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Rezensionen verfasst von
W. Öschelbrunn (Berlin)

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Einfache Gewitter: Roman
Einfache Gewitter: Roman
von William Boyd
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

3.0 von 5 Sternen Die Pharma-Industrie ist immer mal wieder für einen lesbaren Krimi gut., 30. April 2011
Rezension bezieht sich auf: Einfache Gewitter: Roman (Taschenbuch)
Adam Kindred ist zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort. Oder vielleicht ist er auch einfach ein zu guter Mensch. Als ein ihm Unbekannter im Restaurant Unterlagen unter dem Tisch vergißt, trägt Kindred ihm diese hinterher. Doch er kommt zu spät und platzt mitten in einen Mordanschlag. Als er dem Sterbenden das Tatmesser aus der Seite zieht, ahnt er bereits, dass er sich zu tief in das Geschehen einmischt. Als Adam wenig später von einem Unbekannten attakiert wird, ist ihm klar, dass ihm nur die Flucht in den Untergrund bleibt, bis sich die Wogen etwas geglättet haben werden. Es folgt ein Katz und Maus Spiel, Adam muss sich Schritt für Schritt eine anonyme Existenz im Großstadt-Dschungel Londons aufbauen, während ihm von scheinbar übermächtigen Gegenspielern nach dem Leben getrachtet wird.

Doch Kindred ist nicht etwa der Russen-Mafia oder einem osteuropäischen Geheimdienst in die Quere gekommen (wie man es bei William Boyd eigentlich erwarten würde), sondern vielmehr einem skrupellosen Pharma-Unternehmen, welches im wahrsten Sinn des Wortes über Leichen geht, um die Markteinführung eines neuen Blockbuster-Medikaments gegen Asthma durchzudrücken. Als ein mit dieser Materie vertrauter Leser sind mir leider zahllose Ungereimtheiten in Boyds Plot aufgefallen, so dass im Resultat große Teile der Grundidee des Romans nicht schlüssig sind. Dass "Einfache Gewitter" trotzdem kein schlechter Krimi ist, liegt an Boyds Begabung, Spannungsbögen zu bauen und Geschehnisse kurz und prägnant zu schildern. Nicht nur Adam, sondern auch seine zahlreichen Gegenspieler sind von Boyd als Figuren gelungen ausgestaltet und auch die eine oder andere Nebenlinie der Erzählung spinnt Boyd immer wieder gelungen in den Hauptstrang des Romans.

Zusammenfassend hätte ich mir zwar gewünscht, dass Boyd besser über klinische Abläufe zur Erprobung neuer Medikamente und die komplexen Zulassungsverfahren recherchiert hätte, dennoch ist "Einfache Gewitter" aber zumindest ein kurzweiliger Krimi und daher drei Sterne wert.


Der Sterne Tennisbälle: Roman
Der Sterne Tennisbälle: Roman
von Stephen Fry
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der Graf von Monte Christo 2.0, 30. April 2011
Rezension bezieht sich auf: Der Sterne Tennisbälle: Roman (Taschenbuch)
Schon über 20 Jahre ist es her, dass ich Dumas' Graf von Monte Christo gelesen habe, so dass mir beim Lesen von Stephen Fry's "Der Sterne Tennisbälle" zwar die Verwandtschaft zum großen Klassiker schnell klar geworden ist, erst die Inhaltsangabe des Originals bei Wikipedia verdeutlichte mir aber, dass Fry den klassischen Stoff komplett in die Gegenwart übertragen hat. Man könnte dem Autor daher ein Mangel an eigenen Ideen vorhalten, zu Gute halten läßt sich ihm aber, dass er den immerhin 170 Jahre alten Stoff sehr gelungen an die heutige Zeit angepaßt hat.

Ned Maddstone ist der Inbegriff des Glückskindes: sportlich, gutaussehend, Sohn eines erfolgreichen britischen Politikers, mit einem flinken Verstand gesegnet und seit kurzem mit der ersten großen Liebe liiert. Dass soviel Erfolg die Neider auf den Plan ruft, scheint nur für Ned unvorstellbar. Doch der Streich seiner vermeintlich besten Freunde läuft völlig aus dem Ruder und kaum dass Ned überhaupt versteht, was mit ihm geschieht, findet er sich auf einer abgelegenen Insel als Insasse einer geschlossenen Anstalt wieder. Dass Ned nicht für immer auf dieser Insel eingekerkert bleiben wird und dem Leser ein blutrünstiger Rachefeldzug bevorsteht, läßt sich für den mit Dumas' Stoff vertrauten Leser früh erahnen.

Trotz der absehbaren Handlung bleibt doch Spannung erhalten. Wann wird Fry die Pfade des großen Vorbildes verlassen? Wird Ned doch noch den Weg zurück in sein altes Leben finden? Ein klassischer Stoff modern verpackt, statt mit Säbel und Degen nutzt Ned das Internet und die Dot.com Welt für seine Vergeltungspläne.

Es resultiert ein sehr kurzweiliger Roman. Nur an wenigen Stellen wirkt das Geschehen zu perfekt, so dass die Realitäts-Warnleuchte im Hinterkopf des Lesers zu blinken beginnt. Zu perfekt greifen die Zufälle im ersten Teil des Romans ineinander, zu glatt verläuft Neds Rachezug in der zweiten Hälfte. Hier wird deutlich, dass der heutige Leser sich wahrscheinlich doch vom Leser von vor 170 Jahren unterscheidet.


The Einstein Girl
The Einstein Girl
von Philip Sington
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,10

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein anspruchsvoller Roman vor historischer Kulisse, 26. April 2011
Rezension bezieht sich auf: The Einstein Girl (Taschenbuch)
Philip Singtons "The Einstein Girl" verbindet auf gelungene Weise historische Fakten mit literarischer Phantasie. Nicht nur im Zentrum des Romantitels, sondern auch des Geschehens, steht Albert Einstein, allerdings nur am Rande als der geniale Physiker, sondern vielmehr als der private Mensch.

Als in den Monaten direkt vor Hitlers Machtübernahme in den Wäldern um Potsdam eine unbekleidete, verletzte und verwirrte junge Frau aufgefunden wird, ist ein Werbezettel einer Einstein-Vorlesung zunächst der einzige Hinweis zu ihrer Identität. Psychiater Martin Kirsch von der Berliner Charité erkennt in der unter Amnesie leidenden Unbekannten eine flüchtige Bekanntschaft, die ihn vor kurzer Zeit in ihren Bann gezogen hatte. Behutsam unternimmt er Erkundigungen, um ihre Identität aufzuklären und ihr zurück ins Leben zu helfen. Schnell zeigt sich, dass sie wesentlich mehr mit Einstein zu tun hat, als nur eine zufällige Besucherin einer seiner Vorlesungen gewesen zu sein.

Äußerst gekonnt baut Sington seinen Roman um den Lebensweg des "Einstein Girls" sowie des Psychiaters Kirsch auf. In Rückblenden, eingeschobenen Briefen und Lebensberichten der Betroffenen klären sich für den Leser die Zusammenhänge langsam auf. Welche Verbindung besteht wirklich zu Einstein? Welche Rolle spielt dessen Ex-Frau und der gemeinsame Sohn, der sein Dasein in einem Schweizer Sanatorium fristet? Nebenbei erfährt der Leser viel Wissenswertes über die psychiatrischen Verfahren der damaligen Zeit, über die Grundzüge der Quantenphysik und Einsteins Suche nach der Weltformel, ohne dass der Roman dadurch langatmig oder oberlehrerhaft wissenslastig würde. Dass der Roman in den letzten Tagen der untergehenden Weimarer Republik spielt, liefert eine zusätzliche thematische Ebene, die die Vielschichtigkeit von "The Einstein Girl" unterstreicht.

Sprachlich klar und ohne verzichtbare Verschnörkelungen, inhaltlich vielschichtig und mit einem Erzählbogen versehen, der Spannung bis zuletzt hält, ist "The Einstein girl" ein rundherum gelungener Roman.


When the Killing's Done
When the Killing's Done
von Tom Coraghessan Boyle
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,95

35 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Über das Leben und Sterben von Ratten, Schweinen und Menschen, 2. April 2011
Rezension bezieht sich auf: When the Killing's Done (Taschenbuch)
In seinem neuesten Roman "When the Killing's done" wendet sich Boyle wieder seinem Lieblings-Thema zu: Der Einfluß des Menschen auf Natur und Umwelt. Dieses Mal sind allerdings alle Roman-Protagonisten auf der Seite der Natur, nur interpretieren Sie die Wege, um dieser zu helfen, sehr unterschiedlich. Da wäre auf der einen Seite Alma Boyd Takesue, die es sich zum beruflichen Ziel gesetzt hat, die Lebenswelt der kalifornischen Channel Islands wieder in ihren Urzustand vor der Einflußnahme des Menschen zurückzuversetzen. Um dieses Ziel zu erreichen, gilt es allerdings alle vom Menschen eingeschleppten Tierarten auszumerzen, um so den tierischen Ureinwohnern ihren Lebensraum zurückzugeben. Bedarf es hierzu der Ausmerzung ungezählter Ratten und einiger Tausend Schweine, so ist Alma bereit, diesen Preis zu zahlen. Dieses geplante Gemetzel bringt nun allerdings die eingefleischten Tierschützer auf den Plan: Allen voran Dave LaJoy und Anise Reed. Sie machen es sich zum Ziel, die Ratten und Schweine zu retten und greifen dafür notfalls auch zu illegalen Methoden. Dass sowohl Alma als auch Anise eine persönliche Vergangenheit besitzen, die sie ganz besonders mit den Channel Islands verbindet und dass sich auch Alma und Dave bereits früher einmal über den Weg gelaufen sind, wird Boyle-Fans nicht überraschen.

"When the killing's done" läßt sich sehr gut lesen: Es wimmelt an erinnerungswürdigen Figuren. Boyle gibt sich - wie immer - viel Mühe, die Lebenswege der Hauptfiguren auszuschmücken und springt gekonnt durch die Jahrzehnte. Immer dann, wenn Boyle sich die Zeit nimmt, eine Lebesn-Episode detailliert zu schildern, kommt das Erzähltalent des Autors voll zum Tragen. Gerade in den Schilderungen scheinbar nebensächlicher Geschehnisse, wie z.B. der Verwüstung des frisch verlegten neuen Rasens auf dem LaJoy'schen Anwesen durch ein Paar Waschbären, läßt Boyle seiner ironischen Erzähllaune freie Hand.

Leider sind dieses nur Episoden, zu häufig bricht der Erzählfluß mit dem Kapitelende abrupt ab und der Spannungsbogen wird im Folgekapitel nicht wieder aufgenommen. Überhaupt ist die Story zu fleischlos, um 370 Seiten eines Romans zu tragen. Der Konflikt zwischen Naturkonservatoren und Tierschützern wirkt zwar plausibel, liefert aber keine Basis für ein großes Showdown, welches der Roman gebraucht hätte. Im Ergebnis schwappt die Erzählung zu häufig vor sich hin, wie das Wasser des Santa Barbara Channels an einem ruhigen und sonnigen Tag.

Boyles Begeisterung für Frauennamen, die auf A beginnen, hat mich im übrigen Nerven gekostet: Alma, Anise, Alicia, Annabella und Allison spielen alle mehr oder weniger zentrale Rollen, was für einen Leser mit schlechtem Namensgedächtnis eine besondere Herausforderung bedeutet.

Insgesamt ist Boyles "When the killing's done" eine gut lesbarer Roman, reicht aber nicht an seine früheren Meisterwerke heran.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 14, 2012 11:31 AM MEST


Jeder stirbt für sich allein: Roman
Jeder stirbt für sich allein: Roman
von Hans Fallada
  Gebundene Ausgabe

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Widerstand der kleinen Leute in einem wiederentdeckten Jahrhundert-Roman, 25. März 2011
Seit zwei Wochen schon ist kein Feldpostbrief mehr von Sohn Otto gekommen. Doch heute nun hat Briefträgerin Eva Kluge Post für die Quangels in der Jablonskistraße 55 in Berlin Friedrichshain. "Wohl liegt der Brief jetzt offen da, aber er wagt nicht, nach ihm zu fassen. (...) Er überwindet sich, noch einmal fragt er 'Was ist denn mit Ottochen?' Es ist, als habe dieser vom Manne fast nie benutzte Kosename die Frau aus der Welt ihres Schmerzes in dieses Leben zurückgerufen. (...) 'Was soll denn mit ihm sein? Nichts ist mit ihm, es gibt kein Ottochen mehr, das ist es!'" Wie ein Donnerschlag katapultiert diese Eröffnungsszene den Leser mitten hinein in Falladas großartigen Roman "Jeder stirbt für sich allein", der nun in einer sehr ansprechenden Originalversion neu vom Aufbauverlag vertrieben wird.

Fallada schildert den Widerstand ganz gewöhnlicher Leute, deren Sohn Hitlers Großmachtphantasien früh zum Opfer gefallen ist. Dass Fallada sich von den tatsächlichen Fakten um ein Ehepaar aus dem Berliner Wedding erzählerisch entfernt, schadet dem Roman keinesfalls. Was zunächst als zaghafte Auflehnung beginnt, weitet sich bald zum Lebensinhalt aus. Doch selbst die größte Vorsicht trifft irgendwann auf einen dummen Zufall und was folgt ist die ungezügelte Rache der Staatsmacht. Aber selbst in der dunkelsten Stunde spricht Fallada seinen Romanhelden Mut und Würde zu. "So haben wir alle einzeln handeln müssen, und einzeln sind wir gefangen, und jeder wird für sich allein sterben müssen. Aber darum sind wir doch nicht allein, Quangel, darum sterben wir doch nicht umsonst. Umsonst geschieht nichts in dieser Welt, und da wir gegen die rohe Gewalt für das Recht kämpfen, werden wir am Schluß doch die Sieger sein." Hier schreibt ein Autor, der im Angesicht eigener Mutlosigkeit die Standhaftigkeit dieser einfachen Leute umso höher zu schätzen weiß.

Der Roman liefert vielerlei solch eindringliche Szenen der Verzweifelung und doch zugleich tiefer Menschlichkeit. In Falladas Roman kommen die kleinen Leute zu Wort, der Handwerker, der doch nur seine Ruhe geliebt hat, und die verzweifelte Mutter, die an den von den eigenen Kindern begangenen Gräueltaten verzweifelt. "Wozu hat man denn gelebt auf dieser Welt, wozu hat man Kindern das Leben geschenkt, sich an ihrem Lächeln, ihren Spielen erfreut, wenn dann Tiere aus ihnen werden?"

"Jeder stirbt für sich allein" erinnert mich an Döblins "Berlin Alexanderplatz": die Sprache der kleinen Leute, vom Dialekt durchtränkte Dialoge, und über allem die Stadt Berlin. Fallada erschafft die dichte Atmosphäre einer Stadt im Auge des Sturms, eine fühlbar ansteigende Gesamtspannung mit der näherrückenden Katastrophe, die der Leser kennt, die Figuren des Romans aber noch nicht wahr haben wollen oder können.

Es wimmelt in Falladas Roman von erinnerungswürdigen Figuren. Nicht nur die Quangels stehen im Mittelpunkt des Romans, ebenso die kleinen Gauner und Überlebenskünstler, der Gestapo-Ermittler, der selber in Ungnade fällt und im Keller der eigenen Zentrale gequält wird, die vielfältigen Fratzen des Dritten Reiches (Denunzianten, Karriere-Beamte, Volksgerichtshof-Präsident Frei(s)ler und seine Paladine) und nicht zuletzt der Inbegriff von Falladas Optimismus: Kuno-Dieter Barkhausen, als Sohn einer Hure und eines Kleinkriminellen im Hinterhaus der Jablonski-Strasse aufgewachsen, verschlägt es ihn zuletzt doch noch auf die Sonnenseite der neuen Zeit nach Ende des Krieges und ermöglicht Falladas Roman eine hoffnungsvolle Endnote.

Dass ich bisher keinen Fallada-Roman gelesen hatte und mir der Autor auch nur entfernt ein Begriff war, ist nach der Lektüre von "Jeder stirbt für sich allein" geradezu unglaublich. Falladas letzter Roman gehört in eine Reihe mit "Sansibar oder der letzte Grund" und "Das siebte Kreuz", Romane von einzigartigen Autoren, die die dunklen Jahre erlebt hatten und wenige Jahre später als einsame Stimmen gegen den übermächtigen Orkan des Vergessenwollens angeschrieben haben.


"I am not convinced": Der Irak-Krieg und die rot-grünen Jahre
"I am not convinced": Der Irak-Krieg und die rot-grünen Jahre
von Joschka Fischer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Außenpolitik im Dienste der Regierungsfähigkeit, 20. März 2011
Der zweite Teil der Erinnerungen Joschka Fischers an die Jahre der rot-grünen Bundesregierung deckt die Zeitspanne vom Anschlag auf das World Trade Center bis zum Verlust der Regierungsverantwortung im Jahr 2005 ab. Detailliert schildert Fischer die Regierungskonsultationen innerhalb der westlichen Allianz im Zusammenhang mit dem Afghanistan Einsatz und im Vorfeld des Irak-Feldzuges. Weitgehend chronologisch sortiert Fischer die innenpolitischen Ereignisse in das Weltgeschehen ein. Da Fischer auf Zwischenkapitel verzichtet hat, folgt er phasenweise recht sprunghaft den verschiedenen inhaltlichen Fäden.

Wortgewaltig wie eh und je, rechnet Fischer mit seinen Kontrahenten ab. Besonders die Presse kommt wenig vorteilhaft davon: "Ich wollte partout nicht einsehen, warum ich jeden Simpel wie ein Gottesgeschenk zu behandeln hatte, nur weil er über einen Presseausweis verfügte." (S 313) Mit wenig Milde, sondern vielmehr mit einer gehörigen Dosis Altersstarrsinn werden auch Fischers eigene Parteifreunde bedacht. Fischer zeichnet sich selber als den großen Visionär, der einzige Grüne, der das große Ganze und nicht nur die Parteiseele im Auge hat.

Umso bemerkenswerter sind erste Anzeichen einsetzender Altersmilde Joschka Fischers, wie sie sich zum Beispiel in der Würdigung Helmut Kohls und dessen Europa-Politik zeigt: "Es war vor allem dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl zu verdanken, dass die Ablösung der D-Mark durch den Euro Wirklichkeit wurde, denn "der Dicke", wie er fraktionsübergreifend im Bundestag genannt wurde, hielt gegen alle Widerstände, vor allem in seiner eigenen Partei und in der CSU, eisern Kurs." (S 77)

Wie ein roter Faden zieht sich durch Fischers Schilderungen die Sorge um die grüne Regierungsfähigkeit. Besonders augenscheinig wird diese bei der Begründung der Teilnahme am Afghanistan-Krieg. Genau betrachtet führt Fischer nur zwei Gründe für seine Zustimmung zu diesem Krieg an: Den Beweis der deutschen Bündnisfähigkeit sowie den Erhalt der rot-grünen Bundesregierung, da bei einer grünen Verweigerung der Zustimmung zum Kriegseinsatz der Bundeswehr die rot-grüne Bundesregierung schon 2001 von einer großen Koalition abgelöst worden wäre. Wirklich inhaltliche Gründe für den NATO-Einsatz am Hindukusch scheinen für Fischer nur eine untergeordnete Rolle gespielt zu haben.

Sehr interessant fand ich die detaillierten Schilderungen zu den Monaten vor dem Irak-Krieg. Fischers Sorge um eine deutsche Isolation im UNO-Sicherheitsrat für den Fall einer französischen Zustimmung zum Irak-Krieg. Die Furcht vor einer Beschädigung der transatlantischen Achse. Die Verärgerung über sozialdemokratische Wahlkampfausflüge in die Untiefen plumpen Anti-Amerikanismus. "Sowohl der Generalsekretär Franz Müntefering als auch der Bundeskanzler verwendeten den Begriff vom "deutschen Weg". (...) Waren die Sozis und das Kanzleramt denn jetzt endgültig von Sinnen?" (S 146)

Wer hätte dem aus dem Frankfurter Linksradikalen-Milieu entstammenden Fischer je diese späte Transatlantiker-Karriere zugetraut? Überhaupt ist festzustellen, dass sich Fischer in diesem zweiten Teil seiner Erinnerungen wesentlich kritischer mit den Wurzeln seiner politischen Sozialisation auseinandersetzt. "... seit meinem Bruch mit dem Linksradikalismus Ende der siebziger Jahre hatte ich eine bleibende Sensibilität für und Abneigung gegen jede Form von politischem und intellektuellem Radikalismus entwickelt. Diese Erfahrung war auch die persönliche Ursache für meine tiefe politische Aversion gegenüber den amerikanischen Neokonservativen und der von ihnen beeinflußten Außenpolitik der Regierung Bush." (S 90)

Ein besonderes Thema Fischers ist sein Verhältnis zu Kanzler Schröder. Wirkte die Achse Schröder-Fischer, von außen betrachtet, krisensicher und von Vertrauen geprägt, wird anhand Fischers Ausführungen schnell deutlich, dass die Realität deutlich anders ausgesehen hat. Waren die ersten Jahre der gemeinsamen Regierung vom Mißtrauen Fischers geprägt, dass Schröder sein Heil lieber in einer großen Koalition suchen würde, entwickelte sich die zweite Wahlperiode auch nicht spannungsfreier. Fischers Hauptkritik zielt auf Schröder Unwillen, die innenpolitischen Reformen ("Agenda 2010") seiner Partei zu erklären. "... und dadurch wurde aus der Agenda 2010 nur eine "halbe" Reform - praktische Veränderung Ja, neue Sinnstiftung und damit neuer Konsens Nein." (S 234) Auch Schröders einsame Entscheidung zu vorgezogenen Neuwahlen, hält Fischer noch heute nicht für alternativlos. Uneingeschränkt bewundernd hingegen Fischers Beschreibung der Schröderschen Wahlkampfmentalität: "quasi ein Gerd Müller der deutschen Politik." (S 140)

Man merkt den Ausführungen Fischers an, dass ihm die wirkliche Krönung seiner politischen Laufbahn verwehrt geblieben ist: der erste EU-Außenminister zu werden. Auch wenn ich Fischer politisch nicht Nahe stehe, muss ich nach der Lektüre dieses zweiten Teiles seiner Erinnerungen konzidieren, dass es schlechter geeignete Kandidaten gegeben hätte.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 25, 2011 1:17 AM CET


Abschied von den Feinden. Roman
Abschied von den Feinden. Roman
von Reinhard Jirgl
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,90

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Sprachakrobatik auf Kosten von Verständlichkeit, 17. März 2011
Rezension bezieht sich auf: Abschied von den Feinden. Roman (Taschenbuch)
Hat mich Reinhard Jirgl in der Vergangenheit mit seiner Sprachgewalt schon mehrfach begeistert, hat dieser Roman meine Erwartungen nicht erwartet und mich erzählerisch sogar sehr enttäuscht.

Thematisch ist "Abschied von den Feinden" ein typischer Jirgl: Über mehrere Jahrzehnte erstrecken sich die kompliziert verschachtelten Geschehnisse um ein Bruderpaar, welches in der ehemaligen DDR aufgewachsen ist und nun im wiedervereinigten Vaterland auf die jeweils eigene Art und Weise Vergangenheitsbewältigung betreibt.

Der ältere Bruder wurde als Vierjähriger traumatisiert, als er mitansehen mußte, wie die Staatsmacht ihn und seinen einjährigen Bruder aus der mütterlichen Wohnung entführte und bei Adoptiveltern unterbrachte. Die Adoptiveltern leben von der Dorfgemeinschaft zurückgezogen und hängen ihren Erinnerungen an die sudetendeutsche Heimat nach (ein Thema, dem sich Jirgl in "Die Unvollendeten" wesentlich gelungener und detaillierter widmet).

Viele Jahre später entscheidet sich der ältere Bruder für die Ausreise während der jüngere Bruder zurückbleibt. Die ebenfalls zurückgelassene Freundin des Bruders wird zu seiner zukünftigen Obzession. Nach dem Fall der Mauer kehrt der ältere Bruder in die alte Heimat zurück. Als der Zug auf freier Strecke stehen bleibt, schweifen seine Gedanken in die Vergangenheit zurück. Was weiter im Zuge der Rückkehr des älteren Bruders geschieht, ist mir schleierhaft geblieben. Die Erzählperspektive wechselt ständig, kaum läßt sich noch unterscheiden, welcher der beiden Brüder gerade die Handlung bzw. die Gedanken bestimmt. Lediglich die eingeschobenen Berichte der Dorfbewohner erhellen etwas das verworrene Gesamtszenario.

Am Ende liegt die Frau, die zwischen den beiden Brüder stand, ermordet in einem Graben. Der jüngere Brüder liegt im Krankenhaus und der ältere wandert durch eine verlassene Ruine und wenig später durch Dublin. Wie diese Einzelstränge zusammenpassen hat sich mir nicht erschlossen.

Diese erzählerische Verworrenheit wird auch nicht durch die unzweifelhafte sprachliche Brillianz Jirgls aufgewogen. "... der feiste Leib des Fremden gehörte zu jenen Menschen, die, soeben aus dem Bad gekommen, die Wasserperlen noch auf der Haut, schon wieder in ihren alten Körpergeruch hineinstiegen wie in abgetragne, feuchtklamme Wäschestücke. Vielleicht war dies eigentlich weniger ein Körper-Geruch, als vielmehr Gestank aus einem inneren Dreck : Wünsche Illusionen & Begierden, die eigenen Ansprüche & die Ansprüche an sich=selbst - und das völlige Versagen stets ..." (S 50)

In "Abschied von den Feinden" hat Jirgl den Komplexitätsbogen deutlich überspannt. Geradezu exemplarisch passen hierzu auch die Anmerkungen zu einigen sprachlichen Besonderheiten, die Jirgl dem Roman nachgestellt hat. Trotz fünfmaligem Lesens hat sich mir der Sinn dieser "erklärenden" Ausführungen nicht erschlossen. Wer sich erstmals mit Reinhard Jirgl auseinandersetzt, sollte von diesem Roman die Finger lassen und sich einem seiner späteren Werke stattdessen zuwenden.


Zone: Roman
Zone: Roman
von Mathias Énard
  Gebundene Ausgabe

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein monumentaler Jahrhundertroman - ein Panoptikum mediterraner Zivilisationsbrüche, 13. März 2011
Rezension bezieht sich auf: Zone: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ich bin mit Superlativen gemeinhin sparsam, hier ist aber einer angebracht: Mathias Énards "Zone" ist ein Jahrhundertroman. Dabei bedarf es gar nicht etwaiger Vergleiche mit Homers Ilias, die der Berlin-Verlag mittels einer Banderole dem potentiellen Käufer augenscheinlich nahebringen möchte. "Zone" wirkt ohne dass der Leser altphilologisch sattelfest zu sein hat, die gelegentlichen Querverweise Énards auf griechische Gottheiten oder mythologische Figuren lassen sich mittels einer schnellen Wikipedia- Recherche entschlüsseln und die Tatsache, dass Énards Werk gleichviele Kapitel wie das altertümliche Vorbild aufzuweisen hat, ist mehr detailverliebte Nebensächlichkeit denn relevantes Qualitätsmerkmal.

Énards Erzählstil ist durchaus komplex und dennoch gut lesbar. Das Buch ist konstruiert als stilisierter Monolog des mütterlicherseits kroatisch stämmigen Franzosen Francis Mirkovic. Mirkovics Weg führte aus einer recht behüteten Jugend nicht in die akademische Karriere, sondern - nicht zuletzt aus dem Wunsch dem Alltagstrott zu entkommen - zum französischen Militär. Der Mutters Faible für die kroatische nationale Vergangenheit geht an Sohn Francis nicht spurlos vorbei. Als die junge kroatische Unabhängigkeit von der jugoslawischen Armee bedroht wird, folgt Francis dem Hilferuf des Landes seiner Vorfahren. Nach zwei Jahren als Freiwilliger im jugoslawischen Bürgerkrieg flüchtet Francis sich in den täglichen Suff und landet auch im wörtlichen Sinne im Bodensatz der Adriaküste.

Doch die Geschehnisse in Kroatien und Bosnien sollen nicht die einzigen Berührungen von Francis mit den Gräueltaten des 20. Jahrhunderts bleiben. Kaum wiedergenesen bereist Francis im Auftrag des französischen Auslandsgeheimdienstes die Schlachtfelder des ausgehenden Jahrtausends: Folterkeller in Nordafrika, die Bürgerkriegszonen des östlichen Mittelmeeres und immer wieder trifft er auf die Spuren zurückliegender Gemetzel. Wie im Fieberwahn beginnt Francis die Zeugnisse der schlimmsten Verbrechen zu sammeln, um die Erinnerungen an die unzähligen Opfer wachzuhalten.

"Zone" ist ein Roman für Geschichtsfreaks, Énard jagt wie ein Wirbelwind durch die Jahrhunderte des Schreckens und führt den Leser von Schlachtfeld zu Schlachtfeld an den Gestaden des Mittelmeeres entlang. Triest, Beirut, Kairo und weitere Orte werden besucht, an denen einstmals ein Völkergemisch Kultur bereicherte, bevor blinder Fanatismus den Weg in den Untergang bereitete.

Beim Lesen der "Zone" drängt sich der Vergleich mit Littells "Wohlgesinnten" auf. Auch bei Énard spricht ein Täter, hat schließlich auch Mirkovic am verbrecherischen Treiben auf dem Balkan aktiv teilgenommen. "... ich bin ein Wilder, brutal und roh, der trotz all der zivilisierten Klamotten, die man ihn anziehen läßt, und all der Bücher, die er gelesen hat, ein primitiver Wilder bleibt, fähig einem Unschuldigen die Kehle durchzuschneiden, eine Frau zu erwürgen, ..." (S 186)

Und dennoch ist "Zone" ein deutlich anders angelegter Roman. Die Figur des Ich-Erzählers ist bei Énard deutlich fassbarer, vielschichtiger, weniger unwirklich und erlaubt so dem Leser das Mitfühlen und Miterleben all des Grauens. Bei Énard verwischen die Kategorien von "Gut" und "Böse", es geht nicht um billiges Moralisieren. Im Mittelpunkt stehen nicht die Täter (wie bei Littell), sondern die Opfer, auch wenn sie in der Montur der Täter auftreten. "... manchmal brach alles zusammen, Achills Schild durchbohrt, die schönen Beinschienen abgerissen, die Lanze zerbrochen, also blieb nur noch ein zusammengekauertes nacktes Kind übrig, das nach seiner Mutter oder seinen Brüdern rief, ..." (S 174)

Insgesamt ein großartiges Buch wie es nur alle paar Jahre geschrieben wird.


Cherryman jagt Mister White
Cherryman jagt Mister White
von Jakob Arjouni
  Gebundene Ausgabe

3 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen "In Brandenburg, in Brandenburg ist wieder jemand gegen einen Baum gegurkt. Was soll man auch machen mit 17, 18 in Brandenburg?", 13. März 2011
Jakob Arjounis Romane werden kürzer und kürzer. Das muss nicht unbedingt von Nachteil sein, bedeutet aber, dass Freunde der Erzählung mehr, Romanfreunde dagegen immer weniger auf ihre Kosten kommen. "Cherryman jagt Mr. White" bringt es gerademal noch auf 170 Seiten, großzügig gesetzt, mit breiten Rändern und augenschonenden Kapitelabsätzen. Soll heißen, Jakob Arjounis neuester "Roman" ist auf der Bahnfahrt von Berlin bis Köln entspannt durchzulesen, inklusive zwischenzeitlichem & ausgedehntem Besuch des Bordrestaurants. Dass Arjouni ein talentierter Erzähler ist, der Dialoge zuspitzen kann und Situationen prägnant in kurze Sätze zu fassen weiß, ermöglicht es, dass "Cherryman jagt Mr. White" dennoch dem Metier des Romans zugezählt werden darf.

In 13 Briefen an den Kriminalpsychologen Dr. Layton schildert der 18jährige Rick Fischer die Geschehnisse, die ihn in Untersuchungshaft gebracht haben. Rick beschreibt zunächst seine ziemlich hoffnungslose Situation vor einigen Monaten: nach dem Realschulabschluß ohne Ausbildungsstelle und Perspektive, wohnhaft bei seiner Tante in einem Kaff im hintersten Brandenburg, Daueropfer eine Nazi-Gang, die ihn schon seit Jahren um sein Taschengeld erleichterte und zur Untermauerung ihrer Drohungen seine Katze in den Katzenhimmel befördert hatte. Als ihm durch Vermittlung eines der Gang-Mitglieder eine Ausbildungsstelle als Gärtner in Berlin abgeboten wird, schwant ihm zwar Schlimmes, eine wirkliche Wahl sieht er für sich aber nicht. Wenig später fordert die rechtsradikale Heimatschutzorganisation eine Gegenleistung ein. Als die Gegenleistung mit der Überwachung eines jüdischen Kindergarten zutun haben soll und wenig später aus der reinen Überwachung mehr werden soll, bestätigen sich Ricks schlimmste Befürchtungen. Im typischen Arjouni-Stil erfordern extreme Situationen extreme Maßnahmen, da macht auch Rick Fischer keine Ausnahme. Wenig später ist reichlich Blut geflossen und Rick muss kriminalpsychologisch beurteilt werden ...

Ja, "Cherryman jagt Mr. White" bedient vielerlei Klischees. Das Klischee des perspektivlosen Jugendlichen aus der brandenburgischen Provinz, der Neonazis in die Falle geht. Das Klischee des eigentlich guten Jungens, der unter schlechten Einfluß gerät. Und natürlich spielt in der Entscheidungsfindung Ricks ein Mädchen und ein kleiner Junge eine ziemliche entscheidende Rolle. Kurzgesagt, es geht auch reichlich kitschig zu in diesem Buch. Insofern ist es gut, dass nach rund 170 Seiten seichter Lektüre das Ende des Romans erreicht ist, so dass zumindest eine kurzweilige Unterhaltung für ein paar Stunden im Zug der Deutschen Bundesbahn Arjouni gutzuschreiben bleibt.


So regiert die Kanzlerin: Eine Reportage
So regiert die Kanzlerin: Eine Reportage
von Margaret Heckel
  Broschiert

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wieviel Leidensfähigkeit braucht eine Bundeskanzlerin?, 27. Februar 2011
Margaret Heckel liefert mit ihrer rund 280seitigen Reportage "So regiert die Bundeskanzlerin" einen Blick hinter die Kulissen des Berliner Kanzlerin-Alltages. Heckel zeichnet die dramatischen Monate der zweiten Jahreshälfte 2008 und des Jahresbeginns 2009 nach, begleitet Merkel von Krisengipfel zu Krisengipfel, schildert die Versuche zur Eindämmung der Finanzmarktkrise. Heckel rekapituliert die entscheidenden Tage minutiös, erläutert die Vorgänge und Entscheidungswege, die der breiten Öffentlichkeit mindestens rätselhaft, wenn nicht ganz verborgen geblieben sind.

Heckels Reportage zeichnet sich durch einen Blick für die kleinen aber feinen Details aus: Wer sitzt wo und was sagt das über das jeweilige Machtgefüge aus? Was geschieht in den Momenten, in denen keine Fernsehkameras laufen? Wer sind diejenigen Personen, die es in personam zwar nie in die Tagesschau schaffen, aber durch ihr Handeln die Politik der Bundeskanzlerin umso mehr beeinflussen? Heckels Buch ist ein Muss für Politik-Junkies, phasenweise spannend wie ein Krimi, dennoch detailliert und differenzierend.

Im Zentrum der Schilderungen steht der aus der Art geschlagene Homo politicus Angela Merkel. "All diejenigen, die unter Führung "Du-voran-wir-folgen-Dir" verstehen, werden mit Angela Merkel nicht glücklich werden. Die Kanzlerin führt, aber sie führt anders als ihre Vorgänger. Das hat weniger damit zu tun, dass sie eine Frau ist, als damit, dass sie eine Naturwissenschaftlerin ist." (S 255) Heckel analysiert sehr genau den Politikstil Angela Merkels, die Politik der infinitessimal kleinen Schritte ohne große Showelemente, das Ziel dabei - gelegentlich als die Einzige - immer klar im Blick. Der Unterschied zu ihrem Testosteron-getriebenem Basta-Vorgänger ist keine neue Erkenntnis und dennoch für das politische Berlin immer wieder aufs Neue ein Phänomen. "Kann es sein, dass die Bürger am Regierungsstil Angela Merkels gerade das schätzen, was viele politische Gegner so kritisieren? Die Tatsache beispielsweise, dass die Kanzlerin lieber einen Tick länger nachdenkt, als im ersten Affekt basta zu rufen und auf den Tisch zu hauen? (...) Und die sprichwörtlich dicken Bretter lieber langsam, aber stetig bohrt?" (S 260)

Die im Januar 2011 erschienene aktualisierte und erweiterte Neuausgabe von Heckels Buch umfaßt zwei zusätzliche Kapitel, Kapitel 15 über den Fehlstart der Schwarz-Gelben Koalition und Kapitel 16 zur Bundespräsidentenwahl im Jahr 2010. Letzteres Kapitel fügt sich inhaltlich und stilistisch in das Gefüge der Gesamtreportage gut ein, Kapitel 15 hingegen wäre verzichtbar gewesen. An dieser Stelle hätte sich der Leser eine detaillierte Analyse der schwierigen Machtbalance der bürgerlichen Koalition erhofft. Stattdessen liefert Heckel wenig mehr als eine kurze Chronologie des Fehlstartes der "Tigerenten-Koalition". So erfährt der Leser nicht, wie sich das Verhältnis Westerwelle-Merkel im Regierungsalltag entwickelt hat und warum die große Koalition scheinbar reibungsloser funktionierte als es die neue "Wunschkoalition" nun tut.

Insgesamt eine gelungene Reportage zu den großkoalitionären Jahren der Merkelschen Kanzlerschaft.


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