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Beiträge von Gerd Lodenkmper
Rang der Rezensentin/des Rezensenten: 18.789
Hilfreiche Bewertungen:
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Rezensionen verfasst von Gerd Lodenkmper "Pfeffermühle" (München)
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26 von 39 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
Mut zur Intoleranz gegen die Intoleranz, 2. November 2006
Broder verkörpert den Boulevard wie Bild und Spiegel, schrill, immer unterhaltsam, aber eben auch populistisch, also volkstümlich und um Beifall heischend, dafür weniger um Sauberkeit in der Argumentation und um die Sache bemüht - oder auch nur eine Sache und ein bestimmtes Ziel im Auge, das unbedingt durchgesetzt werden muß, koste es, was es wolle. Im Moment will er zur Wachsamkeit gegenüber den Feinden der Freiheit aufrufen, und das sicher mit Recht - wäre er nur nicht so wahllos in seinen Mitteln. Es regt ihn wahnsinnig auf, daß man sich angesichts der Verbrechen des 11. September fragen konnte, was man diesen Menschen getan habe, die sich zu so etwas hinreißen lassen konnten - die hätten doch die Verbrechen begangen, und nicht wir. Das ist nun wirklich Stammtisch. Nach den Motiven von Straftätern zu suchen, gfs. zu forschen, gehört zu den größten Errungenschaften der Menschheit, die man, endlos betrieben u.a. bei Pädophilen, angesichts von Selbstmordattentätern nicht zurückentwickeln wird. Alles andere wäre ein Rückfall in die Barbarei - es hätte nichts mit einer Rechtfertigung ihrer Taten zu tun, wenn sogar Broder sich fragte, was er zu ihrem Haß beigetragen haben könnte, indem er z. B. das unbeirrt anhaltende völkerrechtswidrige Wirken u.a. im Irak vehement verteidigte. Die Amerikaner, unter Vorspiegelung falscher Tatsachen eingeschlichen, haben dort nichts verloren und schon gar nichts zu regeln. Man stelle sich nur vor, eine fernöstliche Macht unternähme Ähnliches etwa auf dem Balkan, weil dortige Konflikte ohne weiteres auf Asien übergreifen könnten wie blauäugig muß man eigentlich sein gegenüber den USA, um diese Art unsäglicher Anmaßung negieren zu können.
Dennoch ist Broders Mut zur Intoleranz gegen die Intoleranz - diejenigen nämlich, die mit den Mitteln der Demokratie eben diese und somit auch die Toleranz zerstören wollen - ein unverzichtbarer Wachrüttler in einer westlichen Welt, in der sich der Papst für das Zitieren eines byzantinischen Textes entschuldigt. Dazu bedarf es weniger der bemüht originellen Vergleiche, die dem Populisten letztlich so schlicht geraten wie sein Amerikanismus. Die deutsche Gleichgültigkeit gegenüber den bis auf winzige Sehschlitze in ihren Burkas vollkommen verschleiert durch Berlin laufenden Frauen mit der toleranten Duldung seiner im Bikini durch Riad spazierenden Tochter verrechnen zu wollen, mag sich witzig anhören, ist aber einfach nur albern. Aber das ist natürlich höchst unterhaltsam, erinnert zuweilen an Harald Schmidt, dessen Meinung man ja auch nicht unbedingt teilen muß, aber halt gern hört, und also bleibt man dran an dem spannend geschriebenen Zeitungsartikel über 160 Seiten, und man kann auch durchweg einiges daraus lernen und setzt sich vor allem mit dem Thema und den geäußerten Ansichten auseinander, auch wenn es einem nicht hundertprozentig gefällt, und das ist sicher schon eine Menge.
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Die Habenichtse
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von Katharina Hacker Gebundene Ausgabe |
| Preis: EUR 17,80 |
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| Verfügbarkeit: Gewöhnlich versandfertig in 3 bis 5 Wochen. |
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63 von 79 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
Wunschkinder - interessanter Roman von uninteressaanten Menschen, 19. April 2006
Die zwischen 1965 und 1975 Geborenen, also die Dreißig- bis Vierzigjährigen, sind das Thema dieses „Romans wie Valium"(kulturnews.de), der zur Zeit auf Platz 1 der Bestenliste des Südwestfunks steht(,bei der es ernsthaft um die besten, nicht die meistverkauften Romane geht, so daß man sich natürlich mit dem Gefühl, etwas Verwerfliches, wenn nicht gar Verbotenes zu tun, daran macht, etwas Gewöhnliches wie eine Kunden-Rezension zu schreiben,).
Um die heute mittelalte Generation geht es also, die schon von Geburt an begünstigt gewesen sein soll - sie waren die ersten trotz Pillenknick Geborenen, beneidenswerte Wunschkinder, die mitten hinein geboren wurden in die von anderen geschaffene Wohlstandsgesellschaft, als es noch nicht die heutigen Probleme gab, ja man noch nichts von ihnen ahnte. Terroristische Ereignisse sollen diese behüteten Menschen völlig fassungslos gemacht haben, ahnungslos, wie sie offenbar durch die Weltgeschichte gelaufen sind, erst recht natürlich Kriege vor der eigenen Haustür - sie hatten noch nicht einmal um die Anerkennung als Wehrdienstverweigerer kämpfen müssen, sondern konnten frei wählen zwischen dem Dienst an der Waffe oder am Krankenbett. Später waren manche dann noch froh, beim Bund unterzukommen, bis der Kosovo auch sie aus ihren Träumen riß.
Es scheint ihnen alles zuzufliegen: Jakob hat zuerst einen Job in Berlin, dann wechselt er in eine Londoner Anwaltskanzlei, wo er die Nachfolge eines Kollegen antritt, der am 11.9.2001 in New York umgekommen ist. Isabelle geht mit ihm, sie kann ihre Berliner Grafikagentur von London genau so gut betreiben. Die beiden waren als Studenten zusammen und haben sich kürzlich wieder getroffen und „wieder" ineinander verliebt, auch wenn so recht niemand, insbesondere der Leser nicht, es mitbekommen hat. Vor dem Umzug, wie praktisch, heiraten sie.
Es wird das Bild zweier Menschen entworfen, denen es, wie es überall heißt, an nichts fehlt, was ein junges Paar braucht. Wirklich? Von ihrem Wohlstand einmal abgesehen, scheinen sie auf jeden Fall über alle Möglichkeiten und Handlungsfreiheiten zu verfügen. Alles ist selbstverständlich, und die Folge ist eine gewaltige Leere.
Sie stehen also im Zentrum des Geschehens, und das ist die Crux dieses Romans: Sie sind langweilige Menschen, es interessiert einen kaum, wie sie leben, was sie denken, womit sie ihren Tag verbringen. Sie haben nichts von dem, was eine Romanfigur braucht. Man verliebt sich halt so, wieso wird nicht wirklich klar, von großen Emotionen merkt man jedenfalls nichts, und wenn man nach London geht, na ja, dann kann man auch heiraten. Nicht einmal prickelnden Sex oder gar etwas wie Erotik scheinen sie zu kennen(„doch war sie diese Nacht bei ihm geblieben, in seinem Bett, schlief noch, als er aufstand, sich hinausschlich, um zum Bahnhof zu fahren"). Sie gewinnen nichts, sie scheinen auch nichts zu verlieren, sie haben keine Kämpfe, also auch keine Siege, keine Niederlagen, aus denen sie gewinnen können, sie haben keine Träume, keine Sehnsüchte, sie haben - nichts, der bissige Titel ist wirklich klasse! Sieht man von ihrem Wohlstand ab, und man merkt, wie unwichtig und banal dieser selbstverständliche Wohlstand ist, wenn er allein steht, fehlt ihnen alles, was ein Leben ausmacht, sogar Trauer, wie man anläßlich eines Sterbefalles beobachten kann. Ratlos und schnell verzweifelt sehen sie zu, wie ihr Leben aus den Fugen gerät. Sie können nicht für sich oder andere sorgen, sie können nicht leben. (Übrigens haben sie alle auch keine Kinder, aber das wäre auch des Lebensinhalts entschieden zuviel gewesen.)
Es macht noch nicht einmal Spaß, ihnen ihre Brieftasche zu klauen, so nachlässig, wie sie sie einstecken, stellt Jim, der Dealer, fest, dessen Geschichte neben der von ein paar anderen glücklicherweise von vornherein eingeflochten wird. Jakob und Isabelle wohnen nämlich nicht standesgemäß in London, was zur Konfrontation mit anderen Teilen der Gesellschaft führt, als die große Langeweile bereits begonnen hat, die Isabelle ziellos - eine Metapher, die sich durch den Roman zieht und für ihr ganzes Leben zu steht - durch London streifen läßt. Es ist die Konfrontation der Teilnahmslosigkeit und Selbstverständlichkeit mit der ganzen Härte der Realität.
Isabelle lernt also Jim kennen, dessen Ausstrahlung sie fasziniert, die direkte Art, seine Muskeln unter dem T-Shirt, auch die Gewalttätigkeit, die er ausstrahlt (und auch ausübt). „Die Art, wie er sie ausfragte, war beinahe rüde", und „einen Moment fürchtete sie, er würde ihr befehlen, sich auszuziehen". Das brauchen die Mädels, was. Sie bekommt die Gewalttätigkeiten in einer benachbarten Familie mit, die ihr Kind Sara schwer mißhandeln, und unternimmt nichts. Sie weiß auch nicht umzugehen mit dem vom Leben gebeutelten Jim, den sie sogar durch eine mitleidlose Denunziation Saras aufhorchen läßt. Sie versagt entsetzlich angesichts des Elends dieses Kindes.
Jakob lernt Claire kennen, für die nichts selbstverständlich ist. Er ist begeistert von ihrer Hoffnung - und verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Beruflich zu tun hat er mit Bentham, einem 66jährigen homosexuellen Juden, der Nazideutschland verlassen mußte, sich in London eine glänzende Kanzlei aufgebaut hat als Anwalt und dessen Ruf als Spezialist für diejenigen Vermögensfragen, die im Deutschland nach der Wende so gefragt waren, bis Berlin bekannt ist, und der aber in erster Linie ein spannendes Leben führt - wie lebt ein Schwuler mit 66 so, da wird sogar Jakob neugierig, wie hält er es mit der Liebe. Tja, das ist eine Biographie, kein Wunder also, daß Jakob Bentham bewundert für sein Leben, der sich dabei einen kritischen Abstand zu seinen Mandanten, die aus ihrer Rechtsverfolgung einen Selbstzweck machen, bewahrt hat und sie brillant durchschaut. Es seien die wohlhabenden Leute, die sich um ihren Besitz sorgen, sie wollen keinen Vergleich, keine Entschädigung, einsame Leute oft, und die Verfahren ziehen sich hin, um die es ihnen augenscheinlich nur vordergründig geht - sicher einer der Hauptgründe für die sich häufenden Verfahren vor deutschen Gerichten. Besitz ist ein Modus des Verlustes, wir tun nur so, als verliehe er uns Stabilität und Dauer, sagt er.
Vielleicht liegt es am spröden, unsinnlichen Stil, den langen, zerhackten Sätzen, daß die Lektüre manchmal etwas zäh ist, aber wer mit der Art der Darstellung und dem Stil klarkommt, wird die Geschichte gespannt bis zum Ende verfolgen und den zur Zeit besten Roman zumindest als Porträt einer bestimmten Gesellschaftsschicht schätzen lernen.
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3 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
Superspannung oder einfach nur ärgerlich?, 11. April 2006
Wer auf spannende Unterhaltung steht, ohne Hintersinn und vor allem ohne Psychologie (im Gegensatz zu den vollmündigen Ankündigungen gibt es die hier nämlich nicht), wird das Buch vermutlich verschlingen. Wem es aber mehr auf die Schilderung lebensnaher Konflikte, vielschichtiger Charaktere, die mit dem wirklichen Leben was zu tun haben könnten, und komplizierter, nicht allzu einphasiger zwischenmenschlicher Probleme ankommt und dabei auch noch Wert auf so etwas wie Stil legt (auch Leser sog. anspruchsvoller Literatur mögen gern mal einen Krimi), wird sich schnell mit Grausen abwenden, zumal die offenkundigen Tricks, mit denen gearbeitet wird, arg auf den Nerv gehen, weil sie so durchschaubar sind (sobald es spannend wird, wechselt der Schauplatz, z.B.) und die gesamte Handlung erkennbar konstruiert ist - das ist sie in einem guten Roman auch, man merkt es aber nicht. Interessant übrigens, dass die stilistischen, ich meine erheblichen Schwächen (teilweise ist es sprachlich sehr dürftig) auf den ersten ca. 30 Seiten ausbleiben, bis dahin ist es wohl - für die Probeleser in den Buchhandlungen - ordentlich lektoriert worden. Aber klar, das Buch ist spannend, und, wenn auch an den Haaren herbeigezogen, spektakulär, und es findet seinen Absatz, da kann die Autorin nachsichtig lächeln über solche Einwände. Schwierig ist es, so ein Buch zu bewerten, für die einen ist es sicher fünf Sterne, für die anderen keinen wert. Ich habe mich für zwei entschieden, die ersten 50/60 Seiten fand ich so schlimm nicht.
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Der lange Regen
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von Peter Gadol Taschenbuch |
| Verfügbarkeit: Derzeit nicht verfügbar. |
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
Zunächst ein Ereignis, zum Ende mehr ein Ärgernis, 11. April 2006
Gadol beschreibt zunächst sehr einfühlsam und vor allem auch spannend seinen Helden, einen Rechtsanwalt, der fasziniert ist von den Weingütern in der Nähe auf dem Land und nach einem anderen Leben sucht. Sehr eindringlich die langen Fahrten, die sein Suchen symbolisieren. Stundenlang fährt er ruhe- und ziellos durch die Gegend, „vor sich nichts als die Straße". Sehr schön wird die Stimmung wiedergegeben, die solche Fahrten, gerade auch bei Landregen, ausmachen. Selbst der Weinanbau und besonders natürlich das Drumherum werden lesenswert dargestellt und das Lesen macht großen Spaß. Aber dann passiert ihm dieser Unfall, und im Grunde von dem Zeitpunkt an verkommt das Buch nach und nach zum Durchschnittsthriller(,den aber möglicher Weise mehr Leser gerade haben wollen, was weiß ich). Zunächst ist man noch beeindruckt von dem Pech, das über ihn kommt, sehr raffiniert ist auch der Schachzug, daß es ihm, dem Verursacher des Unfalles, gelingt, ausgerechnet von dem zu Unrecht Beschuldigten zum Verteidiger bestellt zu werden. Das ist doch schon reichliches Spannungspotential, natürlich will er auf diese Weise nicht nur seiner Schuld entkommen, er will dem Unschuldigen auch wirklich helfen. Aber in der Folge rutschen wir immer mehr und bald ganz in eine Räuberpistole ab. Das sich ständig wendende Chaos am Schluß ist dann schon nicht mehr glaubwürdig und im Grunde nur noch peinlich. Schade! Leider ist das Buch typisch für im Grunde gute Ideen, die aber für meine Begriffe vertan werden durch viel zuviel Action und überflüssige Dramatik zum Ende hin. Aber immerhin 3 Sterne, weil es sich zuvor wirklich zu lesen lohnt, und manch einer steht ja vielleicht auch mehr auf diese Action und meines Erachtens völlig überzogene und nicht mehr authentische Dramatik.
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Wir töten Stella
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von Marlen Haushofer Gebundene Ausgabe |
| Verfügbarkeit: Derzeit nicht verfügbar. |
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14 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
Nichts ist, wie es scheint - ein phantastisches Buch, 10. April 2006
Es geht um mehr als um das Scheitern einer Frau, es ist eine eindringliche Warnung vor der Inaktivität, der Teilnahmslosigkeit auch bei subtilen, nicht offenbar werdenden Handlungsweisen - es muß nicht erst jemand erwürgt werden, bevor man eingreifen muß.
Am beeindruckendsten ist die Konsequenz, mit der die Novelle durchweg auf zwei Ebenen angesiedelt ist. Es geht immer um etwas anderes, als es scheint, als die oberflächliche Handlung vorgibt, d.h. natürlich, den handelnden Menschen geht es immer um etwas anderes als sie vorgeben, und die Ehefrau, die das alles durchschaut, macht - leidend - gleichwohl alles mit, und dadurch macht sie sich mit-schuldig. Daher auch die Niederschrift, zu der sie die Zeit nutzt, als ihr Mann mit den Kindern zur Mutter gefahren ist. Also auch jetzt, nachdem alles geschehen ist, braucht sie die Abwesenheit ihres Mannes, um wenigstens einmal alles niederzuschreiben. An irgendwelche Konsequenzen aus dem Schrecklichen, was passiert ist, ist immer noch nicht zu denken. Sie läßt ihren Mann (und sich) einfach über das Geschehene, Unglaubliche hinweggehen und versucht ihr Gewissen durch die Niederschrift zu beruhigen.
Ein durchweg subtil geschriebenes Buch, das still, aber unheimlich, immer unheimlicher daherkommt und das Grauen in den eigenen vier Wänden geißelt. Das Nichtstun macht vor nichts halt, egal, was passiert. Solange man den Schein wahren kann,ist mancher bereit, geradezu alles hinzunehmen. Hinter den Zeilen lugt der Schrecken hervor - keine vordergründige Spannung, es „passiert" nicht viel, was offensichtlich wäre. Ein phantastisches Buch, aber sicher nichts für Charlotte-Link-Fans!
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Das blaue Zimmer
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von Georges Simenon Broschiert |
| Verfügbarkeit: Derzeit nicht verfügbar. |
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
Menschliche Abgründe, sein ganz spezielles Thema, 10. April 2006
Schon auf den ersten Seiten wird klar, worum es geht. Tony lebt seine Leidenschaft gemeinsam mit Andrée aus, seine Frau Gisèle jedoch, die Mutter seiner Tochter, die mit ihm durchs Leben geht, liebt er. Er freut sich auf Zuhause, man verbringt die Abende gern miteinander, ob man nun in den nächsten Ort ins Kino fährt oder einfach der Natur zusieht, wie sie den Tag zur Nacht macht. Seine Frau hat ihn nicht enttäuscht, er hat nichts anderes erwartet; denn er wußte genau, was er sich ausgesucht hatte. In dem blauen Zimmer nämlich, in dem er sich mit Andrée zum Ausleben seiner und ihrer Leidenschaft trifft, war nichts Wirklichkeit, oder vielmehr eine andere Wirklichkeit, die anderswo wiederum unbegreiflich war. „Man verbringt nicht sein ganzes Leben damit, sich auf einem Bett in einem sonnendurchfluteten Zimmer der Leidenschaft zweier nackter Körper zu überlassen." Er hatte keinerlei Grund, sich über seine Frau zu beklagen. Er hatte sie sich ausgesucht, und er wußte auch, warum. Nicht eine Geliebte mit aufgelösten Haaren hatte er heiraten wollen, sondern genau die Frau, die sie war. Ihre Zurückhaltung hatte ihm nicht mißfallen, im Gegenteil. Gisèle war seine Gefährtin. Aber es gibt eben noch etwas anderes als diese scheinbare Familienidylle für Tony, etwas, das seine Frau ihm nicht geben kann, sondern Andrée, die auch verheiratet ist. Aber wie es eben so ist, sind beider Vorstellungen nicht deckungsgleich. Für Andrée bedeutet ihre Leidenschaft die Erfüllung schlechthin, sie will mehr, sie will ihn ganz. Und tatsächlich nimmt sie Tonys im Überschwang erfolgte Äußerungen zu wörtlich, zu ernst. Tony kann sich so manches vorstellen, aber nicht, Gisèle zu verlassen. Aus der sinnenfrohen Romanze - der Klappentext verspricht nicht zu viel - wird ein beklemmendes Liebesdrama, an deren Ende beide vor Gericht stehen. Wer hat wen umgebracht? Daß Simenon dieses Thema auf unvergleichlich spannende Art darzustellen vermag, weiß jedes Kind. Weniger bekannt dürfte seine Fähigkeit sein, was die Darstellung menschlicher Abgründe betrifft, also in Worte zu fassen, wozu der Mensch fähig ist; das zu tun, was wir alle uns nicht trauen; Menschen in ihrer Unfähigkeit, ihre Probleme zu lösen, auszuleuchten; und das alles in einer Spannweite und Vielfalt, die unvergleichlich zu sein scheint. Jedenfalls wüßte ich nicht, mit wem man ihn hier messen sollte - es mehren sich ja auch immer mehr die Stimmen, daß er eigentlich den Nobelpreis verdient gehabt hätte. Simenon hat dieses Buch 1964 veröffentlicht, und sicher ist es noch genauso aktuell wie ehedem, wird es womöglich immer bleiben. Den Vergleich mit heuer hochgelobten Liebesromanen hält er jedenfalls bislang locker aus..
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3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
Zu wenig für einen Wälzer und dieses Thema, 10. April 2006
Tim Parks hat sich, das muß man ihm bestätigen, viel vorgenommen. Anders als oft bei Simenon (vielleicht war es Pech für Parks und mich, daß ich „gerade von Simenon kam") lebt sein Held, Richter Savage, in einer alles andere als trostlosen Ehe. Nein, das Anrührendste in dem Roman sind die Schilderungen glücklichen Familienlebens, und zwar nicht nur, was die Freude mit den Kindern angeht, auch die Beziehung der Eltern gibt nach vielen Jahren noch viel her. Wie sie beispielsweise in das noch nicht fertige, im Bau befindliche neue Eigenheim eindringen und in dem leeren Rohbau zur Einweihung sogleich zusammenschlafen, zählt zu den zahlreichen Höhepunkten des Buches und ihrer Beziehung. Man könnte also meinen, Richter Savage, der auch seinem Beruf einiges abgewinnen kann, hat es richtig gut getroffen, was für einen Juristen in der Tat bemerkenswert wäre. Doch trotz alledem geht er ständig fremd. Als seine Frau dahinter kommt, gesteht er ihr spontan 21 Seitensprünge - natürlich sind es tatsächlich eine Vielzahl davon, aber seine Frau ist auch von dieser Zahl, freundlich ausgedrückt, recht beeindruckt. Weiß Gott, ein spannendes Thema, das sofort Überlegungen in Hülle und Fülle auslöst. Doch auch wenn der Roman so ziemlich überall gelobt wurde, kann ich meine Enttäuschung nicht verhehlen. Ich fand es sogar mühsam, überhaupt zum Ende zu kommen, was in erster Linie an den ausführlichen Schilderungen der Gerichtsfälle lag, die zum einen nicht sonderlich aufregend sind und schon gar nicht so geschildert werden, wie man das bei solchen Fällen machen müßte. Das Verweben mit der englischen Rechtsprechung ist nur scheinbar interessant, und ganz besonders der Fall mit den jugendlichen Steinewerfern, der sich durch etwa ein Drittel des langen Buches zieht, trägt ganz einfach nicht, auch wenn das Parabelhafte natürlich interessant ist: Richter Savage hat das Denken von Schuld und Verwerfung dermaßen verinnerlicht, daß er sich wegen seiner moralischen Verfehlungen gleichsam immer vor dem Richter sieht und sich verurteilt und verteidigt. Außerdem fand ich den Prosastil im Gegensatz zu manch prominentem Kritiker ziemlich anstrengend; Parks springt in seinen Schilderungen gern hin und her, von einem Thema zum anderen, so daß es stört. Von den Abgründen, die sich offenbar in Richter Savage auftun und zwischen den Partnern, erfährt man schließlich praktisch nichts. Vielleicht doch eher ein Thema für Leute wie Simenon? Immer wieder geht er fremd, und er kann einfach nicht aufhören, auch nicht, als schon alles herausgekommen ist und er auch beruflich am Scheideweg steht, nachdem er es mit einer attraktiven Geschworenen während eines laufenden Prozesses getrieben hat. Er hat sich selbst längst verurteilt, was zeigt, daß er nicht zu sich steht, sondern einer anderen Moral nachhängt. Weshalb will er trotzdem unbedingt bei seiner Frau bleiben - erkennbar geht es ihm nicht „nur" um die Kinder - was zieht ihn zu den anderen? Scheinbar nichts, oder ist der Mensch eben so? Auch die anrührende Schilderung der Kinder und mitunter auch der Ehefrau kann über die Enttäuschung nicht hinweghelfen, die das Lesen dieses zweifellos aufgrund der durchweg glänzenden Kritiken mit großen Erwartungen gelesenen Romans hinterlassen kann, erst recht, wenn man soeben einen Simenon gelesen hat - das von Parks gewählte Thema ist ohne Zweifel eines seiner ganz speziellen Themen. Vielleicht war es auch das Problem, daß ich gerade Simenon, „Das blaue Zimmer", gelesen hatte, wo man auf weniger als der Hälfte der Seiten weitaus mehr erfährt, was menschliche Abgründe sind und wozu diese die Menschen mitunter verleiten können Bei Parks' Roman werden die Dinge auch erstaunlich wenig beim Namen genannt, es ergibt sich mehr durch die Handlung, besonders durch das Verhalten des Protagonisten Daniel Savage, der es einfach nicht lassen kann, egal in welcher Situation er sich befindet. Immerhin verzichtet er auf eine Ergründung nach dem Motto, die eine ist fürs Bett, die andere fürs Leben, das ist wohl etwas zu einfach, obwohl es häufig genau darauf hinauszulaufen scheint, aber das zumindest ist hier fraglos komplizierter; denn die Leidenschaft erlebt er auch mit seiner Frau in einer Weise, über die die meisten Eheleute nach so vielen Jahren sehr glücklich wären. Vielleicht ist das auch schon alles: Er kann es nicht lassen, obwohl er durchaus einer anderen Moral nachhängt und sich selbst verurteilt, vielleicht wollte Parks gerade nicht die Moral hinterfragen, vielleicht ist das gerade eine Stärke des Romans? Doch deswegen dieser Wälzer? Und wer etwas über Beweggründe erfahren will, wird enttäuscht. Was treibt ihn, sich so zu verhalten, weshalb kann er nicht anders? Was geht in ihm vor, wenn es ihn wieder einmal überkommt? Alles bleibt im Dunkeln. Das ist mir zu wenig, auch wenn Frau Heidenreich den Roman so sehr empfohlen hat, die sich ja für Kritiken wie diese nicht interessiert. Es gibt eine Menge anderer Romane zu diesem und ähnlichen Themen.
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10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
I'll see you on the dark side of the moon, 10. April 2006
Der Roman spielt im Künstlermilieu während des Dritten Reichs und schildert eindringlich die Auswirkungen der Bedrohung durch den Staat insbesondere auf das Leben junger Menschen, die noch auf der Suche nach ihrem Weg sind. Beim ersten Lesen bin ich, vermutlich aufgrund Unaufmerksamkeit, nicht richtig in diese außergewöhnliche Geschichte hineingekommen, vielleicht auch verwirrt von der Vielzahl der Personen, mit denen man es schon auf den ersten Seiten zu tun hat. Der Roman ist wohl 1931 geschrieben, das heißt ihn zeichnet eine andere Spannungsstruktur aus und er ist mit einem anderen Leser-Verständnis geschrieben worden, als man heute erwarten kann. Es handelt sich um einen sog. Roman des Nebeneinander, d.h. es gibt ausgesprochen viele Personen und diverse Handlungsstränge, deren Bezüge zueinander sich bei nicht aufmerksamem Lesen kaum erschließen. Die zahlreichen Personen tauchen oft lange Zeit unter, sind aber plötzlich wieder da. So werden gleich zu Beginn acht, neun Personen, die später regelmäßig wiederkehren, anläßlich eines zunächst belanglos anmutenden Bahnhofaufenthaltes eingeführt.
Sind einem die Figuren aber erst einmal vertraut, will man immer mehr von ihnen erfahren und wird in eine eigene, ganz spezielle Teilnahme gezwungen.
Auch der Handlungsverlauf steigert sich immer mehr zu einer enormen Dramatik, und man legt dieses hochinteressante, außergewöhnliche Buch nicht mehr aus der Hand - nicht untypisch für Klaus Mann und manche Literatur aus dieser Zeit. Seine Romane zeichnen sich nicht durch eine heute unabdingbare, eng am roten Faden entlang laufende Struktur aus. Er will das Leben in allen seinen Facetten zeigen, hier, wie es sich in einer ganz besonders dramatischen Zeit in der Künstlerwelt abgespielt hat. Wie werden ausgeprägte Individualisten, die, intensiv nach ihrem Leben suchend, keineswegs in der Masse dahin gleiten, mit der permanenten Bedrohung durch den Nazimob fertig? Meines Erachtens ist es ihm brillant gelungen, sein Vorhaben umzusetzen (genauso verhält es sich in dem Roman "Der Vulkan", in dem es in erster Linie um die Darstellung des Lebens in der Emigration geht, die bald auch einen ganz enormen Sog entfaltet, so daß man unbedingt wissen will, wie alle davonkommen werden).
Es klingt etwas abgedroschen, wenn man schon so viele Klappentexte gelesen hat, aber man hat tatsächlich den sicheren Eindruck, Lebensgefühl und Alltag des Autors und seiner Generation, der sog. verlorenen Generation junger Menschen vor dem Ausbruch des Faschismus, kennen zu lernen, ja vielleicht sogar ihrem Leben ein bißchen beizuwohnen.
Auf ganz selbstverständliche Weise geht es beinahe ständig um Räusche, Träume und andere exzessive Erlebnisse. Die Partner wechseln ständig und bilden somit eines der stärksten Handlungselemente, mithin eine Metapher dafür, daß nur derjenige sich finden kann, der sich verliert, wie Klaus Mann überzeugt war. Aber die losen Bindungen erzeugen Ängste vor dem Verlust und somit natürlich davor, sich fallen zu lassen und hinzugeben, und was man verdrängt, drängt sich aus dem Unterbewußtsein zurück in die Träume. Das klingt so, als handele es sich um ein Buch von heute oder aus den sechziger Jahren und macht deutlich, wie weit die gesellschaftliche Entwicklung, gerade was Offenheit angeht, damals schon war, und wie sie anschließend wieder zurückgeworfen wurde. Homosexualität war nichts Besonderes, jedenfalls in diesen Kreisen, es herrschte enorme Freiheit in der Sexualität, die man in den 60ern doch als so wahnsinnig revolutionär gefeiert hat. Wie rückständig allein schon die Fünfziger Jahre vergleichsweise waren, wie verklemmt die Sechziger! Der Kahlschlag durch den Nationalsozialismus ist immer wieder unglaublich, aber noch niederschmetternder ist, und das wird einem bei der Lektüre dieses Buches vor Augen geführt, daß er bis zum heutigen Tage wirkt; denn diesen Menschen, die in so großer Zahl fern der Heimat depressiv werden, wird, wenn sie denn überleben sollten, alles andere einfallen, als nach Hause zurückzukehren, d.h. sie fehlen und mit ihnen ihre Nachkommen.
Zu Recht wird dieser Roman wegen seines Gesellschaftsporträts als ein unverzichtbares Werk der Literatur bezeichnet. Die intensive Schilderung des Lebens, der Betriebsamkeit, des Suchens nach neuen Wegen, Auswegen, nach gleichgeschlechtlicher oder heterosexueller Sexualität und Liebe, des neugierigen, hemmungslosen Ausprobierens von Drogen ist halt spannender als das, was man gemeinhin dafür hält, zumal überall hinter der Fassade eines intensiven exzessiven Lebens die Sehnsucht erkennbar wird, von der alle beseelt sind - und eben auch die Hoffnungslosigkeit, daher auch der metaphysische Titel, der die Aussichtslosigkeit und Verzweiflung ausspricht.
Hervorheben möchte ich noch einige aus der Literatur herausragende Abschnitte, so zum Beispiel die Schilderung des Traumes, in dem Sonja eines Morgens sämtliche Wände Berlins mit dem Wort HINGABE bemalt sieht, oder das Kapitel, in dem mit äußerster Intensität die Gefühlslage vor dem Selbstmord einer der sympathischeren Personen offen gelegt wird, nicht minder der Haschischrausch (der Autor wußte, wovon er sprach), Gesellschaftsabende privater Natur oder in den Pariser und Berliner Etablissements etc. und natürlich erst recht das Zusammenfinden zweier der Hauptfiguren. Auch die überzeugenden Schilderungen menschlicher Abgründe überraschen in diesem schon früh entstandenen Roman, der veröffentlicht wurde, als Klaus Mann noch nicht 25 Jahre alt war. Auch insoweit erscheint mir das Buch als unentbehrliche, da exzeptionelle Literatur. Daß er einen Tag nach der Machtübernahme fliehen mußte, versteht sich geradezu von selbst.
Ich habe das Buch mitten drin an einem verregneten Feiertag abgebrochen, nochmals von vorn begonnen und sodann in einem Rutsch bis zum Ende durchgelesen, gefesselt von der Ausdruckskraft, Kreativität und Sensibilität dieses Schriftstellers, von dem, hätte er nicht diese unüberwindbaren persönlichen Probleme gehabt, sicher noch einiges zu erwarten gewesen wäre. Er selbst hat später den Roman als zu hastig gearbeitet und nicht dicht genug beurteilt. Vielleicht macht das gerade einen besonderen Reiz aus, das nicht geglättete und tausendfach Überarbeitete, andererseits zeigt es um so mehr, welches Meisterwerk sich in ihm verbirgt. Ein absoluter Geheimtip, dieser Klaus Mann.
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4 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
Spannende, ansprechende Ausgangsposition, hysterische Dramatik bei der Auflösung, 10. April 2006
Die Beschreibung des persischen Einwanderers in den Staaten auf den ersten Seiten des Romans erweckt größte Hoffnungen. Masoud Mehrani, im Iran eine große Nummer beim Militär (und vielleicht mit großer Schuld belastet), muß hier tagsüber in brütender Hitze die Straßen säubern und abends in der Tanke weiteres Geld verdienen für seinen amerikanischen Traum. Die Hoffnungen steigern sich noch, wenn Kathy, die zweite Heldin, ins Spiel kommt, die durch einen unglaublichen Behördenfehler und eigene Schusseligkeit ihr Haus verliert, das der Perser nichts ahnend, aber rechtswirksam ersteigert für 40.000,- Dollar. Was für ein Schnäppchen!
An Kathy ist, wie man so schön sagt, nichts Böses dran. Vom Leben nicht gerade verwöhnt, hat sie sich seit Monaten in sich zurückgezogen und ist froh, daß sie immerhin das Trinken läßt, das sie schon heftig gebeutelt haben muß. Von ihrer restlichen Familie fühlt sie sich nicht ernst genommen. Ihr Bruder macht tough Karriere und zeigt ihr gern, wo es lang geht im Leben (sehr lebensnah, irgendwie haben solche Frauen regelmäßig bekloppte Brüder, die nichts kapieren, aber meinen, es der Kleinen zeigen zu müssen). Um sich über Wasser zu halten, geht sie putzen, was man ja auch erst einmal schaffen und vor allem durchhalten muß.
Es läuft alles auf die Konfrontation der beiden Hauptfiguren zu: Der eine, der es nicht fassen kann, endlich, endlich Glück zu haben und seiner Familie den Traum verwirklichen zu können, den sie gemeinsam wer weiß wie lange schon träumen. Und seine nichts ahnende Gegenspielerin, die den Albtraum erleben muß, eines Morgens von Polizei und Gerichtsvollzieher unter der Dusche hervorgeholt und Zeuge davon zu werden, wie diese sogleich zur Tat schreiten und die Schlösser ausbauen. Nachdem sie der Behörde von der falschen Inrechnungstellung der Gewerbesteuern ihr gegenüber Mitteilung gemacht hatte, hat sie die folgenden behördlichen Briefe nicht mehr aufgemacht, und das ist halt etwas, das man niemals tun sollte. Es rächt sich nun.
Toll gemacht, daß der Roman aus der Perspektive dieser beiden erzählt wird, die unweigerlich aufeinander prallen müssen. So zittert man zunächst mit beiden, sucht nach Auswegen, bis dann, vielleicht zu früh, man sich auf eine Seite schlagen muß. Als zusätzlicher dramatischer Effekt verliebt sich der die Aktion leitende Polizist in die hilflose Arme, die, unter dem Bademantel noch naß von der Dusche, aus dem eigenen Haus fliegt, und verläßt später seine Familie.
Allmählich drehen nun leider alle miteinander durch, die Frau des Polizisten als erste, der Polizist selbst macht chaotische Sachen dem Perser gegenüber, was natürlich nicht unentdeckt bleibt, die Frau beginnt wieder zu saufen und hat die entsprechenden Aussetzer, und bedauerlicherweise verliert auch der Autor sein vorher stellenweise beachtliches Niveau und läßt das Buch zu einem x-beliebigen Actionkrimi verkommen. Bald sollte man es, das so toll begonnen hatte, aus der Hand legen wegen all dieser unglaubwürdigen Eingriffe in das Leben der ursprünglich gut angelegten Figuren, die nur erfolgen, weil er seiner eigenen Dramaturgie nicht traut und meint, diese Effekte seien notwendig. Aber immerhin, bis dahin ist es wirklich lesenswert, und für diejenigen, die diese nach meiner Auffassung überzogene Dramatik um Leben und Tod mögen, in der sich so ziemlich alle verstricken, bleibt es das bis zum Schluß, und das dauert noch eine ganze Weile an.
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14 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
Geniestreich mit Aussetzern, 24. Februar 2005
Über den Inhalt scheint mir hier schon genug gesagt zu sein. Was aber ist das Besondere? Das Angebot ist reichlich. Durch den ganzen Roman zieht sich die Geschichte von der Lehrerkonferenz, in der es eigentlich um die Frage gehen sollte, ob Victor Haberland eine Mitschülerin vergewaltigt hat. Haberland selbst und der alte Lehrer Branzger treffen sich Jahre später und schließen den Pakt, daß Haberland erzählt, was am Vorwurf dran ist, und im Gegenzug Branzger, was in der Konferenz so alles los war - wer möchte das nicht gern einmal wissen. Die beiden treffen sich immer wieder und die Geschichte wird nach und nach aufgerollt, später angereichert vom klugen Lebensbericht des Alten und der Schilderung seiner Liebe zur jüngsten und attraktivsten Lehrerin Kressnitz. In der Konferenz ging es weniger um das, was passiert ist, sondern, zunächst jedenfalls, ausschließlich um die reichlich vorhandenen Aversionen der Pauker, die sich, während sie über einen ihrer Schüler zu Gericht sitzen, demaskieren, was amüsant und geistreich erzählt wird. Die Lehrer, wie hier geschehen, erschöpfend und genau zu charakterisieren, war sicher aufwendig und schwierig, dürfte aber auch großen Spaß gemacht haben und ist ansprechender Lesegenuß - wie sie z.B. hemmungslos ihre Abneigungen selbstgerecht zum erhabenen Werturteil machen und somit ungewollt über sich selbst befinden anstatt über den Schüler. Gewisse Alt-68er, die den Durchblick gepachtet zu haben glauben, leider allerdings nicht mitbekommen, daß die eigene Frau sich seit Jahrzehnten mit den qualvollen Nachwirkungen einer Vergewaltigung herumschleppt, scheinen besondere Freunde auch des Autors zu sein. Das Erinnern an das traumatische Erlebnis führt immerhin bei dieser Lehrerin zu der Erkenntnis, daß die Schülerin, die hier das Opfer zu sein vorgibt, solche Qualen nicht auszuhalten hat und wechselt somit, ruckzuck, von einer vehementen Befürworterin des Rausschmisses zur Verfechterin des Verbleibes des Burschen auf der Schule, und ein Lehrer nach dem anderen schließt sich ihr in der Folge an, gleich wie heftig sie zuvor für das Gegenteil waren, und das nicht etwa, weil es irgend einen Beweis gegeben hätte, sondern ihren Abneigungen und Vorurteilen entsprach - mit Ausnahme eben von Branzger und Kressnitz. Er will seinen Schüler nicht verlieren, sie mag beide, hält, und das ist bemerkenswert, sowohl zu ihr als auch zu ihm, wohl auch, weil sie beide am besten kennt; denn sie hat die Theateraufführung geleitet, in deren Folge es zu dem Vorfall gekommen ist. Diese Konferenz zwingt zu einer erstaunlichen Erkenntnis: Wer bislang darüber geklagt hat, daß Juristen über Menschen urteilen, von denen sie rein gar nichts verstehen, wird eines Besseren belehrt. Bei Lehrern ist es noch schlimmer, für manche sicher ein schwacher Trost. Hier allerdings bedeutet es eine durchaus elegante Lösung der anstehenden Entscheidung. Auf diesen Zug können diese Lehrer nämlich auf einmal springen: Eine von ihnen kann sich nicht vorstellen, daß das junge Mädchen, das angebliche Opfer, die mit einer Vergewaltigung verbundenen seelischen Peinigungen auszuhalten hat, und schon sind sie für nicht schuldig, so einfach geht das. Während Branzger also dem ehemaligen Schüler von der Konferenz berichtet, findet er immer mehr zu seinem eigentlichen Thema, und das ist alles, was mit der Liebe zu tun hat, nicht nur zwischen Mann und Frau, und führt ihn schließlich zielsicher zu seinem Liebeserlebnis mit Kressnitz, und das ist für mich der noch größere anrührende Höhepunkt dieses Romans. Also es geht um den alten, todkranken Dr. Branzger und die junge Lehrerin,(die in der Verfilmung der Konferenz von Sophie von Kessel gespielt wird). Diese Liebe muß unerfüllbar bleiben, man weiß das aufgrund der Erzählsituation, aber man würde es ohnedies spüren. Es ist ein wunderbares Zusammentreffen eines alten Mannes und einer jungen Frau, ein inniges Verstehen über Generationen hinweg. Man hätte das schon zuvor, vor den beiden, spüren können, wäre man nicht blockiert, was eine solche Konstellation angeht. Sie haben nämlich ganz wesentliche Übereinstimmungen, Weltsichten, Berufseinstellungen. Sie sind die einzigen, denen man sein Kind anvertrauen möchte, die einzigen unter diesen Lehrern, die man als „normale" Menschen empfindet unter den Lehrern oder anders ausgedrückt, die man nicht spontan in eine Therapie oder Analyse schicken möchte. Die Gemeinsamkeiten führen sie über das Trennende hinweg - für eine ganz knappe Zeit, was ihr tatsächliches Zusammensein betrifft, was auch von vornherein klar, gewissermaßen unausweichlich ist. Es ist sicher einer der Aspekte, die die Liebe zwischen „ungleichen" Partnern so intensiv und damit faszinierend macht, abgesehen davon, daß es sicher für zwei so prägnante Persönlichkeiten nicht nur einen Reiz darstellt, gegen alle Konventionen sich zu verhalten, sondern Ausdruck einer Auseinandersetzung mit gängigen Moralvorstellungen(und deren Überwindung) und sich selbst ist. Gemeinsamkeiten zwischen, oberflächlich gesehen, ungleichen Partnern sind immer intensiver (wenn auch hier immer noch nicht so drastisch wie in Philip Roth' „Der menschliche Makel", wo eine 34jährige Putzfrau und ein 71jähriger Professor zusammenfinden, was sogleich zum Anlaß genommen wird, den Gelehrten wegen Sexismus anzuprangern, da es in den Durchschnittskopf nicht hineinwill, daß hinter einer solchen Beziehung etwas anderes sich verbergen kann, übrigens auch dann, wenn die Putzfrau nicht Nicole Kidman ist). Das Wissen um die Vergänglichkeit verpaßt dem Ganzen einen besonderen Zug der Intensität und des Tragischen.Man könnte noch mehr Glänzendes aus dem Roman anführen, um so unverständlicher daher, daß Kirchhoff etwa nach einem Drittel mit Frankfurter Provinzklatsch zu nerven beginnt. Abgesehen von niemanden interessierenden Örtlichkeiten, so schön ist Frankfurt nun einmal nicht, geht es auf einmal um die schöne Bürgermeisterin, seinen ehemaligen Verleger, eine Fernsehansagerin, und, man glaubt es nicht, um die Eintracht, mittlerweile Zweite Liga, was man von diesem Roman gleichwohl, Gott sei Dank, nicht sagen kann. Ich weiß nicht, ob ich der einzige bin, der das Buch, als das losging, erst einmal zur Seite gelegt hat. Erst nachdem Niki Steins tolle Verfilmung der aus dem Roman herausgeschälten Konferenz auf arte gelaufen war, habe ich es - zu meinem Glück - wieder vom Regal geholt. Tip an den Leser also: Einfach drüber weglesen und durchhalten, es lohnt sich wirklich, der Roman ist mehr als ein Musterbeispiel tadelloser Schreibfertigkeiten.
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