Fashion Sale Hier klicken Sport & Outdoor calendarGirl Cloud Drive Photos Erste Wahl Learn More madamet HI_PROJECT Hier klicken Fire Shop Kindle PrimeMusic Lego Summer Sale 16
Profil für Dr. Gerd Doeben-Henisch > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Dr. Gerd Doebe...
Top-Rezensenten Rang: 48.785
Hilfreiche Bewertungen: 427

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Dr. Gerd Doeben-Henisch
(REAL NAME)   

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3 | 4
pixel
Die Metaphysik Avicennas Enthaltend Die Metaphysik, Theologie, Kosmologie Und Ethik
Die Metaphysik Avicennas Enthaltend Die Metaphysik, Theologie, Kosmologie Und Ethik
von Max Horten
  Taschenbuch
Preis: EUR 36,54

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen NACH DEN ERSTEN 100 Seiten: Sehr empfehlenswert, 25. Januar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
IBN SINA/ AVICENNA: DIE METAPHYSIK AVICENNAS. Enthaltend Die Metaphysik, Theologie, Kosmologie und Ethik. Übersetzt und erläutert von Max Horten, Halle a.S. und New York: Verlag von Rudolf Haupt, 1907 (Reprint durch Amazon.co.uk Ltd., Marston Gate (Great Britain), Ulan Press, keine Jahreszahl)

ANSTOSS VON AUSSEN

Angeregt durch den Film 'Der Medicus' bin ich auf die Person Avicennas gestoßen; erste Recherchen meinerseits im Anschluss an den Film ergaben, dass er nicht nur ein großer Medizinwissenschaftler gewesen ist, sondern er war auch zeitübergreifend bedeutend im Bereich der Philosophie. Auf der Suche nach Übersetzungen von seinem philosophischen Hauptwerk musste ich feststellen, dass die wenigen, die es auf Deutsch gibt, vergriffen sind. Allerdings gibt es einen Reprint von Amazon von der Übersetzung und Erläuterung von Avicennas Metaphysik durch Max Horten (voller Name: Maximilian Joseph Heinrich Horten) (1874 -- 1945), einem bedeutenden deutschen Orientalisten.

DAS BUCH

Dieses Buch, ein 1-zu-1 Reprint der Ausgabe von 1907, umfasst 799 Seiten. Es präsentiert sich in einem exzellenten Deutsch und einer umfassenden Kommentierung in den Fußnoten. Da Horten ein Orientalist mit breiten Kenntnissen in Philosophie und Theologie (insbesondere die lateinische Tradition) war, eröffnen seine Anmerkungen mit Originalzitaten griechischer, arabischer und lateinischer Autoren einen Einblick in die Vernetzung der Gedankenwelt Avicennas mit den verschiedenen Traditionen.

Ich habe bislang zwar erst ca. 100 von den 799 Seiten gelesen, aber ich bin restlos begeistert und fasziniert von diesem Text; nicht so sehr, weil ich glaube, dass man diese Gedanken heute noch so direkt übernehmen könnte, aber weil dieser Text die Möglichkeit gibt, das 'alte' Denken, das viele Jahrhunderte (letztlich fast 2000 Jahre) den europäischen Raum (zu dem der 'Orient' wesentlich dazugehört) geprägt hat, mit dem heutigen 'modernen' Denken direkt in Beziehung zu setzen, um dadurch die grundlegenden Transformationen deutlich zu machen, die das europäische Denken durchlaufen hat.

Ob und wie sich das europäische Denken mit anderen Denkformen verzahnt oder nicht verzahnt, sich möglicherweise gegenseitig anregen kann, dies wäre ein eigenes Thema.

FÜR WELCHE LESER

Für jemanden, der keinerlei Vorwissen in griechischer Philosophie, lateinischer Theologie und klassischer Logik hat, ist das Buch möglicherweise ein bisschen 'hart' und mag als verwirrende 'Begriffsklauberei' erscheinen. Wer sich aber da ein wenig auskennt und vielleicht noch dazu ein wenig moderne Logik, Philosophie und Wissenschaftstheorie kennt, für den kann das Buch ein absoluter Genuss sein. Ich werde das Buch auf jeden Fall weiter lesen und parallel in meinem Philosophie-Blog diskutieren.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 3, 2015 4:36 PM MEST


Die Philosophie bei Star Trek: Mit Kirk, Spock und Picard auf der Reise durch unendliche Weiten
Die Philosophie bei Star Trek: Mit Kirk, Spock und Picard auf der Reise durch unendliche Weiten
von Henrik Hansemann
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,95

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Faszination war stärker als die Mängel, 3. Januar 2014
Henrik Hansemann, "Die Philosophie bei Star Trek: Mit Kirk, Spock und Picard auf der Reise durch unendliche Weiten" Weinheim (DE): Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA; Auflage: 1. Auflage (13. März 2013), ISBN-10: 3527507280, ISBN-13: 978-3527507283

BEWERTUNGSKRITERIEN

Bei der Vergabe von Sternen stellt sich immer die Frage, nach welchen Kriterien man diese vergeben soll. Mit Blick auf die Originalität des Projektes und der Sache wäre dies aus meiner Sicht ein Buch für 5 Sterne. Legt man aber minimale wissenschaftliche Kriterien an, dann hat das Buch für mich leider einige handwerkliche Mängel, die so nicht sein müssten, und die bei mir dazu geführt haben, nur drei Sterne zu vergeben. Details dazu im weiteren Text.

WAS STÖRT

- ZITATE ...

Das Störfeuer für einen 'reinen Genuss' beginnt schon bei der Tatsache, dass Quellennachweise sehr stiefmütterlich behandelt werden. Es gibt zwar auf S.247 eine (!) Seite mit Quellennachweisen, aber es gibt mindestens 31 weitere Quellenangaben im vorausgehenden Text, die im abschließenden Verzeichnis nicht aufgelistet sind. Dazu kommen deutlich mehr als 50 (!) Stellen, wo der Autor ausdrücklich Bezug auf Personen, Werke oder Ideen nimmt, ohne sich die Mühe zu machen, die dazugehörigen Quellen ausreichend auszuweisen oder eine explizite Angabe ganz unterlässt. In einer Zeit, wo Menschen des öffentlichen Lebens durch Aufweis mangelnden Zitierens Doktortitel aberkannt bekommen, ist solch ein Schreibstil grenzwertig. Man wundert sich, warum das Lektorat des Wiley-VCH Verlages hier nicht genauer hingeschaut hat. Schade für den Autor und das Buch.

- STAR TREK QUELLEN ...

Ärgerlich ist auch, dass zwar explizit über die Star-Trek Serien und Filme geschrieben wird, ohne wenigstens einmal irgendwo zu erklären, wie z.B. die Zitierweise 'TOS 1.2' oder 'TNG 7.15' zu verstehen ist. Natürlich kann man dies dann selber recherchieren, aber warum kann diese im Buch nicht wenigstens einmal aufgelistet werden (geeignete Links dazu fehlen auch auf der S.247). Das gleiche gilt für eine Übersicht über die Inhalte und Strukturen von Star Trek generell: Es gibt zwar zwei Kapitel nur über das Phänomen Star Trek, wer aber noch keine detaillierte Kenntnisse von Star Trek hat, wird durch diese beiden Kapitel kaum Klarheit gewinnen. Ein allgemeiner Verweis wie auf 'memory-alpha.org' ist zwar nett, aber für jemanden, der Star Trek noch nicht kennt, ist es quasi unmöglich, sich in dieser umfassenden Enzyklopädie schnell zurecht zu finden. Wirklich hilfreich erwies sich für mich der einschlägige Artikel in der deutschen Wikipedia; dieser Hinweis fehlt aber im Buch.

- PHILOSOPHIE, WAS IST DAS?

Irritierend ist auch die Bezeichnung 'Die Philosophie' bei Star Trek. Falls ein Leser erwarten sollte, irgendwo explizit erklärt zu bekommen was in diesem Buch unter 'Philosophie' verstanden wird, der wird enttäuscht werden. Was unterscheidet 'Philosophie' von 'Wissenschaft'? Was hat 'Philosophie' mit 'Ethik' zu tun? Es werden zwar an einzelnen Stellen auch andere Philosophen erwähnt oder gar zitiert, aber was der Autor unter Philosophie versteht/ verstehen will, wird nirgends eigens erklärt. Man muss schon das ganze Buch lesen und dann im Rückblick durch Analyse des Textes herausarbeiten, was in diesem Buch vielleicht das 'Philosophische' war. Für mich ist diese mangelnde Transparenz eine Schwäche des Buches; dadurch wird die Verwendungsweise des Begriffs 'Philosophie' wieder einmal mehr in eine unreflektierte Alltäglichkeit abgeschoben, die dem Begriff im Sinne der bekannten Traditionen Unrecht tut.

WAS FASZINIERT

Trotz all dieser Kritik habe ich die Lektüre des Buches zwischendrin nicht gestoppt, da das Buch trotz all dieser Schwächen immer noch auf mich eine gewisse Faszinität ausgeübt hat. Dies liegt aber primär am Stoff selbst, an den Star Trek Serien und Filmen. Nehmen wir sie zunächst mal als das, was sie sind, nämlich ein sehr kreativer künstlerischer Umgang mit möglichen Zukunftsszenarien, dann muss man zugestehen, dass die Vielfalt und Durchdachtheit dieser Szenarien sehr wohl zunächst sehr anregend sein kann. Und diese künstlerische Ausdrucksformen ernst zu nehmen, sich auf ein Gespräch mit ihnen einzulassen, das ist sicher ein großes Verdienst des Autors. Alle von ihm gewählten Themen (wie z.B. 'Föderation der Planeten', die Verschiedenartigkeit der Ethnien und die Sprachenvielfalt, Einfluss von 'Logik', 'Gefühl' und 'Emotion' im Leben, 'Beamen', 'Androiden', 'Virtuelle Welten', die fließenden Grenzen zwischen verschiedenen Lebensformen, Tod und Jenseits und mehr) sind mittlerweile sehr nahe an unserem heutigen Alltag, und man kann den Eindruck gewinnen, dass eine erneute und vertiefte Diskussion dieser Themen gerade heute Sinn machen könnte. Die abgeschlossene 'Gemeinde' der 'Trekkies' als solche ist für die meisten vermutlich kein Weg. Vor diesem Hintergrund hebt sich das Buch ab, indem es zumindest ansatzweise Verständnisbrücken vom bekannten Alltag zur faszinierenden Kunstwelt von Star Trek zu schlagen versucht.

Was der Autor unter 'Philosophie' versteht, ist mir aber auch nach der Lektüre nicht so richtig klar geworden. Möglicherweise liegt das aber nicht nur am Autor, sondern am Verlag Wiley-VHC, der den Begriff 'Philosophie' für eine ganze Serie von Büchern bemüht, wo schon der Kontext den Eindruck erweckt, es geht weniger um Philosophie als vielleicht eher um eine Marketingstratgie unter Verwendung des Begriffs Philosophie. Das ist nicht unbedingt gut für die Philosophie...

TROTZDEM LESEN: JA

Bei aller Schwäche und Kritik des Buches würde ich eine Lektüre empfehlen, da das Buch auf jeden Fall anregend war. Möglicherweise geht ich an einer anderen Stelle nochmals ausführlicher auf einige der Themen des Buches ein.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 1, 2015 6:40 PM MEST


Und Gott sprach: Wir müssen reden! (Die Jakob Jakobi Bücher, Band 1)
Und Gott sprach: Wir müssen reden! (Die Jakob Jakobi Bücher, Band 1)
von Hans Rath
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

5.0 von 5 Sternen MANN MUSS NICHT, ABER MAN KANN :-), 27. Dezember 2013
Na ja, nach so vielen begeisterten und oft auch nachdenklichen Kommentaren zum Buch von Hans Rath muss man eigentlich nichts mehr hinzufügen, höchstens ein paar persönliche Anmerkungen, die man lesen kann, aber nicht muss.

Ich gehöre auch zu denen, die das Buch durchgängig unterhaltsam fanden, in seinen Szenarien und gewählten Fortsetzungen meist überraschend, humorvoll, aber auch geistreich.

Als Philosoph und Theologe war ich überrascht, wie Rath schwergewichtige Themen zur Gottesfrage und Theodizee fantasievoll in Alltagsszenen zu verpacken verstand, die interessante Fragen anklingen ließen, ohne sie dogmatisch zu entscheiden. Während die offizielle Theologie in den meisten grundlegenden Fragen bis heute versteckt hinter komplizierten Sprachgebilden anscheinend orientierungslos herumirrt, scheut sich Rath nicht, den Leser mit manch tiefgründiger Frage zu konfrontieren. Allerdings undogmatisch, locker, fast beiläufig; man muss diese Fragen nicht ernst nehmen, man kann es einfach als Unterhaltung lesen; und doch, wer will, wer einen Rest von Sensibilität für den verborgenen Sinn im Alltag besitzt, der kann sich in dieser scheinbaren Leichtigkeit sehr wohl angesprochen fühlen, kann angeregt werden, darin mehr zu sehen, als man vordergründig sehen 'muss'....

OK, wer sich wirklich durch diese Sprachspiele mehr angesprochen fühlen sollte als nur im Modus der Unterhaltung, der wird nur durch diesen Text möglicherweise nicht sehr weit kommen. Es ist aber keine leichte Frage, welch alternativer Text denn wirklich weiter führt (mit der kleinen Randbedingung, dass er verstehbar sein sollte!). Ich habe einige hundert Bücher zum Thema gelesen. Vielleicht gibt es nicht 'das' Buch, auch wenn wir es gerne so hätten....


1Q84. Buch 1&2: Roman
1Q84. Buch 1&2: Roman
von Haruki Murakami
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 32,00

0 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Im Vorhof der Hölle?, 7. Juni 2013
Rezension bezieht sich auf: 1Q84. Buch 1&2: Roman (Gebundene Ausgabe)
Vorbemerkung 1: Ich habe die englische Fassung gelesen. Da ich in der Besprechung praktisch nicht auf die Sprache eingehe, sollte dies dieser Besprechung kein Abbruch tun.
Vorbemerkung 2: Die englische Fassung enthält alle drei Teile. Wer den dritten Teil noch nicht gelesen hat und hier nicht vorinformiert werden will, sollte die Besprechung also nicht lesen.
Vorbemerkung 3: Der Text dieser Rezension ist eine leicht gekürzte Fassung aus meinem Blog.

DAS BUCH

1) Ich lese sehr selten Romane, aber jetzt habe ich mal wieder einen gelesen: “1Q84? von Haruki Murakami (wie in der englischen Wikipedia nachzulesen ist, steht das ‘Q’ in ’1Q84' im Japanischen oft für die ’9'; also heisst der Titel eigentlich ’1984' und ist damit eine Anspielung auf die berühmte gleichnamige Novelle von George Orwell). ’1Q84' spielt auch im Jahr 1984.
2) Da ich kein Japanisch kann, habe ich die englische Übersetzung gelesen. Dies hat natürlich zur Folge, dass ich nichts über die Sprache des Romans sagen kann.
Wenn man bedenkt, dass Romane sich sehr stark über die Sprache definieren ist dies natürlich eine gewaltige Einschränkung. Es fehlt irgendwie das ‘Herz’, die ‘Seele’ des Romans.

STRUKTUREN

3) In meiner englischen Taschenbuchausgabe mit Bd.1-3 erstreckt sich der Roman über 1157 Seiten. Er ist in kleine Kapitel unterteilt, die sich jeweils um eine Person zentrieren. Dies hat zur Folge, dass Ereignisse, die parallel ablaufen, aufgrund der unterschiedlichen Perspektiven oft hintereinander angeordnet werden, was zu unnatürlichen ‘Verschiebungen im Kopf’ führen kann.
4) Es sind etwa neun Personen, die die Haupthandlung im wesentlichen tragen, darunter drei Frauen. Daneben tauchen fallweise einige andere Personen auf, die sehr wohl mehrere Kapitel bevölkern können. Alles spielt im Jahr 1984, hauptsächlich in Tokyo. Doch bleibt sowohl die Zeit als auch die Stadt weitgehend unwirklich, blass. Die einzelnen Personen erscheinen wie kleine ‘Gucklöcher’ in Zimmern, Bars, Strassen, Häuser, Verkehrsmittel.

ERZÄHLPERSPEKTIVE

5) Durch diese strikte 1-Personen-Perspektive schleppt sich das Geschehen sehr langsam dahin. Ausführliche, detaillierte Beschreibungen der Situationen, Handlungen, subjektiven Zustände dieser Personen wirken wie ‘Zeitlupenaufnahmen’, die ein beschauliches, abwartendes Lesen verlangen. Aufkeimende wilde Vermutungen können dann leicht störend, quälend wirken.
6) Phänomenologisch nah am Alltag, am unmittelbaren Erleben, streut der Autor viele philosophisch anmutende Reflexionen ein, die die Selbstverständlichkeit des Alltags verunsichern, in Frage stellen.
7) Wenn im Roman von Musik die Rede ist, dann von klassischer Musik; allerdings eher abstrakt. Eine große Rolle spielt ein gesunder Körper und gutes Essen, selber kochen. Die Hauptpersonen sind alle auf irgendeine Weise gesellschaftliche ‘Außenseiter’ (z.B. durch ihre Kindheit, durch ihre Lebensgeschichte, durch ihre Berufe). Sie sind isolierte einzelne, völlig unpolitisch.

VOM ENDE HER GEFRAGT

8) Also, wozu diese aufwendige Schreibarbeit von 1157 Seiten? Blickt man gleich aufs Ende dann erscheint dies (sieht man von der sprachlichen Hülle einmal ab) wie ein billiges Bollywood-Liebes-Happyend: eine Sie-1 und ein Er-1 finden sich nach gut 20 Jahren als Traumpaar wieder, das seit der Grundschulzeit umeinander wusste, das immer unerfüllt war, und dann, nach und unter turbulenten Umständen zueinander finden konnte. Ein Paar, isoliert, einsam, nur für sich, viel Geld, unter dem Mond, in einer Hotelsuite, ‘glücklich’.
Nichts gegen Verliebtheit; es ist etwas wunderschönes, zauberhaftes, aber als Antwort auf ein fast weltbedrohliches Geschehen, mit Verbrechen, Toten, sinistren Organisationen, ein bisschen enttäuschend.
9) Daran ändert sich nicht viel, wenn man als Rahmenhandlung einbezieht, dass Sie-1 schwanger ist ohne direkte Einwirkung von ihrem Geliebten Er-1 und Er-1 zum Zeitpunkt der Befruchtung an einem anderen Ort sich in einem sexuellen Akt mit einem anderen weiblichen Wesen Sie-2 befand, deren Status bis zum Ende des Romans im Unklaren bleibt. Sie-2 sah aus wie eine junge Frau von 17 Jahren, konnte aber den Samen von Ihm Er-1 auf nicht erklärte Weise in die Vagina von ihr Sie-1 transportieren, ohne das Sie-1 sich in einem sexuellen Akt befand. Die Idee als solche ist originell (so eine Art ‘Fernbefruchtung’) und mit Blick auf die immer ‘moderneren’ Befruchtungsmethoden heutzutage nicht ganz so abwegig, aber in dem Roman kommt es ein wenig ‘magisch-mystisch’ daher (das Thema ‘Empfängnis ohne direkte Einwirkung eines Mannes’ findet sich in vielen Religionen und Märchen; normalerweise soll es die ‘Besonderheit’ des Kindes unterstreichen).
10) Diese magische ‘Fernbefruchtung’ ist eingebettet in eine komplexe Rahmengeschichte, in der eben dieses ‘ontologisch-unklare’ Sie-2 eine Geschichte erzählt, die vom Er-1 literarisch aufpoliert wird und dann zum Bestseller mutiert. Was für viele nur eine ‘interessante Novelle’ ist, entpuppt sich dann aber als die Beschreibung von scheinbar realen Vorgängen einer ‘besonderen Art’ die sich nicht in der normalen Welt des Jahres 1984 abspielen, sondern in einer magischen Parallelwelt 1Q84, in der der Mond eine ‘Tochter’ in Form eines kleinen grünen Mondes bekommen hat. In welcher der beiden Welten man sich befindet erkennt man an der Sichtbarkeit – oder Unsichtbarkeit – dieser beiden Monde.
11) Die Quelle für diese Novelle ist die Sie-2, ein 17 jähriger Teenager, der die Tochter eines Mannes ist, der nach und nach als der geistliche Führer einer religiösen Vereinigung enthüllt wird, und die mit 10 Jahren aus dieser religiösen Vereinigung geflohen war, zu einem alten Freund des geistlichen Führers.
12) Die Novelle selbst – genannt ‘Air Chrysalis’ – erzählt die Erlebnisse von Sie-2 mit sonderbaren Wesen (‘kleine Menschen’, ‘little People’), die in die Welt treten können, dort Kopien von Menschen erzeugen können, die als ‘Wahrnehmende’ (‘perceiver’) für besondere Stimmen dienen, die wiederum speziellen Menschen, den ‘Empfängern’ etwas sagen, das diese dann umsetzen können. Das Ganze verbunden mit speziellen sexuellen Praktiken, wo die Wahrnehmenden (deren Gestalt denen von kleinen 10-jährigen Mädchen ähnelt) mit den Empfängern (im Roman ein Mann, der geistliche Führer), sexuellen Verkehr gegen den Willen dieses Mannes haben. Bis zum Ende des Romans bleibt
offen, wie man das genau zu verstehen hat, welche Art von Erkenntnissen hier vermittelt werden, was davon in der erzählten geistlichen Gemeinschaft tatsächlich passiert; welche Rolle letztlich Sie-2 spielt.
13) Während nun also im Roman der Vater von Sie-2, der geistliche Führer, Teil solcher sexuellen Praktiken ist und ‘Stimmen hören kann’, was bei ihm zu unendlichen körperlichen Schmerzen führet, soll Sie-1 diesen geistlichen Führer umbringen (auf seinen eigenen Wunsch hin) und wird im selben Augenblick ‘befruchtet’, als Sie den geistlichen Führer umbringt (‘Tod auf Verlangen’). Ob Sie-1 damit zu Mutter eines Wesens wird, das dann auch eine ‘Wahrnehmerin’ ist, bleibt bis zum Ende offen. Ebenso ob Er-1, ihr neuer Lebenspartner,
zu einem neuen ‘Empfänger’ wird. Verschiedene Formulierungen deuten an, dass Sie-1 und Er-1 eher ein Antimittel gegen die ‘kleinen Menschen’ und die Parallelwelt ’1Q84' sind.
14) Der Roman endet dann auch damit, dass Sie-1 einen Weg findet, die Parallelwelt 1Q84 wieder zu verlassen.

EINSCHÄTZUNGEN

15) Der inhaltliche Kern des Romans wirkt ziemlich obskur, repräsentiert eine dekonstruktive Fiktionalität, d.h. eine solche, die wenig hilft, die Unerschöpflichkeit unserer realen Welt ein Stück weiter zu erhellen. Eher dient der Roman dazu, mögliche Sichten in das wahre Geheimnis unserer Welt zu verstellen mittels vieler Attrappen, verwirrender Traumbildern, Zerrbildern im Gewandte von Realitäten. Gemessen an der unfassbaren Dynamik und Komplexität der realen Welt wirken die Konstruktionen des Romans sehr simpel, sehr
bieder, wenig fantasievoll, sehr bürgerlich.
16) Trotz allem, ich habe den Roman vollständig gelesen, bis zum Ende. Die Kraft der Beschreibung hält durchweg ein gewisses Interesse, eine gewisse Spannung wach und das, was sich in der obigen inhaltlichen Rekonstruktion als so wenig attraktiv darstellt, ist im Erzählfluss so gut verpackt, dass man durch das vordergründige Geschehen so fasziniert ist, dass einem die Fragwürdigkeit des Inhalts nur erst sehr langsam und sehr spät klar wird.

ERWARTUNGEN AN EINEN ROMAN

17) Sind Romane also nur ‘Wortspiele’, deren Inhalt egal ist? Geht es nur um ‘Effekte’ und nicht auch um ‘Wahrheit’? Lässt man die speziellen Rahmenkonstrukte außer Acht wirken die Schilderungen der einzelnen Figuren auf vielen Strecken schon interessant. Es sind einzelne Blitzlichter hinein in das Dunkel einer anderen Kultur. Doch als Nicht-Japaner kann man natürlich nicht beurteilen, ob die geschilderten Personen tatsächlich etwas über Realitäten in Japan verraten oder nur eine fiktive Scheinwelt beschreiben. Wenn ich sehe, wie unendlich schwer es ist, in unserer komplexen Welt ‘brauchbare Wahrheiten’ zu gewinnen, jene Sichten, die wir zum Leben und Überleben
benötigen, dann tendiere ich dazu, die Produktion von ‘Fiktionen’, die die Verwirrungen nur noch zu vergrößern scheinen, für problematisch zu halten. Aber natürlich, wer will bzw. kann sich hier zu einem ‘Richter’ aufwerfen?
18) Das einzig wahre Wunder bleibt das Leben selbst, das niemand von uns gewollt und geplant hat, was aber dennoch passiert, mit ungeheurer Wucht, von dem wir ein Teil sind; schlechte Romane werden es letztlich nicht aufhalten….:-)

NACHTRAG: EINZELNER UND KONTEXT
HÖLLE UND PARADIES

19) Nach Abschluss der Kurzbesprechung kam mir am folgenden Tage doch noch ein Gedanke, möglicherweise inspiriert durch ein langes Telefonat mit einem Freund, einem Physiker; in diesem Telefonat ging es um Strukturbildungen in der Natur.
20) Betrachtet man die Hauptpersonen im Roman, insbesondere den Vater von ER-1, dann fällt auf, dass die tatsächliche Biographie der Personen ein Ergebnis von mindestens zwei Faktorenkomplexen ist: (i) die individuellen Veranlagungen und (ii) der individuelle ‘Kontext’. Während die individuelle Veranlagung zum großen Teil genetisch vorgegeben ist, ist der Kontext eine variable Größe die man weiter differenzieren könnte.
21) Kontext besteht aus vielen dynamischen Aspekten: familiäre und freundschaftliche Beziehungen, Ausbildungssituationen, Arbeitssituationen, Freizeitsituationen, Wohnumfeld, übergreifende wirtschaftliche Situation, übergreifende Rechtssituation, übergreifende politische Situation, internationale Situation, usw. Ein einzelner kann diese Kontexte nur bedingt mitgestalten. Dort, wo er die Kontexte nicht mitgestalten kann, erscheinen diese als ‘naturgegeben’, als ‘Schicksal’.
22) An der Person des Vaters einer der Hauptfiguren, Er-1, wird dies besonders gut illustriert: In seiner Jugend hin und her geworfen durch eine schwierige wirtschaftliche Situation, kaum Arbeitsmöglichkeiten, verschlagen ins Ausland, Krieg, nach Rückkehr durch glücklichen Umstand Gebühreneintreiber für den staatlichen Rundfunk, von seiner Frau verlassen, zurück mit einem Sohn, der möglicherweise gar nicht von ihm selbst ist, er zieht ihn auf mit harten Anforderungen. Der Kontext wirkt ‘mächtig’, so, als ob er dem
einzelnen keine Chance lässt; der einzelne erscheint wie ein ‘Spielball’ von Kräften, auf die er selbst keinen Einfluss hat. Der Vater gehört zur ‘Kriegsgeneration’.
23) Die Kinder der Kriegsgeneration (z.B. die Hauptpersonen Er-1, Sie-1) haben mehr Möglichkeiten: bessere Schulen, mehr Arbeitsmöglichkeiten, mehr Rechte, mehr Verkehrsmittel, Kommunikation, besseres Einkaufen, usw. aber auch sie haben Kontexte, die nicht beliebig sind: ihre Familien, die Schulen, die Freunde. Familien können ‘hart’ sein, ‘ideologisch’ verbrämt, gefühlskalt; Schulen können in der Gemeinschaft der Schüler die Bildung von ‘Außenseitern’ begünstigen, Mobbing ermöglichen, können junge Menschen in Rollen drängen, die für sie eigentlich nicht passen, die ihnen aber so aufgedrängt werden. Der ‘Mainstream’ rekrutiert sich auf diese Weise selber. Die hervorgebrachten ‘Außenseiter’ sind dann entweder die ‘Versager’, weil sie nicht so sind, wie die meisten, oder werden die ‘Helden’, die durch ihr Anderssein etwas schaffen, was für alle gut ist, das der Mainstream-Masse lange verborgen blieb. Die Außenseiter als ein Moment des gesellschaftlich Irrationalen, als soziale Kreativität, aus der das Neue wächst.
24) Betrachtet man nur die Personen im Roman mit ihren ausführlichen Schilderungen (aktuellen Wahrnehmungen, Gefühlen, Motiven; Kontexte; Entstehungsprozess…), dann liegt hier ohne Zweifel eine Stärke des Romans, sein ‘Charme’, seine punktuelle Faszination. Die Menschen kommen gut rüber (was nicht heißt, dass alles geschilderte Verhalten psychologisch plausibel erscheint).
25) Interessant wird es dort, wo das Verhältnis dieser Personen zu ihrem Kontext zum tragen kommt. Keine der Personen erweckt den Eindruck, dass sie sich mit ihrem Kontext gedanklich oder handlungsmäßig auseinandersetzt. Alle ‘nehmen’ den Kontext irgendwie ‘hin’; der Kontext erscheint wie ‘naturgegeben’, ‘unausweichlich’. In diesem Punkt wirken alle Personen ‘apathisch’, ‘gedankenlos’, ‘unpolitisch’, ‘seinsvergessen’.
26) In einer Welt, in der die handelnden Einzelnen in einer solch radikalen Weise apathisch-unpolitisch-seinsvergessen leben, in einer solchen Welt kann eine ‘Erlösung’ nur durch ‘magische Kräfte’ statt haben. Wenn die Menschen als primär Handelnde den Glauben an ihre Handlungskraft verloren haben, dann bleibt nur der diffuse Glaube an ‘magische Kräfte’, die die aktuellen Kontexte zumindest punktuell (Beispiel ‘Fernbefruchtung’) überwinden und damit bestimmten Individuen Erlösungen zuteil werden zu lassen, die ihnen ohne diese Magie unmöglich erschien; man würde ja noch nicht einmal daran denken.
27) Und das ist, was im Roman 1Q84 geschieht: die Menschen, die in ihren Kontexten wie ‘Ausgelieferte’ geschildert werden, individuell im Alltag Gestrandete, wie Fische, die das Meer ans Ufer gespült hat und die dort nach Luft schnappen, diese Menschen haben keine wirklichen Hoffnungen. Anstatt ihren Verstand, ihre Kommunikation, ihre Beziehungsfähigkeiten für Kontextgestaltungen zu nutzen spielt der Roman mit magischen Elementen, die letztlich das eine Schicksal durch ein anderes Schicksal ersetzen.
28) Obwohl, es gibt ‘Handelnde’ in dem Roman. Hauptfigur Sie-3, eine reiche Witwe, die geschundenen Frauen hilft, bisweilen auch durch illegale Tötung von Männern, die Frauen durch ihre sadistische Art in den Tod getrieben haben. Hauptfigur Sie-1 hilft ihr dabei. Aber diese Extremform von Handeln passt ins Schema der umfassenden Apathie: nur wenn man den umfassenden Zusammenhang als ‘unüberwindlich’ ansieht, als ‘nicht gestaltbar’, nur dann macht es Sinn zu solchen Methoden zu greifen.
29) Blickt man geschichtlich zurück, dann waren die Beispiele der Vergangenheit für ‘hoffnungslose’ Gesellschaften etwa ‘absolutistisch-dogmatische’ Gesellschaften, in denen wenige Alles durften und die Vielen so gut wie gar nichts; das Ganze festgezurrt in ein Weltbild, in dem alles geregelt war.
30) Japan gilt als ‘demokratische’ Gesellschaft mit hohem Ausbildungsniveau. Idealerweise sind demokratische Gesellschaften ‘dynamisch’, ‘durchlässig’, sensibel für Gestaltungswillen, in einem offenen, transparenten, dynamischen Weltbild.
31) Was wir aber generell in demokratisch-industriell-wissenschaftlichen Gesellschaften beobachten können – nicht nur in Japan –, ist die Tatsache, dass die rasante Zunahme der Komplexität in diesen Gesellschaften dazu führt, dass die Mitglieder dieser Gesellschaften – also letztlich jeder einzelne, wir – an dieser Komplexität zu scheitern drohen. Formal können wir mitgestalten, real reicht das Wissen, reichen die Kräfte nicht aus, diese Mitgestaltungsmöglichkeiten entsprechend zu nutzen; erst recht nicht dann, wenn die
‘Macher’ die Mitgestaltungsmöglichkeiten ‘sabotieren’. Dann kann eine demokratisch-industrielle-wissenschaftliche Gesellschaft faktisch wie eine absolutistisch-dogmatische Gesellschaft erscheinen.
32) Der Sinnbedarf des einzelnen wird durch solch eine ‘unüberwindlich erscheinende’ Gesellschaft kaum noch ‘befriedigt’. Da reale Revolutionen sehr anstrengend sind erscheint das Ausbrechen in Fantasie, Märchen, Magie, Träume, Spiele, und Drogen naheliegend.
33) Wenn der Roman 1Q84 sich so versteht, dass er das Scheitern des Individuums an der zunehmenden Komplexität des Kontextes durch Einführung von irrrationaler Magie als Zustand beschreiben will, könnte ich ihm ein Minimum an Rationalität abgewinnen.
34) Ich zweifele aber, ob das wirklich die Intention des Romans ist. Momentan neige ich eher der Interpretation zu, dass der Roman genau dieses gesamtgesellschaftliche Hilflosigkeitsphänomen mit seinen zunehmenden irrationalen ‘Fluchten’ widerspiegelt und auf dieser Welle bewusst ‘reitet’. Weil das ‘chic’ ist, ‘in’ ist, wird hier die magische Karte gespielt, weil dies kommerziell lukrativ ist. Die Leser mögen dies, weil sie ja alle in diesem gleichen Boot sitzen und alle an dieser umfassenden Sinnkrankheit leiden.
35) Allerdings, wie würde ein Roman aussehen, der nicht dem allgemeinen Zug der Lemminge folgt, sondern seine sprachliche-epische Kraft der konstruktiven Auseinandersetzung widmen würde? Kann es solch einen Roman geben? Kann es ‘konstruktive Fiktionalität’ geben? Wie kann ein einzelner Mensch etwas wissen, was so viele nicht wissen? Oder ist es so, dass in jeder Zeit viele Menschen Dinge ‘ahnen’ können, ohne dass sie in er Lage sind, dies adäquat auszudrücken und dass es dann die eine oder den anderen gibt, die/der die Begabung besitzt, diese ‘Ahnung der Vielen’ in ein Romanereignis so umzusetzen, dass es allen ein Stückchen weiterhilft?
36) 1Q84 spielt für mich im Vorhof der Hölle, um ein Bild zu benutzen. Wer findet den Eingang zum Paradies?


Reinventing the Sacred: A New View of Science, Reason, and Religion
Reinventing the Sacred: A New View of Science, Reason, and Religion
von Stuart Kauffman
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,80

5.0 von 5 Sternen Ein außergewöhnliches Buch, 25. April 2013
ENGLISCH/ DEUTSCH

Ich schreibe diese Besprechung in Deutsch obgleich das Buch von Kaufffman in Englisch geschrieben ist. Ich verbinde damit die Hoffnung, dass doch vielleicht der eine oder die andere, die sich von der Sprache zunächst abschrecken lassen, doch noch motivieren lassen, dieses Buch zu lesen.

EIN AUßERGEWÖHNLICHES BUCH

In Übereinstimmung mit vielen anderen Buchbesprechungen, vor allem auch bei amazon dot com, muß man festhalten, dass es sich hier um ein wirklich außergewöhnliches Buch handelt, auch wenn man hinsichtlich seiner Durchführung viele Punkte benennen kann, die nicht gut, ja sogar kritikwürdig sind.

KRITIK AN EINER ZU ENGEN WISSENSCHAFTLICHEN WELTSICHT

Kauffman selbst ist Wissenschaftler. Dies hindert ihn nicht daran, auf Schwachstellen in der wissenschaftlichen Weltsicht hinzuweisen. Eine zentrale Schwachstelle trägt den Namen 'Physikalischer Reduktionismus'. Damit verbindet sich die Auffassung, dass es zur Erklärung der Phänomene in dieser Welt ausreiche, diese in eine kausale Beziehung zu setzen zu 'zugrunde liegenden elementareren Bestandteilen'; letztlich seien dies die Moleküle, Atome, und subatomaren Partikeln. Diese Art von 'wissenschaftlicher Erklärung' macht aus der Gesamtheit aller Phänomene ein Wirkungsfeld von elementaren (letzlich physikalischen) Teilchen und elementaren Kräften.

Bei dieser Erklärungsweise bleiben sehr viele Besonderheiten der Phänomene oberhalb der Atome (ab einem bestimmten Komplexitätsgrad vielleicht sogar alle Besonderheiten) auf der Strecke. Für einfache Gemüter ist dies OK. Für differenzierter denkende Menschen, wie Kauffman einer ist, stellen sich hier mindestens Fragen. Und es ist genau hier wo sich die besondere Qualität von Kauffman zeigt: er stellt sehr viele Fragen, er geht ihnen auf vielfältige Weise nach, und kommt dann zum Ergebnis, dass eine reduktionistische Sicht letztlich genau die interessanten Phänomene zerstört. Nicht das Zurückfragen nach möglichen elementareren Bestandteilen ist der Fehler, sondern der Verzicht auf eine Beschäftigung mit der Makroebene selbst, mit der Komplexität, die sich gerade in den Makrophänomenen manifestiert.

NICHTVORAUSSAGBARKEIT

In für den Leser z.T. sehr mühevollen, aber von der Sache her sehr wohl berechtigten, Analysen unterschiedlichster Phänomenbereiche (grob: Biologie, Wirtschaft, Physik) gelingt es Kauffman immer wieder aufzuzeigen, dass eine reduzierende Betrachtungsweise genau das verfehlt, übersieht, was dieses Phänomen ausmacht. Und in all seinen vielfältigen Beispielen ist es u.a. die 'Nichtvoraussagbarkeit', die man überall feststellen kann. Es beginnt bei der generellen 'Nichtergodizität' des Universums als Ganzem, setzt sich fort im Bereich der Molekülbildungen, der Zellentstehung, der Herausbildung von Lebensformen in Gestalt eines Pareto-Optimums, in der generellen Nichtvoraussagbarkeit von Gehirnaktivitäten, die wechselseitigen Beeinflussungen von Naturprozessen im allgemeinen und biologischen Formen als Besonderem (Evolution, Ko-Evolution), die Wechselwirkungen unter biologischen Akteuren, die Wechselwirkungen eines wirtschaftlichen Verhaltens, die ihrer Natur nach in keiner Weise mehr voraussagbar sind, und vieles mehr. Wer die Sehweise von Kauffman übernimmt für den wird die Welt sehr vielfältig, sehr besonderes, sehr dynamisch, grundsätzlich nicht voraussagbar.

QUANTENPHYSIK

Kauffman macht sich die Mühe, die Eigenschaft der Nichtvoraussagbarkeit auf sehr vielen Ebenen aufzuzeigen. Letztlich wurzelt sie aber schon in der Grundlage von allem, im 'Medium' von aller erfahrbaren Wirklichkeit, die die Wissenschaft als 'Quantenwelt' enttarnt hat. Die aus dem menschlichen Alltag bekannte Raum-Zeit-Welt mit ihren Makroeigenschaften ist ein Artefakt unseres Körpers und des darin eingebetteten Gehirns, das uns mit Erkenntnissen über diese Welt versorgt. 'Hinter' den alltäglichen Phänomenen existiert nach den heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen eine Welt von Quanten, deren mathematische Beschreibung uns darüber belehrt, dass es sich hier nur noch um Wahrscheinlichkeitsfelder handelt: Was zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort an Eigenschaften gegeben sein soll lässt sich grundsätzlich nur als ein Wert in einer Wahrscheinlichkeitsverteilung angeben. Salopp: Nichts Genaues weiß man nicht. Zusätzlich enthüllt diese Quantenwelt Eigenschaften von Wechselwirkungen zwischen den Quanten, die mit der Alltagserfahrung nicht kompatibel sind (so können Quanten in einer Geschwindigkeit und über Entfernungen interagieren, die in der Alltagswelt unmöglich sind).

Nimmt man die quantenphysikalische Sicht ernst, dann hat man das große Problem, die 'Koexistenz' von Quantenwelt und physikalischer Makrowelt zu erklären. Die Konkretheit der alltäglichen Makrowelt bildet quantenphysikalisch eine 'Dekohärenz', die zu erklären bislang schwerfällt. Dazu kommt, dass diese Dekohärenz aus Sicht des Alltags 'andauert', dass aber zugleich die Kohärenz der Quantenwelt nicht aufgehoben wird. Hier herrscht bislang ein großes Schweigen der Physik.

Kauffman vermutet vor dem Hintergrund der Quantenwelt, dass wir viele Eigenschaften des Gehirns möglicherweise nur durch Rückgriff auf diese Quantenwelt wirklich verstehen können; Genaues kann er natürlich nicht sagen, obgleich er Autoren zitiert, die (ähnlich wie Descartes mit seiner Zirbeldrüse) versuchen konkrete Strukturen in der Biochemie der neuronalen Maschinerie zu identifizieren, die für die 'Übersetzung der Quanteneffekte' in die Makrowelt eines Gehirns verantwortlich sind. Man kann sich über diese Erklärungsversuche lustig machen, zeigen sie aber doch auch, dass selbst die besten Denker unserer Zeit bislang hier vor mehr Rätseln stehen als Antworten.

KREATIVITÄT, HEILIGES, GOTT

Eine Kehrseite von Nichtvoraussagbarkeit ist 'Kreativität'. Denn um immer wieder neue Ereignisse, Ereignisketten, Strukturen, komplexe Wechselwirkungen hervorbringen zu können, benötigt man Verhaltensweisen, Rahmenbedingungen, die das ermöglichen. Kauffman meint in der Vielfalt dieser nichtvoraussagbaren Prozesse eine 'Kreativität' 'am Werke' zu sehen, die sich vom physikalischen Anfang des Universums, über Materiebildung, Sternenbildungen, Galaxien, Sonnensystem, Leben auf der Erde usw. in gleicher Weise manifestiert. Eine Kreativität, die geradezu eine 'innere Eigenschaft' unseres Universums zu sein scheint. Und dass es genau diese Kreativität ist, die das eigentlich zu erklärende Phänomen bildet, das, an dem sich alle Wissenschaften zu messen haben. Es überrascht dann nicht, wenn Kauffman für diese Zentraleigenschaft des Universums den Begriff 'Heiliges' ('sacred') vorschlägt, und im zweiten Schritt (oder im ersten, das lässt sich hier nicht genau sagen), den Begriff 'Gott' ('god').

KRITIK WEGEN GOTT?

Spätestens an dieser Stelle könnte man Kritik laut werden lassen. Schließlich haben genau die Begriffe 'Gott' und 'Heiliges' in der menschlichen Geschichte in nahezu allen Kulturen seit mindestens 2000 - 3000 Jahren eine lange und vielschichtige Tradition. Die Kritik bestände darin, Kauffman vorzuwerfen, dass er sich nicht genügend um die Vermittlung zwischen seiner Verwendungsweise der Begriffe 'Gott' und 'Heiliges' und der vielfältigen Verwendungsweisen dieser Begriffe in der bisherigen kulturellen Geschichte gekümmert habe. Dies sei eigentlich eines Wissenschaftlers unwürdig.

Einerseits würde ich diese Kritik auch erheben. Andererseits muss man aber auch klar sehen, dass die Aufgabe eines konstruktiven Dialoges zwischen dem Erklärungsansatz von Kauffman und den bisherigen Verwendungsweisen des Begriffs 'Gott' und 'Heiliges' (z.B. in der jüdischen, dann in der jüdisch-christlichen, und dann noch in der jüdisch-christlich-islamischen Tradition) eine gewaltige Aufgabe ist, die kein Mensch alleine leisten kann, sondern sehr vieler Menschen bedarf, die zudem vermutlich über mehrere Generationen hinweg solch einen Reflexionsprozess leisten müssten.

Ich persönlich sehe zwischen dem Kern eines jüdisch-christlichen (vermutlich auch jüdisch-christlichen-islamischen) Gottesbegriffs und dem Ansatz von Kauffman keinerlei Gegensatz. Aber ich bin Theologe, Philosoph und Wissenschaftler und habe mich mehrere Jahrzehnte mit diesen Fragen beschäftigt. Für jemanden, der diese Gelegenheit nicht hatte, ist diese Fragestellung möglicherweise eher 'undurchdringlich' und von daher kaum entscheidbar.

UND SONST

Diese wenigen Gedanken können die Breite und Tiefe, die Vielfalt der Gedanken von Kauffman in seinem Buch nicht einmal annähernd wiedergeben. Wer sich also von den hier angeschnittenen Themen angesprochen fühlt, sollte dieses Buch unbedingt selber lesen. Allerdings sage ich ganz offen: das Buch ist hart zu lesen, z.T. wegen des spezifischen Inhalts, z.T. wegen einer nicht ganz straffen Systematik, z.T. wegen vieler Wiederholungen bestimmter Gedanken. Aber ich halte es trotz dieser Schwächen für eine sehr, sehr wichtiges Buch. Mir persönlich hat es eine Menge an Klärungen gebracht. Einiges davon kann man in meinem Blog unter cognitiveagent dot org nachlesen.


Ableton Live 9 Suite
Ableton Live 9 Suite
Wird angeboten von Music-Town
Preis: EUR 635,00

37 von 38 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Erste Eindrücke von live 9.0.1, 15. März 2013
Rezension bezieht sich auf: Ableton Live 9 Suite (Elektronik)
Im Oktober 2010 hatte ich meine Eindrücke als ein blutiger Anfänger mit der Version live 8.2.1 in einer kurzen Besprechung festgehalten (siehe dort). Seit kurzem konnte ich mir die Version 9.01 herunterladen. In einem gewissen Sinne bin ich immer noch der 'Amateur' von damals, da ich nur neben meinem normalen Beruf gelegentlich Musik mache. Doch konnte ich seit Okt.2010 mehr als 300 Experimente mit ableton live machen, Experimente im Stile der 'radically unplugged music' (RUM), die alle zu Recordings geführt haben, die jeweils ganz unterschiedliche Eigenschaften 'hörbar' machen. Im folgenden Text kann ich zudem nur einen sehr, sehr groben Eindruck vermitteln, da die Software einen solchen Umfang angenommen hat, den zu beschreiben es eines mitgelieferte Handbuchs bedarf, das immerhin 670 Seiten umfasst.

BENUTZERSICHT

Wie schon bei live 8.x gibt es für den Benutzer zwei grundlegende Einstellungen: die 'Sessionansicht' (ideal für Live-Auftritte) und die 'Arrangementansicht' (ideal für Aufnahmen und Kompositionen).

Die Sessionansicht ähnelt einem großen Mischpult: für jede Klangquelle gibt es eine eigene Spalte, der man beliebige (Software-)Effektgeräte zuordnen kann, um den Sound verändern zu können. Dazu so grundsätzliche Parameter wie die Panorama-Position der Soundquelle für den Hörer (links, rechts, vorne...), sowie Verschaltungen eines Sounds mit beliebig anderen Spuren. Zusätzlich kann eine Spur auch auch fertige Soundtracks (Clips) enthalten, die man stattdessen abspielen kann.

Die Arrangementansicht zeigt die verschiedenen Soundtracks übereinander, wie eine Partitur, aber statt Noten entweder die Wellenform analoger Sounds oder die Midi-Noten. Dadurch hat man die zeitliche Zuordnung zueinander und kann Effekte im Gesamtsound gezielt setzen: neben der Lautstärke kann man alle Parameter einzeln manipulieren, entweder ad hoc oder 'automatisiert', so dass die verschiedenen Effekte 'wie von Geisterhand' während des Abspielens wirksam werden (z.B. wandert eine Klanquelle von links nach rechts, die Lautstärken schwellen an, ein Spezialeffekt poppt auf, usw.). Die Gestaltungsmöglichkeiten sind so groß, dass ich nach mehr als 300 Musikstücken sagen kann, ich konnte bislang nur einen Bruchteil ausprobieren, obgleich ich viel herumexperimentiere.

Was auf den ersten Blick als zwei getrennte Welten erscheinen mag, die Sessionansicht und die Arrangementansicht, beide hängen aber untereinander aufs engste zusammen und man kann auch sehr leicht mit einer Taste hin- und herschalten. So stellt man z.B. seine 'Band' oder sein 'Orchester' in der Sessionansicht zusammen, konfiguriert diese mit Effektgeräten, setzt diverse Parameter. Während der Aufnahme schaltet man dann aber oft in die Arrangementansicht, um den Verlauf des Sounds im Vergleich zu den anderen Sounds zu kontrollieren.

Das Arbeiten in beiden Sichten wurde nach meinem Eindruck deutlich verbessert, wobei die Verbesserungen oft im Detail stecken, die das Leben leichter machen. Die Aufzählungen, die man in der live 9 Produktbeschreibung auf der Webseite von ableton findet, sind sehr zutreffen; ich will sie hier aus Platzgründen nicht alle wiederholen. Aber z.B. schon die Winzigkeit, dass man einen Punkt in den Hüllkurven jetzt durch eine einfache Berührung 'sehen' und setzen kann, ist in der praktischen Arbeit sehr erleichternd.

KOMPOSITION

Meine bevorzugte Nutzung von live ist die Erzeugung von Sounds, früher klassisch 'Komponieren' genannt. Brauchte man früher ein reales Orchester, um ein komplexes Klanggebilde hörbar zu machen, so erlaubt jetzt eine Software wie ableton live die Erzeugung hochkomplexer Sounds an einem Computer (ich habe sowohl einen normalen PC mit Windows 7 wie auch einen Laptop mit Windows 7 64-Bit, 16Gigabyte RAM; ableton erlaubt die Nutzung von zwei Geräten unter einer Lizenz). Natürlich ist die Qualität der softwaregestützten Klänge nicht vergleichbar mit einem realen Orchester (noch nicht?), dafür aber kann man mit diesen Klängen 24h nach Bedarf herumexperimentieren; dazu kann man per Software (nahezu unendlich) viele Klänge erzeugen, die kein Sinfonieorchester erzeugen kann. Die live-Software ist daher einem digitalen Orchester vergleichbar mit tausenden von Instrumenten und nahezu unendlich vielen Effekten, die man in Szene setzen kann.

Hier erweist es sich als deutliche Verbesserung, dass bei der Suche nach Dateien und Klängen der Dateibrowser nun sowohl nach Kategorien und Orten organisiert ist wie auch dann -- in einer neuen zweiten Spalte -- nach deren Inhalten. So kann man z.B. die Kategorie 'Packs' wählen (z.B. 'orchestral Woodwinds'), darin dann 'Sounds' (statt 'samples') un dort dann z.B. 'Concert Flute'. Dann sieht man verschiedene Varianten von Flöten und durch einfaches Anklicken kann an hören, wie jede klingt. Das erleichtert das Finden und Auswählen enorm.

Im Übrigen ist natürlich klar, dass man während der Aufnahme alle anderen Stimmen, die schon da sind, mithören kann. D.h. man kann quasi mit sich selbst Band bzw. Orchester spielen.

LIVEAUFTRITT

Für viele ist ableton live primär ein Werkzeug für Live-Auftritte. Sie nutzen die Sessionansicht um in Echtzeit Clips zu aktivieren, Instrumente einzuspielen, zu mischen, Effekte zu- oder abzuschalten. Die Möglichkeiten sind hier nahezu unbegrenzt (begrenzt nur durch die Größe des Bildschirms bzw. durch die physikalische Größe angeschlossener Geräte). Ich habe dies bislang eher selten gemacht. Doch die Möglichkeiten sind faszinierend. Neben vielen Sounds, Effekten und Clips, die man sich vorher in einer bestimmten Sessionansicht bereitstellen kann, kann man auch während der Performance beliebig Dateien austauschen, neu laden, präparieren, ohne dass dies die Performance irgendwie stört. Man kann die Sessionansicht auch nutzen, um bestimmte Instrumente (z.B. Drums) im Hintergrund zu simulieren, als Background, und gleichzeitig spielt man selbst ein Instrument oder singt.

HARDWARE/ CONTROLLER

Im Kontext von Live-Auftritten können sogenannte 'Controller' eine zentrale Rolle spielen. Zwar kann man auch nur mit seinem Laptop einen Liveauftritt steuern, aber Tastatur und Mause kommen dann doch irgendwann an ihre Grenzen, vor allem dann, wenn man mehrere Parameter gleichzeitig verändern will. Hier haben sich verschiedene Geräte etabliert, bei denen man über die Buttons, Schieber, Schalter usw. die ableton live Software direkt manipulieren kann ohne Nutzung der Tastatur oder der Maus. Ich habe gelegentlich den Controller AKAI MPK49 benutzt. Durch einfaches Klicken auf die Elemente in der Sessionansicht kann man diese mit einem Regler des Controller verknüpfen. Danach kann man bei Aufnahmen eines Sounds per Controller diesen in vielen Eigenschaften dynamisch verändern. Der Controller wird damit gleichsam zu einem neuen Instrument.

In der Regel benutzt man auch noch ein Mischpult (Mixer), um unterschiedlichste Klangquellen physikalisch mit dem Computer zu verbinden (ich benutze z.B. einen alten Macky Onyx Mixer mit Firewire Schnittstelle, 96Khz Sampling Rate). live erkennt alle Eingänge des Mixers (über einen ASIO-Treiber) und man kann in der Sessionsicht den verschiedenen Instrumenten des Mixers beliebige Tracks in der Sessionansicht zuordnen.

VIDEO

Für alle, die Videos produzieren, ist die live Software auch interessant. In der Regel sind die Soundverarbeitungsmöglichkeiten von Videosoftware begrenzt. Speziell das Problem der Synchronisation von Bild und Ton bereitet bei längeren Stücken oft große, wenn nicht gar unüberwindlich Probleme. live 9 bietet (wie auch schon live 8) die Möglichkeit, Videos im .mov-Format (Quick-Time-Format) als Datei durch einfaches 'Hereinziehen' in eine Spur zu laden (als ob es eine Audiodatei wäre). Dort kann man dann diese Spur mit beliebig vielen anderen Spuren kombinieren und sehr exakt 'vertonen'. Der Originalsound des Videos kann wie eine normale Soundspur beliebig ausgeblendet, eingeblendet oder bearbeitet werden (habe damit bislang vier erfolgreich Videos bearbeitet).

VIDEO-KRITIK

Im Gegensatz zu live 8.x muss man bei live 9.0.1 noch zwei externe (kostenlose) Programme von Dritten installieren, damit die Übernahme in eine Spur funktioniert. Tut man dies, funktioniert es tadellos (habe es getestet). Aber die Hinweise auf diese beiden Programme sind spärlich. Ganz zu Beginn hatte ich den Hinweis darauf irgendwo auf einer Webseite gelesen und mir die Programme heruntergeladen. Als ich später nochmals nachschauen wollte, habe ich diesen Hinweis nicht mehr gefunden, trotz diverser Suchen. Auch in den live-Foren wurde ich nicht fündig. Das ist dringend verbesserungsfähig.

HILFE, SUPPORT, FOREN

Hat man ein Problem, gibt es exzellente Unterstützung in mehrfacher Form. Einmal kann man bei Bedarf eine Hilfeansicht aktivieren. Dann wird einem jedes angeklickte Element in einem Hilfefenster beschrieben. Zusätzlich gibt es zu allen wichtigen Themen jeweils 'Kurse', in denen schrittweise erklärt wird, wie man es machen kann. Diese Kurse sind einfach exzellent: Klare Texte führen durch das Problem, dazu gibt es meist zahlreiche Abbildungen, und durch direkte Bezugnahme auf die live Umgebung kann man Schritt für Schritt alles direkt ausprobieren. Folgt man solchen Kursen, dann öffnet sich so langsam der wirklich unglaublich vielseitige Raum der Möglichkeiten, aus den bestehenden Geräten und Effekten immer komplexere Geräte über sogenannte 'Racks' zusammen zu bauen. Für Details bitte selber anhand der kostenlosen 30-Tage-Version ausprobieren. Natürlich gibt es auch noch zusätzlich viele Hilfe-Videos und ganze Demo-Settings, in denen man studieren kann, wie andere einen bestimmten Sound erzeugen. Diese Demo-Versionen sind extrem lehrreich.
Die wenigen Male wo ich in der Vergangenheit per Email oder per Telefon direkt Support angefragt hatte war dieser schnell, zuverlässig und freundlich.

MAX4LIVE

Man sollte auch noch erwähnen, dass Max4Live in der 64-Bit-Version von live 9.0.1 jetzt auch tadellos läuft (bei der 64-Bit Version von 8.x gab lief Max4Live noch nicht). Für Freunde von Max4Live ist dies sicher eine gute Nachricht. Auch hier ist die Dokumentation exzellent.

ANALOG ZU MIDI

Mit der Umwandlung von (analogen) Wellenformen in Midi-Noten bietet live 9.0.1 ein wirklich interessantes neues Feature an: Bisher kennt man die Software 'melodyne' von der Firma celemony, die Wellenformen in notenähnliche Einheiten übersetzt, de man dann editieren kann. Die neuen Funktionen von live 9.0.1, wo man analoge Aufnahmen von einzelnen Melodien, Harmonien oder Schlagzeugen in Midi-Noten umsetzen kann, ähneln diesem Konzept stark, allerdings haben wir bei live 9.x direkt Midi-Noten, die sich direkt für alle Midi-geräte und Effekte nutzen lassen. Erste kleinere Tests waren recht zufriedenstellend. Ich finde die live Idee besser (man kann auch live zusammen mit melodyne benutzen; live aktiviert in diesem Fall melodyne. nach meiner Erfahrung ist dies aber insgesamt ein bsichen umständlich und es führt immer wieder zu Problemen (von mir getestet mit der 64-Bit Version von 8.x).

SOFTWARE DER MEISTERKLASSE

Jemanden, der nur an Musik interessiert ist, interessiert sich nicht unbedingt auch für die Software selbst; er will sie halt nutzen. Für jemanden, der aber etwas von Programmierung versteht, von Softwareengineering, von Echtzeitsystemen, usw. (was man Hauptjob ist), für den ist die live Software als solche mit ihren exzellentem Interface, der unglaublich flexiblen Modulstruktur, mit den sehr reflektierten Architekturkonzepten (im Handbuch hinten etwas beschrieben), mit den exzellent integrierten Hilfestrukturen, den automatisierten Updates usw. rundum ein Meisterwerk. Jeder, der auch nur ansatzweise versucht hat, ein Softwareprojekt durchzuführen, was auch nur einen Teil von dem umfasst, was die ableton-Software mittlerweile integriert hat, der weiß, welch ungeheurer Teamleistung es bedarf, um solch eine Software in dieser Perfektion zu erstellen, zu warten, konsistent weiter zu entwickeln. Das ist absolute Spitzenklasse, und das zu einem Preis, der als Zahl hoch ist, bezogen auf die damit gebotene Leistung aber mehr als fair ist. Wenn es einen Preis für exzellentes Softwareengineering gäbe, das ableton Team wäre ein sehr guter Kandidat

ABSCHLIESSEND

Mein Eindruck nach einigen intensiven Tests ist, dass live 9.0.1 eine deutliche Verbesserung darstellt, nicht nur in der direkten Nutzung, sondern auch bzgl. verfügbarer Instrumente, Bibliotheken und Qualität. Für mich kann ich sagen, dass die live Software meine Beziehung zur Musik nicht einfach nur 'beeinflusst' hat, sie hat sie grundlegend revolutioniert. Aber das wäre ein eigenes Thema.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 2, 2013 6:04 PM MEST


Thunderstorm (Dancing Ahead Of) - Single
Thunderstorm (Dancing Ahead Of) - Single
Preis: EUR 1,29

5.0 von 5 Sternen Ziemlich anders als sonst...., 12. März 2013
MUSIKSTIL SCHWER EINZUORDNEN

OK, diese Musik passt nicht so richtig in keine der bekannten Kategorien.

Sie enthält stark naturalistische Klänge – ein richtiger Sturm, so denkt man sich as zumindest – und elektronische Anteile: ein Keyboard, einige Drums, dazu bass-ähnliche Laute. Das Ganze dann in einer neuen symbiotischen Einheit, quasi eine Art 'Dialog' zwischen Sturm und Instrumenten, speziell mit dem Keyboard. Eine hochenergetische Atmosphäre.

BEFRAGUNG VON CAGENTARTIST

Befragt über facebook erklärte cagentArtist, dass das Stück schon im Jahr 2010 entstanden sei, im Hochsommer, als es spätnachmittags einen schweren Sturm gab. Spontan habe er den Sound aufgenommen und später dann versucht, dazu etwas zu spielen. Das Ergebnis ist das, was man hört.

RADICALLY UNPLUGGED

Vielleicht ist auch noch wichtig zu wissen, dass cagentArtist Wert darauf legt, dass dieses Stück aus einem großen Zyklus von mittlerweile mehr als 400 musikalischen Experimenten stammt, die er nach der RUM-Methode durchführt ('RUM' steht für 'Radically Unplugged Music'). Damit ist gemeint, dass man nicht nach Noten spielt, das man vorher nicht probt, dass keine der beteiligten Stimmen weiss, was die andere als nächstes tun wird. Damit ist es möglich, dass Personen sich am Experiment beteiligen, die als ‘unmusikalisch’ gelten, die keine Noten lesen können, ja, die nicht einmal ein Instrument spielen können. Das klingt nach einem interessanten Ansatz.

KAUFEN ODER NICHT KAUFEN?

Totale Geschmackssache. Bin sicher dass es genügend Leute gibt, die dieser Musik nichts abgewinnen können, andere werden begeistert sein. Ich war neugierig. Die fünf Sterne stehen für den Mut, mal etwas anderes zu wagen. Die Tonqualität könnte besser sein


Avatar - Aufbruch nach Pandora 3D [3D Blu-ray]
Avatar - Aufbruch nach Pandora 3D [3D Blu-ray]
DVD ~ Sigourney Weaver
Preis: EUR 19,99

4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Im Auge des Betrachters spiegelt sich die Seele..., 3. Februar 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
ZUFÄLLIGER EINSTIEG

Zum Film Avatar wurde schon unendlich viel geschrieben, angemerkt, kritisiert, begeistert gelobt, getobt, kühl berichtet, einfach nur hingehaucht ... was soll man also noch schreiben? Natürlich muss man gar nichts schreiben. Ich schreibe hier, weil ich gestern (2.Febr.2013) eher zufällig zu einem Fernseher, der 3D-fähig ist 7 Monate nach Kauf endlich mal zwei 3D-Brille gekauft habe (beim Kauf des Fernsehers damals kostete eine Brille noch über 130 Euro, mittlerweile gibt es sehr gute für 20 Euro...). Und quasi als 'Demo' hatte ich mir 'Ice Age 3' mitgenommen (Spass für Gross und Klein sozusagen). Was soll ich sagen, alles funktionierte perfekt und war so eindrücklich, dass ich mich daran erinnerte vor langer Zeit mal 'Avatar' in einer 2D-Version gesehen zu haben. Obgleich nicht gerade billig beschloss ich spontan, mir 'Avatar' in der 3D-Fassung anzuschauen. Das Erlebnis war durchschlagend. Selbst meine Frau, eher abneigend bei allem was in Richtung Science-Fiction geht, war gefesselt und begeistert.

AVATAR - ERSTE KONTUREN

Soweit so gut. Natürlich hat der Film 'Avatar' auch eine Geschichte. Wie viele schon treffen bemerkt haben, enthält der Plot viele Elemente, denen man so oder so schon in anderen Filmen oder Stories begegnet ist und die Story 'Gieriges Geld versucht sich alles zu nehmen, auch auf Kosten unseliger Zerstörungen', bzw. 'Frau verliebt sich in Mann (und umgekehrt)' gehört ja nun nicht unbedingt zu den überraschenden Elementen eines Films.

Weniger verbreitet, wenngleich auch nicht ganz neu, ist die Sicht auf die Natur als quasi 'beseelt' und das intime Verhältnis der Menschen von Pandora zu eben dieser. Die ohne Zweifel betörend-berauschenden Bilder des Films zu, über, und in dieser Welt von Pandora gehören sicher zum Besten, was Computeranimierte Filme bislang zustande gebracht haben (dass es dafür keinen Oskar gab sagt viel über die Qualität des Oskar-Nominierungs-Gremiums...)(... und es ist ja nicht nur die Computertechnik als solche, die letztlich die Bilder buchstäblich 'berechnet', sondern die Schar der überaus begnadeten kreativen Menschen 'dahinter', die sich dies alles ausgedacht und entsprechend bildnerisch (und musikalisch) umgesetzt haben).

AVATAR - HIER BEGINNT ES ZU KNISTERN

Und hier beginnt es langsam zu knistern: auch wenn viele Elemente des Films 'geborgt' erscheinen mögen, auch wenn die großen Linien der Geschichte bei distanzierter Betrachtung so 'simpel' erzählt werden können, es gelingt Cameron und seinen vielen exzellenten Mitwirkenden daraus eine dichte Atmosphäre zu schaffen, ein mitfühlendes Sehen, Emotionen weckend, Einsichten wachsen zu lassen, einfach nur durch das 'Dabeisein' in einem Geschehen, dessen Mischung aus Dummheit, Gier und instrumentalisierter Intelligenz auf der einen Seite (die militarisierten 'Ausbeuter' der Rohstoffe) und die -- zumindest so dargestellte -- tiefere Weisheit der intim mit der Natur verbundenen Pandora-Menschen auf der anderen.

IRREFÜHRENDE ÜBERHÖHUNGEN?

Natürlich kann man hier Fragen stellen; natürlich kann man in Zweifel ziehen ob dies nicht auf eine 'mystische Überhöhung' der Natur hinausläuft, die genau das, was sie erreichen will, nämlich ein tieferes, ehrfurchtsvolleres Verständnis von Natur, durch diese idealisierende Erhöhung so verzerrt, dass es gerade nicht zum Ziel eines verantwortungsvolleren Umgangs mit Natur führt. Und zugleich kann diese idealisierende Überhöhung der Natur auf der einen Seite zu einer ebenso verzerrten Wahrnehmung von Technologie führen; als ob Technologie nur lebensfeindlich sei, zerstörerisch, zu verachten.

IM AUGE DES BETRACHTERS ...

Letztlich kann man alles missverstehen. Im Auge des Betrachters liegt die Wahrheit, zeigt sich die Seele. Die Geste eines Menschen, mir gegenüber, kann in meinen Augen zur Aggression oder zur Zuneigung werden, bevor 'der Andere' tatsächlich irgend etwas gemacht hat. Das Objekt der Erkenntnis ist zu einem hohen Grad das, was wir selber dort hineinlegen, hineinprojizieren.

MEINE SICHT DES AVATARS

In diesem Sinne kann man die Story -- wenn man will -- so oder so lesen.

Ich persönlich empfinde die stark-positive Sicht des Films auf die 'Beseeltheit der Natur' als nicht abwegig, sondern treffend; treffender, als die meisten möglicherweise bereit sind, zuzugestehen. Ich möchte mich damit nicht einreihen in die Schar der Naturmystiker, die in Schamanismus und ähnlichen Formen die wahre Form des Mensch-Natur-Verhältnisses sehen. Ich sehe vielmehr die allerneuesten Erkenntnisse der Naturwissenschaften zur Struktur der Materie, zur Struktur und Entwicklung des Universums, zur unglaublichen Geschichte des Lebens auf dem Planeten Erde; in den letzten 10, 20, 30 Jahren konnten wir unglaublich viel dazu lernen, was Leben ist, dass die klassischen Materiebegriffe so nicht mehr funktionieren, dass alles, was wir bislang 'naiv' als 'Geistiges' dem 'Materiellen' gegenüber gesetzt haben, in einem absolut radikalen Sinn nichts anderes ist als Eigenschaften eben dieser Materie. Vor diesem neuen naturwissenschaftlichen Bild der Wirklichkeit nimmt sich Camerons 'naturmystische Vision' dann keinesfalls 'übertrieben' aus; möglicherweise ist es sogar noch eine Untertreibung (wobei ich nicht unterstellen möchte, dass Cameron und sein Team sich dieses Sachverhaltes bewusst waren...).

EINZIGE KRITIK

Die einzige Kritik die ich daher an diesen atemberaubend-betörenden Bildern des Films in diesem Punkt hätte, wäre dann genau diese, dass der Brückenschlag von der 'Intuition' in die unfassbar komplexen Zusammenhänge der 'geistigen Materie' mit den konkreten Ausprägungen des menschlichen Lebens in diesen Bildern -- im Auge des Betrachters -- 'verstellt' werden könnte. Umso mehr, als die negative Sicht der Technologie genau jenen Erkenntniskanal in ein tiefschwarzes Licht taucht, der bislang der einzige Modus ist, in dem wir als Menschen uns den Geheimnissen der Natur und unserer selbst nähern konnten.

AMBIVALENTE TECHNIK

Allerdings enthält der Film hier eine weitere Besonderheit: die Technik erscheint dem Zuschauer in genau der Doppelfunktion, mit der sie uns täglich quält und doch auch verzaubert: in Gestalt der agierenden Wissenschaftler wird uns vorgelebt, wie Menschen mit den Mitteln von Technik das Auge des Betrachters öffnen können für die verborgenen Eigenschaften und Schönheiten der umgeben Welt, erschließt ein Verständnis für fremde Lebensformen, und diese Erkenntnisse verändern das eigene Fühlen und Handeln, bis hin zum Einsatz auf Leben und Tod. Denn in der Tat, ein verändertes Sehen kann in uns ein verändertes Verstehen erstehen lassen, das uns selbst so verändert, das wir andere ('bessere'?) Menschen werden können, und das veränderte Verstehen verändert unser Sehen... Zugleich erleben wir, wie andere Menschen (rein 'Gewinngetrieben', im schlechten Sinne technokratisch und militaristisch) die Technik dazu missbrauchen, andere Kulturen, andere Lebensformen mit 'blinden Augen' einfach zu zerstören. Die Bilder gewinnen ihre bedrückende Kraft von dem Wissen aller Zuschauer, dass wir als Menschen zu solch blindwütiger Zerstörung nicht nur theoretisch fähig sind, sondern im Laufe der Geschichte unendlich oft bewiesen haben, dass wir genau dies tatsächlich tun. Wir sind so. Und selbst im Moment, wo ich diese Zeilen schreibe, tun Menschen genau dieses an vielen Orten dieser Welt.

AVATAR ALS MEDIUM FÜR

Wer sich also auf diesen Film einlässt und sich nicht von der scheinbaren Klischeehaftigkeit irritieren und ablenken lässt, für den kann dieser Film neben den betörenden Bildern (und einem gleichfalls großartigen Soundtrack) zu einem Medium für ein inneres Zwiegespräch werden, zu einem Zwiegespräch zwischen der eigenen Seele und den Dimensionen der umgebenden Welt. Vielleicht entdeckt er/sie dann sogar, dass Pandora nicht weit weg im Universum liegt, sondern mitten unter uns ist. In einem sehr tiefen Sinne sind wir selbst Pandora, zugleich sind wir selbst diese zerstörerischen geldgierig-blinden Technokraten. Davon befreien können wir uns aber erst, wenn wir erkennen, dass wir genau so sind, aber nicht so sein müssen.

Damit schließe ich. Noch viel mehr wäre zu sagen, aber für diese Rezension sprengt es schon das übliche Format.


Legacy
Legacy
Preis: EUR 7,99

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen DIE MUSIK IN DIE HERZEN TRAGEN, 24. Dezember 2012
Rezension bezieht sich auf: Legacy (Audio CD)
David Garrett - Legacy, 2011

ERTAPPT- SCHON DIE ZWEITE CD

Nachdem ich mich bis vor wenigen Wochen überhaupt nicht für David Garrett interessiert hatte ist dies nun schon die zweite CD die ich von im mehrfach gehört habe und zu der ich mich hier kurz äußere. Meine erste Begegnung war in einem Konzert im November 2012 in Frankfurt, zu dem es die CD 'Music' gibt (siehe auch meine Besprechung dazu http://www.amazon.de/gp/cdp/member-reviews/A1D6994DSB8K4M/ref=cm_cr_pr_auth_rev?ie=UTF8&sort_by=MostRecentReview). Ich hatte für dieses Konzert meiner Frau Konzertkarten aus einem besonderen Anlass geschenkt, obgleich ich selber der Person und der Musik von David Garrett eher reserviert gegenüber stand. Aber ich muss gestehen, David Garrett kommt sehr gut 'rüber'; er 'fasziniert'. Sein Cross-Over-Auftritt ist eine Mischung aus Elementen, die sich nicht einfach in eine schon bekannte Rubrik einordnen lassen, wenngleich sich viele Vergleiche nahelegen. Trotz aller scheinbarer Einfachheit und Eingängigkeit ist diese Musik von einer musikalischen Intelligenz durchtränkt und geprägt, wird sie in einer musikalischen Virtuosität dargeboten, die ihresgleichen sucht. Es entstand in mir die Frage, wie 'kann' David Garrett Klassik?

ICH WOLLTE ES WISSEN

Ich habe wenig Zeit, mich mit Musik zu beschäftigen. Es war meine Frau, die die CD 'Legacy' in einem Laden entdeckte und mitbrachte. Ein wunderbares Erlebnis. Zwischenzeitlich hatte ich viele Meinungen gehört und gelesen über Garrett, der angeblich sein Talent 'verraten' hätte indem er sich der Crossover Musik zugewandt hätte. War es so? War Garrett ein musikalischer Verräter (für Leute, die David Garrett kennen, natürlich eine absurde Idee, aber für Leute wie mich, die David Garrett nicht kennen, kann dies eine ernsthafte Frage sein).

BEETHOVENS VIOLINENKONZERT

Die ersten drei Tracks auf der CD Legacy sind dem Violinenkonzerrt von Beethoven gewidmet. Ich habe schon viele Versionen dieses Konzerts gehört: mit David Oistrach, Jehudi Menuhin, Itzhak Perlman, u.a. Von diesem Konzert habe ich auch die Noten. David Garrett spielt dieses Konzert in unglaublicher Präzision und zugleich Leichtigkeit, mit einer Intensität, mit einer Inspiration, die schlicht bezaubert und begeistert. Wer hier Kritik übt, der muss sich fragen lassen, ob er über das Spiel von Garrett schreibt oder über irgendwelche möglichen Einbildungen, die natürlich immer möglich sind; letztere sind dann aber nicht sehr hilfreich.
Ganz besonders bestechen auch die Kadenzen, die an Kreisler orientiert sind, wie Garrett es im Begleitheft auch beschreibt.

GARRETT EXTENSIONS

Die Tracks 4-10 sind Kompositionen von Kreisler gewidmet, einem Violinenspieler und Komponisten, den Garrett sehr verehrt (siehe den Text in seinem Begleitheft). Die Noten zu diesen Stücken habe ich nicht, aber Garrett spielt hier weiter mit großer Präzision und schwindelerregenden Leichtigkeit; obwohl ich eigentlich alle Musikrichtungen höre, insbesondere auch sehr experimentelle Musik (und auch selber experimentelle Musik produziere), hat die Spielweise von David Garrett in mir die Lust am Hören klassischer Violinenmusik neu entfacht. Zwischendrin habe ich die Violinenkonzerte von Mozart mehrfach gehört (immer beim Autofahren...!), aber die Garrett-ausgewählten Stücke auf der CD verstrahlen eine Atmosphäre, die weit über den internen Zauber der Musik selbst hinausgehen. Irgendwie 'hat er es'. Warum soll man das nicht zugeben?

MAN HÖRT HIN

Natürlich fragt man sich unwillkürlich, was es ist, was Garretts Musik so speziell macht, dieser sich fast populär einschmiegende Klang, der doch nicht einfach platt und vulgär daherkommt, sondern frech, witzig, intelligent, hochprofessionell dargeboten? Ich weiß nicht, ob es dazu eine Antwort gibt, möglicherweise nicht eine einzige. Mein persönlicher Eindruck ist der, dass hier jemand versucht, selbst betroffen und getragen von der Musik, diese Musik seines Herzens in die Herzen der anderen Menschen zu tragen, ohne Mühen zu scheuen, mit dem Mut, viele gewohnten Muster zu durchbrechen, weil die Musik selbst über diesen Mustern steht; weil die Musik selbst universeller und 'freier', 'frecher' ist als es die gesellschaftlichen Gewohnheiten eines etablierten Musikgeschäfts erlauben (ein Phänomen, was wir ja auch in vielen anderen Bereichen ganz ähnlich erleben können). Sollten diese Vermutungen über Garretts Motive zutreffen, dann ist er wirklich ein Glücksfall für unsere Zeit und man kann nur hoffen, dass er sich die dazu nötige persönliche und musikalische Integrität möglichst lange bewahren kann.

KLANG

Der außerordentlich klare und intensive Klang hat natürlich -- trotz aller Virtuosität auf Seiten Garretts -- auch mit seinem Instrument zu tun. Er spielt auf einer Violine, die über einen außerordentlichen Klangumfang verfügt. Ein schlechter Violinenklang lässt sich bislang noch nicht rein elektronisch bzw. 'digital' so aufbessern, dass es perfekt klingt, wenn es nicht perfekt ist. Und Garrett weiss dies sehr wohl. Deswegen ist eine Violine für einen Künstler wie ihn niemals nur ein 'Stück Holz'. ..


Music
Music
Preis: EUR 5,00

41 von 52 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen MEHR ALS EIN COVER BOY..., 15. Dezember 2012
Rezension bezieht sich auf: Music (Audio CD)
wenn man die CD von einem Violinenvirtuosen in der Hand hält, der schon schwierige und schwierigste klassische Stücke für die Geige überzeugend gespielt hat, dann denkt man normalerweise nicht gerade an einen Cover Boy, der mit seinem nackten Oberkörper in Heldenpose die Hülle einer CD augenfällig ziert. In Zeiten umfassenden Instrumentalisierung von Erotik zum Zwecke der totalen Vermarktung ist dies aber möglich. Alle Frauen in meiner Umgebung, die ich dazu befragen konnte, finden den 'Typ da auf der Hülle' schon recht 'schnuckelig', oder ähnlich....negativ berührt war niemand.

Sagt das überaus sinnlich und romantisch-impressionistisch getrimmte Cover etwas über die Musik aus, die sich darin verbirgt?

ÜBER GESCHMACK

lässt sich ja bekanntlich trefflich streiten. Von daher versuche ich hier gar nicht, irgendwelchen 'objektiven' Kriterien zu bemühen. Das folgende sind meine ganz persönlichen Eindrücke; jeder wird hier seine eigenen Eindrücke und Bewertungen haben. Aber vielleicht regt es den einen oder die andere an.

BETÖRENDER KLANG

Vorweg für alle, die mit Violine/ Geige kratzende, nervige Geräusche verbinden (alle Geigen, auf denen ich spielen konnte, hatten diese Eigenschaft, und zerstören damit auf Dauer jegliche Lust, es weiter zu probieren; ich bin also ein Geigentongschädigter...) kann ich versichern, solche abnervenenden Töne findet man auf dieser CD nicht. Garrett hat ein Instrument, das einen unglaublichen warmen, einschmiegsamen Klang abgibt, der mit einer großen Leichtigkeit durch den Raum zu schweben scheint und der zugleich stark, und intensiv ist. Und dies, obwohl der Klang durch Mikrophone und digitalen Klangverarbeitungsroutinen hindurch laufen muss, bis er unser Ohr erreicht.

BEKANNT UND DOCH ANDERS

Die CD enthält ausschließlich Stücke, die man irgendwann schon mal mindestens einmal gehört hat, d.h. die Melodien sind einem irgendwie vertraut. Aber Garrett versteht es (zumindest kam dies im Live Konzert so rüber, dass er es im Wesentlichen war) , Bekanntes auf seine Weiser zu 'veredeln' (sagen wir es mal positiv). Alle Stücke sind neu arrangiert und -- wen wundert das -- speziell auf eine tragende Rolle der Violine/ Geige hin 'designed'. Bevor ich seine Version jeweils gehört hatte, habe ich mich immer gefragt, wie er dann da wohl seine Geige/ Violine zum Einsatz bringen will. Aber, siehe da, er schafft es, und er schafft es nicht 'einfach' so, sondern mit einem großen Musikgefühl, wo dann alles stimmig erscheint: die Klangfarben, die Rhythmen, die Melodieführungen, ein neues garrett-typisches Klangereignis.
Natürlich scheiden sich hier die Geister. Wer in seinem Hören auf bestimmte Musikmuster wie 'Klassik', 'Pop', 'Rock', 'Jazz' usw fest abonniert ist, der wird in Garretts Klangwelt schon ein bischen hin und hergeschüttelt. Von allem kommt etwas vor, verpackt in sehr melodieträchtige Versionen, kurz vor dem Absturz in allgemeine Volksmusik, durchtränkt von einer überlegenen Musikintelligenz, die alles zusammenhält, hinreichend frech, dass es nicht platt wird, aber doch so weichgespült, dass der 'normale' Musikhörer (gibt es den überhaupt?) an keiner stelle in Panik geraten muss.

SPIELTECHNIK

Von einem Geigenspieler auf internationalem Niveau erwartet man natürlich, dass er alle Techniken perfekt beherrscht. Doch der Automatismus, der in solchen Erwartungen steckt, ist gefährlich. Er kann einen Blind dafür machen, dass es trotz allem und immer wieder nicht selbstverständlich ist, dass jemand auf so hohem Niveau spielen kann. Garrett kann es; das ist wohltuend für die Ohren der Zuhörer. Er streicht nicht nur mit seinem Bogen über die Saiten, nein, er wirft den Bogen kunstvoll (Arpeggio), nutzt Doppeltöne (und mehr), er zupft (Pizzicato) und er schlägt die Saiten wie beim Lautenspiel. Diese Vielfalt kommt kommt ganz leicht daher, selbstverständlich, und kann trügen: diese scheinbare Leichtigkeit setzt ein sehr hohes technisches Können voraus und eine entsprechende innere Lockerheit und Konzentration. Alle diese Techniken sind dem Gesamtklang untergeordnet: nichts passiert einfach so; jede Technik trägt auf ihre Weise die Melodie und Klangfarbe, den Gesamtausdruck.

TONTECHNIK

Wer nur die CD hört, dem fällt es nicht so auf, aber wer auch in einem seiner Live Konzerte war, der konnte erleben, wie hervorragend die Tontechnik (und Live zusätzlich die Videotechnik!) war und ist. Was die Tontechniker da unter schwierigsten Bedingungen an Tonqualität herbeizaubern, das ist sehr beeindruckend, dazu mit einem sensiblen Soloinstrument, was samt Spieler viel in Bewegung ist. Große Hochachtung vor diesem Team!

KRITIK

Sieht man von Geschmacksfragen ab, die jeder für sich entscheiden muss, habe ich keine wirkliche Kritik. Zwei Punkte sind mir aber aufgefallen: (i) Bei dem Stück Nr.13 'We will Rock You' taucht an manchen Passagen neben der Solovioline noch eine Sologitarre auf, allerdings so, dass die Gitarre hier den Violinenton beeinflusst, einfärbt, so dass im Gesamtergebnis der Klang 'unschön' ist. Weniger wäre hier vielleicht mehr gewesen. (ii) Im Live Konzert gab es ein paar sehr schöne Stücke, die nicht auf der CD sind, ist schade (wenn auch verständlich); (iii) im Life Konzert spielte die Neue Frankfurter Philharmonie und hat nach meinem Verständnis einen tollen Job gemacht. Auf der CD wird dieses Orchester nirgends erwähnt. Finde ich irritierend.

KAUFEN ODER NICHT KAUFEN?

Diese Frage musste ich mir nicht stellen, da ich diese CD von meiner Frau geschenkt bekommen habe (der ich wiederum aus sehr besonderem Anlass Karten für das Garrett-Konzert geschenkt hatte). Wenn man aber bedenkt, dass ich 'offiziell' gegen 'Weichspülmusik' bin, in der alle Spannungen peinlichst herausgenommen wird und man direkt und überall massiv nur auf die elementaren Musikinstinkte abzielt, dann kann die Tatsache, dass ich die CD jetzt schon ein paar Tage lang immer wieder gehört habe, ein leichtes Indiz sein, dass es Spaß machen kann, diese CD zu hören.
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 11, 2014 9:00 PM MEST


Seite: 1 | 2 | 3 | 4