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Rezensionen verfasst von
Johannes Kaspar (Villach, Österreich)
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Das Rätsel der Donauzivilisation: Die Entdeckung der ältesten Hochkultur Europas
Das Rätsel der Donauzivilisation: Die Entdeckung der ältesten Hochkultur Europas
von Harald Haarmann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,95

42 von 60 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Unerfreulich, 16. Januar 2012
Das Buch ist der Versuch einer populärwissenschaftlichen Zusammenfassung der außerordentlichen archäologischen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte, wonach entscheidende Kulturtechniken wie Töpferrad und Schrift, deren Entstehung man bisher stets dem mesopotamischen Raum zugeordnet hat, tatsächlich schon tausende Jahre früher im Raum des heutigen Serbiens, Bulgariens und Rumäniens entstanden. Bedauerlicherweise ist der Autor dieser Aufgabe nicht gewachsen. Das beginnt schon bei der Schilderung der neolithischen Transformation Osteuropas, wonach ein paar anatolische Bauernburschen plötzlich auf die Idee kamen, ins Zielgebiet Thessalien" über die eurasische Landbrücke einzuwandern. Er ignoriert, dass genetische Studien (mitochondriale DNS und Y-Haplogruppen ) zeigen, dass die heutigen Europäer zu etwa 1/5 von anatolischen Bauern ( ca 26% ) und Bäuerinnen ( ca 17% , nach Sykes "The seven daughters of Eve" ) abstammen. Dieser hohe Anteil ist durch eine so simple Migration nicht erklärbar. Genetische Vergleiche von Wildformen des Einkorns von Griechenland bis in den Irak mit der kultivierten Form beweisen außerdem, dass nur jene Wildform im Neolithikum verwendet wurde, die am oberen Euphrat im Bereich der syrisch-türkischen Grenze wächst - also dort, wo auch die ältesten Dörfer liegen. Soweit es europäische neolithische Experimente gab, betreffen sie vor allem die Domestizierung von einheimischen Wildtieren. Diese Ergebnisse passen weit besser zum Bild einer Diffusion der neolithischen Kultur aus Anatolien heraus, sowohl in Richtung eines schwach besiedelten Europa wie auch in Richtung Indien, als irgendwelche unbegründete ,Wanderungen`. Die Behandlung der genetischen Forschungen ist bei Haarmann überaus oberflächlich und kurz. Statt dessen langweilt er den Leser mit ebenso irrelevanten wie unbeweisbaren Spekulationen darüber, dass die Entstehung des Schwarzen Meeres die Vorlage für die Sintflutmythen im syrischen und mesopotamischen Raum sei. Ein weiteres Kuriosum des Buches sind die endlosen Listen von angeblich nicht-indogermanischen ,pelasgischen` Lehnwörtern im Griechischen, die die Sprache des neolithischen und kupferzeitlichen Europas und zugleich ihre geistige Kultur wiedergeben sollen. Er führt dazu eine Reihe von Schriftzeichen aus den alteuropäischen Funden an, die gut zu den Linear A Zeichen passen. Aber natürlichen besagen Schriftsysteme gar nichts, was die Sprache betrifft, ja noch nicht einmal etwas über die Sprachfamilie. Dass da tausende Jahre zwischen der minoischen und den alteuropäischen Kulturen dazwischenliegen, scheint Haarmann vernachlässigbar zu sein. Interessanter wäre gewesen, zu überprüfen, ob auch dieselben Symbolkombinationen bei diesen verschiedenen Kulturen bestehen, aber lexikalische Untersuchungen sind Haarmanns Sache nicht. Dafür endet man nach all diesen Listen bei dem überraschenden Ergebnis, dass die Hauptgestalten der größten indogermanischen Epen, der Ilias und der Odyssee, nämlich Agamemnon und Odysseus ( sowie dessen Frau Penelope ) alle ,pelasgische`, also ( nach Haarmann) nicht-indogermanische Namen tragen. Man fragt sich als Leser, was das alles soll und was das mit konkreter Forschung zu tun hat. Von diesen Ausflügen in philologische Tagträume abgesehen bleibt Haarmann strikt der Interpretationswelt von Marija Gimbutas verhaftet, und Daten jeder Art werden in das Prokrustesbett ihrer Vorstellung von den Steppennomaden gepresst. ( von ihren Reiternomaden spricht nicht einmal mehr Haarmann, dieser Aspekt ist inzwischen wohl hinreichend entsorgt worden ). Um nur eins von mehreren Beispielen zu nennen : die große Zahl von weiblichen Figurinen in den alteuropäischen Fundstellen sei demnach der Verehrung der "Großen Göttin" zuzuschreiben, und verschiedene Göttinnen seien nur "Metaphern" für die Große Göttin". Dieses Konstrukt eines weiblichen Monotheismus wird von Haarmann unreflektiert übernommen, obwohl in sämtlichen Religionen Göttinnen nie als bloße Symbole einer einzigen Göttin verehrt werden ( Kali und Lakshmi sind ebenso verschieden und eigenständig wie Hekate und Aphrodite ) . Und wo es einmal eine einzelne Göttin gibt, wie im katholischen Marienkult, da ist sie eine auf die Mutterrolle hinkastrierte Dame ohne Unterleib - kaum eine Große Göttin im Sinn von Gimbutas. Das Bildmaterial des Buches ist alles schwarz-weiss, fast ausschließlich ohne Angabe der Abmessungen der abgebildeten Gegenstände, und hauptsächlich aus Veröffentlichungen von Gimbutas zusammengewürfelt. Das Kartenmaterial ist sehr dürftig - man hätte zB gern die Radiokarbondaten des Beginns der neolithischen und metallverarbeitenden Techniken für die verschiedenen Fundorte gesehen. Stratigraphien fehlen völlig. Es kann bei all dem kaum noch verblüffen, dass im ganzen Buch nicht ein einziger Metallgegenstand abgebildet ist, und eine Diskussion der Verwendung von Metall und des Handel damit gänzlich fehlt. Besonders ungustiös ist die dümmlich-arrogante Art Haarmanns, die Theorien weit größerer Forscher, als er einer ist, abzutun; soweit er überhaupt andere Auffassungen zur Kenntnis nimmt, sind sie "älter" - lies : veraltet - oder "abenteuerlich" ( Renfrew ) und "skurril" oder schlicht "Absurditäten" ( Nikolov ), die allesamt "nicht der Komik entbehren". Zu dieser intellektuellen Schweinerei kommt noch Haarmanns schlampige Art beim Zitieren hinzu; Literatur, auf die er im Text verweist, taucht im Literaturverzeichnis nicht auf, und ein Stichwortverzeichnis fehlt gänzlich. Ich gebe dem Haarmannschen Machwerk nur deshalb noch zwei Punkte, weil es den Blick von Mesopotamien auf Europa richtet, und ein solcher Paradigmenwechsel an und für sich ein Wert ist.
Kommentar Kommentare (9) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 28, 2013 9:21 AM MEST


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