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Rezensionen verfasst von
W. Öschelbrunn (Berlin)

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Die Teilacher
Die Teilacher
von Michel Bergmann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Kann es ein neues Leben im Land der Mörder geben? Mit jiddischem Schmäh über den Aufbruch aus dunkler Zeit., 29. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Die Teilacher (Gebundene Ausgabe)
"Von den über fünfundzwanzigtausend Juden, die vor 1933 in Frankfurt am Main gelebt haben, waren schätzungsweise elftausend ermordet worden, der Rest konnte rechtzeitig emigrieren, und hundertvierundfünfzig Menschen waren nach dem Krieg in ihre ehemalige Heimatstadt zurückgekehrt". Das Zurückkehren einer Gruppe dieser Heimkehrer zeichnet Michael Bergmann in seinem furiosen Romandebut "Die Teilacher" nach. Teilacher ist dabei die aus dem jiddisch-berlinerischen abgeleitete Bezeichnung für jüdische Handlungsreisende, im Roman eine Gruppe von Vertretern, die Kurzwaren an den Haustüren Frankfurts verkauften.

David Bermann ist ein solcher Teilacher. In der Zwischenkriegszeit war er so etwas wie das schwarze Schaf unter den Geschwistern Bermann. Hatten die Pogrome in ihrer galizischen Heimat die Geschwister zunächst nach Frankfurt vertrieben, waren sie in der neuen Heimat sehr schnell heimisch und erfolgreiche Besitzer eines Warenhauses geworden. David, der Lebemann unter den Geschwistern, scheint am wenigsten für den Ernst des Geschäfts übrigzuhaben und fühlt sich im Außendienst am wohlsten. Die Situation ändert sich schnell nach 1933. Die Zwangsarisierung kostet die Bermanns zunächst ihr Kaufhaus, dann die Heimat. Im Pariser Exil findet sich David besser zurecht als die Geschwister, die auch später im amerikanischen Exil nicht zum einstigem Wohlstand und damit verbundener Lebenssicherheit zurückfinden. David kehrt über den Umweg der französischen Fremdenlegion nach Frankfurt zurück und steht wenig später wieder vor den Haustüren der ehemaligen Herrenmenschen.

Anläßlich David Bermanns Tod trifft der junge Alfred Kleberg zwei Jahrzehnte später die ehemaligen Freunde und Kollegen seines Onkels David in deren Stammkneipe. Typisch jüdisch ist es, was sie von den gemeinsamen Zeiten zu erzählen wissen. "Immer wurden Wahrheiten in Form von Witzen und Anekdoten weitergegeben". So erfreuen sich die Teilachern erneut an der List mit der sie sich im Frankfurt der Nachkriegszeit eine neue Existenz aufgebaut haben und lassen nicht nur Alfred, sondern auch den Leser an ihren Späßen teilhaben. Schnell setzen sich aber die Lebenswege der einzelnen Teilacher und ihres Chefs Max Holzmann aus den Anekdoten zusammen und ersticken das Lachen im Ansatz. So bleibt am Ende nur das Staunen, wie nur die Liebe zur alten Heimat es dieser kleinen Schar Überlebender ermöglicht hat, das Vergangene zu überwinden und in das Land der Mörder ihrer Freunde und Familien zurückzukehren.

Michael Bergmann hat sich mit sprachlicher Leichtigkeit einem Aspekt der Nachkriegszeit gewidmet, welcher bei aller literarischer Auseinandersetzung mit dem Holocaust bisher wenig ins erzählerische Rampenlicht gerückt worden ist. Wie konnten die Überlebenden nach der Befreiung oder der Rückkehr aus dem Exil mit dem Wissen um das Geschehene weiterleben? Wie war es ihnen möglich in der alten Heimat ein neues Leben zu beginnen. Eine kurzweiliger, aber dennoch sehr nachdenklicher Roman. Große Literatur.


Abgebrüht (detebe)
Abgebrüht (detebe)
von Dick Francis
  Broschiert
Preis: EUR 10,90

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Temporeicher Beginn, höchst durchschnittliches Finale, 19. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Abgebrüht (detebe) (Broschiert)
Max Moreton, aufstrebender Sternekoch und Besitzer eines Landgasthauses vor den Toren Cambridges, bangt um seine Existenz. Nach einem Galadiner, welches er ausgerichtet hat, verbringt nicht nur er selber die anschließende Nacht über der Kloschüssel, sondern zahlreiche seiner Gäste mit einer Lebensmittelvergiftung in der Notaufnahme. Dass ihm die Lebensmittelaufsicht am nächsten Morgen das Restaurant bis zur Klärung der Vergiftungsfälle sperrt, ist nur der Auftakt für einen katastrophalen Tag. Wenige Stunden spät3r entgeht er nur knapp einem Bombenanschlag auf einer Pferderennbahn, an der er gerade eine Mittagsgesellschaft verpflegt. Als Moreton nachzuforschen beginnt, ob jemand gezielt sein Essen vergiftet hatte und ob es einen Zusammenhang zum Bombenanschlag auf die Pferderennbahn gibt, ereignen sich die nächsten Unfälle, die Max um ein Haar das Leben kosten. Hat es tatsächlich jemand auf sein Leben abgesehen oder leidet Max unter Verfolgungswahn?

Bis hierhin entspinnen Vater und Sohn Francis einen temporeichen und spannenden Krimiplot. Im weiteren Verlauf des Buches können sie aber weder dieses Tempo noch den Plot den geschürten Erwartungen entsprechend weiterführen. Stattdessen entwickelt sich ein bestenfalls durchschnittlicher Krimi: Zunächst wird die unausweichliche Romanze des einsamen Romanhelden Max Moreton eingebaut, die sich dann in rosaroten Farben durch die verbleibenden 300 Seiten des Buches zieht. Dann stochert der Hauptprotagonist zunächst mit einer fast schon scheuklappenartigen Blindheit im Nebel bis auch der letzte Leser die in zahlreichen Hinweisen angelegte nächste Wendung des Krimiplots vorausgesehen hat. Natürlich werden auch reichlich falsche Fährten gelegt, so dass jede Person im Nahumfeld Max Moretons mindestens einmal in den Verdacht gerät, ein falsches Spiel zu treiben.

Ist das Ende dann zumindest noch einmal spannend erzählt, hat es leider keinerlei wirkliche Überraschungselemente parat. Einige wirklich eklatante logische Brüche im Gesamtplot verbessern den Gesamteindruck nicht. So wird kein stichhaltiger Grund geliefert, warum ein Restaurantbesitzer, der mehrere Mordanschläge übersteht, nicht zunächst und nachdrücklich die Polizei um Schutz bittet. Dass der Drahtzieher der weltweiten kriminellen Geschehnisse im Krimifinale höchstpersönlich mit der Pistole in der Hand Max Moreton den Garaus zu machen versucht, krönt einen zwischenzeitlich zur Persiflage abgerutschten Krimi.

Schade. Hatte "Schikanen" mir noch wirklich gut gefallen, bin ich von "Abgebrüht" trotz der kurzweiligen Leseunterhaltung inhaltlich enttäuscht worden.


Ein schönes Attentat: Roman
Ein schönes Attentat: Roman
von Assaf Gavron
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Leben im Auge des Terrors, 15. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Ein schönes Attentat: Roman (Taschenbuch)
Assaf Gavron hat mit "Ein schönes Attentat" einen packenden, erschütternden und zugleich spannenden Roman über das Leben zwischen den Fronten des israelisch-palästinensischen Konfliktes geschrieben. Eitan Einoch entgeht in kurzer Folge drei Anschlägen und wird dadurch zu einer medialen Berühmheit. Dass er zwar mit dem Leben davongekommen ist, sein Leben zugleich aber nie wieder wie vor den Anschlägen sein wird, wird ihm erst langsam klar. Fahmi Sabih liegt scheinbar im Koma. Tatsächlich bekommt er aber mit, was um ihn herum geschieht. Viel mehr noch verfolgen ihn aber die Erinnerungen an die Geschehnisse, die ihn schließlich mit einer Handgranate in der Hand zum Selbstmordattentäter gemacht haben. Aus zwei Richtungen - abwechselnd aus der Perspektive Eitans und aus der Fahmis - nähert sich der Leser dem schicksalhaften Zusammentreffen der beiden.

Gavron gelingt es, alle Facetten des arabisch-israelischen Konfliktes am Anfang der 21. Jahrhunderts in seinen Roman einfließen zu lassen. Einerseits die palästinensische Seite: die Vertreibung der Palästinenser durch die Gründung des Staates Israels, das Leben in der Westbank in Armut und totaler Perspektivlosigkeit, das Aufwachsen in und mit der Intifada und die wahllosen Übergriffe und Vergeltungsmaßnahmen durch die israelische Armee. Andererseits die israelische Seite: Das Leben im Auge des Terrors, die Verzweifelung der Hinterbliebenen der Terroropfer und die traumatisierten Überlebenden. Die Wut der Bevölkerung und der Wunsch nach Frieden. Gavron schreibt nicht einseitig, sondern arbeitet die Zerrissenheit beider Seite heraus. Keine Seite besteht nur aus Opfern oder nur aus Tätern. Besonders augenscheinlich in den Figuren Eitans und Fahmis: Eitan, der selbstsichere Karrieremensch, dessen Leben völlig aus der Bahn gerät. Fahmi, um den der Vater und der Bruder einen erbitterten Kampf führen. Der Vater, der ihn auf der Universität sehen will. Der Bruder, der Selbstmordattentäter rekrutiert und auch Fahmi für den heiligen Krieg gewinnen will.

Zwar ist "Ein schönes Attentat" aufgrund der Vielzahl israelischer und arabischer Namen und Ortsbezeichnungen für den europäischen Leser phasenweise anstrengend zu lesen, dennoch erschließt sich spätestens nach 100 Seiten eine Welt, die zwar in der Tagesschau all zu häufig präsent ist, deren menschliche Dimension aber durch diesen Roman erst wirklich erfassbar wird. Es bleibt zu hoffen, dass es auf beiden Seiten eines Tages eine junge Generation geben wird, die sich - ähnlich wie Gavron - trotz eines Lebensweges, der von der Intifada geprägt ist, den differenzierenden Blick für die Ängste und Bedürfnisse der jeweils anderen Seite bewahrt haben wird.


Schikanen
Schikanen
von Dick Francis
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,90

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Gute Unterhaltung im Jockey-Milieu, 13. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Schikanen (Gebundene Ausgabe)
"Schikanen" ist ein typisch britischer, gut geschriebener Krimi. Angesiedelt im Jockey-Milieu britischer Pferderennbahnen bauen Vater und Sohn Francis einen gelungenen Spannungsbogen mit einem fast schon Arthur Conan Doyle würdigen Finale furioso.

Geoffrey Mason ist im Hauptberuf Strafverteidiger. Seine Leidenschaft gehört aber dem Pferderennsport. War ihm eine Profikarriere als Jockey verwehrt geblieben, läßt er seine Passion an den Wochenenden im wahrsten Sinne des Wortes freien Lauf, wenn er als Amateurjockey mit seinem Pferd Sandeman über die Hindernisse britischer Pferderennbahnen jagt. Ganz ungeahnt kreuzen sich für Geoffrey Berufsalltag und Hobby als der Spitzenjockey Scot Barlow mit einer Mistgabel erstochen wird und alle Indizien auf seinen Kontrahenten und Geoffreys Mandanten Steve Mitchell als Täter hinzuweisen scheinen. Aber warum versucht ein veruteilter Gewalttäter Geoffrey einzuschüchtern? Wieso will man ihn zwingen, einen Fall zu verlieren, den er scheinbar sowieso nicht gewinnen kann?

Es entspinnt sich ein typischer Kriminalroman: Zunächst stochert Geoffrey mit dem Leser im Schlepptau im Nebel. Dick und Felix Francis sorgen dabei für einige spannungsknisternde Momente. Mit nahendem Prozeß- und Romanende entdeckt Geoffrey den augenöffnenden Hinweis, den er allerdings zunächst vor Polizei (und natürlich dem Leser) geheimhält, um dann in einem furiosen Kreuzverhör vor Gericht den Fall in bester Sherlock Holmes Manier zu lösen.

"Schikanen" ist schlicht und einfach gute Krimiunterhaltung. Nicht mehr und nicht weniger. Zusätzlich liefern die Autoren einige durchaus interessante Erläuterungen zur britischen Justiz und ihren historisch gewachsenen Eigenheiten. Dass die Autoren auch die üblichen Krimiklischees bedienen, sei nur am Rande erwähnt: Natürlich ist Geoffrey Witwer, der nicht nur seine Frau, sondern auch sein ungeborenes Kind auf tragische Weise verloren hat. Natürlich taucht im Fortgang des Krimis auch eine weibliche Nebenrolle auf, die den einsamen Held zurück in den Hafen der Liebe zu führen versucht. Das alles tut eigentlich nichts zur Sache und ändert somit auch nichts daran, dass Vater und Sohn Francis mit "Schikanen" einen grundsoliden, sehr unterhaltsamen Krimi abgeliefert haben.


Winter im Sommer - Frühling im Herbst: Erinnerungen
Winter im Sommer - Frühling im Herbst: Erinnerungen
von Joachim Gauck
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

14 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Manifest für die Freiheit, 8. August 2010
Ich hatte Gaucks Erinnerungen schon kurz nach deren Erscheinen 2009 im Visier; gekauft und dann auch gelesen habe ich sie aber erst anläßlich seiner Präsidentschaftskandidatur 2010. Schon der knappe Umfang von gerade einmal 346 Seiten macht deutlich, dass "Winter im Sommer, Frühling im Herbst" nicht in die Reihe der üblichen Politikererinnerungen gehört.

Dass Gauck sich selber nicht als Politiker, sondern in erster Linie als mündigen und freiheitsbewegten Bürger sieht, wird bereits nach wenigen Seiten deutlich. So schildert er zunächst seine familiären Wurzeln in Mecklenburg und seinen Berufsweg als Pastor in einem kirchenfeindlichen Staatswesen. Gauck beschreibt sehr präzise die Verhältnisse in der DDR, die zur Ausreise vieler seiner Familienmitglieder (erst seiner Geschwister, dann seiner eigenen Kinder) geführt haben. Ohne Pathos oder übermäßiges Selbstmitleid schildert er die Begrenzungen und Drangsalierungen, die er im Kirchenalltag erleben mußte und die Überzeugungen, die ihn zum Bleiben und Weiterkämpfen bewogen haben. Dass ein tiefgehendes Freiheitsideal in diesen Erfahrungen seinen Ursprung finden mußte, wird für den Leser nachempfindbar.

Spannend - wenn auch nur noch mit wenig neuen Erkenntnissen verbunden - sind dann die Schilderungen zur friedlichen Revolution in der DDR mit einem Fokus auf den Geschehnissen im Norden der DDR. Umso prägnanter habe ich dann Gaucks Erfahrungen aus der Nachwendezeit empfunden, zunächst als Abgeordneter der ersten frei gewählten Volkskammer und dann nach der Einheit als Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Bemerkenswert differenziert und detailliert geht Gauck dabei auf einige der prominenteren Fälle von Stasiverwicklungen ostdeutscher Politiker (Stolpe, de Maiziere, Schnur, Gysi, Böhme) ein und kommt zu durchaus unterschiedlichen Bewertungen der individuellen Schuld. Dass nach Meinung Gaucks die Spitzelvergangenheit Gregor Gysis eindeutig erwiesen sei, auch wenn dieser ihm juristisch gewisse Aussagen per Unterlassungsklage untersagt habe, ist dabei eine interessante Randnotiz, die das Abstimmungsverhalten der Fraktion Gregor Gysis bei der Bundespräsidentenwahl in ein interessantes Licht rückt. Haben da einige Linke alte Stasi-Rechnungen begleichen wollen?

Gauck schließt mit einem Plädoyer für die Freiheit und Demokratie trotz aller Unzulänglichkeiten, die auch diese Staatsform gelegentlich mit sich bringt. Gaucks Empathie mit seinen Mitmenschen und zugleich nüchterne Darstellung des eigenen Wege ohne großes Pathos macht seine Erinnerungen zu einem lesenswerten Buch.


Schuld: Stories
Schuld: Stories
von Ferdinand von Schirach
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,95

6 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Über Schuld, Unschuld und alles was dazwischen liegt, 8. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Schuld: Stories (Gebundene Ausgabe)
Ferdinand von Schirach hat es geschafft! Mit seiner Storysammlung "Schuld" hat er sogar mich, der ich normalerweise einen großen Bogen um Kurzgeschichten mache, begeistert. In 15 Erzählungen, die kürzeste gerade einmal 4 Seiten lang, die längste 32 Seiten, konfrontiert von Schirach den Leser mit den Fragen von Schuld und Unschuld, wie sie ihm in seinem realen Leben als Strafverteidiger immer wieder begegnet sind.

Da wären die Mitglieder einer Blaskapelle, die das Leben eines jungen Mädchens zerstören, und trotzdem "schuldfrei" davonkommen, da die Polizei schlampig ermittelt hat, die Gegenüberstellung schief geht und der Verteidiger seine Arbeit gemacht hat. Oder die Geschichte des glücklichen Ehemanns, der aus heiterem Himmel von Schülerinnen seiner Ehefrau des sexuellen Mißbrauchs beschuldigt wird. Kann man seinen Unschuldsbeteuerungen glauben? Welche Strafe verdient ein Autofahrer, der einen tödlichen Unfall verursacht hat, dessen Opfer - wie sich später herausstellte - gerade die Entführung und Ermodung einer Frau in die Tat umsetzen wollte. Zu welchem Urteil wird ein Richter kommen, der über die Ermordung eines sadistischen Ehemanns durch die verzweifelte Ehefrau entscheiden muss? Dass sie die Tat begangen hat, scheint eindeutig, aber ist sie auch schuldig?

Mein persönliches Highlight ist "Der Schlüssel", die längste Erzählung in diesem (zweiten) Erzählband von Schirachs. "Schnee" handelt von einem furchtbar schief gegangen Drogendeal und dessen etwas einfältigen Protagonisten Atris. In dieser Story wird eine ganz neue Qualität von Schirachs sichtbar, da er die betroffenen Personen nicht nur mit viel Mitgefühl in ihrer Verzweifelung oder auch Vielschichtigkeit darstellt, sondern geradezu brüllend komisch die Verwicklungen schildert, die nunmal nur das reale Leben zu schreiben vermag.

Natürlich sind die 15 Stories thematisch relativ eindimensional. Aber Schirachs minimalistische Sprache und extreme Nüchternheit machen das Lesen dennoch zu einem kurzweiligen Vergnügen. Ein sehr gutes Buch für einen verregneten August-Sonntag oder die nächste Zug- oder Flugreise.


Runterkommen
Runterkommen
von Katrin Seddig
  Gebundene Ausgabe

8 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Seichte Literatur für den fatalistischen Lesertypus, 3. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Runterkommen (Gebundene Ausgabe)
In Katrin Seddigs Roman "Runterkommen" gibt es kaum eine Figur, die nicht mindestens drei gute Gründe hätte, um sich aufgrund einer ausgeprägten Alltags-Depression vor den nächsten Zug zu werfen.

Da wäre einerseits die Putzfrau Dani, die aufgrund nicht weiter ausgeführter Vorkommnisse in ihrer Kindheit keinerlei körperliche Nähe erträgt und daher zurückgezogen durch ihren tristen Alltag schleicht und so ihren vermeintlichen Freund Tom in die Verzweifelung treibt. Dass Dani zwar nur unter Mühen einen deutschen Satz herausbekommt, andererseits dann aber den englischen Originaltext eines Oasissongs fehlerfrei mitsingt, ist nur eine der zahlreichen Inkonsistenzen in Seddigs Figurenkonstrukten. Auf der anderen Seite der Anwalt Erik, der auf den ersten Blick in Job und Privatleben Erfolg hat, der tatsächlich all dieses aber kaum noch einen weiteren Tag zu ertragen glaubt. Mangels jeglichen Ehrgeizes verrichtet er seinen Job nur noch mehr schlecht als recht. Eriks Frau verbringt die meiste Zeit daheim auf dem Sofa beim Alkoholkonsum. Dass das Ehepaar sich schon lange nichts mehr zu sagen hat, die Tochter sich durch die Pubertät zickt und der Vater in Sorge ist um eine mögliche Homosexualität des Sohnes, komplettiert das arg klischeehafte Gesamtgefüge. Danis und Eriks Lebenswege kreuzen sich in einer eher prekären Konstellation, in der Erik sich entblößt und zu einem lange nicht mehr erlebten sexuellen Höhepunkt kommt. Nach und nach ziehen Dani und Erik weitere Personen aus ihrem Umfeld in den Strudel der Geschehnisse mit für Erik am Ende dramatischen Folgen.

Seddig präsentiert ein Panoptikum mehr oder weniger gescheiterter Existenzen, die die nächste Biegung ihrer persönlichen Abwärtsspirale gemeinsam beschreiten. Letzter Ausweg scheint für alle Personen nur noch reichlich Alkohol und regelmäßiger Wechsel der Sexualpartner (mit Ausnahme Danis) zu sein. "Runterkommen" ist insofern ein etwas fehlleitender Titel, als dass man vergeblich suchen wird, um eine Figur zu finden, die noch irgendwelche hochgesteckten Ziele verfolgt und die Bruchlandung in der (vermeintlichen) Realität noch vor sich hätte.

"Runterkommen" ist sehr flüssig geschrieben. Die Figuren sind aufgrund ihrer holzschnittartigen Ausgestaltung für den Leser schnell zugänglich. Ist kaum ein Satz länger als zwei Zeilen, läßt sich der Roman in einem Wochenende entspannt runterlesen. Gelegentliche Ausritte in die Vulgärsprache sollen wohl zu den reichlich bedienten platten Klischees passen. Insgesamt eine überaus seichte Lektüre ohne jeglichen Tiefgang, deren Belanglosigkeit nur Redakteure der Taz als Gesellschaftskritik zu interpretieren vermögen.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 22, 2010 10:03 PM MEST


Die Informanten
Die Informanten
von Juan Gabriel Vásquez
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,90

8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Vergangenheit ist nie völlig vergangen., 1. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Die Informanten (Gebundene Ausgabe)
Juan Gabriel Vasquez thematisiert in "Die Informanten" eine in Europa weitgehend unbekannte Facette des 2. Weltkrieges: Die in einigen südamerikanischen Ländern erfolgte, durch die Gesandschaften der USA initiierte Verfolgung und Internierung von Personen, denen Kontakte zu den Achsenmächten nachgesagt worden waren. Mit Hilfe eines Informantennetzes erstellte die US Gesandschaft in Kolumbien eine schwarze Liste mit verdächtigen Personen, deren Vermögen eingefroren wurde und die wenig später in Internierungslagern festgesetzt worden sind. Im Mittelpunkt von Vasquez Roman steht ein solches Schicksal: Enrique Deresser wird denunziert und wenig später interniert. Er verliert seine wirtschaftliche Existenz, seine Frau verläßt ihn, sein Sohn taucht unter. Kurze Zeit nach seiner Freilassung nimmt sich Deresser das Leben. Jahrzehnte später stößt der Journalist Gabriel Santoro auf das Schicksal Deressers, dessen Sohn mit Santoros Vater, einem angesehenen Rethorik-Professor, zu dessen Jugendzeiten befreundet gewesen war. Was hat sich damals wirklich abgespielt und welche Rolle hat Santoro Senior gespielt? Warum ist Santoro Senior so erboßt über die Idee des Sohnes, einen Roman über die damalige Zeit zu veröffentlichen?

Vasquenz entspinnt ein komplexes Beziehungsgeflecht. "Die Informanten" ist aus verschiedenen Erzählkonstrukten zusammengesetzt: Santoro Junior arbeitet selber an einem Buch über die damaligen Geschehnisse, so dass der Leser die Entstehung dieses Buches im Buch mitverfolgt und anhand Gesprächen mit der Freundin des Vaters, aus einem Interview mit der Geliebten und schließlich durch ein Treffen mit dem Sohn des Denunzierten die Details der damaligen Geschehnisse erfährt.

"Die Informanten" ist nicht nur thematisch spannend, sondern auch abwechslungsreich geschrieben. Wie Wasser, das sich langsam zurückzieht und den Grund freilegt, gibt der Roman nach und nach den Blick frei auf die Dramatik der Ereignisse, in deren Kern die Verführbarkeit eines jungen Menschen mehrere Leben zerstört hatte.

Eine Anmerkung für zukünftige Leser von "Die Informanten": Es ist empfehlenswert, das Nachwort des Autors bereits zu Beginn zu lesen, da einige Hintergründe zur historischen Einordnung geliefert werden, die europäischen Lesern, die mit der Geschichte Kolumbiens nicht vertraut sind, so nicht bekannt sein dürften und für das Verständnis des Romans wichtig sind.


Abendland: Roman (dtv Literatur)
Abendland: Roman (dtv Literatur)
von Michael Köhlmeier
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,90

32 von 38 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Ein Jahrhundert-Panorama - Aber kein Jahrhundertwerk!, 1. August 2010
Michael Köhlmeiers "Abendland" ist ein monumental angelegter Bildungsroman, in dessen Zentrum zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten stehen: Einerseits Carl Jacob Candoris - Mathematiker, Weltbürger, Jazz-Fan und Schutzengel der Familie Lukasser - auf der anderen Seite sein Jahrzehnte jüngerer Chronist Sebastian Lukasser. In vielen Einzelgesprächen und in kontinuierlichen Zeitsprüngen setzt sich eine Lebensinventur, wenn nicht sogar eine Lebensbeichte von Candoris zusammen, der selber in seinem Leben vielen besonderen Menschen begegnen ist, doch trotz der eigenen Hochbegabung selber keine wirklichen Spuren hinterlassen zu haben scheint. Candoris begegnete Edith Stein zu ihren Göttinger Zeiten sowie Emmy Noether, die er nicht nur ins Moskau der 30er Jahre begleitete, sondern auch später im US-Exil wiedertrifft. Candoris erlebte Jazz-Legenden im New Yorker Stadtteil Harlem, später ist er selber am Manhattan-Projekt beteiligt und lernt Oppenheimer kennen. Alles das ist zum Teil sehr spannend und auch lehrreich, so dass sich aus den verschiedenen Lebensstationen ein Jahrhundert-Panorama zusammensetzt. Zugleich ist "Abendland" aber derart mit Wissen vollgestopft, dass bei aller Begeisterung für sogenannte Bildungsromane, der Lesespaß deutlich auf der Strecke bleibt.

"Abendland" ist ein Roman, der seinen erzählerischen Höhepunkt bereits nach ca. 200 Seiten erklommen hat und hernach - ähnlich wie der Hauptprotagonist des Romans - dem früh absehbaren Ende endlos entgegenkriecht. Die Erzählung mäandert dahin, ähnlich wie so mancher Satz des Autors, dessen Detailliebe zwar entsprechendes Wissen widerspiegelt, aber gelegentlich auch die Grenze der Belanglosigkeit überschreitet. Sowohl der große Erzählfaden wie auch die kleinteiligen Schilderungen kreisen häufig um den sprichwörtlichen heißen Brei, nähern sich schmerzhaft langsam nur an, bis schließlich die tatsächlich folgenden Handlungen und Auflösungen nur noch als langweilige Enttäuschung offenbart werden. Der Roman ist eher eine Sammlung von Geschichten, die etwas überkonstruiert in einen Lebensweg und eine Familiensaga gezwängt worden ist. Gibt es nach meinem Empfinden nichts Schlimmeres als zu lange Romane, muss ich leider konstatieren, dass "Abendland" mit seinen 780 Seiten leider genau in diese Romankategorie fällt.

Umso bemerkenswerter ist der "Beststeller"-Status dieses Romans. Ist "Abendland" eventuell eines dieser Bücher, welches sich sowohl auf dem Geschenktisch als auch im Regel sogenannter Bildungsbürger gut macht und weniger auf dem Nachttisch Lesebegeisterter zu finden ist? "Abendland" ist ein Fleiß-Roman: Der Roman eines fleißigen Autors, der auch dem Leser Fleiß beim Lesen abverlangt. Fleiß und Leichtigkeit schließen sich leider häufig aus, so dass genau diese Leichtigkeit "Abendland" fehlt, um den Roman zu einem Lesevergnügen werden zu lassen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 19, 2011 7:06 PM MEST


Eduards Heimkehr
Eduards Heimkehr
von Peter Schneider
  Taschenbuch

3.0 von 5 Sternen Über die Mühen und Freuden der ehelichen sowie gesamtdeutschen Vereinigung, 1. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Eduards Heimkehr (Taschenbuch)
"Eduards Heimkehr" ist eine literarische Liebeserklärung an Berlin. Eduard, Biochemie-Professor an der Stanford University im Silicon Valley, ereilt in Form eines geerbten Mehrfamilienhauses im Osten Berlins der Ruf der Heimat. Kurzentschlossen macht er sich auf den Weg, um seine alte Heimat wiederzuentdecken. Peter Schneider läßt seinen Romanhelden durch das wiedervereinigte Berlin streifen und reiht seziermesserscharfe Beobachtungen aneinander zum Stand des Zusammenwachsens dessen, was scheinbar gar nicht mehr so sehr zusammengehören mag. Schneiders Schilderungen sprühen dabei vor feiner, augenzwinkernder Ironie.

Schneider thematisiert die umstrittene Restitutionsgesetzgebung des Einheitsvertrages, die die Rückgabe von Eigentum an Altbesitzer regelte. Durchaus differenziert beleuchtet Schneider die moralische Grauzone zwischen berechtigten Ansprüchen und westlicher Inbesitznahme des Ostens. Dass Eduards ererbtes Haus nicht nur völlig runtergekommen ist, sondern auch noch von Hausbesetzern bewohnt wird, läßt ihn schnell an seiner Entscheidung für die Rückkehr zweifeln. Als Wessi im Ossiland streift Eduard durch Ostberlin und erlebt die Auseinandersetzungen um andere Formen der Restitution: Wie geht Berlin mit seiner architektonischen Vergangenheit um, wird die DDR-Architektur zugunsten der Wiederherstellung wilhelminischer Pracht ausgelöscht? Wie steht es überhaupt um die Inbesitznahme von Geschichte und von wehrlosen, weil bereits verstorbenen Personen? Eduard wechselt an die Humboldt-Universität und findet sich wieder im Spannungsfeld zwischen wenigen scheinbar unbelasteten Ostwissenschaftlern und wissenschaftlich eher zweitrangigen Westimporten. Für den Leser entsteht ein Bild einer Welt, die in ihren Grundfesten erschüttert worden ist und unverändert auf der Suche nach festem Boden zu sein scheint.

Schneider läßt kaum ein Thema aus, welches im wiedervereinigten Berlin für neue Mauerbildungen in den Köpfen sorgen könnte. Nicht zuletzt taucht die Frage nach individueller Verantwortung auf. Welche Kompromisse in den Lebenswegen der DDR-Bürger waren den Umständen geschuldet und moralisch vertretbar? Bemerkenswerterweise spiegelt Schneider diese Frage auch in ein ähnlich gelagertes Feld: Eduard erforscht beruflich die genetische Komponente der Gewaltveranlagung. Was ist in den Genen eines Menschen angelegt und was kann z.B. Erziehung beeinflussen?

Bis hierhin bin ich von "Eduards Heimkehr" begeistert. Leider hat Schneider seinem Roman eine weitere Ebene zugedacht und die geschilderten Handlungen und Fragestellungen als Rahmen für einen Beziehungsroman verwendet. Auch Eduards ganz persönliche Welt ist aus den Fugen geraten, als ihm seine Frau gesteht, in all den Jahren des gemeinsamen (Ehe)-Lebens nie einen Orgasmus erlebt zu haben. Eduard erlebt eine mittelschwere Lebenskrise, die in den zu befürchtenden Seitensprung mit anschließendem Happy-End in den Armen seiner Frau mündet. Zwar durchaus humoristisch geschrieben, führt diese Themenvermischung zu einer Banalisierung des ganzen Romans. Leider verlieren sich auch einige der zu Beginn des Romans geknüpften Fäden in den Niederungen des Beziehungsromans und der kunstvoll geknüpfte Spannungsbogen löst sich in einem geradezu läppisch trivialen Ende auf.

"Eduards Heimkehr" hätte von der Anlage her das Zeug zum großen Berliner Einheitsroman gehabt. Leider hat Schneider diese herausragende Startposition nicht für einen großen Wurf nutzen können. Schade. Insgesamt komme ich daher nur auf drei Sterne.


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