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Rezensionen verfasst von
Roland F. (irgendwo...)

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Die niedrigen Himmel
Die niedrigen Himmel
von Anthony Marra
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Leben in Zeiten des Krieges, 25. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Die niedrigen Himmel (Gebundene Ausgabe)
Anthony Marras Debütroman "Die niedrigen Himmel" ist ein in jeder Hinsicht bemerkenswerter Text. Da schreibt ein junger Amerikaner einen Roman, wählt Tschetschenien als seinen Schauplatz und schafft es, auf ganzer Länge überzeugend zu sein.

Der Roman beginnt damit, dass Achmed die Tochter seines in der Nacht von Soldaten abgeholten Freundes ins Krankenhaus zu einer Ärztin bringt, die er aus einem Grund als Retterin auserwählt hat, der sich dem Leser erst im Verlauf der nächsten fast 500 Seiten erschließen wird. Mit diesem Geschehen als Ausgangspunkt, beleuchtet Anthony Marra die Leben seiner Protagonisten, ihrer Familienmitglieder und zeigt eindrucksvoll, welche Folgen der Krieg in Tschetschenien auf das Leben der Menschen hat. Er schafft es auch, die geschichtlichen Hintergründe des Konflikts in seine Erzählung einfließen zu lassen.

Was diesen Roman aber zu einem grandiosen Debüt macht, ist, neben Anthony Marras wunderbar poetischer, doch immer auf Zug gehender Prosa, die Figurenzeichnung, die dem Leser Figuren beschert, die er nicht so bald vergessen wird. Die Entwicklung dieses Romans ist an steigender Spannung (nicht im kriminalistischen Sinne) und emotionaler Tiefe fast nicht zu überbieten. Je weiter man in die Tiefe dieses Textes absteigt, desto klarer werden die Beziehungen der Protagonisten zueinander. Die Beschreibungen der Gräueltaten sind teilweise fast kühl und lakonisch geschildert (nie plakativ eingesetzt), treffen aber wie ein Schlag in die Magengrube.

Die Unfassbarkeit der menschlichen Grausamkeit ist hier auf einer Höhe mit der Schilderung unendlicher Liebe, Treue und Verrat, menschlicher Würde und dem Scheitern an dieser. All das in einer Erzählung, die man sehr rasch nicht mehr aus der Hand legen kann oder will, bis man auf den letzten Seiten immer langsamer liest, einfach weil man nicht will, dass dieser Roman ein Ende findet. Auch wenn es kein Kriterium ist, es würde mich nicht wundern, wenn dieser Roman entweder den Pulitzer oder den National Book Award holt.

Ein großartiger Roman, absolute Empfehlung.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 22, 2014 8:26 AM MEST


Die tausend Herbste des Jacob de Zoet
Die tausend Herbste des Jacob de Zoet
von David Mitchell
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

23 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein weiterer Höhepunkt im Schaffen David Mitchells, 19. September 2012
Im Zentrum von David Mitchells wunderbarem neuem Roman steht eine kleine Insel vor Nagasaki, die Japan als Tor zum Westen dient. Diese Insel, Dejima, dient der Dutch East India Company als Basis für den exklusiven Handel mit Japan. Jeder Kontakt zwischen Ausländern und Japanern wird streng kontrolliert und geregelt.
1799 kommt hier der junge Jacob de Zoet an, der sich mit diesem Posten in der Ferne die finanzielle Basis für die Heirat mit seiner "Versprochenen" Anna zu schaffen sucht. Er soll auch interne Vorwürfe und Verdächtigungen über Korruption unter den auf Dejima dienenden Holländern aufklären.

Von Beginn an entwickelt David Mitchell die fern von Dienstgraden stehende Beziehung zwischen de Zoet und dem auf Dejima lebenden Doktor Marinus. Durch Marinus lernt er die junge Hebamme Orito Aibagawa, die mit einer Sondergenehmigung an den medizinischen Vorlesungen des Doktor Marinus teilnehmen darf kennen, in die er sich zögernd, aber sicher verliebt.

David Mitchell zeichnet ein sehr genau recherchiertes und überzeugendes Bild Japans von der Jahrhundertwende 1799/1800, von einer Zeit, in der die möglichen europäischen Einflüsse wie die Pest gefürchtet wurden. Er dringt tief in die holländisch-japanischen Beziehungen der Zeit ein und zieht den Leser mit jeder Seite tiefer in diese Geschichte von Liebe, Betrug, Loyalität, Vertrauen und Weisheit.

Aus abwechselnden Erzählperspektiven, beeindruckend wie fein hier David Mitchell die Sprache des jeweiligen Protagonisten entwickelt, verdichtet sich das Geschehen, und damit auch die Entwicklung von Jacob de Zoet, der zu Beginn des zweiten Teils sogar zeitweilig aus dem Geschehen verschwunden zu sein scheint, der zu einem unvergesslichen Protagonisten wird. Großartig auch der Formaufbau, der diesen Roman zusammen mit der wunderbaren Sprache und großen Spannung zu großer Literatur werden lässt.
Spannend auch, wie Mitchell die Kapitelfolge ab dem Teil "The Master of Go" den Zügen eines Go-Spiels anpasst und den Roman so konsequent dem Höhepunkt entgegen treibt.
Die beiden sehr kurzen, quasi als Postludien dienenden Schlussteile (4. & 5.) runden dieses feine Buch ab, in dem es keine einzige Zeile zu viel gibt.

"The Thousand Autumns of Jacob de Zoet" ist ein spannender und komplexer Roman, der emotionell aufwühlend und perfekt konstruiert ist und David Mitchell ein begnadeter und vielseitig interessierter Erzähler, der sich in jedem seiner Romane neue Zeiten, Schauplätze und Geschichten literarisch erobert und überzeugend einverleibt.

Entwicklungsroman, Abenteuerroman, historischer Roman, philosophischer Roman, ein Roman über die Liebe und eine wunderbare Liebeserklärung an Japan in all seiner Unverständlichkeit; das alles und mehr ist "Die tausend Herbste des Jacob de Zoet".
Absolute Empfehlung.


Liberty: Roman
Liberty: Roman
von Jakob Ejersbo
  Broschiert
Preis: EUR 19,99

10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Spannender Afrikaroman, mit Mängeln, 12. Oktober 2011
Rezension bezieht sich auf: Liberty: Roman (Broschiert)
"Liberty" ist der erste Roman aus der posthum veröffentlichten Afrika-Trilogie des dänischen Schriftstellers Jakob Ejersbo, der 2008 viel zu früh im Alter von 40 Jahren an Krebs verstorben ist.

Der fast 900 Seiten lange Roman beginnt mit der Ankunft des 12-jährigen Christian in Tansania. Abwechselnd wird die Geschichte von Christian und Marcus, dem um ein Jahr älteren schwarzen Hausdiener der Larssens erzählt. Zwei Erzählungen, die aus unterschiedlichen Perspektiven das großteils unmoralische und unethische Treiben der in Tansania tätigen Geschäftsleute und Entwicklungshelfer schildern. Gleichzeitig sind es zwei ebenso unterschiedlich verlaufende Entwicklungen, die Jakob Ejersbo hier zeichnet.

Auf der einen Seite Marcus, der sich bemüht, der Familie eine treue und starke Hilfe zu sein, was zwar von Katriina gewürdigt wird, in den Augen ihres immer mehr im Sumpf von Sex, Akohol, Drogen und Korruption versinkenden Ehemanns immer stärker zu Verstimmung und Aggression führt. Marcus träumt davon, nach Schweden zu gehen und hofft darauf, durch die Anstellung in der Familie und harter Arbeit irgendwann das Ticket nach Schwedern zu erhalten.

Christians Familie zerbricht nach einem schrecklichen Unglücksfall und Christians Entwicklung nimmt dadurch eine unvorhergesehene Wendung. Christians Eltern sind unfähig, mit ihrer Tragödie angemessen umzugehen und zwingen Christian dadurch unbewusst, früh einen eigenen Weg zu gehen.

Jakob Ejersbos Prosa ist einfach, am Anfang dem Alter der beiden Erzähler angepasst und entwickelt sich im Verlauf des Romans mit dem Alter der beiden Erzähler. Nichstdestotrotz ist sie oft zu einfach, zu flapsig und auch mitunter plump, was möglicherweise ein Manko der Übersetzung ist, möglicherweise aber auch am Original liegt. Jakob Ejersbo hat die drei Bände "Liberty", "Exil" und "Revolution" ein paar Wochen vor seinem Tod als ca. 1600 Seiten Manuskript seinem Lektor übergeben, der nur leichte Retuschen daran vorgenommen hat und keine Möglichkeit mehr hatte, Änderungen oder Kürzungen mit dem Autor zu besprechen. Möglicherweise wäre nach einer Zusammenarbeit ein etwas kürzerer, strafferer Roman dabei herausgekommen.

"Liberty" ist eine Geschichte, die definitiv spannend ist. So spannend und mit so ausgezeichnten Charakterzeichnungen, dass man lange über gewisse Mängel der Prosa hinwegsieht. Etwas störend sind allerdings die immer häufiger und intensiver werdenden Sexszenen, die mit zunehmenden Alter der beiden Protagonisten immer pornographischer werden. Durch diese Überreizung verliert dieser Roman leider an Intensität und Tiefe. Diese zu heftige Konzentration auf die Triebe nimmt dem Roman dann doch den Wind aus den Segeln, vor allem, da durch die Häufigkeit der auftretenden sexuell inspirierten Gedanken und Taten diese dann schon zu einem Klischee verkommen. Weniger wäre hier definitiv besser gewesen, noch dazu, wo einige der Szenen äußerst gut geschrieben sind.

"Liberty" ist ein fast 900 Seiten langes, teilweise schockierendes, teilweise spannendes Leseerlebis, das von großartigen afrikanischen Stimmungsbildern lebt. Man spürt immer, dass der Autor selbst lange in Tansania gelebt hat. Ein Roman, der jedoch, wie bereits geschildert, neben großartigen Momenten einige wirkliche Schwächen hat.

Wollte man diesen Roman in wenigen Worten einer Gattung zuordnen, so würde ich ihn als "gehobene Unterhaltungsliteratur mit ausgeprägtem Afrikakolorit und immer häufiger auftretenden, teilweise sehr expliziten Sexszenen" beschreiben.


Nacht für drei Hunde: Roman
Nacht für drei Hunde: Roman
von Peter Goldsworthy
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,50

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Liebe und Eifersucht in Australien, 3. Oktober 2011
Nach zehn Jahren in England kehrt der Psychiater Martin mit seiner Frau Lucy nach Australien zurück. Er beginnt, sich wieder in seiner gewohnten Umgebung einzuleben und macht dabei seine Frau mit seinen Freunden bekannt. Dabei lernt sie auch Felix, den verschrobenen und zurückgezogen auf einer Farm lebenden ehemaligen besten Freund Martins kennen. Felix, ehemals brillanter Chirurg, darf nicht mehr operieren und benimmt sich provozierend. Langsam erfahren Lucy und Martin mehr über die Hintergründe, während sie mit jeder kleinen Information tiefer in etwas hineingezogen werden, das am Ende der Prüfstein ihrer Ehe wird.

Felix wird bald sterben und wünscht sich Lucys Gesellschaft, zuerst als Begleitung zu einer Ärzteveranstaltung, dann für ein privates Abendessen, für weitere Treffen und schlußendlich für eine Reise in den Wüste Australiens.

Brillant erzählt Peter Goldsworthy hier eine Geschichte von Eifersucht, Liebe, Empathie, Freundschaft, erotischer Spannung und Tod.
Beeindruckend, wie er es schafft, den Leser scheinbar mehr spüren zu lassen, als seinen Protagonisten. Man hat sehr oft das Gefühl, dem bald hoffnungslos eifersüchtigen Martin einen Schritt in der Wahrnehmung der Realität voraus zu sein. Wie der Leser bereits Tendezen in Lucys Verhalten spürt, die Martin nicht wahrnimmt oder nicht wahrnehmen will.

Je weiter man liest, desto sicherer wird man in den Strudel der Ereignisse hineingezogen, bis man das Buch überhaupt nicht mehr zur Seite legen will, bevor man nicht die letzten Sätze gelesen hat.

Spanned geschrieben, ist es auch die feine, farben- und facettenreiche Prosa von Peter Goldsworthy, die aus "Nacht für drei Hunde" einen wirklich großen Roman macht.


In Zeiten des abnehmenden Lichts: Roman einer Familie
In Zeiten des abnehmenden Lichts: Roman einer Familie
von Eugen Ruge
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

15 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Geschichte einer Familie in der DDR, 27. September 2011
Eugen Ruges mit dem Alfred Döblin Preis ausgezeichneter Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" ist ein wirklich erstaunlicher Roman, der allerdings am Ende doch etwas unbefriedigt zurücklässt.

Das erste Kapitel dieses Romans gehört meiner Meinung nach zu den besten Eröffnungskapiteln überhaupt; sprachlich brillant, erzähltechnisch versiert, jedes Wort am richtigen Platz, weckt es die Sinne und die Erwartungshaltung an den Rest des Romans.

Und so erhält der Leser einen Überblick über einige Generationen einer Familie. Da gibt es zuerst Charlotte und Wilhelm, beide parteikonforme, brave DDR Bürger, die auch dementsprechend die richtigen Posten zugeteilt bekommen. Von Charlottes beiden Söhnen Werner und Kurt, beide in ein russisches Straflager in der Nähe von Swerdlowsk (nun Ekaterinburg) verbannt, kehrt nur Kurt nach vielen Jahren zurück in die DDR. Kurt ist mit Irina verheiratet, die die Isolation in ihrer Ehe mit dem treulosen Kurt nur durch Alkohol betäuben kann. Alexander, bzw. Sascha, Irinas und Kurts Sohn, begibt sich, nach einer gescheiterten Ehe und einer schlimmen Diagnose seines Gesundheitszustands, auf nach Mexico, um die Orte des Mexicos der Großeltern zu erkunden. Markus, Saschas Sohn, der irgendwie in schlechte Gesellschaft gekommen ist, hat ein Drogenproblem.

Während sich die Lebenslinien der verschiedenen Generationen aneinander nähern, gibt es eine interessante Konstante in der Erzählung. Eine Geburtstagsfeier von Wilhelm, am Vorabend des Mauerfalls, die aus den verschiedensten Perspektiven wiederkehrt. Das ist zuerst interessant, langweilt aber beim vierten Mal bereits, da man längst verstanden hat, was da passiert ist...

Abgesehen von einigen, meiner Meinung nach wenig glaubwürdigen Momenten- ich denke nicht, dass es wirklich so leicht möglich war, nach zehn Jahren Straflager wegen Kritik am Stalinregime und fünf Jahren Verbannung in die DDR zurückzukehren und ohne Erfahrung auf dem Gebiet sofort wichtiger, anerkannter DDR-Historiker zu werden- ist Eugen Ruge eine fesselnde Erzählung über ein faszinierendes und trauriges Kapitel der Geschichte gelungen. Allerdings mit einigen Schönheitsfehlern.

Einige Kapitel hätten wahrscheinlich locker gestrichen oder gekürzt werden können, da sie mehr oder weniger in einer Art Leerlauf für den Verlauf der Geschichte verharren und dem großen Hintergrund der Erzählung nicht gerecht werden, während beispielsweise auf Irinas doch nicht unwichtige Alkoholprobleme relativ wenig eingegangen wird. Einige Kapitel sind einfach sprachlich misslungen, obwohl Eugen Ruges Versuch, jedem eine eigene Stimme zu geben, schon sehr beeindruckend ist. Außerdem ist die Drogenabhängigkeit des jüngsten Familienmitglieds, nach all den Verfehlungen bis zu diesem Zeitpunkt dann schon ein wenig zu viel des Guten. Dadurch erhält der Roman eine gekünstelte Wendung und verliert doch viel von seiner Glaubhaftigkeit. Weniger wäre möglicherweise viel mehr gewesen.

Fazit: ein teilweise brillanter, faszinierender Roman, der jedoch am Ende traurigerweise nicht auf voller Länge überzeugt. Traurigerweise deshalb, weil das 1. Kapitel dieses Romans ein absoluter, furioser Geniestreich ist und der Rest des Romans danach leider sprachlich und inhaltlich, langsam, aber sicher abfällt. Selten habe ich einen Roman als gleichzeitig so faszinierend, aber doch auch enttäuschend empfunden.

Nichtsdestotrotz, eine wirkliche Empfehlung.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 3, 2011 2:37 PM MEST


Die Erbschaft
Die Erbschaft
von Nicholas Shakespeare
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

15 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Erbschaft, 22. September 2011
Rezension bezieht sich auf: Die Erbschaft (Gebundene Ausgabe)
Andy Larkham, der Protagonist dieses neuen Romans von Nicholas Shakespeare, ist ein mittelloser Lektor eines auf Ratgeber- und Esoterikliteratur spezialisierten Londoner Verlages, ein ziemlicher Pechvogel und so etwas wie ein Weichei. An dem Abend, an dem er seiner Freundin einen Heiratsantrag machen will, teilt ihm diese mit, dass sie sich von ihm trennt. Sein Chef schmettert jegliche Wünsche nach einer Gehaltserhöhung ab.
Als er zufällig und auch noch verspätet auf der falschen Beerdigung erscheint, bleibt er bis zum Schluß, da es ihm peinlich ist, vorzeitig zu gehen und verpasst so die Beerdigung seines Lieblingslehrers. Umso überraschender ist es für ihn, als er wenig später darüber informiert wird, dass er, da einer von nur zwei Personen, die bis zum Schluß der Beerdigung geblieben sind, ein Vermögen von 17 Millionen Pfund erbt.

Unsicher, ob er die Erbschaft annehmen soll, taucht auch noch die Tochter des Verstorbenen auf. Bald hat Andy ein zutiefst negatives Bild des Toten, der scheinbar misanthropisch und wie ein Einsiedler gelebt hat und keine Freunde hatte.

Als er dann die 17 Millionen Pfund erbt, beschenkt er zuerst seine Freunde und Verwandten, bevor er sich selbst in eine Kauf- und Partysucht hineinstürzt, die ihn rasch von seinen Freunden entfremdet. Kurzlebige Frauenbekanntschaften und spendierfreudiges Benehmen kennzeichnen dieses Lebensabschitt. Als er Zeuge eines tödlichen Unfalls wird, beginnt er sein Leben zu überdenken und überlegt, wie er die von seinem Freund erhaltenen Informationen über den Toten sinnvoll nutzen kann.

Wieder in London, dringt er in das Anwesen des Toten ein und macht nun die Bekannschaft von Maral, der armenischen Haushälterin des Verstorbenen. Bald erkennt Andy, dass er mit Annahme der Erbschaft auch unbewusst die Rolle dessen auf sich genommen hat, der den Verstorbenen posthum bei seiner Tochter rehabilitieren muss.

Bis zu diesem Zeitpunkt ist der Roman, den Umständen entsprechend, eher heiter und leicht geschrieben. Der erste Teil war mir in seiner "heiter flockigen" Art teilweise fast zu oberflächlich. Andererseits gewinnt der Roman mit den Erzählungen Marals aus dem Leben des Verstorbenen plötzlich Tiefe und Schwere, was den ersten Teil als beeindruckenden Kunstgriff Nicholas Shakespeares verrät. So entpuppt sich das bisher angenomme Bild des Verstorbenen als trughaft, während der Autor eine wunderbare Geschichte des Exils, der Verfolgung, der Armut und des plötzlichen Reichtums, gepaart mit herben persönlichen Enttäuschungen, dem Leser anvertraut. Spannend geschrieben, mit überraschenden Wendungen und großen Emotionen, entwickeln die letzten ca. 250 Seiten einen so unbremsbaren Sog, dass man das Buch gar nicht mehr zur Seite legen kann und will.

Nicholas Shakespeare ist hier ein wirklich großer Roman gelungen, der ein perfektes Beispiel seiner Erzählkunst ist, die sich in erster Linie dem Erzählen von Geschichten verschrieben hat. "Die Erbschaft" ist eine solche Geschichte, ein Roman, den man am Ende erstaunt zuklappt und sich wünscht, er wäre noch nicht vorbei...
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 21, 2013 12:29 PM MEST


Die Schmerzmacherin.: Roman
Die Schmerzmacherin.: Roman
von Marlene Streeruwitz
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

15 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein unheimliches Buch, 15. September 2011
Knapp dreißig Seiten vor dem Ende erfuhr ich, dass "Die Schmerzmacherin" auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises ist.
Ich gestehe, ich dachte nicht, dass dieser Roman auf die Shortlist kommen würde, nicht weil er nicht gut genug wäre, sondern weil er einfach so anders, so präzise, aber auch so extrem ungenau ist.

Die Protagonistin dieses Romans, Amy, ist Mitglied einer geheimen und brutalen Sicherheitsorganisation. Diese Organisation manipuliert, verschleppt, foltert und quält die Mitwirkenden dieses Romans. Amy fehlt bald ein Tag in ihrem Gedächtnis, den sie sich, quasi im Kampf gegen die Übermacht, in Erinnerung rufen will.

Marlene Streeruwitz schreibt kurze, unvollständige Sätze; Sätze, die zum Beispiel erst durch die drei darauf folgenden Sätze komplettiert werden, bzw. Sinn gewinnen. Dadurch entsteht ein ganz eigenartiger, rhythmischer Sog beim Lesen, der immer wieder aufgebrochen, zerstört und neu loslegen darf. Dabei entstehen wunderbar schöne Sätze, großartige Stimmungsbilder, wie zum Beispiel schon die Autofahrt durch die Winterlandschaft der ersten Seiten des Romans. Es passieren aber auch Sätze, bzw. zusammenhängende Satztrauben, die trotz interessanter Wortwahl nur wenig Sinn ergeben.

Alles, was mit der Organisation zu tun hat, bleibt im Dunklen, bzw. in einem Dämmerzustand, nichts ist klar, nichts ist sicher. Es passiert irrsinnig viel, so viel, dass die Übersicht und die Zusammengehörigkeit beim Lesen immer wieder verzweifelnd in Frage gestellt wird. Dadurch bleibt in erster Linie der Angstzustand der Protagonistin als unmittelbarer Berührungspunkt des Lesers, während die Handlung immer undurchsichtiger wird. Das muss die Idee der Autorin gewesen sein, ihr Ziel. Wenn ja, so ist das großartig gelungen.

Andererseits habe ich mich als Leser selten so ausgeschlossen gefühlt, wie in "Die Schmerzmacherin". Ein unheimliches Gefühl, vielleicht wie durch eine mehrere Zentimeter dicke Glaswand vom Roman getrennt zu sein. Eine Tatsache, die ich jetzt nicht negativ werten möchte, da ich das interessant und teilweise faszinierend fand, die aber bei mir im letzten Drittel des Romans dann immer wieder zu leichten Ermüdungserscheinungen geführt hat.

Nichtsdestotrotz; "Die Schmerzmacherin" ist ein sehr wichtiger, spannender, unheimlicher und origineller Roman, der dem Leser, der bereit ist, Zeit und Wille zu investieren, ein überzeugend originelles Leseerlebniss beschert.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 19, 2011 2:56 PM MEST


Das Mädchen: Roman
Das Mädchen: Roman
von Angelika Klüssendorf
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,99

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Geschichte eines außergewöhnlichen Mädchens in der DDR, 14. September 2011
Rezension bezieht sich auf: Das Mädchen: Roman (Gebundene Ausgabe)
Angelika Klüssendorfs Roman "Das Mädchen" ist ein ganz starkes Stück Literatur, das von der spannenden Symbiose einer tragischen Geschichte und einer nüchternen, extrem zurückgenommenen und genauen Prosa lebt, die dem Text glücklicherweise jegliches Pathos entzieht.

Fast distanziert wird die in der DDR handelnde Geschichte des zu Beginn wahrscheinlich an die zehn Jahre alten Mädchens erzählt. Schon die ersten beeindruckenden Seiten zeigen, in welcher Hölle die Protagonistin lebt, wie stark und fast fatalistisch sie die Gewalt gegen sich und ihren Bruder zur Kenntnis nimmt, darunter leidet, aber akzeptiert, dass es halt so ist, wie es ist, weil es wahrscheinlich so sein muss...
Die Mutter neigt, je nach Alkoholpegel, prinzipiell zur eklatanten Gewaltbereitschaft. Dadurch ist natürlich ein sehr bestimmender Moment für ihre eigene Entwicklung zur jungen Erwachsenen gegeben. Von der Mutter und diversen Männern der Mutter gequält, abgestoßen, dann eine Zeit beim Vater, überall muss sie sich neu behaupten. Die Gefühle der scheinschwangeren neuen Frau des Vaters für sie empfindet sie, da ihr Gefühle für sie unbekannt und daher suspekt sind, als lästig. Letztendlich im Heim gelandet, muss sie sich auch hier gegenüber den MitschülerInnen behaupten. Nicht nur, dass niemand da ist, der dem Mädchen auch nur annähernd das bieten könnte, was man Liebe und Geborgenheit nennt, muss sie sich auch noch gegen die sozialistische Bürokratie quälen. Eine bürokratische Gesellschaftsordnung, in der für die Protagonistin, die eigentlich nur ein ganz normales Mädchen sein möchte, auch kein Platz vorgesehen ist.

Ein relativ kurzes, aber eindringliches Buch über ein starkes junges Mädchen, das sich gegen ihre direkte Umgebung und gegen den Staatsapparat wehren muss und dies auch auf beeindruckende Weise tut. Angelika Klüssendorfs glasklare, eindringliche und überzeugend glaubhafte Prosa machen diesen Text zu einem ganz starken Werk, das man nach nicht einmal 180 Seiten mitgenommen zur Seite legt.

Absolute Empfehlung.


Sickster
Sickster
von Thomas Melle
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

18 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Geniestreich, 12. September 2011
Rezension bezieht sich auf: Sickster (Gebundene Ausgabe)
Thomas Melles Debütroman "Sickster" ist ein irrwitziges Lesevergnügen, durchtrieben absurd und der literarischen Postmoderne verpflichtet und ist, wenn man so will, möglicherweise die deutschsprachige Antwort auf David Foster Wallace, William T. Vollmann oder Robert Coover, ohne jedoch im stilistischen Fahrwasser der drei Amerikaner zu schwimmen.

Aus unterschiedlichen Zeitebenen und Perspektiven wird die Story der beiden Hauptprotagonisten erzählt.
Da ist einerseits Thorsten Kühnemund, ein hoffnungsloser, sex-süchtiger Macho-Manager, der seine Freundin betrügt, der sich die an ihm vorbeiziehenden Frauen nackt und in Pornoposen vorstellt. Drogen, Alkohol, nichts ist ihm fremd, alles wird bis zur Überreizung konsumiert.
Sein Gegenüber ist Magnus Taue, ehemaliger Schulkollege und Mitarbeiter in der Redaktion der Kundenzeitung der Firma.
Die Perspektive von Thorstens Freundin Laura erhält mit der Entwicklung des Romans immer mehr Gewicht, bis sie fast entscheidend wird.

Langsam beginnt sich zwischen den beiden Männern so etwas wie eine Freundschaft zu entwickeln. Während der taufrische Taue in die Clubbing, Disco und Konsumgierszene gezogen wird, verändert sich auch seine Psyche, einem finalen Showdown steht nichts mehr im Wege. Während sich das Ich in der Leere verliert, ist der scheinbar einzige Ausweg am Ende selbst eine Seifenblase.

Beeindruckend, wie Thomas Melle virtuos durch diese Achterbahnfahrtlektüre führt, nie eintönige, rhythmisch variable, immer genau getimte Prosa, die alle Nuancen von fein bis hart im Dienste der Aussage nutzt. Prosa, die an den richtigen Stellen auch mal kurz etwas Lockerung zulässt, um den Leser nach ein paar Ruhesätzen gleich wieder zu fesseln.

Sehr genau und präzise zeichnet Thomas Melle hier ein faszinierendes Bild einer fast perversen, rauschhaften Suche nach Gefühlen und Gedanken. Natürlich haben das andere Autoren auch getan, man muss die Namen hier nicht nennen; was Thomas Melle allerdings von seinen Vorgängern deutlich abhebt, ist seine sprachlich-stilistische Gewieftheit, die hier ein extrem originelles und faszinierendes, soghaftes literarisches Meisterwerk entstehen hat lassen.
Absolute Empfehlung.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 14, 2011 8:29 AM MEST


The Sisters Brothers
The Sisters Brothers
von Patrick DeWitt
  Taschenbuch

11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sympathische Psychopathen, 29. August 2011
Rezension bezieht sich auf: The Sisters Brothers (Taschenbuch)
Der Roman "The Sisters Brothers", auf der diesjährigen Longlist des Booker Prizes, ist eine wirkliche Entdeckung!

Man schreibt das Jahr 1851.
Charlie & Eli Sisters, zwei mehr als psychopathische Auftragskiller im Dienst des "Commodore", sind auf dem Weg von Portland nach San Francisco, um dort Hermann Kermit Warm zu töten, der den Commodore auf die ein oder andere Art und Weise beleidigt hat.

Auf dem Weg nach San Francisco, der mindestens 3/5 des Buches dauert, müssen die beiden durch die aberwitzigstens Situationen, kommen zufällig an Duellen vorbei, Huren und anderen ebenso wie die beiden Sisters Brüder zwielichtigen Gestalten. Charlie ist der etwas hellere, dafür aber härtere Killer unter den Brüdern, während Eli, der auch etwas fülliger ist, hin- und wieder Skrupel hat und zumindest versucht, sich in jedes Mädchen, das ihm begegnet, zu verlieben.

Und so schickt Patrick deWitt ein ziemlich ungleiches und extrem witziges Paar auf den Weg, die Gegend zwischen Portland und San Francisco unsicher zu machen.

Die Geschehnisse sind teilweise absurd, durch die stilisierte Sprache und Erzählweise aber immer überzeugend und erheiternd. Schwarzer, bissiger und auch zynischer, immer trockener Humor ist garantiert.

"The Sisters Brothers" ist ein hochstilisierter, trockender und literarischer Western, der auf der Longlist des heurigen Booker-Prizes eine originelle und zündende Ausnahme ist.
Absolute Empfehlung, auch wenn man, wie der Rezensent, kein Western-Fan ist...
Lesespaß garantiert!


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