterer Todesfall geschieht und beide in den Zusammenhang mit seltsamen Symbolen geraten, die an die Adresse eines renomierten Mathematik-Professors gesendet werden, ist der mathematische Spürsinn nicht nur des Erzählers gefordert. Es entspinnt sich ein sehr kurzweiliger Krimi, der ohne die genre-üblichen Spannungselemente (Verfolgungsjagden, Schießereien etc.) auskommt. Dass Martinez nebenbei das Krimigeschehen in das für die Mathematik geradezu historische Ereignis der Lösung von Fermats letztem Satz einbettet, macht aus einem guten Krimi einen besonderen Kriminalroman.

Guillermo Martinez' "Die Pythagoras-Morde" ist sicherlich nicht geeignet für Leser, denen der Gedanken an a2 + b2 = c2 bereits die Laune verhagelt. Für Freunde eines die grauen Zellen beanspruchenden Lesevergnügens bietet dieses Buch aber zwei Lesetage mit garantiertem Zufriedenheitsfaktor.


Der Kameramörder: Roman (dtv Literatur)
Der Kameramörder: Roman (dtv Literatur)
von Thomas Glavinic
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,90

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wenn die Fernsehrealität das tatsächliche Leben erfaßt - über den fließenden Übergang zwischen Abscheu und Faszination., 6. Februar 2011
Thomas Glavinic liefert mit der "Der Kameramörder" einen meisterhafter Psychothriller, der den Leser bis zum letzten Satz in seinen Bann schlägt. Erst mit diesem enthüllt Glavinic die wahre Dimension der Geschehnisse, die der Leser bis dahin in einer doppelten Voyeurrolle verfolgt hat.

Ein Ehepaar beschließt, das Osterwochenende bei ihren Freunden Eva und Heinrich Stubenrauch in deren Haus in der steiermarkschen Abgeschiedenheit zu verbringen. Abrupt erschüttern Fernsehnachrichten die erhoffte idyllische Ruhe. In einem nicht weit entfernten Ort entführt ein Mann drei Kinder und zwingt zwei von Ihnen von Bäumen in den Tod zu springen. Die genauen Vorgänge hat er nicht nur auf Video aufgezeichnet, sondern dieses Video auch einem deutschen Fernsehsender zugesendet. Als dieser Fernsehsender das stundenlange Video ausstrahlt, verfolgen die vier Freunde gebannt am Fernseher die Geschehnisse.

Besonders Gastgeber Heinrich Stubenrauch packt die Neugierde, er zappt sich unaufhörig durch Nachrichtensendungen und Teletext. Geradezu magisch angezogen von den Geschehnissen im Nachbarort, gibt er sich schon bald nicht mehr mit der passiven Rolle des Fernsehzuschauers zufrieden. Er will selber zum Ort des Geschehens fahren. Doch die Geschehnisse kommen ganz von allein näher, als die Polizei einen Verdächtigen einzukreisen beginnt und der Polizeikordon sich immer enger um das Stubenrauchsche Anwesen zusammenzieht. Zunehmend wird das abstrakte Fernsehgeschehen zur bedrohlichen Alltagsrealität.

"Ich wurde gebeten, alles aufzuschreiben". Der erste Satz ist bezeichnend für den Stil des Buches. Im Unterschied zu Heinrich Stubenrauch beobachtet der Ich-Erzähler die Geschehnisse komplett emotionslos und unpersönlich. Nicht nur betont sachlich, sondern krampfhaft auf noch die kleinsten Details achtend, schildert er minutiös das Osterwochenende. "Im Haus ertönte ein Schrei. Eva kam herausgestürmt. (...) Sie zitterte am ganzen Körper, ballte die Fäuste und schluchzte. (...) Es dauerte ca. 8-10 Minuten bis Eva wieder zu ihren Gastgeberpflichten zurückkehren konnte (Abwaschen etc)." (S. 18)

Glavinic thematisiert die Perversion einer voyeuristischen Medienwelt. Die Mattscheibe verwandelt den Kampf ums Überleben dreier Kinder in Wochenendunterhaltung der Zuschauer. "Er forderte den Langhaarbruder auf, den Baum zu erklimmen. Lautes Geheul des Widerspruchs war die Resonanz. Heinrich nahm sich eine Handvoll Chips und sagte, es sei gräßlich, der Mann müsse der Teufel persönlich sein." (S. 75) Aber wer ist hier der Sadist? Erfreut sich wirklich nur der Mörder an der Verzweifelung der Opfer? Auch der Leser beobachtet aus dem heimischen Lesesessel heraus fasziniert das Geschehen. Auch er muss sich fragen, wann bei ihm Abscheu im Angesicht des Gelesenen in Faszination und Neugierde umgeschlagen ist. Wieviel Voyeurismus liegt in seiner Natur?

Glavinic gehört zu den ganz wenigen aktuellen Autoren, die sich mit ihren Romanen ständig neu erfinden. Wenn man einen roten Faden durch einige seiner Romane ziehen möchte, dann am ehesten den der psychologischen Nabelschau. Welche Schattenseiten des menschlichen Wesens treten in imaginären Extremsituationen zum Vorschein, wenn sich ein Mensch z.B. alleine in der Welt wiederfände ("Die Arbeit der Nacht") oder wenn er die Welt nach seinen Wünschen gestalten könnte ("Das Leben der Wünsche"). Glavinics Romane funktionieren dabei als Spiegel, der Leser wird gezwungen das Gelesene auf sein eigenes Wesen zu reflektieren.


Du Jane, ich Goethe: Eine Geschichte der Sprache
Du Jane, ich Goethe: Eine Geschichte der Sprache
von Guy Deutscher
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Warum ist die deutsche Rübe weiblich, während das deutsche Mädchen geschlechtslos bleibt?, 29. Januar 2011
"Du Jane, ich Goethe" ist ein Buch für Sprachliebhaber. Wer selber schon einmal im fremdsprachlichen Ausland gelebt hat, entwickelt häufig eine besondere Beziehung zur Muttersprache und beginnt die Besonderheiten der eigenen Sprache zu schätzen und die Untiefen fremder Sprachen zu fürchten. Entgegen aller scheinbarer Unterschiede, stellt Guy Deutscher in seinem Werk die übergreifenden Gemeinsamkeiten vieler Sprachen heraus, insbesondere parallele Entwicklungen in Grammatik und Lautwelt.

Die heutigen Sprachen scheinen dabei einem kontinuierlichen Verfall preisgegeben, grammatikalisch von der Entropie zu immer mehr Unregelmäßigkeiten getrieben und durch die Faulheit des Gaumens einer ständigen Abschleifung der Feinheiten unterzogen. Wie kann es aber sein, dass zu antiker Zeit die Menschen in scheinbar perfekter Grammatik miteinander kommunizierten, während zwei Jahrtausende später in Kanacksprech getwittert wird? Wer hat zu historischer Zeit dieses scheinbar perfekt geordnete Gesamtkunstwert der Sprache entworfen? Versucht sich hier ein Sprachwissenschaftler gar am Gottesbeweis?

Guy Deutscher setzt dem Leser Schritt für Schritt auseinander, dass die Entwicklung von Sprache natürlich nicht eindimensional den Berg der Offenbarung hinunter führte, sondern ein viel komplexeres Zusammenspiel zutiefst menschlicher Einflüsse am Werk ist. "Gleichwohl reiht sich der Sprachwandel in eine lange Liste von Phanomenen ein, angefangen von Verkehrsstau bis hin zu Trampelpfaden über Wiesen, die durch das Handeln der Menschen herbeigeführt werden, ohne ausdrücklich beabsichtigt zu sein." (S 284) Der Leser lernt viel über Lautverschiebungen, über die Funktion von Metaphern und nicht zuletzt über die Evolution von Begriffen, Bedeutungen und letztendlich der Grammatik als Ganzem.

Guy Deutscher schreibt verständlich und unterhaltsam. Um auch letzte Unklarheiten ausräumen zu können, bedient er sich sogar an einer Stelle der klassisch hellenistischen Methode des Dialoges. Nur im Kapitel 7, in dem er Sprache vor den Augen des Lesers heranzüchtet, läuft Deutscher Gefahr vor lauter Begeisterung den Leser zu überfordern. Insgesamt ein sehr anregendes Werk für solche Leser, die sich an sprachlichen Feinheiten nicht nur erfreuen können, sondern auch ihrer Entstehung auf den Grund gehen möchten.


Der heilige Eddy (detebe)
Der heilige Eddy (detebe)
von Jakob Arjouni
  Broschiert
Preis: EUR 9,90

3 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Eine unheilige Entwicklung - Mit der wachsenden Prominenz des Autors sinkt die Qualität seiner Romane, 29. Januar 2011
Rezension bezieht sich auf: Der heilige Eddy (detebe) (Broschiert)
"Abgesehen davon war Eddy inzwischen schon über vierzig, und angegraute Haare, sogenannte Denkerstirnfalten und eine leichte, freundlich-versöhnliche Mattheit im Blick ließen sich nur schwer mit dem Bild verbinden, das bei der Bezeichnung Hauptstadthalunke entsteht." Schon im Begriff "Hauptstadthalunke" liegt der Kern des Problems, welches ich mit diesem Roman habe. Eddy ist kein possierlicher Halunke, sondern ein Trickbetrüger, der z.B. einen Besucher einer Computermesse um seine Monatseinkünfte bringt, um sich ein bequemes Leben zu erschleichen. Insofern kommt es Eddy sehr ungelegen, als der meistgehaßte Mann Berlins genau vor seiner Wohnungstür das Zeitliche segnet, würden doch die zu erwartenden Nachforschungen Eddys bürgerlich-freundliche Scheinweltfassade in den Grundfesten erschüttern. Um sich aus dieser Situation zu befreien, bedient sich Eddy seines besten Freundes, den er zunächst gnadenlos belügt und dann bei der Beseitigung der Leiche zum Mitwisser macht. Dass sich Eddy wenig später in die Tochter des Toten verliebt und sogar ins Gefängnis geht, um sie nicht weiter belügen zu müssen, soll wohl ein Happy End im Sinne Arjounis darstellen.

Das Buch hat für mich nicht funktioniert, was vor allem daran liegen dürfte, dass ich entgegen aller Bemühungen Arjounis keine Sympathie für Eddy entwickeln konnte (und wollte). Mag es Spießigkeit sein, ist man aber selber einmal Opfer von Trickbetrügereien geworden, vermag man sich dieser Form wirklichkeitsfremder Idealisierung einer asozialen, weil die Gesellschaft ausnutzenden, Lebensweise nicht mehr anzuschließen.

"Der heilige Eddy" hat nicht mehr den Biss von Arjounis Kayankaya-Romanen der späten 80er Jahre. Arjounis erzählerischer Umzug von Frankfurt (Kayankaya) nach Berlin (Magic Hoffmann) spiegelte zwar die Veränderungen in der Bundesrepublik wieder, hat dem Autor aber nicht gut getan. In "Der heilige Eddy" schimmert nur noch wenig der früheren Arjouni-Qualitäten durch. Es gibt sie zwar noch, diese kurzen aber umso prägnanteren Momente sprachlicher oder beobachterischer Brillianz, es braucht aber Spürsinn, um diese Perlen im sonstigen "Wir sind doch alle gute Menschen"-Einerlei zu finden. "Sie hielt ihm die Craven-A-Packung hin. Seine Marke. Doch Eddy glaubte nicht an Schicksal. Er glaubte an Krebs." (S 170) "Als (...) sich das leise Schnurren der teuren Motoren wie eine Geräusch gewordene Cashmere-Decke über den Ku`damm legte, schien für einen Augenblick die Zeit stehenzubleiben". (S 153)

"Der heilige Eddy" ist schnelle Lektüre für einen Sonntag Nachmittag, durch großen Schriftsatz auf 245 Seiten aufgeblasen. Für Berliner Leser birgt der Roman zumindest noch einige wenige Momente erzählerischer Heimaterinnerung, ansonsten handelt es sich aber um einen dürftigen Roman. Insbesondere für (ehemalige) Arjouni-Fans eine Enttäuschung.


Alles paletti: Roman
Alles paletti: Roman
von Assaf Gavron
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Alles "sababa" - rasante Unterhaltung à la Ocean's Eleven, 25. Januar 2011
Rezension bezieht sich auf: Alles paletti: Roman (Taschenbuch)
Assaf Gavrons fulminanter Gangsterroman "Alles paletti" hat ohne Zweifel Hollywood-Blockbuster-Potential. Fast wäre man geneigt, sich diesen Roman auf den Nachtisch von Guy Ritchie zu wünschen, gäbe Gavrons Vorlage doch einen würdigen Nachfolger von Ritchies legendärem "Snatch" ab.

Chaim Galils "Sababa Moving and Storage'd" ist mit gerade einmal einem einzigen Umzugswagen ein kleines Licht am jüdisch dominierten Firmament der New Yorker Umzugsunternehmen. Und nicht nur im Firmennamen ist einiges in Unordnung geraten, paletti (hebräisch: sababa) ist schon lange nichts mehr: Chaims Packer hausen in den Büroräumen, Chaims Umzugstouren quer durch die USA sind ebenso chaotisch wie unrealistisch geplant. Zwar ist Jonsy, einer von Chaims Movern, geradezu legendär im Erarbeiten von hohen Trinkgeldern, angesichts der Marotten seines Chefs kann aber auch er die aufgebrachten Kunden nur noch selten beruhigen. Um so mehr beschäftigen sich Jonsy, Izzi und Schlomi mit Überlegungen auf eigene Faust sich aller Geldsorgen zu entledigen. Als sie die vermeintlich wertvolle Bildersammlung eines alten Ehepaars nach Florida bringen sollen, scheint ihre Chance gekommen. Sie entscheiden sich, die Bilder samt Umzugswagen zu entführen. Zuvor laden Sie aber noch eine zusätzliche Fuhre auf. Dummerweise handelt es sich dabei um zwei aufwendig frisierte Spielautomaten, mit denen die ukrainische Mafia ein ganz großes Ding drehen will.

Es entspinnt sich eine rasante und kuriose Verfolgungsjagd zwischen Jonsy und Izzi im blauen Sababa-Umzugswagen sowie den ukrainischen Mafiosi, dem FBI und hintenan Chaim Galil. Nach tausenden von Kilometern durch die Weiten Amerikas kommt es im Herzen von Las Vegas zum finalen Showdown.

Die Storyline von "Alles Paletti" ist angesichts der Rasanz der Erzählung erstaunlich schlüssig und weist nur in der finalen Auflösung gewisse logische Wackler auf. Eine kleine Schwäche des Romans könnte man in der Neigung des Autors sehen, zu viele Nebensächlichkeiten noch im Detail erläutern zu wollen. So erfährt der Leser Details über das Wetterphänomen El Nino, über das Liebesleben eines Indianerhäuptlings, über die Entstehungsgeschichte von McDonalds und Burger King und die ersten Achterbahnen der Welt. All diese Details sind zwar amüsant, lenken aber auch von der eigentlichen Storyline ab.

Assaf Gavron schreibt mit dem fast schon sprichwörtlichen jiddischen Witz. Er bedient sich aller gängigen Klischees bei der erzählerischen Ausgestaltung seiner israel-stämmigen Mover und auch bei den Beschreibungen der ukrainischen Mafiosi bleibt kaum ein Auge trocken. Normalerweise wünsche ich mir die Verfilmung gelungener Bücher nicht. In diesem Fall wäre es aber geradezu schade, wenn dieser Romanstoff nicht den Weg auf die Kinoleinwand finden würde.


Mutmassungen über Jakob: Roman (edition suhrkamp)
Mutmassungen über Jakob: Roman (edition suhrkamp)
von Uwe Johnson
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,50

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4.0 von 5 Sternen Die Frage Warum gehst Du nicht in den Westen heißt richtiger Warum bleibst Du hier., 15. Januar 2011
Schon lange standen Uwe Johnsons "Mutmassungen über Jakob" auf meiner Leseliste. Nun boten die ruhigen Tage zum Jahreswechsel die Gelegenheit, dieses Werk eines fast schon legendären Autors zu lesen. Und soviel ist sicher: Es werden weitere Werke von Uwe Johnson folgen.

In "Mutmassungen über Jakob" schildert Johnson den vermeintlichen Unfalltod des Eisenbahn-Dispatchers Jakob Abs. Nach der kriegsbedingten Flucht aus Pommern wächst Jakob mit seiner Mutter im Haus des Möbelrestaurateurs Heinrich Cresspahl in der kleinen (imaginären) Gemeinde Jerichow unweit der innerdeutschen Grenze auf. Heinrichs Tochter Gesine und er sind bald so unzertrennlich wie Geschwister. Jakob geht zur Bahn, zunächst als Rangierer und steigt schnell zum Schichtleiter im Leitstand der entfernten Großstadt auf. Jakob glaubt daran, im östlichen Deutschland eine lebenswerte Zukunft aufbauen zu können. Gesine studiert Anglistik in Leipzig und bleibt nach dem Besuch der Dolmetscherschule in Frankfurt am Main als Dolmetscherin bei der NATO im Westen. Als Jakobs Mutter sich ebenfalls für den Schritt nach West-Berlin entscheidet, geraten Jakobs Überzeugungen ins Schwanken.

Doch längst hat sich auch der Staat der Frage zugewandt, ob Jakob noch ein verläßlicher Staatsbürger sei. "Die Großen des Staates warfen ihr Auge auf Jakob." (S 28) Es sind allerdings nicht Jakobs erste Kontakte zu den geheimen Organen des Staates, nun beruhen sie aber nicht mehr auf Gegenseitigkeit. Als sich Gesine entscheidet für ein Treffen mit Jakob in den Osten zurückzukehren, kommt es zum unfreiwilligen Zusammentreffen mit Jakobs Führungsoffizier. Es ist der Tag des Ungarischen Volksaufstandes.

Johnson erzählt vor historischer Perspektive. Er schildert die DDR in den Jahren nach dem Tode Stalins in der Hoffnung auf eine Chruschtschowsche Entspannungspolitik. Die Grenze zu West-Berlin ist noch offen. Die Verlockungen des Westens und die Gerüchte über den stalinistischen Terror erschüttern selbst die überzeugtesten Anhänger des ostdeutschen Staatsexperiments. Die Perversionen des Überwachungsstaates und die planwirtschaftlichen Fehlentwicklungen sind bereits unübersehbar.

Johnson liefert eine literarische Abrechnung mit den Fehlentwicklungen in der noch jungen DDR, wie sie sich in späteren Jahren immer mehr verfestigen werden. Gerade in der immer wieder aufflammenden aktuellen Dabatte über die historische Einordnung der ostdeutschen Diktatur sind Bücher wie Johnsons "Mutmassungen über Jakob" unverzichtbare literarische Erinnerungshilfen.

Sprachlich sind Johnsons "Mutmassungen über Jakob" phasenweise schwierig zu bewältigender Lesestoff. Es erfordert einige Konzentration, um jeweils zuordnen zu können, welche Figur gerade das Wort führt. Diese Anstrengungen werden aber belohnt durch einen Schlüsselroman zur deutsch-deutschen Geschichte.


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