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Mag Sarah Krampl "sarahkrampl" (Villach)
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Nebel
Nebel
von Miguel de Unamuno
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen „Jedem gefällt es, jemand zu sein und niemand ist der, der er ist, sondern der zu dem er von den anderen gemacht wird.“, 12. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Nebel (Taschenbuch)
Miguel de Unamuno (1864-1936) war ein spanischer Philosoph und Schriftsteller. Bereits als Kind las er eine Unmenge an Büchern. Sein großes Vorbild waren die fantastischen Erzählungen von Jules Verne. Nach seinem Philosophiestudium in Madrid unterrichtete er an der Universität von Salamanca unter anderem Altgriechisch. Politisch aktiv, setzte er sich für Minderheiten ein und gehörte der „Generaciòn 98“ an, einer liberalen Bewegung, die sich mit den Gründen für den Niedergang Spaniens beschäftigte und sich um eine geistige Umorientierung in Spanien bemühte.
Unamuno schrieb nicht nur Romane, sondern auch Novellen, Essais, und wissenschaftliche Abhandlungen. Seine geistige Affinität zu Luigi Pirandello ist insofern nicht zu übersehen, als dass sich Unamuno in einigen seiner Werke, besonders hier in „Nebel“ mit denselben Themen, die von der prekären Identität des Menschen handeln, beschäftigt.
Der Protagonist dieses Romans stellt sich Fragen über die Beziehung zu einem geliebten Menschen. Diese Fragen und Antworten, die sich um das Thema der Verliebtheit drehen, sind jedoch verbunden mit Fragen hinsichtlich der eigenen Identität, der eigenen Gefühle und der „Echtheit“ derselben. Das Leben ist eine nebulöse Sache und alles ist Zufall. Wie kann er sich in eine Frau verlieben, die er kaum kennt? Kommt die Liebe vor der Kenntnis der Dinge? Der Protagonist verliebt sich aus Langeweile, er versucht damit, seinem Leben eine Struktur, einen Sinn zu geben, und diesen Sinn findet er in der Beschäftigung mit Liebesgefühlen, die wiederum zu weiteren Fragen und Überlegungen führen, wie die Überlegung hinsichtlich der Schöpfung von Gedanken, die Unsicherheit bezüglich der Realität von gegenseitigen Beziehungen, die vielleicht doch nur auf Einbildungen beruhen. Diese Gedanken gehen so weit, dass das Thema der Ewigkeit und des Traumes aufgenommen wird. Was ist im Leben real und was ist Einbildung? Was ist Sein und was Schein, Wahrheit und Lüge? Diese Fragen führen den Protagonisten in eine existentielle Notlage, die darin mündet, dass er sich bewusst wird, lediglich eine Figur in einem Roman zu sein, gar nicht wirklich zu existieren, wobei er es schafft, die Figur als realer als den Autor erscheinen zu lassen, indem er behauptet, dass eine Romanfigur wie Don Quichotte sich in den Vorstellungen der Menschen als realer erweist als dessen Autor Cervantes und zwar weil Don Quichotte die Zeit überdauert, unsterblich ist, im Gegensatz zum endlichen, kurzen, unbedeutenden Leben des Autors. Die Existenz ist eine süße Illusion und nur in der Liebe ist es möglich, die eigene Seele zu spüren, und was ist die Seele, wenn nicht Liebe und Schmerz, in Fleisch verwandelt?
Selbst die Musik ist der ewige Beginn der Ewigkeit, die nie zu einem Abschluss kommt. Insofern kritisiert Unamuno den rationalen Verstand indem er meint, dass Erkenntnisse ohne Gefühle, die nur auf Logik und Rationalität beruhen, wie das Schach spielen zum Beispiel, gar keine Erkenntnisse sind, zu keinen bedeutenden Erkenntnissen führen. Glauben und Wissen sind zwei verschiedene paar Schuhe, deren sich der Protagonist in diesem Roman in Form philosophischer Fragen widmet. Er gelangt zu dem Schluss, dass das Leben und noch mehr der Tod viel mehr lehren als die Wissenschaft. Der Geist wird hier betrachtet, vielmehr als der Körper, der ohne Geist ja nichts ist. Die Liebe wurde von Dichtern erfunden, die Verliebtheit, wie er sie gegenüber Eugenia fühlt, ist nur etwas, worüber man spricht und schreibt, die gibt es aber zwischen Mann und Frau nicht, was zählt ist die Ehe. Alle Gefühlsregungen und Liebesbezeugungen sind eine Erfindung des Menschen, eine große Lüge. Wir als Menschen fühlen uns wichtig und bilden uns ein etwas Besonderes zu sein. Die Sprache und das Wort führt zur übertriebenen Darstellung unserer Gefühle und Eindrücke, ja sie werden erst überhaupt durch Sprache erschaffen. Wir sind alle nur maskierte Schauspieler und Komiker. Niemand leidet oder genießt wirklich, er glaubt lediglich zu genießen und zu leiden. Wenn es nicht so wäre, könnte man nicht überleben. Nur der körperliche Schmerz tötet. Die einzige Wahrheit ist der physiologische Mensch, der der nicht spricht und deshalb nicht lügt.
Somit beschäftigt sich dieser Roman mit höchst geistigen Themen, die alle um die Frage der Existenz eines Subjektes im Menschen kreisen. Nur derjenige lebt wirklich, der sich bewusst ist zu träumen, sowie nur derjenige weise ist, der im Bewusstsein des Wahnsinns lebt.

Mir persönlich hat dieser Roman sehr gut gefallen, denn sämtliche Ideologien werden hier als Einbildungen kritisiert, des Menschen Leben ist eine Farce voller Lügen, dem entgegnet der Autor mit Fragen, die zumindest etwas in Richtung Bewusstsein weisen, so dass die Gedanken über die Brüchigkeit der Existenz letztendlich dazu dienen, diese Farce aufzudecken. Die Grenze zwischen Realität und Traum wird von Unamuno zugunsten einer anderen, breiteren Sicht des menschlichen Lebensentwurfes verwischt.


Leb wohl, Schlaraffenland: Die Kunst des Weglassens
Leb wohl, Schlaraffenland: Die Kunst des Weglassens
von Roland Düringer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Zu viele Plattitüden, 25. März 2014
Roland Düringer, geboren 1963 in Wien, ist ein österreichischer Kabarettist und Schauspieler.
Clemens G. Arvay, geboren 1980, studierte Biologie und Angewandte Pflanzenwissenschaften in Wien und Graz.

Düringer und Arvay diskutieren in diesem Buch in mündlicher Dialogform über „Gott und die Welt“, über unsere derzeitige Gesellschaft, die zu viel konsumiert, über Schauspielerei, Ernährung, gesunde Lebensweise, über den Begriff „Glück“, Motorräder, Geschwindigkeit und Flucht. Das Gespräch ist jedoch viel zu oberflächlich ausgefallen und die Aussagen sind voll mit Plattitüden und Allgemeinplätzen, wie Düringer ja selbst an zwei Stellen in diesem Buch behauptet:

„Auch in unserem Gespräch ist es doch so. Wir sollten,wenn unser Gespräch einmal niedergeschrieben ist, überprüfen, wie viele unserer Aussagen auf eigenen Erfahrungen beruhen und wie viel davon im besten Fall wiedergekäute fremde Erfahrungen sind.“

„Weil eben, wie bereits besprochen, viele „Meinungen“ in unseren Köpfen nicht auf eigenen Erfahrungen beruhen, sondern auf reinem Wiederkäuen fremder Ansichten.“

Leider erging es beiden Gesprächspartnern nicht anders, als die oben zitierten Vorwürfe nahe legen.
Es werden viele Themen angeschnitten, kein einziges Thema in Tiefe und Breite beleuchtet. Ein sehr seichtes Buch. Ich hätte mir von Düringer, den ich als Kabarettisten sehr schätze, mehr erwartet. Sein Fazit lautet im Prinzip: man soll für sich und seine unmittelbare Umgebung leben und auf zu viele Konsumgüter verzichten. Düringer, dessen Lieblingsbeschäftigung es war, Autos zu kaufen und zu sammeln, wird sich dessen Gewahr, dass die in der Garage stehenden Autos ihn nicht glücklich gemacht haben. Er meditiert nun in seinem selbst gestalteten Garten über das „richtige“ Leben und möchte uns einladen, nicht mehr mitzuspielen. Der Ansatz, Dinge, die man nicht braucht, wegzulassen ist zwar gut, aber ich glaube, dass es die meisten Menschen heute bereits tun. Ich glaube, dass der Konsumwahn, die Gier nach „mehr“, bald ausgedient hat, man bemerkt ja auch schon den umgekehrten Trend in Richtung „Weglassen“, „Abnehmen“, „Gesunde Lebensweise“. Ich finde das Problem liegt eher darin – wie der Philosoph Robert Pfaller mehrmals in seinen Büchern betont – dass wir zu einer Verzichtgesellschaft geworden sind, die sich gegenseitig aus Neid anklägt, weil sie es nicht gerne sieht, wenn jemand glücklich und zufrieden ist. Es geht nicht mehr darum, viel zu haben und zu besitzen, die Problematik liegt heute eher darin, von der Gesellschaft verurteilt zu werden, wenn man sich etwas „mehr“ aber auch etwas „anderes“, etwas mehr „Glücklichsein“ gönnt. Ich habe das Buch zwar zu Ende gelesen, finde es aber insofern überflüssig, als dass über Dinge gesprochen wird, die jeder schon hundert tausendmal gehört hat, wie das Konsumproblem, dass sich auf Umwelt und Gesundheit negativ auswirkt oder über die offensichtliche Tatsache, dass Geld allein nicht glücklich macht. Ich glaube, die Menschen haben heute ganz andere Probleme, als die in diesem Buch genannten.


Die Evolution der Phantasie: Wie der Mensch zum Künstler wurde
Die Evolution der Phantasie: Wie der Mensch zum Künstler wurde
von Thomas Junker
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Biologie und Kunst – zwei Seiten der selben Medaille!, 24. März 2014
Thomas Junker, geboren 1957 – Studium der Pharmazie und Habilitation zur „Geschichte der Naturwissenschaften“ , ist ein Evolutionsbiologe, welcher heute an der Universität Tübingen Geschichte der Biologie, Geschichte der Evolutionstheorie und der Anthropologie, Evolution des Menschen und Evolutionäre Psychologie, lehrt.

In diesem Buch versucht Junker (Evolutions-) Biologie mit Kunst zu verbinden und aufzuzeigen, dass Kunst - nachdem er dieses Wort erklärt – denn was sollte man überhaupt unter Kunst verstehen? - genauso wie die Gene, ein natürliches Element sind und dass die Kunstfähigkeit in jedem Menschen angelegt ist. Ein sehr spannendes Buch, denn dieser Ansatz ist neu und auch etwas befremdend, denn Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft, Natur und Religion oder Philosophie werden seit jeher bearbeitet und zusammengefügt, Biologie und Kunst jedoch nicht, sie scheinen eher im Widerspruch zu stehen. Die Radikalität dieses Buches besteht eben darin, Biologie und Kunst zusammen bringen und denken zu wollen. Die Überlegungen in diesem Werk sind aufgrund ihrer Neuartigkeit sehr interessant. Diese neuartige Technik, die sich auf eine wohlwollende Betrachtung von konventions- und geschichtlich bedingten Widersprüchen bezieht, ist heute auch in anderen Wissensgebieten zu beobachten. Unterschiedliche Erkenntnisse miteinander zu verschmelzen bzw. zu kombinieren bedeutet neue Möglichkeiten des Verständnisses zu erlangen. Junker versucht hier auch komplexe Erkenntnisse aus zwei unterschiedlichen „Wissenschaften“ in Einklang zu bringen. Nachdem die Postmoderne gegen die Einheit alles fragmentiert hat und für eine Pluralität plädierte, die unterschiedliche Dinge nebeneinander gelten ließ, zeichnet sich nun ein Weg in Richtung Plausibilität der Zusammenführung der unterschiedlichen Fragmente ab. Diese Kombination, auch wenn beliebig, führt immer zu einer neuen plausiblen Erkenntnis. Das gelingt Junker in diesem Buch insofern sehr gut, weil er seine neuen Erkenntnisse aufgrund methodischer und konsequent durchdachter Gedanken präsentiert.
Ich finde, dass Junker für dieses Buch auch sehr gute Recherchen im Bereich Kunst, die eigentlich nicht sein berufliches Thema ist, angestellt hat. Zur Veranschaulichung seien hier am besten ein paar Textstellen angeführt:

Genauso wie ein Auto mehr ist als eine Anhäufung von Stahl und Plastik sind Organismen mehr als die einzelnen chemischen Prozesse und Stoffe, auf denen sie beruhen. […] Nicht so einfach zu verantworten ist, ob die wissenschaftliche Erklärung die Freude an der Kunst zerstört und ihre Wirkungen behindert.

Als weitere Funktion der Künste wird ihre positive Wirkung auf die Individuen selbst, auf ihre emotionale, geistige und körperliche Reifung hervorgehoben. Indem die künstlerische Phantasie die Spiele der Kinder weiterführt, verbindet sie lustvolle Wunscherfüllung mit überlebenswichtigem Training. Schon in klassischen Texten zur Kunsttheorie wurde die Nähe von Spiel, Kunst und Leben betont. Immanuel Kant vermutete, dass „die Lust am Schönen“ aus dem „freien Spiel der Erkenntnisvermögen“ entsteht. Für Friedrich Schiller war das Spiel nicht nur eine unter vielen Tätigkeiten der Menschen, sondern es macht ihr eigentliches Wesen aus: Denn „der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“.[…]
Welche Funktion erfüllt die Kunst als spielerische Tätigkeit? Wie beim Spiel der Kinder werden Sprache, Kreativität, Emotionalität, Geschicklichkeit und Bewegung trainiert, was eine wichtige Voraussetzung für die Reifung, Entwicklung und Leistungsfähigkeit der Gehirnfunktionen sei.

So rufen Melodien starke Gefühle hervor, weil sie den emotionalen Signalen unserer Spezies ähneln. Die Melodien täuschen diese Signale aber nur vor, wie Pornographie oder Süßstoff enthalten sie gerade nicht das Eigentliche: echte Emotionen (bzw. echte Sexualität oder echten Zucker).

Vielfalt ist etwas, mit dem die Biologie in allen Bereichen konfrontiert ist. Sie ist auf der molekularen und zellulären Ebene ebenso anzutreffen wie bei körperlichen Merkmalen, beim Verhalten und bei den Arten der Lebewesen. Es gehört zu den großen Erfolgen der biologischen Wissenschaften, gezeigt zu haben, dass diese Vielfalt nicht chaotisch und regellos ist, sondern von wenigen kausalen Faktoren verursacht wird und eine klare Ordnung hat.

Kunst spricht die Gefühle an, so wie die Wissenschaft den Intellekt anspricht.

Die Ambivalenz von Nutzlosigkeit und Nützlichkeit der Kunst erinnert an die Grundlagenforschung in der Wissenschaft. Auch dieser geht es nicht darum, unmittelbar nützliche technische Anwendungen zu entwickeln, sondern sie strebt reinen Erkenntnisgewinn an. Es gehört nun zu den interessantesten Ergebnissen der Wissenschaftsgeschichte, dass die scheinbar unnütze, reine Forschung sich als sehr viel effektiver erwies als ein unmittelbar praxisorientiertes Vorgehen, das bei jedem Schritt auf die Verwertbarkeit schielt. Letztlich beruhen die Überlegenheit der neuzeitlichen Wissenschaft und viele technische Errungenschaften der Moderne auf dieser Erfahrung. Mit der Kunst verhält es sich ähnlich: Um zu den wirklich bedeutsamen Wünschen und Lebenszielen vordringen zu können, muss sie von den unmittelbaren Bedürfnissen absehen.

Denn „kaum ein Künstler wird bei der Wahl zwischen Geld und Aufmerksamkeit zögern“, sich für Letzteres zu entscheiden.

[…] durch das Wort teilt ein Mensch dem andern seine Gedanken mit […], durch die Kunst aber teilen die Menschen einander ihre Gefühle mit.

Eine verlässliche Kommunikation über Gefühle und Wünsche ist alles andere als einfach. Die menschliche Sprache ist wegen der Willkürlichkeit der Wortbedeutungen und wegen der Möglichkeit, nicht-existente und nicht-anwesende Dinge zu thematisieren, in hohem Maße anfällig für Täuschungen und bedarf der Interpretation. …. Viele Wünsche und Gefühle sind nicht bewusst. Wie kann es zur Verständigung kommen, wenn die Individuen nichts mitteilen können oder wollen? Hier spielt die Kunst eine wichtige Rolle.

Wie die Philosophie eröffnet die Kunst „dem Menschen ein Asyl, wohin keine Tyrannei dringen kann, die Höhle des Innerlichen, das Labyrinth der Brust: und das ärgert die Tyrannen.“ (Nietzsche)

Ernst Cassierer […] er glaubte, dass die Menschen „nicht mehr in einem bloß physikalischen, sondern in einem symbolischen Universum leben. Statt mit den Dingen hat es der Mensch nun gleichsam ständig mit sich selbst zu tun. So sehr hat er sich mit sprachlichen Formen, künstlerischen Bildern, mythischen Symbolen oder religiösen Riten umgeben, dass er nichts sehen oder erkennen kann, ohne dass sich dieses artifizielle Medium zwischen ihn und die Wirklichkeit schöbe. In diesem Sinne definierte der Kulturanthropologe Clifford Geertz den Menschen dann später als „ein Tier, das in Bedeutungsgeweben schwebt, die es selbst gesponnen hat“.

Wissenschaft, Recht und Kunst decken jeweils andere Bereiche des Wissens ab. Während die Wissenschaft zur Lösung lebenspraktischer und technischer Schwierigkeiten beiträgt und das Recht Interessenkonflikte beilegen soll, werden in der Kunst Szenarien durchgespielt, die zeigen, wie sich emotionale und soziale Probleme lösen lassen. Insofern ist die Kunst die Machiavell’ische Technik schlechthin. […] Die Erzählungen der Künstler sind von existenzieller Bedeutung für die geistige und emotionale Reifung. Indem sie die großen und kleinen Probleme und Konflikte des Alltags ebenso wie Lebensschicksale aufgreifen, stellen sie einen reichen Pool an Handlungs- und Bewertungsstrategien bereit. […] Und es gibt kaum eine bessere, angenehmere und effektivere Art des Lernens sozialer Strategien als die Beschäftigung mit den Künsten.

Konkurrenz ist eine allgegenwärtige und „herrschende“ Triebkraft des Lebens – dies gilt aber auch für die Kooperation.

Man kann Kunst als eine neue Technik verstehen, mit Gefühlen umzugehen und sie zu vermitteln.


Atlas eines ängstlichen Mannes
Atlas eines ängstlichen Mannes
von Christoph Ransmayr
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen „Geschichten ereignen sich nicht, Geschichten werden erzählt.“, 24. März 2014
Christoph Ransmayr, geboren 1954 in Wels, wurde nach seinem Studium der Philosophie und Ethnologie in Wien zunächst Autor in verschiedenen Zeitschriften, hauptsächlich geographischer Natur, später widmete er sich ausschließlich dem Bücher schreiben.

Dies ist das erste Werk, das ich von Ransmayr gelesen habe und bin sowohl vom Sprachstil wie vom Inhalt begeistert.
Es handelt sich um Reiseerinnerungen der anderen Art. Jede Reisegeschichte fängt mit „Ich sah“ an und erzählt meistens ein Detail von einem Reiseeindruck, der Ransmayr im Gedächtnis geblieben ist. Dieses Detail wird in einer meisterhaft gestalteten Prosa ausgebaut und ausgeschmückt. Die Eindrücke beziehen sich meistens auf einzelne Elemente in der Natur: Vögel, Hunde aber auch Menschen in ihrem Daseinskampf. Der Tod, der Krieg, das Leben, die Zartheit der Natur sind immer wiederkehrende Themen in diesen wunderbaren Geschichten. Dieses Buch hat mir schon alleine wegen des Schreibstils sehr gut gefallen. Die Erzählungen sind einerseits sehr detailliert, andererseits kommt immer ein Hauptthema zum Vorschein, so dass Ransmayr dadurch wirklich ein wertvolles sprachliches Kunstwerk geschaffen hat. Sehr empfehlenswert, auch wenn zunächst die Satzkonstruktionen etwas befremdend wirken mögen.


Der menschliche Körper
Der menschliche Körper
von Paolo Giordano
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

3.0 von 5 Sternen „Eher als Drehbuch denn als Roman zu bezeichnen“, 23. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Der menschliche Körper (Gebundene Ausgabe)
Paolo Giordano, ein „Newcomer“ unter den renommierten italienischen Schriftstellern, geboren 1982 in Turin, wurde nach seinem Studium der theoretischen Physik, mit seinem ersten Roman Die Einsamkeit der Primzahlen: Roman, welcher auch erfolgreich verfilmt wurde, weltberühmt.

Der Roman Der menschliche Körper, der sich mit dem Soldatendasein insgesamt und mit dem Krieg gegen die Taliban in Afghanistan im Speziellen beschäftigt, erinnert aufgrund seiner Thematik an die Romane Khaled Hosseinis Drachenläufer: Roman, Tausend strahlende Sonnen und an sein jüngst erschienenen Roman Traumsammler: Roman, welche ich alle mit Begeisterung gelesen habe und die sich mit dem Land aber vor allem mit der kulturellen Misere und dem Krieg in Afghanistan beschäftigen. Vorab sei noch an einen Artikel aus der Wochenzeitung „Die Zeit“ vom 20. März 2014 erinnert: „Krieg und Frieden“ - worin 4 Soldaten von ihren Erfahrungen im Afghanistan Einsatz 2010 berichten. Nach all diesen Lektüren, die alle mit dem selben Thema zu tun haben, mit dem Thema Krieg und Afghanistan, war ich vom Roman Paolo Giordanos etwas enttäuscht. Die introspektive Schilderung des Soldatenlebens gelingt zwar insofern gut, als dass Ängste und Gefühle, das menschliche insgesamt, einen breiten Raum in diesem Roman, einnehmen, die Handlung jedoch sehr beschränkt auf das Innenleben der Soldaten bleibt. Geschichtliche oder objektive Daten fehlen zur Gänze und über Afghanistan erfährt man auch kaum etwas. Brutale und detaillierte Szenen im Buch werden so beschrieben, dass ich mir unweigerlich gedacht habe, dass dies nicht ein Roman, sondern ein Drehbuch hätte werden sollen. Die Handlung besteht nur aus einigen brutalen Kriegsszenen, die eben ganz detailliert beschrieben werden und aus einer Unmenge an sexuellen Gedanken und Szenen. Der ganze Roman wurde in trüber, melancholischer Stimmung geschrieben, wo das Mitleiden eine große Rolle einnehmen soll. Machismo und Krieg auf der einen Seite wechseln sich ständig ab mit Gefühlen des Mitleidens und des Schmerzes. Insgesamt jedoch bleibt alles sehr oberflächlich und konventionsgebunden, so wie man es aus Kriegsfilmen kennt. Es ist so, als ob Paolo Giordano einfach nur eine beliebige italienische Militärbasis in Afghanistan, die dann zu einem kleinen Einsatz kommt, beschrieben hätte und ein paar zusätzliche private Informationen über die Soldaten, die dort zum Einsatz kommen, geliefert hätte. Insgesamt bin ich von diesem Roman sehr enttäuscht, weil er nur aus situationsbedingten Beschreibungen besteht, die obendrein sehr dürftig, langweilig und vulgär ausgefallen sind. Schade, denn sein erster Roman hat mir sehr gut gefallen. Da seien die Romane von Khaled Hosseini, bis auf Traumsammler: Roman, der auch eher dürftig ausgefallen ist, empfohlen.


Der Streik
Der Streik
von Ayn Rand
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 39,90

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Plädoyer für die Benutzung unseres Verstandes, 11. März 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Streik (Gebundene Ausgabe)
Der Roman „Der Streik“, geschrieben in den 1950er Jahren von der nach Amerika ausgewanderten Russin Ayn Rand, ist einen Playdoyer für einen radikalen, vielleicht auch romantischen Kapitalismus. Die Geschichte spielt in Amerika, von Colorado bis New York. Industrielle Magnaten, die aufgrund eigener Leistung reich geworden sind, wie Hank Rearden, welcher Stahl für Eisenbahnschienen unter anderem, produziert, oder Dagny, die Hauptprotagonistin, die eine Eisenbahngesellschaft leitet, werden gezwungen, ihr Hab und Gut, ihren Reichtum und zum Schluss auch ihren Verstand, in den Dienst aller, in den Dienst der Schwächeren und Ärmeren zu stellen. Ihr Egoismus, der darin besteht, eigene Leistung zu erbringen und dafür mit Geld belohnt zu werden, wird von den übrigen, sich in Machtpositionen befindenden Denkern, als negativ dargestellt. Kommunismus gegen Kapitalismus heißt in diesem Roman die Devise und am Ende wird gezeigt, dass ohne Arbeits- und Verstandeseinsatz die materielle Welt zusammenbricht. In New York geht am Ende des Romans das Licht aus, die Eisenbahn bricht zusammen, die Menschen werden zu primitiven Barbaren ohne Bleibe.

Grundsätzlich gebe ich Ayn Rand Recht – sie hat hier einen sehr wichtigen Text geschrieben, den jeder einmal durchlesen sollte. Diesen Überlegungen fehlt es jedoch an etwas ganz Wichtigem: Der Verstand kann und muss auch der „Liebe“ willen benutzt werden. Der Mensch ist ein fühlendes, sensibles Wesen, weil er sterblich ist und um seine Sterblichkeit weiß. Liebe, Musik und schöne Künste bringen ihn dazu, eine Ahnung von der Ewigkeit zu bekommen, eine Ahnung zu bekommen, dass es mehr als dieses sterbliche Leben und als Materie gibt.

Es gibt für mich einige Probleme, die sich aus einer Lebenseinstellung wie dieser hier im Buch propagierten ergeben: Wenn jeder selbstverantwortlich seinen Egoismus ausleben muss, dann verweigert der eigene Stolz eine gute Zusammenarbeit. Denn keiner will dem anderen unterstehen, das ist ein Naturgesetz. Der, der gefressen wird, wird in der Natur auch davonlaufen und sich dagegen wehren, falls er das kann.
Selbsterkenntnis reicht nicht, um sich zufrieden zu geben und sich einzufügen. Sich einzufügen bedeutet eben, nicht selbstverantwortlich zu sein, den anderen die Macht über das eigene Leben zu geben. Das will und kann kein Mensch und wenn es die meisten tun, dann aus berechnenden Gründen. Wenn sich jedoch nur selbstverantwortliche, leistungswillige Menschen begegnen, dann werden diese unterschiedliche Leistungsansprüche und unterschiedliche Meinungen vertreten. Deshalb gibt es ja in Amerika und überall in unserer kapitalistischen Welt so viele Gerichtsklagen, denn jeder pocht auf sein Recht und das auch zu Recht, aber ist das wirklich erstrebenswert? Ein wirklich selbstverantwortlicher, leistungswilliger Mensch muss sich unweigerlich mit seinem Wesen als Mensch auseinandersetzen, dann wird er vielleicht erkennen, dass er auch andere Bedürfnisse hat, als nur zu Arbeiten und Geld zu verdienen zum Beispiel. Kreativität braucht eine gute Portion an Liebe und Geduld. Und genau da liegt der Widerspruch auch in dem Roman von Ayn Rand, denn die Protagonistin und auch jene, die sich für eine absolute egoistische Leistungsgesellschaft einsetzen, wo jeder seinen eigenen eigennützigen Interessen nachgeht, verlieben sich oder brauchen die Zustimmung von anderen Menschen, bilden selbst eine Gruppe von Gefühlswesen, die sich zusammentun um gegen andere Gruppen zu agieren. Die Protagonistin gibt sich drei Männern hin und ist mehr oder weniger von ihnen abhängig. Die wirkliche Befriedigung ihrer Arbeit findet in diesem Gefühl der Liebe, des vom anderen akzeptiert Werdens und der Gemeinsamkeiten mit Gleichdenkenden statt. So einfach ist es also nicht, es reicht nicht zu sagen, man bräuchte nur seinen Verstand einzusetzen und auf ein Ziel zuzuarbeiten, dass man sich selbst gestellt hat. Das reicht nämlich dem Verstandesmenschen auch nicht. Der Mensch ist kein Eremit, ob er will oder nicht, und auch kein Übermensch und auch kein Gott. Die Zerrissenheit zwischen Individuum und Gesellschaft ist ja auch ein Problem und schlussendlich schafft es Ayn Rand nicht dieses Problem zu lösen, denn die Großindustriellen, die von einem einzelnen Menschen entführt werden, bilden wieder eine Gemeinschaft, wo Liebe eine große Rolle spielt, Liebe zu sich selbst, Liebe zu den anderen. Ayn Rand schafft es mit diesem Roman nicht, über den Narzissmus, wie er heute schön in unserer Gesellschaft ersichtlich ist, zu gelangen.
Ayn Rand hat keine Kinder gehabt, das wundert mich nicht, denn jeder, der Kinder hat weiß, dass Kinder nicht für sich selbst leben können. Sie geht auch nicht auf das Problem: Krankheit, Unfälle und Alter ein. Das heißt, der Verstand kann nur von einem gesunden, erwachsenen Menschen eingesetzt werden, nicht von allen Menschen eben. Der Verstand ist keine universale, jedem gegebene Eigenschaft, der Verstand bildet sich erst mit der Zeit im Menschen aus und kann ihn auch wieder verlassen, im Alter, in der Krankheit, in starken Gefühlsregungen usw. Deshalb ist diese Theorie unvollständig und die Idee, dass der radikale Kapitalismus die einzig moralische Art ist, wie der Mensch leben soll, auch nicht der Weisheit letzter Schluss.
Rand spricht öfter von der positiven Eigenschaft des Stolzes, da muss ich ihr vehement widersprechen. Der Stolz führt zu Entzweiung und zum Krieg. Sobald ich stolz bin, habe ich aufgehört mich in Frage zu stellen und zu lernen. Und ein Mensch ist viel zu dumm, als dass er nicht das ganze Leben zu lernen hätte. Stolz ist nur jemand, der keine Ziele mehr hat, der nicht mehr wachsen will, der sich faul zurücklehnt und mit Gewalt Lorbeeren für seine Anstrengung ernten möchte. Deshalb finde ich Stolz zu haben oder stolz auf etwas zu sein, nicht unbedingt erstrebenswert. Es kommt darauf an, wie man seinen Stolz auslebt, er ist nur gut, wenn man ihn dafür heranzieht, ein Stückchen seines Weges weiter zu gehen

Heute ist dieser Roman deshalb wichtig, weil der Dienstleistungssektor vielleicht doch nicht so das Beste für das Leben auf dieser Welt ist. Überproduktion ist schädlich, das wissen wir bereits, aber ist es nicht auch schädlich, eigene Ideologien und Wünsche unter dem Deckmantel „Nächstenliebe“ und „Rechtsanspruch“ zu kaschieren, um diese eigenen Wünsche zu befriedigen? Jedenfalls bleibt wirklich nur der Hausverstand um solche Probleme zu lösen. Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch in seiner jeweiligen Entwicklungsstufe weiß, was gut und was schlecht ist und zwar weil er es am eigenen Körper und der eigenen Seele fühlt. Der Schmerz ist ein Signal, dass der eingeschlagene Weg falsch ist. Dass man nicht umsichtig genug mit sich selbst umgegangen ist. Hat man vielleicht zu viel oder zu wenig gewollt? Ich kann Schmerzen zwar in Kauf nehmen, wenn ich etwas unbedingt erreichen will, aber dann muss mir auch klar sein, dass kein anderer Schuld an meinen Schmerzen hat, als ich selbst. Schuldzuweisungen sind nichts anderes als der Versuch, seinen eigenen Verstand nicht mehr benützen zu wollen, sich gehen zu lassen, zu hoffen, man könne dadurch etwas für sich gewinnen. Dabei verliert jeder, der einem anderen die Schuld gibt, egal ob auf individueller oder gesellschaftlicher Basis. Schuldzuweisungen führen zu Krieg und Zerstörung. Die christliche Religion, die darauf aus ist, dass sich der Mensch selbst anklagt und mit einer Erbsünde geboren ist, dass der Mensch von Anfang an schuld ist, hat natürlich den Menschen verbogen und schäbiger gemacht, als er ist. (Kant sagte bereits: „Aus so krummem Holze wie der Mensch geschnitzt ist, kann nichts gerade gebogen werden.“). Deshalb sind wir heute Nihilisten, deshalb stehen so viele auf den Buddhismus, auf die Negierung des Selbst, wobei ich nicht finde, dass das die Lösung ist. Für mich persönlich ist die Lösung eine Mischung aus diesem Roman und eben meinen eigenen Gedanken, ist es die Verantwortung für das, was mein Leben ist, für das, was ich denke und tue, auf mich zu nehmen und ständig zu überprüfen, wo mein innerer Kern liegt und wo er liegen sollte.
Dieser Roman schmerzt zum Teil, denn, wenn ich ehrlich bin, kann ich mich in vielen gut begründeten Anklagepunkten wieder finden, in jenen Punkten, denen ich vollkommen zustimmen muss, die ich jedoch aus Schwäche und vielleicht auch aus Dummheit nicht gesehen oder nicht befolgen konnte. Deshalb ist der Roman ein harter Schlag in meinem Gesicht und ich finde es aber gut meiner Verweichlichung zu entkommen. Das Leben ist rauh, zum Teil genauso hart, aber ich finde es mittlerweile wirklich schade, wenn Zerstörung und sogar Aufbau aufgrund nichtiger Ursachen und Zielsetzungen geschehen. In diesem Roman konnte ich für mich den sinnvollen Gebrauch von Härte herauslesen, vieles davon versuche ich im Leben seit jeher zu befolgen. Härte ist gut, aber nicht sinnlos zerstörerische Härte. Weichheit ist auch gut, aber darf ein gewisses Maß auch nicht überschreiten.

Eine Schwierigkeit in diesem Roman ergibt sich für mich auch in der Frage nach der Unterscheidung und Trennung von Verstand und Gefühl. Wenn das so einfach wäre – wie Kant es in seinen Schriften versuchte darzulegen – dann gebe es in der Welt unter den Menschen überhaupt keine Probleme. Aber so einfach ist es nicht. Wir wissen nicht, ob unser Leben bereits im vornhinein determiniert ist. Also ich denke, dass unser Leben dann im Vornhinein determiniert ist, wenn man es mit dem ganzen Sein – dazu gehört auch eine große Portion Gefühl dazu – in Gedanken erfasst. Je größer der Verstand, desto größer der Kampf gegen die Gefühle, aber der Kampf ist da, es geht nicht ohne. Der Verstand kann sich ohne Gefühle gar nicht bilden, das ist meine Meinung. Wichtig ist es zu erkennen, dass Gefühle einer Verstandesprüfung unterzogen werden müssen, und die Realität, die Wirklichkeit, das A=A eignet sich dazu bestens. Leben heißt, sich den eigenen Gefühlen zu stellen, sich sogar welche einzubilden, um zu größerem Verstand zu gelangen.
Aber darüber hinaus gibt es noch ein Drittes: und das ist die eigene Entscheidung, eine Art eigene Wirklichkeit, eine Wirklichkeit, die nur dem Menschen vorbehalten ist. Durch meine Entscheidung – wenn diese meinem determinierten Leben entspricht – gelange ich zur Einsicht, dass ich zwar frei entscheiden kann, dass mein Leben aber vorbestimmt ist. Dass ich das Leben richtig lebe, wenn ich in diesem Bewusstsein mich frei zu entscheiden lebe und sehe, dass die freie Entscheidung zur Determination führt. Eine Entscheidung, zum Beispiel, friedvoll zu leben, führt dazu, seinen eigenen, ganzen Lebensentwurf bis weit in die Zukunft hin zu sehen. Diese Entscheidung ist punktuell, das bedeutet, eine fixe Entscheidung, die sich nicht verändert, die aus dem Chaos der unendlichen Möglichkeiten herausgegriffen wird, die sich aber auf das ganze Dasein ausbreitet, wenn man konsequent und kraftvoll darauf beharrt. Die Entscheidung wird aber primär aufgrund von Gefühlsregungen getroffen und nicht mit dem Verstand. Ich glaube Gefühle und Verstand bedingen einander, das Gefühl kann erst dann ausgelöscht werden, wenn genug Verstand da ist. Wenn jemand versucht, vor der Bildung des Verstandes durch die Gefühle, die Gefühle auszublenden, dann weiß er nicht, dass das Gefühl und nicht der Verstand ihn leitet.


Philosophie des Lebens
Philosophie des Lebens
von Peter Engelmann
  Broschiert
Preis: EUR 28,00

5.0 von 5 Sternen „Das Leben ist ein Prozess“. So lässt sich „leben“ nur „halb ausdrücken, verworren ausdrücken, unstimmig ausdrücken.“, 23. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Philosophie des Lebens (Broschiert)
Francois Jullien (geboren 1951) studierte Chinesisch in Beijing und Shanghai, sowie ostasiatische Sprachen und Literaturwissenschaft. Seit 2004 lehrt er an der Universität in Paris klassische chinesische Philosophie und Ästhetik. Er gilt als großer Kenner der gegensätzlichen Philosophien, des chinesischen und des westlich geprägten Gedankenkomplexes. Zu diesem besonderen Thema schrieb er ein Buch: Der Weise hängt an keiner Idee: Das Andere der Philosophie.

Was ist Leben und wie kann „leben“ in Worte gefasst werden? Mit diesen zwei Fragen beschäftigt sich der Philosoph in diesem Buch. Er reicht in die Gedankengänge der ältesten Philosophen hinein, Platon, Sokrates und Augustinus, aber auch der neueren wie Hegel und Kant. Ihre Philosophien stellt er oft neben oder gegenüber dem Taoismus und zum chinesischen Denken im Allgemeinen. Sehr interessant sind die sprachlich bedingten Vergleiche. Im Chinesischen zum Beispiel gibt es gar kein Wort für „Sein“, denn für die Chinesen entwickelt sich alles allmählich und nichts kommt zu einem Abschluss.

Begonnen wird mit der Betrachtung des Zeitbegriffs. Hierfür nimmt Jullien unter anderem Augustinus Verständnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zur Hilfe. Die Zeit stellt für das Leben ein großes Problem dar, denn wir Menschen neigen dazu, das Leben in der Gegenwart zugunsten eines Lebens in der Vergangenheit oder Zukunft zu vernachlässigen. Der Autor bemängelt hier das „Aufschieben“ des Lebens auf die Zukunft, dieses Aufschieben bewirkt, dass man „abwesend-anwesend“ ist. Er zeigt dieses Phänomen gut am Beispiel des Lesens auf:

„Denn die Unterschlagung der Gegenwart geschieht bei jedem Arbeitsschritt und jeder Gelegenheit. Sogar jetzt, während ich lese: Wenn ich lese, besteht die Versuchung zum Aufschieben darin, dass ich wiederlesen kann. Ebenso, wenn ich schreibe: Ich kann es verbessern. Ich verlasse mich darauf: Kaum dass dieser Satz zu Ende ist, kann ich damit von vorne beginnen – und erlaube mir damit eine verminderte, abgeschwächte Anwesenheit bei dem, was ich tue, eine weniger wachsame. Oder, um das Aufeinanderschlagen der Gegensätze wieder ins spiel zu bringen: Wenn ich in diesem Augenblick lese, dabei aber schon mit dem Wiederlesen rechne, bin ich „anwesend-abwesend“. Anders ausgedrückt, ich rechne mit der Tatsache, dass ich etwas nochmals tun kann, um es nicht zu tun; dass ich wiederlesen kann, um nicht zu lesen. Das zweite Mal, das sich abzeichnet, erlaubt, das erste zu überspringen, und so kommt es zu keinem einzigen Mal. Ich warte schon auf den nächsten Satz, damit mir der vorhergehende leichter wird, und verfolge meine Lektüre in einem beständigen Dahingleiten und Vermeiden dessen, womit ich mich auseinanderzusetzen habe.“

Das „leben“ als Tätigkeitswort benötigt einen Moment der Verzögerung und viel Geduld. Diese Aussage scheint zwar widersprüchlich, denn es mutet an, als müsste man auf das Leben „warten“. Genau dieses innehalten und warten macht es möglich, dass das Leben überhaupt zum Vorschein kommen kann:

„Eine Kultur wie die jetzige, die immer mehr vorwegnimmt, sich folglich auf ihre Ziele stürzt und der Faszination der „Echtzeit“ erliegt (die Kommunikationstechnologie nimmt sich dessen an), verkennt diese reichliche Gabe des Verzuges. Nun liegt die Stärke einer Zivilisation – ebenso wie beim Individuum – nur in dem Maß an Verzögerung, das sie ertragen kann; darin, dass eine Generation pflanzen kann (als Versorgungsquelle für die Zukunft), ohne den Anspruch zu haben, selbst zu ernten – ich werde nicht sehen, wie die Eichen, mit denen ich den Hügel aufgeforstet habe, Schatten spenden. Geht es nicht in der Politik genauso?“

Der Autor spielt gern mit der Zusammenlegung von Gegensätzen und zeigt schön auf, dass der Mensch sich in der Spannung dieser Gegensätze wieder findet. In der Abwesenheit ist zum Beispiel Anwesenheit enthalten und umgekehrt – dies auch eine wichtige Botschaft aus diesem philosophischen Werk:

„Denn das Verschwinden ist es, was das Erscheinen bedingt. Die Anwesenheit kann sich nicht selbst erhellen, sie steht im Wege; darum braucht es den Rückzug.“

Ein weiterer Gegensatz ist der zwischen Begehren und Sattheit. Hierfür nimmt Jullien zwei philosophische Bilder von Sokrates und Kallikles zur Hand. Sokrates verglich das Leben des Menschen mit einem leeren Fass. Um Weise und glücklich zu werden, meinte er, müsse man das Fass nur einmal füllen und dann aufhören füllen zu wollen. Kallikles hingegen meinte, dass dieses Fass voller Löcher wäre, weil der Mensch unersättlich sei, und der Hunger immer größer werden würde. Für Kallikles ist ein Mensch, dessen Fass keine Löcher enthielte, bereits tot. Der Taoist hingegen meint, dass man in das Fass „eingießen soll, aber ohne zu füllen, schöpfen, aber ohne zu erschöpfen“. Das Leben spielt sich für Jullien zwischen Begehren und Sattheit ab. Hier stellt er den Begriff des „Zwischen“ auf. Des Menschen Leben, meint er, spielt sich in diesem „Zwischen“ ab, das flussaufwärts strebt. Der Vergleich mit der Atmung ist hier sehr einleuchtend:

„Die Atmung ist es, die wirksam im Mittelfeld hält. Sie gehört immer dem Moment an (kann nicht von vorher oder nachher sein). Demgemäß steht sie beispielhaft für das ein und derselben Zeit angehörige Fassungsvermögen des Lebewesens: Sollte man nicht wirklich das Paradigma wechseln, um aus dieser Enge herauszufinden? Sie, die Atmung, ist es folglich auch, die in der grundlegendsten Weise gegen das Steckenbleiben in der einen oder anderen Position spricht – die europäische Philosophie, das entdeckt man aus gebührendem Abstand, hat nicht daran gedacht, sie zu denken.“

Das Leben muss durch „Unter-haltung“ in Spannung gehalten werden:

„Für uns ist tatsächlich die Zeit der Unter-haltung (entre-tien) gekommen: das heißt buchstäblich die, in der man etwas vom Zwischen (entre) hält, in der man ein Zwischen festhält, in der man weiß', dass ich gerade im Zwischen der Grenzlinien Fähigkeit ausmachen lässt, Wirksames entwickelt. Allgemeiner gesagt, das Leben entfaltet sich gerade in der Eignung dazu, ein Zwischen zu eröffnen; und vor allem zwischen Zukunft und Vergangenheit, die ansonsten, wir wissen es, die Gegenwart auf einen rein mathematischen Punkt reduzieren würden, ohne Ausdehnung, demnach ohne Existenz: die Gegenwart „ist“ streng genommen nicht, sie bewegt sich vorwärts und stemmt dabei Zukunft und Vergangenheit auseinander, staucht die beiden hier und dort zusammen, zu einer unscharfen Grenzschicht. „Unter-haltung“ ist das Konzept, das es zu entwickeln gilt, das vom Technischen auf das Ethische übergehen soll. Ein Querbalken „unter-hält“ (entre-tient) den Dachstuhl, sagt man; er hält ihn zusammen, indem er die Spannung in der Mitte aufrechterhält. Ebenso bedeutet unter-halten (entre-tenir) in Tätigkeit halten, indem man diesen Zwischenbereich verwaltet: die Welt unter-halten (instand halten; daran macht man sich jetzt endlich), Unterhaltung mit den Anderen (die nur aus Worten besteht), Lebensunterhalt (aber wie sollte er sich allein aufs Physische beschränken? Selbst die Atmung tut das nicht). Denn es ist nicht so, dass man vor der Gefahr des Extremen zurückschrecken würde, wenn einmal das Alter der Projekte und Abenteuer vorbei ist, oder dass man wieder vorsichtig weiter in der Mitte herumlümmelt, nachdem man sich an den Glasscheiben gestoßen hat. Nein, sondern man hat verstanden, dass es zu einfach ist, dem Höhenrausch es Endzwecks nachzugeben.“

Ein weiterer Begriff, den Jullien heranzieht, um „leben“ zu erklären ist der Begriff der Vermischung im Gegensatz zum Begriff der Unentschiedenheit (Ambiguität). Bei der Vermischung können zum Beispiel Schmerz und Freude zusammen bestehen, aber jeder für sich kann getrennt betrachtet werden, bei der Ambiguität tendiert der Mensch immer zu einer Seite hin, ohne dass eine Trennung möglich wäre:

„Was ist denn nun dieser (dieses) gar so winzige „Moment“, hier mehr als anderswo im physikalischen statt im eigentlich zeitlichen Sinn aufzufassen, so unmerklich, aber dabei das Bezauberndste, was es für uns zu erleben gibt, in dem wir uns ebenso gut dem Einen wie dem Anderen zuneigen können, Liebe oder Hass, Begehren oder Abscheu? Diesmal nicht mehr, weil der Abscheu aus einem Umschlagen aufgrund von Völle-Befriedigung resultiert, ein Gedanke, der uns bis in unsere Paradiesvorstellung hinein gepeinigt hat; sondern weil hier plötzlich, und sogar in anstößiger Weise, ihre geheime Verwandtschaft zutage tritt; weil endlich der Schleier reißt, der ihre Unentschiedenheit verbirgt. Sades Klugheit in seinem fieberhaften Erzählen besteht darin, dass er diesen Moment aufleuchten lässt, in dem ich nicht etwa beides – Begehren und Abscheu – zugleich und im Widerspruch empfinde, sondern wo das, was ich mit solcher Heftigkeit empfinde oder was mich vielmehr an die grenze treibt, ebenso gut nach einer Seite wie nach der anderen kippen kann, in Richtung Begehren oder Abscheu, was uns plötzlich in dieser Grenzerfahrung die schauerliche Komplizenschaft der beiden enthüllt. Was bleibt da noch, was im eigentlichen Sinn Thema der Ethik sein könnte?“

Interessant war auch die Betrachtung des „Essai“ als einzig mögliche schriftliche Beschreibungsform des Lebens. Montaigne prägte diese Schriftform um zu zeigen, dass „leben“ sich nur im „Versuch“ ereignen kann:

„So gibt es auch nichts in den „maßlosesten Geschichten aus alter Zeit“, gibt Montaigne zu bemerken, was „wir nicht alle Tage versuchen“ – das Alltägliche des Lebens, weiß man wohl, ist reicher las unsere Einbildungskraft. „Versuchen“ heißt experimentieren, aber so, dass man sich nur nach und nach entdeckt, indem man prüft, aber ohne zu belasten, in einer Weise, die sicherlich wohlüberlegt ist, aber doch etwas Improvisiertes an sich behält und sich in dem Maß reflektiert, in dem man vorwärts kommt, auf der Hut vor dem Definitiven. Wenn man „versucht“, entscheidet man unverzüglich darüber, was das Passende ist, je nach dem Stand der Dinge, wie man ein Kleidungsstück anprobiert oder einen Wein versucht; man macht aus jedem Mal das einzige Mal, ohne einen Schatten darüber zu werfen oder dem Ergebnis vorzugreifen: Von jeder skeptischen Position so weit entfernt wie nur möglich, ist „Essai“ forschend, nicht ernüchtert, und bewahrt die Frische – die Unschuld – eines fortgesetzten Neubeginns.

… das Leben bei seinem „Versuch“ zu halten, indem man alles zerbricht, was eine feste Spur zieht, all dem entgegentritt, was verkrustet und voreingenommen macht; kurz, wie Montaigne sagt, „den Fluss unter der Brücke hindurchziehen lassen“.

So lässt sich „leben“ nur „halb ausdrücken, verworren ausdrücken, unstimmig ausdrücken.“

Jullien geht aber in der Beschreibung des Begriffes „Leben“ auch auf Zwischenmenschliches ein, auf das soziale Leben und zieht hierfür die zwei Begriffe „Erkenntnis“ und „Verständnis“ heran, der Mensch ist einmal auf der Seite der Erkenntnis, da befindet er sich flussaufwärts und mitten im „Lebendigen“, einmal auf der Seite des Verständnisses, da befindet er sich im Rückzug, in abwartender Position:

„Leben zwei Liebende unter sich nicht in oder eher mittels einer Beziehung, die mehr aus Einverständnis besteht als aus Erkenntnis? Verbringen sie nicht den ganzen Tag damit, zueinander zu sprechen, ohne einander letztlich etwas zu sagen, was man als Aussage festhalten könnte? „hast du gesehen?“ „Ich weiß, dass… Unter der Banalität des Wortwechsels schöpfen sie neues Leben, indem sie Zustimmung atmen, die zwischen ihnen ist: Der ganze Tag besteht in diesem Augenzwinkern – „Leibesgeschwätz“ nennt es Rousseau. Ich frage mich sogar, ob nicht das ganze soziale Leben (in der Familie, in der Gruppe und sogar im Betrieb) viel mehr Einverständnis voraussetzt, als man glaubt (das heißt Wissen des infra): Worte, die nichts mitteilen und nicht einmal auf etwas abzielen, die aber eine Beziehung in Form der Anhaftung aufrecht erhalten, indem sie die Sphäre des Wortwechsels zu einer „Umwelt“ formen und eher das Envernehmen durchdringen lassen, als dass sie tatsächliche Information übermitteln.“

Zusammenfassend kann man sagen, dass Jullien in diesem Traktat sehr plausibel erklärt, dass Wachsamkeit die einzige Möglichkeit darstellt, das Leben in seiner Fülle zu spüren, Wachsamkeit macht eine vollkommene Anwesenheit im Hier und Jetzt möglich und nicht, wie wir es gewohnt sind, eine Anwesenheit-Abwesenheit.
Julliens Überlegungen zum Begriff „leben/das Leben“ kommen in diesem Textausschnitt gut zur Geltung:

„Anders ausgedrückt, Leben – im Sinne von „das Leben vorwärts bringen“ – wird zwei Dinge in Verknüpfung miteinander implizieren, und eben in dieser Hinsicht ist Leben strategisch: einerseits den Punkt nicht aus den Augen zu verlieren, in dem die Gegensätze zusammenfallen, flussaufwärts, wo sich das eine innerlich mit seinem Anderen austauscht, in diesem grundlegenden Zwischen der Unentschiedenheit – was vermeiden wird, dass man sich vom Einen oder Anderen benebeln lässt, indem man missachtet, wie sehr sie voneinander abhängen; aber andererseits gleichermaßen die Wahl (moralische Wahl, politische Wahl) zu treffen, das Eine eher als das Andere zu entwickeln und sich umso entschlossener in einer Richtung einzusetzen, als man weiß, dass das Andere, das hinterher schleicht, darum doch nicht verschwunden ist. Gleichzeitig die Unvereinbarkeiten neutralisieren, um die Ressourcen freizusetzen, die in diesen Disjunktionen verloren gegangen sind, und die Unterschiede aktivieren, um das Feld des Möglichen weiter voranzutreiben, - weiter zu öffnen.“


Mandelkern: Roman
Mandelkern: Roman
von Lea Singer
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen „Allein Genies seien imstande, die übergroßen Reize umzuleiten in kreative Energie.“, 21. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Mandelkern: Roman (Taschenbuch)
Lea Singer (Pseudonym für Eva Gesine Baur) wurde 1960 geboren und zählt heute zu den renommiertesten weiblichen Schriftstellern Deutschlands. Sie studierte Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft, Musikwissenschaft und Gesang und schrieb bereits zahlreiche biografische Romane über Musiker (z. B. Paul Wittgenstein Konzert für die linke Hand: Roman und Arnold Schönberg Wahnsinns Liebe: Roman, Frauen von Dichtern sowie einige Essays zu unterschiedlichen Themen wie: Glück, Erotik, Liebe, Umgang mit dem Tod. Heute lebt sie als freie Schriftstellerin in München.

Grace Eder, die Protagonistin dieses Romans, ist Neurowissenschaftlerin und Karrierefrau im wahrsten Sinne des Wortes. Sie lebt für ihre Arbeit und ihre Forschungen und führt das typische Leben einer Karrierefrau von heute. Sie hat keine Freunde und nimmt aus Zeitmangel am sozialen Leben nicht teil. Nahe am „Burn Out“ und kurz vor Weihnachten stellt sich Grace zum ersten Mal in ihrem Forschungslabor existentielle Sinnfragen. Bald darauf trifft sie auf eine ältere Dame Namens Lucie, die ihr aus Mitleid ein ganz anderes, schöneres, besseres Leben verspricht. Diese ältere Dame ist jedoch nichts anderes als der kaschierte Luzifer, der ihre Seele haben will. Ab diesem Zeitpunkt wird die Handlung rasant. Grace stolpert von einem Event zum anderen, lernt Leute kennen und lieben, macht Bekanntschaft mit der reichen Glitzerwelt von heute, aber nicht nur: Sie muss sich auch mit ihren früheren Erfahrungen auseinandersetzen, mit der problematischen Beziehung zu ihrer Mutter und mit ihrer Unfähigkeit, Liebesbeziehungen einzugehen. Viele Sätze widmen sich den psychologisch relevanten Erkenntnissen aus der Neurowissenschaft, in dieser Hinsicht ist der Roman sehr lesenswert. Was den Inhalt jedoch betrifft, hatte ich mir mehr und tiefsinnigeres erwartet. An dieser Stelle muss ich einen Roman empfehlen, der sich auch mit einer Karrierefrau auseinandersetzt, viel ausführlicher jedoch innere und äußere Konflikte thematisiert und überdies noch ein breites Spektrum der Gesellschaft und der darin agierenden Individuen bietet: Ayn Rand Der Streik. Der Roman spielt zwar in den Fünfziger Jahren in Amerika, passt jedoch sehr genau in unsere Zeit.

Hier noch ein paar Textstellen aus dem Roman „Mandelkern“:

Grace ahnte, was sie mit diesem Mann bezweckte, wenngleich seine Erscheinung ihr rätselhaft blieb. Aber war es nicht ihr Wunsch, sich vergessen zu lernen? Wie oft hatte sie ihren Mitarbeitern erklärt, sie sollten sich im Kopf frei machen für dass Unerwartete, keine Konturen ziehen, sondern die Unschärfe wahren, in der das Hirn seine Kreativität entfalte. Wieder und wieder predigte sie dieses „fuzzy thinking“, diese „fuzzy logics“. Der Mensch ist dem Computer überlegen, weil sein Hirn die persönliche Note hat, weil er Stilbrüche inszenieren kann. Haben Sie den Mut dazu. Oft passiert genau dann der Durchbruch. Warum also sollte sie nicht den Versuch wagen, sich einzulassen auf diesen Mann in Überformat?

„Mathematisch gesehen gibt es 43 Quintillionen Kombinationen, das ist eine Zahl mit dreißig Nullen.“ Während Grace redete, drehte sie weiter an dem Würfel. „Wenn du alle Möglichkeiten durchprobieren wolltest, wärst du den Rest deines Lebens beschäftigt und müsste dann an Kinder und Enkel übergeben.“ Die zweite Seite des Würfels war bereits einfarbig. Die Hände von Grace arbeiteten geschickt und schnell. „Aber dankenswerterweise findet jeder die Lösung in kürzerer Zeit. Irgendein Student aus Budapest hat es mal in weniger als 23 Sekunden hingekriegt. Das schafft unser Hirn, indem es mathematische Wege radikal abkürzt. Und das hat mit dem Spieltrieb zu tun.“ Friedrich wandte den Blick nicht von ihrem Gesicht, während sie am Würfel drehte. Es sah schattenlos glücklich aus.

War nicht die menschliche Vernunft Wahnsinn, gemessen an göttlicher Weisheit?

Friedrich erinnerte sich daran, dass Grace ihm erst vor Kurzem erklärt hatte es sei ganz einfach, wahnsinnig zu werden in einer Welt, die den Menschen mit Reizen überflutet, denn nur indem das Gehirn das Zuviel an Eindrücken ausblende, gelinge es, das zu bleiben, was als normal gelte. Funktioniere dieser Filter nicht, falle der Mensch dem Wahn anheim. Allein Genies seien imstande, die übergroßen Reize umzuleiten in kreative Energie.
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Bin ich, wenn ich nicht mehr bin?: Ein Physiker entschlüsselt die Ewigkeit (HERDER spektrum)
Bin ich, wenn ich nicht mehr bin?: Ein Physiker entschlüsselt die Ewigkeit (HERDER spektrum)
von Markolf H. Niemz
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

12 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen „Die wichtigste Botschaft der Sterbeforschung: Fühlen und Lernen sind der Sinn des Lebens.“, 20. Dezember 2013
Niemz behandelt in diesem Buch ein großes Thema: den Tod. Dieser wird erklärt aus der Sicht der Physik, das heißt, wie viele andere Physiker und Philosophen derzeit, versucht Niemz physikalische neue Erkenntnissen, wie Quantenphysik und Relativitätstheorie auf des Menschen Dasein zu projizieren und daraus Erkenntnisse über Leben und Tod, über Sinn und Zweck zu gewinnen. Meiner Meinung gelingt ihm das nicht so gut wie anderen Physikern, allen voran Hans Peter Dürr Geist, Kosmos und Physik: Gedanken über die Einheit des Lebens und die Brüder Bogdanov Gott und die Wissenschaft, denn vieles in diesem Buch ist Spekulation und oberflächliches Gerede, das schließlich zu esoterischen, fundamentalistischen Schlüssen führt. Es ist zu wenig Bescheidenheit in diesem Buch vorhanden und die Wahrheiten, zu denen Niemz persönlich gelangt, werden zum Teil nicht mehr in Frage gestellt. Das Buch erinnert mich sehr an das Buch von Jörg Starkmuth Die Entstehung der Realität: Wie das Bewusstsein die Welt erschafft. Die Verbindung von Physik und Spiritualität ist meiner Meinung nach nicht machbar, ohne zu Fehlschlüssen zu gelangen oder zu Fragen, die sehr vorsichtig und langwierig behandelt werden sollten bzw. im regen Austausch mit anderen Wissensgebieten. Niemz, wie Starkmuth, gelangen jedoch zu ihren eigenen Schlüssen und nehmen diese als letzte, nicht mehr in Frage zu stellende Wahrheiten her, mehr noch, sie wollen um jeden Preis, ihre Leserschaft davon überzeugen, dass sie etwas über die letzten Dinge wie den Sinn des Lebens oder über den Tod und das danach, verstanden haben. So einfach oder so kompliziert, wie es hier dargestellt wird, ist das aber nicht.
Es ist in diesem Buch viel die Rede über Nahtoderfahrungen und über Licht und Lichtgeschwindigkeit in diesem Zusammenhang. Niemz will darauf hinaus, dass Leben und Tod eine Ganzheit bilden, und man diese auch mit Gottes Hilfe oder mit Gottes Glauben erkennen kann. Alle schlechten, negativen Dinge und Naturkatastrophen, die in der Welt geschehen, haben seiner Meinung nach einen Sinn, denn alles gehört mit allem zusammen. Dass sich die Seele nach dem Tod mit Lichtgeschwindigkeit bewegen wird, ist eine feste Überzeugung des Autors und passt für ihn auch mit der Nahtoderfahrung zusammen, weil dort viele Menschen berichten, dass sie sich in einem Tunnel mit Lichtgeschwindigkeit bewegen. Was mich stört ist, dass Niemz Begriffe wie Gott und Seele nicht näher erläutert, er nimmt sie als gegeben und benützt sie für seine eigene Theorie. Man kann meiner Meinung nach Gott oder die Seele nicht als eigenständiges Ding betrachten und diese Begriffe einfach wie zwei Bauklötze oder zwei Steine behandeln. Wenn sich die Seele, wie Niemz behauptet, durch Liebe und Lernen mit Inhalt füllt, und das Jenseits aus „allen Seelen, also aus aller Liebe und allem Wissen“ besteht, dann möchte ich schon nachfragen, wie er zu so einem Schlusspunkt gelangen kann. Wie er selbst betont, sind körperlich-sinnliche Erfarhungen nur im Leben möglich, es kann deshalb nicht sein, dass der Mensch im Leben die Seele mit einem Vorrat für das Jenseits füllen kann, denn der Schluss wäre dann, dass man im Jenseits nur das mitnimmt, was man im Leben in der Seele aufgrund von Wissen und Liebe angehäuft hat. Wissen und Liebe widersprechen sich jedoch, denn Wissen hat etwas mit Differenzierung und Trennung zu tun, Liebe jedoch, mit einem Gefühl für die Ganzheit.

Wissenschaft entsteht oder besteht aus Differenzierung, mich wundert es nicht, dass Niemz das Bedürfnis nach Ganzheit hat, denn dieser Gegensatz ist in meinen Augen lediglich ein Fluchtversuch aus seinem mühsamst konstruierten Weltbild. Wie Wittgenstein bereits sagte, dient die Wissenschaft als eine Art Leiter, wenn man ganz oben ist erkennt man, dass die grundsätzlichen Fragen jedoch in keinster Weise gelöst sind und das ist meiner Meinung der Grund, warum Niemz jetzt unbedingt zu einer Lösung dieser grundsätzlichen Fragen gelangen will. Der Nachteil an diesem Buch ist einfach, dass das Denken von Niemz zu Trugschlüssen führt, weil der Autor viel zu schnell zu einfachen Lösungen gelangen will. Buddhismus, Hinduismus und Christentum erfahren heute einen Synkretismus, sie werden vermischt und man versucht dadurch ein neues Weltbild zu schaffen, wie es hier Niemz versucht. Das entspricht zwar unserem Zeitgeist, ob das der Wahrheit letzter Schluss ist, ist die andere Frage.
In diesem Buch sind zwar einige nachdenkenswerte Sätze enthalten, aber wie gesagt, Niemz gelangt zu voreiligen Schlüssen, die dadurch zur Unglaubwürdigkeit führen bzw. nicht generell und objektiv richtig sind. Ansonsten könnte ich auf der Stelle behaupten, dass die Seele sich aufgrund von Sprachkenntnissen erweitert und einen ganzen Gedankenkomplex aufgrund meiner besonderen Sprachkenntnisse aufstellen. Das wäre höchst subjektiv und ginge dann von meinem persönlichen Ich, meinen persönlichen Erfahrungen, meinem persönlichen Wissen aus. Deshalb stören mich Autoren, die versuchen, eine selbstbewusste allgemeingültige Antwort auf Fragen zu geben, die höchst subjektiv sind. Wo bleibt die Dialogbereitschaft und das „Sich-selbst Infragestellen?“
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 18, 2014 11:07 AM MEST


Böse Philosophen: Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung
Böse Philosophen: Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung
von Philipp Blom
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,90

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen „Die Wissenschaft ruft dich überall und sagt „Sieh her!“, 7. Dezember 2013
Anhand eingehender biografischer Beschreibungen zeigt Bloom in diesem höchst interessanten Buch, dass die radikale Aufklärung etwas ganz anderes ist als die rationalistische, gemäßigte Aufklärung. Der Inhalt dieses Buches lässt sich ganz gut an diesen zwei Textstellen aufzeigen:

„Beide (Diderot und Holbach) lehrten, dass die Welt aus nichts weiter bestehe als aus zahllosen Atomen, die auf unendlich komplexe Weise zueinander in Beziehung stünden. Darüber hinaus gebe es nichts: keinen inhärenten Sinn, keinen höheren Zweck des Lebens als das Überleben selbst. Während rationalistische und gemäßigte Aufklärer wie Voltaire glaubten, dass es einen Gott geben müsse, einen großen Uhrmacher, der den Mechanismus der Welt geschaffen haben, waren Holbachs Freunde (oder doch die meisten von ihnen) längst überzeugt, dass die Welt nicht geschaffen worden war, sondern sich durch Zufall und natürliche Auswahl entwickelt hatte, ohne die lenkende Hand einer höheren Intelligenz, eines höheren Wesens.“

„Während die Philosophie den Menschen lange als Vernunftwesen betrachtet hatte und die Vernunft selbst, als dem Göttlichen verwandt, als höchste Qualität des Menschen, argumentierten die radikalen Aufklärer, dass das menschliche Wesen ganz andere Prinzipien gehorche. Die Natur drücke sich durch starke und blinde Leidenschaften aus, die eigentlichen Antriebskräfte des Daseins. Sie könnten mittels Vernunft vielleicht gelenkt werden, so wie Segel ein Schiff durch die unwiderstehlichen Winde und Strömungen eines Ozeans steuern, aber die Vernunft stehe immer an zweiter Stelle, sei schwächer als die Passion.“

Das Leben und Denken der großen Aufklärer, allen voran Denis Diderot, Baron d’ Holbach, Jean Jacques Rousseau und Voltaire werden genau und doch für den Leser unterhaltsam und nachvollziehbar beschrieben. Die negative Kritik über dieses Buch, die meint, der Autor ließe seinen Präferenzen für d’Holbach zu ungunsten von Rousseau einen zu breiten Raum zu, stimmt nur zum Teil und kann durch die positive Kritik entkräftet werden, dass in der Philosophie, wenn bisher von Aufklärung die Rede war, ein wichtiger Teil ausgelassen wurde, eben der Teil, wo es nicht um jene Aufklärung geht, die dann im Romantizismus von Rousseau mündet, sondern um jene, die gerade heute in der Naturwissenschaft erhalten geblieben und zum Teil weiter geführt wird, jene radikale Aufklärung von Philosophen wie Baron Holbach, Diderot und einigen Naturwissenschaftlern wie Buffon und La Mettrie, welche die Welt nüchtern als das betrachten, was sie selbst darüber in Erfahrung bringen konnten, ohne spekulative Aussagen vonseiten religiöser Glaubensvorstellungen oder allzu subjektiv-gefühlsmäßig geprägte Vorstellungen hinein zu interpretieren. Die reine, nackte Naturwissenschaft sozusagen, wird von den radikalen Aufklärern propagiert und vorangetrieben, der einzige Unterschied zu heute besteht darin, dass heute der Begriff der „Leidenschaft“ nicht mit berücksichtigt wird. Rousseau wird ein großer Raum vorbehalten und es finden sich darin nicht nur negative Aussagen, im Gegenteil, die Gegenüberstellung von radikalen und gemäßigten Aufklärern ist dem Autor sehr gut gelungen, ohne dass ich eine Parteinahme bemerkt hätte. Natürlich sind in der Ideengeschichte d’Holbach und Diderot nicht so bekannt wie Rousseau und Voltaire bzw. spielen bei der Geschichtsschreibung eine geringere Rolle, deshalb denke ich, wollte der Autor einfach zeigen, dass diese zwei Denker mindestens genau so wichtig sind und übertrieb vielleicht etwas ihre Größe gegenüber den zwei anderen Denkern. Nichtsdestotrotz gibt es einige positive Bemerkungen über Voltaire und Rousseau:

„Eine mögliche Antwort ist, das Voltaire und Rousseau einfach die besseren Philosophen waren und diese Ehre mehr verdienen. Schließlich war Voltaire der große Verfechter der Menschenrechte und anderer aufgeklärter Ideale, die Verkörperung des Kampfes zwischen Vernunft und Aberglauben, und schließlich wird Rousseau noch heute als die Stimme der menschlichen Freiheit und der radikalen persönlichen Ehrlichkeit verehrt, als ein weiser Freund, der die ganze Gesellschaft in die Freiheit führen kann, als Pionier des Unbewussten und unermüdlicher Erforscher der emotionalen Untiefen unserer Psyche.“

Die Kirche, das Christentum und Fragen um die Theodizee spielen in diesem Buch eine große Rolle und der Autor zeigt auf, wie das Verhältnis und die Beziehung der genannten Philosophen zu theologischen Fragen war und wie sich christlich- religiöse Vorstellungen auf das Leben und Denken der Menschen auswirkte, insbesondere auf Themen wie Sexualität, Freiheit und Identität:

„Anstatt aber nach diesem einfachen und natürlichen Gesellschaftsvertrag zu leben, der es den Menschen möglich macht, ihren natürlichen Instinkten zum allgemeinen Wohl zu folgen, hat die Religion den Menschen eine Moral aufoktroyiert, welche die Triebe der Natur verformt oder zerquetscht. Holbach vergleicht die christliche Moral mit dem Brauch bestimmter peruanischer Inka-Stämme, Säuglingen die Stirn abzubinden, um ihren Schädel zu verlängern. „Man sagt, dass die Wilden den Kopf ihrer Kinder, um ihn abzuflachen, zwischen zwei Bretter einklemmen; auf diese Weise hindern sie ihn, die Form anzunehmen, die ihm von Natur aus bestimmt ist. Fast ebenso verhält es sich mit allen unseren Einrichtungen; sie wirken gewöhnlich der Natur entgegen und hemmen, verändern und töten die Antriebe, die sie uns gibt; sie setzen andere Antriebe, die die Ursache unseres Unglücks sind, an ihre Stelle.“ Solchermaßen infantilisiert und täglich mit Lügen gefüttert, lassen sich die Menschen von Chimären unterhalten und werden daran gehindert, gemäß ihrem eigentlichen Wesen zu leben.“

Einen breiten Raum nehmen auch die Biologie, Chemie und andere Naturwissenschaftliche Gebiete wie die Physik, ein, und beschäftigen sich mit der Frage nach dem Leben, nach dem Lebendigen:

„Leben ist Bewegung, während alles Tote erstarrt ist und nur von außen bewegt werden kann. Einzelne Partikel aber können die Kluft zwischen beiden überbrücken. Marmorstaub kann als Dünger verwendet werden und als Teil der Pflanze selbst zum Leben erwachen und sogar zur denkenden Materie werden, wenn die Pflanze von einem Menschen gegessen wird. Der Mensch ist deshalb nichts als eine vorläufige Organisation von Molekülen, Teil einer endlosen Kette des Daseins.
Das Leben ist ein materielles Phänomen, eine Eigenschaft der Materie, die sogar Persönlichkeit und Gedanken formt, argumentiert Bordeu und zitiert dabei zeitgenössische Fallstudien von Menschen, die aufgrund von Hirnverletzungen bestimmte Aspekte ihrer Persönlichkeit verloren hatten. Die unendlich kleinen Partikel, aus denen ein lebender Körper besteht, folgen einem Organisationsprinzip und ordnen sich selbst zu Organen und Individuen. Wie in einem Bienenschwarm, in dem einzelne Tiere weiterhin individuelle Wahrnehmungen haben, während sie einem allgemeinen willen folgen, verschmelzen sie zu einer Einheit aus vielen Einzelwesen.
Mit diesen Worten kommt Diderot einer natürlichen Grundlage für den inneren Konflikt zwischen rationaler Überzeugung und natürlicher Neigung sehr nahe. Der Geist gibt eine Richtung vor, aber der Körper, der nicht rationale Teil des Selbst, zieht in eine ganz andere Richtung. Mehr noch: Die einzelnen Teile des Körpers machen ständig ihre eigenen Bedürfnisse geltend, wie Julie Lespinasse begreift: „sagen Sie mir also, ob die Isolation verschiedener Teile nicht Menschen von verschiedenem Charakter ergibt? Hirn, Herz, Brust, Füße, Hände, Hoden … Oh, wie das die Moral vereinfacht!“ Wie würden der Hirn-Mann, der Bauch-Mann, der Hoden-Mann handeln? Nach dem Diktat des dominanten Organs. Weil aber alle in einem einzelnen Individuum miteinander bestehen müssen, unterliegt der Mensch zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlichen Einflüssen nicht aus moralischer Schwäche, sondern aufgrund seiner Natur.“

Der schottische Philosoph der Aufklärung und Begründer des Empirismus David Hume wird auch näher betrachtet, denn er ist den radikalen Aufklärern näher als den gemäßigten, wenn er zum Beispiel schreibt: „Nur Erfahrung kann uns etwas über die Welt lehren“.
Als direkter Vorläufer der radikalen Aufklärung wird auch Lukrez benannt und seine Philosophie wird näher erläutert.

Cesare Beccaria (1738-1794), wird als „eine Art Wunderkind der Aufklärung“ im Zusammenhang mit dem neuen Strafrecht erwähnt, das er in seinem Werk zugunsten humanerer und wissenschaftlicher Prinzipien reformierte. Sein Werk „Dei delitti e delle pene“ (Von den Verbrechen und von den Strafen) übte großen Einfluss auf die verschiedenen Länder Europas aber auch auf die Vereinigten Staaten aus.

Neben diesen oben erwähnten Philosophen, kommen eine Menge anderer Denker hinzu wie zum Beispiel Kant, Spinoza und Descartes. Diese detaillierte Geschichte der Aufklärung bereichert insofern, als dass eine neue, breitere, aber auch nicht gewöhnliche Sicht auf das Phänomen der Aufklärung gesetzt wird, und das ist deshalb wichtig, weil die Aufklärung bin in unsere Tage hineinreicht und noch immer nicht zu einem Abschluss gelangen konnte wie Diderots Fragen hier bestätigen:

„Aber wie kann die Vernunft eine Perspektive erlangen, die frei vom Sog der Leidenschaften ist? Wie können wir objektiv abwägen? Wie und warum sind wir selbstkritische Wesen? Wie können wir die Gefühle anderer verstehen und eine theory of mind haben, die es uns erlaubt, die Gefühle und Gedanken von Mitmenschen zu verstehen? Und wenn unsere Vernunft nicht cartesianisch und objektiv ist, sondern Teil unserer individuellen körperlichen Beschaffenheit und wenn verschiedene Menschen zu unterschiedlichen Einschätzungen einer Situation kommen – wie ist es dann möglich, zu einer gemeinsamen Wahrheit zu finden?“

Hier noch einige Textstellen:

Begehren führt oft nicht zum ewigen Glück, sondern zu Verlust, Versagen und Enttäuschung. Wir erfahren unsere Grenzen und unsere Sterblichkeit erst durch das enttäuschte Verlangen, unser Verständnis wird dunkler und tiefer, von Tragödie gezeichnet, wir erkennen unser eigenes Leiden in anderen, die Empathie erwacht. Dadurch können wir uns für die Solidarität öffnen, wir brauchen Freunde und Helfer, bauen Gemeinschaften, erzählen Geschichten, um den Sinn für die Welt zu retten, ihn hineinzuerzählen in unser chaotisches Erleben. Wir erkennen, dass wir alle vor unserer persönlichen Auslöschung stehen, und finden Trost in Freundschaft und Sex, in Kunst und, wie Richard Rorty gesagt hätte, in Ironie.
Diese Prämisse ist es, die unsere postchristliche Welt transformiert und humaner macht. Sie beruht nicht auf Rousseaus Ekel und Schuld und der daraus erwachsenden Hoffnung auf ein besseres Jenseits, sondern auf erotischem Begehren, Empathie und Solidarität. Aus dieser Einsicht entsteht das, was schon Epikur im antiken Griechenland lehrte: der ständige Versuch, die eigenen Leidenschaften zu verfeinern und zu lenken, anstatt sie zu verleugnen, das eigene Glück in dieser Welt zu finden, der eigenen Umwelt so wenig wie möglich zu schaden und so viel Gutes wie möglich zu schaffen.

Der Mensch, schrieb Buffon, muss endlich seinen Platz einnehmen « in der Klasse der Tiere, denen er in jeder materiellen Hinsicht ähnlich ist ». Weit davon entfernt, die Krone der Schöpfung zu sein, seien die Menschen Teil der organischen Welt und unterschieden sich von anderen Tieren nur graduell, nicht aber prinzipiell. Trotz ihrer Errungenschaften seien sie nur ein paar Nuancen entfernt von Affen, Hunden, und Pferden. Schon La Mettrie hatte das behauptet, aber es war noch immer Ketzerei.

Es ist verlockend, menschliches Leiden als Gottes Willen zu interpretieren, aber jede Ungerechtigkeit, jede menschliche Tragödie stellt Gottes Güte, seine Allmacht und seine Allwissenheit in Frage.

„Wenige Menschen haben Zeit, sich selbst zu belehren. So kann zum Beispiel der Arme weder nachdenken noch forschen; er empfängt die Wahrheit wie den Irrtum nur durch Vorurteil.“ Menschen, die ignorant sind, handeln schlecht, weil sie unwissend sind, weil Aberglaube über wissenschaftliche Tatsachen regiert.

Jedes Urteil, das wir fällen, ist subjektiv, auch wenn es einer Notwendigkeit zu folgen scheint. Wie bei Künstlern sind die Produkte unseres Geistes kreative Interpretationen, die individuelle Horizonte und kulturelle Regeln miteinander verschmelzen.

Die Probleme der Menschheit resultierten aus der unglücklichen Tendenz zu ignorieren, was vor unseren Augen stattfindet, und stattdessen haltlosen Spekulationen zu folgen.

Man müsse die Wörter von Volksglauben, philosophischen Irrtümern und falschen Bedeutungen säubern, so wie man einen Schiffsrumpf von Muscheln freikratzt, bis das blanke Kupfer wieder leuchtet. Nur ein so geläutertes Idiom, in dem jedes Wort eine klare, empirische Realität bezeichnet, könne die „reiche und vielfältige Sprache eines zivilisierten Volkes“ werden.

„Törichte Menschen! Ihr glaubt es in eurer Macht zu haben, die Leidenschaften zu ersticken, die die Natur euch eingepflanzt hat! Nein, sie sind Gottes Werk! Ihr wollt diese Leidenschaften zerstören, sie in gewisse enge Grenzen bannen. Wahnsinnige. Ihr gebt euch also für neue Schöpfer aus, die mächtiger sein wollen als der alte?“

„Wir brauchen das Licht der Vernunft, argumentierte Diderot, und wir müssen es gegen jene verteidigen, die versuchen, es auszulöschen. Nur mithilfe der Vernunft können wir uns in dem Dickicht der moralischen Entscheidungen, die uns abverlangt werden, orientieren. In einer kleinen philosophischen Fabel beschreibt der Autor einen Mann, der nur beim Licht einer Fackel einen dunklen Wald durchwandert. Er trifft auf einen Fremden, der ihm rät, die Fackel zu löschen, um besser sehen zu können. „Der Fremde“, kommentiert Diderot trocken, „war ein Theologe.“

Verbrechen sind also das, was eine Gesellschaft an einem bestimmten historischen Moment dazu erklärt.


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