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Krink

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Der Fledermausmann: Harry Holes erster Fall (Ein Harry-Hole-Krimi, Band 1)
Der Fledermausmann: Harry Holes erster Fall (Ein Harry-Hole-Krimi, Band 1)
von Jo Nesbø
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Interessanter Auftakt, 16. Juli 2013
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Inhalt: Harry Hole wird aus Norwegen nach Sydney beordert, um bei der Aufklärung eines brutalen Mordes an einer jungen Norwegerin zu helfen. Unterstützt wird er dabei von einem australischen Polizisten und Aborigine, Andrew Kensington. Während der Ermittlungen, die über die örtliche Schwulenszene, Drogenuntergrund und Boxwettkämpfe führen, bringt Andrew seinem norwegischen Gast Geschichte und Kultur Australiens näher. Doch die freundschaftliche Atmosphäre wird durch einen weiteren Mord getrübt: bald ist klar, dass sie es mit einem Serienmörder zu tun haben, dessen Opfer blonde Mädchen sind. Zunehmend beginnen sich unheilvolle Ahnungen in Harry zu regen. Doch als er die Wahrheit endlich erkennt, scheint es fast schon zu spät zu sein...
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Bewertung: Das norwegische Debut wurde im Vorfeld bereits viel kommentiert. Vor allem eingefleischte Nesbø-Fans sind von den ersten Bänden rund um den Ex-Alkoholiker und Einzelgänger Harry Hole eher enttäuscht. Die kritischen Stimmen riefen vor allem etwas von mangelnden Splatter-Elementen, fehlender Spannung und grundsätzlichem Übungsbedarf in Sachen Schreibstil. Und tatsächlich: Wer eine blutrünstige Mordgeschichte erwartet wird bei diesem Buch enttäuscht werden. Der Fledermausmann ist viel mehr als ein guter Kriminalroman. Neben der stringenten Kriminalhandlung gewinnt der Leser eingehend Einblick in die Geschichte Australiens, das Leben seiner Einwohner und die problematische Wirklichkeit jenseits der Hochglanzprospekt-Fassade der Tourismusindustrie.
Die Figuren der Handlung haben Tiefgang, eine jeweils eigene Geschichte und Entwicklung mit charakterlichen Schwächen. Sie sind so real gezeichnet, dass sie einem nach der Lektüre teilweise wie zurückgelassene Freunde fehlen. Vor allem der Protagonist Harry Hole ist kein strahlender Held, sondern ein etwas desolater Typ, dessen Handlungen beim Leser nicht immer auf Zustimmung stoßen dürften. Befindet man sich im einen Moment im Urlaubsparadies, wird man im nächsten von einer unerwarteten Katastrophe überrollt. Nesbø schafft es, unheilvolle Ahnungen, rauschende Partys, grausige Mordermittlungen, zarte Freundschafts- und Liebesentwicklungen, sowie menschliche Entgleisungen mit einer großartigen Sprache zu beschreiben, so dass man sich weder entziehen kann noch möchte. Immer mehr gerät der Leser in den Sog rätselhafter Ereignisse, welcher die Grenzen mythologischer Sagenwelt und brutaler Realität zunehmend verschwimmen lässt. Die Rahmenhandlung der Mordermittlung tritt zwar an etwaigen Stellen in den Hintergrund. Dies stört aber in keinem Fall den Lesefluss. Die Geschichte bleibt zu jeder Zeit fesselnd, was zum Einen dem besagten grandiosen Sprachtalent des Autors, als auch der interessanten Figuren zu verdanken ist. Mit übertriebener Grausamkeit oder detaillierten Tötungsvorgängen à la Mr. McFadyen wartet dieser Roman tatsächlich nicht auf. Unschuldig wie Miss Marple-Mordfälle sind die Szenen allerdings ebenso wenig. In Sachen Brutalität ist Der Fledermausmann durchschnittlich.
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Fazit: Dieser Roman ist so vielschichtig und dabei auf allen Ebenen so gut konstruiert, dass man kaum gewillt ist, dieses Konglomerat aus Poesie, Urlaubslektüre, Kriminalgeschichte, Reiseführer und ethnographischer Studie zu analysieren. Stattdessen möchte man es einfach wie einen guten Cocktail auf sich wirken lassen. Nesbø versteht es, seine Handlung in einem ebenso gefühlvollen wie prägnanten Stil zu verweben, so dass sich der Leser auf eine mitreißende Reise menschlicher Abgründe begibt. Ein ironischer Unterton und viele Einblicke in die australische Kultur machen die Kriminalgeschichte zu einem intelligenten Lesevergnügen. Wer eine Abneigung gegen skandinavische Melancholie, geschichtliche Abhandlungen, Alkoholismus oder intensive Charakterzeichung hat, der sollte lieber zu einem späteren Werk des Autors greifen. Wer Whisky möchte, sollte eben nicht zum Cocktail greifen.
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Info: Der Fledermausmann ist das Debut der Harry Hole-Serie, die mittlerweile aus 9 Bänden besteht. Die deutschen Titel (erschienen bei Ullstein) in chronologischer Reihenfolge lauten Der Fledermausmann, Kakerlaken, Rotkehlchen, Die Fährte, Das fünfte Zeichen, Der Erlöser, Schneemann, Leopard und Die Larve. Für den Fledermaumann bekam der Autor zwei bedeutende skandinavische Literaturpreise: den Riverton-Preis (1997) und den Skandinavischen Krimipreis (1998).
Übrigens wird das "e" in Harrys Nachmahmen auf norwegisch wie ein deutsches "i" ausgesprochen, weswegen er in Australien als "Mr. Holy" angesprochen wird und Mitmenschen korrigiert, die ihn mit dem englischen "Hole" (also "Loch") anreden.
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Furien-Trilogie - Im Herzen die Rache: Band 1
Furien-Trilogie - Im Herzen die Rache: Band 1
von Elizabeth Miles
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,95

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Gute Atmosphäre, fader Plot, 16. Juli 2013
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Inhalt: Es ist kurz vor Weihnachten in Ascension, einer amerikanischen Kleinstadt im Bundesstaat Maine. Emily Winters lässt sich auf eine Affäre mit dem Freund ihrer besten Freundin ein, während ihr Nachbar JD, ein langjähriger Freund aus Kindertagen wiederum in Emily verliebt ist. Derweil jagt Chase Singer, Quarterback des örtlichen Football-Teams, der geheimnisvollen Schönheit Ty hinterher, die sich jedoch als eine der drei Furien (Alekto, Megaira, Tisiphone) entpuppt. Diese suchen bereits seit Urzeiten Ascension heim, um jeden zu bestrafen, dessen selbst verschuldete Gräueltaten sein schlechtes Gewissen plagen.
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Bewertung: Als großer Fan von Schnee und amerikanischen High-School- und Collage-Geschichten im Allgemeinen und Weihnachten im Besonderen, war ich begeistert von der atmosphärisch dichten Geschichte rund um die fiktive Kleinstadt Ascension: dicke Schneeflocken, zugefrorene Seen, verschneite Wälder – hier kommt alles vor, was das Winterwonderland-Leserherz begehrt. Leider ist die Stimmung eines Romans nicht alles und einige negative Eindrücke dämpfen das großartige Setting.
Keine der Figuren schafft es, dauerhaft Sympathieträger zu sein. Nahezu jeder der High-School-Teens hat ein dunkles Geheimnis, oder, anders ausgedrückt, alle bis auf JD sind absolute Charakterschweine. Emily betrügt ihre beste Freundin mit dem idiotischen Gernegroß Zach; Chase macht sich blindlings für eine offensichtlich gestörte Fremde zum Affen; Gabby ist die egozentrische Oberflächlichkeit in persona; die nach einem Selbstmordversuch im Koma liegende Sasha hat ihren Jugendfreund für ein paar ruhmreiche Momente geopfert; selbst die Furien wirken infantil und unreif; lediglich ein sympathischer Charakter durchbricht die Reihe der Frevler und der wird leider am Ende durch das unentschuldbare Verhalten der anderen um sein Glück gebracht– welcher Teenager soll sich denn mit derart niederträchtigen Figuren identifizieren, oder wenigstens nach Beendigung des Romans mit einem befriedigenden Gefühl entlassen werden? Dass die geschilderten Probleme, wie Mobbing, Selbstdarstellung, Kleidung, Coolness und Sex das Leben eines Jugendlichen prägen, ist nicht ungewöhnlich. Aber die oberflächliche Darstellung macht eine realistische Lesart leider zunichte.
Hinzu kommt, dass im Klappentext nicht nur mehr angekündigt wird, als einer anschließenden Lektüre guttut. Das, was versprochen wird, kann noch nicht einmal eingehalten werden. „Drei geheimnisvolle Mädchen sind in die Stadt gekommen“ heißt es da. Laut Auflösung scheinen die drei Furien aber schon immer Teil von Ascension gewesen zu sein und haben, wenn der Leser seiner Kombinationsgabe vertrauen darf, auch bereits mindestens zwei Opfer gefordert, bevor sie sich auf Emily und Chase stürzen. Wenn das der Fall ist, fragt man sich, warum diese Legende nicht im kollektiven Gedächtnis der Stadt verankert ist. Auch dass „in Ascension Fehler tödliche Folgen haben“ haben, ist nicht immer erkennbar. Von den beiden Sündern, die gejagt werden, stirbt nur einer, was eine Sterbequote von 50% macht.
Die mythologische Komponente des Romans ist grundsätzlich sehr schön inszeniert. Nach Vampiren, Werwölfen, Gestaltwandlern, Hexen, Orks, Feen und Kobolden, ist eine mythologische Thematik in einem Fantasy-Jugendbuch doch eine erfrischende Abwechslung. Leider konnte die Umsetzung nicht ganz überzeugen. Was als epische Heimsuchung des Schicksals beworben wurde, stellt sich als unreifer Sandkastenkampf heraus, in dem die Erinyen ihren Opfern an den Haaren reißen und sie vom Spielplatz des Lebens schubsen. Das Ausmaß der Sünden und die anschließenden Strafen stehen in keinem adäquaten Verhältnis zueinander. Außerdem heißt es laut Mythologie, dass nur diejenigen heimgesucht werden, die ihre Taten bereits bereuen, da die Furien das personifizierte schlechte Gewissen sind. In einem bösen Cliffhanger am Ende wird hingegen jemand von ihnen ausgewählt, der sich charakterlich darin auszeichnet, dass er bei seinen ethisch verwerflichen Handlungen gerade keine Gewissensbisse empfindet.
Da der Leser insgesamt eher wenig über den Hintergrund der Rachegöttinnen erfährt, bleibt deren Rolle inkonsistent und lückenhaft. Was beispielsweise ist mit den Tier- und Pflanzenmetaphern: die Katzen im Wald, die Hündchen-Thematik, Schlangen-Schutz und Orchideen-Warnungen – nichts dergleichen wird aufgeklärt. Es ist toll, dass man als Leser einbezogen und bei vielen Anspielungen zum Mitraten aufgefordert wird, aber wenn anschließend keinerlei Lösungen präsentiert werden, führt das unweigerlich zur Frustration. Dabei geht es nicht um eine allumfassende Auflösung der Hauptgeschichte. Aber die angefangenen Stränge der Rahmenhandlungen sollten soweit zusammengeführt werden, dass der Leser belohnt wird und befriedigt voller Neugier auf die Weiterentwicklung der Geschichte blickt.
Das führt zu einem weiteren problematischen Punkt: dem Schreibstil. Jugendlicher Jargon ist grundsätzlich keine einfache Angelegenheit. Erstens muss man heutzutage am besten dem Alter der behandelten Personen angehören, da der Slang ansonsten entweder veraltet oder hoffnungslos gewollt wirkt. Zweitens ist eine Übersetzung vom Englischen ins Deutsche immer ein Verlust für die Sprache. Dieser Verlust kann aber unterschiedlich hoch ausfallen und hier wirkt er katastrophal. Wenn Birgit Salzmann You mit Dich übersetzt, obwohl grammatikalisch Du angebracht gewesen wäre, dann stellt sich einem die Frage, wie viel Zeit tatsächlich in sorgfältige Arbeit investiert wurde. Fehler sind verzeihlich, aber selbst in einem Jugendbuch möchte man ein minimales Maß an Sorgfalt eingehalten wissen.
Weiterhin stört die Marotte der Autorin, viele Nebeninformationen in Klammern zu präsentierten. Entweder spielt es eine Rolle, wie Emily und JD ihren Kaffee trinken. In dem Fall können die Klammern weggelassen werden. Oder es ist tatsächlich eine überflüssige und irrelevante Erläuterung, auf die der Leser verzichten kann. Vielleicht sind die Klammern auch ein Stilmittel um die persönliche Eigenart Emilys darzustellen, wirken dann allerdings eher nervtötend als originell. Dass viele Mitleser die Geschichte als schleppend und langatmig empfanden, könnte man dem Stil des Romans zuschreiben, was schade ist, denn Atmosphäre und Idee tragen durchaus Potenzial.
Zum Schluss ist noch ein wirklich positiver Punkt hervorzuheben: Die Gestaltung. Das ist bereits das siebte soeben erschienene Jugendbuch aus dem Loewe-Verlag, das haptisch und optisch keine Wünsche offen lässt. Ob Lesebändchen, Maserung, Umschlaggestaltung, Buchtrailer oder Detailfreude: Dieses Buch ist ein Schmuckstück für jedes Buchliebhaber-Regal! Egal um welche Art von Geschichte er sich handelt, der Verlag schafft es zum wiederholten Male, das Gewand dem Inhalt tadellos anzupassen und dabei immer die Stimmung unserer Zeit aufzugreifen. Oft wird bei Büchern kritisiert, dass Autoren kein Mitspracherecht bei der Gestaltung haben und deswegen (übersetzter) Titel und Coverbild weder zum Inhalt passen, noch ansprechend wirken. Bei Loewe ist das niemals der Fall. Im Gegenteil, die Ausstattung ist oft sogar besser als im Original und das verdient ein großes Lob. Meisterhaft!
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Fazit: Im Herzen die Rache ist ein etwas holpriges Debut mit einer guten Grundidee, deren Umsetzung leider (noch) etwas unbeholfen wirkt. Für jüngere Leser kann dieses atmosphärisch dichte Drama rund um die Probleme amerikanischer High-School Teens mit einem Hauch Fantasy durchaus anregend wirken. Wer allerdings einen mitreißenden Thriller erwartet, der sollte sich hier eher zurückhalten. Da Schreibstil und Konstruktion mangelhaft sind, konnte ich mich trotz einer guten Idee und kurzweiligem Lesespaß nicht zu mehr als 2,5 Sternen durchringen. Aber die Gestaltung, abgesehen vom Klappentext, haben einfach mindestens einen zusätzlichen Stern verdient und gebe dem Roman drei Sterne, mit Potenzial nach oben.
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Zusatzinfo: Bei Im Herzen die Rache handelt es sich um den Auftakt einer Trilogie.
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Die Verratenen
Die Verratenen
von Ursula Poznanski
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Gelungener Dystopieauftakt, der etwas Wumms vertragen könnte, 16. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Die Verratenen (Gebundene Ausgabe)
Zitat: Es sollte mich interessieren, was sie erzählt, aber ich bin zu beschäftigt, den kleinen heißen Klumpen Wut zu bändigen, der in meinem Inneren glüht. Erschöpfung schwächt meine Emotionskontrolle, das war schon immer so. Wie schön, dass Tomma so guter Laune ist. Wenn ich nicht aufpasse, werde ich sie von Tychos Rücken zerren und sie mit dem Kopf voran in den nächsten Schneehaufen stecken.
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Inhalt: Deutschland in einer Zeit nach der großen Klimakatastrophe: Rias wohlbehütetes Leben innerhalb der Sphäre Neu-Berlin besteht aus den alltäglichen Sorgen der reagenzglasgezeugten Akademiestudenten, bis sie eines Tages ein vertrauliches Gespräch belauscht und so von einer Verschwörung erfährt, die es gar nicht geben dürfte. Sie selbst und fünf andere Elitestudenten werden beschuldigt gegen das System zu arbeiten und sollen eliminiert werden. Für Ria bricht eine vermeintlich heile Welt zusammen, doch es gelingt ihr zusammen mit den anderen aus der Sphäre zu fliehen. Ein bitterer Kampf um's Überleben beginnt, bei dem sich die sechs Jugendlichen gegen Schnee, Hunger, Wölfe, Exekutoren und sogenannte primitive Clans durchsetzen müssen, die die Welt außerhalb der Sphären bevölkern...
⬣⬣⬣⬣⬣⬣⬣⬣⬣⬣
Bewertung: Ursula Poznanski verzichtet auch in ihrem neuen Roman auf lange Einleitungen. Der Leser findet sich sofort in der künstlichen Lebenswelt der zukünftigen Menschheit wieder. Hintergrundinformationen werden nach und nach gestreut, so dass sich mit der Zeit ein stimmiges Bild der Welt von Morgen ergibt. Die strenge Konzentration auf die Haupthandlung und nicht zuletzt die Ich-Perspektive der Protagonistin Ria lassen zu keiner Zeit Leerläufe aufkommen. Dabei ist der Alltag der Borwin-Akademie ebenso interessant geschildert, wie die Entwicklung der Verschwörungsgeschichte. Die Autorin scheut nicht vor rasanten Schauplatz- und Stimmungswechseln zurück. Eine besondere Aufmerksamkeit hat sie der Charakterisierung der Figuren gewidmet. Da wären das selbstbewusste Rhetoriktalent, die naive Biologin, der hyperaktive Techniker, der verschlossene Arzt, der ehrgeizige Führer, der sensible Künstler und jede Menge leibevoll ausgestaltete Nebenfiguren. Von Bösewichten über väterliche Freunde hin zu Identifikationsfiguren muss der Leser nichts missen.
Gelungen ist auch die Beschreibung der dystopischen Lebenswelt. Nach Panem, Cassia&Ky, Delirium, Brave New World, 1984, Der goldene Kompass und vielen anderen Vorgängern ist es nahezu unmöglich eine bahnbrechend neue Erfindung zu konzipieren. Umso erfrischender ist, dass es der Autorin gelungen ist, sich keiner wesentlicher Bestandteile anderer Vorlagen zu bedienen, sondern eine eigenständige, schlüssige Geschichte zu erschaffen, die den Leser ins seinen Bann zieht und die Protagonisten ans Herz wachsen lässt. Besonders die Mischung aus hypermoderner Sphären-Technik und mittelalterlichem Lebensstil der Außenbereiche vor dem Hintergrund der verfallenen Ruinen der Neuzeit ist äußerst gelungen.
Aber Ursula Poznanski wäre nicht Ursula Poznanski wenn das schon alles wäre. Zu der dystopischen Lebenswelt von Morgen, der Verschwörungs- und Fluchtgeschichte, der Selbstfindung der Protagonistin (und damit stellvertretend der Menschheit) kommt eine nervenaufreibende „whodunnit“-Ermittlung, die den Leser in Atem hält. Denn unter den sechs Elitestudenten befindet sich ein Verräter, den es ausfindig zu machen gilt während die Zeit läuft...
Der Roman bleibt dabei zu jeder Zeit erfreulich nüchtern. Wo Panem mit Pathos und Gutmenschentum um sich schleudert kommt Poznanski ohne patriotische Donnerschläge aus. Die Protagonistin erfreut den Leser mit großer Reflexionsfähigkeit und Selbstironie, was die vorherrschend beängstigende Odyssee teilweise zu einem humoristischen Vergnügen werden lässt.
Lediglich das große Finale lässt den Leser etwas gedämpft zurück. Die plötzliche Auflösung bleibt ohne Aufklärung und das gelüftete Geheimnis flach und zu willkürlich. In Anbetracht der folgenden Bände ist sicher, dass das nicht alles war, aber auf Seiten des Lesers besteht einiger Aufklärungsbedarf, der mit dem vorläufigen Ende nicht hinreichend gedeckt wird.
⬣⬣⬣⬣⬣⬣⬣⬣⬣⬣
Fazit: Die Grundidee ist nicht überraschend, aber erfreulich individuell umgesetzt. Die Handlung ist rasant, der Schreibstil flüssig und die Detailfreude bemerkenswert. Trotz einiger Ungereimtheiten bleibt der Auftakt dieser atmosphärisch dichtenTrilogie ein großes Lesevergnügen. Ursula Poznanski lässt sich nach wie vor auf kein Genre festnageln und stellt mit diesem Jugendroman ihre Wandlungsfähigkeit einmal mehr unter Beweis. Wer Erebos, Fünf oder Saeculum mochte, der wird Die Verratenen lieben → denn hier werden alle Merkmale zu einem fulminanten Epos vereint. Suchtpotential für Groß und Klein garantiert!


Lilith Parker, Band 2: Lilith Parker, und der Kuss des Todes
Lilith Parker, Band 2: Lilith Parker, und der Kuss des Todes
von Janine Wilk
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,95

5.0 von 5 Sternen Lilith' Nightmare before Christmas..., 16. Juli 2013
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Zitat: „'Strychnin hat sich die Katze von Misses Clearwater geschnappt. Er sagte, du hättest ihm erlaubt, an ihr zu lecken, und weigert sich, die Katze wieder rauszurücken. […]' 'Oje, das habe ich vollkommen vergessen. […] Leider stimmt es, was er sagt. Wenn man es genau nimmt, war es sogar meine Idee. Allerdings hatte ich erwartet, dass er dabei etwas mehr dämonische Gewitztheit an den Tag legt.'“
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Inhalt: Es ist Winter und geht auf Weihnachten, oder wie es auf Bonesdale heißt „Creepy Christmas“ zu. Die dreizehnjährige Lilith hat sich inzwischen auf der Insel, auf der ganzjährig Haloween gefeiert wird, eingelebt und sich an die Tatsache, dass sie eine Banshee ist und bald die Führung der Nocturi übernehmen soll, gewöhnt. Als wäre ihr alltägliches Leben nicht schon Wahnsinn genug, erwartet sie mit Bangen das Urteil des Rats der Vier, vor dem sie sich bald wegen Übertretung der magischen Gesetze verantworten soll. Dabei versucht nicht nur der derzeitige Führer der Nocturi, der skrupellose Bürgermeister Scrope, sie endgültig loszuwerden. Auch ihre magischen Fähigkeiten geraten immer wieder außer Kontrolle . Nach einer Reihe von Morden, die eindeutig auf das Werk einer Todesfee hindeuten gerät die Lilith, als einzige Banshee im Dorf, unter einen bösen Verdacht... Zusammen mit ihrer Hexenfreundin Emma, dem jungen Matt und Strychnin, einem Dämon aus dem Schattenreich, versucht Lilith todesmutig den mysteriösen Vorfällen in Bonesdale auf die Spur zu kommen.
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Bewertung: Kinder, was für ein Spaß! Bei großartigen Werken wie diesem fällt es schwer eine detaillierte Rezension zu verfassen, die nicht nur aus überschwänglichen Superlativen besteht. Aber wenn es nichts, aber auch gar nichts zu meckern gibt, wird eine Beurteilung nun einmal schnell einseitig – da müsst ihr nun durch.
Widmen wir uns zunächst der Geschichte. Janine Wilk legt die Fortsetzung eines gelungenen ersten Teils vor, indem sie Handlungsstränge aufnimmt, die nach Lilith Parker und die Insel der Schatten unabgeschlossen blieben. Während also offene Fragen geklärt werden und das typisch schaurig-schöne Alltagsleben auf der Halloween-Insel Bonesdale weitergeht, entwickelt sich ein neues spannendes Abenteuer rund um die dreieinhalb liebgewonnenen Protagonisten: Eine Mordserie hält die Dorfbewohner in Atem. Damit bekommt die Fantasygeschichte einen detektivischen Touch, der wunderbar zur Gruselatmosphäre passt. Zwischen allen Schockmomenten und Verschwörungsgemeinheiten werden aber auch Themen wie Freundschaft, Liebe und Familie nicht außer Acht gelassen. Außerdem kommen neben allen ernsten und schauderhaften Ereignissen Humor und Ironie nicht zu kurz. Vor allem der tollpatschige Dämon Strychnin rettet den Leser mehr als einmal vor dem Atemstillstand.
Ein besonderes Lob haben auch die fantasievollen Ideen der Autorin verdient. Ob Blutkaugummi, lila Fossel oder Winteralbtraum – Seite für Seite gibt es neue, kreative Errungenschaften der magischen Welt von Bonesdale zu entdecken. Die Detaildichte in dieser Geschichte ist eine ebenso große Freude wie die liebevolle Gestaltung der Figuren. Freund und Feind, Jung und Alt, Mensch und Nocturi – alle haben ihre nachvollziehbaren Stärken, Schwächen und Geheimnisse. Es gibt Vampire, Werwölfe, Banshees, Hexen, Skelette, Dämonen, Geister und viele Weitere skurrile Wesen, die man von einem ordentlichen Spukroman erwartet. Die einen wachsen ans Herz, die anderen möchte man „#$%☹✸☢☠!“, aber keine einzige lässt den Leser kalt.
Auch in puncto Schreibstil und Gestaltung scheint Janine Wilk ihre Mitte gefunden zu haben. Dezente Andeutungen lassen den Leser aufhorchen und falsche Fährten laden zum Miträtseln ein, während nach und nach jede Menge Geheimnisse gelüftet werden. Trotzdem birgt die große Auflösung einige Überraschungen, ohne dabei unglaubwürdig zu erscheinen.
Abschließend kommt diese schöne Geschichte wieder einmal in einem wirklich bezaubernden Outfit daher. Die Gestaltung des Covers ist hinreißend, ebenso wie die Haptik: Ein magischer Lack gibt bei Reibung sein Geheimnis frei...(was auch immer es dann sein mag, da gehen die Meinungen etwas auseinander, weswegen es in gewisser Weise das Innere des Buches widerspiegelt.)
Insgesamt schafft es diese Fortsetzung, seinen ohnehin gelungenen Vorgänger zu übertreffen.
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Fazit: Dieser schauerlich-schöne Fantasyroman ist ein Muss für mutige Kids, die sich für Geister, Grusel und Magie begeistern. Aber Vorsicht: Nichts für schwache Nerven!
So, und wenn ihr mich nun entschuldigen mögt, mich dürstet es nach einem leckeren, heißen Drecktümpel ✴yummy✴.
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Tipp: Zum Verständnis der Geschichte wird die Kenntnis des ersten Bandes zwar nicht zwingend vorausgesetzt. Es empfiehlt sich aber dennoch den Vorgänger voranzustellen, da der Gesamteindruck ansonsten unter einigen Lücken leiden müsste.
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Letzte Ernte: Ein kulinarischer Krimi. Xavier Kieffers dritter Fall
Letzte Ernte: Ein kulinarischer Krimi. Xavier Kieffers dritter Fall
von Tom Hillenbrand
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

7 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Leider kein Leckerbissen, 16. Juli 2013
Ein kulinarischer Krimi wird dem Leser von Tom Hillenbrands Letzte Ernte auf dem Cover versprochen. Ausgehungert nach einem Jahr des Wartens auf die Fortsetzung der Ermittlungen des Luxemburger Kochs Xavier Kieffer greift man zu und richtet sich voller Vorfreude auf köstlichen Krimigenuss ein.

Allein das Menü, das Hillenbrand hier zusammengerührt hat, ist nicht vom Feinsten. In der Wahl der Zutaten greift er zunächst auf Bewährtes zurück: Kieffer kocht und qualmt im „Deux Eglises“, trifft sich mit seiner Freundin Valérie, Chefin des Sterne verleihenden Gastronomieführers „Le Gabin“, und traktiert mit seinem finnischen Freund Pekka Vatanen die Leber mittels seiner Lëtzebuerger Rivaner- und Rieslinglagen aus seinem persönlichem
Keller.

Der kulinarische Reiz luxemburgischer Gerichte, dem man noch im ersten und zweiten Band hemmungslos erlag, ist verflogen: Es wird immer das Gleiche aufgetischt. Das allein wäre nicht unbekömmlich, man kann sich bekanntlich auch an Eintopfgerichten genüsslich satt essen. Problematisch wird es aber, wenn Hillenbrand in die bekannten Zutaten solche mischt, die sich mit den Grundsubstanzen nicht verbinden lassen und ein dominantes, dazu schwerverdauliches Eigenleben zu führen beginnen: Erzählt wird die Geschichte eines mit einem IQ von 169 ausgestatteten Asperger-Nerds, der mit Hilfe von geklauten und frisierten Daten die Rohstoffbörse der Welt beherrschen will. Der rennt nun zufällig in das auf der Schueberfouer stehende Zelt von Kieffer, wo dieser Gromperekichelcher backt und zwar aus Kartoffeln der Sorte „Rose de France“, deren Preis zu seinem Unmut gerade exorbitant gestiegen ist…

Das unglaubliche Gericht, das dem Leser vorgesetzt wird, wird indessen nicht schmackhafter, wenn Hillenbrand nicht etwa den mit kriminalistischem Gespür ausgestatteten Koch das Geheimnis des Unverdaulichen lösen lässt, sondern einen „deus ex machina“ erfindet, der sich in Kieffers Garten setzt und rückblickend die unbekannten Ingredienzien auftischt. Auch die von dem selbstverliebten Starkoch Esteban für das Fernsehen inszenierten Kochduell-Szenen, die zudem unmotiviert in den Topf aus Bodenständigem und Fantasie geworfen werden, machen die Sache nicht besser; sie wirken wie chemisch hergestellte billige Süßstoffe, die auf die Geschmacksrezeptoren nicht positiv, sondern überreizend einwirken.
Hinter den Kulissen der Reality-Show agiert der grummelnde Kieffer: Im obliegt es, ungenießbare Speisen, die den Fernsehköchen unter Stress misslungen sind, heimlich gegen wohlschmeckende auszutauschen und so die Jury zu hintergehen. Dieses Verfahren hätte dem Krimi gutgetan.

Was die einzelnen Elemente verbinden könnte, fehlt in diesem Krimigericht: die sprachliche Gestaltung. Doch daran hapert es; dem „kulinarischen Krimi“ mangelt es an Sorgfalt und vielleicht hätte ein geduldiges Lektorat noch einiges gerettet. Aber hier bereitet ein Koch eben Rinderkoteletts zu, aus denen zwei Seiten später Schweinekoteletts geworden sind.

Der Klappentext lockt mit dem Gaumenschmaus „Wein, Rieslingpastete und danach ein Stück Quetschetaart mit Sahne“ auf der Kirmes - doch es gibt nur Reibekuchen. Und so fragt der ratlose Erzähler, als Kieffer eins auf die Nase bekommen hat: „Und Valérie? Wo war Valerie?“ Man weiß es nicht. Vielleicht in Frankreich bei Maigret. Mach’s besser Tom!
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 22, 2013 11:10 AM MEST


KATZ oder Lügen haben schlanke Beine
KATZ oder Lügen haben schlanke Beine
von Matthias Zipfel
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,96

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der neue Maloney: Arno Katz ermittelt..., 16. Juli 2013
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"Der absolute Höhepunkt aber war ihre Stimme - Honigmelone mit einem Hauch Zimt und einem Häubchen aus zart schmelzendem Himbeersorbet."
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Inhalt: Arno Katz ist ein Lebenskünstler. Um sich sein Sportstudium zu finanzieren, arbeitete er als Stuntman - doch ein Unfall kommt dazwischen und durchkreuzt seine Karrierepläne. Also eröffnet er eine Detektei. Am ersten Tag seines neuen Arbeitslebens schneit die atemberaubende Sonia mit den langen Beinen in sein Büro, übernimmt ungefragt den Sekreterinnenposten - und erweist sich als echter Glücksgriff. Skurril soweit? Es kommt noch besser: Arnos erste Klientin, Vanessa, ist zwölf Jahre alt und engagiert den Detektiv: Er soll ihren Dobermann Gottfried zu suchen, der laut Vanessa entführt wurde. Was für den Ermittler als Gefallen aus Kinderliebe beginnt, entwickelt sich schnell zu einem hochbrisanten Fall, dessen Wurzeln tiefer gehen als vermutet: Seine Auftraggeberin ist die Tochter des berühmten Schönheitschirugen Lappé, dessen Familie noch ganz andere Merkwürdigkeiten birgt, als einen verschwundenen Dobermann namens Gottfried...
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Bewertung: Endlich ist es wieder soweit! Nach dem letzten Fielmann-Werbespot scheinen die guten, alten augenzwinkernden Detektive, die meist mit einer langbeinigen Schönheit pro Fall nicht auskommen, in der Versenkung verschwunden zu sein. Wo sind unsere etwas heruntergekommenen, raubeinigen und ironischen Ermittler, denen die Frauenherzen zufliegen und die Aufträge annhemen, die jeder Alltagsrealität entbehren und in denen man sich trotzdem wiedererkennt? Liebe Leser: hier ist er. Ein jüngerer, kombinationsbegabter Philip Maloney, der mit viel Charme und Improvisationstalent von einer skurrilen Begebenheit in die nächste stolpert - naürlich ohne dabei den Überblick zu verlieren. Die Charaktere haben Tiefgang, der Fortlauf der Geschichte ist rasant und die Gedanken des Protagonisten erheiternd. Dabei wird der Detailreichtum, der bei der Konstruktion der Handlungsmotive eingesetzt wurde eher durch die Krimihandlung gewürzt, als umgekehrt: Ironische Spitzen, feine Tiefgründigkeit, verantwortungsvolle Klischees und bestechende Wortspielereien lassen diesen Roman zu einem wahrhaft prickelnden Lesevergnügen werden. Erzählt wird die Geschichte aus einer sprachlich überzeugenden Ich-Perspektive. Der sympathische Detektiv Arno Katz lässt den Leser an sämtlichen Gedankengängen und Kombinierungen teilhaben. Dabei gelingt es dem Autor Matthias Zipfel durch die charmante Vorgehensweise des Ermittlers darüber hinwegzutäuschen, dass sich auf mysteriöse Weise zu allem und jedem Zugang verschafft werden kann oder die Handlungsentwicklung stellenweise voraussehbar ist.
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Fazit:"Katz oder Lügen haben schlanke Beine" liest sich, wie ein Feierabend-Cocktail schmeckt: das Vergnügen ist kurzweilig, prickelnd und entlässt den Genießer etwas beschwipst in einen friedlichen Schlaf. Matthias Zipfels humoristischer Krimi lädt zum Mitraten ein, während sich Protagonist und Nebencharaktere still und heimlich ins Leserherz schleichen. Das ist einer der Gründe, warum ich dem Autor abschließend wärmstens eine Bitte ans Herz legen würde: Schreiben Sie doch bald eine Fortsetzung - es schadet nicht, wenn man mal einen Cocktail mehr trinkt...
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Anständig essen: Ein Selbstversuch
Anständig essen: Ein Selbstversuch
von Karen Duve
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Huhn namens...Huhn., 16. Juli 2013
Wer kennt sie nicht – die ewige Nahrungsmitteldiskussion? Ist Milch nun gesund oder schädlich? Produzieren Vegetarier durch ihren ausgleichenden Milchprodukt-Konsum nicht eigentlich mehr Schaden als Fleischesser? Bio-Lebensmittel sind doch lediglich teurer anstatt gesünder? Ist es überhaupt möglich als Mensch keinen Schaden anzurichten und unter Berücksichtigung aller ethischen und moralischen Aspekte zu (über-)leben? In einem Selbstversuch geht die Autorin Karen Duve diesen Fragen sukzessive nach: Zwei Monate lang steigt sie auf eine reine Bio-Produkt-Ernährung um, lebt anschließend zwei Monate vegetarisch, weiterhin 4 Monate vegan und abschließend weitere zwei Monate fru(k)tarisch, um gegen Ende des Jahres eine Bilanz zu ziehen.

Bewertung: In einer Art Tagebuchform lässt Karen Duve den Leser an ihrer Ernährungsentwicklung teilhaben, wobei Eindrücke, Informationen und persönliche Erlebnisse gut und abwechslungsreich dosiert werden. Ein humoristischer, offener und intelligenter Sprachstil (ja, ich halte ihre vermeintlich naiven Aussagen für eine intelligente Art der Ironie), sowie exzellente Recherchearbeit runden den Bericht ab.
Vor Beginn des Experiments bezeichnet die Erzählerin sich als „Allesfresserin“, d.h. alle vier Ernährungsweisen sind absolutes Neuland für sie. Um die Lebensweise möglichst strikt einzuhalten verzichtet sie während ihrer veganen Phase auf jedwede Tierprodukte – quartiert unter Anderem sogar Daunenbetten, Lederwaren und Wollprodukte aus. Vorübergehend, wohlgemerkt. Je höher die sittenstrengen Ansprüche steigen, desto schwieriger wird es für sie diesen gerecht zu werden – Kosten, Zeitaufwand und Vorurteile nehmen mit jeder Phase zu.
Welche Auswirkungen menschliches Handeln hat und wie schwierig es sein kann, seinen eigenen Ansprüchen zu genügen, wird bei diesem Versuch mehr als deutlich. Kritische Stimmen bemängeln hingegen die laxe Umstellung und fehlende Konsequenz von Duves Studie. Da aber gerade Schwierigkeiten und Fehltritte beleuchtet, statt unter den Tisch gekehrt werden und eine realistische Umsetzung der Vorsätze (ggf. zulasten der Durchführbarkeit) von vornherein Ziel des Versuches ist, erweisen sich diese Kritikpunkte als unhaltbar. Nur weil sich die Dame vegan ernährt, muss man ihre Autonutzung meiner Meinung nach nicht als inkonsequent abstempeln. Und der Versuch zur halb- veganen Ernährung ihrer Katzen ist doch weit von Tierquälerei entfernt, sondern entspricht nun einmal den Verhaltensweisen strenger Veganer. Mit ihrem extremen Verhalten versucht die Erzählerin möglichst authentisch zu leben, was ich durchaus nachvollziehbar finde. Zwar stiftet sie auf familiären Grillfesten mit ihren neu gewonnenen Ansichten regelmäßig Unfrieden. Das werte ich allerdings mehr als amüsante Provokation, denn als ernst gemeinte Besserwisserei. Da sie lediglich ihren eigenen ethischen Vorstellungen gerecht werden möchte und auch alle Schwierigkeiten und Misserfolge sympathisch ehrlich (und oft unterhaltsam) schildert, sucht man den moralischen Zeigefinger vergeblich. Die Vorzeige-Lebensweise wird stets mit einem Augenzwinkern praktiziert. Am Ende wird das Wunschbild einer tugendreichen Ernährungsweise auch stark zugunsten der Durchführbarkeit korrigiert.
Ein weiterer oft gelesener Kritikpunkt lautet „Schleichwerbung“. Auch hier muss ich widersprechen. Gerade die Nennung einiger Lebensmittelmarken macht den Bericht realistisch und gibt wichtige Informationen preis. Zu keiner Zeit wird der Eindruck von unsachlicher Werbung verbreitet, sondern lediglich eine eigene Präferenz dargelegt. Und „Hela“ macht nun einmal das beste Curry-Ketchup, das fällt fast schon unter Allgemeinwissen.
Lediglich die nahezu fehlende Auseinandersetzung mit der Nahrungszubereitung tritt negativ hervor. Sowohl für Einsteiger als auch für Fortgeschrittene wären Erörterungen und Inspirationen zu Vielfalt und Verarbeitung geeigneter Lebensmittel hilfreich und anregend gewesen. Denn auch vegane oder frutarische Ernährung muss nicht nur aus Fertignahrung oder Erbsen mit Kokosnussmilch bestehen. Eine abwechslungsreiche Ernährung ist lebenswichtig und führt wahrscheinlich zwangsläufig zu einer Einschränkung in Sachen Tierschutz, so abstoßend das auch sein mag. Insgesamt wirkt der letzte Teil der Studie, das Frutariertum, am Schwächsten und hätte gut und gerne gekürzt oder auch weggelassen werden können.
Die Schlüsse, die Duve am Ende zieht, beinhalten einen realistischen Vorsatz, vor Allem aber eine ehrliche Bilanz.

Fazit: Für Menschen, die sich noch nicht mit den Folgen ihres Konsums auseinandergesetzt und bis jetzt keine Einschränkungen ihrer Ernährungsgewohnheiten praktiziert haben, ist dieser „Selbstversuch“ ein toller Einstieg, um dieses Versäumnis nachzuholen. Eine Wertung bleibt am Ende dem Leser selbst überlassen. Der Bericht wendet sich an interessierte Menschen, nicht an solche, die meinen, einen vegetarischen/veganen/frutarischen Lebensstil bereits perfektioniert zu haben. Die Erzählerin ist nicht fehlerlos, nicht allwissend, nicht unkritisch. Wer damit nicht umgehen kann, der sollte von diesem Buch die Finger lassen.


Untot - Lauf, solange du noch kannst
Untot - Lauf, solange du noch kannst
von Kirsty McKay
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,95

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen *gnurps* *schlurf* *bwaainnns*, 16. Juli 2013
Bobby ist entnervt: Nachdem ihre Eltern sie in ihre ursprüngliche Heimat Großbritannien zurückgeschleppt haben, muss sie just an einem Skiausflug ihrer neuen Klasse teilnehmen. Auf keinen Fall geht sie also mit den anderen Mitschülern zum Mittagessen in einer Raststätte, sondern bleibt im Bus. Als sei ihre Situation nicht schon Horror genug, kommt keiner der anderen zurück, außer dem Lehrer Mr. T. - und der ist tot.

Für Bobby und ein paar weitere Mitstreiter beginnt ein abenteuerlicher Überlebenskampf, bei dem sich die Protagonisten gegen mordlüsterne Zombies, bittere Kälte, beißenden Hunger, starrköpfige Querulanten, zurückgelassene Kleinkinder und zwielichtige Gemüsesaftverkäufer zur Wehr setzen müssen. Ihre Odyssee führt sie zu abwechslungsreichen Schauplätzen, sie begegnen finsteren Gesellen und schlittern von einer Katastrophe in die nächste. Was die allgemein gereizte Stimmung der Überlebenden nicht gerade hebt, ist die Tatsache, dass sie sich untereinander auf den Tod nicht ausstehen können – welcher ihnen ja aber sowieso schon in personifizierter Form an den Kragen will und zwar gleich hordenweise. Ein apokalyptisches Endzeitszenario ist für Bobby schon schlimm genug, aber ein apokalyptisches Endzeitszenario mit einem Gernegroß-Grufti, Albino-Boy und der Prinzessin auf der Erbse, empfindet sie dann doch als persönliche Strafe Gottes. Die liebenswerte Meute meistert zusammen manch unvorhergesehenen Twist, bei dem der Leser prächtig unterhalten wird. Gemeinsam kommen die Jugendlichen der Ursache für die plötzlichen Todes-, bzw. Untodesfälle auf die Spur – und geraten so einmal mehr in große Gefahr. Das Grusel-Setting, bei dem Horrorelemente und Todesfälle nicht zu kurz kommen, kommt mit einer gehörigen Portion Humor daher.
Die Protagonistin Bobby, aus deren Ich-Perspektive das Geschehen geschildert wird, ist nicht nur tough und pragmatisch, ihre Gedanken, Gefühle und inneren Monologe sind auch erbarmungslos komisch. Dabei geht es um viel mehr, als um Untote. Es geht um Schneekatastrophen und erste Gefühle. Um Freundschaft, Feindschaft und Familie. Um Verantwortung, Pubertät und Selbstbewusstsein. Es geht weniger um grausige Überlebenskämpfe und ernste Endzeitstimmung, wie es in anderen Romanen dieses Genres präsentiert wird. Das muss von einem Jugendbuch allerdings auch nicht geleistet werden. Vielmehr lässt Kirsty McKay Humor und Spaß nicht zu kurz kommen und liefert nicht zuletzt mit ihrer liebevollen Charakterzeichnung der Helden ein köstliches Lesevergnügen. Diesem Roman fehlt es wirklich an nichts, was eine Einordnung tatsächlich schwierig macht, denn man möchte auf keinen Fall zu viel verraten. Dies sei also gesagt: Jede einzelne der etwas unter vierhundert Seiten ist so actiongeladen, sarkastisch, klischeehaft, amüsant, inhaltsreich, sprühend, geistreich und spannend, dass der Roman dem Zombie-Genre alle Ehre macht. Oder dem Liebesgeschichten-Genre. Oder dem Jugendbuch-Genre. Dem Action-Genre. Dem... ach egal. Lest ihn selbst! Es lohnt sich.

Wer sich auf diese skurrile Reise mit den vier Frenemies Bobby, Smitty, Pete und Alice begibt, der wird am Ende nicht nur gute Laune haben, sondern auch echte Sehnsucht nach einer Fortsetzung. Und wenn man die nächste Zombie-Apokalypse kaum erwarten kann – dann spricht das wohl für sich. Ein echter Page-Turner!

Tipp: Der zweite Roman der Autorin, „Unfed“, ist bereits in Originalsprache erschienen. Wer also den fiesen Cliffhanger am Ende von „Untot“ vermeiden will, wartet mit dem Lesen bis Band zwei auf dem Markt ist – oder lest auf Englisch!


Magnolia Steel - Hexenflüstern
Magnolia Steel - Hexenflüstern
von Sabine Städing
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 12,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen „Nach oben hinaus und nirgends an!“, 16. Juli 2013
Die Sommerferien sind endlich da und Magnolia fliegt zusammen mit Tante Linette und ihrer Hexenfreundin Jörna in die USA – allerdings per Flugzeug und – zu Linettes Leidwesen – nicht per Besen. Dort besucht sie zunächst ihre Mutter, bevor es weiter auf den internationalen Hexenkongress geht, wo sie in einem Jugendcamp für magische Wesen jede Menge neue Dinge lernt. Nebenbei ist Tante Linette auf geheimer Mission unterwegs, denn sie soll den sagenhaften Beryll vor den Fängen der Gorgonen retten. Doch die mächtigen Gegner sind schon auf dem Weg diesen Plan zu vereiteln – und um das kostbare Kleinod an sich zu reißen ist ihnen jedes Mittel recht...

Nachdem ersten spannenden Abenteuer in Rauschewald, geht es nun im zweiten Band über den Ozean nach Amerika, das Land der unbegrenzten Magierkeiten, ähm...Moment: Möglichkeiten! Im ersten Teil des Buches besucht Magnolia ihre Mutter mit deren neuem Freund und verbringt ein paar schöne Tage in Connecticut. Auch ihren Vater sieht sie nach langer Zeit wieder. Der Leser erfährt so einiges über ihre Hintergründe, indem er an dem Familienleben der Protagonistin teilnimmt. Natürlich kommt der Spaß dabei nicht zu kurz, denn Magnolia und ihre Freundin haben ihre magischen Fähigkeiten natürlich nicht in Deutschland gelassen. Als Tante Linette sie zum Zauberkongress abholt, wird es allerdings erst richtig spannend: In Salem treffen die beiden Mädchen auf viele andere Hexen und Fabelwesen aus aller Welt. Von japanischen Yuki Onnas über Satyrn, Vampire und Elfen, bis zu russischen Baba Jagas ist alles an Zauberwesen vertreten, was das Leserherz begehren kann. Und schließlich ist da auch noch Leander, der Halb-Elf, den Magnolia schon aus ihrer Schulklasse kennt und bei dem ihre Gefühle immer mächtig durcheinander geraten. Für die junge Hexe gibt es in diesem Band also mehr als nur ein Abenteuer zu bestehen, denn: Was ist schon ein Beryll, dessen Kraft bei falscher Verwendung die ganze Hexenheit auslöschen kann, gegen die unermesslichen Qualen der ersten Verliebtheit?!
Wie immer hat Städing die Zauberwelt mit großer Sorgfalt und Liebe zum Detail entworfen. Obwohl ich zunächst skeptisch war, ob sich das heimelige Gefühl, dass der erste Band mir verliehen hat, tatsächlich auf einem anderen Kontinent in unvertrauter Umgebung einstellen wird, hat Städing den Ortswechsel mühelos überwunden. Zwar wurde meine Sehnsucht nach Rauschewald in dieser Fortsetzung nicht befriedigt. Dafür ist ein weiterer fiktiver Wohlfühlort entstanden, an den ich mich immer gerne zurückerinnern werde. Egal, ob die nächste Episode in Neuseeland, Rauschewald oder Alaska spielen wird: ich werde dabei sein und vertraue von nun an auf das schriftstellerische Einfühlungsvermögen der Autorin.
Aber nicht nur Setting und Detailvermögen sind stimmig. Zwischen allen Abenteuern lässt Städing wichtige Themen, wie erste Liebe, Freundschaft, Familie und Integration einfließen, die in unaufdringlicher Weise die bedeutenden Themen des Erwachsenwerdens behandeln. Man erfährt nicht nur viel über Legenden und Hexenwesen. Auch für junge Leser weniger reizvolle Themen wie deutsche Geschichte und Verhaltensregeln werden subtil und spannend vermittelt. (Denn, dass es nicht unbedingt eine gute Idee ist, sich von suspekten jungen Herren von einer Party wegführen zu lassen, gilt nicht nur bei Vampiren. Es ist nicht immer ein Elf in der Nähe, der euch rettet!)
Zusammenfassen lässt sich konstatieren, dass Hexenflüstern zu den Büchern gehört, die unbedingt gelesen werden sollten. Nicht weil man ansonsten nicht mitreden kann, oder die Welt sich aufhört zu drehen, weil das neueste Trendbuch verpasst wird. Die Magnolia Steel-Reihe sollte gelesen werden, weil sie mit einer warmherzigen, abenteuerlichen Geschichte nostalgische Lesestunden bereitet und den grauen Alltag etwas magischer macht. Ob der Leser danach seine Weihnachtstanne einpflanzt, auf ein Wispern im Holunderbusch lauscht, oder bei klirrender Kälte japanischen Schneefrauen gedenkt – Städings Bücher verändern.

Die Fortsetzung von Hexendämmerung, Sabine Städings erstem Roman rund um Magnolia Steel, steht seinem fabelhaften Vorgänger in nichts nach. Und nicht nur das, die fiktive Welt der Hexen von Rauschewald steht insgesamt in der Tradition guter, alter Kindergeschichten, wie z. B. dem legendären Kinderbuch Die kleine Hexe. Als glühender Ottfried Preußler-Fan (gibt es Leser, die das nicht sind?) darf ich gestehen, dass das eines der größten Komplimente ist, die ich geben kann und gleichzeitig eine Mahnung, die Jugendbuchserie mit Magnolia Steel auch in Zukunft in würdiger Nachfolge fortzuführen.

Tipp: Für das Verständnis und das allgemeine Wohlbefinden sollte der erste Teil Hexendämmerung unbedingt vor Hexenflüstern gelesen werden. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre hiesige Kräuterhexe.


Feuer: Engelsfors-Trilogie 2
Feuer: Engelsfors-Trilogie 2
von Sara B. Elfgren
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen NIcht gerade lodernd, aber durchaus wärmend..., 16. Juli 2013
Es ist Hochsommer in der schwedischen Kleinstadt und die fünf Auserwählten erwarten das angekündigte Urteil des Hohen Rates. Jegliche Anwendung von Magie ist den Mädchen strengstens untersagt, doch das Böse ist im Begriff erneut zuzuschlagen. Die Bevölkerung von ganz Engelsfors zeigt sich von einer mysteriösen Sekte betört, die hinter verschiedenen Mordanschlägen zu stecken scheint. Fieberhaft versuchen Anna-Karin, Linnéa, Ida, Minoo und Vanessa die Machtergreifung der Dämonen aufzuhalten, das Geheimnis der Bewegung zu lüften und die Apokalypse zu verhindern.

Nach dem gelungenen Debut des schwedischen Autorenduos Sara Bergmark Elfgren und Mats Strandberg, waren die Erwartungen an die Fortsetzung entsprechend hoch. Das Niveau zu halten, ist den Autoren soweit durchaus gelungen. Eine Steigerung allerdings ist nicht zu verzeichnen. Aber kommen wir zuerst zu den positiven Merkmalen.

Die Protagonistinnen sind die große Stärke des Romans. Jedes der fünf Mädchen des Hexenzirkels wurde von den Autoren äußerst liebevoll entworfen und bietet viele Identifikationsmöglichkeiten. Jede der Junghexen hat charakterliche Stärken und Schwächen. Aussehen, Hintergrund und Persönlichkeit sind aufeinander abgestimmt und realistisch beschrieben. Dass darüber hinaus auch außer-fantastische Sorgen der Teenager zur Sprache kommen und dadurch viele Themen angeschnitten werden, die im Allgemeinen (zu) wenig Beachtung finden, wie sexuelle Unsicherheit, Nebenwirkungen der Pille und Bisexualität, ist besonders beifallswürdig. Da ein personaler Erzähler im Wechsel aus der Sicht der einzelnen Mädchen erzählt, liest sich die Handlung flüssig und jede individuelle Geschichte wirkt nachvollziehbar und illustrativ.

Das skandinavische Flair der fiktiven Kleinstadt stellt den zweiten lobenswerten Punkt dar. Die bedrohliche Atmosphäre des ersten Bandes wird aufgenommen und fesselt durch eine gelungene Mischung aus Melancholie und vermeintlicher Idylle.

Leider fehlt der Funke, der die Fortsetzung zu einem lodernden Leseerlebnis werden lässt. Der Name des Buches lautet zwar Feuer. Doch zwischen den Buchseiten ist nicht kein Häufchen Glut zu entdecken, weder inner- noch außerfiktional. Schriftstellerisch gibt es nichts zu bemängeln; für einen spannenden Plot ist gesorgt, die Figuren entwickeln sich weiter, ein paar offen gebliebene Fragen werden aufgeklärt. Exposition, Steigerung, Peripetie, retardierendes Moment, Dénouement: es ist alles da, was zu einer dramatischen Handlung dazugehört. Aber der Ablauf, die neuen Konflikte und das große Finale sind nach exakt dem gleichen Muster seines Vorgängers gestaltet und bieten wenig Neues. Die Antworten kommen spärlich und zu viele neue Fragen werden aufgeworfen. Dabei wirkt der fantastische Handlungsstrang schleppend und unglaubwürdig. Um Spoiler zu vermeiden, soll an dieser Stelle nicht detailliert auf die Handlung eingegangen werden. Stattdessen soll das Problem kurz abstrakt skizziert werden:

Dass die Mädchen hinter dem Rücken eines eigentlich mächtigen Verbündeten, der aber aufgrund seiner Hybris die Augen vor der Wahrheit verschließt und stattdessen den einzigen Schlüssel zur Abwendung der Apokalypse unter mittelalterlichen Methoden an den Pranger stellt, obwohl wir uns im 21. Jahrhundert befinden, an verschiedenen Fronten kämpfen, ohne nahezu irgendeine Hilfe, weil ihr einziger Beschützer aus welchen Gründen auch immer, beschlossen hat, sich zu verdrücken, wirkt, nun ja, nicht unbedingt glaubwürdig. Das wäre aber noch nicht einmal das Problem, wenn der Leser dabei gut unterhalten würde. Leider ist die Haupthandlung rund um die Sekt „Positives Engelsfors“ eher anstrengend als mitreißend; viele Ungerechtigkeiten drosseln den Lesespaß; über die Hintergründe der übernatürlichen Erscheinungen erfährt der Leser zu wenig.

Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass die Haupthandlung stagniert. Für über 700 Seiten wird etwas zu wenig origineller Inhalt geboten. Es gäbe kein Problem mit der Länge des Buches, wenn es auf jeder einzelnen Seite das Alltagsleben der Protagonistinnen beschrieben hätte, das vor dem Hintergrund der düsteren Atmosphäre überaus lesenswert ist. Aber durch die wenigen Weiterentwicklungen der Haupthandlung des Vorgängers (und stattdessen einer Konzentration auf ein weiteres temporäres Abenteuer rund um einen abermaligen Versuch der Machtergreifung seitens der Dämonen), schreit dieser Band nach Stagnation. Er steht dem ersten prinzipiell in nichts nach – die Atmosphäre ist düster, die Charaktere glaubwürdig und der Plot dramatisch, aber all das liest sich wie eine Wiederholung der Ersthandlung.

Welcher Leser freut sich nicht, wenn die Fortsetzung eines großartigen Buches ganz in der Tradition des Vorgängers steht. In diesem Fall ist die Anlehnung leider etwas über das Ziel hinausgeschossen. Wer von Zirkel begeistert war, den wird auch Feuer nicht groß enttäuschen können. Allerdings wird er auch keine unvorhersehbaren Wendungen oder mitreißende Auflösungen präsentiert bekommen. Feuer ist Zirkel reloaded und damit nicht schlecht, aber auch nicht phänomenal. Wer Lust auf einen skandinavischen Jugendthriller mit Fantasy-Elementen hat, der wird von diesem Band, ebenso wie von seinem Vorgänger, gut unterhalten. Wer sich eine dicht verwobene Trilogie mit einer hohen Entwicklungskurve erhofft, der könnte von Feuer etwas ernüchtert werden.


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