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Rezensionen verfasst von
Harald Stollmeier "stollmeier" (Duisburg)
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Das Gewissen
Das Gewissen
von Josef Bordat
  Taschenbuch
Preis: EUR 16,80

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Gewissen: Frei und gebunden zugleich, 4. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Das Gewissen (Taschenbuch)
Unter dem Titel Das Gewissen hat der katholische Philosoph Josef Bordat Ende 2013 ein Buch vorgelegt, das sich im Untertitel als “Ein katholischer Standpunkt” versteht, in Wirklichkeit aber jedem Menschen etwas zu sagen hat, der sich für Bedeutung, Grundlagen und Grenzen der Gewissensfreiheit interessiert.
Das Buch beginnt mit Luthers “Ich kann nicht anders” und drei Beispielen für Menschen der Vergangenheit, die sich unter Berufung auf ihr Gewissen gegen die Gesetze ihrer Zeit stellten: Antigone, Martin Luther und Sophie Scholl. Schon dieser Einstieg macht zweierlei klar. Erstens: Wer sich auf das Gewissen beruft, erkennt Staat und Gesetze nicht als höchste Autorität an; etwas oder jemand stehen über ihnen. Zweitens: Gewissensfreiheit ist regelmäßig alles andere als bequem.

In sechs Abschnitten skizziert Josef Bordat die Entwicklung des Gewissensbegriffs und der korrespondierenden Vorstellung davon, was die höchste Autorität ist und fordert, die gegebenenfalls den Bruch der Gesetze legitimiert. Unweigerlich stößt man dabei auf das Naturrecht, vor allem in seiner Begründung durch Thomas von Aquin: Er beschreibt die praktische Vernunft des Menschen als Teilhabe an der absoluten Vernunft Gottes. Infolge dieser Teilhabe neigt der Mensch zum Guten und ist grundsätzlich fähig, es selbst zu erkennen, gegebenenfalls auch ohne an Gott zu glauben.

In den folgenden Jahrhunderten veränderte sich die Vorstellung vom Naturrecht und damit auch die Wertschätzung des Gewissens zum Beispiel mit der Kritik Schopenhauers (Gewissen als Ausdruck von Beliebigkeit) und Nietzsches (Gewissen als Krankheit).

Totalitäre Obrigkeiten können mit der Gewissensfreiheit nichts anfangen. Die Bundesrepublik Deutschland dagegen erkennt sie im Grundgesetz ausdrücklich an. Der Gottesbezug in der Präambel setzt hier den Maßstab, indem der in der eigentlichen Verfassung religiös neutrale Staat ausdrücklich anerkennt, dass es erstens einen absoluten Maßstab für menschliches Handeln gibt und dass zweitens dieser Maßstab der Verfügungsgewalt von Menschen und Staaten entzogen ist.

In der Praxis führt die Gewissensfreiheit zu Konflikten, wenn ihr Gebrauch den Einzelnen dazu zwingt, sich gegen seine Umgebung zu stellen. Paradebeispiele in der Bundesrepublik Deutschland sind die obsolet gewordene Kriegsdienstverweigerung und die Gewissensfreiheit der Abgeordneten, die Bordat sorgfältig abwägend diskutiert (mit dem erlesenen Pofalla-Zitat), die Zweckmäßigkeit der Fraktionsdisziplin ausdrücklich anerkennend.

Abweichen unter Berufung auf Gewissensnot ist in unserer Gesellschaft die Ausnahme, und der wichtigste Indikatior dafür, dass es sich um echte Gewissensnot handelt, besteht für Bordat neben der Ernsthaftigkeit der Begründung darin, dass der “Verweigerer” regelmäßig bereit ist, Nachteile für sich persönlich in Kauf zu nehmen. Als Beispiele arbeitet er u. a. einen Berliner Apotheker und die hessische Landtagsabgeordnete Dagmar Mezger heraus.

Der Apotheker weigert sich, die “Pille danach” zu verkaufen – wegen ihrer abtreibenden Wirkung. Er bekennt sich dazu und wird zum Gegenstand von Agressionen, u. a. wird seine Schaufensterscheibe wiederholt zertrümmert.

Dagmar Metzger war die erste von vier hessischen SPD-Landtagsabgeordneten, die sich der Wahl Andrea Ypsilantis zur Ministerpräsidentin mithilfe der Linken verweigerten. Neben erheblichen Anfeindungen bedeutete dies für alle vier auch das Ende ihrer politischen Laufbahn.

Das Gewissen ist kein Joker, den man ziehen kann, wenn die Argumente ausgehen. Es ist ein realer moralischer Kompass, dem ein reales moralisches Magnetfeld entspricht. Für Josef Bordat ist es darüber hinaus ein “Geschenk Gottes” (S. 245), auf dessen leise Stimme insbesondere katholische Christen hören sollten.

“Und folgen wir dann seinem Ratschluss. Damit kann man nichts falsch machen. Schließlich können wir mit Blick auf das katholische Verständnis des Gewissens die Haltung des Paulus verstehen und annehmen, der den Christen Roms in ihrer spannungsreichen Situation, in ihrem Dauerkonflikt mit Staat und Gesellschaft, Mut macht, zu der Überzeugung zu gelangen, “dass der Mensch gerecht wird durch Glauben, unabhängig von Werken des Gesetzes” (Röm 3,27). Und Rom ist heute überall.”

Josef Bordats Buch "Das Gewissen. Ein katholischer Standpunkt", 245 Seiten, ist ebenso gehaltvoll wie gut lesbar und hat das Zeug zum Standardwerk.


Wo die Drachen Schlange stehen: Die Abenteuer des Maaro von Dentien, Teil I
Wo die Drachen Schlange stehen: Die Abenteuer des Maaro von Dentien, Teil I
von Oliver Wirtz
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Fantasy mit Humor und Fabulierlust - ein großer Spaß, 21. September 2013
Der große amerikanische Fantasyautor Fritz Leiber unterhielt seine Fans mit den Abenteuern des Barbaren Fafhrd und seines urbanen Partners Grauer Mausling, und es lohnt sich immer noch, seine Geschichten zu lesen. Fast noch besser, auf jeden Fall aber humorvoller, ist der haarsträubende Roman "Wo die Drachen Schlange stehen" von Oliver Wirtz. Sein Held Maaro von Dentien ist freiberuflicher Schwertkämpfer und/oder Zauberer und bekommt wegen mangelnder Spezialisierung nur dann Aufträge, wenn niemand anderer zur Verfügung steht. Diesmal muss er die Welt retten, indem er einen Krieg zwischen Drachen und Menschen verhindert. Dabei helfen ihm sein nörgelndes Zauberschwert und eine verführerische Frau mit verdeckten Karten. Überhaupt stellt sich im Verlaufe des Romans wiederholt heraus, dass längst nicht alles so ist wie es scheint.
Der Plot des Romans ist solide, die Handlung schlüssig, die Erzähltechnik an Chandler orientiert - vielleicht heißt der Held nicht ganz zufällig beinahe "Marlowe". Die größte Stärke des Romans ist aber die Originalität der Figuren, auch der unwichtigen; man fragt sich, wie der Verfasser während des Schreibens sein eigenes Lachen unterdrücken konnte.


Offene Kirche für einen offenen Glauben
Offene Kirche für einen offenen Glauben
von Stefan Hartmann
  Broschiert
Preis: EUR 9,95

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Im Urteil schroff, im Glauben fest, 11. Juli 2013
Stefan Hartmann ist ein promovierter Theologe, Schüler Hans Urs von Balthasars, und langgedienter Gemeindepfarrer im Bistum Bamberg. In seinem "Plädoyer eines Pfarrers zum fünfzigsten Jahrestag des Beginns des Zweiten Vatikanischen Konzils" legt er auf 78 gut lesbaren Seiten zunächst eine Diagnose der katholischen Kirche der Gegenwart, dann einen Therapievorschlag vor.
Hartmann beschreibt fünf "Blockierungen der Kirche und ihrer Botschaft", für die er mehr oder weniger deutlich Papst Benedikt XVI. verantwortlich macht: die Blockierung der Seelsorge und des kirchlichen Amtes, die Blockierung der kirchlichen Sexualmoral, die Blockierung der Ökumene, die Blockierung der Liturgie und die Blockierung der christlichen Spiritualität. Seine Argumentation ist in vielem bedenkenswert, etwa in seiner Warnung vor einer "dualistischen Spiritualität des Habens statt des Seins" (S. 30) und in seiner zwar subjektiven aber nachvollziehbaren Abneigung gegen "unreife, unkommunikative und zu Fundamentalismus neigende Kandidaten", die sich in die zölibatäre Priesterexistenz "drängen" und dadurch den aus seiner Sicht nicht zuletzt zölibatsbedingten Mangel an Seelsorgern noch verschärfen.
Trotzdem ist das alles eine Spur zu einseitig, und wenn in der Kritik an Papst Benedikt XVI. dessen Handlungen allein aus der Perspektive der öffentlichen Wahrnehmung kritisiert werden, ist das auch nicht gerecht. Bestünde Hartmanns Buch nur aus dieser Diagnose, dann wäre es ein interessantes Parteidokument aber nur wenig mehr, und man müsste auch den informierten Leser davor warnen, es ohne Konkurrenzpapiere von "konservativen" Katholiken oder sogar von Piusbrüdern zu lesen. Wenn man nämlich letztere über Benedikt XVI. urteilen liest, kommt man zu der Einsicht, dass dieser Papst doch wohl etwas richtig gemacht haben muss.
Gott sei Dank hat das Buch einen zweiten Teil, und man wünscht sich, dieser wäre der erste, oder doch zulasten des ersten stärker gewichtet. Der zweite Teil des Buches ist eine Bereicherung und ein Glaubenszeugnis: Hartmann plädiert für Optimismus, ja Mut und sieht in der vermeintlich säkularen Moderne einen fruchtbaren Boden für die Verkündigung des Glaubens, ja der "Schönheit und Lebendigkeit des Glaubens" (S. 53). Überzeugend und konsequent beschreibt er diesen Glauben als Hinwendung an die Person Jesus in der Gestalt des Auferstandenen. Kompromisslos bezieht Hartmann Position. Für ihn ist dieser Jesus erstens eine historische Person (S. 59) und zweitens wirklich auferstanden (S. 62): "Jesu Auferstehung ist jedoch unabdingbar für jede Katechese und Evangelisierung."
Die deutschsprachige katholische Kirche ist heute in vieler Hinsicht gespalten, unabhängig davon, ob man die Flügel als "liberal" (Theologenmemorandum) und "konservativ" (Petition pro Ecclesia) politisiert oder einfach nur darunter leidet. Stefan Hartmanns "liberaler" erster Teil legt von dieser Spaltung Zeugnis ab, ja er ist ein Ausdruck dieser Spaltung und ein Teil des Problems. Aber Stefan Hartmanns vom Glauben an die Auferstehung, nein, an den Auferstandenen geprägter zweiter Teil ist auch für jeden "Konservativen" als gemeinsamer Weg erkennbar. Stefan Hartmanns zweiter Teil ist ein Teil der Lösung.


Wächter des Labyrinths
Wächter des Labyrinths
von Will Adams
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Nicht einmal die Bösen haben Format, 31. Dezember 2012
Rezension bezieht sich auf: Wächter des Labyrinths (Taschenbuch)
Nach den Zutaten zu urteilen müsste dieses Buch gelungen sein: Ein archäologisches Geheimnis, politische Intrigen, schöne Frauen. Im Ergebnis ist das meiste allzu vorhersehbar, sind die Charaktere allzu sehr von der Stange, besonders die ebenso dummen wie brutalen griechischen Polizisten und die abgrundtief bösen georgischen Oligarchen. Am allerübelsten stößt der Psychopath Michail Nergadse auf, von allen Hannibal-Lecter-Kopien der jüngeren Vergangenheit die mit Abstand platteste. Das einzige, was einen einigermaßen anspruchslosen Leser mit diesem Roman versöhnen könnte, wäre ein brauchbares Happy End. Aber nicht einmal das bringt der Autor zuwege. Hoffentlich sind seine anderen Bücher besser.


The Historian
The Historian
von Elizabeth Kostova
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Dracula als roter Faden der Familiengeschichte, 13. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: The Historian (Taschenbuch)
Eine begabte Teenagerin entdeckt in der väterlichen Bibliothek in Amsterdam ein seltsames Buch und geheimnisvolle Briefe. Nach und nach entringt sie ihrem verwitweten Vater die sowohl bedrückende als auch ermutigende Geschichte, die sich dahinter verbirgt. Die Grundlage dieser Geschichte bildet die Erkenntnis, dass der 1476 gefallene wallachische Fürst Vlad Tzepsz (Dracula) tatsächlich noch lebt und ein Vampir ist. Es spricht für die Erzählkunst von Elizabeth Kostova, dass sie aus dieser im Grunde peinlich unoriginellen Idee eine fesselnde Geschichte macht.
Das liegt daran, dass es eben keine Vampirgeschichte ist, trotz mehrerer durchweg sinistrer Vampire, die in der Handlung vorkommen. In Wirklichkeit findet die Ich-Erzählerin heraus, wie sich ihre Eltern kennengelernt haben - auf der abenteuerlichen Suche nach dem durch Dracula entführten Historiker Rossi, dem der eine als Doktorand, die andere als uneheliche Tochter verbunden ist.
Der Roman ist recht verschachtelt, was einerseits an der Anzahl der Zeugen und Quellen liegt, andererseits an den drei Zeitebenen: 1930, 1954 und Anfang der 70er Jahre; dennoch sind die verschiedenen Elemente gekonnt miteinander verwoben.
"The Historian" ist weder ein Horror- noch ein Actionroman: Ein großer Teil der Handlung besteht aus Forschung, ein erheblicher Teil des Romans aus Quellen und Dokumenten - man erkennt das Vorbild Stoker. Als Historiker freut man sich besonders über Bartholomew Rossis Forschungsansatz, in Istanbul nach osmanischen Quellen zum erfolgreichen Türkenkrieger Vlad zu suchen - und verzeiht dem Roman seine größte Schwäche: die Darstellung des untoten Dracula und seiner Motive. Das ist Bram Stoker seinerzeit überzeugender gelungen.


Die historische Glaubwürdigkeit der Evangelien
Die historische Glaubwürdigkeit der Evangelien
von Hugo Staudinger
  Sondereinband

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Auferstehung als historische Tatsache, 21. September 2012
Viele Theologen halten es für unwesentlich, ob die in den Evangelien berichteten Ereignisse wirklich geschehen sind. Für sie zählt die Botschaft, sozusagen die innere Wahrheit unabhängig von der äußeren. Der Historiker und Philosoph Hugo Staudinger dagegen betrachtet die Evangelien als Quelle - und arbeitet deutlich heraus, dass die Evangelien ihrem Selbstverständnis nach Tatsachen berichten. Unter anderem benennen sie regelmäßig Zeugen für die wiedergegebenen Ereignisse, und sie unterscheiden deutlich zwischen Tatsachen und Erzählungen. Die Evangelien enthalten Theologie, Literatur und Poesie. Aber ihrem Wesen nach sind sie Geschichtsschreibung, und zwar seriöse. Für Staudinger tragen auch die Unterschiede zwischen den Evangelien zu ihrer historischen Glaubwürdigkeit bei: Ganz im Gegenteil wäre absolute Übereinstimmung bei Berichten verschiedener Augenzeugen hochgradig verdächtig.

Staudinger bricht in überzeugender Weise eine Lanze dafür, die Evangelien als Geschichtsquelle ernst zu nehmen, die Berichte über Wunder und über die Auferstehung eingeschlossen. Damit verbunden ist ein Bekenntnis zur entscheidenden Bedeutung der "äußeren" Wahrheit in der Tradition des Apostels Paulus. Für Staudinger macht sich eine Theologie, die sich von der Tatsächlichkeit der Auferstehung abkoppelt, letztlich irrelevant.

Staudiger schreibt präzise, seriös und unkompliziert. Man braucht weder ein Theologiestudium noch ein Geschichtsstudium, um ihn zu verstehen. Und wenn es nach Staudiger geht, dann gilt das grundsätzlich ebenso für die Bibel (S. 110): "... dass der Mensch heute wie eh und je das Recht hat, die Heiligen Schriften als Wort Gottes gläubig zu lesen, ohne sich zuvor mit dem gegenwärtigen Stand der wissenschaftlich-exegetischen Diskussion vertraut machen zu müssen."


Tor zum Talmud
Tor zum Talmud
von Yaacov Zinvirt
  Broschiert

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Anregende Einführung in eine lebendige Tradition des Denkens, 10. September 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Tor zum Talmud (Broschiert)
Für Christen ist das Judentum meist nur bis zur Geburt Christi interessant - als wäre damals für das Judentum die Zeit stehengeblieben. Dabei steht das Judentum von heute in einer lebendigen, nie abgerissenen internationalen Tradition des Lernens und Denkens, die immer wieder auf das christliche Abendland eingewirkt hat. Wer diese Tradition, diese Denkschule(n) verstehen will, findet in Yaakov Zinvirts "Tor zum Talmud" einen Wegweiser, der nicht leicht ist, aber logisch und nachvollziehbar.
Es gibt die Welt noch, die Martin Buber in "Die Erzählungen der Chassidim" in bunten Farben schildert, und der Duisburger Rabbiner Yaakov Zinvirt bietet Nichtjuden, die sie betreten möchten, eine Landkarte mit ausführlicher Legende.
Natürlich muss man das Buch zweimal lesen. Mindestens. Aber das ist es auch wert, schon allein wegen der Fragen zu Recht und Naturrecht, die sich angesichts der vielen vor allem juristischen Abwägungen im Tor zum Talmud aufdrängen.


Der blockierte Riese: Psycho-Analyse der katholischen Kirche
Der blockierte Riese: Psycho-Analyse der katholischen Kirche
von Manfred Lütz
  Taschenbuch

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Auswege aus Problemfixierung und Schützengrabenmentalität, 10. August 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Viele engagierte Katholiken verzweifeln an ihrer Kirche. Manfred Lütz dagegen weist Auswege, indem er den Blick von den Problemen der Kirche zu ihren Ressourcen lenkt. Mit diesen Ressourcen, zu denen das Engagement von Progressiven wie Konservativen gehört, hat die Kirche schon wesentlich schlimmere Krisen bewältigt. Gelingt es den verfeindeten Lagern, einander als katholisch zu akzeptieren und einander Nächstenliebe entgegenzubringen, dann braucht die Kirche nur noch zu begreifen, dass es in vieler Hinsicht nicht um ein Entweder-Oder geht (z. B. Caritas contra Gottesdienstbesuch) sondern um ein Sowohl-als-auch, und weg von der Professionalisierung hin zu mehr selbst gelebtem Glauben zu gehen. Inzwischen nennt man diese aussichtsreiche Therapie "Entweltlichung."

Dieses Buch von Manfred Lütz ist unterhaltsam und mitunter provokativ. Nützlich ist es auch für Leser, die nicht alle Meinungen des Verfassers teilen.


Churchill: A Biography
Churchill: A Biography
von Roy Jenkins
  Taschenbuch
Preis: EUR 15,20

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein lebendiges, umfassendes, faires Porträt, 9. August 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Churchill: A Biography (Taschenbuch)
Einem deutschen Leser, der ein kurzes Buch über Winston Churchill sucht, würde ich noch immer die über vierzig Jahre alte Arbeit von Sebastian Haffner empfehlen. Aber wer Englisch kann und Winston Churchill wirklich verstehen will, der kann nichts besseres finden als die Churchill-Biographie von Roy Jenkins. Dazu trägt bei, dass Jenkins aus eigener Erfahrung verstand, worüber er schrieb: Er war jahrzehntelang britischer Unterhausabgeordneter und wurde u. a. britischer Schatzkanzler und Präsident der Europäischen Kommission. Als junger Politiker hat er Winston Churchill selbst erlebt, allerdings eher von weitem und zudem als politischer Gegner.

Winston Leonard Spencer-Churchill war der Enkel des Herzogs von Marlborough und der Sohn des schillernden Politikers Lord Randoph Churchill. Schon als junger Kavallerieoffizier machte er sich einen Namen als Kriegsberichterstatter. Er nahm u. a. am Mahdi-Feldzug und am Burenkrieg teil. Aus letzterem kehrte er nach abenteuerlichen Erlebnissen als Kriegsheld zurück und erreichte (im zweiten Anlauf) seine Wahl ins britische Unterhaus. Zunächst als Konservativer, später als Liberaler, schließlich wieder als Konservativer füllte er mehrere Ministerämter weitgehend erfolgreich aus, bevor er in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts ins politische Abseits geriet, wobei sein Kampf gegen die Appeasement-Politik und seine Warnungen vor Hitler eine zentrale Rolle spielten. In einem Alter, in dem die meisten Menschen in den Ruhestand gehen, wurde er doch noch Premierminister und trug entscheidend dazu bei, dass England nach der Niederlage Frankreichs den Krieg fortsetzte und überstand. Nach dem Ende des Krieges gehörte er, zunächst als Oppositionsführer, dann erneut als Premierminister, zu den Vorreitern von Abrüstung und europäischer Einigung.

Roy Jenkins porträtiert Winston Churchill umfassend und macht deutlich, welch ein vielfältig begabter Mann dieser war; allein als Schriftsteller (mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet) wäre er schon in die Geschichte eingegangen. Dabei ist Jenkins bei weitem kein unkritischer Heldenverehrer: Er beschreibt Churchills Fehler genauso nüchtern wie seine Stärken. Unter anderem wird bei ihm sehr deutlich, dass Churchill zwar mit seinen Warnungen vor Hitler richtig lag. Dass er damit aber so wenig Gehör fand, das hatte er sich selbst durch eine jahrelange ebenso aussichtslose wie fanatische Kampagne gegen mehr Selbstverwaltungsrechte für Indien eingebrockt.

Roy Jenkins macht Winston Churchill erlebbar und, soweit das überhaupt möglich ist, begreifbar. Für nichtbritische Leser besonders nützlich sind seine Erläuterungen des britischen Wahlsystems und seiner Konsequenzen wie zum Beispiel der lange Zeit vorgeschriebenen Nachwahlen, denen sich ein Abgeordneter stellen musste, wenn er Regierungsmitglied wurde. Natürlich ist Roy Jenkins Churchill-Biographie ein dickes Buch. Aber ein großes Buch ist sie auch.


Geheim und effektiv: Über 1000 Jahre Diplomatie der Päpste
Geheim und effektiv: Über 1000 Jahre Diplomatie der Päpste
von Michael F. Feldkamp
  Gebundene Ausgabe

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Friedensnobelpreis für die Päpste?, 11. Juli 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Die Geschichte der römisch-katholischen Kirche ist - natürlich - oft die Geschichte menschlicher Fehler und Versäumnisse. In vieler Hinsicht aber belegt sie einen mehr oder weniger kontinuierlichen Fortschritt, in mancher Hinsicht sogar kontinuierliche Pionierleistungen der Kirche. Dafür ist Michael F. Feldkamps Darstellung der päpstlichen Diplomatie und ihrer Entwicklung im Laufe der Jahrhunderte ein Paradebeispiel.

Schon in der Spätantike ließen sich die Bischöfe von Rom durch Bevollmächtigte vertreten, zum Beispiel auf dem Konzil von Nikäa. Ging es dabei vorrangig um theologische Fragen, so spielten doch auch Rangfragen eine wichtige Rolle.
Die Wurzeln der heutigen päpstlichen Diplomatie liegen dennoch eher im elften Jahrhundert, in den Kirchenreformen Papst Gregors VII. und im damit zusammenhängenden Investiturstreit. Dabei setzen die päpstlichen Legaten regelmäßig nicht nur den Willen des Papstes im Einzelfall durch sondern auch seine Jurisdiktionsgewalt im Allgemeinen.

Ständige Nuntien und Nuntiaturen im heutigen Sinne entstanden erst im 16. Jahrhundert im Zuge der Gegenreformation. Für lange Zeit blieb dabei charakteristisch, dass Nuntiaturen nur bei katholischen Mächten errichtet wurden. Als besonders bedeutsames Ereignis in einem jahrhundertelangen Professionalisierungsprozess dürfte die Gründung der päpstlichen Diplomatenschule "Accademia die Nobili Ecclesiastici" im Jahr 1701 zu bewerten sein, aus der wohl nicht zufällig mehrere Päpste hervorgegangen sind, zuletzt Papst Paul VI.

Intensiv würdigt Michael Feldkamp die Verdienste von Papst Pius XII., der in schwierigster Zeit die Voraussetzungen dafür schuf, dass der Vatikan nach dem Zweiten Weltkrieg, meistens hinter den Kulissen, wesentliche Beiträge zur Entschärfung von Konflikten, zur Förderung der Menschenrechte, ja zur Überwindung des Kommunismus in Europa leisten konnte. Dabei gibt Feldkamp auch der Kritik an der vatikanischen "Ostpolitik" Raum, der zufolge diese geeignet war, die Katholiken unter kommunistischer Herrschaft bisweilen zu verunsichern.

Michael F. Feldkamp legt mit "Geheim und effektiv" ein gutes Buch vor, informativ, nützlich, leicht lesbar und frei von billigen Effekten. An wenigen Stellen wäre noch etwas Feinschliff vorstellbar, beim "Tötet alle"-Zitat des Legaten Arnold Amalrich etwa (Quellenkritik) oder beim Geburtsjahr des Bundeskanzlers Helmut Schmidt (NICHT 1925), aber das mindert den Wert des Buches keineswegs.

Abschließend stellt Feldkamp die nicht ausschließlich provokative Frage, warum angesichts unbestreitbarer Verdienste um den Frieden noch nie ein Papst den Friedensnobelpreis erhalten habe, insbesondere nicht Papst Johannes Paul II., und antwortet augenzwinkernd, wichtiger als die tatsächlichen oder erst erhofften Verdienste des Kandidaten sei wohl das Element der angenehmen Überraschung, und Päpste sind nun einmal "sowieso" friedensfördernd.


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