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Krink

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Stigmata: Nichts bleibt verborgen
Stigmata: Nichts bleibt verborgen
von Beatrix Gurian
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,99

4 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Aufmachung nett, Inhalt bescheiden, 6. Juli 2014
Darum geht es: Nach dem vermeintlichen Unfalltod ihrer Mutter bekommt die junge Emma ein anonymes Schreiben, in dem sie dazu aufgefordert wird, nach den Mördern ihrer Mutter zu suchen. Sie erhält ein altes Fotoalbum und Instruktionen zur Suche, die sie in ein christliches Jugendcamp in einem ablegenden Schloß in den Bergen führt. Dort begegnen ihr weitere mysteriöse Fotografien, die mit dem finsteren Schloß und ihrer Mutter in Verbindung stehen. Während Emma immer tiefer in die dunkle Vergangenheit eintaucht, ereignen sich in der Gegenwart immer seltsamere Ereignisse – und schnell schwebt Emma selbst in großer Gefahr...

Wer die Leseprobe gelesen hat, der weiß, dass das Geschehen sogleich seinen Lauf nimmt und zeitweise von rückblickenden Passagen aus Emmas Leben kurz nach dem Tod ihrer Mutter durchbrochen wird. Die Textausschnitte wurden gut gewählt – leider so gut, dass die Spannung für mich im ersten Teil komplett auf der Strecke blieb. Zwar sind durchaus einige Entwicklungen zu verzeichnen – doch die ganze Geschichte wirkt so vorhersehbar und oft erlebt, dass mir das Geschehen – und das ist am schlimmsten – schlichtweg egal war.

Berichtet wird aus Emmas Perspektive, was einem die robuste – und realistische! Pluspunkt! – Protagonistin näher bringt. Doch auch dieser charakterliche Vorteil entwickelte sich im Laufe der Handlung zurück. Insgesamt leistet Emma zu wenig Denkeinsatz und lässt sich zu sehr von Selbstmitleid und Gruppenzwang leiten, als dass sie die anfängliche Sympathie aufrecht erhalten kann. Auf der einen Seite möchte sie um jeden Preis eigenbrödlerisch handeln, auf der anderen Seite spricht sie keinen Verdacht offen aus, geht ohne jede Sicherheitsmaßnahme in das Camp, lässt sich wiederholt an der Nase herum führen und rennt gutgläubig in jede (offensichtliche) Falle. Das alles wirkte auf mich etwas unausgegoren. Obwohl Setting und Ambiente vielversprechend und atmosphärisch dicht inszeniert wurden, fehlt es dem hübschen Äußeren an Seele und zu viele Klischees treffen auf zu wenig Handlung. Die Spannung, die ab zwei Dritteln des Buches etwas ansteigt – man möchte doch wissen, wie es ausgeht – kann da leider auch nicht mehr viel reißen, denn die Aufklärung bleibt schal.

Eine wirklich gelungene Sache ist aber die Ausstattung des Buches. Wie es sich für ein gutes Hardcover gehört, kommt Stigmata mit Lesebändchen und Schutzumschlag daher, letzterer ein wahrer Augenschmaus. Und nicht nur der mit Silberfolie veredelte Einband lässt bibliophile Herzen höher schlagen, auch die Innenausstattung ist dekorativ gestaltet. Die Handlung wird mit insgesamt 14 außergewöhnlichen Fotografien von Erol Gurian begleitet, die der Geschichte etwas Atmosphäre einhauchen.

Wer im Thriller- und Horrormilieu noch nicht beheimatet ist und sich gern einmal jenseits von Fantasy und Dreiecksbeziehungen unterhalten lassen will, der könnte sein Regal mit Stigmata durchaus etwas aufmotzen. Wem außergewöhnliche Figuren und Schnappatmung aber wichtiger sind als Cover und Co, der sollte zu vergleichbaren, aber etwas fesselnderen Jugendthrillern wie „Schattengrund“ oder „Das Tal“ greifen.


Anna im blutroten Kleid: Roman (Heyne fliegt)
Anna im blutroten Kleid: Roman (Heyne fliegt)
von Kendare Blake
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Für Fans von "Supernatural" und handfestem Grusel ein Genuss!, 6. Juni 2014
Nachdem die letzten Buchbesprechungen aus meiner Feder eher negativ ausgefallen sind, darf ich euch heute eine erfreuliche Lobeshymne singen. Der aktuellen Pflichtlektüre und dem Hype um Neuerscheinungen überdrüssig, griff ich die Tage zu einem Buch, das in den Untiefen meines SuBs vergraben lag: Anna im blutroten Kleid, eine Geistergeschichte mit einem männlichen Ich-Erzähler und jeder Menge Gänsehaut, welche sowohl durch das Horror-Ambiente als auch durch ungewöhnliche und dezente Lovestory hervorgerufen wird. Wer sich dem unentschlossenen Frühsommerwetter entziehen will, sollte sich von diesem Roman in die USA entführen lassen und dort intensive Momente der Geisterjagd genießen. Einmal eingetaucht, klappt man das Buch erst wieder zu, wenn die letzte Zeile gelesen ist.

Und darum geht es: Der siebzehnjährige Cas Lowood hat nach dem Tod seines Vaters die familiäre Bestimmung übernommen und zieht nun mit seiner Mutter, einer Wicca, quer durch die USA um mordende Geister zu vernichten. Eines Tages möchte er sich dem Geist, der seinen Vater auf dem Gewissen hat, stellen, doch dazu braucht es noch einige Übung. Eine gute Vorbereitung scheint da die Geisterdame Anna Korlov zu sein, eine lokale Berühmtheit in einer Kleinstast in Ontario, deren Geist seit ihrer Ermordung in den 50er Jahren in einem viktorianischen Anwesen gefangen ist und jeden zerfleischt, der einen Fuß über die Schwelle setzt. Doch Anna scheint mächtiger zu sein, als alles, was Cas jemals gesehen hat. Bei seinen Nachforschungen sieht sich der Einzelgänger nicht nur gezwungen, neue Freundschaften zu schließen, er trifft außerdem auf eine dunkle Macht, die noch sehr viel stärker ist als Anna – und die Cas nur allzu gut kennt...

Kendare Blake ist gelungen, woran viele andere Autoren scheitern: eine glaubhafte, actionreiche und fantastische Young Adult Fantasy-Geschichte mit Liebesbezug zu schreiben ohne dass man sich als Leser wie eine sechsjährige Prinzessin vorkommt. Das liegt zum einen an den unglaublich gut gelungenen Figuren, die allesamt – ob sympathisch oder nicht – glaubhaft und interessant erscheinen und die jeweils mit einem individuellen Charakter versehen wurden. Die Erzählperspektive des jungen Cas liest sich hervorragend, denn er bietet viel Identifikationsspielraum und ist ein tiefgründiger, ironischer, distanzierter, kluger und vor allem reflexionsfähiger (!) Charakterkopf. Zum anderen versteht es die Autorin eine gruselige, atmosphärisch düstere Atmosphäre zu erschaffen, die das Geistergeschehen erst richtig lebendig (haha, Wortwitz!) macht.

Wie so oft, sind die ersten Zeilen eines Buches am wichtigsten. Cas schildert nicht nur von Anfang an eine extrem spannende Welt, er tut dies obendrein in einer geschliffenen, abwechslungsreichen Sprache, die das Geschehen umso unterhaltsamer erscheinen lässt. Die Autorin schreckt nicht vor Leichen, Tod und Verwesung zurück, womit der Leser auch zeitnah nach Lesebeginn konfrontiert wird, was bei mir dazu führte, dass ich mich unter einem: „Was geht denn jetzt ab?“ aufsetzte. Natürlich erfindet diese Geisterjägergeschichte das Rad nicht neu – aber Altbekanntes kommt in einem erfrischend-individuellen Gewand daher und es hat mich positiv überrascht, wie gut man eine klassische Grusel-Story literarisch präsentieren kann ohne jegliche Langeweile aufkommen zu lassen. Zu recht wurde diese Grusel-Action in Buchform mit der viel geliebten Serie „Supernatural“ verglichen und obwohl mir persönlich langsam die Fantasy-Wesen in der Jugendliteratur zum Hals heraus hängen, war ich fast enttäuscht als ich von Cas, einer Art jungem „Dean Winchester“, hörte, es gäbe keine „Wendigos“. Oooooh. Was hätte das für eine Fortsetzung gegeben!

Mit dieser hat dann nun auch der einzige kleine Kritikpunkt zu tun, den ich anbringen möchte: Die Liebesgeschichte dieses Romans – und ich darf hier auf keinen Fall zu viel verraten – hätte durchaus noch etwas subtiler ausfallen können, obwohl sie im Vergleich zu anderen dieses Genres wirklich eher dezent ist. Ich befürchte allerdings, dass sie in der Fortsetzung ausgebaut werden wird und das könnte dem Ganzen seinen Reiz nehmen. Dann doch lieber ein Stelldichein mit einem Wendigo, oder?


Obsidian, Band 1: Obsidian. Schattendunkel
Obsidian, Band 1: Obsidian. Schattendunkel
von Jennifer L. Armentrout
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,90

2 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Obsidian oder: Eine Protaonistin im Schafspelz, 5. Juni 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Über den Inhalt muss nicht viel gesagt werden, er entspricht Schema F jeglicher Romantasy-Jugendbücher: Durch Verlust traumatisiertes Mädchen zieht in neue Gegend und verliebt sich in sozial inkompetenten, mürrischen Modeltyp mit Mystery-Hintergrund, der sich nach ihrem Selbstverständnis nicht für sie interessieren dürfte, sich aber ebenfalls unsterblich in sie verliebt. Genauer: Die Protagonistin Katy wird nach dem traurigen Tod ihres Vaters von ihrer Mutter zu einem Neuanfang mittels Umzug in ein amerikanisches Kaff in den Bergen gezwungen. Das bedeutet für die Buchbloggerin, dass sie sich in einer neuen Umgebung, einer neuen High School und zwischen neuen Freundeskreisen zurecht finden muss. Bald schon trifft sie auf ihre neuen Nachbarn, den umwerfend schönen aber unausstehlichen Daemon und dessen ebenso schöne Schwester Dee, die sich im Laufe der Handlung als Aliens herausstellen und von einer bösen Spezies bedroht werden, sodass alle in einem großen Showdown die Welt retten müssen. So weit so klassisch.

Kommen wir also zum ersten und wichtigsten Kritikpunkt. Die Protagonistin... Katy ist von Beginn an so gar nicht das, was ich mir unter einem Vorbild oder auch nur einer interessanten Person vorstelle. Der Held oder Antiheld einer Geschichte muss für mich sympathisch oder glaubwürdig oder beeindruckend in irgendeiner Weise sein – all das trifft auf Katy leider nicht zu. Bereits auf den ersten Seiten jammert sie über ihr schweres Schicksal (welches schrecklich ist, keine Frage – man verliert einen geliebten Menschen nicht, ohne dabei zu leiden) und tut sich furchtbar selbst Leid (das ändert sich auch während der Handlung nicht mehr), aber nicht nur aufgrund ihres Verlusts, sondern auch aufgrund ihrer eigenen Daseinsform. (Katy, dacht ich mir da, dann krieg doch mal den Ar*** hoch! Nun gut, sie beginnt dann auch alsbald mit Gartenarbeit – soll mir recht sein.) Natürlich muss sie sich ständig mit allen Menschen vergleichen und ist davon überzeugt, dass sie nicht so hübsch ist wie ihre Mutter oder ihre Nachbarin oder sonst jemand – in dieser Hinsicht scheint sie schwere Komplexe zu haben. (Entweder liegt sie mit ihrer Mittelmäßigkeit richtig – dann verstehe ich nicht, was Daemon später an ihr findet, denn ein geistreicher Charakter ist sie auch nicht gerade. Oder sie übertreibt maßlos, was oberflächlich und ebenso seltsam wäre.)

Obsidian liest man mit Eifer, aber auch mit Scham – weil es wirklich keine brillante (Jugend-/Fantasy-)Literatur ist. Der Stil ist mittelmäßig (was teils an der Übersetzung liegen kann): einfache, abgehackte Hauptsätze, Grammatik- und Rechtschreibfehler – das muss auch bei einem Jugendbuch nicht sein, auch wenn viele das gern als Entschuldigung nehmen. Die Autorin schreibt rasant, aber einige Logikfehler und die Oberflächlichkeit der Geschichte rissen mich oft unsanft aus dem Geschehen. Zum Beispiel fällt ein Obsidiandolch zu Boden und zerspringt. Seriously? Ich bin kein Mineraloge, aber ist Vulkangestein nicht extrem stabil?

Eigentlich geht es bei diesem Roman aber auch gar nicht um Aliens oder um eine spannende Fantasyhandlung, sondern um eine Liebesgeschichte wie sie im Buche – genauer: in jedem jemals dagewesenen Fantasy-Jugendbuche – steht. Katy und Daemon gehen in ihrer Hassliebe füreinander auf, was zeitweise ganz unterhaltsam ist. Doch Katys einziger Lebensinhalt ist Daemon, Daemon, Daemon, was mit der Zeit nicht nur eintönig, sondern eher etwas debil wirkt. Daemon behandelt Katy pausenlos wie den letzten Dreck, er blamiert sie, demütigt sie, verletzt sie – was sie ihm jedes Mal verzeiht, natürlich. Das mag in einem SM-Kontext anziehend wirken, aber für ein Mädchen, dass angeblich clever und witzig (und dabei nicht devot) ist, hätte ich mir etwas mehr Emanzipation oder zumindest Stolz gewünscht. Und das meine ich nicht im altmodischen Sinn. Viele „Hass-Lieben” in anderen Romanen wurden glaubhaft und hinreißend beschrieben, ohne dass einer der Beteiligten seine Würde verlieren musste (folgend einige Beispiele: Bessere Umsetzung ohne Fantasy: Amy on the Summer Road; Weil ich Layken liebe; Kirschroter Sommer I + II. Bessere Umsetzung mit Fantasy: Revenant-Trilogie; Schattenjäger-Chroniken; Silber/Edelstein-Trilogie; Vampire Diaries; bessere Umsetzung ohne Liebesgeschichten-Schwerpunkt: Dark Canopy, Arkadien-Reihe, Phantasmen, usw.). Katys Persönlichkeit löst sich unter ihrem Schmachten mehr oder weniger auf, das ist schade: Sie himmelt nur, er küsst; sie lässt alles mit sich anstellen, er muss sich losreißen; er beleidigt, sie steckt ein; er demütigt sie vor der ganzen Schule, sie steckt ein; seine Freunde beleidigen sie, sie steckt ein; seine Ex-Freundin beleidigt sie, sie kippt Spaghetti über ihr aus – der Durchbruch? NEIN! Denn nun denkt Katy viel darüber nach, ob das zu fies war. Dafür kann Madame aber ganz toll rot werden, was sie bei jeder knallharten Beleidigung unter Beweis stellt. Hach ja. Und am Ende? Da kriegt sie endlich, was sie will, aber da will sie dann nicht mehr. Muss ja Stoff geben für einen nächsten Teil, wa? Jaja, so ist das.

Fazit: Ein Buch zum Verschlingen - aber dem ein oder anderen mag es hinterher wieder hoch kommen. Alle, die keine tiefgründige Handlung wollen, sondern eine prickelnde Liebesgeschichte mit sexuell aufgeladenen Fummelszenen, sollten unbedingt zugreifen, denn abgesehen von den genannten Kritikpunkten, liest sich die Story überraschend gut. Leser, die sich an oberflächlichen Figuren, mittelmäßigem Stil und dem Fehlen jeglicher Innovation stören, die dürfen Obsidian ruhig übergehen – es sei denn, sie wollen die heiße Diskussion um dieses Buch nicht verpassen! Der Nachfolgeband erscheint auf Deutsch übrigens noch dieses Jahr, am 21. November 2014. Natürlich werde ich mir den nicht entgehen lassen, damit auch weiterhin für kontroverse Meinungen in unseren Bloggerkreisen gesorgt ist. ;)


Phantasmen
Phantasmen
von Kai Meyer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

15 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen A little too much..., 21. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Phantasmen (Gebundene Ausgabe)
Die Erde wurde von einem Phänomen heimgesucht, das eine Neuordnung der menschlichen Lebensweise nach sich zieht: Die Geister aller jemals Verstorbenen erscheinen nach und nach am Ort des Todes als gleißendhelles Abbild, stumm und regungslos. Rain und Emma, die ihre Eltern bei einem Flugzeugabsturz verloren haben, reisen durch die Wüste Spaniens, um sich noch einmal von von ihnen zu verabschieden. Dabei begegnen sie dem mürrischen Norweger Tyler, dessen große Liebe Flavie ebenfalls bei dem Unglück ums Leben kam. Noch während sich die Jugendlichen mit ihrem Abschiedsschmerz konfrontiert sehen, beginnen die Geister plötzlich zu lächeln – und lösen damit eine Druckwelle aus, die menschliche Herzen in ihrem Radius zum Bersten bringt. Rechtzeitig retten sich die drei Jugendlichen aus dem tödlichen Radius und schließen sich, dem Tod knapp entronnen, zusammen, um gemeinsam Antworten zu finden. Bald kommen sie einer Verschwörung auf die Spur: Warum war Flavies Abbild nicht unter den Geistern? Was hat es mit den Söldnern auf sich, die Tyler verfolgen? Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, denn die Geister lächeln nun immer öfter…

Kai Meyer kann schreiben! Das ist uns allen spätestens seit seiner zu Recht erfolgreichen „Arkadien-Reihe“ bekannt. Auch die „Alchimistin-Reihe“ oder Einzelbände wie „Asche und Phoenix“ oder "Frostfeuer" erfreuten sich in Bloggerkreisen mal mehr, mal weniger großer Beliebtheit. Auch in seinem neuen Roman "Phantasmen" zeigt der Autor sein Können: Eine klassische Klimax zieht den Leser schnell in den Bann und lässt ihm nicht viel Gelegenheit das Buch aus der Hand zu legen. Die Ideen, die hinter der Handlung stehen, sind nicht nur außerordentlich phantasievoll, sie wirken obendrein auch nicht abgekupfert oder schlecht durchdacht. Wie immer hat Meyer sich gut informiert und präsentiert fundiertes Wissen verschiedener Fachbereiche. Herausgekommen ist eine etwas andere Geistergeschichte mit SciFi-Flair – die gar nichts mit den typischen Spukgestalten der Horrorliteratur gemeinsam hat.

Leider ist Kai Meyer aber auch für seinen Hang zum Überladen bekannt. So leicht ihm die Konstruktion von Bestsellern von der Hand zu gehen scheint, so übereifrig ist er manchmal in der Quantität der Zutaten – zum Nachteil ihrer Qualität:

Die Protagonistin sollte etwas ganz besonderes sein: Sie trägt keinen alltäglichen Namen (Rain), sie ist schwer traumatisiert (Afrika), sie hat keine alltägliche Frisur (rote Dreadlocks), sie hat keine „normale“ Schwester (Asperger-Syndrom), sie hat keine Eltern (tot). Je außergewöhnlicher sie erschienen soll, desto uninteressanter wirkt sie im Laufe der Handlung. Anstatt dass all diese biographischen Besonderheiten sie zu einem interessanten Charakter machen, verblasst sie in ihrer Gluckenhaftigkeit, die sie gegenüber ihrer aufgeweckten Schwester an den Tag legt. Die hat all das, was man sich von einer fesselnden Figur wünscht: Mut, Köpfchen, Schlagfertigkeit. Ähnlich fade wie Rain wirkt der junge Norweger: Tyler riskiert für seine egoistischen Bedürfnisse sein Leben und das der beiden Schwestern. Die Gründe dafür sind nicht immer dargestellt, geschweige denn nachvollziehbar. Hier wäre etwas mehr Ausarbeitung des männlichen Protagonisten wünschenswert gewesen. Gutes Aussehen allein reicht nicht aus, um ein Leserherz höher schlagen zu lassen.

Der rasante Verlauf der Handlung (Totenlicht → Smilewave → Apokalypse) ist gespickt mit einer Vielzahl von gesellschaftlichen und persönlichen Problemen (Krankheit, Sektenbildung, Familiendrama, Verlust, Traumatisierungen, Löwenangriffe) und jeder Menge Toten. Die anfängliche düstere Atmosphäre weicht einem Actionszenario voller Explosionen, Leichenberge, Fluchtversuchen und Kampfszenen. Das ist per se nichts Schlechtes, wirkt aber in seiner Dichte etwas überladen. Vor allem das Afrika-Trauma von Rain ist gnadenlos überzogen. Afrika hält derzeit genug realistischen Stoff für Traumatisierungen bereit – ein Löwenangriff klingt da eher absurd und lässt den Leser nicht - wie vermutlich intendiert - vor Angst den Atem anhalten, sondern kopfschüttelnd aus der Geschichte auftauchen.

Trotz dieser Kritikpunkte ist und bleibt ein Meyer ein Meyer: Ideenreichtum, Kompositionsgeschick und Einfühlungsvermögen in die junge Leserschaft heben die Bücher dieses Autors von der Masse der phantastischen Jugendbücher ab. Mit einem Werk von Kai Meyer kann man eigentlich nicht viel falsch machen, denn trotz eventueller Schwächen sind sie ein Garant für vergnügliche Lesestunden - vor allem wenn sie ein so versöhnliches Ende haben wie "Phantasmen". Und obendrein gehört Herr Meyer zu den (wenigen) Autoren, die noch Mut zum Einzelband zeigen - und dafür allein hat er zwei Daumen nach oben verdient!


Troubletwisters - Der Sturm beginnt: Band 1
Troubletwisters - Der Sturm beginnt: Band 1
von Garth R. Nix
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,99

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein laues Lüftchen..., 18. Mai 2014
Als eines Tages auf unerklärliche Weise ihr Elternhaus explodiert, werden die zwölfjährigen Zwillinge Jaide uns Jack zu der ihnen unbekannten Großmutter „X“ nach Portland, England, geschickt. Die Kids sind sich sicher, dass sie sich in dem verschlafenen Küstenstädtchen zu Tode langweilen werden und sehen ihrem Aufenthalt dort missmutig entgegen. Ihre Oma stellt sich dann auch schnell als noch exzentrischer und eigenartiger heraus als befürchtet und ihr Haus ist ein einziges Gruselkabinett. Bald ereignen sich mysteriöse Dinge: sprechende Katzen, verschwindende Türen, seltsame Wetterphänomene. Jack und Jaide gehen den Dingen auf den Grund und erfahren, dass sie sogenannte „Troubletwisters“ sind, die gegen „das Böse“ kämpfen. Und das ist just in Portland angekommen...

Oh là là! Das dachte ich mir, als ich das erste Mal von diesem vielversprechenden Roman erfahren habe. Ein Gruselhaus, ein regnerisches Küstenstädtchen in Großbritannien, ein Hauch Fantasy – das klingt nach einem Jugendbuch nach meinem Geschmack. Da sich der Erscheinungstermin um fast ein Jahr verzögerte, stiegen Erwartungen und Vorfreude. Was da wohl für ein stürmisches Abenteuer auf mich zukommen würde?

Leider stellte sich der angekündigte Orkan als laues Lüftchen heraus und vermochte keineswegs mein Innerstes zu erschüttern. Die Handlung lies einige Zeit auf sich warten, sodass sich erst nach gut einem Drittel eine leichte Brise bemerkbar machte. Viele Andeutungen und wenig Erklärungsansätze wirkten sich bis dahin in hohem Maße frustrierend auf das Lesevergnügen auf und erscheinen umso unverständlicher als dass die wenigen Erklärungen sich später als so oberflächlich wie unbefriedigend herausstellten. Die Atmosphäre des Schauplatzes ist ohne Frage dicht und durchaus ansprechend gestaltet. Auch sprachlich gibt es wenig auszusetzen und der Handlungsaufbau folgt – nicht originell aber bewährt – der typischen Klimax und hält einen klassischen Schowdown mit vielen offenen Fragen bereit. Doch der aufkommende Wind brachte Wenig Sauerstoff in die Handlung und fechelte stattdessen lediglich einige altbekannte Klischees herüber:

1. Zwei Geschwister werden von ihren Eltern zur unbekannten Großmutter geschickt und dort allein gelassen. Warum genau – abgesehen von der außerfiktionalen Begründung, dass der Autor einen Grund suchte, die Kinder allein durch das Abenteuer zu schicken? Da ist das sonstige Konstrukt ähnlicher Jugendbücher glaubhafter, die Kinder gleich zu Waisen zu machen.

2. Natürlich wissen die Eltern und die Großmutter von dem Schicksal der Zwillinge und natürlich halten sie es für sicherer die Teenager nicht aufzuklären – wodurch diese in große Gefahr geraten. Allein das Wort „Troubletwister“ wird oft – zu oft – erwähnt ohne dass die Kinder jemanden zur Rede stellen oder untereinander Klärungsbedarf besteht. Gähn!

3. Der Gegner gegen die Protagnisten ist „das Böse“. Worin das besteht? Na in dem Bösen, das schon immer da war und immer da sein wird – und das Gute zerstören will. Ist doch klar! Hier wäre ein wenig mehr Phantasie und etwas mehr Tiefgang von Vorteil gewesen. Jugendliche Leser lassen sich heutzutage nicht mehr von solch simpler Schwarz-Weiß-Malung vom Hocker reißen.

4. Die Zwillinge haben unterschiedliche Kräfte aber leider keine unterschiedlichen Persönlichkeiten. Jedenfalls sind diese nicht besonders detailliert präsentiert worden, weswegen auch keine Leserbindung aufkommt. Das Mädel wirkt etwas zickig und vorlauter als der Junge aber beide Figuren bleiben blass.

5. Sprechende Katzen. Really?

Insgesamt ist die Gestaltung der verschiedenen Zutaten dieses Fantasyabenteuers solide und hat sich in der Buchbranche bewährt, wird von den Autoren aber leider zu wenig mit Individualität und Kreativität angereichert und etwas fade präsentiert, weswegen nicht mehr als ein durchschnittliches Kinderbuch dabei herausgekommen ist, das an Daniel Blythes „Wispernde Schatten“ erinnert. Positiv hervorzuheben ist, dass sich diese Reihe auch sehr gut für Jungen eignet und ohne jegliche Liebesgeschichte auskommt. Insgesamt sollen fünf Bände erscheinen, von denen vier bereits in Originalsprache erhältlich sind. In der englischen Presse wurden außerdem bereits Stimmen laut, die eine rasante Entwicklung der Handlung im Laufe der Reihe versprechen und den ersten Band als etwas zähen Einstieg bezeichnen – ein Blick auf den Folgeband "Das Böse erwacht", der im Juli 2014 erscheint, könnte also durchaus lohnenswert sein.


Green River Killer: Die wahre Geschichte eines Serienmörders
Green River Killer: Die wahre Geschichte eines Serienmörders
von Jeff Jensen
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,90

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Berührendes wie bedrückendes Portrait einer Lebensaufgabe, 25. April 2014
Wer von euch hat schon einmal den Namen Gary Ridgway gehört? Sagt euch nichts? Das ist nicht verwunderlich, denn im Gegensatz zu Ted Bundy oder Jeffry Dahmer ist dieser berühmt-berüchtigte Serienkiller, der vermutlich mehr als 90 Frauen ums Lebens gebracht hat, nicht unter seinem bürgerlichen Namen, sondern unter dem Titel, der ihm von der Presse verliehen wurde, in die Geschichte eingegangen: Der Green River Killer wütete in den 80er Jahren bis zum Jahre 2001 in Seattle und hatte es vor allem auf Prostituierte und Ausreißerinnen abgesehen - Menschen, die vermeintlich niemand vermisste. Diese Vorgehensweise machte es Polizei und Behörden schwer, dem Täter auf die Spur zu kommen. Doch ein kleines Einsatzkommando, darunter Detective Tom Jensen, verlor nie den Glauben daran, den Mörder fassen zu können, sodass nach über 30 Jahren Ermittlung durch eine DNA-Probe schließlich der Gerechtigkeit genüge getan wurde. Nun hat der Sohn des inzwischen pensionierten Jensen die Geschichte seines Vater in einer biographischen Graphic Novel mit Unterstützung von Zeichner Jonathan Case verarbeitet - und liefert ein ebenso berührendes wie bedrückendes Portrait einer Lebensaufgabe.

Im Zentrum der Geschichte steht nicht die Figur des Serienmörders, sondern der Detektiv Tom Jensen. 30 Jahre seines Lebens hat dieser der Ergreifung eines Täters gewidmet und für dieses Lebensziel Familie und Privatleben vernachlässigt. Als Leser erscheint seine Wahl eher fragwürdig und fanatisch als heroisch und diszipliniert. Wie sinnvoll ist es tatsächlich, sein eigenes Leben und das all seiner Lieben von einem psychopathisches Sadisten abhängig zu machen? Da es nicht maßgeblich Tom Jensens Mitarbeit zu verdanken ist, dass der Gary Ridgway schließlich doch noch gefasst wurde, bleibt der Jubelschrei am Ende aus - und eine merkwürdige Leere zurück: Der Täter kann sich an die meisten Morde nicht mehr erinnern, die Suche nach seinen Opfern bleibt oft vergeblich, das 30 Jahre lang verpasste Familienleben kann von Tom Jensen nicht aufgeholt werden. Für eine derart unbefriedigende Wahrheit und letztlich erschreckend geringe Konsequenz erscheint der gezahlte Preis der Selbstaufopferung als zu hoch.
Obwohl Jeff Jensen mit allen Mitteln versucht, eine liebevolle Biographie seines Vaters zu entwerfen, wirken die angedeuteten Erklärungsversuche für das wenig familienfreundliche Verhalten entschuldigend, rechtfertigend.

Der Zeichenstil Jonathan Cases trägt leider nicht zur Lesbarkeit bei. So unentschlossen die Aussage der Geschichte ist, so überladen wirken die Comic-Strips aus kräftigen Strichen in schwarz-weiß. Zwar werden die Gesichtszüge der realen Vorlagen durchaus getroffen, doch das Karikatureske lässt Gesichter ähnlich wirken und erschwert hierdurch eine Unterscheidung der verschiedenen Zeitebenen, welche durch Vorausdeutungen und Rückschauen vermischt werden. Trotz der stilistisch ansprechenden Konzeption wäre beispielsweise eine Farbunterlegung des "neuzeitlichen" Zeitstranges wünschenswert gewesen. Das atmosphärische Dichte Setting, die Idylle der Wälder Seattles, bildet einen starken Kontrast zum schauerlichen Flair - wird also leider durch einen erschwerten Lesefluss getrübt.

Jensen gelingt - wenn auch unbeabsichtigt - das Augenmerk in einem vermeintlich reißerischen Killer-Szenario auf ein viel weniger offensichtliches Element zu legen und auf diese Weise den Leser zum Nachdenken anzuregen. Der Killer, der seine eigenen Taten fast schon vergessen hat; die Opfer, die längst nicht mehr gefunden werden; die Angehörigen, die sich mit dem Tod ihrer Lieben seit langer Zeit abgefunden haben; der Kriminalarbeiter, dessen tödliche Krankheit ihn das Ende des Falles nicht mehr erleben lässt; der Detektiv, der nach 30 Jahren mit dem Rauchen aufhören kann - all diese Elemente bilden zusammen ein Konglomerat aus merkwürdig einsam-freudloser Fügungen, das grausame Willkür des Schicksals unterstreicht.

Gary Ridgway - ein Name, den man nach der Lektüre nicht mehr vergisst. Die Geschichte des Detektivs Tom Jensen verdeutlicht, wie sinnlos das menschliche Streben - sei es die Ermordung zahlreicher Opfer oder die Jagd nach Gerechtigkeit - sein kann. Am Ende wird der Leser mit mehr zurückgelassen als mit dem Wissen um ein historisches Ereignis - es ist vielmehr der Gedanke an die eigene Lebensaufgabe, die einem Schauer über den Rücken jagen wird.


The Vegan Zombie: Koche & Überlebe!
The Vegan Zombie: Koche & Überlebe!
von Chris Cooney
  Broschiert
Preis: EUR 19,90

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Lasst ES euch schmecken - und lasst EUCH NICHT schmecken!, 20. April 2014
Die beiden New Yorker Chris Cooney und Jon Tedd, die bereits seit fünf Jahren äußerst erfolgreich einen YouTube-Koch-Channel und eine dazugehörige Website mit apokalyptischen Flair betreiben, haben eine hübsche Auswahl ihrer (im Falle einer Zombie-Welle überlebensnotwendigen) Rezepte zusammengestellt und in Buchform herausgebracht - und dabei sind alle Gerichte nicht nur lecker, sondern auch noch vegan. Der Ventil Verlag aus Mainz hat nun im März eine deutsche Ausgabe veröffentlicht, die das Umrechnen der amerikanischen Zutatenangaben erspart. Mit der Kombination aus Zombies, fleischlosen Gerichten und Comicstil liegen die beiden Autoren-Jungs also voll im Trend:

Die Veganer hinter der Zombie-Kochshow
Seit 2010 betreiben die beiden Horrorfans Chris Cooney und Jon Tedd ihren YouTube-Channel, auf dem sie vegane Gerichte zubereiten und dies für die (apokalyptische) Nachwelt festhalten. Chris, der bereits seit über 20 Jahren vegan lebt und immer schon ein Faible für Horror hatte, ist der Schöpfer, Regisseur, Produzent und Herausgeber von The Vegan Zombie und denkt sich nebenbei so manches Rezept aus, während Jon als Host der Sendung die Kochlöffel schwingt. Und - last but not least - wäre da noch Jons Hund Indy, der gerne mal im Weg herumliegt und seine veganen Hundeleckerli herunterschlingt, bzw. die beiden Jungs todesmutig unterstützt.
Die Geschichte hinter der Kochshow - die übrigens bald auch in filmischer Form vorliegen soll - ist folgende: Eine Zombie-Welle überflutet die Erde, wobei der tödliche Virus durch Fleisch- und Milchbakterien übertragen wird. Wer also nicht als gehirnschlürfender Leichnam enden will, muss auf vegane Ernährung zurückgreifen und sollte sich keinesfalls von verwesenden Fremden beißen lassen. In der Kochshow gibt Jon deswegen nicht nur hilfreiche Tipps und Tricks rund um das Überleben bei einer postapokalyptischen Zombie-Invasion, sondern bereitet nebenher leckere vegane Kost zu. Mit über 43.000 Abonnenten und mehr als 2 Millionen Klicks sind Channel und Website so erfolgreich, dass die beiden sympathischen Jungs aus Liverpool, NY, nun dank Kickstarter das erste vegane Zombie-Kochbuch der Welt herausbringen konnten.

Das apokalyptische Cookbook
85 Rezepte im graphic novel style mit herzhaften und süßen, leichten und schweren, einfachen und raffinierten Speisen garantieren, dass für jeden Geschmack und jede (Über-)Lebenslage etwas dabei ist. Das Repertoire umfasst altbekannte Klassiker, die ohne besondere vegane Zutaten und Hilfsmittel zubereitet werden können, wie Ofenkartoffeln oder Salat. Aber auch aufwändigere Gerichte, wie Vegan Zomblette oder Cajun-Ristotto-Kugeln, die eine Internet-Bestellung oder zumindest einen Gang zum örtlichen Alnatura voraussetzen, zählen zum Inhalt. Somit ist für Vielfalt und Abwechslung gesorgt und das Vorurteil, vegane Ernährung bestünde aus einer Möhre und einer handvoll Samen, einmal mehr widerlegt. Tatsächlich werden alle kochbuch-typischen Kategorien bedient: Frühstück, Salate & Suppen, Vorspeisen & Beilagen, Hauptgerichte, Desserts & Drinks sowie Grundrezepte laden zum Schmökern und Schlemmen ein.
Einige Rezepte sind dem Endzeit-Szenario der Kochshow auch im Titel nachempfunden wie beim „Killer-Zucchini-Brot“, „Post Apocalyptic Pot Pie“, „Zombiefreier French Toast" oder bei den "Zombiekäsefingern". Ob fancy oder simpel - alle Gerichte sind anschaulich erklärt und (nahezu immer) durch ein Bild ergänzt, weswegen ein Nachkochen schnell gelingt. Tipps, Tricks und Alternativen werden oft angebracht und Grundlagenrezepte wie Pizzateig, Tomatensoße, Mandelmilch, etc. in einem Extraabschnitt vorgestellt, sodass dieses Kochbuch auch Anfängern oder Fertig-Food-Verweigerern empfohlen werden kann. Schön ist, dass man wirklich alles selbst machen kann (Beispiel: Tomatensoße), teilweise (statt Tomaten solche aus der Dose) oder ganz Fertigprodukte (Soße aus dem Glas) verwenden kann oder - als Nicht-Veganer - die veganen Zutaten (Agavendicksaft) durch tierische Produkte (z. B. Sahne) ersetzen kann. Das lässt viel Handlungsfreiheit je nach Gusto und Ernährungsweise.

Weitere Gimmicks - ganz Vegan
Dem ganzen vorangestellt ist eine kleine Graphic Novel, die den Anfang der Zombie-Apokalypse darstellt. Die Comicstrips sind herrlich trashig und erinnern an B-Movies. Wer die Videos der Jungs ansieht, wird den besonderen Charme wiedererkennen. Superb!
Außerdem gibt es ein paar Rezepte, die nicht für die menschliche Spezies erdacht wurden, sondern für Indy, bzw. Hunde im Allgemeinen interessant sind. Sie zeigen wie Hundefutter, Hundeleckerli und Hundekekse vegan hergestellt werden können - und offenbar mit Erfolg, denn die Bilder protokollieren gewisse gierige Aufmerksamkeit seitens des tierischen Adressaten.

Der Tauglichkeits-Test
Natürlich ist eine Buchverstellung nur komplett, wenn man sich dem Inhalt auch angenommen hat. Leider konnte ich in bisher noch nicht alle Rezepte ausprobieren und habe mich daher auf ein süßes und ein herzhaftes Gericht beschränkt:

Die Erdnussbutter-Chocolate-Chip-Cookies waren leicht und überraschend schnell zuzubereiten. Auch die Zutaten dafür habe ich fast problemlos im Bio-Supermarkt/Reformhaus bekommen können. Lediglich die veganen Schokotropfen konnte ich nicht finden und habe sie durch zerstoßene vegane Schokolade ersetzt. Als sie im Ofen vor sich hin backten und nach 15 Minuten immer noch etwas weich waren, habe ich vorsichtshalber das dazugehörige Video geschaut und mir so die Sicherheit geholt, dass es mit dieser Konsistenz seine Richtigkeit hat. Praktisch, so eine passende Kochshow zum Buch! Und der Geschmack? Ich sage nur so viel: Jon warnt in seinem Video, dass der Konsum von zu vielen Keksen die Schnelligkeit beeinträchtigt und damit das Risiko eines Zum-Opfer-Fallens möglicher Fressfeinde erhöht. Ich hoffe also, dass ich heute keinen Zombieangriff mehr überstehen muss...

Das zweite Rezept sollte die vegane Pizza sein. Hier war die Zutatenbeschaffung schon etwas schwieriger: veganen Frischkäse gab es nirgendwo und die empfohlene vegane Reibekäsemarke ebenfalls nicht - ich habe mich gegen Frischkäse (der optional ist laut Rezept) und für eine Markenalternative entschieden - bis ich den Käse zuhause probiert habe... da mein veganes Experiment nicht auf andere Personen in meinem Haushalt ausgeweitet werden muss, habe ich daraufhin nur eine Ecke der Pizza mit dem veganen Käse belegt und für den Rest Mozzarella aus tierischen Erzeugnissen gewählt. Vielleicht ist die empfohlene Marke besser, dachte ich - dieser Käse schmeckte mir jedenfalls so wenig, dass ich mich - wie so oft bei Ersatzprodukten - lieber zukünftig dafür entscheide, das Produkt wegzulassen, als die gewöhnungsbedürftige Alternative zu wählen. Veganer Reibekäse besteht hauptsächlich aus Kokosfett - und so schmeckt er auch. Das ist an sich nicht schlimm, passt aber nach meinem Empfinden nicht auf Pizza, sondern mehr auf Schokoladeneis oder so. Vielleicht streue ich ihn demnächst über meinen Nachtisch.
Aber dann - die große Überraschung. Sowohl mir als auch den anderen Hausbewohnern schmeckte die Ecke mit Vegan-Käse besser als die tierische Variante! Geschmolzen und knusprig rundet er die Pizza eher salzig ab, als sie - wie Mozzarella - noch zusätzlich zu versüßen. Was für eine Entdeckung!

So oder so war die Kocherfahrung in jeder Hinsicht also horizonterweiternd und teilweise richtig, richtig lecker.

Ich werde definitiv noch weitere Rezepte nachkochen, die Kochvideos wachsam verfolgen und gespannt auf den angekündigten Film warten. Wer weiß? Vielleicht tauchen Tim Mälzer und Jamie Oliver ja eines Tages als Stargäste von Jon und Chris auf - als Zombiestatisten?!

Bon Appétit!

Pro:
+ geeignet für Anfänger
+ geeignet für Nicht-Veganer
+ geeignet für Hobby-Köche (keine Profiausstattung notwendig)
+ geeignet für Nicht-Amerikaner
+ Rezepte (nahezu immer) bebildert
+ dazugehöriger YouTube Channel (Videos der Rezepte)
+ moderne, jugendfreundliche Umsetzung
+ Comicprolog
+ Horror-Ambiente
+ keine Umrechnung der Mengenangaben notwendig

Contra:
- vegane Zutaten teilweise schwer erhältlich
- Vorgehensweisen teilweise missverständlich (Beispiel Pizza: Soll der Teig oder die Schüssel mit Teig mit Klarsichtfolie umwickelt werden)
- eine Abbildung aller Gerichte wäre wünschenswert gewesen


Das infernalische Zombie-Spinnen-Massaker
Das infernalische Zombie-Spinnen-Massaker
von David Wong
  Taschenbuch
Preis: EUR 18,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Leaving Las Vegas" meets "Zombieland", 19. März 2014
David wohnt in einer amerikanischen Stadt, dessen Name "Ungenannt" bleiben soll (damit auch wirklich niemand auf die idiotische Idee kommt, aus Neugier hinzufahren). Hier geht er mit seinem Freund John seit geraumer Zeit übernatürlichen Phänomenen nach, die immer wieder das Örtchen – in ihren Augen der „Arsch der Hölle“ heimsuchen – jedoch von anderen Bewohnern nicht wahrgenommen werden (da diese keine mysteriöse Sojasoßen-Droge genommen haben...). Die beiden Spezialisten für höllische Heimsuchungen bekommen eines Tages echte Probleme als eine Welle von Zombie-Spinnen die Menschen in der Stadt besetzt, sie auf diese Weise zu Mordmaschinen macht und so die Apokalypse einläutet. Natürlich bleibt die Rettung der Welt dabei an John und David hängen...

Es beginnt eine infernalische Odyssee voller skurriler, splatterhafter, urkomischer und definitiv durchgeknallter Slapstickmomente, die an einen Drogenrausch à la „Leaving Las Vegas“ in Kombination mit „Zombieland“ erinnert. Die Mischung aus Gore/Gewaltätigkeit/Umgangssprache und Humor/Absurdität/Unwahrscheinlichkeit erinnert an Trash-Horror und B-Movies mit Kultpotential. Die fortschreitende Katastrophe wird dabei optisch durch Countdown-Zähler nach digitalem Vorbild über jedem Kapitel festgehalten. Auch geschwärzte Stellen und vermeintlich handschriftliche Randnotizen geben dem Buch einen besonderen Touch.

Die Geschichte entwickelt sich rasant zu einem Hurrikane aus Widerlichkeiten und Massenhysterie gigantischen Ausmaßes. Dabei bleibt der Autor nicht immer auf den Kern der Story fokussiert, sondern beschreibt stellenweise auch gern Nichtigkeiten detailliert, was die grundsätzlich reißerisch-spannungsgeladene Handlung zeitweise etwas ausbremst. Sieht man über diese Schönheitsfehler hinweg, ist „Das infernalische Zombie-Spinnen-Massaker“ die perfekte Lektüre für Zombie-Liebhaber und Fans schräger Geek-Kultur. Aber Vorsicht: Wer nicht gerne en détail über spritzende Innereien und verfaulende Leichen informiert werden möchte, der sollte lieber zur Jugendvariante der Zombiegeschichten von Kirsty McKay greifen. Trotz der Menge an Leichenteilen ist Wongs Endzeit-Szenario kein typischer Gore-Roman, da alle extremen Momente durch die (Haschisch-Dunst verschleierten) Augen der Anti-Helden geschildert werden, die meist ebenso entgeistert sind wie der Leser – und so in humorvoll-unrealistisches Licht gerückt werden.

Ein paar Kritikpunkte (die allerdings dem buchstäblichen Horror-Trip nichts anhaben können) gibt es aufgrund von Layout und Gestaltung: Die englische Vorlage trägt den Titel „This book is full of spiders – seriously, dude, don't touch it“, was ich persönlich besser finde als die etwas plumpe Übersetzung. Wie immer frage ich mich, ob man den Titel – wenn schon nicht getreu übersetzten – nicht wenigstens einfach in der Originalsprache lassen könnte. Das Cover hingegen wurde an das Original angelehnt, und macht durchaus was her. Layout und Design des Textes sind dem Bericht-Stil nachempfunden und könnten zur besseren Lesbarkeit größere Zeilenabstände und Absätze vertragen – aber das ist Meckern auf hohem Niveau.

Kurz: David Wongs Roman erweitert den Horizont und verursacht einige schlaflose Nächte – denn man kann dieses Buch einfach nicht aus der Hand legen. Am Ende hält der Erzähler übrigens in ein paar Zeilen das Ziel des Romans fest: Die Leser sollten nach Beendigung das Buch zuschlagen und sich fragen: Was zur Hölle habe ich da eben gelesen? Mission erfüllt, Wong. Mission erfüllt.

Zum Autor: Hinter dem Pseudonym David Wong versteckt sich Jason Pargin, Chefredakteur der Website cracked.com, auf der Verschwörungstheorien, Nerdthemen und Lebensweisheiten auf satirische Weise präsentiert werden.


Alisik, Band 3: Frühling
Alisik, Band 3: Frühling
von Hubertus Rufledt
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Rache ist süß wie Kirschbaumblütenduft!, 18. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Alisik, Band 3: Frühling (Taschenbuch)
Während der Frühling Einzug erhält auf dem alten Friedhof, der letzten (Un-)Ruhestätte der Postmortalen, geraten nicht nur Alisiks Gefühle in große Aufruhr: Der Passivität überdrüssig, kommen die (Un-)Toten überein, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen – mit durchschlagendem Erfolg. Durch das tragische Verschwinden Oma Samtkrauts in Rage versetzt, werden die sonst so harmlosen Friedhofsbewohner zu rachsüchtigen Poltergeistern und sabotieren mit unterschiedlichen Methoden die fortschreitenden Baumaßnahmen, stellen Sichel-Michel zur Rede und läuten den Eintritt ins Totenreich ein...

Und auch Alisik beschließt, nachdem ihr Gedächtnis vollständig zurückgekehrt ist, Ruben reinen Wein einzuschenken und ihn in das Geheimnis ihrer Vergangenheit einzuweihen. Doch die mutigen Schritte der Postmortalen ziehen ernstzunehmende Konsequenzen nach sich – nicht nur die skrupellose Machtgier der Bauaufseher erschwert die Situation auf dem Friedhof – ein mysteriöser Unbekannter scheint inzwischen ebenfalls seine Finger im Spiel zu haben. Zu allem Überfluss beginnen Rubens Bruder und dessen Freundin zwei und zwei zusammenzuzählen und kommen zu dem Entschluss, dass es nur eine plausible Erklärung für die übernatürliche Phänomene der letzten Zeit geben kann: GEISTER. Und wie wird Ruben auf Alisiks wahre Existenz reagieren?

Der dritte Band der vierteiligen Dark-Romance-Mystery-Serie steckt voller neuer Spektakel und jeder Menge großer Gefühle. Die bereits in den Vorgängern, „Alisik – Herbst“ und „Alisik – Winter“, beobachtete einzigartige Atmosphäre bekommt durch den frühlingshaften Einschlag eine besonders bezaubernde Note. Viele der bisher aufgekommenen Handlungsstränge werden aufgegriffen und weitergesponnen, sodass ein fulminantes Ende der Tetralogie vorprogrammiert zu sein scheint.

Wie immer sorgt das rührende Zusammenleben der Friedhofs-WG für nostalgisch-herzliche Wohlfühlmomente – dieses Mal mit österlichem Einschlag: Ob Alisik als Oster-Bunny, schreiend-komische „20 Questions“-Spiele oder Hühnerei-Visagen – die Postmortalen veranstalten zahlreiche tragikomische Heldenaktionen, die die bewegende Grund-Dramatik der Liebesgeschichte zwischen Alisik und Ruben mit wunderbar humorvoller Action würzen. Nachdem der Leser in den letzten Bänden nach und nach die Geschichten von Frings, Ottilie und Hitzkopf erfahren hat, widmet sich der dritte Band außerdem der ergreifenden Vergangenheit von General Grabbe – und hält einige Überraschungen bereit.

Beim Entwurf der Geschichte hat Hubertus Rufledt stets auf eine ausgewogene Mischung verschiedener Handlungskomponenten geachtet: ob Aktionen von Nebenfiguren, Zusatzmaterial (wie Kapitelintros, Gedichte oder Love/Hate-Listen), Sondergimmicks (wie die Spiegelung aktueller Stimmungen in der Mimik der Gothic-Häschen), Haupthandlung, Fortsetzung der Cliffhänger oder Entstehung neuer Handlungsstränge, ob innere Monologe oder Regelwerk der Postmortalen – die Komposition gleicht ein ums andere Mal einer unnachahmlichen Wundertüte, die den Leser in eine surreal-morbide Welt mit explosiven Emotionen versetzt.

Natürlich steht dem auch dieses Mal die bildliche Umsetzung in nichts nach: im typisch Vogtschen Stil lässt der Zeichner die traumhafte Welt Alisiks entstehen und spart dabei weder an Detailreichtum, noch an Kunstfertigkeit und schon gar nicht an Fantasie. Am virtuosen Gesamtkunstwerk lässt nicht nur ein enormes Ausmaß an Arbeit erahnen – es zeugt auch von grenzenloser Fantasie und inniger Liebe zum Projekt. Vogt überzeugt – ebenso wie Rufledt – mit einer harmonischen Mischung: Einzigartiger Stil, spektakuläre Kolorierung und aufwändige Montagetechnik rufen beim Betrachter ein wahres Sinnes-Feuerwerk hervor.

Kurz: Das frühlingshafte Cover sollte auf keinen Fall darüber hinweg täuschen, dass auch der dritte Teil von Alisik es in sich hat! Und eines sollte man auf jeden Fall beim sehnsüchtigen Warten auf das große Finale im Kopf behalten: Der Sommer wird heiß! Wir können es kaum erwarten und machen uns bereit für den vielversprechendsten Showdown des Quartals...

Alisik - Frühling von Hubertus Rufledt und Helge Vogt
Verlag: Carlsen (Carlsen Comics)
Taschenbuch: 96
Erscheinungstermin: 18. März 2014
ISBN: 978-3-551-77028-8


WARP - Der Quantenzauberer
WARP - Der Quantenzauberer
von Eoin Colfer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,95

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Let's Do The Time-Warp Again...", 7. März 2014
Nachdem ich allerorten auf das neueste Werk von Eoin Colfer neugierig gemacht wurde – nicht zuletzt durch die anregende Vorstellung meiner lieben Blog-Kollegin – griff ich bei der ersten Gelegenheit nach dem vielversprechenden Jugendroman „WARP – Der Quantenzauberer“, der ganz in der Tradition britischer Zeitreise-Romane von fantastischen Autoren wie Jasper Fforde, Ben Aaronovitch, Derek Landy, Félix J. Palma und H. G. Wells steht. London, Zeitreise und Fantasy ergibt meines Erachtens nach eine unwiderstehliche Mischung – nicht nur für Liebhaber aller drei Komponenten. Leider ist vor allem der Zeitreisefaktor für viele Autoren eine Herausforderung, die nicht immer plausibel gemeistert wird. Aber nach allem,was ich bisher gehört hatte, schien Colfers Talent durchaus dieser Aufgabe gewachsen zu sein. Und ich sollte recht behalten...

Aber worum geht es eigentlich? Verknüpft werden zwei Handlungsstränge, von denen einer 1898 im viktorianischen London beheimatet ist und der andere im London der heutigen Zeit: Nach einem vepatzten FBI-Einsatz ist die jugendliche Agentin Chevron Savano strafversetzt worden und verbringt ihre Zeit nun unter der Aufsicht eines miesepetrigen Agenten namens Felix Smart, der sie mit der Bewachung eines Kellers beauftragt. Am gleichen Ort – allerdings etwa 115 Jahre früher – versucht der Assassine und ehemaliger Zauberkünstler Albert Garrick seinen Lehrling Riley zu dem Auftragsmord an einem älteren Herrn – dem Vater von Agent Smart – zu bewegen. Durch die Verzahnung verschiedener Zufälle, gerät Riley durch eine Zeitkapsel ins heutige London, in eben jenen Keller, in dem Chevie Wache schieben muss. Ein FBI-Sonderkommando wird zur Aufklärung der Umstände in die Vergangenheit geschickt, wo Garrick bereits mit gezücktem Messer auf eine Reisegelegenheit in die Zukunft wartet...

Colfer schafft es mühelos, den zumeist sympathischen und vielversprechenden Figuren Leben einzuhauchen und eine unverwechselbare Atmosphäre zu erschaffen. Ihm gelingt, was viele Autoren vermasseln, denn er konstruiert gekonnt die Verwebung verschiedener Zeiteebenen, findet logische Erklärungen, baut Brücken und lässt zeitweise ein paar humorvolle Verknüpfungen einfließen.Vor dem inneren Auge des Lesers entsteht unmittelbar eine viktorianische Welt, die mit all ihren Besonderheiten und ihrer Andersartigkeit beeindruckt; aber auch das London der heutigen Zeit wird durch die Perspektive Rileys und Garricks von einem neuen, interessanten Blickwinkel aus betrachtet.

In Chevie hat der Autor eine starke Powerheldin mit losem Mundwerk entworfen, deren physische und rhetorische Schlagfertigkeit so manchen starken Mann umhaut. Ihr zur Seite gestellt ist Riley, ein Londoner Gassenjunge mit einem guten Herzen und beeindruckender Fingerfertigkeit. Beide treten gegen ihren Nemesis Garrick an, dessen eh schon herausragende Fähigkeiten durch eine Reise in der Zeitkapsel verstärkt wurden, sodass er nun einen Superschurken par excellence abgibt – zumindest, seine Kräfte betreffend. Denn leider ist hier eine Figur kreiert worden, die trotz – oder gerade aufgrund? – ihrer Übermenschlichkeit fade wirkt. Garricks Unbesiegbarkeit nimmt der durchaus rasanten Handlung ein ums andere Mal den Wind aus den Segeln. Obwohl der Schurke im Gegensatz zu den Helden sogar im Titel vertreten ist, wirkt er im Laufe des Geschehens in seiner actionreichen Homogenität eher lästig, eindimensional und unausgereift. Er stellt sich auf den zweiten Blick leider keineswegs als Gentleman-Bösewicht à la Professor Moriarty oder Hannibal Lecter heraus, wie es zunächst den Anschein hatte, denn im Gegensatz zu jenen kriminellen Masterminds gibt es in Garricks Fall keine plausiblen Erklärungen, sondern lediglich das Zufallsprinzip, das immer wieder auf seiner Seite zu sein scheint. Etwas mehr kriminelle Brillanz anstatt plumpe Zufälle, hätten den Leser tatsächlich verzaubern können. Doch so bleibt der Eindruck von einem Taschenspielertrick, während die Ahnung von wahrer Magie langsam verpufft.
Unter diesem Kompositionsfehler leidet auch die Handlung: Stets einen Schritt hinten dran, schaffen es unsere gewieften Helden, das gesamte FBI inklusive Spezialtruppen, die berüchtigsten Verbrecherbanden, Militär und Oberschicht aus zwei Zeitebenen über 300 Seiten nicht, den Widersacher aufzuhalten. Dass dies etwas, nun ja, sagen wir: unrealistisch ist, dürfte jedem klar sein. Diesen Aspekt außer Acht gelassen, wirkt das gegenseitige Sich-über-den-Haufen-Stümpern der verschiedenen Parteien mit einem Augenzwinkern zeitweise sehr amüsant und komödienhaft. Die nötige Tiefe, die das Leserlebnis unvergesslich machen würde, bleibt jedoch aus.

Am Ende wird der atmosphärische Zauber des Anfangs jedoch wieder aufgegriffen, indem Colfer einige neue Nebenfiguren einfügt, von denen zu hören noch sehr viel Freude machen könnte. Der Abschluss befreit und lässt Spielraum für weitere Entwicklungen. Ein kleiner Cliffhänger bringt den Impuls von prickelnder Vorfreude auf den Folgeband.

Leider überzeugt „Der Quantenzauberer“ durch seinen schwachen Mittelteil zu wenig, als dass der Roman mehr als ein nettes Lesevergnügen bereithält. Durch den vielversprechenden Abschluss, das eintauchenswerte Flair, die liebgewonnenen Figuren und der gewohnt überzeugenden Buchgestaltung vom Loewe Verlag, kann man Zeitreisefans, die Spaß an unernsten Schurkenabenteuern haben, das neueste Werk von Eoin Colfer aber durchaus ans Herz legen.
Jüngeren Lesern sollte vielleicht noch gesagt werden, dass in diesem Jugendroman nicht zimperlich mit Mord und Totschlag umgegangen wird. Die dargestellte Brutalität gibt vor allem dem viktorianischen Handlungsstrang die nötige Authentizität und lässt nebenbei die Heldin der Geschichte in einem strahlenden Licht erscheinen, könnte aber zartbesaiteten Lesern etwas zu heftig sein.

Und nun singen wir alle den "Time Warp"-Song aus der Rocky Horror Picture Show: „Put your hands on the hips...“


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