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Rezensionen verfasst von
Salt&Pepper

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Machandel: Roman
Machandel: Roman
von Regina Scheer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bestes DDR-Buch seit langem !, 24. September 2015
Rezension bezieht sich auf: Machandel: Roman (Gebundene Ausgabe)
Nicht so parteiergreifend wie der Turm, nicht so lächerlich wie das abnehmende Licht... Eins der besten DDR-Bücher seit langem ! Dreh- und Angelpunkt ist ein fiktives Dorf in Mecklenburg, in dem sich die Lebensgeschichten der Personen alle irgendwie kreuzen. Ein altes Bauernhaus, ein Schloss, ein Flüchtlingslager, eine Sandkuhle, endlose Felder und ein Machandelbaum, um den sich so allerhand Sagen von Liebe, Hass und Vergebung spannen, die sich in den Figuren widerspiegeln. Perfektes Setting - auch wenn die ostdeutsche Mecklenburgerin da vielleicht nicht ganz so objektiv urteilen kann. Durch die abwechselnden Perspektiven der Erzählerfiguren ensteht ein trotzdem in sich geschlossenes Patchwork deutscher Geschichte(n), dass eigentlich viele Geschichtsbücher, wenn nicht ersetzt, so doch wunderbar menschlich illustriert. In ungeordneter Reihenfolge begegnen uns das russische Flüchtlingsmädchen mit einer einzigartigen Liebesgeschichte, der ostdeutsche KZ-Überlebende in seinem Netzwerk, eine ganze Reihe Bürgerrechtler der untergehenden DDR in verschiedener Ausführung (die, die bleiben; die, die gehen...), der versatile Arbeitslager-Aufseher vor und nach 1945 und viele andere. Niemand ist lächerlich oder simpel schwarz-weiss gemalt, der Roman ist voller Nuancen, und das unterscheidet ihn so erfrischend von der literarischen Konkurrenz !


Kleiner Mann - was nun?
Kleiner Mann - was nun?
von Hans Fallada
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

4.0 von 5 Sternen Schlimmer geht immer..., 26. Mai 2015
Rezension bezieht sich auf: Kleiner Mann - was nun? (Taschenbuch)
Wirtschaftskrise im Berlin der End-Zwanziger. Das frisch verheiratete Paar « Junge » und « Lämmchen » samt ungeplantem « Murkel » versucht, sich im Großstadt- und Sozialdschungel über Wasser zu halten. Das geht eher schlecht als recht, solange der « Junge » seine über Beziehungen vermittelte Stellung als Verkäufer in einem Berliner Warenhaus halten kann. Dort soll aber rationalisiert werden, und der psychische Druck, der auf die Angestellten ausgeübt wird, macht den von Hause aus sensiblen « Jungen » kaputt und schließlich doch arbeitslos. Selbsterfüllende Prophezeiung ? « Mobbing » in der kapitakistischen Leistungsgesellschaft ?
Während der soziale Abstieg schier unaufhaltsam seinen Gang geht, überlebt das Paar mit dem frisch geborenen « Murkel » letztendlich nur durch die Unterstützung von Menschen, von denen dies nicht unbedingt zu erwarten war : Nicht die lieblose und egoistische Mutter, und schon gar nicht die kalte Maschinerie des Sozialsystems retten die kleine Familie, sondern Bekannte. Denen zeichnet Fallada aber nicht einfach das typische Gutmenschengesicht, sonders es sind Charaktere, die sich in der trostlosen und unmenschlichen Profitgesellschaft - ganz ohne Dogmatismus und sozialkritische, sondern aus rein persönlichen Motivev - quer stellen : ein Betrüger mit Geld und ein FKK-ler mit Selbstbewußtsein.
Die klassische Interpretation betont immer wieder die herausragende Rolle « Lämmchens », mit der Fallada seiner eigenen Frau ein literarisches Denkmal hätte setzen wollte. Natürlich ist Lämmchen mit ihrer ausnahmslos sanften, überlegten, positiven und zuversichtlichen Art eine enorme Stütze für den « Jungen », aber mal ehrlich - wieviele Frauen hielten das im « echten » Leben länger als ein paar Tage durch ? Die authentischeren Helden sind für mich definitiv Heilbutt und Lachmann - allerdings wäre es vielleicht kein Roman, wenn der Leser nicht schon bei jeder weiteren Stufe die Hoffnung hätte, daß Lämmchen es schon irgendwie stemmt. Und ohne die bedingungslose Liebe und das so schön romantische Ende wäre die Geschichte wahrscheinlich genauso unerträglich trostlos wie das echte Leben.


Deutschstunde: Roman (dtv Literatur)
Deutschstunde: Roman (dtv Literatur)
von Siegfried Lenz
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wenn die Pflicht unheimlich wird, 4. Februar 2015
Das Unheimliche, so Freud 1919, sei jene Art des Schreckhaften, welche auf das Altbekannte, Längstvertraute zurückgeht. In vertrauter und durch die Inselgrenzen abgesteckter Umgebung seinen besten Freund bespitzeln, quälen und verraten, seine eigenen Söhne misshandeln, verstoßen und an die Justiz ausliefern und dabei Genugtuung empfinden - das ist unheimlich, denn von der « altbekannten, längstvertrauten » Figur des Vaters und Freundes wird Schutz und Hilfe erwartet - und nicht Hatz und Denunziation. Unheimlich ebenfalls dessen Doppelfunktion als Dorfpolizist und die Frage, wie sich diese wandelt, wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse umschlagen. Bietet die Änderung der äußeren Umstände - schließlich gibt es « Befehle aus Berlin » - Erklärung genug für die Entbindung von eigenen Wertvorstellungen über das menschliche Miteinander ? Oder gab es vielleicht überhaupt nie abweichende Wertvorstellungen beim Polizeiposten Rugbüll ? Unheimlich bleibt ebenfalls bis zum Schluss die psychologische Verfassung des Vaters : ob sich die empfundene Genugtuung über die bis zum harten Ende und darüber hinaus getane Pflicht darauf beschränkt, die Befehle korrekt ausgeführt zu haben, auf intimer Überzeugung beruht oder aber ein psychopathisches Profil - gleichsam als Erlösung von der unbequemen Frage der Verantwortung - dazukommt, wird nie ganz klar deutlich. Lenz lässt uns mit der großen Geschichte und den kleinen Geschichten allein, im Wattenmeer zwischen Inselstürmen, Gewittern, und Möwengeschrei, und es gibt keine Antworten. So wie die von Siggi aus der Jugendgefängniszelle beobachteten Elbkähne zwischen Eisschollen treiben die Handlungsstränge mit unerbittlicher Gemächlichkeit voran - und es gibt kein Ende, kein gutes oder schlechtes, kein gerechtes oder ungerechtes. Das Leben geht weiter… wie in Deutschland nach 1945, oder mit Siggi « Es gibt nichts Neues ».


... damit Du weiterlebst
... damit Du weiterlebst

4.0 von 5 Sternen Damit die Erinnerung weiterlebt..., 3. Februar 2015
Rezension bezieht sich auf: ... damit Du weiterlebst (Gebundene Ausgabe)
« Für Hans Coppi » - Elfriede Brüning widmet den Roman dem im Gestapo-Gefängnis geborenen Sohn von Hilde und Hans Coppi, deren antifaschistischer Widerstand im Nazi-Berlin der 40-er Jahre Thema des Buches ist. Brüning schreibt das Buch schon 1949 nach eigens geführten Recherchen bei Überlebenden, und wirft damit die Fragen nach Verantwortung, Schuld und Sühne auf. Der Roman - sowohl das Thema als auch der Stil - sind dementsprechend zeitlich geprägt und tragen die Marken der frühen Literatur in der sowjetischen Besatzungszone : Die Einzelschicksale der positiven Protagonisten stehen beispielhaft für vorbildlich handelnde Menschen, die Selbstbefindlichkeit der Personen steht im Hintergrund gegenüber den politisch motivierten Handlungen und Haltungen, und selbst unsagbar unmenschliche Leiden - wie sie Hilde Coppi wohl im Gefängnis aushalten mußte, wo nach der Geburt ihres Sohnes und Hinrichtung ihres Mannes ihr eigenes Todesurteil aufgeschoben wurde, bis sie das Kind nicht mehr stillte - werden mit Fassung und Würde bis zum Ende ertragen. Die Charaktere sind von Anfang ein bisschen schemenhaft gezeichnet (die gehetzte Jüdin, der unzuverlässige Rudolf, die bodenständige Mutter, der unmenschliche SS-Mann, die tapfere Hilde…) - und ändern sich im Laufe der Geschichte nicht mehr bedeutend. An manchen Stellen erscheint mir der Roman deshalb aus heutiger Sicht psychologisch etwas unglaubwürdig - besonders was die unsagbar gefasste innere Gefühlswelt der Hilde angeht, die doch ein Kind zu verlieren hat, genau wie die deutlich mitgenommenere Lotte ! Aber darüber sollte man wohl nicht vergessen, dass das Unvorstellbare dieser im Kern wahren Geschichte nicht von den Widerstand leistenden Protagonisten ausging, sondern von denen, die das Naziregime - passiv oder aktiv - mittrugen. Ein nachdenkliches Buch und Zeitzeugnis für alle, die sich gleichsam für Berliner Geschichte des Widerstands und ostdeutsche Literaturgeschichte interessieren.


Buch des Flüsterns
Buch des Flüsterns
von Varujan Vosganian
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,00

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wieviele Todeskreise vom Flüstern zum Schrei ?, 5. Januar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Buch des Flüsterns (Gebundene Ausgabe)
Die ersten hundert Seiten sind verwirrend : Zeiten, Orte, Personen und Begebenheiten vermischen sich zu einer für immer verschwundenen Welt einer armenischen Großfamilie im Exil. Angesichts der Fülle der Protagonisten - Garabet, Arsaluis, Krikor, Seitanian und vieler anderen - deren armenische Namen wie aus einem Märchen geborgt klingen - und der vielen Handlungsebenen entfaltet das Buch wohl erst dann seine volle poetische Wirkung, wenn man es schafft, davon abzulassen, die einzelnen Stränge rekonstruieren zu wollen und sich stattdessen lieber von Sprache und Rhythmus der Erzählung vom Bosporus über Syrien, Odessa, Jerewan und Sibirien nach Focsani hin- und hertransportieren läßt. Viele Begegnungen sind einmalig, manche Personen trifft man unerwartet einige hundert Seiten später, einige bilden das Gerüst der Saga und führen mit Weisheit und Poesie durch das tragische Weltgeschehen des 20. Jahrhunderts, das "am Rande der Geschichte" vor dem Hintergrund der in zwei Weltkriege verwickelten Großmächte für die Armenier Massenmord und Exil in einem Umfang bedeutete, der aus gechichtswissenschaftlicher Persepektive eindeutig als Völkermord - der erste der Neuzeit - gewertet, jedoch als solcher bisher nur von wenigen Staaten, darunter Frankreich, nicht aber Deutschland, anerkannt wird.

Die Tragik der unzähligen Einzelschicksale, unzählige Wege in den Tod, einige Zufälle des Lebens und vielfältige Strategien des Überlebens verweben sich im Laufe des Romans, der auf der Familiengeschichte des Autors beruht, zu einem Gesamtbild der kleinen "übriggebliebenen" armenischen Gemeinschaft in Focsani, einer rumänischen Kleinstadt, deren Zusammenhalt maßgeblich durch Familiensinn und Dorfgemeinschaft geprägt wird, und die versucht, den Wirren der Zeit trotz allem einen Sinn zu verleihen. Ein symbolischer Pfeiler der Geschichte sind dabei die geheimen nächtlichen Zusammenkünfte der "alten Armenier" in der Friedhofsgruft eines gar nicht verstorbenen Schicksalsgenossen, die von Großvater Garabet geleitet werden. Das "Flüstern" der Alten wird vom kleinen Varujan heimlich belauscht, und bildet Jahrzehnte später den Grundstock für diese armenische Saga.

Es ist ein schwieriges und erschütterndes Buch, in dem sich die Poesie des Flüsterns sanft, aber sicher, in "7 Todeskreisen", wie der Autor es beschreibt, um den armenischen Völkermord zusammenbraut. Dessen schonungslose, fast dokumentarische Beschreibung in all seinen furchtbaren, grausamen, unmenschlichen und unvorstellbaren Details bleibt dem Leser nicht erspart - und sollte dies auch nicht. Es gibt Tatsachen, die nicht ewig geflüstert werden können. Und denen sollten wir uns stellen.


Meine Großmutter: Erinnerungen
Meine Großmutter: Erinnerungen
von Fethiye Çetin
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine literarische Perle im Aschenputtelgewand..., 7. April 2014
Es wird immer besser... bis man dann verdutzt vor dem Ende steht und sich fragt, ob man darauf überhaupt vorbereitet war - wahrscheinlich so, wie Fethiye Cetin selbst ! Deshalb möchte ich auch nicht so viel vorwegnehmen, sondern einfach nur einladen, das kleine Büchlein mit dem altbackenen Einband und dem viel zu langweiligen Titel nicht schon nach den ersten, vielleicht etwas schwerfälligen Seiten aus der Hand zu legen. Fethiye Cetin erzählt ihre Familiengeschichte über das letzte Jahrhundert, mit allem Schönen, Schrecklichen, für immer Verschwundenen aus dem Leben einer armenischen Familie in der Osttürkei. Angelpunkt ist dabei ihre Großmutter, aber die ganze große Familienbande kommt nicht zu kurz - und das Ende öffnet sich auf weit mehr als ein anatolisches Dorf . Es entsteht im Laufe der Erzählung der Eindruck, daß die Autorin dabei selbst durch die Wendungen ihrer Recherchen überrrascht wird, und aus den anfänglich sehr persönlichen Erinnerungen plötzlich eine politisch immer noch hochbrisante Anklage des armenischen Völkermordes wird. Die beigelegten Photos sind sehr schön (habe ich leider erst am Ende entdeckt), die Erklärungen auch. Vielleicht wäre eine kurze historische Zeittafel über die Ereignisse in der Türkei ganz nützlich, um dem unvorbereiteten Leser ein paar geschichtliche Anhaltspunkte zu bieten - allerdings wird der interessierte Leser wahrscheinlich selbst danach suchen, um das Gelesene richtig einzuordnen und zu verarbeiten. Für mich eine Perle, versteckt in einem äußerlich merkwürdig unanspechend wirkenden giftgrün-rosa Bändchen mit einem abgegrast altbackenen Titel.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 16, 2015 12:43 PM CET


Das Geheimnis von Flandern
Das Geheimnis von Flandern
von Gilbert Sinoué
  Taschenbuch

2.0 von 5 Sternen Überzogene Intrige, langatmige Erzählung, merkwürdige Wendungen, 7. April 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Das Geheimnis von Flandern (Taschenbuch)
Nach der "Straße nach Isfahan" ein zweiter historischer Roman von Sinoué - der allerdings an den ersten für mich bei weitem nicht heranreicht. Was eigentlich genau das große Geheimnis an Van Eyck's Malstil sein soll - und warum bzw. ob dies für die florentinische Schule wirklich so bedrohlich war, ist für mich bis zum Ende nicht nachvollziehbar. Ob dieser Roman historisch so gut recherchiert ist wie der erste, kann ich diesmal nicht sagen - ich muß gestehen, daß es mich einfach nicht sonderlich interessiert hat.
Trotz der vielen gruseligen Toten, der bösen Stiefmutter, der unsterblichen Mutterliebe, der geheimnisvollen Andeutungen und der zwielichtigen Gestalten in den Straßen von Brügge will irgendwie keine so rechte Spannung aufkommen. Gut und Böse sind von Anfang fast so deutlich abgebildet wie im Märchen, und vielleicht schafft es ja Sinoué diesmal nicht, mit Hilfe der Sprache die Besonderheit der flämischen Malerei so herüberzubringen, daß die Intrige glaubhaft wirkt. Der Bogen zwischen Flandern, Portugal, Spanien und Italien scheint mir ein bißchen überspannt für einen 12- oder 13-jährigen Jungen in der Hauptperson. Die bösartigen Gestalten in Florenz wirken aufgesetzt und die Szenen in Italien zerstückeln den Roman jedesmal ein bißchen mehr, zumal die Personen undeutlich individualisiert sind, und deshalb teilweise unklar bleiben. Daß das Herz der bösen Verschwörung in Florenz schlägt, hat der Leser sowieso schon in den ersten Seiten mitbekommen, so daß sich auch da die Spannung in Grenzen hält.
Kurz und gut, alles ein bißchen an den Haaren herbeigezogen... und ziemlich langweilig.


Die Straße nach Isfahan
Die Straße nach Isfahan
von Gilbert Sinoue
  Broschiert

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Spannung, Abenteuer, Emotion, 6. April 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Straße nach Isfahan (Broschiert)
... verpackt in einem gut recherchierten historischen Roman aus dem Orient um 1000 n. Ch. Endlich mal wieder ein Buch, wo man sich auf's Weiterlesen wirklich freut. Im Gegensatz zum verkitschten und publikumswirksam mit grausamen Szenen aufgepäppelten Film "Der Medikus" - in dem Ibn Sina nur eine historisch verdrehte Nebenrolle spielt - gibt es hier einen biographischen Abriß, der den Tatsachen - soweit belegt - entspricht, und der den Lebens- und Leidensweg des Ibn Sina und seiner Zeitgenossen anschaulich und einfühlsam nachvollzieht. Selbstverständlich war dieser ein außerordentlicher Gelehrter, aber das Buch verleiht ihm menschliche Züge und bringt ihn dem Leser mit Stärken und Schwächen - und mit vielen Fragen ohne Antworten - so nahe, daß man am Ende des gemeinsamen Roadmovies durch die Steppen, Berge und Wüsten des mittelalterlichen Orients den Eindruck hat, einen wirklich guten Freund zu verlieren. So quasi "nebenbei" erfährt man eine Menge über die Geschichte der Medizin, die unvorstellbar harten Lebensbedingungen selbst im damals weit entwickelten Orient, den daraus resultierenden Fatalismus der Menschen, und natürlich die Bedingungen, unter denen sich die Wissenschaft entfaltete : Allmächtigkeit der Herrschenden und totale Abhängigkeit der Günstlinge, deren Schicksal von heute auf morgen umschlagen konnte, die Bedeutung von schriftlichen Publikationen und deren Verbreitung... Die "Universität" versteht sich ebenfalls wörtlich, und Ibn Sina verkörperte wahrscheinlich besser als kein anderer deren ursprüngliche Bedeutung.
Ein bißchen Liebesgeschichte mußte natürlich auch sein (scheint aber im Übrigen nicht belegt zu sein) und lockert das Ganze ganz nett auf - abgesehen davon, daß ich mich gefragt habe, warum Yasmina eigentlich nie schwanger wurde, und wie das Ganze ausgegangen wäre, wenn... aber vielleicht kannte der große Gelehrte da ja auch ein kleines Mittelchen ?
Fazit : Ein toller Roman, bei dem man die Seiten nur zählt, weil man gern noch ein paar mehr davon hätte ! Für mich ein Highlight der letzten Monate - und das verdanke ich dann letztendlich doch dem Film "Der Medikus", der mich so enttäuscht hatte.


Die siebente Saite. Roman.
Die siebente Saite. Roman.
von Pascal Quignard
  Broschiert

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Trauerarbeit eines hochsensiblen Musikers..., 4. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Die siebente Saite. Roman. (Broschiert)
Ich hatte nach weiterführender Literatur zu Marin Marais gesucht, dessen Gambenstücke zu meinen Lieblingsstücken gehören... und bin natürlich über den Film beim zugrundeliegenden Roman gelandet, den ich in einem Zug in ca. zwei Stunden (auf Französisch) gelesen habe.
Quignard zeichnet ein unter die Haut gehendes Portrait von Sainte-Colombe, dem Lehrmeister Marais' in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Sainte-Colombe wird als introvertierter, aber hochsensibler Mann dargestellt, der noch Jahre nach dem Tod seiner geliebten Frau nicht über den Schmerz des Verlustes hinweggefunden hat. Seine Töchter, die ohne Mutter aufwachsen, werden frühzeitig von ihrem Vater an die Musik herangeführt, leiden aber gleichzeitig unter dem cholerischen und verschlossenen Charakter des Vaters, der die meiste Zeit in seiner Gartenlaube verbringt, wo er ungestört musizieren, komponieren und die Natur beobachten kann - und wo ihm mit der Zeit Visionen seiner verstorbenen Frau erscheinen. Diese Szenen, die auf den ersten Blick absurd erscheinen - und von denen Sainte-Colombe selber sagt, es sei egal, ob es sich um Wahnvorstellungen oder Wunder handelt, aber auf jeden Fall seien diese angenehm - werden von Quignard extrem einfühlsam und nahegehend dargestellt. Die Grenze zwischen Wirklichkeit und Traum verwischt, und man steckt plötzlich selbst in der Haut dieses liebenden, zutiefst trauernden und sich den gesellschaftlichen Zwängen verschließenden Mannes, der sich sogar dem Befehl Louis des XIV, am Hofe vorstellig zu werden, gewaltsam widersetzt, und lieber für seine "Enten und Gänse" musiziert. Die Tragik seines Lebens nimmt erst dann ein Ende, als er sich selbst dem Tode, und damit seiner Frau nahefühlt, und endlich in Marin, dem er lange Oberflächlichkeit vorwirft und trotz dessen Virtuosität die Fähigkeit aberkennt, mit der Musik echte Gefühle auszudrücken ("Sie machen Musik, aber Sie sind kein Musiker."), einen würdigen musikalischen Erben sieht, dem er gleichsam testamentarisch die bisher unveröffentlichen Kronjuwelen seiner Kompositionen anvertraut.
Wer auf biografisch treue Darstellungen hofft, wird hier weniger fündig, da Quignard die - wenn auch auf historischen Vorbildern beruhenden - Charaktere literarisch überformt und abstrahiert hat. Der Zeitgeist wird jedoch sehr deutlich, ebenso die tragische Persönlichkeit von Sainte-Colombe, die durchaus nicht an ihre Epoche gebunden ist - und besonders den hochsensiblen Lesern wahrscheinlich nahegehen wird.


Für den Rest des Lebens: Roman
Für den Rest des Lebens: Roman
von Zeruya Shalev
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,90

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Psychokram meets Israel, 30. November 2013
Die Grundidee des Romans - eine im Sterben liegende Mutter läßt ihr Leben Revue passieren, um Frieden mit sich selbst zu schließen - ist spannend und bietet ausreichend Raum, um einzelne Geschichten und das Schicksal verschiedener Familienmitglieder daran aufzuhängen. Das geht im Falle Chemda's - so ihr Name - über vier Generationen : ihre Eltern, sie selbst, ihre Kinder und die Enkeltochter. Den Rahmen dafür bildet das Nachkriegs-Israel mit einer kleinen Auswahl aus seinen leider so zahlreichen Traumata : aufbauwütige Shoa-Überlebende, kollektivgeschädigte Kibbuzkinder, gegen Ausgrenzung kämpfende Berber und Palästinenser... So weit das eher vielversprechende Setting. Es hätte sich durchaus gelohnt, dabei zu bleiben, und ein oder zwei Israel-typische Themen tiefgründiger zu beleuchten. Vielleicht die Person der Mutter, deren Abwesenheit Chemda so grundlegend geprägt hat, und die trotzdem nur eine Randfigur bleibt - wir erfahren praktisch nichts über die Hintergründe, die sie dazu bewegt haben, ihre kleine Tochter mit dem Vater im Kibbuz allein zu lassen. Oder die israelische Kindheit unter dem Stern des kollektiven Kibbuzgeist. Oder Avner's Anwaltstätigkeit für die Rechte der Araber...
Im Gegensatz dazu wird vieles nur oberflächlich gestreift - vielleicht um der Vielzahl der verschiedenen Charaktere Rechnung zu tragen ? Oder vielleicht, um der modernen israelischen Gesellschaft - die auch heute noch meilenweit davon entfernt ist - so etwas wie "Normalität" abzugwinnen ? Leider driftet jedoch der Roman, zumindest für mein Gefühl, zu sehr in Richtung Allerwelts-Midlife-Crisis ab und bedient dabei im Vorbeigehen so ziemlich alle Klichés : die verlassene Tochter, die selbst ihre Tochter vernachlässigt; der gewalttätige Vater; die ständig nörgelnde Ehefrau; das überbehütete Kind; der ungeschickte Sohn; die Torschlußpanik der Einzelkind-Mutter; der vom Seitensprung träumende Ehegeschädigte; die perfekte, aber heimliche Liebe bis zum Tod... und am Ende ein neues Kind, das alle wieder versöhnt - und Chemda's Vermächtnis gewissermaßen fortführt ? So gesehen ist die Abgrenzung zur x-beliebigen Soap-Opera nicht immer so ganz klar. Und zuviel des Guten macht das Gesamtpaket irgendwie ein bißchen langweilig und stellenweise unglaubwürdig.
Toll ist der Wechsel der Erzählerperspektive, der die Charaktere jeweils aus dem Ich-Blickwinkel, aber in der dritten Person Einzahl ausleuchtet. Das schafft eine Art Distanz und spannt einen interessanten Bogen zur sehr subjektiven und intimen Gefühlswelt, die eigentlich dargestellt wird. Es gibt Stellen, an denen man auch mal länger rätselt, um wen es eigentlich geht... und das macht Spaß.
Alles in allem trotzdem eine nette Lektüre - speziell für Psychosüchtige - der es zwar an Tiefgründigkeit fehlt, die aber im Schreibstil einiges wieder aufholt. Wer nach ergänzender Lektüre aus dem gegenwärtigen Raum Israel-Palästina sucht, dem empfehle ich meinen absoluten Favoriten : "Während die Welt schlief" von Susan Albuhawa - ein Generationendrama nach realistischer Vorlage aus der Sicht einer palästinensischen Familie.


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