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Mörderische Identitäten: Essay (edition suhrkamp)
Mörderische Identitäten: Essay (edition suhrkamp)
von Amin Maalouf
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen ...sollten wir alle gelesen haben, 3. Februar 2015
In den Zeiten der Charlie Hebdo-Attentate und IS, von Front National und Pegida fällt mir ein Büchlein des französisch-libanesischen Autors Amin Maalouf aus dem Jahre 1998 in die Hände mit dem provokanten Titel: „Mörderische Identitäten“. Auf dem Hintergrund des grausamen Jugoslawienkriegs (1991–1996) widmet er sich darin eindringlich der Frage: Ist es ein Naturgesetz oder einfach geschichtliche Entwicklung, die die Menschen dazu verdammen, sich im Namen von Identitäten gegenseitig zu bekämpfen und umzubringen? Warum können Menschen verschiedener Herkunft, Religion oder Hautfarbe nicht miteinander leben? Was macht dieses Zusammenleben so gefährlich?

Amin Maalouf fühlt sich persönlich durch diese Frage herausgefordert. Maalouf, ein Autor prachtvoller historischer Romane, wie „Leo Africanus“ oder „Die Reisen des Herrn Baldassare“, oder „Die Häfen der Levante“, wurde 1949 im Libanon geboren als Sohn einer christlichen Araberfamilie, verließ 1976 im Alter von 27 Jahren den Libanon und lebt seither in Frankreich. Oft gefragt: „Halb Libanese, halb Franzose? Keineswegs!“, sagt er. „Identität lässt sich nicht aufteilen, weder halbieren, noch dritteln oder in Abschnitte zergliedern! Ich besitze nicht mehrere Identitäten, ich besitze nur eine einzige, bestehend aus all den Elementen, die sie geformt haben, in einer besonderen „Dosierung“, die von Mensch zu Mensch verschieden ist.“ Die wichtigsten dabei sind familiäre Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe, Kultur, Religion, Nationalität, persönliche Erfahrungen.

Maalouf besteht darauf, genau hinzusehen und sich klar zu machen, dass jeder von uns seine ganz persönliche Geschichte und Prägung hat. Und dass eigentlich keines dieser Elemente das Recht hat, mich als Mensch und Person ausschließlich in Besitz zu nehmen. Es kann aber zu tödlichen Loyalitätskonflikten kommen, wenn eines dieser Elemente dominante Ausschließlichkeit beansprucht, bzw. die anderen bestimmen, ob ich dazugehöre oder nicht. Extremstes Beispiel neben vielen Progromen und Exzessen der jüngeren europäischen Geschichte war die Rassenideologie der Nazis.

Europa erlebt in den letzten Jahrzehnten eine gewaltige Migration von Menschen aus dem Nahen Osten und Afrika, die zum großen Teil aus muslimischen Ländern flüchten oder einzuwandern versuchen, um Bürger Europas zu werden. Migration ist kein Randproblem mehr. Laut Statistischem Bundesamt hat 2014 jede dritte Familie in Deutschland Migrationshintergrund. Einwanderung und Integration war immer schon ein schwieriger Prozess, da die Migranten - häufig unreflektiert - ihre Lebens und Wertevorstellungen mitbringen, die mit den vorgefundenen europäischen Gewohnheiten und Überzeugungen kollidieren. Europa und speziell Deutschland tut sich schwer mit Einwanderung, da es sich bis vor wenigen Jahren ostentativ geweigert hat, Einwanderungsland zu sein - und de facto bis dahin eher ein Auswanderungsland war.

Ein besonderes Problem bildet aktuell der Islam, der sich derzeit in seinem eigenen Kulturraum in Afrika und Asien in einer oft tödlichen Auseinandersetzung um den „wahren“, den „richtigen“ Islam befindet, die durch die technisch-zivilisatorische Übermacht des „Westens“ provoziert wird. Maalouf beschreibt im 2. Kapitel sehr anschaulich diese Krise des muslimischen Kulturraums. Die Konfliktlinien gehen auch durch viele Einwandererfamilien Europas. Auf Grund sozialer und wirtschaftlicher Probleme verweigern viele Kinder und Enkel der Einwanderer inzwischen ostentativ die Identifikation mit ihrer neuen europäischen Heimat. Die Auseinandersetzungen in Frankreich zeigen, dass nicht einmal die gemeinsame Sprache die Probleme mindern – die Migranten aus Nordafrika sprechen alle recht gut französisch – wobei die Beherrschung der Sprache des Gastlandes eigentlich eine der wichtigsten Brücken des guten Zusammenlebens ist.

Wie gut lässt sich Identität an der Nationalität festmachen? Was heißt denn: „Ich bin Franzose, ich bin Deutscher, ich bin Schweizer?“ Reicht ein Blick in den gültigen Pass oder Personalausweis? Zur Ein- oder Ausreise in ein Land schon, zu mehr aber auch nicht. Maalouf plädiert eindringlich für ein neues europäisches Bewusstsein, das sich angesichts der Globalisierung an sein historisches Ringen um eine menschlichere Gesellschaft erinnert, in der die alten überkommenen Identitätsforderungen – die alten Totems - aus Familienclan, Religion und Nationalität ihren mörderischen Ausschließlichkeitsanspruch verloren haben. Europa nicht am Ende – sondern an einem neuen Anfang seiner wichtigen Geschichte für die Welt.

Unbedingte Leseempfehlung. Ich wünschte mir das 144 Seiten dicke Büchlein als „must-read- Lektüre“ für die jungen Leute in unseren Schulen.
KS – Feb. 2015


Brodit ProClip - Kia Carens IV 14-14
Brodit ProClip - Kia Carens IV 14-14
Preis: EUR 22,98

4.0 von 5 Sternen Praktisch und preisgünstig, 8. Juli 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Unter den verschiedenen Modellen schien mir dieses am günstigsten. Sowohl der Navigon Adapter als auch der Hama- Smartphone Halter ließen sich problemlos installieren.


Die »van Imhoff« - das Totenschiff: Geschichte und Mythos einer Weltkriegstragödie
Die »van Imhoff« - das Totenschiff: Geschichte und Mythos einer Weltkriegstragödie
von Dieter Gräbner
  Broschiert
Preis: EUR 14,90

5.0 von 5 Sternen Das Jubläum und das Totenschiff, 8. Juli 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Das Dorf Höchen im Saarland will 2012 sein 750-Jahr-Jubiläum feiern. Christof Missy, Kommissar bei der Saarbrücker Polizei, möchte dafür eine Chronik der Familien des Dorfes zusammenstellen und stößt dabei auf den Namen Hermann Reiter, eines Missionars der Ev. Basler Missionsgesellschaft, der 1942 bei einem Schiffsuntergang im Indischen Ozean vor Küste Sumatras ums Leben kam. Er bittet Dieter Gräbner, Journalist und Buchautor, um Hilfe. Er möge der Sache nachgehen und die näheren Umstände dieses Todes recherchieren. Das tat der und stieß dabei auf eine brisante Tragödie des 2. Weltkriegs, die weit über das traurige Schicksal des Hermann Reiter hinausging. 412 weitere Deutsche als Internierte der holländischen Kolonialregierung von Nederlands Indie kamen bei dem Untergang des holländischen Schiffes „Van-Imhoff“ ums Leben. Die Katastrophe wurde zum Politikum. Warum konnten sich nur 71 deutsche Schiffsbrüchige retten, während der holländische Kapitän und die komplette Schiffsbesatzung am Leben geblieben war? Handelte es sich um ein niederländisches Kriegsverbrechen?
Dieter Gräbner ist der Frage nachgegangen, und herausgekommen ist ein ungemein interessantes und spannendes Buch. Wir lesen nicht nur den neuesten Stand der Ermittlungen, sondern erfahren einiges über das Schicksal der Deutschen in der holländischen Kolonie Ostindien vor und während der Kriegsjahre und besonders detailliert über das Leben der Missionarsfamilie Reiter aus dem Saarland. Fünf Kinder dieser Familie leben noch und trafen sich in Höchen anlässlich des Dorfjubiläums 2012 - eine Dorfstraße wurde nach ihrem Vater benannt. Bewegend ihr Rückblick auf ihre Kindheit, geprägt vom Missionarsberuf ihres Vaters, seinem Tod und der Trennung der Familie durch die Wirren des Krieges.
Dieter Gräbner nimmt den Leser mit bei seiner Recherche über eine Familiengeschichte, bei der die Weltgeschichte Regie führte, in eine Zeit, zu der man vielleicht nur durch solche Bücher Zugang finden kann. Dank dem Autor und dem Conte-Verlag für das Buch und seine „Libri Vitae“- Reihe!
Leseempfehlung (auch für Nicht-Saarländer) *****
Dieter Gräbner: Die „van Imhoff“ – das Totenschiff, Geschichte und Mythos einer Weltkriegstragödie Conte-Verlag – Saarbrücken 2012


Granatsplitter: Eine Erzählung
Granatsplitter: Eine Erzählung
von Karl Heinz Bohrer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Karl Heinz Bohrers „Granatsplitter“, 5. Februar 2014
Karl Heinz Bohrers „Granatsplitter“

Was für ein schönes Buch! Ich bin begeistert. Vielleicht muss man alt genug sein, ein bisschen dieser Zeit noch erlebt haben, um diese Erzählung so richtig mitempfinden zu können. Wunderbar, dass dem inzwischen 82-jährigen Karl Heinz Bohrer noch so viel präzise Erinnerung an seine Kindheit und Jugend geblieben ist, in diesem Alter ein solches Buch zu schreiben.

Auch wenn der Autor in seinem Postskriptum darauf hinweist, dass dieses Buch keine Autobiographie sei, sondern die „Phantasie einer Jugend“, so hat er sich doch einen Jungen ausgesucht, der diese Zeit zwischen 1932 – 1953 de facto erlebt haben muss.
Bohrer, Jahrgang 1932, ist ein Kölner Junge, dem die Liebe seines Vaters zu seiner Heimatstadt Köln irgendwie unerklärlich war, der aber selbst als Kind mit viel Gefühl an seiner katholischen Vaterstadt hing, den aber sein Lebensweg in ein ganz anderes Deutschland führte. Philipp Oehmeke vom SPIEGEL nennt diesen „Bohrer-Jungen“ den „Huckleberry Finn des Ruinendeutschlands“. Das Ruinendeutschland erlebte der „Bohrer-Junge“ allerdings nur dann, wenn er aus dem ländlichen, vom Krieg verschonten, Internat im Schwarzwald seine Schulferien bei seinen Eltern in Köln verbrachte.

Der Charme dieses Buches liegt eben nicht so sehr in der phantastischen Dimension, sondern in der Schilderung konkreter Erfahrung dieser Zeit, auch wenn der „Bohrer-Junge“ die Gymnasialjahre in dem elitären Internat „Birklehof“ in Hinterzarten/ Breitnau im Schwarzwald erlebte, einem Ort, der nicht unbedingt als der typische Erfahrungsbereich der deutschen Altersgenossen des Karl Heinz Bohrer gelten kann. Wie man der Präsentation im Internet [...] entnehmen kann, gibt es das Internatsgymnasium „Birklehof“ auch heute noch, und Karl Heinz Bohrer ist ein sicher hoch angesehener „Alumnus“ der „Altbirklehofer“. Der „Birklehof“ , eines der angesagten Zentren der Reformpädagogik im Nachkriegsdeutschland, eine Schwestergründung des bekannteren Internats „Salem“ am Bodensee, ist auch heute noch eine exklusive Privatadresse für Eltern, die für die Schule ihres Kindes monatlich etwa € 3.000,- zur Verfügung haben.

Die Vita des „Bohrer-Jungen“ ist aber ein Beispiel für eine Generation von Kindern, deren Eltern sich damals im bürgerlich konservativen Ressentiment gegenüber Nazideutschland befanden und ihre Kinder der Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus entziehen konnten. Der „Bohrer-Junge“ im Internat erlebt seine Jugend in einem Kokon von Schule, Literatur und klassischem Drama, aus dem er sich erst in späteren Jugendjahren befreien wird. Seine Passion für Literatur und Theater bringt ihn in Konflikt zu seinem Vater, der sich als promovierter Nationalökonom eine konkretere Karriere für seinen Sohn gewünscht hatte. Aber der „Bohrer-Junge“ bleibt der Passion für die Literatur treu. Seine Begegnung mit England und den Engländern bringt ihm die nötige Distanz zum bisher Erlebten in Deutschland. Aus dem „Bohrer-Jungen“ wird einer der renommiertesten Literaturkritiker Deutschlands, der in seinen „Granatsplittern“ dieses Mal nicht hochkarätig kritisiert, sondern einfach einnehmend erzählt. Leseempfehlung: Natürlich - mit fünf Sternen!

Wer etwas mehr über den „Bohrer-Jungen“ wissen möchte, dem sei ein Interview mit Karl Heinz Bohrer aus der Süddeutschen Zeitung empfohlen: „Ich habe einen romantischen Blick“ [...]
Zitat „Wenn Menschen nicht arbeiten und keine Genies sind, werden sie banal. Gegenüber diesem existentiellen Kummer habe ich die Universität als erhabene Existenz empfunden. Es gibt keinen stärkeren Schutz gegen die Banalität des Daseins als theoretisches Denken oder Dichten. Im Hörsaal Studenten zu erklären, was die Kunst an der Kunst ist, war und ist für mich ein Lebenselixier.“ Karl Heinz Bohrer

Karl Heinz Bohrer: Granatsplitter – Erzählung einer Jugend © Carl Hanser-Verlag- München 2012
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 8, 2014 5:51 PM MEST


Zehnder Sat-Ausseneinheit "AX87-96" | Stahl-Spiegel (80 cm Schüssel)
Zehnder Sat-Ausseneinheit "AX87-96" | Stahl-Spiegel (80 cm Schüssel)

4.0 von 5 Sternen Gutes Teil zum fairen Preis, 31. Juli 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Das Teil macht einen soliden Eindruck und konnte ohne Probleme montiert werden. Preis-Leistung sind gut. Wie haltbar die Einheit ist, muss dann die Zukunft erweisen.


Gottes letzter Diener
Gottes letzter Diener
von Peter DeRosa
  Gebundene Ausgabe

5.0 von 5 Sternen Papst Patrick - Gottes letzter Diener, 18. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Gottes letzter Diener (Gebundene Ausgabe)
Der Roman: Gottes letzter Diener oder wie Papst Patrick das Ende der freien Welt herbeiführte

Just in diesen interessanten Zeiten fällt mir ein Buch in die Hände, das für diese Thematik wie gerade geschrieben erschien. Der Titel „Gottes letzter Diener“ von Peter de Rosa. Ein Roman aus dem Jahr 1995. Obwohl damals 1995 Papst Johannes Paul II. noch quicklebendig war, inszeniert der Autor Peter de Rosa Ereignisse im Jahr 2009, nachdem der polnische Papst nach 31-jähriger Amtszeit gestorben war. ( Info: Joh. Paul II. ist de facto 2005 nach 27-jähriger Amtszeit verstorben. )
Das Roman-Konklave von 2009 tut sich schwer mit der Wahl eines Nachfolgers und macht aus Verlegenheit den völlig unbekannten irischen Kardinal Brian Aidan O’Flynn zum Papst, bisher in der Kurie für Heiligsprechungsprozesse zuständig. Mit dem Namen Patrick wird zum ersten Mal in der Kirchengeschichte ein gebürtige Ire Papst. Ein Jahr später ist er tot, vergiftet durch den päpstlichen Leibarzt im Auftrag der CIA. Aber das Jahr seiner Amtszeit hat es in sich.

Die Welt von 2009 ist zunächst begeistert von dem netten irischen Kerl auf dem Papstthron, der immer von seinem Hund Charley begleitet wird und absolut unpäpstliche Hobbies pflegt: er repariert die Fahrräder des vatikanischen Personals. Aber dabei bleibt es nicht. Die Kirche soll sich so verhalten, wie es das Evangelium verlangt. Ganz einfach: Die Einkommen der Kardinäle werden den Gehältern der übrigen Vatikanangestellten angeglichen und Roms Kirchen müssen nachts für die Obdachlosen geöffnet bleiben. Papst Patrick glaubt, dass auch das Zölibatsgesetz der römischen Kirche unevangelisch ist und veranstaltet im Petersdom eine Massentrauung ehewilliger Priester und Bischöfe, was ihm neben großem Beifall auch den geharnischten Protest der Ostkirchen einbringt. Auch verkündet er, dass Frauen durchaus das Zeug hätten, um als Priesterinnen die Leitung der Gemeinden zu übernehmen. Auch das wird von der Weltöffentlichkeit mit großem Beifall aufgenommen, von einem großen Teil der amtierenden Bischöfe nur protestierend zur Kenntnis genommen.

Dann aber verfasst er die Enzyklika „Splendor vitae“, in der er Empfängnisverhütung beim Geschlechtsverkehr in jeder Form für unvereinbar mit dem von Gott gewollten Sinn der Geschlechtlichkeit erklärt. „Mit wirklich aufrichtigem Bedauern sehe er sich gezwungen, Pius XII. zurechtzuweisen, den ersten Papst, der 1951 die Nutzung der unfruchtbaren Tage für den Geschlechtsverkehr gebilligt habe. Er habe der unveränderlichen Lehre der Kirche widersprochen“ und Papst Patrick fühle sich verpflichtet, Pius XII. zum Ketzer zu erklären. Die Päpste Paul VI. und Johannes Paul II. hätten diesen Irrtum gedankenlos wiederholt, wenngleich er sie nicht auch noch exkommunizieren wollte. Die Welt war wie vor den Kopf gestoßen und begann an der geistigen Gesundheit des neuen Papstes zu zweifeln.

Die internationalen Irritationen verstärken sich noch, als Patrick beginnt, sich mit der Welt der Finanzen zu beschäftigen. Nach einem Besuch der Vatikanbank IOR, befielt er die unverzügliche Schließung des päpstlichen Geldinstituts. ( siehe Text Kap. 41: Papst Patrick und die Vatikanbank) Nach einem hoch geheimen Treffen mit drei Kardinälen aus Lateinamerika, kommt Patrick zu der Überzeugung, dass der westliche Kapitalismus der Grund für die ungerechte Armut in der Welt sei, dessen zinsgestütztes Kreditgeschäft nichts anderes als gottloser Wucher sei, mit Gottes Gebot und der kirchlichen Lehre absolut unvereinbar .( siehe Text Kap.43 : Papst Patrick und die Schuldenkrise Lateinamerikas und Kap. 44 Papst Patrick und die Zinsen) In einer eindringlichen Rede vor der Vollversammlung der UN nennt er die internationalen Banken Räuber und Barbaren:“Nehmt eure gierigen Hände aus den Taschen der Armen und eure Füße von ihrem Nacken!“ Die Zinslasten seien ein fortwährendes Unrecht an den Armen. Die Schuldnernationen hätten genug bezahlt und brauchten keine Zinsen mehr an ihre Gläubiger zu bezahlen.
Die Rede löst eine internationale Finanzkrise aus, und die amerikanische Regierung unter dem katholischen Präsidenten Delaney sieht sich gezwungen, die CIA mit der Eliminierung des Papstes zu beauftragen. Patrick übersteht die Mordattacke eines falschen Kapuziners, aber an dem heimtückischen Giftanschlag seines Leibarztes wird er später sterben.

Von Todesahnungen geplagt, verfasst er die Enzyklika „Mundi Holocaustum“, in der er den Besitz und die Abschreckung mit atomaren Massenvernichtungswaffen für verbrecherisch und gottlos erklärt. Katholische Staatsoberhäupter seien exkommuniziert, wenn sie nicht sofort auf den atomaren Erstschlag verzichteten. Die Staatsbürger seien dann ihrer Loyalitätspflicht diesen Regierungen gegenüber entbunden. Patrick beruft sich dabei auf Entscheidungen seiner Vorgängerpäpste Gregor VII., Bonifaz VIII. und Pius V., die auch Kaiser und Könige abgesetzt hätten.
Die freie Welt war tief gespalten. Einige bejubelten den Papst als Friedensstifter und Heiligen. Die katholischen Staatsoberhäupter jedoch waren sich einig, die Enzyklika zu ignorieren: Der Papst mische sich in Dinge ein, von denen er nichts verstehe. Und der amerikanische Präsident Delaney wiederholte im Fernsehen sein Gelöbnis, ohne zu zögern, eine Milliarde Muslime abzuknallen, wenn es denn sein müsse. Das Star-Wars-Programm stehe kurz vor seiner Vollendung.

Die islamische Welt ist alarmiert. Nur noch wenige Wochen, und das Star-Wars-Programm machen die USA endgültig unangreifbar. Das Gleichgewicht des Schreckens funktioniert nicht mehr. Eine islamische Welt rückt in weite Ferne. Die Führer der FIR (Föderation Islamischer Republiken) unter ihrem Vorsitzenden Ayatollah Hourani entschließen sich angesichts der sich zuspitzenden internationalen Lage zu einem ungeheuren Coup: Um die Option einer islamischen Welt zu behalten, wollen sie auf Papst Patricks Abrüstungsinitiative eingehen und Washington den einseitigen Verzicht auf Kernwaffen anbieten. Der geheime Plan enthält die Bereitschaft, ihr Leben als Märtyrer für den Islam zu opfern. Zum Beweis der Ernsthaftigkeit ihrer Absichten reisen die Führer der FIR mit ihren gesamten Familien in die USA und übergeben den Koffer mit den Geheimcodes in amerikanische Hände. Sie selbst stellen sich als Gäste unter den Schutz Amerikas. Präsident Delaney ist nach anfänglichem Misstrauen überzeugt, Amerikas Politik der strategischen Übermacht habe gesiegt und die FIR habe davor kapituliert: Als Zeichen des guten Willens wird die ständige Luftalarmbereitschaft der USA aufgehoben.

Genau in diesem Zeitraum starten die FIR-Raketen mit nuklearen Sprengköpfen von ihren Abschussrampen von Marokko bis Pakistan und beginnen praktisch ohne Widerstand die freie Welt auszulöschen. Papst Patrick war wenige Minuten zuvor in Rom gestorben. Soweit das fiktive Szenario des Romans.

Fazit
Einmal abgesehen von der fesselnden Story dieses provozierenden Pontifikats und der wunderbaren Erzählkunst des Autors, ist das Buch eine profunde Auseinandersetzung mit den großen Themen christlicher Lehre und Geschichte. De Rosa steht für intime Kenntnis sowohl römischer Gepflogenheiten als auch katholischer Theologie und Kirchengeschichte. Obwohl man ob der Skurrilität geschilderter Situationen immer wieder lachen muss – de Rosa ist ein Meister englisch-humorigen Understatements -, wird dem Leser immer mehr deutlich, dass es dem Autor nicht um lächerliche Pointen geht, sondern um ein Grundproblem moralischer – speziell christlicher - Lebenshaltung: Ist dem Gemeinwohl der Menschen am besten gedient, wenn man sich einfach gläubig auf Jesu Evangelium verlässt?
Vorbemerkung des Autors: “Papst Patrick ist nur Papst Patrick; für seine Ansichten ist er allein verantwortlich.“ Ein absolut tragisches Szenario: Im Roman provoziert die Gläubigkeit dieses sympathischen und grundanständigen Papstes Patrick das atomare Ende der westlichen Welt. Ob die es wegen ihrer Unchristlichkeit verdient hat? – der Autor lässt eventuell mehrere Interpretationen zu. Aber Fakt ist auch, dass das Ende dieser uns so kostbaren, freien Welt durch intransigente islamische Überzeugungstäter herbei gebombt wird, die glauben, der Welt ihrer Religion und dem Gott dieser Religion einen historischen Dienst erwiesen zu haben. Die Welt von Al Quaeda und Hisbollah lässt grüßen.

Leseempfehlung?
Ja sicher - für alle, die sich ein wenig in der Welt der römisch katholischen Kirche auskennen und nicht bei jeder Weihrauchschwade einen ideologischen Hustenanfall bekommen.
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Peter de Rosa: Gottes letzter Diener Knaur – München 1998 ISBN 3-426-61463-4


Die Krankheit des Islam
Die Krankheit des Islam
von Abdelwahab Meddeb
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

12 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Weiterhin aktuell, 5. August 2012
Rezension bezieht sich auf: Die Krankheit des Islam (Taschenbuch)
Abdel Wahab Meddeb: Die Krankheit des Islam

Vor zehn Jahren ' 2002, noch unter dem direkten Eindruck des Attentats von 'Nine Eleven' in New York, hat der französische Schriftsteller Abdel Wahab Meddeb dieses Buch geschrieben. Meddebs Familie stammt aus Tunesien und übersiedelte in den 1950-er Jahren nach Frankreich. Es ist das Buch eines Zeitgenossen, der sich zu seiner muslimischen Tradition bekennt, der aber keiner der derzeitigen islamischen Denominationen mehr angehören möchte. Besorgt und schockiert vom aktuellen Trend der islamischen Gesellschaften, in denen sich der Fundament-alismus wie eine ansteckende Krankheit ausbreitet, sei das Buch vor allem den Menschen gewidmet, die, wie er selbst, in der islamisch-arabischen Kultur ihre Prägung erfahren haben, die sich aber entschieden den humanistischen Standards moderner Gesellschaften verpflichtet fühlen. Islamischer Fundamentalismus oder Islamismus ist für Meddeb nicht einfach ein religiös-soziales Missverständnis, sondern eine 'Krankheit', die den echten Islam befallen habe. Diese 'Krankheit' hat nicht erst mit Osama bin Laden und seiner Al Quaeda begonnen, wie mancher im Westen glauben möchte, ihr Ausbruch liegt ' vom Westen nicht wahrgenommen - schon einige Jahrzehnte zurück. Meddeb konstatiert im 1. Kapitel:

1. Der Islam hat den Machtverlust nicht verkraftet.
Die erlebte politische und kulturelle Unterlegenheit gegenüber der weltweit siegreichen Moderne ist der Ausgangspunkt für alle Bewegungen, die die islamische Wiedererweckung oder die islamische 'Reconquista' auf ihre Fahnen geschrieben haben. Spätestens seit der Gründung der islamischen Republik Iran 1979 durch den Imam Khomeini sollte dem aufmerksamen Zeitgenossen klar geworden sein, dass eine neue Epoche in der islamischen Welt begonnen hatte. Dass dieser politische Sieg ausgerechnet dem schiitischen Islam des Iran gelungen war, wurmte alle Reformer des sunnitischen Islam besonders, zumal ihre religiös-revolutionären Bewegungen viel älter waren, als die schiitischen.

2. Genealogie des Fundamentalismus
Der Streit um den wahren Islam und seine Lebenspraxis ist alt und zieht sich durch die ganze Geschichte der islamischen Gesellschaften, ganz ähnlich den Auseinandersetzungen in der Geschichte der christlichen Gesellschaften. Immer paart sich dann fanatische Frömmigkeit mit rigoroser Feindschaft gegenüber Kultur, Kunst und Wissenschaft. Auch die aktuellen islamistischen Bewegungen halten sich nicht an die ausgewogene Tradition der offiziellen Koranauslegung der befugten Religionsexperten der verschiedenen 'Schulen' des Islam, sondern sie haben ihre speziellen Lehrer, auf deren Auslegung sie sich berufen. Wichtig sind die Namen von Hassan al Banna (1906-1949) des Gründers der Muslimbrüder in Ägypten, Sayid Oubt (1929-1966), dem Theoretiker des Jihad gegen den heidnischen Westen oder des Pakistani Abul al Maududi (1903-1979), des Propagandisten des modernen Jihad und der Jema'a Islamiya. (Allen gemeinsam ist eine kompromisslose Position gegenüber westlichem Gedankengut und Lebensstil, damals zugleich auch ein Kampf gegen die westlichen Kolonialmächte.)

Vor allem aber sollte man leider auch den Namen Ibn Abd al Wahhab (1703-17932) kennen, der sich in seiner Lehre auf den radikalen mittelalterlichen Koranlehrer Ibn Taymiya (1263-1328) berief. Abd al Wahhab war es, der den arabischen Stamm der Saudis auf seine 'wahhabitische' Lehre einschwor und sie zu Hütern des 'wahren Islam' ernannte. So praktizierte der arabische Clan der Saudis seit 250 Jahren einen rigoristisch sektiererischen Islam, der damals in der islamischen Welt als nicht nachahmenswert angesehen wurde.

Das wäre bis auf den heutigen Tag auch so geblieben, wenn nicht die Saudis im Verlauf des 1.Weltkriegs die gesamte arabische Halbinsel erobert hätten und kurz darauf durch die entdeckten Erdölquellen auf ihrem Staatsgebiet zu unvorstellbarem Reichtum gekommen wären. Saudi-Arabien ist - an den Standards moderner Gesellschaften gemessen ' das reaktionärste Staatsgebilde der Erde. Aber Verwalter der heiligen Stätten von Mekka und Medina imponieren sie den internationalen muslimischen Pilgern mit ihrem Reichtum und exportieren mit ihrem Geld den rigiden wahhabitischen Islam in alle Welt. Ihr Geld ist auch an vielen militärischen Operationen beteiligt, in denen islamische Gruppierungen den Jihad propagieren. Osama bin Laden stammt aus Saudi-Arabien und auch die meisten 'nine eleven' Attentäter kommen aus diesem Land. Für Autor Meddeb ist die Rolle der Saudis und die fatale Wirkung des Wahhabismus bei der akuten islamischen Krankheit am ärgerlichsten, eigentlich nur überboten von der politischen Naivität der amerikanischen Politik, die um ökonomischer Vorteile willen den humanen Anspruch der Moderne der reaktionären saudischen Gesellschaft gegenüber verleugnet hatte, bis sie im September 2001 sehr drastisch eines Besseren belehrt wurde: Amerika ist der Freund der saudischen Prinzen und der Feind der gläubigen Muslime!

In Kapitel 3 und 4 behandelt Meddeb das antagonistische Verhältnis des Islam zum Westen:
3. Fundamentalismus kontra Okzident und 4. Der Ausschluss des Islam durch den Westen.
Ein kurzer Einblick in die Geschichte zeigt: Der Islam in seiner Phase der kulturellen Überlegenheit empfand den Westen und seine Kultur nicht als Konkurrenz, eher als noch zu entwickelndes Terrain. Jahrhunderte lang bekam ein kulturell rückständiges Europa seine Impulse aus der orientalisch-islamischen Kultur. Das aber änderte sich unerbittlich spätestens im 18. Jahrhundert: Die islamischen Gesellschaften verloren den Anschluss an die Errungenschaften der Moderne und versanken auch in politische Bedeutungslosigkeit. Der Fundamentalismus sieht den Grund dafür in der Verleugnung der eigenen islamischen Wurzeln und fordert die unbedingte Unterwerfung unter das Diktat einer rigorosen religiösen Bekehrung, die bedingungslose Unterwerfung unter das Gesetz Allahs. ('Allahkratie statt Demokratie'). Der ausgemachte Feind dieser Entwicklung ist der Westen und seine Lebensart. Abkehr und Verweigerung ist für Muslime religiöse Pflicht. Diese Moderne ist religionsfeindlich und gottlos! Man darf sich ihr nicht unterwerfen, ohne den Zorn Gottes befürchten zu müssen. Die Rückkehr zum 'wahren Islam' ' Back to the roots! - Das ist der Heilsweg für alle Probleme moderner Gesellschaften, auch der nicht islamischen.

Tragisch für das Verhältnis, dass der Westen derzeit vor allem einem sich fundamentalistisch gebärdendem Islam begegnet und die große liberale Tradition des klassischen Islam nicht wahrnehmen will. Der Islam in seiner aktuellen Präsentation ist für den Westen eher unattraktiv. Vor allem die Forderungen der Scharia kollidieren mit den Standards moderner Grundrechte. Auch für Meddeb ist der Islam in seiner fundamentalistischen Variante nicht akzeptabel. Aber er hält die islamische Tradition für groß genug, um sich positiv in die Moderne einzubringen, wenn es dem Islam gelingt, seine 'Krankheit' zu überwinden.

Fazit: Ein lesenswertes Buch für alle, die sich über die Befindlichkeit zeitgenössischer islamisch geprägter Gesellschaften informieren und etwas ausführlicher in die Geschichte der islamisch-arabischen Kultur einführen lassen wollen. Der Leser profitiert von der detaillierten Kenntnis des Autors in islamischer Literatur und Geschichte und begegnet Namen und Episoden, von denen er noch nie gehört hat, die aber belegen, welch große Bedeutung der Diskurs der islamischen Philosophie auch für die Geistesgeschichte des Okzidents hatte und vielleicht haben könnte. Ob aber auch ein moderner Islam mit dem Selbstverständnis moderner Gesellschaften zurecht kommen wird, ist eine der spannendsten Fragen für die nähere Zukunft.
KS - 08-2012
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 5, 2015 8:32 PM CET


Du mußt dein Leben ändern: Über Anthropotechnik (suhrkamp taschenbuch)
Du mußt dein Leben ändern: Über Anthropotechnik (suhrkamp taschenbuch)
von Peter Sloterdijk
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der absolute Imperativ und seine Strapazen, 29. Januar 2012
Einblicke in die Welt der Sezession

Um es gleich vorweg zu nehmen: Wer sich gedrängt fühlt, sein Leben nun endlich ändern zu müssen und sich praktische Hilfe von diesem Buch verspricht, der wird sehr bald merken, dass das der falsche Griff ins Bücherregal war. Statt einer eventuell gewünschten Entscheidungshilfe, die der Titel möglicherweise suggeriert, wird der Leser vom Autor auf eine 700 Seiten lange und schwierige, aber zugegeben auch interessante Reise durch die Kulturgeschichte mitgenommen. Hier also schon die Einschränkung einer Leseempfehlung: Nur für hartnäckige Leser!

Zunächst muss der sich aber in einer ausführlichen Einleitung mit einem anderen Phänomen beschäftigen, das in der Tat eine seriöse Auseinandersetzung erfordert: Die Wiederkehr der Religion und die Behauptung vom Scheitern der Aufklärung. Sloterdijk hat sich in seinem Buch über die drei Monotheismen schon mit dieser Provokation beschäftigt, möchte aber noch einmal entschieden darlegen, dass "eine Rückwendung zur Religion ebenso wenig möglich ist, wie eine Rückkehr der Religionen" aus dem einfachen Grund, weil es keine "Religion" und keine "Religionen" gibt, sondern nur missverstandene spirituelle Übungssysteme" (Zitat), "Anthropotechniken" genannt, "sozio-immunologische Praktiken", die kulturwissenschaftlich zu behandeln seien.

Zitat: "Ich verstehe hierunter die mentalen und physischen Übungsverfahren, mit denen die Menschen verschiedenster Kulturen versucht haben, ihren kosmischen und sozialen Immunstatus angesichts von vagen Lebensrisiken und akuten Todesgewissheiten zu optimieren". Anthropotechnik sei keine Biotechnik. "Wer darauf achtet, dass es heißt, "Du musst dein Leben ändern" und nicht, "Du musst das Leben ändern", hat schon im ersten Durchgang verstanden, worauf es ankommt."

Also durchstreifen wir in einer ersten Exkursion auf 144 Seiten den Planet der Übenden und begegnen dabei 1. Rilkes Erfahrung mit einem Befehl aus dem Stein, 2. Nietzsches Antikeprojekt, 3. Unthans Krüppellektionen, 4. Kafkas Artistik, 5. Ciorans buddhistischen Exerzitien, de Coubertins Olympischer Idee und Ron Hubbards Scientology.

Im eigentlichen Hauptteil des Buches geht es 527 Seiten lang um 1. Die Eroberung des Unwahrscheinlichen und das Programm für eine akrobatische Ethik, 2. Übertreibungsverfahren und die Rückzüge in die Ungewöhnlichkeit und 3. Die Exerzitien der Modernen und die Wiederverweltlichung des zurückgezogenen Subjekts. Es geht um Leben und Lehren exemplarischer Lebensartisten, "Sezessionisten", "Asketen", "Sakroathleten" und "Geistesakrobaten" vergangener Zeiten und Kulturen - auch Jesus bekommt übrigens die Qualifikation "Sakroathlet" - und ihre Wirkung auf ihre Epochen.

Aber was auch immer die Männer - es sind fast ausschließlich Männer - jener Zeiten zu ihrer epochalen "Sezession" bewogen hat, es waren andere Gründe als die, die die heutige Diskussion bewegen, die bestimmt wird durch eine technisch neue Lebenswelt und das Überlebensproblem von ca. 7 Mrd. Menschen auf der Erde bei immer prekärer werdender Ressourcenlage. Auch Sloterdijk spricht angesichts der globalen Krise von seinem Motto "Du musst dein Leben ändern" als dem aktuellen "Absoluten Imperativ", den er aber erst im letzten Kapitel auf mageren 11 Seiten näher erläutert.

Der Umfang gewisser Erdknollen

Unschwer die Einsicht, dass wir es mit nicht ganz leicht überschaubaren Lektionen zu tun bekommen, die auch nicht dadurch einfacher werden, dass Sloterdijk ein ungeheuer formulierungsfreudiger Genius ist. Im Gegenteil, seine Formulierungskunst verführt ihn gelegentlich zu Kunststücken, die das zu Klärende eher verschleiern als verdeutlichen. Ob die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln hätten, wird auch dann nicht leichter zu beweisen sein, wenn man die Antwort von der Formulierung abhängig macht, dass "der Umfang gewisser Erdknollen im negativ reziproken Verhältnis zum Intelligenzquotienten sie produzierender Agrarier stehe". Aber Sloterdijk ist überzeugt: "Wer Menschen sucht, wird Akrobaten finden!" (Zitat)

Wir haben es also folgerichtig bei Sloterdijk mit akrobatischer Lektüre zu tun und mühen uns auch öfter, dem in schwindelnder Höhe argumentierenden Sprachartisten hinterher zu denken. Aber nicht unbegründet beschleicht uns auch der Verdacht, dass es hier weniger um die Begründung der Notwendigkeit einer Lebensänderung geht, als vielmehr um die Vorführung des Kultur-artistischen Panoptikums, das der Autor inszenieren möchte. Das ist ja auch recht beeindruckend. Chapeau! Dass Sloterdijk ein überaus belesener und eigenständiger Kommentator ist, bedarf eigentlich keiner neuen Erwähnung.

Seine Sympathien für die "Sezessionisten" aller Zeiten - vor allem für Friedrich Nietzsche - in Ehren, aber sind sie mit ihrer - Lebensänderung - denn wirklich die "Zeitenwender", die die neuen Level schaffen? Sind sie nicht häufiger Ausdruck zeittypischer Ängste oder grotesker Sehnsüchte, Ergebnisse verquerer Wahrnehmung und missgedeuteter Argumente oder auch Konsequenzen richtiger Einsichten in konkrete Notwendigkeiten, die in den Protagonisten und ihren Jüngern ihren persönlichen Ausdruck finden?

Sind für die evolutionären oder auch revolutionären Veränderungen der Menschengeschichte nicht viel entscheidender ganz reale historische Ereignisse, Katastrophen, technische Erfindungen und erst danach die Gedanken und Theorien, die sich Menschen darüber machen? Sloterdijk gesteht dem Heute zu: "Es gibt kognitiv Neues unter der Sonne!" (Zitat) Aber gibt es heute nicht auch "faktisch Neues unter der Sonne", das eine Lebensänderung de facto provoziert? Man gewinnt bei der Lektüre den Eindruck als sei Menschengeschichte vor allem Ideengeschichte. Dem muss widersprochen werden. Das eigentlich Neue der modernen Naturwissenschaft ist doch nicht nur die neue physikalische Theorie, sondern die experimentelle Beweisbarkeit ihrer Thesen und ihre technische Nutzungsmöglichkeit. Sie verändert nicht nur dein Leben, sondern das Leben auf der Erde. Deswegen ist hinter die Forderung "Du sollst dein Leben ändern!" als Generalschlüssel zur Lösung unserer Lebensprobleme ein großes Fragezeichen zu machen."

Ist Peter Sloterdijk nicht ganz unvermutbar ein Vertreter einer Philosophentradition, die Ideen - "Vertikalspannung" - für wichtiger halten als die schnöden technischen Erfindungen und Realitäten, die die Menschen bei der Bewältigung ihres Lebens beschäftigen? Solche Präferenz sei ihm als Artisten ja durchaus erlaubt, aber er muss sich dann auch die Meinung gefallen lassen, dass Philosophie dieser Art im musealen Denker-Panoptikum ihren Platz hat und für die Bewältigung heutiger Probleme unbrauchbar ist. Der Philosoph als Museumsführer.

Welchen praktischen Wert hat zum Beispiel seine These, dass es "Religion" und "Religionen" eigentlich gar nicht gäbe, weil sie im Wesentlichen ja nur überkommene spirituelle Übungssysteme - Anthropotechniken - seien und deshalb gar nicht wiederkehren könnten? Meint er mit dieser begrifflichen Exkommunikation die von ihm ' und nicht nur von ihm ' als bedrohlich empfundene Wiederkehr der Religionen verhindern zu können? Sie kulturhistorisch nicht mehr Religionen nennen zu dürfen, hat doch mehr mit schamanischen Tabus zu tun, als mit kulturwissenschaftlicher Präzession. Dass Religion etwas mit Übung und Ausübung - mit Ritualen - zu tun hat, ist doch nichts Neues. Viel interessanter ist doch die Beobachtung, dass im Jahre 2012 wieder so viele Menschen in diese "spirituellen Übungssysteme" ihre Hoffnungen investieren und glauben, sich und der Welt einen schuldigen Dienst zu erweisen. Das Motto: "Du musst dein Leben ändern!" mutiert zur Forderung, "Du musst wieder religiöser werden!". "Aufklärung" kommt fortan wieder von der Kanzel oder der Mimbar! Das ist Fakt, auch wenn es uns noch so missfallen sollte. Gott sei's geklagt!

Einmal abgesehen davon, dass Menschen manchmal von alleine und ohne exemplarische Sezessionisten herausfinden, was ihnen gut tut, werden wir einstweilen als unverbesserliche Aufklärer die Hoffnung nicht aufgeben, dass irgendwann auch beratungsresistente Katholiken einsehen, dass der Papst kein Dalai Lama ist und intelligente Moslems kapieren, dass man den Teufel nicht steinigen kann, auch wenn man es jedes Jahr in Mekka versucht. Weitere Erkenntnisfortschritte seien nicht ausgeschlossen. Insyallah!
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Gottes Eifer: Vom Kampf der drei Monotheismen
Gottes Eifer: Vom Kampf der drei Monotheismen
von Peter Sloterdijk
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,80

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Deus lo vult - Gott will es ?, 10. Januar 2012
Peter Sloterdijk : Gottes Eifer - Vom Kampf der Monotheismen

Ganz gleich, was ich nachher noch schreiben werde und ob diese kurze Rezension dem Buch gerecht wird: Peter Sloterdijks Buch hat fünf Sterne und eine unbedingte Leseempfehlung verdient. Die Lektüre sei auch allen empfohlen, denen gelegentlich die Lust am Lesen seiner Bücher vergangen ist - der Sloterdijk'schen Formulierungskünste wegen. (Dieses Problem hätte eine eigene Besprechung verdient.) In diesem Buch hat sich der Autor weithin um Verständlichkeit bemüht und belohnt den Leser mit einer Fülle genialer Sätze und Bilder, die oft verblüffend deutlich die Problematiken veranschaulichen. Es ist die oft zitierte und angesagte Wiederkehr der Religion und des Religiösen im 21. Jahrhundert, die den Autor zu einer kritischen Auseinandersetzung provozierte. Und eine notwendige dazu, wie ich meine.

Gottes-Wahn, Gottes-Vergiftung... in den letzten Jahren gab es einige Bestseller mit Gott in der Titelzeile, die sich dem Phänomen der menschlichen Gottesbeziehungen widmeten, Bücher für ein thematisch interessiertes Publikum. Auch wenn die kirchliche Mitgliederstatistik in Europa andere Trends zeigt: Religion ist wieder ein Thema in Europa und in der Welt. Peter Sloterdijk musste es nicht erst suchen.

Und das Thema macht blutige Schlagzeilen. Der Islam befindet sich weltweit in einer brisanten Aufbruchsstimmung und stellt den Status quo der betroffenen Gesellschaften in Frage. Militante Islamisten haben dem Westen den heiligen Krieg erklärt, einen Krieg im Namen Gottes gegen seine Feinde. Es geht hier nicht nur um starke Worte - "Nine-eleven" hat alle Skeptiker drastisch belehrt. Aber diese starken Worte sind uns eigentlich bekannt und sollten uns alarmieren. Der Aufruf zum Kampf gegen die Feinde Gottes fanatisierte vor tausend Jahren das christliche Europa zu unsäglichen Kriegszügen, die unter dem Namen "Kreuzzüge" in die Geschichte eingegangen sind. Der Schlachtruf hieß damals "Deus lo vult!" - "Gott will es!" und "Allahu akbar!" - "Gott ist groß!" auf der anderen Seite. Die Parole "Deus lo vult" ist - Gott(?) sei Dank - heute weniger zu hören, aber "Allahu akbar" ist aktueller denn je.

Aber was hat denn der heilige Gott mit den unheiligen Kriegen der Menschen zu tun? Sloterdijks Diagnose: Aggressiv intolerante Religion hat konstitutiv mit Monotheismus, dem Ein-Gott-Glauben, zu tun - kulturgeschichtlich speziell mit dem Monotheismus der "Abrahams-Religionen" - Judentum, Christentum und Islam. Entgegen dem viel geäußerten Vorwurf oder der Entschuldigung, die dummen Menschen hätten da etwas missverstanden und missbrauchten den friedlich liebenden Gott für ihre unfriedlichen Zwecke, ist festzuhalten, dass dieser Gott von Anfang an ein eifernder Herr ist - siehe Sloterdijks Buchtitel "Gottes Eifer" -, der keine anderen Götter neben sich duldet und von seinen Gläubigen bedingungslose Liebe und Unterwerfung verlangt. Er ist der einzige und der wahre Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde und der Herr des Lebens aller Menschen. Sein Wille ist Gesetz.

Ab jetzt wird sein Anspruch und seine Wahrheit zum globalen Thema, das Bekenntnis zu ihm eine Sache auf Leben und Tod, Heil und Unheil der Welt, über die er ein endzeitliches Gericht halten wird. Dann wird auch entschieden, wer von den drei Erben der Abrahams-Religion der gottgewollte und gottwohlgefällige Erbe sein wird. Alle drei bestreiten sich nämlich gegenseitig unerbittlich die beanspruchte göttliche Legitimität. Für das orthodoxe Judentum ist das Christentum eine Häresie, und für das Christentum und Judentum ist der Islam der Usurpator und umgekehrt.

Sloterdijk gibt einen anschaulichen und kenntnisreichen Einblick in die "Aufstellungen", die "Fronten" und die "Feldzüge" der monotheistischen Kulturen. Der Kampf dieser drei und ihr Selbstverständnis hat in den letzten zweitausend Jahren die Welt in immer heftigere Krisen geführt. Die Radikalität ihrer Protagonisten scheint sie heute unempfindlich zu machen für die Herausforderung der globalen Krise der Überbevölkerung, der Armut und der Umwelt: Gott ist wichtiger! Allahu akbar! Pereat mundus! (Auch wenn die Welt zugrunde geht!) Für seine Getreuen hat Gott einen Platz im Himmel bereitet, für seine Feinde die Hölle. Das Leben auf der Erde ist nicht mehr von Belang. Keine guten Aussichten für den Rest ihrer Bewohner... sollten sich die Zeloten Gottes durchsetzen.

Was kann man erwarten und was muss man tun? Sloterdijk versucht zu ergründen, was denn ein Glaube, ein Sich-Einlassen auf einen solchen Gott und seine Religion so attraktiv und verständlich mache. Es müssen Inhalte von Begriffen wie "Transzendenz" und "Offenbarung" geklärt, sowie das kulturhistorische Phänomen von "Religion" untersucht werden. Der Autor legt Wert darauf, zu erkennen, dass Religion kein eigenständiges Phänomen, sondern in die übergreifende Kategorie der Kultur einzuordnen ist und mit der wissenschaftlich gesicherten Erkenntnis aus diesem Bereich zu behandeln sei. Religion ist für Sloterdijk eine "Anthropotechnik", eng verwoben mit dem jeweiligen kulturellen Bemühen der Gesellschaft mit den inneren und äußeren Herausforderungen fertig zu werden.

Die historische Bedingtheit der Religionen, auch speziell der global agierenden monotheistischen Religionen, lässt gründlich zweifeln an ihrer Fähigkeit tragfähige Lösungen für die globalen Herausforderungen heutiger Zeit anbieten zu können, es sei denn, sie wandelten ihren bedingten "Gotteseifer" zu unbedingtem "Menscheneifer". Die aggressive Rechthaberei bezüglich göttlicher Wahrheiten ist dann überflüssig. Die bisherigen Opfer- und Unterwerfungsrituale sind obsolet geworden. Sloterdijk: " Globalisierung heißt: Die Kulturen zivilisieren sich gegenseitig. Das jüngste Gericht mündet in die alltägliche Arbeit. Die Offenbarung wird zum Umweltbericht und zum Protokoll über die Lage der Menschenrechte...Der zivilisatorische Weg ist allein noch offen." Volesse Dio oder Insyallah!

Bis dieser zivilisierende Weg allerdings von allen einsichtig beschritten wird, werden die Menschen wohl noch harte Zeiten vor sich haben. In diesen Tagen probieren vor allem muslimische Gesellschaften mit dem historisch überholten "Handwerkszeug" ihrer Religion einen modernen Staat aufzubauen. Zornig und enttäuscht von kapitalistischen und sozialistischen Erfahrungen, soll eine durch die Scharia religiös kontrolliertere Gesellschaft den Erfolg bringen - eine vorhersehbar zum Scheitern verurteilte Bemühung. Wahrscheinlich wird aber erst die Frustration der Menschen den zivilisatorischen Weg öffnen. Auch diese Erfahrung gehört zu jenem alleinigen Weg, den Sloterdijk postuliert. Muslime sollten Europas christliche Geschichte etwas genauer studieren.


Unser Holocaust: Roman
Unser Holocaust: Roman
von Amir Gutfreund
  Taschenbuch

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein erschreckendes Fazit, 25. April 2011
Rezension bezieht sich auf: Unser Holocaust: Roman (Taschenbuch)
Amir Gutfreund: Unser Holocaust

Dies alles, der Holocaust, war ein ganz gewöhnliches Ereignis. Gewöhnliche Menschen hatten ihn begangen und gewöhnliche Menschen waren seine Opfer.
Das schreibt Amir Gutfreund, ein Israeli, Jahrgang 1963 auf Seite 620 seines Debütromans: "Unser Holocaust". Originalsprache des Buches : Hebräisch! Da reibt man sich erst einmal die deutschen Augen und ist wahrlich nicht verwundert, dass dieses Buch in Israel ein sehr turbulentes Echo erzeugt haben soll.

Das obige Fazit klingt doch nach Verharmlosung und Nivellierung dieses monströsen Massenmordes deutscher Täter an 6 Millionen Juden im 20. Jahrhundert! Das aktuelle Deutschland versucht gerade hartnäckig, diese Erinnerung nicht in der Gewöhnlichkeit verschwinden zu lassen: Ein riesiges Mahnmal im Zentrum Berlins - die Leugnung des Holocaust ist ein Straftatbestand in Deutschland! Für den Staat Israel und seine jüdischen Bürger ist der Holocaust die unüberholbare Rechtfertigung seiner Existenz und durchgehendes Argument seiner gesamten Politik. Ist das dem Amir Gutfreund denn nicht klar? Was will er mit diesem Buch? Will er provozieren? Vielleicht auch.

Vielleicht ein wenig mehr in Israel als in Deutschland und der übrigen Welt. Schon der Titel: "Unser Holocaust"! Im Original: "Unsere Shoah"! - macht stutzig. Das Possessivum "Unser" macht aus der historisch beispiellosen Untat eine Art Familienunglück und klingt fast satirisch. Aber weit gefehlt: das Buch ist wahrhaftig keine Satire, sondern ein redliches und bewegendes Unternehmen, die eigene Geschichte aufzuarbeiten. Das obige Zitat steht ja nicht am Anfang, sondern am Ende Buches und ist das Fazit einer langen Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte, der Geschichte von Überlebenden des Holocaust , polnischen Juden aus Bochnia, die in der Katznelson-Strasse in Haifa ihr israelisches Zuhause gefunden haben, einer Generation, die langsam ausstirbt. Das Buch ist zwar ein Roman, dem aber echte Biographien und Fakten zugrunde liegen.

Die Geschichte

In der ersten Hälfte des Buches wird der Leser in unzähligen Details und Geschichten mit den wichtigen Personen der Familie des Erzählers bekannt gemacht: mit dem geliebten Großvater Josef, seiner kranken Frau Feijge und dem behinderten Sohn Moshe, mit Großvater Lolek, dem alten Haudegen, seinem Bruder Cheinek, dem Rechtsanwalt Dr. Perl, Tante Frieda, Adela Gruner, Eva Lancer, Genija Minz, Herrn Lawratow und dem verrückten Herrn Hirsch und, und, und' sie alle, Überlebende des Holocaust, leben in dem Viertel Kirjat Chajim in Haifa, in dem der Erzähler seine Kindheit und Jugend verbracht hat. Man kann mit diesen Bewohnern über alles reden, nur nicht über den Teil ihres Lebens, der mit ihrem Schicksal in den Ghettos und Todeslagern in Europa zu tun hat.

Ein striktes Tabu, das solange wirkt, bis der Erzähler und seine Freundin Effi in der Schule die Aufgabe erhalten anlässlich des Holocaust-Gedenktages die Lebensgeschichten ihrer Familienangehörigen aufzuschreiben. Die Alten aber, allen voran Großvater Josef, blockieren das Projekt und sind der Ansicht, das seien keine Geschichten für Kinder. Auch den offiziellen Gedenkfeiern des Holocaust stehen sie sehr skeptisch gegenüber. Nun aber ist das Interesse der Kinder erst recht geweckt. Sie bringen die Alten nach und nach bei verschiedensten Gelegenheiten zum Erzählen ihrer Lebensgeschichte in den grauenvollen deutschen KZ's während des 2. Weltkrieges, den unerklärlichen Zufällen, denen sie ihr Überleben der Katastrophe verdanken. Die Kinder studieren Bücher und Dokumente über den Holocaust und versuchen sie mit den Familiengeschichten zusammenzubringen.
Immer konkreter werden die Fakten, die sich mit den Namen, Auschwitz, Belzec, Treblinka, Buchenwald, Dachau, Ravensbrück usw. verbinden. Immer ungeheuerlicher der Berg der Tragödien. Und immer mehr wächst in ihnen der Hass auf die unmenschlichen deutschen Täter der Vernichtungslager, deren Namen und Funktionen fein säuberlich im Zettelarchiv von Rechtsanwalt Perl vermerkt sind. Es sind so viele, dass die Kinder fragen: Gibt es auch gute Deutsche?

Diese kindlich naive Sicht der Welt und ihrer Menschen, in der Juden gut und die Deutschen schlecht sind, hat der Erzähler auch noch, als er einige Jahre später als junger Mann beginnt, eine Dokumentation über die Geschichte der Menschen seines Viertels zu schreiben. Dabei stößt er bei seiner Recherche auf die Namen von Juden, die im Ghetto und in den KZ's mörderische Handlanger und Verräter ihrer eigenen Brüder und Schwestern waren.

Diese konfliktreiche Erkenntnis wird noch verstärkt als eines Tages Dr. Hans Odermann, ein junger deutscher Professor aus Frankfurt nach Haifa kommt, um ein Buch über das Schicksal der Waisenkinder des 2. Weltkrieges zu schreiben. Der junge Deutsche gleicht äußerlich der hinlänglich bekannten 'blonden Nazibestie', ist aber ein liebenswerter sensibler Zeitgenosse, der partout dann nach Israel kommt - und auch in den gefährlichen Wochen dort bleibt - , als Sadam Hussein seine Scudraketen auf Israel abschießen lässt. Großvater Josef und Effi mögen ihn, und auch der Erzähler kommt nicht umhin, ihn als guten Menschen zu akzeptieren.

Ganz schwierig aber wird es für ihn, als er herausfindet, dass der Vater seiner Frau Anat, der Großvater seines Söhnchens Jariv, Hermann Dunewitsch , ein berüchtigter Kollaborateur der SS im KZ war, der in Kanada unerkannt vor einigen Jahren gestorben war. Wie soll er mit dieser Entdeckung umgehen? Wie kann er eine Frau lieben, deren Vater ein von vielen verfluchter Verräter seines Volkes war? Wie wird Anat das aufnehmen? Wie soll ihr Sohn Jariv mit dieser Wahrheit leben können? In einem Gespräch mit Hans Odermann, stellt sich heraus, dass jener ganz ähnliche Probleme mit seiner eigenen Familiengeschichte hat: Aufgewachsen als Waise bei Pflegeeltern musste er später feststellen, dass er ein Kind der SS-Aktion "Lebensborn" war, und dieses Schicksal mit zehntausenden jungen Deutschen seiner Generation teilt. Sein Buch über die Waisenkinder der Aktion "Lebensborn" als Versuch, mit der eigenen Familiengeschichte ins Reine zu kommen.

Die Welt ist viel schwieriger als gedacht. Die Farben schwarz und weiß reichen nicht aus, um sie zu beschreiben. Die Überlebenden wissen um diese Schwierigkeit. Freundin Effi, inzwischen eine viel gefragte Ärztin, ist überzeugt, Leben bedeutet Herausforderung durch die Probleme der Gegenwart. Unser Leben wird nicht deshalb gut, weil wir Kinder von Helden und Heiligen sind. Und wir sind nicht deshalb bessere Menschen, weil wir Kinder von Opfern und zufällig Überlebenden einer Katastrophe sind. Und dann der Umkehrschluss, das erschreckende Fazit, formuliert durch den verrückten Herrn Hirsch: Der monströse Holocaust ist nicht die einzigartige Untat von typisch deutschen Monstern, sondern das massale Verbrechen von ganz gewöhnlichen Menschen, verführt und verstrickt in eine böse und mörderische Ideologie vom besseren Menschen, definiert durch Abstammung und Rasse, ermöglicht durch eine unheilvolle politische Situation in Mitteleuropa nach dem ersten Weltkrieg. Die Folgerung: Unter bestimmten Bedingungen mutieren wir gewöhnlichen Menschen fast aussichtlos zu gewöhnlichen Mördern. Das gilt auch für Juden. Angesichts des Holocaust ein erschreckendes Fazit.

Unser Holocaus - eine Leseempfehlung?

Unbedingt - mit einigen Anmerkungen. Gutfreund ist ein unermüdlicher Erzähler von orientalischer Qualität. Detailliert, lebendig, szenenreich. Ein tiefer Blick in das Leben eines Stadtviertels in Haifa. Aber man braucht Zeit und Geduld, bis man den roten Faden der Erzählung in die Hand bekommt. Der Autor hilft dem Leser auch nicht durch strukturierende Kapitelüberschriften. Die Einteilung: 1994Unsere Gesetze, 1991 Großvater Josefs Reise und 1992-Jariv erscheint fast zufällig. Zufall oder Absicht des Autors?
Wir - die Generation der mit der Bundesrepublik großgewordenen Deutschen - bekommen eine sehr aufschlussreiche Lektion unserer nationalen Geschichte. Amir Gutfreunds Täterrecherche anhand des Zettelkastens von Dr. Perl führt uns vor, mit wie viel prominentem Nazi-Personal "unsere BRD" groß geworden ist: Holocaust -Täter und Helfer, die nach geringen Haftstrafen amnestiert und ohne Zögern wieder in die vorderen Ränge der politischen Arena kletterten. Leute wie Hans Globke, Theo Oberländer, Kiesinger, Zoglmann, W. Naumann ...bei Amir Gutfreund sind eine Menge Namen aus Nazi-Deutschland zu lesen, bei deren Biographien man sich die deutschen Augen reibt. Ein erschreckendes Fazit. Wem Amir Gutfreunds Information nicht reicht, der kann bei Wikipedia weiterlesen...


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